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Hadj, die Jungfrau

Hadj.
Hermann Frobenius pinx. 1912

Im Jahre 1911 kehrte ich aus dem nördlichen Kamerun, aus Adamaua, einem herrlichen Lande im Süden des Tsadsees, zurück. Eine Ausbeute, die alle Hoffnungen weit hinter sich ließ, war geborgen und glitt unter der sorgfältigen Aufsicht eines meiner Herren über das Meer der Heimat zu; ein anderer Mitarbeiter war noch im Lande geblieben; meine treuesten Neger hatten es unternommen, mir einiges Wichtige quer durch den Kontinent nach Ostafrika zu senden, da neidische welsche Augen nach dem Gewinn deutscher Wissenschaft schielten und mir wie gegen alle Grundlagen herrschenden Rechtes zu rauben suchten, was zu rauben war. (Vgl. ›Und Afrika sprach‹, Bd. I.) Darauf hatten sich, – wie das in solchem Falle immer eintritt, – die Stimmen der regierenden Macht Englands in Nigerien geteilt. Einige Männer waren empört über den mir erwiesenen Unbill, und einer von ihnen stiftete mir einen namhaften Betrag zu irgendeiner Fortsetzung meiner Forschung. Da aber andere Geister an ihrem Groll festhielten, so schien es mir diplomatischer, mich dem mir überall folgenden Auge der Times zu entziehen und – zu verschwinden. Das heißt ohne großes Aufsehen zu erregen, mich nach Ostafrika, nach dem Ostsudan zu begeben und die Sendung meiner Leute im Ostsudan aufzunehmen.

Als der Spezialist der Times mich zum Interview auf dem Dampfer der Eider Dempster Linie vor Las Palmas aufsuchte, – war ich verschwunden. Der Vogel war über Nacht ausgeflogen.

Ich war inkognito.

Anscheinend gewinne ich über mich immer die besten Aufschlüsse, wenn mein inkognito gewahrt ist. Als ich in Uniform unter dem Namen eines türkischen Generals am Ende des Jahres 1915 in Damaskus weilte, klärte ein sehr bekannter deutscher Gelehrter meine Offiziere und mich (mit vielen Knicksen vor seiner Exzellenz) darüber auf, daß Leo Frobenius ein sehr begabter, aber ganz zerfahrener, für hohe Stellung wegen Mangels an Ordnungssinn und ungenügender Methodik unfähiger Mann sei. Auf dem französischen Dampfer war es ein französischer Administrator und ebenfalls sehr ansehnlicher Mann, der mir mit dem größten Wohlwollen mitteilte, daß vor einigen Jahren ein deutscher Forschungsreisender, ein gewisser Docteur Léon Frobénius eine große Reise von Timbuktu nach der Westküste gemacht habe und damals einem Kameraden gegenüber geradezu incroyable Ansichten über die Stellung der Frauen im Gesellschaftsorganismus der Hamiten Nord- und Ostafrikas gemacht habe.

›Welche Ansicht war dies wohl?‹

›Der Docteur Frobénius hat gesagt, unter den Hamiten des Nordens, wie des Ostens herrsche, wenn auch nicht der Form, sondern vor allem auch dem Sinn nach heute noch das Matriarchat, das Recht der Frau. Der Docteur hat behauptet, die Frauen seien allein entscheidend und stimmangebend. Und, croyez le moi, er, der Docteur Frobénius hat noch dazu gesagt, das besondere Raffinement der hamitischen Frau trete ferner gerade darin zutage, daß sie die Männer dumm mache, daß sie die Männer im Glauben des eigenen Übergewichtes halte. Voilà, das hat der Docteur Frobénius gesagt. Man sollte das von einem deutschen Gelehrten nicht glauben!‹

›Ich verstehe persönlich wohl nicht sehr viel hiervon; aber, Kommandant, wollen Sie mich nicht vielleicht aufklären, was besonders gegen die anscheinend verfehlte Ansicht meiner Landsmänner spricht?‹

›Gerne, gerne! Die Sozialwissenschaft hat mein Hauptinteresse. Ich schreibe darüber ein Buch. Beachten Sie z. B. die Stellung der Frau bei den Hamiten Nordostafrikas. Die Frau tut dort alles; sie hat die ganze Arbeit auf ihrem Rücken. Der Mann ist Hirt; sonst tut er nichts. Ich wiederhole es, er tut nichts. Aber mehr noch. Er schreibt der Frau den ganzen Lebenswandel vor. Das beginnt mit der frühesten Jugend. Sie wissen, daß das eigentliche Lebensgebiet der Frau die Liebe ist. Jedes Weib ist geborene Priesterin der Liebe; von Jugend an. Das Weib ist groß, bedeutend, entscheidend in gerade diesem; in dem sie alles geben kann; in dem sie alles sein kann: Tugend und Sünde, Teufel und Gott. Dem Weibe hierin alle Möglichkeit zur Entwicklung, zur Entfaltung zu bieten, das ist Aufgabe des Mannes, der der Höhe der Kultur zustrebt; sich alle Rechte hierin zu erobern, hierin groß zu werden, das ist Sinn der Frau, ist Lebensziel der Frau und – croyez le moi – das ist natürlich Urgefühl (sentiment originaire) des Matriarchats. Und wie ist das bei den Hamiten, zumal den Osthamiten? Hat dort die Frau auch nur die geringste Möglichkeit zur Entfaltung ihrer herrlichen Gaben behalten? – Nein, mein Herr! Auch hierin ist die Frau rechtlos, hierin wird sie unfähig gemacht, auch nur die kleinste Regung der Selbstbestimmung auszulösen. Weshalb? Weil der Mann sie von Jugend auf knebelt, knechtet, in Sklaverei erhält. Denken Sie doch nur: der Mann legt dem weiblichen Kinde schon in zarter Kindheit ein Schloß vor den Tempel der Liebe. Er allein nimmt sich das Recht, den Riegel vor der Kühlung seiner Begierde zu öffnen. Und hat er seinem Sehnen Genüge getan, will er die Frau für längere Zeit verlassen, so verschließt er wieder das, was er keinem andern männlichen Wesen erlauben will zu erleben! Hélas, mein Herr, ist das das gelobte Matriarchat des Docteur Frobénius? Ist das Freiheit der Frau, Herrschaft der Frau, Entfaltung des weiblichen Prinzips in der Gesellschaft bis zur entscheidenden Macht? –‹

›Ich verstehe, Sie meinen mit dem Verschluß die Sitte des Vernähens und gelegentliches Auftrennen bestimmter Organe!‹

›Aber natürlich, mein Herr! Die furchtbarste Brutalität, die der Mann am zartesten Teil der Natur ausüben kann. Dies ist barbarisch, grauenvoll; dies ist vom Teufel! Die Frau wird verschlossen! Da, wo sie Priesterin, Göttin sein sollte, machte der rohe Egoismus, die gemeine Herrschaft des Mannes sie zur Sklavin, zur erbärmlichen Bettlerin, zur Dulderin! Gedenken Sie der Schmerzen, die die Arme ertragen muß – o über die Hypothesen dieses Docteur Frobénius! Man sieht gut: er ist sehr gelehrt. Aber er ist ein Deutscher! Auch Sie werden mich nicht verstehen!‹

›Nicht ganz, denn was Sie erwähnen, ist doch nur physischer Natur.‹

›Oh, Ihr Deutschen!‹

 

In Marseille trennten wir uns. Drei Tage später hatte ich an Bord des deutschen Dampfers ›Großer Kurfürst‹ mit meiner Frau und meinem Bruder Hermann, dem Kunstmaler, Plätze gefunden und wieder wenige Tage später glitten wir auf einem Kiel der Chedivien Mail durch die Fluten des Roten Meeres. In Port Sudan betrat ich endgültig wieder den afrikanischen Boden, den ich wenige Wochen vorher im Westen, in Lagos, verlassen hatte. Und dann westwärts Ohoi! Kartum, Sennar, El Obeid, mitten hinein in das Herz des Ostsudan, in die breite Auswirkungsfläche osthamitischer Kultur. In El Obeid, einst der Stadt des Mahdi, in dem Lande zwischen Rotem Meer und Tsadsee schlug ich unser Lager auf.

In wenigen Tagen war das deutsche Lager zum Mittelpunkte eines neuen Lebensinteresses geworden. Die sehr geschickten nubischen Dolmetscher hatten schnell begriffen, daß es nunmehr galt, Erzähler alter Märchen, Kenner der Sagen aus vergangenen Zeiten und scharfsichtige Reisende aus den Ländern des Westens aufzutreiben. Die Tagebücher füllten sich. Die Niederschriften der Märchen (vgl. Atlantisausgabe bei Eugen Diederichs, Bd. IV) schwollen an. Fürstliche Foraner aus dem Westen, schlichte Nuba aus dem Süden und geschichtskundige Fundj, ja sogar Abessinier aus dem Osten strömten aus und ein. Nur eine Aufgabe wurde hier erschwert, wie ich das in den Ländern des Westens nie erlebt hatte. Mein Bruder hatte es übernommen, mein Archiv durch eine Anzahl von Porträts charakteristischer Volkstypen zu vermehren. Die Leute hier wollten aber nicht ›sitzen‹. Sie fürchteten den ›bösen Blick‹. Die Furcht vor dem Blickzauber, vor dem Scheelblick beherrscht hier alle Welt so stark, daß keine Speise ohne einen schützenden Strohdeckel hin- und hergetragen würde, daß kein Mensch es wagte, sich dem scharfen Augenmerk eines andern länger auszusetzen, als es dringend notwendig war. Das allein schon bewies, daß ich mich im Machtbereiche osthamitischer Kultur befand. Es war also eine der größten Schwierigkeiten, dem Maler geeignete Modelle zu beschaffen. Besonders schmerzlich empfand ich es, daß es schier unmöglich schien, eines der jungen entzückend graziösen Nomadenmädchen mit den frechen Näschen, den stolz getragenen Köpfchen, den reichen Bernstein- und Perlgehängen – die unendlich kokett von der rotbraunen Haut abstachen – vor die Staffelei zu bringen. Dieses schien so schwer, daß mein Bruder und die Dolmetscher schon drauf und dran waren, diese Aufgabe aufzugeben. Doch das Glück war meinen Wünschen auch hier hold.

Es war an einem späten Nachmittage. Meine Frau und mein Bruder waren ihrer Gewohnheit gemäß schon vor einer Stunde auf hohem Sattel in die Steppe hinausgetrabt. Ich empfand heute nach stundenlangem Märcheneintragen eine um so peinlichere Ermüdung, als für den Abend noch weiterer Besuch mit reicher Auskunft in Aussicht stand. Somit beschloß ich, der Stimme der Natur und dem Beispiel meiner Begleiter zu folgen. Die Kamele waren schnell gesattelt und dann trabte auch ich mit unserm angesehensten Dolmetscher, dem alten M'hamd Sakhai, hinter mir, in die Buschsavanne hinaus.

Es war eine herrliche Stunde. Erde und Sträucher, Gras und Bäume strömten so balsamischen Duft aus, wie solches nur die Steppen Afrikas vermögen. Mit dem Weichen der schweren Hitze des Tages hatte sich erst eine müde Schlaffheit ausgebreitet, etwas wie gebrochene Widerstandskraft in dem zähen Willen der schwer atmenden Natur, mit den letzten Säften das Leben gegen die mörderischen Strahlen der Sonne zu verteidigen. Nun aber regte sich mit der ersten Kühle des Abends ein scheues Aufblicken. Die stachlichen Büsche hoben die Spitzen der Zweige. Die Blätter streckten sich gewissermaßen noch einmal, ehe sie sich zur Nacht zusammenfalteten. Unwillkürlich atmete auch der Mensch erleichtert auf. Die Überspannung des Tages wich. Das Auge glitt erlebnisbereit über die Steppe.

Aber die Steppe bot wenig Aussicht auf ein kleines Abenteuer. Die letzte aus der Ferne herzuströmende Karawane hatte schon seit einer Stunde im Außenlager der Hauptstadt Einzug gehalten. Lustige Räuberbanden gab es in dieser Nähe El Obeids nicht, und die Hirten waren nach unserer Erfahrung entweder zu langweilig oder dem Europäer abgeneigt, so daß in ihren Zelten wenig Überraschungen zu erwarten waren.

So ließ ich denn gleichgültig ein kleines Viehlager seitwärts des Weges liegen und schenkte ihm keine Beachtung, bis ich wahrnahm, daß aus dem Kraal eine weibliche Gestalt kam, die den Weg dem Hauptweg zu einschlug und stark im schrägen Winkel unserer Richtung zuschritt. Aber auch diese Figur erregte erst mein erhöhtes Interesse, als plötzlich ein junger Mann hinter einem Busche hervor und ihr in den Weg trat. Der Mann sperrte der Frau den Weg. Er sprach schnell unter hastigen Bewegungen. Das weibliche Wesen reckte sich hochmütig auf. Es streckte die Hand aus und strich mit einfacher Bewegung gewissermaßen den Mann aus dem Wege. Der Mann schrie irgend etwas. Das Weib wiederholte die Geste. Der Mann duckte sich ein wenig, dann drehte er sich um und verschwand mit gesenktem Haupte wieder hinter seinem Busch.

Das Weib aber schritt, ohne sich weiter um den andern zu kümmern, auf ihrem Wege fort. Sie kam kurz vor uns an den Kreuzweg, und nun konnte ich sehen, daß es ein etwa 15jähriges Nomadenmädchen von prächtiger Gestalt war. Im Profil fiel das mandelförmige Auge auf. Als sie sich umwandte, sah ich erst, daß sie von vorn durch ihren sanft verschleierten Blick ungemein anziehend und wohl sogar schön wirkte.

Bald war ich mit meinem Kamel neben ihr und wechselte mit ihr den Wandergruß. Als sie mich ansah, erkannte ich, daß es ein selten schönes Hamitenmädchen war.

Sofort war mir klar: Dies war ein ausgezeichnetes Modell für meinen Bruder. Ich rief den alten Dolmetscher; er kam näher heran.

›M'hamd, frage dies Mädchen, ob sie meinem Bruder erlauben will, sie zu malen.‹

Der alte M'hamd erschrak sichtlich.

›Herr, es ist die Tochter eines Scheiks.‹

›Macht nichts; du weißt, ihr geschieht bei uns nichts; sie erhält ein schönes Geschenk; frage sie.‹

›Herr, jeder weiß, daß ihr bei uns nichts geschieht. Aber ich fürchte für dich!‹

›Ich werde den Vater aufsuchen. Ich leiste Bürgschaft.‹

›Herr, der Scheik wird ihr nichts wehren. Aber dieses Mädchen ist Hadj.‹ (Im gewöhnlichen Sinne des Wortes so viel wie heilig, auch wohl Ausdruck für Mekkapilger.)

›Nun, M'hamd, ihre Heiligkeit wird nicht berührt und uns höchstens besser machen.‹ Lachend setzte ich hinzu: ›Denn sie ist jawohl – verschlossen‹.

›Vollständig, Herr! Aber –‹

›M'hamd, du bist langweilig. Frag' jetzt.‹

Das Mädchen ging unbekümmert um unser Gespräch neben uns. Der Dolmetscher näherte sich ihr. Er sprach sie an. Er fragte sie. Das Mädchen sah mich einen Augenblick mit etwas lauernd berechnendem Blick an. Dann sagte Hadj: ›Ich komme.‹

Am andern Morgen erschien Hadj bei uns im Lager. Zwei Matronen begleiteten sie. Die alten Damen hockten sich in einem Winkel nieder.

Mein Bruder begann seine Arbeit.

 

Mein Bruder war unendlich befriedigt. Hadj erwies sich als ein ungewöhnlich geduldiges und stets williges Modell. Erst wurde sie en face, dann im Profil porträtiert. Uns Europäern war sie eine liebenswürdige und stets fröhliche Gefährtin. Meiner Frau trug sie Schleier, Schemel und Schirm nach. Mit meinem Bruder neckte sie sich, was um so lustiger war, als keiner mehr als drei Worte von der Sprache des andern verstand oder lernte. In den Pausen kam sie zu mir, hockte neben den Märchenerzählern nieder und wußte mich durch naive kindliche Schelmerei zum Lachen zu bringen.

Ganz entgegengesetzt wirkte Hadjs Anwesenheit auf unsere dunkelfarbige Umgebung. Wo Hadj auftrat, verschwand der freundliche Schein auf den Gesichtern. Die Diener schielten ihr ängstlich nach und gingen ihr aus dem Wege. Aber nicht nur unser eigenes kleines Völkchen brachte dem Mädchen dies eigentümliche Benehmen entgegen. Auch unsere Besucher zogen sich stets fast ängstlich von ihr zurück. Wenn sie den Raum betrat, in dem die Alten ihre Märchen vortrugen, war der fröhliche Fluß der Unterhaltung sogleich abgebrochen und solange das große Kind anwesend war, nicht wieder in rechte Bewegung zu bringen.

Am auffallendsten aber war mir, daß sogar der wenig skrupellose und in allen Dingen wenig heikle Teil der Bevölkerung El Obeids Hadj mit der gleichen Reserve behandelte. Ich hatte, um die Tänze zu studieren, mir für einige Zeit fünf Tänzerinnen engagiert, die uns jeden Tag mit ihrem Spiel erfreuten. Und sie, diese Priesterinnen einer sehr vergnüglichen Venus, brachten Hadj die gleiche Ablehnung entgegen, wie der Adel des Landes. Sie weigerten sich, in Hadjs Gegenwart zu tanzen.

Ein mit dem Wesen des Orients vertrauter Reisender wird es stets vermeiden, auf bestimmten Gebieten Unnötiges zu fragen. Wohl lag mir in diesem Falle die Frage oft genug auf der Zunge. Ich unterließ es stets. Was man erfahren kann, erfährt man, früher oder später.

Während acht Tagen weilte Hadj vom Morgen bis gegen Abend bei uns. Dann hatte mein Bruder sie nicht mehr nötig. Andere Modelle waren gefunden. Bald war Hadj vergessen. Als wir von El Obeid abreisten, dachte wohl niemand mehr an sie.

Wir traten die Wanderung nach Norden an. In Omdurman schlug ich das zweite Lager auf. Mein Bruder blieb hier noch einige Wochen lang bei uns. Dann veranstaltete ich ein großes Abschiedsfest. Nubische Tänzerinnen, singende und spielende Schilluk, Dinka, Nuba, Fundj, ein herrlich gebackenes Lamm, schönes Kisra und an die zwanzig Zuspeisen erlabten uns Augen, Ohren, Gaumen und Herz. Dann reiste mein Bruder ab.

 

Es war am Tage nach der Abreise meines Bruders.

Ich saß in meinem Arbeitsgemach mit der Reinschrift von Tagebuchnotizen beschäftigt. In einem Winkel hockte der alte M'hamd Sakhai, immer gewärtig, etwa unerwartet auftauchende Unklarheiten aufzuhellen. Tiefes Schweigen und die drückende Schwüle des anbrechenden Frühlings erfüllte den Raum. Nur die kratzende Feder, das geblätterte Papier.

Plötzlich atmete der alte M'hamd laut auf: ›Bismillah!‹ murmelte er vor sich hin.

Ich achtete nicht darauf. Nach etwa 10 Minuten wiederholte sich der fromme Stoßseufzer, der nun schon deutlich erkennbar ein Dankesgebet war.

Wiederum Schweigen. Dann ein drittes: ›Bismillah!‹

Nun war es klar. Der alte Herr hatte etwas auf der Seele, was herunter mußte.

›Was gibt es denn, mein M'hamd?‹

›Herr, ich denke an Hadj und ich danke Allah, daß dein Bruder nach Norden abgereist ist.‹

Nun wurde es interessant. Ich legte die Feder weg, deckte ein Löschblatt auf das neu Geschriebene und lehnte mich bequem zurück. Denn man muß dem Orientalen, der etwas erzählen will, in breiter Geste die Aufnahmebereitschaft erweisen; das verkürzt die Präliminarien.

›Von Hadj sprichst du. Hadj war ein schönes und gutes Mädchen.‹

Energisch ablehnendes Kopfschütteln: ›Herr, schön ist sie, gut ist sie nicht.‹

›Woher weißt du das?‹

›Herr, es ist so.‹

Usw.

Endlich: ›Herr, wenn dein Bruder nicht abgereist wäre, hätte sich etwas Schlimmes ereignet! Hadj hat den bösen Blick. Hadj hat schon viele Männer getötet.‹

Und dann entrollte der Alte mir das Bild echt osthamitischen Familien- und Frauenlebens: Hadj war schon als Kind einem angesehenen Jüngling verlobt. Hadj konnte den Bräutigam nicht leiden. Hadj fesselte mit ihrem ›Blick‹ einen andern Jüngling. Der andere ermordete den Bräutigam. Der neue Verehrer bewarb sich um Hadj. Hadj ergriff mit ihren Augen zwei ältere Männer, Brüder; die beiden schafften eines Tages den zweiten Jüngling beiseite; dann säte Hadj wieder mit den Blicken arge Eifersucht zwischen den Brüdern und wußte durch immer neue Unternehmungen erst diese beiden, dann zwei Vettern und dann einen reichen alten Kamelnomaden unter die Erde zu bringen. Von dem Kamelnomaden brachte sie außerdem noch die umfangreiche Erbschaft in das Lager des Vaters. – Und Hadj war noch nicht älter als 15 Jahre. – Und Hadj war verschlossen, bedingungslos unberührt. Hadj teilte mit den Männern das Lager. Aber sie ward nicht Frau. Und um das Böse in ihr von sich selbst fernzuhalten, schmeichelte man diesem unfaßbar Bösen mit den Worten: die Heilige.

Der alte M'hamd geriet in aufgeregtes Erzählen. Der verzaubernde böse Blick, blutige Dolchstiche, Würgen und Gift, alle Möglichkeiten des Ausbruches wahnsinniger Leidenschaften kreuzten den Lebensweg dieses reizenden Kindes, das mit halb verschleierndem Blick so anmutig zu lächeln verstand.

›Aber um alles in der Welt, M'hamd, das ist ja schrecklich! Kommen derartige Geschichten in Kordofan häufig vor? Und wo ist solches nur möglich; wo die Frau doch so streng abgeschlossen und verschlossen gehalten und die Frauen gar nichts, die Männer aber alles zu sagen haben!‹

›Herr, wie wenig wißt Ihr von den Bedaui!‹ ›Der Mann alles zu sagen! Die Frau nichts zu sagen?‹ Ist das Verschließen der Frauen denn ein Schutzmittel? Herr, es gibt hier ein Wort, das ist wahr. Das lautet: ›Die Frau hat die Sitte des Verschließens erfunden, damit sie alles nehmen kann und nichts zu geben braucht.‹ Damit wird die Frau zur Herrin der Macht. Und, Herr, du wirst doch wissen, wie dumm jeder Mann wird, sobald er sich verliebt.‹ –

In diesem Augenblick fiel mir der Administrateur auf dem französischen Dampfer und seine Philippika gegen den Docteur Léon Frobénius ein. Schade, daß er dieses Gespräch nicht miterlebte.


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