Autorenseite

 << zurück weiter >> 

14. Brief aus der Sahara.

An meinen Vater, den Oberstleutnant Frobenius.

Karte

Abb. 6. Kartenskizze zur sechsten Reise

(Sechste Reise.)
Die sechste Reise (1913-1914) hat in weit ausgedehnten Zügen das Gebiet zwischen Algier und Marokko, zwischen der marokkanischen Sahara und Oran, zwischen Tunis und dem Ziban sowie die Provinz Konstantine untersucht. Hauptaufgabe war das Auffinden der ältesten nachweisbaren Kulturen und derjenigen Reste, die noch aus jener uralten Periode stammen, in der das nordwestliche Afrika mit Spanien und Frankreich zu einem Erdteil verbunden war. Es gelang, in Hunderten von Grabungen und auf vielen Einzelzügen die ältesten Formen des Grabbaues und der Kunst des Zeichnens in Felsen resp. der Reliefdarstellung festzulegen. Die Untersuchungen wurden ausgedehnt auf die historischen Zeiten und endeten mit der Entdeckung heute noch geübter uralter Architekturformen. Der Förderer dieser Expedition war der deutsche Kaiser, der die Kosten aus seiner Privatschatulle deckte. Anmerkung des Institutes.

(1914.)

Felsbilder der Steinzeit. – Ermüdung. – Rückkehr zur Heimarbeit.

 

Taghit, den 3. März 1914. – Gestern habe ich mit allen meinen Herren einen prachtvollen Ausflug in den Teil des nördlichen Tales unternommen, den die so »fürsorgliche« französische Regierung zu betreten uns verboten hat. – Weil die umherstreifenden Berber so sehr gefährlich sind! »Gütige« Vorsicht!

Es war eine der herrlichsten unter meinen doch nun nachgerade nach Hunderten zählenden Wanderungen. Der Himmel herb getönt; über Steine und Sanddünen der Sahara im scharfen Wind; oft war es mehr ein Stampfen als ein Schreiten. Aber eine starke Luft, eine gemütserhebende Frühlingssonne, eine harte, seelenlose, eine tote, aber in ihrem Tode monumental gewaltige Natur. – Und am Ende der Wanderung ein alle Theorien bestätigendes großes Ergebnis: genau im vorgeschriebenen Felsgebucht ein Meer von Trümmern mit steinzeitlichen Felsbildern. Die Fundstelle »Taghitania Süd« wird auf dieser Fahrt entscheidend an Bedeutung bleiben; denn sie bedeutet alles, da ich daneben die Konstruktion der alten Gräber, auf dem Plateau die Steinwerkzeuge, endlich aber auch die Grundrisse der alten Profanbauten: Ovalwände mit Brennpunktstützen fand. Also alles beieinander, so daß ich das Recht habe, zufrieden zu sein.

Aber einmal muß ich es Dir beichten, daß ich nicht zufrieden bin. Warum nicht? Ich weiß es nicht genau. Nur bin ich mir bewußt, daß ein gewaltiger Unterschied besteht, zwischen dem unbezähmbaren Jubel, mit dem ich vor nun fast zehn Jahren meine ersten kleinen Funde buchte, und einer mir unangenehmen Gelassenheit, mit der ich heute das wirklich wesentliche Neuland ansehe. Dabei habe ich nicht das Gefühl, als ob ich ermüdet, überlastet, gleichgültig geworden sei. So ist es nicht. Ganz im Gegenteil! Ich brenne vor lodernder Sehnsucht; alles scheint mir hier zu fade gegenüber anderen Notwendigkeiten oder Möglichkeiten. Es liegt das weder an der Eigenart der hiesigen Arbeit noch an der Landschaft. Denn größer und herrlicher als Urwald und Steppe scheint mir der Sinn und das Wesen dieser Leben und Tod vereinigenden, ewigen Sahara. Nein, aus diesem im speziellen steigt die quälende Unruhe nicht empor!

Vielmehr sind es wohl Beobachtungen der letzten Wochen, die ihre Aufklärungen fordern und diese – nur daheim finden können. Schon am Rande der Wüste und anno 1910 dämmerten mir neue Begriffe auf. Schon damals erschien es mir so, als ob mit »asiatisch« im Sinne meiner Kulturlehre und der Nordafrikaner nichts Rechtes anzufangen sei. Anno 1912 wurde mir das in den Wüsten seitwärts Aegyptens schon deutlicher. Nun aber wird es mir ganz bewußt, daß »hamitisch« gegenüber »äthiopisch« etwas Gegensätzliches nicht nur nach Zeit und Rasse, sondern auch nach Raum und Seele sein muß – etwas, was tiefer liegt als Geschichte und historische Bedeutung, etwas, was in höherem Sinne Raumgebundenheit gegenüber dem Periodenwechsel ist; – vor allem etwas, was genau ebenso auch in Europa grundlegend und entscheidend, geschichtsbedingend und zeitlos überragend ist.

Hier oben in der Wüste, in Augenblicken, die mich als Einsamen auf der steinigen Hammada im Stampfen über die Sanddünen angetroffen haben, – in der unendlichen Einöde und Verschwiegenheit, – hier wurde es mir mehr und mehr klar, daß die Zeit des Sammelns und Erlebens nun bald einmal ein Ende nehmen muß und daß alle diese Reisejahre ein herrliches Durchgangsstadium bedeuteten, dem der Weg in schwere Verantwortung folgen muß.

Der Abschluß hier und der Beginn dort drängen!

Sicherlich will ich den Pflichten des Augenblicks mich nicht entziehen! Sicher habe ich hier und noch weiter im Süden viel zu tun und zu lernen. Und Du weißt, daß ich mich keinem Anspruch, der zu Recht besteht, entziehen werde.

Aber im ganzen genommen, fühle ich doch, daß das, was mich von jung an herauszwang und herausdrängte, erfüllt ist, daß neuer Lebenswille und auch Fähigkeit zu Neuem mich treiben und daß etwas Zwingendes neue Ansprüche an mich stellen wird.

Im übrigen fühle ich mich körperlich wohler, bin aber doch wohl nicht ganz gesund. Irgend etwas steckt mir im Gedärme, das sich noch nicht zeigt. – Eure Post erwarten wir nun in zwei oder drei Wochen.

Ueber die speziellen Expeditionsereignisse wird Dir usw.

gez. Leo.


 << zurück weiter >>