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II.

Es war nach jenem Besuche Egids ein Monat vergangen, als Markus an einem regnerischen Abend von der Schlürchtenhütte in den Baldringerhof kam.

Der Hans Baldringer, drei alte Kleinhäuslerinnen, die ihm tagsüber Korn schneiden halfen, die Benna, Sixtei, der fünfzehnjährige Viehhirt, und Ludmilla, die Hausmagd, saßen gerade in der vorderen Stube beim Nachtmahle, das aus einer Rahmsuppe und abgerührten Erdäpfeln bestand, und die Frau Nanni speiste in der zweiten Stube einen gebratenen Haselhahn. Die Familie Baldringer war fast niemals bei einem Mahle vereinigt, denn die Frau Nanni machte alle jene Bräuche nicht mit, die den Bauern seinen Dienstleuten gleichstellten. Der Hans Baldringer betrachtete seine zwei Dienstboten kaum als solche; sie stammten aus Familien, die ihm nahe befreundet waren, und obwohl er ihnen einen Lohn bezahlte, hielt er doch alles, was sie für ihn taten, für Gefälligkeiten. Sie freuten sich aller Ehren, die er ihnen bezeigte, und ehrten ihn dafür auch, so viel als sie nur konnten. Mit dem Markus und der Benna standen sie um nichts schlechter, aber die Frau Nanni verachteten sie noch mehr, als sie von ihr verachtet wurden. Die drei alten Häuslerinnen halfen heute dem Baldringer, ohne dass er sie darum zu bitten brauchte. Sie hatten gesehen, dass ein Teil seines Roggens überreif war, und da ließen sie ihre Arbeit liegen und kamen zu ihm. Dabei wussten sie freilich, dass er sie auch in keiner Not stecken lassen würde, aus welcher er ihnen helfen konnte. Dass sie von der Frau Nanni so schlecht beachtet wurden, das machte ihnen mehr Spaß als Ärger. Markus tauschte mit allen, die in der Stube anwesend waren, Grüße. Dann setzte er sich zwischen zwei der alten Weiber, denen das gar wohl gefiel. Scherzhafterweise stellten sie sich noch weit mehr beglückt, als sie es waren. Ehe aber Markus einen Löffel Suppe nehmen konnte, rief ihn die Frau Nanni.

Er stand gleich auf und ging zu ihr in die zweite Stube. Vorher bat er aber die zwei Alten höflich um Entschuldigung.

»Geh' nur hinein zu ihr«, sagte die eine. »Witterst halt den Haselhahn. Ich tät' es dir recht vergönnen, wenn sie dir nichts davon gäb', und wir wollen uns recht fleißen, damit von den Erdäpfeln nichts mehr übrig ist, bis du zurückkommst.«

Die Frau Nanni schüttelte dem Markus in ihrer Stube die beiden Hände und sah ihn mit einem zärtlich besorgten Gesichtsausdruck an. Dann nötigte sie ihn, dass er neben dem Tische auf einem gepolsterten Stuhl Platz nahm, und setzte ihm drei Vierteile des Haselhahns vor.

Während er zu essen begann, sagte sie: »Der Krankendienst hat dich merklich hergenommen. Wirst du nicht einige Tage rasten, ehe du nach dem Schwemeißergute gehst?«

»Nein«, antwortete Markus. »Morgen geh' ich zum Vater Strölkamp hinüber, denn ich will vor dieser Reis' beichten. Könnt' ja leicht sein, dass sie mich dort unten erschlagen; so ein Teilen ist ja ein Geschäft, bei dem man sich viel Hass zuziehen kann. Und morgen will ich auch meinen Binkel packen. Da wirst du schon so gut sein und mir ein altes Sätuch borgen.«

»Du kriegst meinen neuen Reisekoffer«, sagte Frau Nanni.

»Markus schüttelte den Kopf. »Ich dank' dir schön, Muhm', der wär' um so viel zu fein für mich, dass ich mich schier für ihn schämen müsst'. Er ließ sich auch gar nicht geschickt tragen, wogegen sich der Binkel hübsch weich auf den Buckel legt.«

»Du wirst dein Gepäck nicht tragen«, sagte Frau Nanni. »Von hier aus fährt dich der Sixtei mit unserem Braunen zur Eisenbahnhaltestelle, und von der Stadt aus lässt du dich mit dem Kraftwagen, welcher zu der Erbschaft gehört, nach dem Gute fahren.«

Markus entgegnete: »Wär' doch gar schändlich, wenn ich mich mit meinen gesunden Beinen fahren und sie mir bei dem Sitzen erlähnen ließ'. Erlähnen = erschlaffen, erstarren, erweichen. Beim Fahren könnt' ich auch nichts von dem genau sehen, was an dem Wege ist, und was ich, wenn ich schon reis', doch sehen will. Ich mach' die zwei Tagreisen zu Fuß. Das kost' mich keinen Kreuzer. Ich hab' jetzt keinen solchen.«

»Geld kann ich dir borgen«, sagte Frau Nanni. »Ich besitze ja noch einen Teil meiner Mitgift.«

»Ich will keine neuen Schulden machen«, erwiderte Markus. »Bin dem Hanslvetter eh' schon viel zu viel schuldig. Völlig ausgesackelt ist er jetzt, wo er für mich die erste Teilzahlung der Zuschreibgebühren entrichtet hat. Nur grad fünf Gulden will ich noch von ihm annehmen, damit ich nicht ganz ohne Geld fortgehen muss. Aber gelt, du gibst mir einen großen Laib Brot und etliche Schredln Schredle = großes Fleischstück. Geselchtes mit. Eine andere Wegzehrung brauch' ich nicht. Und ein Häferl voll Einbrenn richt' mir her, damit ich auf dem Gut was zum Suppenkochen hab'.«

»Du wirst doch anders reisen, als du meinst«, sagte Frau Nanni. »Benna reist mit dir. Sie hat sich dieser Tage dazu entschlossen.«

Markus staunte. »Was will sie denn dort?« fragte er.

»Sie will es verhüten, dass du dir dort deine Einbrennsuppe selbst kochst und dass du krank wirst – und sie möchte nun doch auch etwas von der Welt kennen lernen. Sie will es sich nicht anmerken lassen, dass sie sich noch niemals auf etwas so sehr freute als auf dieses Hinauskommen – aber ich durchschaue sie doch. Nicht wahr, du wirst ihr an dieser Freude nichts verderben?«

Markus schüttelte den Kopf, sah nachdenklich vor sich hin und sagte: »Ich hab' doch bisher die Benna immer so gut begriffen. Wo mag ihr plötzlich diese neue Lust hergekommen sein?«

»Aus einer Herzenstiefe halt, die du noch nicht ergründet hast«, sagte Frau Nanni lächelnd. »Ich hab' es immer gewusst, dass ihr diese natürliche Lust einmal kommen müsste.« Dann fragte sie: »Nun, darf ich meinen Koffer für dich richten?«

»Nein«, antwortete Markus. »Ich will das Säetuch. Benna mag den Weg fahren, wenn sie ihn nicht gehen will.«

Frau Nanni seufzte, war aber doch glücklich, denn sie hatte gefürchtet, dass er die Begleitung der Benna ganz und gar ablehnen könnte.

Während er nun gerade das kleine Hahnenherz zerbiss, dachte er daran, dass sich Benna damals in den Egid verliebt haben und nun deshalb zum Mitreisen gewillt sein könnte. Er verriet nun diese Gedanken der Frau Nanni nicht, und sie schwieg, weil sie ihn ruhig essen lassen wollte.

Als er alle die kleinen Knochen säuberlich abgenagt hatte, kam die Benna, legte ihm einen Arm um den Hals und fragte: »Weißt du es schon, dass ich mit dir gehe?«

Er nickte, sah ihr scharf forschend in das Gesicht, und weil sie sehr stark errötete, war er fest davon überzeugt, dass er sie nun doch wieder begriff.

»Und wann reisen wir, wann?« fragte sie.

»Ich gehe übermorgen, am Sonntag, von hier fort und lasse es deinem Ungestüm oder deiner Geduld anheimgestellt, ob du mir vor- oder nachfährst.«

»Wenn du gehst, dann geh' ich auch«, entschied sie sich.

»Auch das wehre ich dir nicht«, sagte er.

Frau Nanni rang die Hände und rief: »Bist du von Sinnen, Mädl? Bedenke, wie du dort ankommen würdest!«

»Ich denke alles, und eben deshalb fahre ich nicht, wenn Markus geht«, antwortete Benna.

»Und übermorgen wollt ihr schon fort?« rief Frau Nanni. »Du musst doch erst noch wenigstens ein anständiges Kleid haben!«

»Ich habe anständige Kleider«, entgegnete Benna. »Du möchtest mir aber ein neuartiges verschaffen, das von der Vernunft recht sehr zu beanstanden wäre.«

Jetzt kam der Hans Baldringer, der unterdessen seine drei Helferinnen verabschiedet hatte, in die zweite Stube und redete den Markus an: »Weil nur dein Krankendienst ein glückliches End' hat. Jetzt musst halt gleich zu dieser Aufteilung schauen. Das ist freilich eine schwere Aufgab', aber du wirst sie mit Gottes Hilfe richtig vollbringen. Die Benna will mit dir in das Närrische hinaus. Sie sagt, dass sie das hauptsächlich deinetwegen tun will. Wenn du aber meinst, dass dir dort ihre Gegenwart mehr Verpflichtungen als Erleichterungen machen könnt', so soll sie daheim bleiben.«

»Sie soll mitgehen!« entschied Markus.

Der Hans nickte darauf nur noch, dann begab er sich in den Stall, um dem Sixtei beim Viehfüttern zu helfen. Gleich hinter dem Alten verließ Markus die Stube. Aus der Bodenkammer holte er hernach seinen gesamten Kleidervorrat herab und klopfte und putzte draußen vor dem Hause so lange, als ihm der Tag dazu leuchtete.

Als die zwei Männer die Stube verlassen hatten, sagte die Frau Nanni lächelnd zu ihrer Tochter: »Der Markus begreift dich nun zum ersten Male nicht.«

Benna antwortet sehr ernsthaft: »Soweit ich ihm über mich Auskunft geben kann, werde ich es ja tun.«

»Mir hast du dich noch niemals so ehrlich geoffenbart«, sagte Frau Nanni.

»Du würdest eben das, was an mir, der Tochter meines Vaters, ist, nicht so leicht begreifen als wie der Markus«, entschuldigte sich Benna.

Frau Nanni seufzte erst, dann sagte sie: »Ich glaube, du hast dich diesmal deinem Vater auch nicht ehrlicher als mir geoffenbart. Oder hast du ihm mehr gesagt, als dass du dem Markus wegen nach dem Schwemeißergute gehen willst und nur so nebenbei deshalb, weil du nun auch einmal die unvermeidliche Sehnsucht nach der blauen Ferne fühlst?«

Benna antwortete: »Nein. Ich habe diesmal dem Vater auch nicht mehr als dieses gesagt.«

Frau Nanni meinte nun lächelnd: »Du befürchtest, dass er dich nicht mitziehen ließe, wenn du ihm die Wahrheit sagen würdest.«

Darauf erwiderte Benna nichts. Sie nahm das Geschirr vom Tische und trug es in die Küche.

Frau Nanni glaubte es nun sicher zu wissen, dass ihre Tochter in den Egid verliebt sei.

Am nächsten Morgen stand Markus sehr bald auf, badete und zog sein Feiertagsgewand an. Als er dann über die Bodenleiter auf den Flur hinunterstieg, sah er, dass Benna ebenfalls feiertäglich gekleidet aus ihrer Kammer trat.

»Ich hab' es gestern von der Mutter erfahren, dass du beichten gehen willst. Da halt' ich's auch mit dir«, sagte sie.

Er hätte nun diesen Gang gerne allein gemacht, verzichtete aber doch gleich entsagungsvoll auf das liebe Ungestörtsein und antwortete:

»Hast recht. Gehst du morgen mit mir Gott weiß welchen Gefahren entgegen, so geh' auch heut mit mir deine Seel' stärken.«

Er schritt ihr durch die Haustüre und über einen schmalen Wiesensteig gegen den Bach hin voran. Auf der Wiese war so viel Tau, dass sie wie eine graugrüne Wasserfläche aussah. Obwohl der Himmel schon helllicht war, glänzte doch noch keiner der Tautropfen, denn die Sonne sah noch nicht über die Bergrunde herein.

Neben dem Bache gingen die beiden auf einem steinigen Wege bergwärts. Sie kamen bis zum Walde, ehe sie wieder etwas redeten.

Benna begann das Gespräch: »Ich hab' dir auch was zu beichten. Teilweis' weißt du das schon, was ich dir sagen will, aber wenn du es auch nicht ahnen tätest, so würde ich es dir doch eingestehen. Du weißt ja, dass ich vor dir kein Falsch haben mag. Also gelt, so viel hast du schon erraten, dass das Einbrennsuppenkochen und die Sehnsucht nach der Fern' nicht die hauptsächlichen Ursachen sind, aus denen ich auf das Schwemeißergut will?«

»Ja«, antwortete er, und um sie des nächsten Geständnisses, dessentwegen sie schon im Voraus schamrot wurde, zu überheben, redete er weiter: »Dass du dich in den Herrn Liebrich verliebt hast, das weiß ich und kann dir's nicht verübeln. Denn er hat mir ja auch gefallen. Ich lass dich auch gerne deinem Herzen folgen; nur wenn ich sehen sollt', dass es dich zu arg fehl führt, nachher treib' ich dich zum Zaufen Zaufen = zurücktreiben.. Bleib' nur allweil schön aufrichtig gegen mich, damit ich allweil weiß, wie's mit dir steht.«

»Ja, ja, das versprech' ich dir«, antwortete sie. »Ich weiß ja, dass ich ein dummes Weibsbild bin und bleib' und dass ich deshalb deine Freundschaft brauch'. Was du nun noch nicht erraten haben wirst, das ist die Art meiner Verliebtheit. Weißt, ich glaub', man könnt's schier mehr eine Streitsucht als eine Verliebtheit nennen, denn Egids ganzes Meinen und Gehaben macht mir eine unbeschreibliche Lust, ihm zu beweisen, dass er fast durchaus unrecht denkt und tut. Ich glaube freilich, dass er mir auch unbeschreiblich lieb werden tät', wenn ich ihn nach meinem Sinn zu ändern vermöcht'. Nach seinem Besuch hab' ich mir etliche Tage lang Mühe gegeben, ihn halbwegs zu vergessen. Aber das wär' mir auch dann nicht gelungen, wenn er nicht so oft geschrieben hätt'.«

»Hat er dir geschrieben?«

»Nein, der Mutter. Aber sie hat mir alle diese Briefe zum Lesen gegeben, in denen er mit viel hundert Sätzen eigentlich sonst gar nichts sagte, als dass es schad' um mich ist – schade, weil ich bin, wo ich hingehöre!« Hier stieß sie ein kurzes, zorniges Lachen aus. »Um ihn ist's schad!« rief sie dann. »Um ihn, weil er sich von dem heutigen Zeitgeist vertölpeln und vertollen lässt. Und deshalb muss ich zu ihm und muss sehen, ob er vernünftig zu machen ist.« Ihr prächtiger Körper reckte sich, und ihre Augen funkelten nach der Richtung hin, in welcher die große Stadt lag.

»Sein Wesen hat mich auch gleich so ähnlich wie dich zu einem Einwirken auf ihn angeregt«, sagte Markus.

»Das hab' ich auch erwartet«, gestand Benna. »So hilf mir halt, so gut du es kannst, gegen ihn und für ihn.«

Nachdem sie nun wieder ein Weilchen schweigend nebeneinander gegangen waren, sagte sie seufzend: »Zeitweilig ist mir so, als ob ich mich jetzt wirklich zu einem großen Werk stärken ging', und zeitweilig wieder so, als ob's doch recht abscheulich wär', dass ich dem Herrn Egid nach will.«

Markus sagte: »Ich kenn' mich auch an mir selber nicht aus. Schau, ich freu' mich jetzt auf dieses Sachverteilen und bin nicht im Klaren darüber, ob diese Freud' nicht vielleicht zumeist von meiner Eitelkeit und von meinem Hochmut stammt. Manchmal scheint es mir, dass ich mich deswegen gerne um etwas größer fühlen möcht', weil ich jetzt etliche beglücken kann. So ein stolzes Gefühl dürft' mich auch dann nicht anwandeln, wenn ich auch noch so viel aus eigener Kraft Geschaffen's zu verteilen hätt'. Man soll doch das Recht allweil in der rechten Demut tun können. Manchmal aber neig' ich zu dem Glauben, dass das Hochgefühl, gegen das ich so ankämpf', doch nichts gar so Schlechtes ist, und dass es von dem Eifer, der zu einem beträchtlichen Rechttun gehört, gar nicht getrennt werden braucht.«

»Der Herr Strölkamp wird uns wohl beiden zu einer besseren Selbsterkenntnis verhelfen können«, sagte Benna. »Aber wenn er will, dass ich daheim bleiben soll, so könnt' ich ihm nicht folgen. So entsagungsstark wär' ich nicht.«

Dann vertieften sich die beiden in weitere Selbstbetrachtungen und redeten lange nichts miteinander. Tief drinnen im Walde verließen sie den Bach und stiegen an einem jähen Bergabsturze zu einem kleinen See empor, an welchem zwei tannenschwarze Bergkegel einander gegenüberstanden. Jenseits des Wassers, das jetzt im Morgensonnenscheine auf einem jeden Wellenkämmchen blitzende Lichter hatte, verband eine kahle Felsenmauer die beiden Höhen. Diese ungeheure Brücke war oben fast durchaus drei Hirschsprünge breit, und auf ihrer höchsten Stelle stand zwischen etlichen Steinföhren ein kleines, steinernes Kirchlein. Der alte Bau sah gegen Norden hin alle Berge des Waldgaues und gegen Süden eine große, farbenreiche Ebene. An seiner Ostseite lehnte ein niedriges, strohgedecktes Holzhäuschen. Gegen den Abgrund hin war dieser armselige Unterschlupf mit Steinen verwällt, damit ihn der Wind nicht hinab werfen konnte. Von dem linksseitigen Bergkegel her kam ein klares Quellbächlein über den Felsenrücken, füllte vor der Hütte zwei große Holztröge und fiel dann über den Felsen in den schwarzen Wald hinab. Neben dem Laufe des Bächleins war schöne, tiefbraune Walderde aufgeschüttet, in der jetzt Erdäpfel und Möhren wuchsen. Markus und Benna erklommen den Felsenrücken und gingen zu dem Kirchlein. Die Kirchentüre stand offen, doch war dem unteren Teile ihres Lichten Das Lichte = das Offene, das innerhalb einer Anrahmung Befindliche. ein kunstlos gemachtes Lattengatter vorgelehnt. Die zwei jungen Leute wussten es, dass der alte Pfarrer Strölkamp diese Zäunung deswegen zusammengezimmert hatte, damit seine drei alten, kecken Hennen nicht in den geweihten Raum konnten. Auf einer der Lattenspitzen saß jetzt gerade ein Rotkehlchen und sang ein prächtiges Jubellied. Markus und Benna betraten nun die Kirche nicht gleich, weil sie den kleinen Sänger nicht verscheuchen wollten. Sie blickten aus einiger Entfernung auf das große Altarbild hinein, welches den heiligen Anton darstellte. Dabei bekreuzten sie sich und sagten dem einsamen Gnadenorte in ihrem Innern fromme Grüße.

Hernach gingen sie an der Kirche vorüber zu dem Wohnhäuschen. Vor der kleinen Heimstätte begegneten sie einem jungen Priester, der gerade zwei volle Wasserbütten von dem Quellenbächlein hertrug.

Der schlanke, zarte Mensch schwankte zwischen den zwei plumpen Holzgefäßen derart hin und her, dass er ein über das andere Mal dem Hinfallen nahe zu sein schien.

Jetzt stellte er die Bütten auf den Anger, erwiderte das Grüßen der Ankömmlinge und sagte: »Sie wollen gewiss zum Herrn Pfarrer Strölkamp. Der bedarf jetzt so viel der Ruhe, dass ich Sie nicht zu ihm lassen kann.«

Ehe nun Markus und Benna so recht einen Schrecken oder ein Bedauern empfinden konnten, tönte durch das einzige Stubenfenster des Häuschens eine heisere Stimme heraus: »Die Ruh' wird mir bald kommen; derweil ich aber noch bei diesem Leben bin, soll keines von meiner Türe gehen, das zu mir will!« Der junge Priester schüttelte nun den Kopf und zeigte es mit seinen Mienen, dass er den Strölkamp nicht ganz begreifen konnte. »Wenn Sie jetzt nicht zu ihm gingen, würde er sich freilich erst recht aufregen«, sagte er. Dann wollte er wieder die Bütten emporheben. Das ließ nun Markus nicht gelten. Mit zwei flinken Griffen hatte der junge Bauer seine Finger in den Traglöchern der Holzgefäße, und hernach fragte er: »Wohin soll ich denn damit?«

Der Priester nickte dem Dienstwilligen dankend zu und lud ihn mit einem Winke zum Nachfolgen ein. Der Benna schenkte er vorderhand keine weitere Beachtung. Vor dem Markus öffnete er die Stubentür, soweit sie aufging. Des Mädchens wegen ließ er die Hand keinen Augenblick lang an dem alten Lädengefüge. Benna trat aber doch auch in den Wohnraum, der um nichts prächtiger eingerichtet war wie derjenige irgendeines Kleinhäuslers. Der Priester bedeutete es nun dem Markus mit Gebärden, dass das Wasser in eine hölzerne Badewanne gehörte, die zwischen dem Ofen und dem Bette stand. Markus entleerte die Bütten so geräuschlos, als ihm möglich war, und der Priester kauerte neben den Ofen hin und begann von einem dürren Kienscheite kleine Späne abzuschneiden. Zwischen einem wohlfeilen braunen Kotzen und Kopfpolstern, die weiß und blau gestreifte Halbleinenüberzüge hatten, lag der Strölkamp in dem Bette. Der alte Mann sah in seiner Abgezehrtheit nur gerade deshalb nicht schrecklich aus, weil sich in seinem Gesicht ein großer, heiterer Seelenfrieden abspiegelte. Die müden Arme, welche von weitbauschigen, grobrupfenen Hemdärmeln umgeben waren, hatte er auf den Kotzen gelegt, und in den abgearbeiteten Händen hielt er einen Rosenkranz.

»Geh' nur näher herzu, damit ich dich gehörig sehen und hören kann«, sagte er zu der Benna, und als sie an das Bett kam, wollte er ihr die Hand schütteln. Sie wollte seine Finger küssen, aber da drückte er ihr recht geschickt den Rosenkranz an die Lippen. »Ich kenn' dich schon«, sagte er freundlich lächelnd. »Du bist die Baldringertochter, die mir schon so oft eine Bürd' Flachs und Schafwoll zum Antoniopfer heraufgebracht hat.« Dann seufzte er: »Jetzt werd' ich kein' Opferwoll' mehr spinnen und stricken.« In einem zuversichtlichen, aber doch auch ein wenig wehmütigem Tone setzte er hinzu: »Da wird halt nachher der heilige Antoni anstatt da heroben wo anders warme Strümpf' und Janker verteilen lassen.« Gleich darauf erkannte er den Markus, der nun auch an das Bett trat.

»Wir haben es nicht gewusst, dass Sie krank sind, sonst wären wir wohl schon früher heraufgekommen«, sagte der junge Mann.

Der Strölkamp erwiderte: »Ich möcht's nicht viel bekannt werden lassen, dass ich krank bin, sonst steigen gewiss ganz zwecklos Leut' herauf, die jetzt unten die allernötigste Sommerarbeit haben. Meinem Leib ist nimmer zu helfen, und darum wär' wohl um einen jeden keimfähigen Wasserrübensetzling schad', der meinetwegen vernachlässigt werden tät.«

Die jungen Leute sahen es, dass ihm die Meinung, welche er von seinem eigenen Zustande hatte, von keinem Reden zu verändern war. Jetzt redete der junge Priester vom Ofen her: »Du könntest aber noch viele Rüben pflanzen, mein lieber Oheim, wenn du deinen Leib nicht zu gering geachtet hättest.«

Der Strölkamp schüttelte den Kopf und sagte zu den zwei Baldringerleuten: »Mein guter Wärter greint allweil mit mir. Er meint, ich hab' mich mutwilligerweis zugrundg'richt. Ich hab' mich aber so viel geschont, als es hat sein dürfen.«

»Du hast vorsätzlich gehungert«, sagte der junge Priester, ohne dabei von seiner Arbeit wegzusehen.

Da erschraken der Markus und die Benna. Sie wussten es, dass es dem Strölkamp an irdischen Gütern mangelte und dass er von den Bissen, die ihm selbst notgetan hätten, immerzu noch etwas an arme Leute abgab. So glaubte sie ohne Weiteres daran, dass er infolge seiner Barmherzigkeit so kläglich herabgekommen war.

»Ich hätt' in der letzten Zeit gern' mehr auf meinen Leib angewendet, wenn es nur möglich gewesen wär'«, verteidigte sich der Alte. »Bis vor Kurzem hat mir unser Herrgott allweil so viel an Sach' zukommen lassen, dass ich mich fast täglich so weit sättigen konnt', als es erlaubt ist. Und jetzt hat er halt deshalb nichts mehr daher geschickt, weil er will, dass ich zu ihm kommen soll.«

Der junge Geistliche entgegnete: »Die Filzecker Wallfahrer haben dir erst unlängst genug Lebensmittel gebracht. Diese Geschenke waren dir allein vermeint. Aber da kommen nach einer jeden Kreuzschar die wolfgierigen Holzhauerkinder herauf, und von denen lässt du dir deine Vorräte bis auf das letzte Bröserl abbetteln.«

Der Strölkamp zuckte ein wenig die Achseln und sagte: »Das hat so sein müssen. Es sind alle viel hungriger als ich gewesen, die eigens um ein Stückl Brot zum heiligen Antoni heraufgestiegen sind. Darum hat ihnen das Brot gebührt und nicht mir. Und die Kinder sollen ja auch wachsen und blühen, ich aber nimmer. Gar manche hätten sich auch nichts Rechtes vom heiligen Antoni gedacht, wenn sie hungrig hätten von ihm gehen müssen. Mein Heiliger hat es gewollt, dass ich das Brot verteil'. Und wie gesagt: Ich hab' ja immer auch genug für mich selbst behalten. Nur anfangs der vorigen Woche ist mir der Vorrat ausgegangen.«

Der junge Priester sah nun den Markus an und erzählte seufzend: »Nicht einmal so viel Mehl und Schmalz hat er für sich behalten, dass er in den Hungertagen eine Einbrennsuppe kochen konnte.«

»Das ist nicht wahr«, widerstritt der Strölkamp. »Ich hab' mir Mehl genug gelassen. Aber da kam halt zufällig eine, die es nötiger gebraucht hat als ich.«

»Ja, und wegen dieser einen, welcher deine Gab' kaum für zwei Tage aus der Not half, hast du auf dein Leben verzichtet, in welchem du noch manchen hättest helfen können«, sagte der Junge.

»Nein, nein, ich hab' sicher darauf gehofft, dass mir durch Gottes Hilfe bald wieder das Mehlhäferl gefüllt würde«, erklärte der Strölkamp. »Ich hab' eben schon seit Langem meinem Herzen gefolgt und den lieben Herrgott für mich sorgen lassen. Schon seit meinen ersten Mannesjahren ist diese viel schöne Zuversicht in mir. Ehedem hab' ich auch gemeint, ich werde so wie andere Menschen sparen lernen müssen. Aber auf meiner ersten Pfarr' hat es sich erwiesen, dass ich das Rechnen, das man können muss, niemals erlernen werd'. Je mehr ich zu meinem Verstand gelangt bin, desto weniger hab' ich alle die Gesetze anerkannt, laut denen man einen Taler zu dem anderen legen soll. Wenn ich bei Geld war, so war auch gleich der Trieb in mir, es mit anderen zu teilen. Ich hab' auch immer nur allzu viele gekannt, deren Not so groß war, dass ein vorsätzliches Verzögern der Teilung immer eine abscheuliche Sünd' gewesen wär'. Dann hab' ich es erfahren, wie die Menschen dieser Zeit einem, der so, wie es sich gehört, arm bleibt, das Leben schwer machen. Nachher bin ich halt da her zum heiligen Antoni gegangen. Da heroben war mir das Armbleiben freilich mehr gestattet als unten in der Welt. Wie ich heraufgekommen bin, hab' ich gebetet: »Du weißt's, lieber Herrgott, dass ich nicht rechnen kann. So rechne du für mich, da wird's mir nachher auch auf diesem Felsen gut gehen.« Und er hat für mich gerechnet. Um mich selber hab' ich mich da gar nicht sorgen müssen. Wunder über Wunder hat er für mich gewirkt. Kaum ist mein Speiskastl leer worden, hat er gleich wieder von irgendwo was daher geschickt, oder er hat es mich sehen lassen, wie ich mir das Nötige verschaffen kann. In der letzten Zeit bin ich wirklich noch sorgloser gewesen als alleweil. Es war grad, als ob er zu mir sagen tät': Jetzt brauchst du dich ums Mehlhäferl gar nimmer umschau'n. Jetzt will ich dich ganz wunschlos machen.«

»Wenn er doch nur eine von seinen drei Hennen abgestochen hätt'!« rief der junge Priester.

Der Strölkamp schüttelte den Kopf. »Das hätt' ich nicht zuwege gebracht. Ich bin mit den dreien schon viel befreundet. Und mich hat wirklich gar nicht gehungert. Es waren auch nur zwei Tag', während denen niemand heraufgestiegen ist. Nachher ist der Flößermichl gekommen. Der hat gleich genug für mich hergeschafft. Aber mein Magen will nichts mehr verarbeiten. Früher war ihm alles recht und jetzt gar nichts. Mein guter Pfleger möcht' mir auch alles Mögliche angedeihen lassen. Aber ich glaub', mein Pfleger ist euch noch gar nicht vorgestellt.«

Der junge Priester war jetzt mit dem Feueranmachen fertig geworden, und er stellte sich den beiden jungen Leuten vor, ehe sein Oheim weiter sprechen konnte: »Pater Franz Gwening.«

In seinem hübschen Gesichte lag dabei ein Ausdruck der Herablassung, der die zwei Baldringer ein wenig verletzte.

Markus ließ sich auch die Kränkung anmerken, während er seinen Namen und denjenigen seiner Base nannte, und dann wären die zwei jungen Männer einander schwerlich noch näher bekannt geworden, wenn nicht der Strölkamp wieder zu reden begonnen hätte. Er sagte zu Gwening: »Die Baldringer sind zwar nicht so angezogen wie diejenigen Leut', zu denen du sonst ohne Weiteres höflich bist, aber sie verdienen wohl deine ernsthafte Achtung.« Dann wandte er sich an die Baldringer: »Dass ihr mir ja nicht bös auf den Pater seid! Weil er halt allweil unten in der Großstadt lebt, so hat er sich schier gegen seine wirkliche Überzeugung daran gewöhnt, bei einem Menschen anders auf das Gewand zu sehen, als wie ihr das tut. So wie er euch, so sollt auch ihr ihn richtig hochachten lernen. Jetzt reicht halt einander schön die Hände und lasst nichts Unrechtes zwischen euch sein!«

Gwening war nun rot geworden, und er wollte dem Oheim gleich eifrig erwidern, aber da wurde er plötzlich umgestimmt. Der Markus war nämlich gleich herzlich dazu gewillt, den Wunsch des Alten zu erfüllen. Er sah nun den Gwening in ehrlicher Demut mit einem bittenden Blicke an. Dabei reichte er ihm die Hand. Das bewegte den Gwening so, wie es sich gehörte. Er griff nach der Hand des Baldringer und wollte sie recht herzhaft schütteln. Als aber Markus diese schöne Bereitwilligkeit gewahrte, kam er ihrer Betätigung gar hübsch zuvor, indem er die Rechte des Paters küsste. Dann trat auch Benna hinzu und bezeigte dem jungen Geistlichen dieselbe Ehre wie der Markus. Der Strölkamp nickte nun den dreien beifällig zu, und Gwening sagte dann in einer scherzhaften Weise, dass er sich gerne aller Unarten überweisen lasse, die er sich wider sein gutes Wollen in dem sittenverderbenden Stadtleben aneignete.

Dann erzählte er es den Baldringern, dass sie bis auf drei alte Bauern, deren Dialekt er fast gar nicht verstanden hatte, die ersten Menschen seien, welche er während seines mehrtägigen Hierweilens auf den Felsen steigen sah. Er sprach auch davon, wie mühselig er auf den für ihn fürchterlichen Bergpfaden von der Bahnhaltestelle bis hierhergekommen war und wie ihm diese Fahrt trotzdem noch besser als dem berühmten Arzte anschlug, den er aus der Stadt mitnahm und welcher seither wieder zurückreiste, ohne freilich dem Kranken nur annähernd so viel genützt zu haben, als er selbst auf dem rauen Wege beschädigte. Aus dem Reden Gwenings erfuhren es die Baldringer auch, dass er der Schwestersohn und einzige nähere Verwandte des Strölkamp war und dass er sofort hierhergeeilt war, nachdem er eine Postkarte bekommen hatte, auf welcher außer einem Gruße und einem Segenswunsche sonst nichts stand als: »Wenn es dich wirklich nicht verdrießt und wenn du dort gar nichts Besonderes versäumst, so kannst du mir jetzt noch etliche Tage Gesellschaft leisten. Aber erben kannst du nachher nichts als etliche durchaus unseltene lateinische Bücheln.«

»Er ist dennoch zu mir gekommen«, sagte nun der Strölkamp. »Jetzt macht er sich auch noch meinetwegen Unkosten über Unkosten. Der Doktor aus W. muss ihn ein sündhaft's Geld gekostet haben. Und ein Kraxen voll Mixturen hat er schon für mich heraufbringen lassen.«

Als es nun Markus wusste, aus welcher Stadt Gwening hergekommen war, sagte er: »Uns zwei steht auch eine Reis' nach W… bevor, und da sind wir halt jetzt um eine seelische Wegzehrung da.«

»So viel ich euch von einer solchen geben kann, sollt ihr haben«, antwortete der Strölkamp. »Ich weiß es wohl, dass du wegen deiner Erbschaft hinunter musst, Markus. Von den Leuten, die zu meinen Messen heraufgekommen sind, hab' ich es schon seit Monaten immerzu gehört, dass du das Schwemeinßergut geerbt hast und dass du es deshalb nicht annehmen willst, weil dem Verstorbenen sein Reichtum kein ehrlich erworbener ist.«

Der Baldringer nickte nur, aber in Gwening kam plötzlich eine große Lebendigkeit.

»Von Ihnen hab' ich schon gehört«, sprach er hastig und legte seine Hände auf die Schultern des Markus. »In einer Gesellschaft wurde mir von dem Manne erzählt, der dieses Erbe deshalb nicht annimmt, weil er eben ein richtiger Christ ist. Ich konnte mich aber seither an Ihren Namen nicht erinnern. Ihr herrlicher Entschluss hat mich mächtig begeistert. Jetzt aber bin ich glücklich, weil ich Sie sehen und kennen lernen kann.«

Markus fühlte sich nun von diesen Worten und von der großen Bewunderung, die ihm die Mienen Gwenings ausdrückten, fast mehr beschämt als erbaut. »Ach«, seufzte er, »Sie haben eine zu hohe Meinung von mir. Sie wissen eben noch nicht, wie glücklich mich diese Erbschaft macht.«

Jetzt erschrak Gwening. »So? Sie wollen also den erwucherten Besitz annehmen?«

»Das nicht«, antwortete Markus. »Aber diese Erbschaft bläht mich förmlich mit Stolz und Eigendünkel voll. Ich fühl' mich deshalb so groß und bedeutend, weil ich dieses Sach' werd' verteilen können. Dabei weiß ich, dass dieses Gefühl lächerlich und unrecht ist, aber ich werd' es doch nicht los, und es macht mir nun fast immerwährend ein volles Vergnügen.«

Gwening lachte und rief: »Ich würde an Ihrer Stelle das Bewusstsein meiner Bedeutung als etwas ganz Richtiges empfinden und würde mir sagen, dass man sich bei einem so großen Werke doch unmöglich klein vorkommen kann.«

Markus schüttelte den Kopf und fragte den Strölkamp. »Nicht wahr, Sie sagen nicht auch so?«

»Gewiss nicht«, antwortete der Alte. »Von Rechts wegen solltest du das Rechte in aller Bescheidenheit und in einer völlig eitelkeitslosen Freude als etwas Selbstverständliches tun und solltest dabei nicht wissen, dass du bescheiden bist. Durch die Demut, welche hauptsächlich zur richtigen menschlichen Vollkommenheit gehört, ist es ausgeschlossen, dass sich einer groß fühlen kann, der es auch wirklich ist, und somit hat ein bedeutendes Selbstbewusstsein immer viel Beschränktheit zur Voraussetzung. Wenn du deine stolze Beglückerfreude mehr betrachtest als du dich ihr hingibst, mein lieber Markus, so wird sie von deiner Einsicht bald demütiger werden; größenwahnsinnig wird sie dich auf keinen Fall machen, soweit kenn' ich dich schon. Aber gelt, du wirst die Verteilung einer besseren Vernunft gemäß vornehmen und nicht etwa so, dass es nur der rechnerischen Genauigkeit entspräch'?«

Den Markus setzte diese Frage ein wenig in Verlegenheit. »Ich muss es schon eingestehen, dass ich bisher die bessere Vernunft, welche Sie da meinen mögen, weniger in Erwägung gezogen hab' als ein rechnerisch genaues Abzahlen.«

Der Strölkamp sah nun den jungen Mann forschend an und sagte: »Da wundere ich mich fast ein wenig über dich. Du möchtest doch mit diesem Verteilen lauter Gutes und nur ja nichts Schlechtes stiften, nicht wahr?«

Markus nickte. »Ja, das möcht' ich.«

»Nun also, jetzt seh' ich's ja schon wieder, dass du zu dem richtigen Empfinden fähig bist und dass du nur nicht weit genug gedacht hast«, sagte der Strölkamp. »Du hast jetzt eine Gelegenheit zum Menschenbeglücken. Nimm die Gelegenheit gehörig wahr. Geh' hin und verteil' die Erbschaft nicht sogleich laut einer kalten Zahlenaufstellung, sondern schau' dir vor allem so viel als möglich die Leut' an, die von dir was zu kriegen haben. Wenn du sie mit offenen Sinnen kennen gelernt hast, dann wirst du vielleicht dem einen mehr geben, als ihm nach deiner erstlichen Zahlenaufstellung gebührt hätt', dem anderen weniger und dem dritten gar nichts. Und nachher wirst du vielleicht sagen: ›Jammerschad‹ wär's gewesen, wenn ich diesem einen nicht so tüchtig geholfen hätt'.' Oder du wirst sagen: ›Weil ich nur an diesen anderen nichts verschwendet hab'.‹ Und du wirst dann vielleicht der Einsicht voll sein, dass du bei dem Befolgen der genauen Zahlenrechnung viel Ungerechtigkeit begangen und wenig wirkliche Wohltaten getan hättest.«

Die zwei Baldringerleute waren nun zu tiefem Nachdenken angeregt, und Markus sagte: »Bei dem, was Sie mir da anraten, müsst' mir Gott recht besonders helfen, sonst könnt' ich mich wohl gar zu stark an jenen Menschen irren.«

Der Strölkamp antwortete: »Diejenigen, welche mit dem richtigen Gemüte und Ernste bei einem solchen Werke sind, können sich auf die ganz besondere Hilfe Gottes sicher verlassen.«

Markus dachte noch eine Weile nach, dann sagte er in einem sehr ernsten Tone: »Ich werde mich halt zu jener Gemütsgröße und zu jenem Ernste zu erheben versuchen.«

Gwening hatte, während sein Oheim sprach, spöttisch gelächelt, von den Worten des Baldringer wurde er aber wirklich erschreckt.

»Diesmal hast du dem Herrn Markus keinen guten Rat gegeben, lieber Oheim«, sagte er. »Du sagst ihm da in Wirklichkeit nichts anderes, als dass er wegen etwas ganz Ungewissem das Gerade und Gehörige unterlassen soll. Zu ganz schrecklichen Ungerechtigkeiten rätst du ihm. Er darf dir nicht gehorchen. Er darf denjenigen, welche er, ehe du ihn überredet hast, für seine richtigen Gläubiger hielt, deswegen nichts vorenthalten, weil er zufolge irgendeiner Herzensneigung anderen etwas schenken möchte. Je strenger er bei dem Ausbezahlen der Beraubten die ordnungsgemäße Rechnung befolgt, desto besser ist die Lehre, die er denen gibt, welche ebenso rauben, wie es der Schwemeiß tat. Wenn er sich aber nach deiner Weisung hält, werden ihn nicht einmal diejenigen, welche er beschenkt, im Grunde ihrer Herzen für gerecht halten können.«

Der Strölkamp antwortete: »Ich will auch gar nicht, dass ihn die Menschen für gerecht halten sollen. Wenn nur ihn sein Handeln richtig befriedigt, dann wird es schon vor Gott das Rechte sein.«

Gwening seufzte so, als ob er die Rede des Alten für lächerlich hielte. Dann sagte er: »Ich denke wahrlich nicht gering von Herrn Baldringer. Aber du mutest ihm eine Sicherheit der Erkenntnis und des Ermessens zu, die Gott nur Heiligen verleiht.«

Der Strölkamp antwortete: »Wenn er sich von dir besser erkannt fühlt als von mir, so mag er dir folgen.«

Der Entscheidung fiel nun dem Markus nicht schwer: »Obwohl ich mich beileib' nicht für heilig und auch nicht einmal für recht vernünftig halt', so will ich doch nach dem Wort des Herrn Strölkamp auf das Höhere hoffen, ehe ich das Mindere tu«, erklärte er.

In das Gesicht Gwenings kam nun ein fast verächtlicher Zug, während er den Markus ansah.

»Jetzt nehmen Sie mir freilich jenes Glück wieder, das ich vorhin empfand, als ich hörte, wer Sie seien«, sagte er. »Aber ich verarge Ihnen nichts. Man kann es eben nicht von einem jeden Menschen verlangen, dass er so recht selbständig denken soll. Sie vertrauen Ihrem geistlichen Berater, und der ist deshalb für Sie verantwortlich.« Jetzt kehrte er sich wieder an den Strölkamp: »Lieber Oheim, du hast durch eine lange Zeit zuvörderst deiner Barmherzigkeit gemäß gelebt. Du hast viel qualvollen Hunger und noch sonstige Entbehrungen erduldet, um die Not anderer ein wenig lindern zu können. Und jetzt verhungerst du sogar zufolge deiner Barmherzigkeit und bist trotz deines leiblichen Elends voll Jubel, denn du glaubst, dass dir Gott deine Nächstenliebe, die größer war als deine Liebe zu dir selbst, hoch anrechnen werde. Aber alles, was du verschenktest, beträgt nicht so viel als das, was Herr Markus seinen Gläubigern vorenthält, wenn er dir folgt. So werden deine Guttaten vielleicht gering gegen das Unrecht wiegen, zu dem du ihn anstiftest. Bring' dich doch nicht um deinen besten Lohn, indem du nun noch solche Schuld auf dich ladest.«

Der Strölkamp hörte der leidenschaftlichen Rede seines Schwestersohnes ruhig zu, und nun sagte er zu dem Markus. »Der liebe Gott hat mich seit vielen Jahren schier immerzu für mich selber und für andere lauter guten Rat finden lassen. Er gibt's nicht zu, dass mir jetzt etwas einfällt, das mir, dir und anderen zum Unheil gereichen tät'. Es ist nicht wahr, dass er jetzt zu meinem End' so gnadenlos gegen mich ist. Nein, nein, ich fühl's ganz genau, dass er dich durch meinen schwachen Verstand zu was Besserem beraten will als wie mein junger Herr Pater. Jetzt bet' ich halt, solang ich noch kann, dass er dich wenigstens so schön weisen soll, wie ich mir das vorstellen kann.«

Markus küsste dem Alten die Hand.

Gwening ging an das Fenster und blickte mit grämlichen Mienen in den sonnigen Tag hinaus.

»Jetzt möchte' ich aber doch auch wissen, weshalb die Benna zu mir heraufgestiegen ist«, sagte dann der Alte.

»Ich möcht' auch bei Ihnen beichten und speisen Speisen = kommunizieren.«, antwortete das Mädchen. »Aber weil Sie so krank sind, muss ich auf meinen Wunsch verzichten.«

»Nicht doch«, entgegnete er. »Wenn ich gebadet und angekleidet bin, schleppt mich in das Kircherl, und dort will ich dann schon noch einmal meinen Mann stellen. Eine helle Freud' hab' ich, dass ich noch einmal in meinem Beruf was tun kann. Wenn du dich aber weitläufiger zu mir ausreden willst, als es bei der Beicht' üblich ist, so tu' das gleich jetzt. Die zwei Männer werden uns eine Weil' allein lassen.«

Benna dachte, dass diese Ausweisung sowohl den jungen Priester als auch den Markus beleidigen müsste, und so gab sie dem Strölkamp hastig Antwort: »Nein, nein, der Herr Gwening ist doch auch ein geistlicher Herr, zu dem man ein volles Vertrauen haben muss, und der Markus weiß von mir wohl so viel als wie ich selber.«

Sie wollte aber doch Gwenings wegen auf die Offenbarungen verzichten, die sie dem Strölkamp gerne vor der Beichte gemacht hätte, und deshalb fügte sie ihren Worten noch die Lüge hinzu: »Ich wüsst' auch nichts, was ich jetzt da zur Aussprach' bringen möcht'.«

Markus hielt nun ihre Scheu vor Gwening für unvernünftig und sagte: »Erzähl's nur noch vor dem Beichten, weshalb du hauptsächlich mit mir gehen willst.«

Benna wurde schamrot und sah den Markus vorwurfsvoll an. Der Strölkamp erriet aus ihrer Befangenheit etwas und sagte: »Wahrscheinlich sollst du dir nach deiner Frau Mutter ihrem Geheiß in der Welt die Männer besehen. Wenn dem richtig ist, so folg' deiner Mutter nicht. Zu den Weibern, die zu einem solchen Zweck auf Reisen gehen, sollst du dich nicht erniedrigen. Bleib' lieber in tausend Schmerzen ledig, als du dich deiner besten Weiberwürd' begibst, indem du auf die Freit gehst, anstatt dich freien zu lassen.«

»Ich will meiner Mutter eh nicht folgen«, entgegnete Benna. »Aber…«

Markus überhob sie nun aus Zartgefühl auf eine allerdings derbe Weise der Mühe eines Geständnisses.

»Sie will nur einem nachgehen, der schon immerzu um sie wirbt«, erklärte er. »Ein neuzeitlicher Stadtherr ist er, und seine Besitzung raint an die Schwemeißergründ'. Er möcht' die Benna zu seiner Weis erziehen und sie ihn zu der ihren. Wenn sie säh', dass sie ihn von seinen wirrhaften Anschauungen zu ihren einfachen bringen könnt', so wär' er ihr dann soweit recht. Er traut sich aber gewiss zu viel zu, indem er meint, dass er die Benna in der Eh' so richten könnt', wie er sie haben will.«

»Ich versteh' euch schon«, sagte der Strölkamp. »Also ein großes Bekehrungswerk hast du vor, Benna, und das zumeist aus Eigennutz, denn du bist ja in ihn verliebt. Du siehst, wie weit er in seinem Wesen von dem deinen entfernt ist, wie er in vielen Richtungen seines Denkens von dir abstrebt, und meinst es in deiner Siegesgier erreichen zu können, dass er sich ganz verleugnet, um sich dir ganz zuwenden zu können.«

Benna errötete wieder sehr stark, dann antwortete sie: »Ich will ihn auch für eine bessere Sach' als für mich selbst bekehren. Soll es denn keinen Wert haben, wenn ein Weib aus so einem Mann, dem die Mod' die Religion ist, einen vernünftigen Menschen macht?«

Der Strölkamp erwiderte: »Du gehörst nicht zu den Weibern, die es imstande sind, große Bekehrungen zu vollbringen, und er gehört wohl auch nicht zu den Männern, die gehörig dafür stehen, dass sie bekehrt werden. Ich seh' dir's an, dass du zu irdisch verliebt bist, um so etwas Großes vollbringen zu können. Und dein Geliebter? Wenn dem die Modetorheit so lieb und das Heidentum so bequem sind, so gehört er gewiss zu denen, die eher völlig verblöden müssten, ehe sie zum Rechten bekehrt werden könnten, und da ist er auch jedenfalls so roh, dass du in deiner Güte und Verliebtheit nicht viel gegen ihn ausrichten würdest. Geh' nicht zu ihm, sonst geschieht es, dass er dich zu einer Modenärrin und zu einer Heidin macht, anstatt dass du ihn bekehrst.«

Benna erschrak, denn sie hatte ein so entschiedenes Abraten nicht erwartet.

Sie wäre nun nicht gleich zu einer Antwort fähig gewesen. Es schien ihr unendlich schwer, mit ihrer Liebe so daheim zu bleiben, wie das der Strölkamp verlangte. Aber sie hatte eine solche Ehrfurcht vor dem Alten, dass sich fast gar kein Widerspruch in ihr regte.

Während sie zu Boden blickte, bildeten sich zwischen ihren Augenbrauen zwei tiefe Falten. Es blieb nun ein Weilchen still. Dann kehrte sich Gwening plötzlich wieder den anderen zu und sagte: »Vielleicht ist das Fräulein wirklich dazu berufen, diesen Menschen zu bessern. Es kommt jetzt wahrhaftig nicht zu oft vor, dass es einem Weibe besonders stark darum zu tun ist, das Christentum seines Geliebten zu mehren. Du solltest als ein rechter Priester das Fräulein in seinem Vorhaben befeuern, anstatt es davon abzuhalten, lieber Oheim.«

Der Strölkamp antwortete: »Ich hab' manche gekannt, die in solchen Fällen gleich wie du fürs Befeuern waren. Die haben alle meistens Bränd geschürt, wo sie hätten Licht machen sollen. Aber jetzt streit' nimmer mit mir, sonst mag ich dich gleich nimmer für mein' Pfleger. Da heroben auf meiner Höh' ist mein' Meinung bisher die gültigst' gewesen. Gott wird's weisen, ob ich recht gehabt hab'. Einen minderen Urteiler nehm' ich jetzt nimmer an, und ich leid's nicht, dass sich jetzt noch einer zu mein'n Verdruss vor mir motzig macht, denn ich will auch bei mein'n Sterben den Frieden haben, der da allweil um mich war. So. Jetzt könnt ihr zwei mir aus dem Bette helfen. Und du, Benna, kannst uns drüben im Kircherl erwarten.«

Gwening verzichtete nun wirklich auf eine Widerrede. Er trat zu dem Ofen, um das Wasser zu besehen, das zum Erwärmen des Bades bestimmt war. Benna gehorchte der letzten Rede des Alten auch sogleich und ging zur Türe hinaus. Bald nachher führten die zwei Männer den Strölkamp in das Kirchlein. Als ihm Markus und Benna gebeichtet hatten, las er seine letzte Messe. Am Altare brauchte er von den zwei Männern, die immerzu hilfsbereit hinter ihm waren, gar nicht gestützt werden. Es war so, als ob ihn unsichtbare Hände aufrecht hielten. Nachdem sie ihm das Messgewand abgenommen hatten, wurde er ohnmächtig. Sie brachten ihn auf sein Bett zurück und bemühten sich verschiedenartig um ihn, obwohl sie wussten, dass er nicht mehr zu diesem Leben zu erwecken war.

Markus erklärte sich dazu bereit, neben Gwening bei dem Sterbenden zu bleiben.

Gwening antwortete ihm: »Hier können Sie nichts helfen, aber anderswo genug. Gehen Sie hin und helfen Sie so, wie Sie es des Willens waren, ehe Sie mein Oheim beriet.«

Markus schüttelte den Kopf. »Ich werde Ihrem Oheim folgen, so gut ich es kann«, sagte er. »Und hernach wird sich's wohl zeigen, dass er mir recht geraten hat.«

Da wandte sich Gwening von Markus ab, nahm ein Buch vom Wandgestell, setzte sich an das Fußende des Bettes und begann scheinbar zu lesen. In Wirklichkeit konnte er nun kaum einen Buchstaben sehen, denn er ärgerte sich so aufrichtig über den jungen Bauern, dass ihm dabei die Augen schwer nass wurden. Es tat ihm leid, dass er hier in der Gegenwart des Entschlafenen aus schicklicher Rücksicht nicht gleich eine feurige Predigt halten konnte. Auf eine ruhige Art hätte er sich jetzt gegen den Markus nicht auszusprechen vermocht, das fühlte er gar wohl. So wollte er denn schweigen, aber er hoffte darauf, dass es ihm noch gelingen würde, den Baldringer zu jenem früheren Entschlusse zurückzubringen. Diese unfreundliche Beendigung des Gespräches schmerzte den Markus zwar, aber sie war ihm doch auch der Ruhe wegen lieb, die nun in dieses Stübchen gehörte. Er ging auf den Fußspitzen zu dem Strölkamp hin und küsste ihm die Hände. Während er sich dann gegen die Türe hin zurückzog, konnte er sich nur mühevoll vom Weinen enthalten. Dann ging Benna zu dem Bette. Sie hielt sich für zu schlecht, als dass sie es gewagt hätte, die Hände des Alten zu küssen; deshalb berührte sie nur den äußersten Zipfel des Tuchentüberzuges mit ihren Lippen. Als sie sich ihrem Vetter näherte, rannen Tränen über ihre Wangen. Markus öffnete die Türe und bedeutete es seiner Muhme mit einer Handbewegung, dass sie an ihm vorüber hinausgehen solle.

Sie blieb aber noch stehen und sah den Vetter fragend an. Markus wusste es, dass sie fragen wollte. »Sollen wir von Gwening nicht Abschied nehmen?« Er schüttelte den Kopf und drängte das Mädchen zur Türe hinaus. Vor der Hütte blieben sie ein Weilchen stehen, denn sie hielten es für möglich, dass ihnen Gwening nachkommen würde.

Der junge Priester blieb drinnen weiterhin sitzen. Das Buch legte er freilich beiseite. Es wunderte und kränkte ihn, dass die zwei hinausgingen, ohne dass sie ihm noch etwas gesagt hatten.

»Er ist wirklich ganz harb auf mich«, sagte nun Markus. »Und ich will ihn jetzt nicht zum Reden versuchen, damit's bei dem Strölkamp nicht noch einmal gar zu gröblich laut wird. Es ist traurig, dass wir bei dem guten alten Herrn nicht den rechten Frieden halten können. Ich blieb' so gern bei ihm, bis er völlig hinübergeschlafen hätt'. Weil's nicht sein kann, so gehen wir halt.«

Sie stiegen hintereinander den Felsenpfad hinab. Unten im Walde sagte dann Benna zu ihrem Vetter: »Gelt, du glaubst, dass ich jetzt nimmer mit dir in die Stadt gehen will?«

»Ja, das hab' ich geglaubt«, antwortete Markus. »Jetzt ahn' ich's freilich, dass du doch mitgehen willst.«

»Ja, ich geh' mit«, sagte Benna. »Ich kann dem Herrn Strölkamp nicht gehorchen und hab's ihm auch bei der Beicht gesagt, dass ich's nicht weiß, ob ich dasjenige in mir werd' überwinden können, was mich in die Welt zieht.«

»Und dabei bist du davon überzeugt gewesen, dass du mit mir gehen wirst!?« rief Markus. »Du hast ihm einen guten Willen vorgeheuchelt!?«

Benna sagte: »Ich konnt' ihm nicht die Wahrheit gestehen, denn ich hab' seinen Zorn so viel gefürcht't und wollt' ihm auch nicht weh tun. Er mag mich wohl durchschaut haben, sonst hätt' er nicht gesagt: ›Es ist deine Schuld, wenn du nicht aufrichtig zu mir bist.‹ Ich fühl' es, wie schwer ich da meiner Lieb' wegen gesündigt hab'. Aber ich konnt' nicht anders. Der Herr Strölkamp hat auch gar zu viel von mir verlangt, und vielleicht gereicht's doch mir und dem Egid zum Heil, wenn ich mit dir geh'.«

Sie bat nun mit ihren Blicken den Markus um eine gütige Antwort, aber er erwiderte: »Ich bin nun so wie der Strölkamp dagegen, dass du mit mir in die Fremd' gehst, und mir gefällt dein' Lieb' auch deshalb nicht mehr, weil du ihretwegen schon jetzt so sündhaft in der Beicht gelogen hast.«

Benna sagte in einem leidenschaftlichen Tone: »Und ich zieh' doch mit dir in den Schwemeißerhof! Wenn du mich auf dem Weg' steinigen tät'st, so ging' ich mit, bis ich zusammenfiel'.«

Markus spürte es, dass er zu weich sein würde, um sie zum Daheimbleiben zwingen zu können, und er gab ihr sein Empfinden zu verstehen, indem er sehr laut und kläglich seufzte.

Benna sagte nun: »Du sorgst dich zu viel um mich, aber das ist recht, denn ich kann deshalb schon dir allein zulieb in der Welt nicht so schlecht werden, als du es befürcht'st.«

Als sie aus dem Walde auf den Baldringergrund kamen, fing oben in dem Kirchlein des heiligen Antonius der Gwening zu läuten an. Der alte Strölkamp war nun der Armut entkommen.

Die zwei jungen Leute hörten den hellen Jubelton des Glockenstimmchens. Sie kehrten sich der Richtung zu, in welcher das Kirchlein lag, knieten auf dem Wiesenpfade nieder und beteten.

Der Hans Baldringer verfiel in ein tiefes Nachdenken, als ihn der Markus den letzten Rat des seligen Strölkamp wissen ließ.

»Wenn dir das ein anderer eingegeben hätt', so tät' ich dagegen streiten«, sagte er dann; »aber der Strölkamp hat weiter gesehen, als ich sehen kann.«

Die Frau Nanni freute sich über jenen Rat, weil er ihr ja die Gewähr gab, dass der Markus die Benna nicht allzu früh wieder heimbringen würde. Ihren meisten Kummer hatte jetzt die gute Frau deshalb, weil die zwei jungen Leute gar so bettelhaft einfach reisen wollten.

Zu dem Begräbnisse des alten Strölkamp gingen die beiden nicht, denn der Markus meinte, dass Gwening bei ihrem Anblick einen neuerlichen Ärger bekommen könnte. Sie waren schon den zweiten Tag auf der Wanderschaft, als man ihren guten Freund neben dem Antoniuskirchlein in die Erde legte, und aus dem Baldringerhof war nur der alte Hans zu der stillen Feier hinaufgestiegen. Als Markus und Benna ihre Heimat verließen, weissagte es ihnen Frau Anna weinend und händeringend, dass man sie so, wie sie jetzt aussahen, nicht weit gehen lassen würde, ohne sie des Landstreichens zu bezichtigen. Sie kamen jedoch weder sich selbst noch einander in ihren reingewaschenen leinenen Werktagskleidern unschön vor und waren es auch nicht. Der Hans Baldringer glaubte, dass sie für die Reise noch viel zu gut angezogen wären. Gutes Gewand und Weißwäsche trugen der Markus in einem Rucksacke und die Benna in einem Wanderpacke mit. Der junge Mann hatte überdies noch einen Lederranzen angehängt, welchen größtenteils Esswaren ausfüllten.

In einem Abteilchen des Ranzens befanden sich die auf das Erbe bezüglichen Schriften und ein größerer Geldbetrag, den sich Markus deshalb von seiner reichen Muhme borgen ließ, weil er sein Ausbleiben nicht anders als auf eigene Kosten verlängern wollte. Die Erbschaft des Schwemeiß wollte er zu seinem eigenen Auskommen nicht einmal um etwas verringern, das den Wert einer dürren Brotkrume hatte. Der Frau Nanni hoffte er das Geld ordentlich zurückzahlen zu können. Er nannte jetzt keinen Heller sein und hielt sich doch seiner Kraft wegen für reich. Von seinem Oheim hätte er freilich lieber etwas entlehnt als von der Muhme, der gute Hans war jedoch gerade weit minder bei barem Gelde als die Frau Nanni, die auch der Benna ein hübsch gefülltes Geldtäschchen mitgab. Neben dem Bache gingen sie aus ihrer Heimat fort. In dem Bereich ihrer Berge redeten sie mit einem jeden, der an diesem Sonntagmorgen gegen das Tal hin auf dem Kirchgange war, denn sie kannten hier alle Leute so gut, dass es keinem genügt hätte, wenn sie grüßend an ihm vorübergegangen wären.

Auf dem Hügellande, das in schönen Bodenwellen zur Ebene niederzieht, mussten sie bei niemand mehr stehenbleiben, und auf dem flachen Lande sahen sie zunächst keinen Menschen, der ihren Gruß erwartet hätte. Zwischen zwei einschichtigen Wirtshäusern setzten sie sich an der vielbelebten Landstraße zur Mittagsrast hin.

Sie aßen von den guten Sachen, die Markus im Ranzen trug, und tranken bei einem Brunnenröhrlein, das in den Straßengraben mündete. Am Abend gingen sie in das beste Gasthaus einer Landstadt, und Markus fragte, ob man ihnen hier zwei Baderäume und zwei reinliche Schlafstuben zur Verfügung stellen könnte. Der Türhüter des Hauses, an den sie sich gewendet hatten, sah ihnen um ein Unvernünftiges länger auf das Gewand als in die Augen und hielt sie dann für zu minder, als dass er ihnen schöne Zimmer hätte anweisen mögen. Die jungen Leute hatten an seinen Blicken sogleich genug und warteten nicht, bis er auch noch etwas sagte. Sie kehrten sich fast allzugleich von ihm ab und tummelten sich aus dem Hause. Als Benna über die Türschwelle auf den Bürgersteig trat, streifte sie unwillkürlich ihre Schuhsohlen an einem Pflastersteine ab. Dabei erklärte sie:

»Ich will lieber auf freiem Feld' übernachten, als ich mich noch einmal von solchen Blicken ausschänden lass.«

Markus entgegnete: »Er hat sich mit diesen Blicken eigentlich nur selbst ausgeschänd't. Ich hätt' ihm das auch gern begreiflich gemacht, hab' aber gemerkt, dass mich das bei seiner Dummheit zu viel Zeit gekostet hätt'. Jetzt werden wir halt auf viele Gefahr hin neuerlich so eine Anfrag' wagen.«

Sie kamen vor das Tor eines anderen Wirtshauses. Der junge Mann wollte eintreten, aber Benna hielt ihn am Rockärmel zurück. »Wagen wir's lieber doch nicht, es ist mir zu peinlich«, sagte sie. Da schalt der Markus seine Base aus: »Du schämst dich schon für dein einfaches Kleid; durch so einen dummen Kerl lässt du dich zu dieser Scham bringen. Schäm' dich!«

Benna sah errötend zu Boden und erwiderte dabei: »Ich will ja für mein Kleid leiden, aber nur heute mag ich mich keiner Roheit mehr aussetzen. Ich bin müd'. Komm', wir werden dort hinter der Stadt in dem Walde übernachten.«

»Ist mir auch recht«, brummte er. »Ersparen wir das Schlafgeld.« Sie schleppten sich mit ihrem schweren Gepäck bei beginnender Nacht durch die beleuchteten Gassen der Stadt an vielen stolz spazierenden, modern geputzten Leuten vorbei. Wenn hier Benna empor sah, fühlte sie sich fast immer von irgendeinem Blicke oder einem Lächeln beschämt, und Markus, der den Kopf hoch trug, wurde ein über das andere Mal hell entrüstet.

»Diese modernen Wilden sind doch noch weit ungebildeter, gemeiner und grausamer, als ich sie mir vorgestellt hab'«, sagte er einmal sehr laut, damit es viele vernehmen sollten. Die ihn hörten, fühlten sich aber viel zu vornehm, als dass sie ihm etwas antworten wollten. Sie belächelten ihn nur und machten sich damit allerdings einer niederträchtigen Grausamkeit schuldig, denn er hätte sich viel lieber schlagen als so belächeln lassen. Die zwei jungen Leute seufzten ordentlich auf, als sie aus dem Lampenlicht in das Sternenlicht hinauskamen. Eine Weile gingen sie neben einem breiten Wasser, das still und dunkel dahin wogte; dann erreichten sie eine waldige Au. Mitten in einer Gruppe junger Buchen ließen sie sich nieder. Markus nahm das große, weiße Säetuch, das den Wanderpack der Benna umhüllt hatte, und machte ihr ein kleines Zelt. Sie schlief im Verlaufe einiger Stunden manchmal eine Weile, er saß vor dem Zelte und wachte. Die Gegend mutete ihn nicht danach an, dass er auch hätte einschlafen mögen. Als Benna beim Morgengrauen noch einmal einschlummerte, nahm er in dem Flusse ein Bad, und während ein Nebelschwaden, der über die östlichen Teile der Ebene hinzog, zu flüssigem Feuer zu werden schien, traten die zwei Menschen wiederum ihre Wanderung an.

Aus der großen Au gelangten sie in eine Landschaft, die dem Auge kaum merklich gegen einen mächtigen Strom hin abfiel und so vielfältig belebt war, dass ihnen hier förmlich ein Eindruck den anderen jagte. Je bunter der Verkehr wurde, der an ihnen auf der Landstraße vorbeikam, um desto seltener wurden sie angesehen, und das war ihnen nun auch nicht recht. »Die Menschen sollten doch viel gleichmäßiger über die Erde verteilt sein«, meinte Markus. »Wenn sie einander so wenig rar sind wie hier, da werden wohl gerade deshalb keine recht raren gedeihen.«

Ihr Mittagsmahl aßen sie wie gestern neben einem Brunnen am Straßenrande. Sie hatten sich eben erst niedergesetzt, als jenseits des schön ausgemauerten Brunnenbeckens zwei Burschen und zwei Mädchen Platz nahmen.

Zwei Mitglieder der kleinen Gesellschaft waren schon richtig in ihrem Lebensmaien. Der Jüngling blühte freilich nicht, wie sich das in seinem jetzigen Alter gehört hätte; aus seinen großen, dunklen Augen sprach anstatt einer Lebenslust eine völlige Hoffnungslosigkeit, sein ebenmäßiges Gesicht höhlte sich dort, wo es Backen haben sollte, und seinen überschlanken Gliedern schien sogar der schlissige, graue Anzug, in dem sie steckten, zu schwer zu sein. Neben diesem Burschen sah das Mädchen sozusagen wie der menschgewordene Frühling aus, aber insofern wie der Frühling an einem Regentage, weil es das liebreizende, blauäugige Gesichtchen vom Weinen entstellt hatte. Die zwei anderen befanden sich ungefähr am Ende ihrer Kinderzeit. Der Knabe war prall, gelenkig und braun, das Mädchen lang aufgeschossen, schlaff und blass. Diese vier jungen Leute hatten gar mühselig eine kleine Wanderfuhr bis in die Nähe des Brunnens geschoben: ein Zugwägelchen, das mit Möbelstücken und Binkeln hoch bepackt war. Das blauäugige Mädchen zerschnitt nun einen kleinen Brotlaib in vier ungleiche Teile, von denen sie die zwei größten den Kindern gab. Der braune Junge wollte trinken, ehe er einen Bissen nahm; er legte sich neben dem Quellenbecken auf den Bauch und näherte seinen Mund dem Wasser. Da riss ihn aber der Jüngling an den Füßen zurück und sagte: »So trinkt das Vieh, aber nicht der Mensch! Wart', bis dir die Pepi den Becher gibt!« Markus spülte rasch sein Trinkglas aus und hielt es dem Knaben hin, der auch schnell danach griff, der Jüngling entriss es ihm jedoch sogleich und gab es dem Baldringer zurück. »Ich danke Ihnen höflichst! Wir haben Trinkgeschirr mit!« sagte der junge Mensch, ohne dass er dabei auch nur ein bisschen freundlich gelächelt hätte. Dann kehrte er dem Baldringer den Rücken zu.

Den Markus beleidigte diese Abweisung weniger, als sie ihm leid tat. Er verzweifelte daran, dass die Neugier, welche diese Auswanderer in ihm erweckten, auch nur halbwegs gestillt werden würde. Der Benna wären die vier jungen Leute bisher gleichgültig geblieben, wenn sie nicht das erraten hätte, was nun in ihrem Vetter vorging. Sie bemitleidete ihn gebührlich und wollte ihn trösten. »Wenn du auch noch öfters so abgeblitzt wirst, das schadet dir nichts!« flüsterte sie lächelnd. »Du wirst deswegen doch kein Menschenfeind.«

Markus lächelte ein wenig und zuckte die Achseln, dann sah er gleich wieder verstohlen nach der Schönen hinüber, die sich soeben rasch erhob. Sie lief zu dem Wägelchen und wollte von dem Gipfel der Ladung eine große Holzschachtel, in der sich das Trinkgeschirr befand, herunterheben. Das gelang ihr aber nicht sogleich, und während sie an der Fracht herum arbeitete, kam das Wägelchen ins Rollen. Nun war sie aber nicht stark genug, um die kleinen Räder zum Stehen zu bringen, so dass der Jüngling und der braune Bub' ihr zu Hilfe eilen mussten; aber Markus kam den beiden zuvor und zog das Gefährt dorthin, wo es früher gestanden hatte. Er hoffte auf ein liebes Wort, aber die Schöne dankte ihm nur mit einem Neigen des Hauptes und sah ihn fast gar nicht an, und der stolze Jüngling sagte in einem matten Tone nichts als: »Sie sind zu gefällig.« Markus wusste nichts zu erwidern. Er ging zu seinem Platze zurück, sah in seiner Hilfeleistung eine lächerliche Aufdringlichkeit, und Benna bedauerte ihn noch mehr als zuvor.

»Einen dritten Annäherungsversuch mach' ich da nicht mehr«, sagte er leise zu ihr.

Gleich nachher bemerkten es die Baldringer, dass die vier Menschen von dem Herannahen eines großen Schlächterwagens in Unruhe versetzt wurden.

Von diesem Fahrzeug, das schnell und lärmvoll herbeikam und vor dem Brunnen anhielt, stiegen eine trotz ihrer Wohlleibigkeit sehr leicht bewegliche Frau und ein junger, derber Fleischerknecht herab.

Die Frau trat vor die jungen Leute hin, verschränkte die gewaltigen Arme über der Brust und rief: »Mir scheint gar, die Herrschaft staunt? Ist's denn nicht selbstverständlich, dass ich Ihnen nachfahr', wenn Sie verreisen, ohne von mir Abschied genommen zu haben?« Der Jüngling war aufgestanden; er zitterte merklich am ganzen Leibe und stützte sich auf das schöne Mädchen, dem eine Schamröte auf den Wangen glühte.

»Wir waren doch gestern in Ihrem Selcherladen und haben Ihrem Manne gesagt, dass wir die elf Gulden, welche wir Ihnen schuldig sind, in kleinen Teilbeträgen abzahlen wollen. Und er war einverstanden.«

»Fragen Sie ihn, ob er jetzt noch einverstanden ist!« rief die Frau. »Der hat sein'n Rüffler kriegt, wie er mir heut früh g'sagt hat: »Die Biegenwül-Geschwister sind schon fort.« Aber jetzt wollen wir uns da gegenseitig nicht aufhalten. Ich weiß, dass Sie die elf Gulden nicht bei sich haben. So geben's mir halt Ihre Dotorbücheln.«

»Welche Bücher?« fragte der junge Mensch.

»Die Bücheln, die's in der Universität haben, wie Sie noch haben Doktor werden wollen. Jetzt kommt meine Älteste, die Adelheid, auf die Universität und wird Frauendoktorin. Da brauchen wir die Bücheln. Sie haben's noch alle, dort in dem Kistl sind's drinn, und ich hab' da einen Zettel, auf dem die Adelheid alle aufg'schrieben hat, die sie haben muss.«

»Diese Bücher sind ja mehr als dreimal elf Gulden wert!« rief der Jüngling. »Und ich brauche sie!«

»Nein, Herr Biegenwül, Sie brauchen's nimmer!« sagte die Frau. »Sie werden nimmer so reich, dass Sie in die Universität zurück können und auch nimmer so g'sund. Das Letztere sieht man Ihnen an, wenn man auch kein Doktor ist. Es ist ja traurig. Sie tun mir auch leid, weil ich weiß, dass Sie nicht durch einen schlechten Lebenswandel so herabgekommen sind, sondern durch das Verschulden Ihrer Eltern, die halt durchaus einen Doktor haben wollten. Sie hätten bei Ihrer Armut zu ein'm Selcher in die Lehr' gehört, dort hätten Sie sich ausg'füttert und wären ein Mensch worden, der sich heut sehen lassen könnt'. Ich hab' auch seinerzeit Ihrer seligen Mutter den betreffenden Rat geben. Aber da war sie nobel beleidigt. Jetzt büßen Sie und Ihre Geschwister für die Nobless. Aber geben's die Bücheln her, damit wir endlich auseinander kommen. Unverrichteter Sach' fahr' ich nicht z'rück – so was gibt's bei mir nicht. Wenn Sie mir die Bücheln nicht gutwillig geben, fahr' ich halt mit Ihnen bis ins nächste Stadtl und mach Ihnen dort vor alle Leut und vor der Obrigkeit ein'n Skandal. Aber darauf werden Sie's nicht ankommen lassen, denn Sie haben ja eine Scham.«

Während sie schrie, hatte der Jüngling wie einer, der sich im Bewusstsein einer völligen Hilflosigkeit in alles ergeben will, zum Boden niedergesehen, und seine Geschwister richteten indessen ihre Blicke fast immerwährend derart auf ihn, als ob sie befürchteten, dass er sogleich umfallen könnte.

Nun sah er seine älteste Schwester an und sagte leise: »Wir wollen der Frau die Bücher geben, Pepi.« Das Mädchen nickte. »Ja, Leopold, du hast recht.«

Sie gingen, einander an den Händen haltend, zu dem Wägelchen hin, und die zwei Jüngeren folgten ihnen. Da stand nun plötzlich Markus vor den armen jungen Leuten und sah den Leopold und die Pepi so bittend an, als es ihm möglich war. »Erlauben Sie es mir, dass ich diese Freu bezahl?« sagte er. Sie betrachteten ihn staunend und forschend.

»Das kann ich nicht annehmen!« erklärte der Jüngling; dann setzte er hinzu: »Ich merke, dass Sie ein gutes Herz haben, aber Sie sollten Leuten, die Ihnen fremd sind, kein solches Angebot machen. So etwas ist unvorsichtig und schickt sich nicht. Seien Sie übrigens nicht bös, weil ich Ihnen diesen Verweis gebe.«

»Ich nehme den Verweis nicht an!« entgegnete Markus. »Sie halten etwas für schicklich, was einfach niederträchtig wär'. Ja, es wär' niederträchtig, wenn ich Sie nun von dieser Frau ausbeuten ließe.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Sie vergessen, dass man den Stolz mancher Leute verletzt, wenn man ihnen hilft.«

Markus antwortete lächelnd: »Ein solcher Stolz ist meistens etwas Grundloses, es fällt denn auch meistens zwischen Menschen weg, die einander richtig erkennen. Jetzt errette ich Ihnen die Bücher. Wenn Sie das auch jetzt für unschicklich halten, so wird es Ihnen, wie ich hoffe, doch später recht werden.«

Die Selchermeisterin hatte dem Gespräche der beiden zugehört und fragte jetzt den Markus: »Was geht Sie unser Handel an?«

»Das ist kein Handel«, erwiderte Markus. »Das ist ein Überfall, dem ich als Christ begegnen muss. Sie wissen, dass diese Menschen hier zu gut sind, um sich gegen Sie gehörig wehren zu können. Sie wissen auch genau, was diese Bücher wert sind, und haben unter dem Vorwand der kleinen Schuld eine hübsche Beute machen wollen. Ich stell' Ihnen jetzt eine Wahl frei. Sie nehmen entweder die elf Gulden, oder ich geh' mit Ihnen bis zum nächstbesten Gericht, und wir tragen dort die Sach' mehr nach Rechtem als nach Gutem aus.«

Die Selchermeisterin hatte den Baldringer immerzu angesehen, und es wurde ihr noch mehr aus seinen Mienen als aus seinen Worten klar, dass sie nur mehr zu ihrer Schande mit ihm streiten könnte. Sie bekam bei dieser Beobachtung eine große Wut, stellte sich aber doch so, als ob sie sich mit Grund beleidigt fühlte, und rief: »Elf Gulden wollen Sie mir geben? Von der Fahrt, die ich mit zwei Ross daher gemacht hab' und die mich, meine Zeitversäumnis gering berechnet, zehn Gulden kost't, reden Sie gar nichts? Und dabei tun Sie noch so, als ob Sie Gott weiß wie gerecht wären?«

Markus musste lächeln. »Ich hab' mich nicht zu glauben unterstanden, dass Sie diese Mehrforderung stellen könnten. Seien Sie halt nicht bös, weil ich Sie nun doch für zu gut gehalten hab'.«

Er gab ihr nun einundzwanzig Gulden, sie nahm das Geld und klagte dabei: »Sicherlich dreißigmal hab' ich dieser Herrschaft das Leben g'rett't, indem ich ihr borgt hab'. Für solche Werk' sollt einem, solang man lebt, ohne End' gedankt werden. Und dann sind Schimpf und Spott der Dank dafür.«

Es quollen ihr nun gar Tränen auf. Weinend fuhr sie auf ihrem Wagen davon und fühlte sich tatsächlich betrogen, weil sie die Bücher nicht bekam, welche sie auf ungefähr vierzig Gulden geschätzt hatte.

Der Jüngling war nun von seiner Aufregung völlig erschöpft. Markus und das schöne Mädchen führten ihn dorthin zurück, wo er früher gesessen hatte. Auf dem kurzen Wege sah die Schöne den Baldringer so freundlich und dankbar an, dass es ihm ganz eigen warm und hold zumute ward.

»Sie haben recht gehabt«, sagte sie dabei. »Ich glaub', mein Bruder könnt' auf dem Lande draußen gar nicht leben, wenn er seine Bücher nicht hätt'.«

»Wohin übersiedeln Sie denn?« fragte Markus. »In ein fürchterlich abscheuliches Dorf, das von hier ungefähr vier Stunden weit, dort an den westlichen Weinbergen liegt«, antwortete der Jüngling. »Aber gestatten Sie mir vor allem, dass ich Ihnen unsere Namen nenne. Ich heiße Leopold Biegenwül. Das ist Pepi, meine ältere, das Tonerl, meine jüngere Schwester, und das unser Bruder, der Gustl.« Markus nannte seinen Namen und denjenigen seiner Base, die aufstand und herüber kam. Nachdem nun auch ein gegenseitiges Händereichen erledigt war, veranstaltete Benna ein gemeinschaftliches Mittagsessen, bei dem sie durchaus geschickt die Wirtin machte.

Leopold Biegenwül sah sich nun zu Eröffnungen verpflichtet, die er während des Essens begann. »Die Selchersfrau hat unsere Eltern verdammt, und ich war aus Erregung unfähig, ihr zu antworten«, sagte er. »Unser Vater war ein kleiner Beamter, aber sein Einkommen genügte uns. Wir brachten uns sogar noch mittelst der Witwenpension unserer Mutter leidlich durch. Wenn die Mutter nur zwei Jahre länger gelebt hätte, so wär' ich im heurigen Sommer promoviert worden. Als die Gute starb, verdingte ich mich an etlichen Stellen als Instruktor, und Pepi stickte und nähte schier in aller Zeit, die ihr die Hausarbeit übrig ließ, für die Leute. Wir hofften, dass ich's auch bei unserem gemeinschaftlichen Verdienen zum Doktor bringen könnte. Aber dann wurde mir das Stundengeben und Studieren zu stark. Ich wurde krank – nur etwas blutarm zuerst, aber da hielten mich die Leute für schwindsüchtig, und ich durfte nicht mehr in die Häuser gehen, in denen ich etwas verdient hatte. Dann verschlimmerte sich ein kleiner Herzfehler, den ich schon seit früher hatte, immer mehr und mehr. Die gute Pepi plagte sich fürchterlich für uns, während ich im Bette liegen musste. Ich dank ihr's auch, dass ich wieder auf die Beine kam, ja und auch der Gustl hat erstaunlich geholfen und sogar die Tonerl. Aber verdienen konnte ich doch nicht gleich wieder, und dann war unser Bleiben in der Heimat auf einmal aus, weil wir keine Wohnung mehr bezahlen konnten. Wir haben da draußen in dem Dorfe eine alte Verwandte. Die ist zwar auch arm, hat aber doch ihr eigenes Häuschen und wird uns einen zwar kostenlosen und freilich nicht schönen Unterstand gewähren.«

»Und wovon wollen Sie in dem Dorfe leben?« fragte Markus.

Biegenwül zuckte zuerst die Achseln, dann sagte er: »Meine Geschwister wollen dort, um uns durchzubringen, bei den Bauern arbeiten. Sie werden dabei freilich fortwährend viel unglücklicher sein, als sie es daheim in den ärgsten Stunden waren. Das wird für mich ein schweres Zusehen, und schon allein deshalb ist es ausgeschlossen, dass sich dort draußen meine Gesundheit bessern kann. Ich werde meine Heimat nicht mehr sehen.« Er sah zur Erde, weil er sich der Tränen schämte, die ihm plötzlich aus den Augen stürzten.

Die Pepi sah den Markus mit einem jammerstarren Blicke an und sagte: »Ich kann ihn nicht trösten.«

Der Gustl gab nun dem Markus einen vertraulichen Seitenstoß. »Die will ihn trösten, wo man ihr's doch ansieht, dass sie auch lieber in den Tod als da hinausginge«, sagte er. »Wo's so weit ist wie bei uns, da hört sich überhaupt der Trost auf. Sehen S', und es hat gar nicht viel darauf g'fehlt, dass wir g'rett't gewesen wären. Wenn wir uns nun noch etliche Wochen hätten daheim erhalten können, dann hätt' mich ein Kunstschlosser in die Lehr' genommen, und die Tonerl wär' bei einer feinen Dam', die jetzt in der Sommerfrische ist, unterkommen. Und jetzt kann ich mit mein'm Talent Viehhirt werden, und die Tonerl anstatt einer Kammerzof' eine Stalldirn. Just um so eine kurze Zeit hätt' sich's gehandelt, dann wären der Pepi die zwei besten Fresser von der Schüssel gegangen. Den Leopold hätt' sie hernach schon aufgepäppelt. Aber grad jetzt muss uns die boshaft' Not aus unserer Heimat vertreiben, grad jetzt!«

Gustl bildete sich trotz seines Unglückes recht merklich etwas darauf ein, dass er schon so altklug reden konnte.

In Markus war nun kein größeres Verlangen als dasjenige, diese Menschen glücklich machen zu können. Er hielt es für unmöglich, dass er noch einmal eine mächtigere Lust zum Beglücken fühlen könnte als diese jetzige, die, wie es ihm schien, zu gleichem Maße aus seiner Barmherzigkeit und aus der Zuneigung entsprang, welche er für diese Menschen und hauptsächlich für Pepi empfand. »Wie viel tätet ihr denn in eurer Heimat bis zu jener Zeit brauchen, in welcher du in die Schlosserlehr' und die Tonerl zu der feinen Dam' gehen könntet?« fragte er den Gustl.

Da leuchtete dem Jungen auch schon das ganze Gesicht. »Sagen wir halt achtzig Gulden!« antwortete er offen und ehrlich.

»Sagen wir hundert!« rief Markus. Dann wandte er sich an die zwei älteren Geschwister, die ihn mit weit offenen Augen, förmlich wie einen vom Himmel steigenden Engel, ansahen. »Sie müssen das Geld von mir annehmen!« sagte er fast befehlend. »Und Sie dürfen mir nicht danken, bevor man nicht weiß, ob ich Ihnen auch richtig geholfen hab'. So, jetzt kehren wir das Wagerl um und fahren in eure Heimat.«

Leopold steckte das Geld, welches ihm Markus gab, mit zitternden Fingern behutsam ein. »Ich war noch niemals so glücklich wie jetzt«, stammelte er. »Ich bin zum Sterben ausg'fahren. Weil Sie aber unser Wägelchen umkehren, werde ich wieder leben.« Vorläufig schwächte ihn sein Glück allerdings mehr, als es ihn belebte. Er stand nun zwar zugleich mit den anderen auf, aber dann torkelte er wie ein Betrunkener. Seine Betäubung verminderte sich, als ihn Markus und Pepi derart aufrecht hielten, dass er ein Weilchen fast ganz der Mühe des Stehens überhoben war. Dann führten sie ihn zu dem Wägelchen. Pepi sah dabei den Markus wieder lange an. In ihrem Gesichte war der Ausdruck einer großen Bewunderung und einer fast leidenschaftlichen Dankbarkeit. Und Markus staunte ihre Schönheit an, die ihm nun glanzvoll verändert erschien.

Unterdessen trug Benna den Wanderpack und den Ranzen zu dem Wägelchen. Die zwei jüngeren Geschwister Leopolds bemerkten dessen Schwächeanfall nicht, denn Gustl zwang nun gerade die Toni dazu, dass sie mit ihm den Brunnen umtanzen musste. Als aber der Markus die Wagendeichsel ergriff, um sie gegen die Stadt hinzukehren, eilten sie herbei und schoben kräftig an. Ehe nun die Reise begann, wurde auf der Fuhre noch Platz für den Leopold und für die Gepäcksstücke der Baldringer geschaffen.

Leopold behauptete freilich, dass er jetzt schon wieder zum Gehen und sogar zu einigem Anschieben kräftig genug sei. Markus setzte ihn, ohne dabei etwas zu reden, auf das Wägelchen, dann ging die Fahrt los.

Die Deichsel lenkten Gustl und Toni. Benna und Pepi waren an der rechten Wagenseite, und Markus schob an der linken Hinterkipf. Allzu stark plagte sich keines von ihnen. Die zwei Kinder sangen das Wienerlied »Es wird ja alles wieder gut«, und als sie eben damit fertig waren, gab es der Benna einen förmlichen Riss, denn knapp vor ihr war nun plötzlich Herr Egid Liebrich von einem schönen Automobile auf die Straße gehüpft.

Die Baldringerin verbarg die Freude nicht, welche sich bei dem Anschauen des schönen Mannes in ihren Mienen zeigte, denn sie hielt ein solches Verhehlen für eine törichte Falschheit.

Egid verhehlte nun auch das Siegesbewusstsein nicht, welches er gleich empfand, als er ihre Freude sah, und betrachtete sie mit einer Innigkeit, vor welcher sie erröten musste. Die Hand, welche sie ihm gab, wollte er noch feuriger küssen als damals auf dem Baldringerhofe. Benna war auf die Zärtlichkeit bedacht und erwehrte sich ihrer flink. »Den Brauch mach' ich nicht mit«, sagte sie.

»Das hätt' ich mir denken können«, erwiderte er, und hernach gab er in einem sehr herzlichen und demütigen Tone, der freilich geheuchelt war, die Versicherung: »Ich will wahrhaftig nichts mehr tun, was Ihnen nicht recht ist.« Er hatte es im Sinne, die Benna sehr bald zu gewinnen, und das schien ihm nicht anders als durch manchen Heuchel möglich.

Sie staunte nun zwar ein wenig, glaubte aber dennoch daran, dass ihn die Liebe, welche er für sie empfand, wahrhaft gefügig machte. Überdies staunte sie auch freudig über seinen Anzug, welcher sie nicht daran zweifeln ließ, dass er eigens um ihres Beifalles halber gemacht worden sei, denn er bestand aus grober, weißer Leinwand und glich im Schnitt demjenigen des Markus. Nebenbei dachte sie: »Dem hat's meine Mutter geschrieben, dass wir auf der Reise sind, und deswegen ist er uns entgegen gefahren.«

Die Reisegefährten Bennas ließen nun das Wägelchen stehen, Markus trat zu Egid, schüttelte ihm die Hand und fragte lächelnd: »Ist das ein zufälliges Zusammentreffen?«

Der Baldringer hielt es ebenso wie die Benna für sicher, dass Egid nicht zufällig hierher kam, und sie waren nun beide neugierig, ob er ihnen die Wahrheit vorenthalten würde.

Egid hatte tatsächlich ein Schreiben der Frau Nanni empfangen, aus welchem er es ersah, dass die zwei jungen Leute seit gestern morgens auf dem Wege waren.

»Sicherlich befinden sich diese guten und leider doch so eigenwilligen Kinder bald in einem Zustande, der es ihnen wünschenswert macht, mitleidsvoll von der Straße aufgelesen zu werden«, so hieß es zwischen anderem in diesem Briefe. »Trotzdem wage ich es nicht, Ihnen, mein verehrter junger Freund, einen Vorschlag zu machen, für dessen Befolgung Sie vielleicht nicht gebührend genug bedankt werden könnten. Für den Fall, dass Sie sich nicht davon zu enthalten vermöchten, die Kinder auf dem Wege zu suchen, stelle ich es Ihnen frei, die beiden von diesem meinem Briefe in Kenntnis zu setzen. Lieber wäre es mir freilich, wenn mein Kind daran glauben könnte, dass Sie ihm, von einer Ahnung getrieben, entgegen gefahren sind.«

Egid hätte nun die beiden auch gerne an diese Ahnung glauben gemacht, aber das schien ihm nicht so leicht möglich wie der Frau Nanni, welche gleich mancher anderen Mutter ihr Kind für gar zu kindisch hielt. Jedenfalls wollte er seine alte Vertraute nicht so ohne Weiteres verraten. »Sie fragen diesmal gar nicht wie ein richtiger Baldringer«, antwortete er dem Markus. »Ein Christ Ihres Ranges glaubt ja doch an keinen Zufall?«

»Ich dank' für die Lehr'«, sagte Markus in einem Tone halb gutmütiger und halb spöttischer Ergebenheit. Dann fügte er hinzu: »Sie mahnen mich freilich zu etwas, das Sie als ein Christ Ihres Ranges für nicht gescheit halten. Und deshalb ist Ihre Lehre so höhnisch, dass ich eigentlich nicht dafür danken sollt'.«

Egid nahm eine ernste Miene an und erwiderte: »Wenn man so wie ich Menschen lieben muss, an denen man zuerst besonders gerne seinen Hohn geübt hat, so vergeht einem die Lust zum Höhnen, und man muss hernach zu seiner Strafe und auch zu seiner Erhebung mehr an ein göttliches Walten als an den Zufall glauben.«

Markus und Benna dachten nun gar nicht daran, dass Egid diesen Ausspruch völlig unaufrichtigen Herzens tun könnte. Sie waren freudig überrascht und gerührt, und er lachte sozusagen innerlich und fühlte sich dessen mit Stolz bewusst, dass ihm durch die leidenschaftliche Liebe, welche er für Benna empfand, und durch die Neigung, welche ihn zu Markus zog, an seinen Grundsätzen nichts geschehen war.

Ehe ihm nun die Baldringer antworten konnten, wurde er von einem alten Holzfuhrmanne ausgescholten, weil das Automobil fast mitten auf dem Wege stand.

»Wir fahren ja gleich wieder«, sagte Egid zu dem Manne, und dann bat er die Baldringer: »Verabschieden Sie sich von Ihrer Reisegesellschaft und besteigen Sie den Wagen.« Er hielt es für unzweifelhaft, dass die beiden zu den vier Geschwistern keine näheren Beziehungen hatten.

Sie schüttelten allzugleich die Köpfe, und Markus antwortete: »Das tun wir nicht. Wir verlassen unsere Fahrtgenossen erst auf ihrem Wegziele.«

»Sie möchten uns ein gar zu großes Opfer bringen!« rief Leopold und wollte dabei eilfertig von dem Wägelchen herabsteigen.

Markus zwang ihn aber zum Sitzenbleiben. »Wir hätten auf dem schönen Wagen eine traurige Fahrt, wenn Sie nun wieder gehen müssten«, sagte er und stellte sich wieder an die linke Seite des Wägelchens.

»Markus hat recht«, bestätigte Benna und machte sich auch wieder zum Anschieben bereit. Dabei missfiel es den zweien, dass Egid jetzt wie völlig ratlos aussah, wo er, wie sie meinten, nun schon recht eifrig zu einem Antrage bereit sein sollte, der ihnen als etwas ganz Selbstverständliches erschien. Sie glaubten nämlich fest daran, dass sein Wagen groß und stark genug sei, um sie alle aufnehmen und um noch überdies das Wägelchen erschleppen zu können. Egid erriet dasjenige, was sie dachten, ziemlich genau und sah sich deshalb zu einem sehr schweren und schnellen Entschlusse gezwungen.

Der überaus eitle Mensch fürchtete den Leutespott schier maßlos. Er glaubte wahrhaft an die Möglichkeit, dass ihn die Scham besinnungslos machen könnte, falls er mit diesen anderen derart durch die Stadt fuhr, wie das die Baldringer für recht hielten. Aber er wollte doch lieber vieles leiden als lange um Benna werben, und deshalb rief er: »Ich kann doch Sie alle und auch Ihr Gepäck fahren!«

Da waren nun die zwei Baldringer von Egids Wesen schon wieder ehrlich befriedigt, und Markus sagte: »Wir freuen uns, weil Ihnen das eingefallen ist.«

Egid setzte eine gekränkte Miene auf. »Haben Sie denn bereits gemeint, dass mir das nicht einfallen könnte?« fragte er. »Oder meinten Sie vielleicht gar, dass ich mich so stellen könnte, als ob es mir nicht einfiele?«

Markus nickte lächelnd und machte das Geständnis: »Ich hab' allerdings an das alles gedacht, aber daran geglaubt hab' ich doch nicht.« Dann ergriff er die Hand Egids und sagte: »Nicht wahr, wir wollen uns künftighin mehr vom Argwohn hüten und wollen einander nicht mehr gar zu scharf beobachten?«

Ehe Egid antworten konnte, nahm auch Benna seine Hand und bedeutete es ihm mit ihrem Mienenspiel, dass auch sie fester als wie bisher an ihn glauben wollte.

Er fühlte sich von der Vertrauensseligkeit der beiden gerührt, obwohl es ihm nebenbei wegen der bevorstehenden Fahrt überaus misslich zumute war. »Ich habe Sie beide niemals argwöhnisch oder scharf, sondern immer ganz anders betrachtet«, antwortete er in einem innigen Tone, den er trotz der unangenehmen Stimmung fast gar nicht heucheln musste.

Markus lief nun zu Leopold, hob ihn von dem elenden Sitze auf und brachte ihn auf das Automobil. Dann hängte er dem feinen Fahrzeuge das Wägelchen hinten an und bat den Egid, dass er diesmal ganz langsam fahren möge. Egid sagte ihm das zu und lud die Geschwister Leopolds recht artig zum Aufsitzen ein. Die drei hatten während der letzten Vorgänge ganz still auf das gewartet, was über sie verfügt werden würde, und folgten der Einladung sogleich mit sichtlichem Vergnügen. Sie fanden wirklich alle auf dem großen Wagen Platz. Auf dem Lenksitze saß nur Egid.

Gesprochen wurde auf dieser Fahrt sehr wenig, weil diese Fahrgäste eine Unterhaltung, an welcher sich Egid nicht beteiligen konnte, für etwas unschicklich hielten.

Markus gab allerdings dem Leopold und der Pepi über seine Herkunft und über den Zweck seiner Reise einige Aufschlüsse, die er den beiden schuldig zu sein glaubte.

Auf das hin, was die zwei Geschwister nun schon mit ihm erlebt hatten, nahm es sie gar nicht mehr wunder, dass er die große Erbschaft nicht behalten wollte. Sie gaben ihm recht, aber dabei wussten sie es freilich ganz sicher, dass sie nicht so wie er handeln würden, wenn ihnen das Glück auch eine solche Erbschaft beschert hätte.

Am späten Nachmittag kam das Fuhrwerk zu der Zollgrenze der großen Stadt, und Egid fragte, wo die vier Geschwister absteigen wollten.

»In dem Vororte Schiefring«, sagte Leopold. »Dort haben wir bisher gewohnt, und dort werden wir auch trotz der jetzigen furchtbaren Kleinwohnungsnot eine passende Unterkunft finden.«

Schiefring lag von da, wo sie nun waren, gar nicht weit und war größtenteils von sehr armen Leuten bewohnt. Dessen freute sich nun Egid, denn er hatte schon befürchtet, dass die Geschwister nach einem Stadtteile wollten, der nicht anders als durch belebte Straßen zu erreichen war. Ihm lag an dem gröbsten Spotte armer Leute bei Weitem nicht so viel als an gewissen Blicken der Vornehmen. Nun wurde er aber mehr beifällig als anderswie betrachtet, denn viele der armen Vorstadtleute glaubten, dass er diejenigen, welche auf dem Wagen saßen, sowie die kleine Wanderfuhr aus Barmherzigkeit weiter beförderte.

Etliche Männer, die ihn kaum eines Blickes gewürdigt hätten, wenn er allein auf dem Automobile daher gesaust wäre, taten nun ehrerbietig vor ihm die Hüte ab, und viele Frauen nickten ihm verständnisinnig zu. So kam es, dass er sich auf diesem Teil der Fahrt sogar noch ziemlich geschmeichelt fühlte. Er gehörte ja zu denen, die Ehrungen nicht verdient haben müssen, um sich ihrer freuen zu können. Als sie eben in die Schiefringer Hauptstraße einfuhren, rief Gustl: »Dort am Hundertelferhaus hängt ein uneingerahmter Wohnungszettel!«

Er hüpfte auch gleich über die Sitzlehne hinab, lief über die Straße und schrie hernach: »Die passt uns schon!«

Das Fuhrwerk hielt vor dem alten, ebenerdigen Hause, Egids Fahrgäste stiegen ab und begaben sich in den Flur, wo sie gleich von einer mächtig beleibten Hausmeisterin mehr schneidig als freundlich angesprochen wurden: »Sie wollen gewiss die Wohnung sehen. Im Hof ist's. Per sofort zu beziehen. Sechzehn Gulden monatlich und fünfzig Kreuzer Reinigungsgeld. Aber sie alle dürfen nicht einziehen. Für so ein kleines Geld nehmen wir nicht so viel Leut' auf.«

»Auch nicht vier Personen?« fragte Pepi.

»Na, viere lassen wir uns noch gefallen. So kommen S' halt!«

Die Baldringer waren über die Gleichgültigkeit entsetzt, welche sich in dem Wesen dieser Frau ausdrückte.

»Wir werden doch ohne Weiteres eine andere Wohnung suchen müssen«, meinte Markus.

»Weshalb?« fragten ihn Leopold und Pepi allzugleich.

Die Baldringer wunderten sich nun über die beiden Geschwister. »Schreckt Sie denn dieser ungastliche Empfang nicht?« fragte Markus.

»Nein, nicht im Mindesten«, versicherte Leopold, und Pepi schüttelte lustig lächelnd den Kopf.

Die Hausmeisterin lachte hell auf und fragte den Markus: »Woher sind denn Sie?«

»Aus dem Wald!« antwortete er wahrheitsgemäß.

»Nun also«, sagte sie. »Da brauchen Sie sich ja nicht so fein stellen.«

»Sie haben falsche Begriffe«, erwiderte Markus. »Unsere Waldleut' sind feiner, als Sie sich es vorstellen können.« Dann gingen er und Benna dennoch mit den vier Geschwistern der Hausmeisterin nach.

Der Hof, von dem die Frau gesprochen hatte, war eigentlich nur ein breiter Gang, der hinten in einen sehr schön gepflegten Garten mündete und den seitlich zwei lange Seitenflügel des Hauses begrenzten. Die freistehende Wohnung war die letzte der rechtsseitigen Bauschaft, sie hatte nach außen her eine Glastüre, die auch gleichzeitig das Fenster eines schmalen Küchenraumes war. Neben der Küche lag ein Zimmer, vor dessen zwei Fenstern sich der schöne Garten ausbreitete. In diesem Zimmer bekamen die vier Geschwister sogleich strahlende Augen, Leopold holte sein Geld hervor, und Pepi erklärte: »Da bleiben wir!«

In einer Weile danach stand die kleine Wanderfuhr vor der Glastür, und die Baldringer halfen abladen, damit sich Leopold nicht plagen musste.

Egid wartete indessen mit seinem Wagen vor dem Tore. Die wenigen Möbelstücke waren sehr bald in den zwei Räumen untergebracht, und dann reichte Markus dem Leopold die Hand. »Wenn es Ihnen recht ist, so werd' ich sehr bald nachsehen, wie es Ihnen geht«, sagte er.

»Ich werde niemand lieber kommen sehen als wie Sie«, antwortete Leopold. Er meinte mit diesen Worten, die er selbst für wahr hielt, genug gesagt zu haben, aber dabei überwältigte ihn ein heißes Dankbarkeitsgefühl derart, dass er dem Markus an die Brust sinken musste.

Benna nahm indessen von Leopolds Geschwistern Abschied, und dann trat die Pepi vor den Markus. Sie versenkte ihre Blicke in die seinen und gab sich tiefsinnig dem Gedanken hin, dass ihr Glück von ihm ausging. Es war ihr so, als ob sie nichts Irdisches mehr so hoch verehren könnte als wie diesen Mann, und ein feuriges Andachtsgefühl riss sie dazu hin, dass sie ihn stürmisch umarmen und küssen musste.

Damit wirkte sie auf Markus anders, als sie es ihm vermeinte; er fühlte sich zunächst betäubt und dann betollt. Und eine Wonnegier, die ihm bisher fremd war, wollte ihn zu einem wilden Erwidern dieses Kusses und dieser Umarmung zwingen. Es wurde ihm schwer, durch den Rest seiner Besinnung so viel Kraft zu finden, dass er seine zuckenden Arme, die förmlich wie von selbst nach dem Mädchenkörper hinstrebten, an sich herabzuhalten vermochte.

Pepi fühlte, dass es ihm bei ihrem Kusse gewaltig durch die Adern fuhr. Sie sah ihn rot werden, und da musste sie es gleich befürchten, dass sie gar zu unüberlegt gehandelt haben könnte. Zu dieser Furcht gesellten sich auch sofort Reue und Scham. Indem sie von Markus zurücktrat, sagte sie zu ihm: »Seien Sie mir nicht bös. Es war mir nicht anders möglich, ich musst' Ihnen um den Hals fallen und Sie küssen. Das werden Sie ja auch begreiflich finden.«

Er sah nun, dass sie es ahnte, wie ihm durch ihre Berührung und durch ihren Kuss geschah, und er war auf ihr ganzes jetziges Empfinden neugieriger als jemals auf etwas anderes. Es tat ihm sehr leid, dass er sich schicklichkeitshalber um nichts von dem, was ihm jetzt für das Wissenswerteste galt, fragen durfte. Mit Mühe gelang es ihm, die unbefangene Miene und eine dazu passende Antwort fertig zu bringen. »Es ist doch nicht schwer zu begreifen, dass Sie dasselbe empfinden wie Ihr Bruder, der mir ja auch um den Hals gefallen ist«, sagte er. »Mir ist dieses Zeichen Ihrer Dankbarkeit gerade so viel wie das Ihres Bruders.« Dann folgte er der Benna, die nun verstohlen lächelnd zur Türe hinausging, und er bemerkte es auch nicht, dass Pepi über seine verlogene Antwort lächelte und seufzte.

Gleich nachher fuhr Egid mit den Baldringern dem Schwemeißerhofe zu. Während der Fahrt stellte Markus an Benna eine leise Frage: »Hast du was bemerkt?«

»Alles«, flüstere sie ihrem Vetter in das Ohr, obwohl sie bei dem großen Gesäuse des Wagens ganz laut hätte reden können, ohne von Egid verstanden zu werden. »Jetzt hat's dich auch angepackt, mein guter Markus, und jetzt muss ich mich mindestens so viel um dich fürchten, als du dich seit einer Zeit um mich gefürchtet hast.«


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