Autorenseite

 << zurück 

15. Die Umkehr.

Aus dem Tagebuch der Afrikafahrt im Kriege. Vierte Reiseperiode, Notizheft XV, S. 59 bis 74.

Karte

Abb. 7. Kartenskizze zur siebenten Reise

(Siebente Reise.)
Die siebente Reise (Dezember 1914 bis Mai 1915) führte durch die Türkei über das Rote Meer nach dem nördlichen Abessinien. Sie wurde ausgeführt im Auftrage des Generalstabes und der obersten Heeresleitung. An wissenschaftlichen Ergebnissen erbrachte sie weitere Grundlagen zur Bestimmung der Kulturbeziehungen zwischen Nordostafrika und dem südlichen Arabien sowie Aufschlüsse über die Bedeutung und die Lage der verloren gegangenen Erzbergwerke. Anmerkung des Institutes.

(1915.)

Bewegung und Ruhe der Lebenspole. – Die Umkehr. – Das Erlebnis. – Die neue Lebensaufgabe. – Der Sinn der Katastrophe. – Der natürliche Wille zum Stilbewußtsein.

 

Asmara, italienisches Abessinien,
22. März 1915

Wieder einer dieser herrlichen Ausflüge, durch Steppe mit Felsschluchten zur Seite, unter einem unendlich weit ausgespannten Himmel, – in einer Luft, die sogar unsere Pferde zu lebhaftem Frohsinn erregt. Dann durch die Ortschaften in ihrer verträumten Ruhe mit ihren höflichen, gütigen Bewohnern. Wieder habe ich allerhand gehört über schlichte Kindererziehung, über das heidnisch naive Christentum und über die politische Organisation. Ach, wie tief rührend und für uns beschämend ist doch diese gedanklich leichte, gedanklich selbstverständliche, gedanklich naturnotwendige Seele Afrikas, meines Afrika. Mein Afrika, – ja es sind jetzt zehn Jahre her, daß ich wieder und immer wieder mich mit ihm vermähle, seine Hand suchend und packend. Und immer war es dieselbe freundliche schwesterlich-mütterliche Hand, die einmal berührt und ergriffen, in der meinen liegen blieb, verbindend zugetan; und immer war ich es, der sie entgleiten ließ, wenn ich nach Europa zurückkehrte – zehn Jahre hindurch.

Nun bin ich meinem Erdteil wieder verbunden, aber diesmal kam ich nicht mit ganzem Herzen. Weshalb nicht, das will ich einmal in Worten zusammenzufassen versuchen, um dem bangen Gefühl derart Gestalt und mir Herrschaft über diese Gestaltung zu geben.

Wenn ich sonst Europa verließ, blieben liebe und innig verehrte Menschen, Daseinsformen und Dinge hinter mir. Daß ich auf viele Monate den Verkehr mit ihnen aufgab, war mir jedesmal bewußt und doch von geringer Bedeutung. Das Heimische war ja das Ruhende, Sichere, ich in der Bewegung. Und wenn ich mir auch des Geschickes meiner Bewegung doch wohl nie ganz sicher war, so doch umsomehr dessen des Zurückgelassenen, das in ruhigem Behagen, raumbestimmt, schicksalsgesichert und zeitlos geruhsam nach althergebrachtem Gependel sein Dasein verbrachte.

– So regelmäßig im Gependel, daß ich es gern floh! – daß es mir hierin schier unbegreiflich, erschreckend, unheimlich erschien. Denn es ist ja eine Unwahrheit, muß eine solche sein, wenn schon ein einziges Leben, Sinnen, Fühlen (wie das kleine meine) so machtvoll zwischen zwei Polen schwankt, in Flammen die Sorge und Not hier glüht und im Jubel die Seelenspannung zuckt – wenn es in einem einzelnen, der doch ein Teil des Ganzen ist, so aussieht –, ja, dann muß es eine Lüge, eine Unwahrheit, ein Selbstbetrug sein, wenn das Ganze, ein ganzer Erdteil, die die Erde »beherrschende« Menschheit seine Tage im Schlafrock verbringt, durch die Zeit in Pantoffeln trottelt, morgens Schreibärmel anlegt, mittags stöhnt und abends bierbankert. – Immer wieder wurde mir Europa unheimlich aus seiner selbstbetrügerischen Langeweile heraus.

Und ich floh es und zog hinaus in den Erdteil der Bewegung, in das Land, in dem Leben und Tod brüderlich nebeneinander herschreiten, in dem alle Wahrheit, aller Stil, alles gewachsen ist: Erde und Pflanze, Tier und Mensch, Zeit und Raum.

So wie ich das Menschliche und seine Möglichkeiten, seine Natur und seine Begrenzung – ich glaube von Kindheit an – empfunden, gefühlt und – geliebt habe. So, wie ich es zu erfassen mir als Lebensaufgabe gestellt habe, in seiner Gebundenheit an den Raum und an die Zeit, im Banne der großen herrlichen Erscheinung, die ein Ausdruck dessen sein muß, was der kleine Mensch stammelnd Gott nennt. – In Afrika traf ich das. Das, was ich als Jüngling daheim ersonnen, hatte sich draußen bewahrheitet – bewahrheitet sich immer mehr als Zwang, zuletzt aus dem seichten Strande in das Tiefe, in jene Region, die man nicht mehr schwimmend, sondern nur noch tauchend erreichen kann; bis dahin, wo durch die von unseren menschlich kümmerlichen Wahrnehmungs- und Denkorganen erreichbaren Tatsachen hindurch Wirklichkeiten erkannt wurden. Das wurde meine Welt, mein Lebensinhalt. – Und Europa hatte hiermit gar nichts zu tun, denn es lebte – ohne Natur.

So war es.

*

Und diesmal?

Gewiß, ich bin nicht hinausgefahren, um meinem Drängen, meinen Gedanken zu folgen. Diesmal ist das Ziel, dem ich nachstrebe, nicht meiner Sache wegen aufgestellt. Aber das ist nur ein rein Aeußerliches. Das, was mich bis in das Innerste bewegt und ja bewegen muß, das ist die große Umkehr der Dinge! Europa und Deutschland verließ ich als ein Brandmeer, eine Flammenflut, als einen riesenhaften Vulkan, und hier in Afrika, das mir immer so natur-und lebensstark erschienen, hier herrscht Ruhe, Friede, Gleichmut. Es ist die Harmonie der Natur, natürliches Sein und Werden. – Europa aber eine Ekstase, die furchtbare Explosion eines Dampfkessels, dessen Ventile sich verstopften. Hier sitze ich in meiner behaglichen Ruhe und in ungestörten Furchen und hinter mir der Weltbrand. Durch Lohe und Flammen hindurch jagte ich hierher, und als ich die letzte Not auf dem Roten Meer, die letzte Not weit aus dem europäischen Brandkessel bis in diesen entlegenen Winkel hinleckender Flammen überwunden hatte, – da umfing mich der Frieden der Natur Gottes und seiner Geschöpfe.

Dies die Umkehr!

*

An dem Tag, an dem ich mit meinen treuen Kameraden unten im Kiel der Sambuk lag, das Gehör angespannt gerichtet auf das Gehabe und Gespräch der französischen Offiziere, die Hand am Todesstrang, das Auge gerichtet auf das winzig kleine Loch zu unseren Köpfen, – als da in einer Stunde mein Sein wie ein schnelles Wunder an mir vorbeizog, da fühlte ich, daß nun die Entscheidungsstunde meines Lebens gekommen war, – nicht in Dingen Leben oder Tod, denn das ist mir natürlich eine recht übliche Sache geworden, – nein, in der großen Frage nach der Fülle eines das ganze Leben umbildenden Ereignisses. Da wußte ich, daß mit dieser Stunde des Heraustritts aus der europäischen, jetzt plötzlich explodierenden Welt mein Leben ein neues Ziel gewinnen mußte, zwangsmäßig, ohne Willen, als innerer Beruf.

Und ich erschrak.

Den Willen zur Hilfe des Heimatlandes haben zur Zeit wir alle, und das ist keinem etwas Neues. Aber daß dies als Notwendigkeit und Aufleuchten im Lebensgefühl, als noch Unklares und doch Schicksalsentscheidendes, als Unverständliches und doch Selbstverständliches im Leben auftritt, das bedeutet eine Lebensintuition, die in den Jünglingsjahren natürlich, in späterem Alter aber nicht selbstverständlich ist.

Aber hier in den ruhigen Tagen in Asmara, inmitten der natürlichen Welt Afrikas, da kam mir das alles allmählich zum Wissen, zum Verstehen.

Auch Europa ist zurückerwacht zur Natur, zur Erkennbarkeit, zum natürlichen Dasein. Die Organität seiner Kultur ist aufgeflammt und sie, die große und herrliche, sproßt und treibt und dehnt sich und lebt, lebend Wahres enthüllend, Unwahres begrabend.

Für mich die Umkehr!

*

Für mein Lebenswerk Aufgabenfestsetzung bis in mir noch undenkbare, unvorstellbare Dimensionen.

Umkehr!

Jetzt gilt es nicht mehr, in der Welt, draußen, in der Weite, der natürlichen, der gewachsenen und wachsenden, dem Wesen der Dinge nachzugehen, eine Theorie der Anschauung über das Werden und Sein der Außenwelt zu gewinnen, – das alles, das muß nun der Vergangenheit gehören.

In Zukunft heißt es das Werk am heimischen Kontinent, am Heimatland fortsetzen; jetzt gilt es, Europa und Deutschland zu verstehen. Und da wird es sich nun zeigen müssen, ob das, was in den zehn Lehrjahren hier draußen in Afrika gewonnen wurde als Form und Sinn, als Handwerkzeug und Handhabe, sich bewährt. Wenn dem so ist – und ich bange jetzt täglich und stündlich um die Frage –, wenn dem so ist, dann werden wir in den europäischen Kulturen die gleichen Züge unbeugsamer Naturwüchsigkeit sich enthüllen sehen, wie dies die Außenwelt bot. Eine riesenhafte Wesens-, Sinnen- und Formkunde der Kulturen des »herrschenden« Erdteiles muß sich ergeben. Aus dem Chaos von heute, aus dem Erwachen, der auflodernden Lebenskraft muß wieder Stilkenntlichkeit, Naturwahrheit, Arteneinheit erstehen. Die Kulturen Europas werden deutlich, und damit muß es unserem Forschen (so wir genügend vorbereitet sind) gelingen, Kultur ebenso bewußtseinsmäßig zu durchdringen wie die toten und lebenden Wesen der den Menschen umgebenden Welt.

Und daß der Mensch sich der Wesenheit seiner Kultur nach Sinn, Raum und Zeit bewußt werde, das halte ich für den Ausgangspunkt einer neuen Weltanschauung, da damit die schrecklichen Analysen und der Materialismus ihr Ende nehmen müssen.

Denn daß die Kultur, wie ich früher schon sagte, ein drittes Reich (neben organischer und anorganischer Welt) ist, das ist mir in diesen Jahren der Wanderung immer mehr zur Erkenntnis geworden. Aber dieses Reich wird unserem Bewußtsein nicht gewonnen werden mit den Hilfsmitteln der Naturwissenschaft, wie ich früher glaubte, sondern durch pietätvolle Anerkennung einer auf wissenschaftlichem Wege erreichbaren Metaphysik.

Das heißt auch durch eine endgültige Umstellung in unserer heute unglaublich überheblichen Ansicht über die Grenzenlosigkeit und Möglichkeiten des menschlichen Willens.

Was das heißt?

*

Menschliche Kultur ist Steigerung, und zwar eine solche, die Bewegung zeigt in vorhistorischer ( nicht aber ebenso sicher in urgeschichtlicher) und geschichtlicher Zeit – eine Bewegung im Sinne eines Sichverschiebens von Osten nach Westen. Auf dieser Bahn ist sie aus dem Seelischen durch das Mythologische (wie ich es im »Zeitalter des Sonnengottes« und – in der Darstellung der »Aethiopen« angedeutet habe), Religiöse und Philosophische in das Finale des Zweckes gelangt, der am Ende der Bahn nämlich in Europa die Menschen ebenso beherrscht wie vordem Mythos, Religion und Philosophie. Diesen selben Wandel bringen die höchsten Willenssteigerungen des Menschen zum Ausdruck. Die Schweine werden auf Fett und kurze Schnauze, Kartoffeln auf Stärkegehalt, Kinder auf Mediokrität und Staatsviehzucht und Staatsbürger auf Polizeidisziplin, Parlamente auf Utilitarismus und Fürsten auf beamtliche Verwendbarkeit gezüchtet. Wenn im Beginne der Steigerung die Menschheit bereit war, das Leben für die Seligkeit zu zahlen und den Tausch als billig erachtete, so wird an dem Ende, bei dem wir angelangt sind, das Seelische und Metaphysische einerseits vertan und andererseits durch das wissenschaftliche Dogma mit dem Bann belegt. Und damit »schafft« der Mensch sich Lebensgarantien, die ihm alles sind: Sozialversorgung und Bequemlichkeit. Aber sein Wille kann alles – bis der Dampfkessel platzt.

Und er ist geplatzt.

Die »Willenskraft« der europäischen Kultur hat uns alle, Engländer wie Russen, Deutsche wie Franzosen, zu Kieseln gemacht, die rund sind wie in einem Gebirgsbach oder am Meeresstrande. Eine kulturphilosophische Delikatesse war es, diese Produkte des »menschlichen« Willens in ihrer schönen Glätte nebeneinander liegen zu sehen.

Aber jetzt sind sie in die Mühle Gottes geraten. Das künstliche Oberflächenpolieren ist zu Ende. Sie tanzen und springen zwischen den harten Rastern und den erbarmungslosen Trommeln des Schicksals. Und nun?

Der eine erweist sich als Granit, der andere als Sandstein, der dritte als Kalk und der vierte als Porphyr. Bruch und Farbe werden wieder erkennbar.

Das ist der Sinn dessen, was da droben in Europa geschieht, während wir hier in friedlichen Negerdörfern naturgewachsene Kultur, Unverzehrtes, Nichtverschliffenes erleben.

*

Das Wesen des Stils der Kulturen Europas zu erfassen, das wird meine endgültige Aufgabe sein. Denn das hat diese tolle Fahrt und die plötzliche Umkehr hier draußen gelehrt. Nicht im Ausgang des Krieges liegt das Schicksal der Kulturen Europas, sondern in ihrer Schälung, ihrer Rückkehr zur »Natur«, zum Stil!

Ich denke da jetzt häufig an meine Freunde am Niger und an ihren Streit um das Weltbild: Weitengefühl hier, Höhlengefühl dort! Ist es in Europa anders? Und welches sind die Sinnwerte der sich mir immer wieder aufdrängenden Gedanken über eine Verschiebung des Orients und eine Einengung des Okzidents?

Bange frage ich mich, ob Kraft und Werkzeug genügen werden, dem Sinne der Umkehr zu folgen und das von außen her zu erleben, was ich von innen her nur zu sehen gewohnt war. Ich weiß es, wie schwer die Last sein wird, die ich damit auf meine Schultern nehme. Aber einer muß sie tragen. Welches Schicksal aber auch diese meine Kriegsfahrt nehmen wird: der Stunde im Kiel der Sambuk und der erregenden Nächte im friedlichen Asmara werde ich stets gedenken.

Frobenius.

 

 


 

 

Veröffentlichungen des Forschungsinstitutes für Kulturmorphologie

Erlebte Erdteile

Ergebnisse eines deutschen Forscherlebens von Leo Frobenius

Bd. I. Ausfahrt: Von der Völkerkunde zum Kulturproblem.

Bd. II. Erschlossene Räume: Das Problem Ozeanien.

Bd. III. Vom Schreibtisch zum Äquator: Planmäßige Durchwanderung Afrikas.

Bd. IV. Vom Völkerstudium zur Philosophie: Der neue Blick.

Bd. V. Durch das Tor der Erkenntnis: Afrika im Lichte der Kulturmorphologie; Teil 1.

Bd. VI. Durch das Tor der Erkenntnis: Afrika im Lichte der Kulturmorphologie; Teil 2.

Bd. VII. Von den Formen zu den letzten Dingen: Metaphysischer Rundblick.

Es besteht die Absicht, die Reihe fortzuführen.


 << zurück