Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Gast Gottes

Ein Gast Gottes.
Frh. v. Stetten del. 1914

Während des Winters von 1913 zu 1914 zogen wir durch den Sahara-Atlas, dann in die Sahara. Im Frühjahr kehrten wir nach dem Norden, nach Algerien zurück. Der Gegensatz wirkte sich schroff aus. Dort im Süden die monumentale Ruhe der Fels- und Wüstenlandschaft, das Starre der Palmenwelt, das Schweigen der gewaltigen Felsbilder an den Bergwänden – der ernsten Zeugen geschichtlich nicht mehr faßbaren Tiefe. Die wenigen Menschen selbst wetter- und wüstenhart, als Herren unbeugsam herrisch, als Dienende unsagbar gott- und schicksalsergeben. Die gleiche Menschenart seit Jahrtausenden.

Hier im Norden an den Abhängen des Mittelmeeres dagegen ein fröhliches, glückliches Knospen und Blühen, lustige Weinberge, zierliche und üppige Gärten. Dazwischen Ruinen aus allen Zeiten. Dort Dolmengräber der jungen Steinzeit, Mauern aus der Periode der Bronze, Ägäisches, Karthagisches, Römisches, Byzantinisches, Arabisches. – Alles das aber nun überzogen von einer Schicht modernen Treibens. Spanische und französische Emigranten, maltesische Handwerker, italienische Bauern. In den Dörfern moderne Kirchen, in den Städten neuzeitliche Häuser und Plätze. Alles beweglich, immer darauf vorbereitet, durcheinanderzuwimmeln gleich den Bewohnern eines Ameisenbaues. Bald gab ein großer Markt oder eine politische Volksversammlung oder eine Prozession, oder ich weiß nicht was sonst noch alles, jedem Gelegenheit, sich zu bewegen, sich an der Unruhe zu beteiligen, jedenfalls das Alltagsleben zu durchbrechen.

Nie mehr als in jenen Wochen ist mir der Unterschied zwischen Orient und Okzident aufdringlicher in die Augen gedrängt – und nie wurde mir auch die Überzeugung von der Unbeständigkeit okzidentalen Wesens, von seiner Eintagsfliegennatur bewußter. Alle – alle, Ägäer wie Karthager, Römer wie Byzantiner haben in diesen Ländern mit all ihrem Machtwillen nichts hinterlassen als – Ruinen.

Mich widerte diese anmaßliche ›Moderne‹ an.

Ich floh die Stadt Algier und zog mit meiner Frau und dem Expeditionsassistenten Kunstmaler Baron von Stetten in das hohe Djudjurragebirge, dessen Bergland von dem klugen, aber wenig freundlichen Berbervolk der Kabylen bewohnt wird. Die französischen Beamten warnten mich vor meinem Vorhaben, einige Wochen mit diesen Leuten zu verbringen. Nicht mit Unrecht, denn diese Berghamiten sind wohl ein fleißiges Volk, aber hinterhältig und grausam, verschlagen und gewinnsüchtig, rachsüchtig und gewalttätig. Einst hatten diese Völker als freies Volk alle die herrlichen Gelände der tieferen Landschaft allein bewohnt, jetzt waren sie durch Europäer und Araber in dieses schutzbietende Gebirge gedrängt. Dies verteidigten sie als letzten Alleinbesitz mit allen Mitteln. Sie stellten hier aber ein Stück ganz eigentümlichen Orientes dar. Im Lebenskampf und im ständigen Zurückgedrängtsein war ihr Charakter aber nicht besser geworden.

Die Zeit des Aufenthaltes in den Bergnestern gestaltete sich mehr und mehr zu einer der ergebnisreichsten meiner afrikanischen Wanderjahre. Allerdings galt es, die Ansprüche an äußere Reize und Bequemlichkeiten des Lebens auf ein Minimum zu reduzieren. Die Mahlzeit mit dem stets gleichen Kuskus (eine schmierige Polentavariante), der mit Holzlöffeln gemeinsam aus einer immer unsaubern Schüssel geschöpft wurde, war wenig appetitreizend; das Nachtlager in den elenden stickigen Lehmbuden, das stets mit einer Übermacht von Ungeziefer geteilt wurde, nichts weniger als erquickend, und der Verkehr mit einer Gemeinde, wo jeder ein Spitzbube und Schurke ist und dennoch als Gentleman behandelt sein will, auf die Dauer etwas angreifend.

Aber was heißt denn das!

Unsereinem brauchen nur Laute aus urzeitlicher Dichtung vernehmlich, Bruchstücke von Linien gewachsenen Stiles erkennbar oder Bewegungen urwesentlichen Kulturkeimens grifflich zu werden, um Schmutz, Wanzen und Hunger zu vergessen und dem schlimmsten Schnapphahn behaglich die Hand zu drücken – natürlich immer mit dem klaren ausgesprochenen Notabene: Mein Herz, du bist ein Lump, aber doch ein stilklarer.

Solches und ähnliches hatte ich meinen Kabylenfreunden nun schon recht oft und sehr deutlich gesagt, meist unter versöhnlichem Lachen, aber doch so, daß jedes Mißverständnis ausgeschlossen war. Die Freundschaft ward so eine herzliche. Die Barriere zwischen zwei Welten der Moral aber alle Tage höher und fester. Zuletzt ward sie so beängstigend für meine Leutchen, daß sie den Versuch machten, sie aus dem Wege zu räumen. Es kam zu einer Entscheidung, in der ich – fürs erste eine schwere Niederlage bezog.

Wie das geschah, soll das Nachfolgende erzählen.

 

An jedem Tage versammelte sich etwa zwei Stunden vor der Dämmerung in der Lehm- und Steinbude, die mein Arbeitszimmer darstellte, eine Gesellschaft älterer, aber deshalb doch nicht weniger würdiger Männer. Das waren die Alten, die durch Erzählungen von Märchen, Urmythen oder Legenden noch einen Obulus als Surplus der Tageseinnahme einheimsen wollten. An besagtem Tage war die Versammlung besonders stark. Es waren einige, sonst nicht zugänglich gewesene Hochansehnliche darunter, und von dieser seltenen Genossenschaft ging schon, ehe noch ein Wort gefallen war, ein halb obstinates, halb angriffsbereites Fluidum aus, welches ich mit innigem Behagen wahrnahm. Denn endgültige Erschließung der Seele geht in meinem Berufe und unsereinem als Europäer niemals von absoluter Unterwürfigkeit, sondern stets von dem Willen zum Rechte der Anerkennung des Eigenen aus.

Der Beginn des Scharmützels war bezeichnend.

Es wurde ein Mann in den besten Jahren vorgestellt, der soeben aus Frankreich zurückgekehrt war. Er war mit einer hübschen kleinen Last von altem Kabylenschmuck, der in der Tat zum Teil entzückende Formen hat und aus Silberarbeit mit Korallenbesatz besteht, über das Meer gefahren, war einige Monate als Händler in Paris gewesen und nun mit einem hübschen Beutel voller Fünffrankstücke zurückgekehrt.

In der Vorstellung war also schon der Angriff vorbereitet, und ich fing ihn vergnügt auf: ›So, du warst in dem schönen Frankreich! Was hast du erlebt? Wie hat dir Frankreich gefallen?‹ – Und breit mit deutlich zum Ausdruck gelangendem Behagen an der Stellung eines nun Weltkundigen und Erfahrenen berichtete der Mann in tadellosem Französisch von den schönen Städten und reich gekleideten Menschen, von den wohlbestellten Ländern und den schönen Frauen (vergnügliches Grinsen!), von dem Luxus und der Maschinenarbeit. Auch Fabriken hatte er gesehen und dazu die Werkstätte eines Silberarbeiters. Alles das hatte dem Bergwildling sehr behagt und gefallen. Er schilderte es in warmen Farben und mit dem Ausdruck uneingeschränkter Anerkennung. Aber das alles war offenkundig nur Vorbereitung, Anlage eines Hintergrundes, um am Schluß mit ungeheurem Effekt (allein schon rhetorisch: bis dahin hatte er mit erhobener Stimme gesprochen, um den Endsatz ganz leise und melancholisch abzuheben) die schlichten Worte zu sagen: ›Aber Ihr seid nicht fromm!‹

Das aber war der Angriff. Er war ernst. Der Orient zog den Okzident zur Verantwortung. Mochte es also sein. Dieses Gefecht versprach wertvolle Aufklärung. Also: ›Mein Freund, so sage mir, wie du zu dieser Überzeugung gekommen bist?‹

Der andere: ›In Frankreich sind die Bettler verachtet.‹ Ich unterdrückte meine Verblüffung. Auf alles mögliche andere hatte ich mich vorbereitet, auf dieses nicht. Aber es hieß Gleichmut wahren. Demnach sagte ich: ›Ich glaube, du hast recht, aber erzähle mir, was dir das besagen will.‹

Sieghaft strahlend blickte er in die Augen der Gesellschaft. Kurz – aber vielsagend. Der Welterfahrene aber sagte: ›Auch in Frankreich bitten die Armen – um Gottes willen –. Und doch mißachtet man sie. Wir aber nennen jeden, der eine Gabe im Namen des guten Gottes erbittet einen – Gast Gottes –. Wir ehren ihn. Das ist unsere Frömmigkeit!‹

Pause.

Einer sagte ganz leise, wie vor sich hin: ›Bei uns erzählt sogar das alte Märchen davon.‹

Das war mein Fall. ›Willst du so freundlich sein, mir dieses mitzuteilen?‹

Der Mann räusperte sich.

Er wiegte wie nachdenkend den Kopf hin und her. Dann trug er das Märchen vom ›Gast Gottes‹ vor (vgl. Atlantisausgabe I).

Der Inhalt dieser Erzählung ist eine warmherzig schlicht großzügig anerkennende Fürsprache für den Frommen, Demütigen, für den Sünder und Bekenner. Es ist ein Thema, das auch der europäischen Legendenwelt nicht fremd geblieben ist.

Das Märchen erzählt, wie ein Mann, der sich und seine Frau stets mühsam mit einem Brote für jeden Tag durchgeschlagen hat, beschließt, zu Gott zu gehen, ein Gast Gottes zu werden und Almosen zu heischen. Er machte sich also auf den Weg.

Der Gast Gottes kam auf seinem Wege eines Tages zu einem Manne, der hatte seit neunundneunzig Jahren gebetet und alle Leute sagten: ›Das ist ein sehr frommer Mann, und er wird sicher einen herrlichen Platz im Paradiese erhalten.‹ Der Gast Gottes kam zu diesem Manne und bat ihn um ein Abendessen. Gott gab dem großen Beter an diesem Tage aber ein Weizenbrot und ein Gerstenbrot. Als es nun Abend war, lud der große Beter den Gast Gottes zum Mahle ein, und er gab ihm das Gerstenbrot zu essen, verzehrte selbst aber das Weizenbrot, denn dieses war auch für ihn eine seltene Speise, die er sehr liebte. Gott aber erzürnte darüber, daß der große Beter sich selbst das Bessere genommen hatte.

Der Gast Gottes verließ den großen Beter am andern Tage, bedankte sich und sagte: ›Ich will weiter wandern auf meinem Wege zu Gott.‹ Der große Beter sagte zu ihm: ›Wenn Gott dich anhört, so frage ihn auch, welchen Platz im Paradiese er mir bestimmt hat.‹

Der Gast Gottes kam auf seinem Wege eines Tages zu einem Manne, der hatte neunundneunzig Menschen getötet und die Menschen sagten von ihm, »das ist ein ganz schlechter Mensch, den Gott in die Unterwelt werfen wird«. Der Gast Gottes kam zu dem großen Würger, bat ihn und sagte: »Ich bin auf dem Wege zu Gott. Ich bin ein Gast Gottes.« Der große Würger sagte: »So hast du nichts zu essen?« Der Gast Gottes sagte: »Nein, ich habe heute nichts zu essen und keine Stätte, mich zum Schlafen niederzulegen.« Der große Würger sagte: »Wenn es dir so schlecht geht, will ich dir wenigstens einen guten Tag bereiten, denn ich bin imstande dazu.« Und der große Würger schlachtete einen feisten Hammel und hieß seine Frauen das beste Essen bereiten. Er aß mit dem Gast Gottes, er gab ihm aber die besten Stücke und sagte: »Du hast selten etwas Gutes. Dir soll dies ein Festtag sein.« Nachher machte er dem Gast Gottes das eigene Lager zurecht und warf sich auf das Stroh und sagte bei sich: »Ich kann es ja alle Tage gut haben.« Als Gott das sah, lachte er und sagte bei sich: »Und diesen halten die Menschen für einen Schlechten.«

Am andern Tage bedankte sich der Gast Gottes und wollte gehen. Der große Würger sagte aber zu ihm: »Du bist auf dem Wege zu Gott. Sprich, wenn du zu ihm kommst, nicht von mir, denn ich werde seinerzeit in die Unterwelt geworfen werden, und wenn du vor Gott meinen Namen erwähnst, wird er nur ergrimmen und gegen dich übel gesinnt sein, weil du mit mir Verkehr übtest.«

Und der Gast Gottes ging weiter und weiter und kam zuletzt zu Gott, und er sprach zu Gott, und er sagte alles, was er auf dem Herzen hatte. Gott aber antwortete: »Jeden Tag, solange du denken kannst, hast du von mir ein Brot erhalten, das genügte, um dich und deine Frau zu ernähren. Da du hiermit nicht zufrieden warst, wirst du auch nie mehr erhalten, solange du auch noch leben wirst. Du hast auf deinem Wege zu mir einen großen Beter getroffen, von dem die Menschen glauben, er werde nach seinem Tode in das Paradies versetzt werden. Diesen großen Beter werde ich aber in die Unterwelt werfen. Du hast von dem großen Würger gesprochen, der dich reichlich bewirtet hat, und hast gezeigt, daß du dankbar bist. So will ich dir denn auch sagen, daß dieser große Würger, den die Menschen für sehr schlecht halten, von mir in das Paradies gesetzt werden wird. Kehre heim!‹

Der Gast Gottes machte sich auf den Heimweg und kam wieder zu seiner Frau, und er hatte wie früher tagtäglich ein Brot. Eines Tages ward seine Frau aber guter Hoffnung, und sie schenkte ihrem Gatten einen Sohn. Nachdem der aber einige Tage alt war, saß die Frau eines Tages mit dem Kinde in der Sonne und als sie den Fuß aufhob, lag darunter ein großer Reichtum an Gold. Sie rief ihren Mann und zeigte ihm den Reichtum. Der Gast Gottes schrie vor Freude und rief: ›So hat Gott gelogen, denn Gott sagte mir, ich würde nie mehr als ein Brot jeden Tag haben. Jetzt aber bin ich ein reicher Mann, und ich werde zu Gott gehen und ihm sagen, daß er gelogen hat.‹

Der Gast Gottes machte sich auf den Weg und kam zu Gott. Gott sah ihn und sprach: ›Du irrst, weil du ein Mensch bist. Dieses Gold gehört nicht dir, sondern deinem neugeborenen Sohne. Ich habe es diesem geschenkt, weil du damals der Wohltat, die der große Würger dir erwiesen hat, in Dankbarkeit gedachtest und davon sprachst, obgleich du glauben mußtest, ich würde darüber erzürnen. Nun aber hast du an mir gezweifelt und deshalb mußt du alsbald sterben. Kehre heim.«

Der Gast Gottes trat den Rückweg an. Als er zu seinem Gehöft kam und die Schwelle überschreiten wollte, fiel er tot zu Boden.

 

Eine Pause trat ein.

Der Weltfahrer unterbrach das Schweigen: »Das ist unsere Frömmigkeit.«

Ein anderer nickte: »Der Gast Gottes wird geliebt und geehrt in jedem Haus, das dem Islam dient.«

Ein dritter mit düsterer Stimme aus dem Hintergrund: »Auch ich bin ein Gast Gottes.«

Dieser dritte erregte sofort mein höchstes Interesse. Er war ein mächtig breit und stark gewachsener Mann in den besten Jahren. Seine grauen Augen verrieten Lebensklugheit und Daseinswillen. Schon mehrfach war er bei mir gewesen. Immer hatte er sich im Hintergrunde niedergekauert und hat stillschweigend an unseren Unterhaltungen teilgenommen. Niemals war bisher mehr über seine Lippen gekommen als der Gruß des Kommens und der des Gehens. Wenn dieser jetzt sprach, so bedeutete das augenscheinlich den Einsatz eines besonders schweren Gedankenstoßes. Also dann: »Ich selbst habe noch jeden von euch geehrt und geachtet nach seinem Wesen. Laß also Frankreich und gib dich erst selbst mir kund als Gast Gottes. Denn ich kenne dich nicht.«

Die grauen Augen lagen fest und unbeirrt auf meinem Gesicht. Mit sicherer Ruhe blickte er zu mir. Keine Wimper zuckte. Die Leute zwischen ihm und mir rückten zur Seite. Er saß nun weit hinten, aber als Abschluß eines Ganges, der den Raum zwischen mir und ihm trennte – eines Ganges, dessen Wände die Masse von etwa zwanzig zur geistigen Entscheidungsschlacht bereiten Männern bildeten.

»Herr« sagte er, »auch ich bin ein Kabyle. Du weißt nun schon viel von uns. Wir Kabylen sind fleißig. Einige sind Bauern, einige Handwerker, viele Händler. Viele reisen als Händler durch Frankreich bis an die Grenze Deutschlands, das uns stets die Aufnahme verweigert. Sie kehren wohlhabend zurück wie dieser hier, der heute zurückkehrt. In meiner Familie sind alle Männer wohlhabend. Auch ich besaß vieles und wurde in meiner Jugend ein reicher Mann genannt. Ich war ein Landmann und hatte gute Felder, Gärten und Vieh. Dazu einen Sanduk (Holzkiste) mit Stoffen und Geld. Ich heiratete. Ich arbeitete. Ich hatte einen Sohn. Eines Tages war meine Frau verschwunden, sie war einem Araber gefolgt. Die Stoffe und das Geld hatte sie mitgenommen. Wenige Tage später starb mein Sohn. Da verkaufte ich meine Gärten und Felder, handelte Waren ein und zog nach dem Süden. In Tugurt eröffnete ich einen Laden. Ich verkaufte und kaufte. Eines Tages überschlug ich meinen Besitz und fand, daß ich mehr besaß als vorher. Mein Herz trieb mich in die Heimat. Ich verkaufte alles und zog mit meinem Besitz nach Norden zurück. Bis in die Gegend von Konstantine kam ich. Da fielen mich arabische Wegelagerer an, verwundeten mich und raubten all mein Habe. Mühsam schleppte ich mich heim.

Mein Vater lebte noch. Zu ihm ging ich. Ihm erzählte ich alles. Mein Vater sagte: ›Es ist Allahs Wille!‹ Ich genas. Ich arbeitete auf den Feldern meines Vaters und meiner Brüder. Ein Ansehen hatte ich. Mein jüngster Bruder war mir wohlgeneigt. Ich ging zu ihm und sagte: ›Sei mir geneigt; leihe mir Waren, denn ich kann so nicht weiter leben. Wir wollen den Gewinn teilen!‹ Mein Bruder sagte: ›Es ist recht.‹ Mein Bruder gab mir; ich kaufte Waren und zog wiederum als Händler von dannen. Ich ging nach Osten, nach Kairuan. In Kairuan eröffnete ich einen Laden. Ich verkaufte und gewann. Ich reiste nach Tunis und kaufte neue Waren. Ich kehrte nach Kairuan zurück. Ich wurde ein wohlhabender Mann.

Eines Abends schloß ich meinen Laden und ging in die ferne Moschee, um zu beten. Nachher ging ich aus der Stadt an der großen Mauer entlang, um die Annehmlichkeit des Abends zu genießen. Ich traf zwei Mauren, die sich stritten. Sie riefen mich zur Schlichtung. Ich trat herzu. Ihr Handel war einfach. Sie waren bereit, sich zu einigen. Sie wollten einen Vertrag abschließen und baten mich, ihr Zeuge zu sein. Wir gingen in mein Haus, um den Vertrag aufzusetzen. Ich bot ihnen Kaffee. Als ich mich umwandte, schlugen sie mich von hinten zu Boden. Ich verlor den Verstand. Als ich wieder zu mir kam, war ich bewußtlos, waren die beiden Fremden fortgelaufen und meine Kästen geleert. Ich war besitzlos. Ich hatte nun nichts mehr.

Da wußte ich, daß Allah nicht wollte, daß ich reich werde. Erst war ich ein Niedergeschlagener, dann aber ward ich ein Gast Gottes. – Das ist zwölf Jahre her. Seit damals bin ich ein Gast Gottes. Alle meine Brüder sind reiche Leute, und ich bin ein Gast Gottes. Meine Brüder sind geehrt und geachtet in ihrer Heimat. Ich aber bin nur ein Gast Gottes und doch mehr geachtet und geehrt als sie – wo auch immer die Menschen unsere Sprache reden und eine Moschee steht.

Ich habe kein Haus, aber wo eine Moschee steht, da habe ich ein Lager.

Ich habe kein Besitztum, aber wo ich auch hinkomme, empfange ich Nahrung und Kleidung und würdigen Empfang.

Ich habe keinen Beruf, aber wo immer eine wichtige Botschaft zu übermitteln ist, und ich in der Nähe bin, empfange ich Auftrag und Arbeit, wenn auch nie festen Lohn.

Gott hat seine Priester und ist bei diesen zu Gaste. Ich aber bin ein Gast Gottes, und alle Kabylen achten mich.

Sieh, Herr, so ist es bei uns.

Wir sind ein frommes Volk.«


 << zurück weiter >>