Irene Forbes-Mosse
Ferne Häuser
Irene Forbes-Mosse

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Frau von Goltermann

Es gab, als die Zeit ihrer Blüte schon viele Jahre zurücklag, immer noch Exemplare jener würdevollen Männerart, wie sie, backenbärtig und mit Atlaswesten und erstickenden Krawatten angetan, gegen Säulen aus Papiermaché gelehnt oder in ziemlich abscheulichen, aber gut gepolsterten Sesseln ausgestreckt, aus vergilbten Photographien uns anblicken; Unbekannte zumeist, oder wie Schatten durch unsere Erinnerung gehend.

Herr Ägidius von Goltermann hätte, bis auf einige Abweichungen in der Kleidung und Barttracht, aus einem solchen Album – zweite Hälfte des verflossenen Jahrhunderts – hervortreten können.

»Ein uranständiger Mann« hieß es jedesmal, nachdem man sich über ihn ausgelassen hatte. Ja, das war er. Er phantasierte sogar uranständig, wenn auch etwas eintönig, auf dem Klavier. Wirklich, er hätte ohne weiteres mit dem Prince Consort vierhändig spielen können.

Dabei gab es doch kleine, verschwiegene Blaubartskammern in seiner Vergangenheit. Adeline von Goltermann, seine zweite, »immer noch reizende« Frau, ließ sich nicht merken, daß sie darum wußte. Sie besaß eine wunderbare Kontrolle über ihre Gesichtsmuskeln, ein alter Pokerspieler hätte noch von ihr lernen können; und doch, wie gern würde sie manchmal etwas ironisch gezwinkert haben, wenn er, der meist Schweigsame, sich über den Wert eines geordneten Familienlebens – die Zelle, auf der der Staat beruht – ausließ. Aber sie gehörte zu den Menschen, denen es peinlicher ist, einen 53 andern zu beschämen, als selbst beschämt zu werden, und so beherrschte sie ihre Augenlider und Mundwinkel.

Frau von Goltermann hatte Stiefenkel, denn sie war ja Herrn von Goltermanns zweite Frau: liebe Kinder mit weichen, braunen Augen, anschmiegsam und dennoch scheu, wie junge Jagdhunde.

Sie wurde von ihnen bestaunt, etwa so, wie man einen Wunderknäuel betrachtet, der voller Überraschungen ist. Es war etwas ganz anderes als mit der Mutter. Diese, ob auch jünger als Frau von Goltermann, hatte etwas behaglich Abgerundetes, an dem sich nicht rütteln ließ: ja, bei einem Erdbeben hätte sie ihre Flügel nur noch weiter aufgetan und alle aufgenommen, nicht nur die eigenen, auch die Kinder vom Kutscher und von der Büglerin, ja sogar die jungen Hunde im Stall hätten Zuflucht gefunden. Doch die Großmama kam und ging wie die Schwalben, saß ein Weilchen, aber bald würde sie wieder auffliegen, während andre Erwachsene, wenn sie einmal saßen, so saßen sie. Und jeder Spaziergang mit ihr war wie eine Landpartie, denn sie liebte es, »einzukehren« und am Vormittag Nußtorte zu essen, was gewiß unmoralisch aber himmlisch war.

In der Stadt lebten sie alle in derselben stillen Straße, die im Sommer kühl war von düstergrünen, rotblühenden Kastanien. Frau von Goltermann liebte die schattigen Vormittage, sie schrieb im Bett unendlich viele Briefe – teilweise an ganz kuriose Menschen – oft auch badete sie den kleinen Seidenpudel, den ihr eine alte Schauspielerin hinterlassen hatte, denn sonst, hatte jene dem Notar gesagt, könne sie nicht ruhig sterben. Das alles brauchte Zeit.

*

Als Herr von Goltermann viele Jahre vor seiner Gattin aus diesem Leben schied, wie es bei dem großen Altersunterschied nicht anders zu erwarten gewesen, wurde er von ihr aufrichtig betrauert. Es war keine unharmonische Ehe gewesen, 54 und wo sich dennoch Widersprüche eingestellt hatten, halfen ihre guten Formen ihnen darüber hinweg. Dann, in den Jahren, als er zu leiden begann, war die Sympathie auf ihrer Seite immer mehr angewachsen, stärker wohl, als er und die Welt es wußten, und sie brachte ihm nun eine Nachsicht, ja ein Verständnis entgegen, die er früher oft entbehrt hatte. Die Krankheit hatte ihn wie ausgedörrt, von dem, was sie seine Prince-Consort-Allüren nannte, war nicht viel übriggeblieben, und eher mußte sie an die melancholische Vergnatztheit Friedrichs des Großen denken, wie er alt und enttäuscht und so viel sympathischer als zur Zeit seiner Erfolge in Potsdam saß und seinen Ofenheizer seinen besten Freund nannte. Herrn von Goltermanns Ironie, eine Art Selbstschutz, hatte zwar zugenommen, aber eine mit ziemlich umfassender Menschenverachtung Hand in Hand gehende gütige Toleranz gegenüber menschlichem Versagen im Einzelfall wurde immer deutlicher, eine Flora unter dem Eise, die zu ihrer Einbildungskraft sprach und eine reizvolle Wißbegierde in ihr erweckte.

Aber als es so weit war, wurden sie auseinandergerissen, und alles, was sie einander noch hätten sein können, versank in dem dunklen Loch, an dessen Rand einer steht und sich Fragen stellt, die nicht zu beantworten sind.

*

Herrn von Goltermanns Stadthaus mit dem dahinter liegenden großen Garten mußte verkauft werden, denn die Erbschaft ging in viele Teile; auch das meiste Mobiliar kam zur Versteigerung. Als alles aufgestellt und mit Nummern versehen war, ließ sich Frau von Goltermann vom Auktionator, einem, wie es sein Beruf mit sich brachte, taktvoll einfühlenden Manne, durch die veränderten, wie es schien größer gewordenen Räume führen und betrachtete die an den Wänden aufgereihten Besitztümer mit erstaunten Augen.

Aus dunklen, ihr kaum bewußten Winkeln und 55 Wandschränken waren Dinge zu Tage getreten, die sie nun mit Schatzgräbergefühlen musterte: Alte Puppenstuben, Violinen mit zusammengeschnurrten Saiten in ihren kleinen, filzgefütterten Särgen, Schachteln mit Glasdeckeln, durch die man silberne und goldene Glasperlen schimmern sah, andre, die uralte Sämereien enthielten (hatte man nicht einmal in einem Pharaonengrab Weizenkörner gefunden, die – o Wunder der Auferstehung – in die Erde gelegt zu keimen begannen?). Ach und die unfertig gebliebenen Stickereien auf feinstem, augenmörderischem Stramin, die vergilbten Kinderhäubchen und Tragekissen, ob Ägidius wohl ein solches Häubchen getragen, in solchen Steckkissen gestrampelt hatte? In unserer von hygienischen Grundsätzen starrenden Zeit war's gänzlich unbrauchbar.

Und wem mochten die schmalen Atlasschuhe ohne Absätze gehört haben? War nicht Herrn von Goltermanns Großmutter auf Java geboren? Nur sie konnte so winzige Füße gehabt haben. Auch der Musselinstoff, mit goldgrünen Käferflügeln benäht, stammte von ihr.

Stockfleckige Atlanten und naturgeschichtliche Werke in englischer und holländischer Sprache, Herbarien und Bilder exotischer Vögel mit aufgeklebtem Federkleid tauchten auf; vieles hätte sie gern zurücknehmen mögen, aber wo in aller Welt sollte sie eine Wohnung finden mit genügend Wandschränken und Gelassen zur Unterbringung der heimatlos Gewordenen? So wandte sie sich ab. Besser nicht mehr hinsehen. Aber es war ihr recht erbärmlich zumute. Dann aber mußte sie lachen, denn ihr letzter Blick war auf einen Sessel gefallen, den irgendein jagdlustiger Vorfahr aus Hirschgeweihen zusammengesetzt hatte, überall waren Zacken, an denen man hängen blieb, und Ägidius hatte gesagt, es sei wie in einem Baumkuchen zu sitzen. Die kleinen Schuhe ans Herz gepreßt, verließ sie die fremdgewordenen Räume, wehmütig und doch erlöst. 56

Auch Frau von Goltermann ist gestorben, und das muß ich ja am besten wissen. Doch Erinnerung ist der Wein, nach dem die Toten dürsten, weil er ihnen – o auf kurze Zeit nur – ein bißchen warmes Leben durch die Adern jagt, das Erdendasein vorgaukelt und all den süßen Unfug, den sie darin getrieben. Und dasselbe Verlangen haben wohl auch die Gestalten, die wir uns selbst erschufen, vielleicht als Lückenbüßer, weil die Geschöpfe aus Fleisch und Blut, denen wir anhingen, nicht gerade treulos, aber doch anders wurden; ähnlich einem bekannten und sehr geliebten Möbelstück, das zum Tapezierer ging und fremd und ein bißchen ungemütlich zurückkam, dasselbe und doch nicht dasselbe.

*

Frau von Goltermann zog ihr Astralgewand ein wenig fester um die Schultern und sah sich um. Sie hatte von ihrer Mutter, die noch die Krinolinenzeit erlebt hatte, das Talent geerbt, welches am Hof der Kaiserin Eugenie in hohem Ansehen stand, sich mit Grazie in einen Ramagenschal zu hüllen: l'art exquis de porter un cachemire. Zwar fror sie nicht, wie sollte sie auch, nun alles Irdische abgelegt war; es war sozusagen eine symbolische Gebärde.

Wenn vor vielen Jahren der aus Florenz mitgebrachte Canino – dort auf dem Blumenmarkt, wo der Bronze-Eber triefend sitzt, bei Wasserrauschen und Rosenduft und gellendem Geschrei, hatte sie ihren Gatten dazu vermocht, das süße Tier zu kaufen – wenn also Canino zum zwanzigsten Male sein kleines geschorenes Hinterbein erhob, worin Frau von Goltermann angstvoll ein beginnendes Nierenleiden zu erkennen meinte, hatte der selige Goltermann beruhigend versichert: »Rein symbolisch, Adelinchen, rege dich nicht auf.« Dies nebenbei.

Frau von Goltermann sah sich um. Also doch auf einem sogenannten Naturfriedhof. Wie sehr sie diese ihrer Unaufrichtigkeit wegen verabscheut hatte! Denn hier wurde der 57 Tod zur Attrappe. Man wandelte in Alleen, man erblickte eine Pyramide, eine Tropfsteingrotte, man wollte sich eben auf einer Bank im Druidenstil niederlassen, da merkte man, daß es Grabstätten waren, die an jene trügerischen Gebilde der Buchbinderkunst gemahnten, wie man sie einstmals geschenkt bekam, die immer etwas anderes waren, als sie darstellten. Schaudernd erinnerte sie sich an Dantes Divina Commedia, die, in rotes Moiréepapier mit Goldschnitt eingebunden und mit bejahrten Pralinés gefüllt, zum Dessert herumgereicht wurde, als sie mehrere Monate in einem etwas düsteren Florentiner Fremdenheim zubrachte. Dort hatte sie Ägidius kennengelernt, der daselbst die gepriesene lingua toscana aufzufrischen hoffte, während es finanzielle Gründe waren, die sie in die Pension di là d'Arno geführt hatten, wo es malerisch und schäbig, aber bedeutend billiger war als auf der eleganten, der sonnigen Seite.

Auch auf dem Naturfriedhof gab es Abteilungen, die genügsamen Leuten bestimmt waren. Wohl aus Ärger über die Extravaganzen jener besser situierten Inhaber, hatte der gekränkte Bürokratismus sich hier durch diktatorische Vorschriften Genüge getan. Höhe und Breite der Denkmäler, Bepflanzung und Einfassung der Grabstätten waren in eisernen Paragraphen festgelegt. So durften in dem einen Quadrat nur Monumente im Spitzbogenstil und dunkles Nadelgehölz stehen, ein anderes war dem Biedermeier mit entsprechend zugestutzten Buchsbaumhecken eingeräumt, in einem andern war von jeder Bepflanzung abgesehen, und es herrschte ein klobiger Kubikstil auf gelbem Wüstensand, der an Pharao und Elefantenhäuser erinnerte.

Frau von Goltermann, dank der letztwilligen Bestimmungen des wie immer uranständigen Ägidius in behaglichen Verhältnissen lebend und – wenn der Ausdruck in dieser Verbindung statthaft ist – auch sterbend, nannte einen ziemlich großen Rasenfleck am Rande eines Buchenhains ihr eigen: 58 eine flache Marmortafel, auf der ihr Name eingemeißelt war, ein niedriger Rosenbusch – aber er würde ja wachsen – zu Häupten, und an beiden Seiten, Bettvorlagen ähnlich, zwei längliche Beete, zur Zeit mit dunklen Pensées bepflanzt . . . Frau von Goltermann musterte ihre letzte Ruhestatt durch die langgestielte Lorgnette, die ihre Hand, gewohnheitsmäßig suchend, in den Falten ihres Astralgewands gefunden hatte. »Wirklich, nicht einmal so schlimm«, dachte sie, denn sie traute ihren Erben in Sachen des Geschmacks ziemlich Übles zu. Solche längliche Marmorplatte, von Löwentatzen getragen – sie selbst würde Sandstein gewählt haben, der rasch und lieblich in Undeutlichkeit versinkt – wenn noch ein gelbseidenes Polster darauf läge, wär's einem jener frostigen Ruhebetten der Empirezeit ähnlich, an denen man, von kummervollen Kastellanen begleitet, die dem abgesetzten Fürstenhaus nachtrauern, in riesenhaften Filzschuhen vorbeischlittert.

Ach, die lieblichste Grabstätte, dachte sie, war doch die des jungen, englischen Poeten, dort bei der Cestiuspyramide; kleines, im Gras verlorenes Denkmal, fast heiter in seiner Einfachheit mitten in der weiten Fläche voll Veilchen und wilder Narzissen. Schafe kamen und gingen, hoch oben, unsichtbar, jubelten die Lerchen. Ob es wohl noch so still, so unverletzt dalag, wie sie es gesehen? Staatsoberhäupter verfallen leider der Manie, sich in Fragen der Kunst, des Geschmacks einzumischen, und das ist fast unheilvoller als politische Vergewaltigung. Denn die Zerstreuten und Verletzten werden sich wieder aufrichten, die Welt ist mit Denkkanälen so durchzogen wie mit Gasröhren und elektrischen Drähten, da helfen keine Mauern, keine Dämme. Aber ein zerstörtes Kunstwerk, ein verschandeltes Stück Natur ist wie die verlorene Unschuld: unwiederbringlich.

Frau von Goltermann ging weiter in der milden Sommernacht, das heißt, sie schwebte, wie es ihr früher im Traum 59 manchmal vergönnt gewesen, nur eine Handbreit über dem Boden, wog sie doch leichter als die Luft. Ab und zu begegnete sie andern Spaziergängern, die ebenso dahinglitten. Sie waren mit verschiedenfarbigen Gewändern angetan: da gab es gelbe, rot geflammte, auch mißfarbige, seltener solche von einem tiefen, beglückenden Blau. Weiß wurde ausschließlich von Kindergestalten getragen, die sich gruppenweis hin und her schoben mit leisem Gesumm. Übrigens waren alle diese Hüllen mehr oder minder durch Flecken und Spritzer verunziert oder von Adern durchzogen, stärker oder schwächer, ohne bestimmte Zeichnung.

»Es wird wohl Batik sein«, dachte Frau von Goltermann, denn das war einmal höchste Mode gewesen, später aber, wie üblich, in billigstem Material hergestellt worden, und, wie Frau von Goltermanns Schneiderin es ausdrückte: »die besseren Damen rührten es nicht mehr an.«

Sie mußte wohl vor sich hin gesprochen haben, oder vernahmen Geister auch die Gedanken ihresgleichen, denn eine Stimme, lang verklungen, ihr aber erkennbar, erhob sich in ihrer Nähe und sagte berichtigend:

»Sie müssen, Verehrteste, einem älteren Bewohner, ich möchte sagen Stammgast, erlauben, Ihnen dies und manches andere zu erklären, was Ihnen zunächst neu sein dürfte: was Sie da sehen an Adern, Schatten und Spritzern, die an jenen künstlichen Marmorbelag erinnern, mit welchem – es ist noch gar nicht so lange her – die Wände unserer Treppenhäuser und Badezimmer dekoriert wurden (in meiner Heimatstadt nannte der Malermeister Hinrichsen diese von ihm betriebene Technik ›Marmoriermärmelei‹, und er gebrauchte dazu eine Katze, deren Vorderpfoten in graue oder ockergelbe Leimfarbe getaucht und den Wänden aufgedrückt – eine Art Bertillonverfahren – die dem Marmor eigene, unregelmäßige Äderung bewirken sollten) – ja also, gnädigste Freundin, diese Flecken und Spritzer sind nichts 60 äußerlich Zufälliges, überhaupt nichts Äußerliches, sondern sozusagen Seelenprojektionen, denn hier müssen wir – es ist aufschlußreich, wenn auch gênant, aber man gewöhnt sich daran und erträgt es, weil es den andern nicht anders ergeht, es ist so eine Art stillschweigendes Retourkutschensystem ›was mein Herr, Sie hatten einen Mord begangen?‹ – ›und Sie, meine Dame, haben Sie nicht durch Verleumdungen mehrere zerstörte Existenzen auf dem Gewissen?‹ – also wie ich schon sagen wollte, es sind Offenbarungen unseres verflossenen Lebens. Hier gehen wir nämlich in dem Gewand einher, das wir uns selber aus Taten, ja auch nur aus Gedanken, auf Erden gewoben haben: Wölfe in Schafspelzen gibt es hier jedenfalls nicht. Übrigens nenne ich Sie an diesem Ort willkommen, eine Ihnen gewiß selbstsüchtig klingende Begrüßung, sollte ich doch von Rechts wegen bedauern, Sie so früh schon in unserer Mitte zu sehen.«

Frau von Goltermann seufzte. Es war wie das Aufseufzen nach einer Dusche. Also hier fand sie ihn wieder, der ihr stets ein treuer Freund gewesen, sie aber mit seinen zahlreichen Parenthesen derartig wirbelig machte, daß sie ihres Gatten Einsilbigkeit hinterher wie ein beruhigendes Nervenbad empfand. Aber man durfte nicht ungerecht sein. An keinem ihrer Freitage hatte der Gute gefehlt. Punkt fünf trat er ein, meist mit Teerosen, er fand, sie hätten Ähnlichkeit mit ihr, und oh, es war rührend, wie er ihr beistand, wie er sich unermüdlich um die schwer assimilierbaren und desto anhänglicheren Einzelwesen – die »Thrombosen« nannte sie Herr von Goltermann – gekümmert hatte, wie sie auch in einer gesiebten Gesellschaft vorkommen, wenn die Hausfrau an jener unheilbaren Gutmütigkeit leidet, die es nicht fertig bringt, »Nein« zu sagen.

Viele Jahre hatte sie des alten Freundes nicht mehr gedacht, und doch hatte sein Tod sie damals betrübt, ja geschmerzt. Denn er war ganz einsam gestorben, gleichsam inkognito, 61 wie das seiner bescheidenen Art entsprach, und sie erkannte – wie ein Aufzucken war's – daß sie ihm während seines Lebens nicht genug Dankbarkeit erwiesen hatte. Aber eine dreißig Jahre anhaltende Dankbarkeit ist ja auch eine Aufgabe.

»Mein lieber A-moll«, sagte Frau von Goltermann, denn das war des Freundes heimlicher Spitzname gewesen, und hier sprach man ja alles aus, wie man dachte, das heißt, was man auch dachte, war den andern vernehmlich, und somit fiel jenes Höflichkeitstütü, mit dem die Menschen ihre Gedanken zu verhüllen suchen. in sich zusammen, und an seine Stelle trat die ungewollte Komik der absoluten Aufrichtigkeit, »mein lieber A-moll, welche Überraschung, nach so vielen Jahren, ich kann wohl sagen, eine freudige; denn sogar Menschen, die uns in der gewohnten Umgebung oft bis zu Tränen langweilten – und es gibt ja ein heimliches Gähnen, das Tränen herauspreßt – bringen in der Fremde, besonders wenn sie unerwartet auftreten, einen Heimatdunst mit sich, der uns in eine Stimmung versetzt, wehmütig und doch, ich möchte sagen, komfortabel, wenn auch ein kleiner Reuestachel nicht fehlt, wie immer, wenn wir der Dinge gedenken, die wir nicht genügend würdigten, als sie noch unser waren; eine Gefühlsmischung, die, glaube ich, wie keine andere das Memoirenschreiben begünstigte.«

»Ich wäre überglücklich, Teure und Verehrte«, sagte A-moll, »wenn mein Anblick Ihnen angenehme Zeiten, oder auch nur Stunden zurückriefe. Jene Nachmittage vielleicht, Novembernachmittage, die man auch Abende nennen konnte, denn schon um vier Uhr brachte Ihr alter Wichmann – er trug Zeugschuhe seiner Gicht halber, und das hatte etwas Rührendes – die verschleierten Moderateurlampen einer schon damals verklungenen Zeitperiode, aber o wie dankbar mußten wir sein, daß Ihr verewigter Gemahl sie weder auf Petroleum oder noch später auf Elektrizität umarbeiten ließ; 62 milde wie das goldene Öl, das sie speiste, war ihr Licht. Er hatte ja wohl mütterlicherseits einen Tropfen holländischen Blutes in den Adern, seines beinahe irritierenden Phlegmas gedenkend scheint es mir glaubhaft, und es gibt ja nichts Konservativeres als einen Holländer, machen sie doch heute noch den Tee auf sogenannten Stövkens, wozu sie glimmenden Torf verwenden, was Qualm und Migräne zur Folge hat – . . . ja«, sagte der Geist des Freundes, innehaltend, als suche er in einem verworrenen Garnknäuel nach dem Fadenende – »ja also, jene Teestunden sind mir unvergeßlich. Das sanfte Licht durch rosige Schleier, das Sie so erstaunlich jung erscheinen ließ, obgleich Sie, teuerste Freundin, damals die Fünfzig schon reichlich überschritten hatten und das Tageslicht Ihnen weniger wohlwollte – ach und der Duft von Teerosen und Herbstveilchen – mir so viel sympathischer als das eindringliche Parfüm, welches Ihnen jener süffisante Sekretär der französischen Botschaft – Ihr Flirt mit dem so viel jüngeren Manne wurde viel belächelt – literweise und zollfrei aus Paris kommen ließ, wodurch Sie den Staat um nicht unwesentliche Einnahmen schädigten – ach aber, Sie Unvergessene weil Unvergeßliche, wenn Sie dann in Ihrer ganz dilettantischen Art über Politik und andere Zeitfragen zu reden anfingen, ja sogar philosophische Probleme schreckten Sie nicht ab, und der Ausspruch ›Mathematik sei eine Glaubenssache‹ stammte ja wohl auch von Ihnen! Ihr Gatte amüsierte sich in seiner knickebärtigen Weise königlich über die Raketen, die Sie bisweilen steigen ließen, wenn er, was freilich selten geschah, anwesend war. Er hatte so eine ziegenbockartige Manier zu lachen, ›hähä‹ – im Grunde war er Ihrer ja nicht würdig, breitete freilich seidene Teppiche unter Ihre schönen Füße . . . und genoß Ihre kleinen ›Gaffes‹ und wohl etwas absichtlichen Kindlichkeiten wie Delikatessen: zum Beispiel, wenn Sie Kuxe für ein Heizmaterial erklärten und es sich gar nicht ausreden ließen, bis Ihr 63 Gatte den Brockhaus holte – sonderbar wie Frauen sofort klein beigeben, wenn man mit etwas Gedrucktem kommt . . . ach, liebe Freundin, nehmt alles doch in allem, jene Nachmittage waren der Champagner meines Lebens.«

»O Sie Guter«, sagte Frau von Goltermann, »aber eigentlich war's doch nur Limonade mit Selterswasser.«

Sie war etwas nachdenklich geworden. All die Reminiszenzen, hier zwischen Grabmonumenten, und wie er so ruhig feststellte, daß sie damals doch nur bei abgeblendetem Licht . . . im Chiaroscuro . . .

»Sagen Sie, lieber Freund, sind wir nun eigentlich unsterblich?« fragte sie, ihre Gedanken unterbrechend und das Gespräch auf ein andres, wenn auch naheliegendes Thema lenkend.

»Das kann uns nur die Zukunft lehren«, erwiderte A-moll, und irgendwie hatte Frau von Goltermann die Empfindung, daß diese Antwort nebenaus ging, ähnlich dem Spruch an der Gertraudenlinde: (war die in Hildesheim, oder verwechselte sie's mit dem tausendjährigen Rosenstock) »O ewjch is so lang!«

»Seit einiger Zeit beobachte ich«, fuhr A-moll fort, »daß mehrere meiner Nachbarn, Kollegen, Mitchristen, wie Sie's nun nennen mögen, blasser, undeutlicher werden, ja, eine Anzahl sind schon ganz hingeschwunden. Ob sie sich nun als feiner Rauch verflüchtigt haben oder wie der Schaum zurückebbender Wellen, vom Sande eingeschluckt, in der Materie verschwunden sind oder in neue Formen geschlüpft wie der Einsiedlerkrebs in leere Muscheln, was ja wohl der Seelenwanderungstheorie nahekäme, oder ob sie ausgesaugt wurden, schwammartig, von einem riesigen Anziehungskörper, welchen ich mir durchsichtig, daher nicht wahrnehmbar vorstelle, eine Riesenqualle, die uns einschlürft und verdaut und von neuem projiziert, vielleicht auf andere Himmelskörper ausspeit in Gestalt glasiger Schleimklümpchen, wo dann, 64 durch uns unbekannte Reizungen chemisch-physikalischer Art angekurbelt, derselbe Prozeß, von uns Leben genannt, aufs neue beginnt . . . ja, man könnte auch annehmen . . .«

»Ich bitte Sie, mein Freund«, unterbrach ihn Frau von Goltermann, »hören Sie auf, mir wird wirbelig bei Ihren unappetitlichen Vorstellungen, und ich lechze plötzlich nach dem Apostolischen Glaubensbekenntnis. Wenn auch primitiv, so kommt es mir doch vor wie eine aufgeräumte Schublade neben dem Wirrwarr Ihrer Exkurse ins Unerforschliche.«

A-moll antwortete nicht, denn er verneigte sich eben mit besonderer Höflichkeit vor einer kleinen, dürftigen Gestalt, die an ihnen vorbeischwebte. Ihr Gewand war lichtgrün und sauber, sie steckte darin wie ein Maiglöckchen in seinem Blatt.

»Ich sehe, Sie haben auch hier Schützlinge«, sagte Frau von Goltermann etwas spitz; seine Bemerkungen über Moderateurlampen wurmten sie noch immer.

»Ja«, antwortete A-moll, »ich fühle mich seltsam hingezogen zu kleinen, schüchternen Seelen, die einsam ihrer Wege gehen.«

»Ich weiß es«, sagte Frau von Goltermann, »Sie waren immer ein bereitwilliger Schutzengel, diese himmlischen Schupos werden Sie gewiß mit Freuden in ihren Reihen aufnehmen. Auch ein bißchen Don Quixote war dabei, wissen Sie noch, die ›Thrombosen‹? Die alte Sängerin, die nie aufhörte, wenn sie einmal angefangen hatte? Ihr spezielles Amt bestand darin, sie dem Flügel fernzuhalten. Gott! Die Arme . . . welch Trümmerfeld!«

»Und war doch einmal so schön, daß sich ein Erzherzog ihretwegen erschossen hat«, sagte A-moll. »Browning hat das wundervoll ausgedrückt:

»Carebit, erased, broken up beauties
Ever took my taste supremely.
« 65

Schöner gesagt, als ich es vermöchte, aber was den Sinn betrifft, könnte es von mir sein.«

A-moll zitierte gern, sein ungewöhnliches Gedächtnis verleitete ihn dazu; böse Menschen behaupteten, er lese den Büchmann in der Elektrischen, so wie Pfarrherrn ihr Brevier.

»Ja, das stimmt«, sagte Frau von Goltermann, »broken up beauties . . . ein bißchen pervers, wie Schillers Vorliebe für angefaulte Äpfel. Dem verdankte wohl auch ich Ihre ritterliche Anhänglichkeit.«

Der Freund gab seiner ins Violette spielenden Toga einen Ruck. (Er hat etwas von einem Gymnasiallehrer, der sich vorkommt wie Demosthenes, dachte Frau von Goltermann.) Ihre Gedanken überhörend, lächelte A-moll konziliant.

»Verehrteste«, sagte er, »es gibt da doch Nuancen, aber seien wir nicht zu spitzfindig. Wenn ich Sie auch immer mit der Königin von Saba verglich, so bin ich doch kein Salomo und würde stets den kürzeren ziehen bei unsern Debatten. Was übrigens meine bescheidenen Hilfsaktionen denjenigen Ihrer Gäste gegenüber betrifft, die, wie soll ich sagen, sich nicht ganz der in Ihrem Salon herrschenden Tonart anschlossen, so waren doch Sie selber die virtuoseste Schlangenbändigerin. Ja, ein Fakir hätte noch von Ihnen lernen können.«

»Schlangenbändigen«, sagte Frau von Goltermann, und ihre Mundwinkel zuckten belustigt – »das ist gar nichts. Ein Talent wie ein anderes, man hat es oder man hat es nicht. Aber Nilpferde elektrisieren, das ist eine Wissenschaft, das bringt nur Beharrlichkeit zuwege und ein unendlich guter Wille, und den, lieber A-moll, hatten Sie, und ich werde es Ihnen nie vergessen.«

»Nun, ich neige mich Ihrem Urteil, meine Gönnerin, was bleibt mir sonst auch übrig? Was ich tat, tat ich gern. Aber wenn es Ihnen recht ist, will ich Ihnen die Geschichte jener kleinen Grünen erzählen, die Sie zu interessieren schien. Ich 66 habe sie im Leben nur flüchtig gekannt, und schon damals erweckte sie meine Teilnahme. Hier nun, wo sie sehr einsam ist, hat sie sich mir mit einem Vertrauen aufgetan wie einem alten Freunde. Im Leben hieß sie Blümchen. Bei Ihrer mir wohlbekannten Güte, die Sie zu verbergen lieben, wie andere irgendeinen Geburtsfehler, denn Ihre persönliche Note ist ja doch ein kurioses Gemisch von Schamhaftigkeit und Zynismus – wird sich, ich bin dessen gewiß, Ihre Spottsucht in Verständnis verwandeln. Hier, diese bemooste Steinplatte, von deren Inhaber, einstmals eine Leuchte der Wissenschaft, längst nicht mehr aufgesucht, dürfte sich zum Sitzplatz für uns eignen. Vor Rheumatismus und Hexenschuß brauchen wir, allem Körperlichen Entrückten, uns ja nicht zu fürchten.«

*

Die Geschichte vom Blümchen, der kleinen Grünen, bekam Frau von Goltermann natürlich nicht in deren eigenen Worten zu hören, was sie bedauerte; aber sie hätte ja doch nicht die Geduld gehabt, diese Erinnerungen aus ihrer Verpackung von Seufzern, Gedankenstrichen und sprunghaften Assoziationen herauszuschälen, worin gerade A-molls besondere Fertigkeit bestand. War's ihm doch auch, als er noch auf Erden wandelte, eine stille Wonne gewesen, raffinierte Kreuzworträtsel aufzulösen, wie es auch in seiner Knabenzeit die schönste Art für ihn gewesen war, den Sonntag zu verbringen, wenn ihm die Tante, eine pensionierte Hofdame, die an ihm Mutterstelle vertrat, erlaubte, ihre Chiffonière aus- und wieder einzuräumen, verblichene Bändchen auseinanderzuknüppern und säuberlich um vergilbte Briefpakete zu binden oder verkrümpeltes Stanniol – die Tante war eine enthusiastische Zigarettenraucherin – zu glätten und zu Kugeln zusammenzukneten, deren Endzweck Geheimnis blieb.

»An grauen Novembertagen«, begann er, nachdem sich Frau von Goltermann mit gewohnter Grazie und einem kleinen Seufzer niedergelassen hatte, fürchtete sie doch von A-molls 67 Satzgefüge eingeschläfert zu werden – »an grauen Novembertagen, wenn die Radspuren auf den Wegen dünne Eisspuren aufwiesen und es um vier schon dunkel wurde, und später noch im Jahr, wenn der Winter mit tanzenden Flocken und allerhand Glitzerzeug Fröhlichkeit vortäuschte, standen Brüderchen und Schwesterchen am Fenster und drückten ihre kleinen Nasen an den Scheiben platt.«

(Dies alles aber konnte A-moll so eingehend beschreiben, weil es Blümchens Erinnerungen, auch die längst vergessenen, unbewußt gewordenen, waren, die wie ein Gewölk sie umschwebt hatten, während sie es ihm erzählte.)

»Die Kinder kannten einen jeden, der da unten vorbeiging, seiner Wohnung, seiner warmen Küche zu, denn es war ja ein ganz kleines Städtchen, in dem sie lebten.

Der Briefträger war des Gehens gewohnt, auch bei dem ärgsten Glatteis hatte er Flügel an den Füßen, aber da waren Alte mit Stöcken und Filzschuhen, die gingen zitternd und bedächtig; Kinder schlitterten an ihnen vorbei, rasch noch einmal den Berg hinab auf dem festgetretenen, glitschigen Schnee, ehe es ganz dunkel wurde.

Wenn dann die Mutter die Lampe brachte – sie war aus blauem Milchglas und schwitzte aus, alles Abwischen war umsonst – ließ sie rasch das Fensterrouleau herunterschnurren, und die Außenwelt verschwand.

Das Rouleau war aus bemalter Glanzleinwand und knatterte, jeden Abend war's ein Wiederfinden bei dem bekannten Laut. Eine Burgruine war darauf abgebildet, die sich in einem blauen Teiche spiegelte – dahinter ein gelber Abendhimmel, und wunderbare Vögel schwammen und stelzten herum. Das Ganze war von Weinlaub eingerahmt, in welchem ungewöhnlich große Trauben hingen. Die Kinder bewunderten das Fensterrouleau über die Maßen; wenn sie groß waren, wollten sie dorthin reisen, wo es solche Burgruinen gab, das war eine abgemachte Sache. 68

Die Mutter war eine große, hagere Frau, mit vollem Kraushaar, mehr grau als schwarz, sie liebte die Kinder, die ihr spät im Leben gekommen waren, fast wie ein Raubtier, was sie mehr durch Knurren als Streicheln kund tat. Vater war breit, rot und gemütlich, das heißt, wenn er nicht betrunken war. Dies geschah aber seit einiger Zeit viel seltener, und das war, seit Vater die Bibelstunden bei Bruder Wohlgemut besuchte, der eigentlich ein Flickschuster war, aber nun hieß es, er sei ein Apostel, keiner von den alten, echten, denn die waren ja schon ewig lange tot, aber auch kein unechter, denn Gott hatte ihn auserlesen, so sagte er selbst. Bruder Wohlgemut verdammte den Alkohol jeglicher Art, und den Tabak nannte er ein Teufelskraut. Die Mutter war gar nicht erbaut über diese Wandlung. Was ein rechter Mann ist, sagte sie, soll seine Zigarre haben und sein Glas Wein, ja, und auch ein Räuschchen ab und an ist nicht das Schlimmste; schlimm sind nur die Kopfhänger und die Zuträgerei . . .

Nach einem halben Jahr hatte Vater den Bruder Wohlgemut satt. Denn er hatte ihn auf einer Lüge und einer Verleumdung ertappt, und nun schüttete er wie das Kind im Badwasser die ganze Christenlehre und alle guten Vorsätze mitsamt dem Bruder Wohlgemut aus.

Die Mutter verlor kein Wort über die abermalige Schwenkung. Männer haben eben zuviel freie Zeit, sagte sie, da kommen sie auf all den Unfug. Wo bliebe unsereins, mit den Kindern und der Hausarbeit, wenn wir da mitmachten. Aber was will man – es muß getragen sein.

Sonntags aber ging sie wie bisher mit Blümchen zum Gottesdienst in die Landeskirche, denn, sagte sie, es gehört sich so, und wenn die Kleine auf dem Heimweg Fragen stellte, denn da war vieles, was sie nicht verstand, sagte sie: das ist auch nicht nötig, unser Herr Pfarrer wird es wohl am besten wissen, was willst du noch mehr? Später belauschte 69 sie einmal die Kinder, als Blümchen dem kleinen Brüdi gebot, gerade zu sitzen und die Händchen zu falten, während sie ihm aus einem alten Kalender etwas über Mondfinsternisse vorlas, und mit den Worten schloß: Verstehen brauchst du es nicht, aber es gehört sich so, unser Herr Pfarrer weiß alles. Wozu das Brüdi ein dummes Gesicht machte und erleichtert in seine Spielecke zurückkehrte, die Mutter aber im Dunkeln auflachte, was so klang, wie wenn ein Tier im Stall den Husten hat.

Ein Jahr später drückten sich keine kleinen Nasen mehr an die Fensterscheiben, wenn die Flocken tanzten. Das Brüdi sah dem nun von oben zu, dachte Blümchen, und das war gewiß auch schön, aber den Briefträger konnte es wohl nicht mehr erkennen, nicht die Hökerfrau unter ihrem großen grünen Schirm oder den knurrigen Polizeidiener mit den Ohrenklappen, der die Kinder einmal zum Kaffee mitgenommen hatte, und das war gewiß ehrenvoll und gut gemeint, aber doch graulich gewesen, als wäre man beim Menschenfresser zu Gaste.

Blümchen aber hatte, zugleich mit dem Brüdi, die geheimnisvolle Krankheit gehabt, die ganz plötzlich die Kinder befiel, daß die Schulen geschlossen werden mußten und es unerwartete Ferien gab. Aber während die Seuche dem kleinen Brüdi zu Engelsflügeln verhalf, so Blümchen nur zu Krücken, und wenn es mit der Zeit auch besser wurde und sie am Stock zu humpeln begann, blieb die Treppe doch ein Hindernis, und wenn keine Hilfe kam, mußte sie eben am Fenster sitzen und sich in Geduld üben.«

»Hat sie Ihnen das alles selber erzählt?« unterbrach Frau von Goltermann. »Ich mußte die ganze Zeit an die engelhaften, allzu engelhaften Geschöpfe von Dickens denken, Little Dorrit, oder die Schwester des kleinen Dombey, so, was die Engländer ›sobstuff‹ nennen . . .«

»Ich habe«, sagte A-moll gekränkt, denn er fand Frau von 70 Goltermann herzlos, »ich habe Blümchens Gedanken gehört, oder auch gesehen, denn wir sind ja hier transparent. In Worte brauchte sie's kaum zu fassen, es flutete so hindurch, ganz ungewollt, ich brauchte nur ein bißchen aufzupassen.«

»Wie kommt es eigentlich«, frug Frau von Goltermann, »daß Ihr Blümchen gerade auf diesem Friedhof – ja, darf man bei einem Friedhof von dernier cri reden? – also diesem hochmodernen Friedhof die letzte Ruhe fand, wenn man angesichts des Nachtlebens, das uns umwogt, überhaupt von Ruhe sprechen kann. Ich hätte gedacht, sie würde bei ihrem kleinen Bruder liegen, unter so einem Holzkreuz mit Giebeldach, wie man sie noch auf Dorfkirchhöfen findet. Viel hübscher als alles, was ich hier sehe.«

»Arme Leute«, sagte A-moll, noch immer etwas gepfetzt, »werden da begraben, wo sie gerade sterben. Überführungen in die Heimat sind ausgeschlossen. Übrigens gibt es auch hier Abteilungen für anspruchslose Leute. Es wird, um mich landläufig auszudrücken, für sie kein Extrastorch gebraten, sie liegen in Reih und Glied ohne alles Brimborium. Blümchen aber starb zufällig in einem Villenviertel in der Nähe, wohin sie das Schicksal verschlagen hatte. Ihre Kinderheimat hatte sie seit mehreren Jahren verlassen. Wie aber – wenn Sie eine sogenannte Retourkutsche entschuldigen wollen – soll ich mir erklären, daß Sie, meine Gönnerin, hier einsam wandeln und nicht an der Seite Ihres vortrefflichen Gemahls?«

»Ägidius«, erwiderte Frau von Goltermann wehmütig lächelnd und mit gleichzeitigem Hochziehen der Augenbrauen, was ihrem Gesicht etwas Perugineskes verlieh, das Herr von Goltermann besonders an ihr geschätzt hatte – »Ägidius starb in Florenz. Dort auf den Allori ruht er, was in der Übersetzung klingen mag, als ruhe er auf seinen Lorbeeren. Aber Sie haben ja selbst in Florenz – von deutschen 71 Reisenden mit Vorliebe die ›Arnostadt‹ genannt – längere Zeit gelebt und wissen, daß es die Stätte ist, wo Protestanten verschiedenster Schattierungen, übrigens auch orthodoxe Russen, die letzte Ruhe finden. Auf dem Wege zur Certosa kommt man dran vorbei, und es liegen dort einige in deutschen Landen berühmte Persönlichkeiten – Ludmilla Assing zum Beispiel, von der Heine sagt, er habe nach einem Gedankenaustausch mit ihr so ein seltsam leeres Gefühl im Kopf gehabt . . . Ach, mein Freund, ich hätte gar nichts dagegen, an Goltermanns Seite zu ruhen, ja es wäre mir lieb gewesen, wir hätten uns im Tode wieder zusammengefunden, denn«, fuhr sie mit der überraschenden Aufrichtigkeit laut werdender Gedanken fort, »ich bekenne, daß ich Ägidius erst ganz gewürdigt habe, nachdem ich Distanz von ihm gewann und seine Absonderlichkeiten mich nicht mehr in eine Gegensätzlichkeit trieben, die wohl unvermeidlich war. Jetzt, in der Erinnerung erscheinen mir seine kleinen Schrullen ganz amüsant. Trop tard. Unser Geschmack ändert sich eben mit der Zeit. Nicht nur in Fragen der Kunst und der Literatur, auch was Menschen betrifft. Gerade wie man als Kind Paul Thumann bewundert und später dann nicht mehr. Daher die Geschmacksverirrungen bei frühen Heiraten. Goltermanns viktorianische Korrektheit, verbunden mit einer fast vitriolösen Ironie, war mir in den ersten Jahren unserer Ehe unheimlich, ja bisweilen unerträglich. Aber dann hatte ich mich dran gewöhnt, und ich habe sie später bisweilen vermißt. Mit gewissen Speisen ist mir's ebenso ergangen: Curry zum Beispiel oder jene schwarzen ölglänzenden Oliven, die man per due soldi beim Pizzicagnoli kauft. Zuerst fand ich sie abscheulich, später konnte ich ein fast quälendes Verlangen danach empfinden. Womit ich nicht sagen will, daß ich Ägidius anfangs abscheulich gefunden hätte. Dann würde ich ihn doch nie geheiratet haben, es zwang mich ja niemand dazu. Aber eins ist gewiß, ich bitte ihm heute vieles ab, denn 72 im Grunde hat er mich nie enttäuscht. Er besaß die gewisse Flora unter dem Eise, die einen fremdartigen Reiz hat. Enttäuscht haben mich viele andere, Alte und Junge, auch berühmte Kunstwerke und vielgepriesene Landschaften. Sogar Kinder, die doch so niedlich sind. Tiere am wenigsten, nein, die nicht. So ist allmählich recht vieles von mir abgefallen. Wie Blätter. Schließlich habe ich den Himmel nur noch um negative Gnaden gebeten, das Fernbleiben unerträglicher Krankheiten, das Ausbleiben aufregender Nachrichten. Und wenn ich sicher war, daß es meinen paar übriggebliebenen Freunden gut ging, fand ich mich drein, wenn ich sie auch nie wiedersah. Um große Glücks-Feuerwerke – pièces montées nennt man die wohl, oder ist das etwas Kulinarisches? – ist es einem im Alter nicht mehr zu tun. Hingegen so ein stiller Nachmittag mit einem gut geschriebenen Buch – Mérimée blieb immer für mich der Höhepunkt – und dazu ein wirklich tadelloser, hübsch servierter Kaffee, darauf habe ich bis zuletzt viel gegeben; was den Kaffee betrifft, meinten die Ärzte sogar zu viel. Doch genug der Parenthesen; ist es deren Schuld oder ist mir das Milieu noch zu ungewohnt, ich fühle mich zerrinnen und wünsche Ihnen geruhsame Nacht.«

*

»Erzählen Sie mir heute etwas Erfreuliches«, sagte ein paar Abende später Frau von Goltermann, als sie wieder mit A-moll auf der Schwebepromenade zusammentraf. »Ich finde zwar nicht, daß Kirchhöfe etwas speziell Deprimierendes an sich haben; dazu sind sie zu absichtlich. Es ist mir damit wie mit so schwermütigen Adagios, die als beaux ténébreux der Byronzeit einherschreiten, im Grunde lassen sie mich kühl, während ein Walzer, ein kleiner Gassenhauer, plötzlich aus der Ferne gehört, das Herz zusammenschnüren kann zum Ersticken. Aber item, wie Ägidius zu sagen pflegte, heute bin ich deprimiert und bedarf der Zerstreuung.« 73

»Ich merkte es bereits«, sagte A-moll, »an Ihrer etwas schwerfälligen Art, sich fortzubewegen. Aber Sie haben ganz recht, teure Freundin, Ruinen und Adagios und auch Friedhöfe waren gar nicht so schlimm, ja und Trauerweiden hatten sogar einen Stich ins Komische. Da gab es andere Dinge. Zum Beispiel Badeorte, so Mitte Oktober, wenn die Kioske schließen und überall Kastanien herunterpurzeln und die Stühle übereinander gestellt werden . . .«

»Ach«, sagte Frau von Goltermann, »und nun erst der Löwe von Luzern. Ägidius fand ja, er sehe aus wie ein alter Posthalter, der einem Löwen gleicht. So an einem Tag mit Nieselregen. Es führt so eine Art Via Appia zu ihm hin, rechts und links von überlebten Buden flankiert, wo man Wanduhren mit Steinböcken kaufen kann und Bären in allen Situationen, die der Mensch erdenkt, denn kein Bär käme von selber darauf. Oh, und von der Löwenhöhle tropft das Wasser so unbeschreiblich traurig in den kleinen Tümpel.«

»Oder stellen Sie sich, wenn Sie's können, den sogenannten Gesellschaftssaal vor in einem kleinstädtischen Hotel«, sagte A-moll. »Das Podium ist leer, nur ein paar Notenpulte stehn da und zwei Kontrabässe in grauen Flanell gewickelt, als hätten sie Halsweh. Und an der einen Wand ein Glasschrank mit silbernen Sängerpreisen. Und es riecht so desolat nach längst getrunkenem Bier.«

Aber Frau von Goltermann überbot ihn wie immer. »Das Schaufenster einer Delikatessenhandlung kann auch sehr deprimierend wirken«, sagte sie. »Da krabbeln Hummer mit zusammengebundenen Scheren – sie sind schwarz. Aber einer in ihrer Mitte, ein Großer, ist abgekocht, und darüber wundern sie sich, denn er ist feuerrot.«

»Ja«, stimmte A-moll bei, »wie ein toter Kardinal, den die niedere Geistlichkeit umringt. Aber wissen Sie, gräßlich ist auch ein kleiner Stadtgarten, an einem heißen Julinachmittag, man hat den Zug verpaßt . . .« 74

»Und in der Konditorei gab es schlechten Kaffee mit einer Milchhaut«, ergänzte Frau von Goltermann, »und Kuchen unter einer Glasglocke, so alt wie Tut-anch-Amons Überreste. Nein, hören wir auf, mein Freund, wir überschrauben einander, wohin soll das führen? Selbstmord können wir doch nicht mehr verüben.«

»Eine Bemerkung möchte ich noch einschalten«, sagte A-moll (und das ist ja Ihre Spezialität, dachte Frau von Goltermann), »haben Sie nie in solchen Momenten der Depression einen eigentümlichen, schwer klassifizierbaren Reiz empfunden? Einem Stachel ähnlich, den man sich in einer unerklärlichen Perversion des Gefühls immer noch tiefer in die schmerzende Stelle drückt? Ähnlich der rätselhaft genußreichen Bitterkeit einer unverdienten Demütigung?«

»Sie sind mir zu subtil, A-moll«, sagte Frau von Goltermann, »ja, ich muß staunen über Sie, als ob mich aus einem Goldfischteich plötzlich ein grünhaariges Meerungeheuer anstarrte.«

Sie wandelten eine Weile, dann dachte sie: Warum eigentlich besuchen uns keine Geister aus andern Ländern? Der Tod ist doch eine internationale Sache. Zum wenigsten unsere Angehörigen, die in der Fremde sterben, Ägidius zum Beispiel . . . »Nein, bester Freund«, unterbrach sie sich, denn sie merkte, er hatte ihre Gedanken gehört, »Sie müssen das recht verstehen . . . Ägidius, so hin und wieder . . . Bei uns stand immer eine Flasche Worcestersauce auf dem Tisch, monatelang rührte man sie nicht an. Dann, an einem Abend, als das Dinner etwas fade ausgefallen war, streckte ich – ganz mechanisch – die Hand danach aus – aber gerade an dem Abend fehlte sie.«

»Ja«, sagte A-moll etwas säuerlich, »Ihr verewigter Gemahl, den ich nie gewagt hätte, mit etwas so Gepfeffertem zu vergleichen – übrigens behauptete meine Tante, sie war rabiat deutschnational und wischte den Briten gern eins aus, 75 diese spezifisch britische Sauce würde aus den in England Cockroaches benannten Küchenschaben angefertigt, diesen widerlichen Insekten, welche in Norddeutschland Russen, in Rußland aber Prussaken genannt werden, eine Illustration der zwischen Nachbarvölkern bestehenden, unausrottbaren Gegensätze – aber, um auf Ihren verewigten Gemahl zurückzukommen, er hatte sich ja wohl in den letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr auf Kunstgeschichte konzentriert – San Marco – die Uffizien – dort wird er nun wandeln, es ist das Nächstliegende für ihn.«

Frau von Goltermann seufzte. »Ach ja, mit dem Quattrocento hat er mich recht gepeinigt. Meine Geschmacksrichtung war eine ganz andere. Ich strebte den Sälen zu, wo die Watteaus hingen. Ach und Tiepolo! Der gegebene Plafondmaler für die himmlischen Gewölbe. Wissen Sie etwas Näheres über Tiepolos Schicksale? Welch entzückender Mann muß er gewesen sein. So recht zum Verlieben. Diese Farbenfreudigkeit – la joie de vivre – und dabei doch alles diskret. Aber Ägidius war nun mal mehr fürs Herbe.«

»Das war ja auch in der Florentiner Umgebung ganz natürlich«, meinte A-moll. »Ihre Lieblinge setzen andere Kulissen voraus: Gondeln, Paläste mit Maskengeschwirr . . .«

»Ach ja, entzückend! Aber dieser ewige Savonarola. Mit ihm wurde Ägidius niemals fertig.«

»Eigentlich sonderbar für einen Kunstenthusiasten. War doch jener ein Banause, ein Bilderstürmer und Asket, der seinem Vitzliputzli unersetzliche Kostbarkeiten in den Rachen warf.«

»Ach, eigentlich konnte Ägidius ihn gar nicht leiden. Er ging ihm nach wie so ein Freudianer. Ich glaube, er hätte ein teuflisches Vergnügen gehabt, ihn auf verborgenen Irrwegen zu ertappen.«

»Sonderbare Marotte«, murmelte A-moll. Frau von Goltermann seufzte. »Trotz alledem«, sagte sie, »so richtig habe doch nur ich Ägidius gekannt. Und auch gewürdigt. Aber 76 leider erst ziemlich spät. Er konnte ganz überraschende Sachen sagen. Eigentlich erfrischend. Zum Beispiel, man müsse die Gerechtigkeit nicht als Tugend preisen, sondern sie als zum guten Ton gehörend proklamieren, sie sozusagen ›lancieren‹. Ein Mann wie Eduard VII., meinte er, hätte das vermocht.

Dann würden die Snobs aller Länder ›fair‹ sein wollen, grad wie sie ihm die Bügelfalte und die grauen Filzhüte nachgemacht haben. Überhaupt, nur wenn das Gute aus mediokren Motiven hoch gezüchtet würde, könne man hoffen, daß es Massenartikel würde. Zynisch, finden Sie? . . . Aber es hat etwas Einleuchtendes. Ja, er war amüsant auf seine alten Tage. Ich muß noch daran denken, wie er seinen neuen Diener anlernte – Wichmann starb ja, leider, leider . . . übrigens verbrachte Goltermann viele Stunden an seinem Krankenlager . . . Also sein Nachfolger – er hieß Anton, das sagt wohl alles, und war eine Seele von Mensch, wissen Sie, das geht meist zusammen mit einer Virtuosität im Zerschlagen der guten chinesischen Teetassen – also, mir tat der Arme leid, er sollte an gar so vieles gleichzeitig denken –, da sagte Goltermann: ›ne savez vous pas qu'il faut exiger l'impossible pour obtenir le nécessaire?‹ Solche kleinen französischen Raketen hatte er immer parat. Aus seiner Kammerherrenzeit. Die Herzoginmutter sprach – leider mit stark bayrischer Betonung – mit Vorliebe französisch und genoß ›l'esprit de repartie‹.«

»Ja«, sagte A-moll, »solche Herrschaften kamen sich dann ancien régime vor, so mit Jabots und Perücken.«

»Ja schon, aber Ägidius war doch etwas moderner. Prosper Mérimée – das zweite Kaiserreich – war mehr seine Note.« Dabei seufzte Frau von Goltermann wieder, denn sie hatte oft gedacht, gerade sie würde die rechte Frau für jenen ungetreu beständigen Charmeur gewesen sein. Welch entzückende Briefe würde er ihr geschrieben haben, wie amüsant, 77 wie glitzernd, diese weltmännische, gleichsam gefrorene Leidenschaftlichkeit, o, wenn sie ihm begegnet wäre, als sie jung und reizend war! Und wie war er dann so einsam, so anspruchslos gestorben, und lag nun auf dem englischen Friedhof in Cannes und neben ihm die alte Miß – ja wie hieß sie doch – die ihn bis zu Ende gepflegt und wohl auch tribuliert hatte mit Barleywater und hot flannels, rührend und nervenangreifend. Und er ließ es über sich ergehen, mit einem kleinen Lächeln gewiß, höflich bis zuletzt. Ach . . . Dégringolade . . . Sie schauerte zusammen.

»Wie ging es nun weiter mit Ihrem kleinen lahmen Schützling«, sagte sie; es würde wohl reichlich sentimental werden, und das war's ja nicht, was ihr heute abend not tat, aber sie wollte liebenswürdig sein und Langmut üben.

»Da muß ich nun Personen einführen«, sagte A-moll, nachdem sie sich, so gut es ging, auf einem zyklopenhaften Steinhaufen – der Ruhestätte eines Generalleutnants – niedergelassen hatten. »Haben Sie Geduld, Verehrteste, aber der kleinste Kieselstein bildet Ringe, wenn er ins Wasser fällt, und ich muß etwas weit ausholen, ehe ich alles beisammen habe; was mich, nebenbei bemerkt, an jene englischen Zusammensetzspiele denken läßt, denen Sie zur Zeit verfallen waren, als der ›Honourable‹ von der englischen Botschaft Ihre Gunst genoß. Sah aus wie ein Dorsch. Ich habe diese Ihre Geschmacksverirrung nie begriffen.«

Frau von Goltermann blickte kühl in die Luft. Sie war vor allem andern loyal. Auch wenn es sich um »Herbarien« handelte, ja dann erst recht. Konnten sich die Toten doch nicht verteidigen. Auch fühlt sich jede Frau gekränkt, wenn an einem Gegenstand ihrer Zuneigung Kritik geübt wird, trifft diese doch zugleich ihre Auswahl, ihren Geschmack. A-moll merkte, daß er sich einer Taktlosigkeit schuldig gemacht hatte, er räusperte sich umständlich und attackierte sein Thema ohne weitere Vorhalte. 78

»Die schöne Frau Snyders«, so begann er, »war beinahe eine Autorität in allem, was Altertümer betraf. Ob es sich um einen Renaissancesessel, eine Tabatière des achtzehnten Jahrhunderts oder einen vermeintlichen, unter mehrfachen Firnisschichten verborgenen alten Meister handelte, ihr flair war unbeirrbar. Wir wohnten in Venedig in demselben kleinen sympathischen Hotel, der Salute gegenüber, und der Antiquar, mit dem sie Geschäfte betrieb und den auch ich für meine bescheidenen Einkäufe bevorzugte – er kannte meine Limitationen und hat mich nie überfordert – sprach in einem Gemisch von Hochachtung und Schrecken von ihrem unheimlichen Scharfblick. Es sei schon mehr clairvoyance, sagte er und gab dem seidnen Käppchen, das seinen elfenbeingelben Schädel vor Zugluft schützte, einen Klaps. Übung, Erfahrung gehörten freilich dazu, aber man müßte es auch in den Fingerspitzen haben, grad so wie im Blick. Er zum Beispiel spüre das Echte aus einem ganzen Haufen Halbechtem heraus, es sei ein Vibrieren, eine Gänsehaut, die ihn überlaufe, ganz unverkennbar.

Frau Snyders ging es ebenso. Es hätte wohl niemand gewagt, ihr etwas Verfälschtes, ja nur teilweise Restauriertes anzubieten. In Trient werden die Hochzeitstruhen des Cinquecento dutzendweis angefertigt, halbecht und ganz unecht. Es gibt dort Gewölbe, wo sie etagenweise lagern, Katakomben der Fälschung, ganze Gräberstädte übereinander gestellter Särge. Die Fremden fallen mit Begeisterung darauf herein, wenn sie sie einzeln, verstaubt, mit künstlichen Wurmlöchern versehen, in irgendeinem kleinen, abseitigen Laden entdecken, wo ihnen eine rasch herbeigeholte, etwas schäbige alte Dame – ecco la Signora Contessa, buon' anima da Dio – mit schmerzbebender Stimme mitteilt, es sei dies das letzte alte Familienstück, hier die vereinten Wappen bezeugten es. Frau Snyders würde dergleichen sofort durchschaut und erbarmungslos bloßgestellt haben, denn ihr Akquisitionshunger 79 wurde aus angeborenem und durch Erfahrung entwickeltem Mißtrauen gezügelt. Mit einem Wort, ein durchaus ruchloses, aber umsichtiges Raubtier.

Alles dies erzählte mir Herr Pereira, in dessen Hinterstübchen ich öfters am Vormittag, bei einem Gläschen Vermouth, eine halbe Stunde verbrachte. Ich verkehre gern mit Fachleuten, die ja wohl etwas einseitig, aber mit der wohltuenden Sicherheit der Zweckerfüllten durchs Leben gehen. Dabei habe ich eine ganze Anzahl Juden kennengelernt. Ich weiß, sie sind nicht populär. Aber im großen und ganzen habe ich mich gut mit ihnen vertragen und glaube, daß die Prozente an rechtschaffenen Leuten unter ihnen nicht geringer sind als bei den übrigen Erdbewohnern. Die, mit denen ich zu tun gehabt, fand ich zuverlässig und in einigen Fällen von aufopfernder Hilfsbereitschaft. So ist mir's auch mit den viel gescholtenen Jesuiten ergangen. Ich konnte mich, was sie betraf, nie zu der herzerhebenden Entrüstung aufschwingen, mit der sich die Menschen wie mit einem geistigen Getränk zu stärken lieben. Der ihnen besonders zur Last gelegte Ausspruch, der Zweck heilige die Mittel, scheint mir in manchen Fällen von unbestreitbarer Richtigkeit, wenn man ihn auch nicht gerade dem Katechismus einverleiben möchte. Jedenfalls habe ich gütige und tolerante Männer gekannt, die von Jesuiten erzogen waren, und sie hatten das Plus einer feinen Lebensart für sich, die so selten geworden und dem Aussterben nahe ist, wie gewisse altmodische Rosenarten, die nicht mehr aufzutreiben sind . . .«

»Ja, oder wie die echten, kleinen Damenmöpse auf den Portraits unserer Urgroßmütter – denn was man heutzutage Möpse nennt, hat damit keinerlei Ähnlichkeit«, sagte Frau von Goltermann.

»Überhaupt«, fuhr A-moll fort – er war die Unterbrechungen seiner Freundin gewöhnt –, »man soll die Menschen nicht wie Pilze in schädliche und unschädliche Arten teilen. 80 Ich habe immer nur Einzelfälle gekannt. Überdies ist Haß doch wohl ein altmodischer Artikel.«

»Nun, Haß war wohl niemals Ihre Sache, mein guter A-moll«, warf Frau von Goltermann ein.

»Ich weiß, Sie haben mich von jeher für eine Milchsuppe gehalten«, erwiderte A-moll. »Und Ihr Ideal war doch wohl ein gebieterischer Finsterling, wie das meist bei ultrafemininen Frauen der Fall ist. Hunding wäre Ihrem Geschmack entsprechender gewesen als der sonnige Siegfried. Aber das Schicksal nahm keine Rücksicht darauf, und Sie folgten dem blonden, wenn auch durchaus nicht sonnigen Goltermann zum Altare. Ja, auch der Honourable von der britischen Botschaft war so eine blonde nordische Semmel.«

Frau von Goltermann vertrieb – ähnlich wie man eine Stubenfliege verscheucht, die sich einem auf die Nase setzen will – eine eben auftauchende, durchaus brünette Reminiszenz aus ihrem Bewußtsein und sagte ablenkend:

»Ja, nun aber weiter, mein Freund, lassen Sie uns nicht abschweifen. Noch weiß ich nicht, was diese mir durchaus unsympathische Frau Snyders mit Ihrem Blümchen zu schaffen hat, denn es waren doch Blümchens Schicksale, die Sie mir erzählen wollten, und nicht diejenigen dieser Kunstkrähe, die auf venezianischen Komposthaufen ihre Beute zusammenpickt.«

»Sie haben so ornithologische Vergleiche«, sagte A-moll und zog mit feinen Nüstern eine ferne Erinnerung ein, »wissen Sie noch die ›Bildungsgans‹?«

Frau von Goltermann zuckte die Achseln. »Ach, reden Sie mir nicht von der hölzernen Person. Ich mußte mich doch ärgern, daß Ägidius und Sie, schließlich doch Männer mit reellem Wissen, auf eine solche Attrappe hereinfallen konnten. Aber – diese Demut, dieser Augenaufschlag . . . da seid ihr allemal hilflos. Doch – wo bleibt Blümchen?«

»Ja, wie ich Ihnen eben sagte, Frau Snyders oder van 81 Snyders, wie sie sich in die Hotelbücher einzuschreiben liebte, sammelte wurmstichige Möbel und alten Kirchendamast, aber sie hatte auch einen flair auf Menschen, die sich durch irgendein Talent, eine Eigentümlichkeit, sogar durch ein Gebrechen von andern unterschieden, womit sie auch einem Wohltätigkeitstrieb genügte, der eigentlich in Herrschsucht wurzelte.«

»A-moll«, sagte Frau von Goltermann, »Sie überraschen mich, Sie sind ganz scharf geworden, ich kenne Sie nicht wieder. Früher waren Sie so begütigend, ja, Sie hatten die unausstehliche Manier, bei Streitigkeiten irgendwelcher Art jede Partei vor der andern in Schutz zu nehmen, meiner Meinung nach ein Verfahren, bei dem nichts herauskommt. Solche en bloc-Neutralität geht mir auf die Nerven, und wären Sie's nicht, würde ich von Gesinnungslosigkeit reden. Dazu gehörte auch der abgedroschene Satz, den Sie zum Überdruß anführten: tout comprendre c'est tout pardonner, wogegen ich sagen möchte: tout pardonner c'est ne rien comprendre.«

»Machen Sie sich nicht schlechter als Sie waren«, erwiderte A-moll, »hätten Sie doch Ihren ärgsten Widersacher bei eigener Lebensgefahr aus dem Wasser gezogen.«

»Erstens«, sagte Frau von Goltermann, »bin ich mir nicht bewußt, so arge Widersacher gehabt zu haben, und dann . . . die Leute, denen ich unsympathisch war, waren es mir glücklicherweise auch, so was ist wohl immer gegenseitig, etwas Chemisches möcht' ich wetten, oder aber sie langweilten mich, was auf dasselbe herauskam: ich ging ihnen einfach aus dem Weg. Übrigens . . . jemandem aus der Patsche zu helfen, ist doch weiter nichts als ein Reflex. Neufundländer tun das gleiche, ganz egal, ob es ein Ertrinkender ist oder ein Stück Holz, das auf dem Wasser treibt. Und nun gar das Bekämpfen einer Verleumdung – und erst recht, wenn es keine Verleumdung ist – ist ein herzstärkender Sport. Aber genug der Selbstzerpflückung, ich will nun endlich Blümchens Schicksale hören, die Stunde des Abschieds ist nahe, 82 und solch plötzliches Abbrechen kann ich nicht leiden; zwar ist in der Literatur das Abgehackte jetzt Mode, es erinnert mich immer an Meerschweinchen, die endigen auch so abrupt. Ohne das geringste Schwänzchen.«

»Gott, Ihre Vergleiche«, sagte A-moll. »Aber, Verehrteste, gerade so à la Guineapig endigt manches Leben. Mit einem Fragezeichen, oder mit den von vielen Schriftstellern allzu ausgiebig benützten Pünktchen. Doch, um auf Blümchen zurückzukommen. Das zarte Persönchen hat auch zu den Snyderschen Erwerbungen gehört. Die betriebsame Dame hatte sie eines Tages entdeckt, als sie, wie Sie treffend bemerkten, die antiquarischen Komposthaufen eines fränkischen Städtchens durchstöberte. Das Automobil, dieser Banalisator ersten Ranges, der jede Heimlichkeit aufspürt, jedes kleine Künstlerparadies der Menge preisgibt, wie ein Lamm den wilden Tieren vorgeworfen, hatte sie dorthin gebracht, wo Blümchen durch Sticken und Ausbessern von Paramenten und Meßgewändern ihr kleines, ehrbares und sehnsüchtiges Leben dahinlebte.«

»Ehrbar und sehnsüchtig«, wiederholte Frau von Goltermann, »Sie haben manchmal Ausdrücke, A-moll, des trouvailles würde man in Frankreich sagen. Diese zwei Worte enthalten die ganze Muffigkeit einer eingeschlossenen Stube und den Blick hinaus zu Wolken und Schwalben.«

A-moll verbeugte sich.

»Blümchen war lahm«, fuhr er fort, »sie hinkte beträchtlich, sie hatte große, durstige Augen, und ihr Antlitz lief nach unten spitz zu, wie bei so einem armen verhungerten Kätzchen. Auch hatte sie die etwas zu langen Arme, die schmalen, dünnen Hände derer, die irgendwie mit ihrem Körper nicht zurecht gekommen sind. Aber auf ihre Art war sie reizvoll. Und nachdem sie ein defektes Chorhemd, aus dem Frau Snyders ein sommerliches Négligé herzustellen gedachte, zu ihrer Zufriedenheit ausgebessert hatte, bot die Dame ihr an, 83 zunächst als Reisebegleiterin, dann als lingère bei ihr einzutreten. Denn sie hatte am Tage vorher ihre Jungfer entlassen, und wenn auch nicht auf so dramatische Art wie jene russische Fürstin, von welcher Turgenjew schreibt: ›elle souffleta sa femme de chambre et s'évanouit‹ – so war der Auftritt doch ziemlich stürmisch gewesen. Angesichts ihrer vielen ausgepackten und wieder einzupackenden Koffer hatte bald darauf ein dumpfer Katzenjammer in ihr zu rumoren begonnen, und da erschien ihr Blümchen wie ein Floß auf hoher See, an dessen Rand sich Ertrinkende klammern.

So begann ein neues Leben für die kleine Lahme, reizvoll durch die Autofahrten, eine ihr bisher unbekannte Fortbewegungsart, und einstweilen, was den Dienst betraf, noch ohne Dornen: denn während der Wochen der Initiation meinte Frau Snyders jedesmal, einen Edelstein ohne Fehl gefunden zu haben, später erst würden die Enttäuschungen kommen, zur Zeit befand sie sich noch im Stadium milder Euphorie.«

Aber so wie Scheherezade beim ersten Hahnenschrei, so auch unterbrach A-moll, das nahende Morgenrot erwitternd, seine Erzählung.

*

»Wenn Frau Snyders auf Beute ausging«, fuhr er am nächsten Abend fort – sie hatten den Steinhaufen des Generals aufgegeben und eine stimmungsvollere Stätte vor dem vermoosten Denkmal einer Hofopernsängerin gefunden – »saß sie zuerst neben dem Chauffeur, die Landkarte auf den Knien, und gab ihm Weisungen, die er mit der Gleichgültigkeit einer Ente gegen Regenwetter hinnahm. Frau Snyders erteilte gern Weisungen, oder auch Ratschläge. Ob es sich um Küchenrezepte, Krankheitssymptome, diplomatische Verwicklungen handelte, sie wußte immer Rat, sie wird auch einst im Himmel den Engeln die Harfen stimmen wollen oder Gott Vater einige ›tuyaux‹ verraten, um das Weltall besser zu 84 regieren. Der Chauffeur war ein schlanker, junger Schweizer aus einem der südlichen Kantone und verdankte seinem romanischen Blut den kleinen Athletenkopf, die schön gesäumten Ohren, die dichten kleinen Wellen seines braunen, wie bronzierten Haares. Auch seine schlanken nervigen Hände waren schön. Frau Snyders hatte ihn unter einer Anzahl von Bewerbern herausgepickt, wie eine preiswerte Vase aus einem Haufen gemeinen Marktgeschirrs. Übrigens waren auch seine Zeugnisse befriedigend gewesen, denn ihren Intuitionen folgte stets eine genaue Überlegung, und sie hatte wohl nie eine Katze im Sack gekauft.

Wenn dann, nach beendigtem Raubzug, die Rückfahrt stattfand, setzte sich Frau Snyders in den Fond des Wagens, wo sie sich anlehnen und ihre vom langen Herumstehen brennenden Füße von sich strecken konnte, und gönnte sich ein Schläfchen. Die Landschaft, die sie durchfuhr, die schwarz gebälkten Fachwerkhäuser, die Wiesen voller Gänseherden, von Weidenbüschen umsäumt, die sich mit dem Abendrot in den Gräben spiegelten, das alles sagte ihr nichts. Ich habe Frau Snyders gekannt und hatte mein Vergnügen an ihr. Denn sie war ein Typus. Sie, die, wenn es sich um Kunst und Kunstgewerbe handelte, die leisesten Nuancen und Abweichungen wahrnahm und würdigte, sie, man möchte sagen, auf der Zunge zerschmelzen ließ, hatte, was Natur betraf, einen ganz primitiven, ich möchte sagen, Öldruckgeschmack. Dramatische Sonnenuntergänge, Alpenglühen, Felsen und Wasserfälle, auch braun lackierte Schweizerhäuser mit sehr viel roten Geranien auf den Fenstersimsen genoß sie mit Nachdruck: ein blühendes Kartoffelfeld aber, die sanfte Alltäglichkeit eines Sommerabends mit seinen silbrig dunstigen Tönen gingen an ihr verloren. So schloß sie die Augen und ließ die Mundwinkel hängen.

An ihrer Stelle saß nun Blümchen neben dem schönen Guido. Dieser behandelte die kleine Lahme mit mitleidiger 85 Nachsicht. Für ihn, den Kerngesunden mit federnden Gelenken, war der Anblick dieses lieblichen, traurig gehemmten Wesens schmerzhaft wie ein Stich. Auch erweckte er die Erinnerung an eine kleine Schwester, die in den dunklen Wintern seines Alpendorfes, zwischen Schneemauern gefangen, eine zehrende Krankheit befallen, zermürbt und ausgelöscht hatte.

Blümchen aber betrachtete den Halbgott in der schönen Lederjacke, der die komplizierte Maschinerie dieses Wunderfahrzeugs meisterte, als sei's ein Spielzeug, die verblüffendsten Wendungen durch kaum merkliche Handgriffe bewirkte, Landstraßen verschlingend, Anhöhen emporrasend und an Abgründen entlangglitt, ohne eine Miene zu verziehen, mit atemloser Ehrfurcht. Das Schönste aber war – und sie errötete still in sich hinein – wenn er sie dann, bei der Heimkehr, behutsam aus dem Wagen hob, und sie, o einen Augenblick nur, den Puls seiner Schlagader, diesen schönen, starken Schmiedehammer, an seinem Halse klopfen fühlte, denn leise drückte er jedesmal ihren Kopf an sich, ehe er sie zur Erde gleiten ließ. Wohl nur im Scherz, denn seine Augen lachten dabei – er hatte eine verschwiegene Art, nur mit den Augen zu lachen – und so dachte sie: er macht sich über dich lustig, armes Hinkebein; oder vielleicht ist es auch Mitleid. Mitleid empfangen, sagt man, sei bitter; ach, wo man liebt, ist jede Gabe kostbar.

*

Frau Snyders hatte bei einer Althändlerin der kleinen, hochgelegenen Stadt, wo sie zur Zeit sich befanden, einen Zinnkrug gesehen, der ihren Erwerbssinn gerade durch die Schwierigkeiten anstachelte, die sich dem Ankauf entgegensetzten. Denn die Althändlerin sagte kurz und bündig, und sehr zu Frau Snyders' Befremden – denn solche Leute, meinte sie, würden ja die eigene Großmutter verkaufen, pure Preisfrage – der Krug sei ihr nicht feil, und sie denke nicht daran, sich von ihm zu trennen. 86

Frau Snyders blieb beharrlich und erhöhte das Angebot. Denn mit feinen Fingerspitzen hatte sie die Echtheit alten Zinns erkannt, das sich ganz anders anfühlt als die modernen Legierungen, und seine einfache, merkwürdig edle Form war ihr gleich aufgefallen. Mit gelben Ringelblumen gefüllt sah sie ihn schon auf dem stilvoll plumpen Eichentisch ihrer sogenannten »Fischerhütte« stehen, dort an der Nordsee, wo sie die heiße Zeit des Jahres zu verbringen pflegte.

Das Gesicht der Frau hatte sich verfinstert. »Der Krug ist ein Andenken«, sagte sie schroff, »ich gebe ihn nicht her – auch fürs Doppelte nicht. Er hat einem Gefangenen gehört.«

Blümchen spürte in der rauhen Stimme etwas Unterdrücktes, Gequältes, es flog ihr ein Schauer über den Rücken, und sie wandte sich ab, dem Fenster zu.

»Wenn sich die Herrschaften nach der Burg bemühen wollten«, sagte die Frau, noch immer unwillig, »dort gibt es vielleicht noch mehr der Art. Es ist dort auch noch eine Folterkammer. Vielleicht wären da noch Sachen für die Damen . . .« Wenn es sich um Erwerb handelte, war Frau Snyders stichfest. Mit Empfindlichkeiten kam man im Leben nicht weiter. So überhörte sie den Hohn und bedankte sich höflich für die Auskunft.

»Also gut«, sagte sie, »fahren wir nach der Burg, Guido, nach dem Gefängnis.«

Blümchen saß wieder hinter ihrer Herrin. Sie preßte ihre dünnen Hände im Schoß zusammen, während rechts und links die Herbstlandschaft vorüberglitt, die abgeernteten Felder, die Marienfäden, der silbrige Dunst der Wiesen, auf denen blasse Zeitlosen wie ausgestreut standen. Sie hatte noch nie ein Gefängnis gesehen, wußte nur aus Märchen von ihnen. Da war Andersens Geschichte von dem gefangenen Soldaten, wie ihn in seiner höchsten Not das Feuerzeug der alten Hexe rettet. Sie hatte es Brüderchen immer wieder vorlesen 87 müssen, denn es ging ja zum Glück gut aus; wenn Geschichten traurig ausgingen, war er untröstlich.

Ach Brüderchen, dachte sie, hättest du doch auch einmal Auto fahren können! . . . Und es fiel ihr so vieles ein, wie sie dasaß und vor sich hinsah in die glitzernde Luft.

*

Die sogenannte Burg war ja nun keine Burg mehr. Es wohnten alle möglichen kleinen Leute darin, der Graben rund herum war ausgeebnet, und zu einem Gemüsegarten für viele geworden, und an den Fenstern, die früher vergittert gewesen, flatterte Kinderwäsche. Nur im Erdgeschoß gab es noch ein paar Kammern, wo manchmal Vagabunden, auch arme Handwerksburschen übernachteten. Nur selten wurde der Schlüssel hinter ihnen zugedreht.

Nach langem Läuten kam endlich ziemlich verdrossen ein alter Mann herbei. Er hatte ein stark duftendes Lauchbündel auf dem Arm und schien wenig erfreut, in seiner Arbeit unterbrochen zu werden.

Frau Snyders äußerte ihren Wunsch, das Gefängnis zu besichtigen. »Was werden Sie da sehen«, meinte er, »da ist nichts als ein paar Pritschen. Aber eine Folterkammer ist noch da, oben im Turm.«

Frau Snyders verzichtete auf die Folterkammer, die dort vielleicht noch vorhandenen Werkzeuge würden schwerlich in ihre Sammlung passen. So öffnete denn der Alte die unteren kellerartigen Räume. Die kleinen vergitterten Fenster blickten auf den einstigen Graben, wo ein bunter Herbstflor aufgegangen war.

Frau Snyders ging wie ein spürender Jagdhund von einer leeren Zelle zur andern. Plötzlich leuchteten ihre Augen. Sie hatte den Zwillingsbruder des Zinnkrugs erblickt. Er stand auf dem tiefen Fenstersims, ein schräger Lichtstrahl ließ ihn erglänzen. Frau Snyders nahm ihn hoch, drehte ihn nach allen Seiten, ja, genau derselbe. 88

»Das ist der letzte«, sagte der Beschließer, »früher hatten wir mehr davon, aber zuletzt nur noch zwei. Den andern hat die Frau Löhlein, am Markt, wo all den alten Kram verkauft. Sie hat ihn vom Magistrat erbeten.«

»Ja, warum das?« frug Frau Snyders.

»In der Zelle, wo wir eben stehen, hat der Walther Löhlein gesessen, und aus dem Krug hat er getrunken, die ganze Zeit, daß er hier eingesperrt war. Er war ein Unehelicher und ganz verhungert und verlaust, da hat ihn die Frau an Kindes Statt angenommen. Selber hatte sie keine. Wie verrückt hat sie getan mit dem Bub, er war ihr ein und alles. Wie er dann die Niklas hingemacht hat, das Luder, was seine Braut war und viel älter als er, da hat er hier gesessen, wohl ein Vierteljahr lang und am Anfang mit Handschellen.«

»Ist er gestorben?« frug Frau Snyders.

»Gestorben und verdorben, im Zuchthaus in Hall. Er hat die eingeschlossene Luft nicht ertragen, hat die Auszehrung bekommen. So geht es vielen in der Gefangenschaft. Sie lassen sich halt sterben. Erst zweiundzwanzig ist er gewesen.«

Nun versuchte Frau Snyders den Krug an sich zu bringen.

»Nein«, sagte der Mann und sah böse vor sich hin. »Da hängen Tränen dran. Unsere Kleine hat dem Walther immer Blumen gebracht in dem Krug, er hatte Freude dran, und wie er dann fortgeholt wurde . . .«, er biß sich auf die Lippen.

Frau Snyders legte ein Trinkgeld auf das Fenstersims, hätte sie ihren Zweck erreicht, wäre es größer gewesen. Ziemlich verstimmt stieg sie in den Hintergrund des Wagens. Es geschah ihr selten, daß Leute niederen Standes ihre Angebote verschmähten, denn wenn auch berechnend, knickerig war sie nicht. Heute aber war es ihr zweimal geschehen.

Blümchen saß wieder neben Guido. Ohne es zu wollen, lehnte sie an ihm. Wie verwelkt. Das Erbarmen hatte ihr alle Kraft 89 aus den Gliedern gesogen. Guido spürte es. Der Heimweg ging ganz glatt die breite Landstraße dahin, er steuerte mit der Linken, die Rechte hatte er um Blümchen gelegt, die Madame sollte es nur sehen, ihm war's gleich. Da fühlte er ein Erschüttern und sah auf das Mädchen nieder, und sah, daß es weinte . . .

»Ich selber«, sagte A-moll, wie aus einem Traum erwachend – er wollte Schluß machen, denn die Stunde war wieder nah, wo Scheherezade sich zurückzieht – »ich selber bin Frau Snyders später nicht mehr begegnet. Was ich bedaure, denn wie gesagt, sie war ein Typ, der im Aussterben ist: die wohltätige Egoistin in Reinkultur.«

»Schade«, sagte Frau von Goltermann, »ich fing gerade an, mich für sie zu interessieren. Man liest ja schon als Kind am liebsten von unartigen Kindern. Sie haben immer die Glanzrollen. So hätte ich gern Frau Snyders' Niedergang vernommen, und ob des Himmels Strafe sie ereilte. Ich fürchte, nein. Denn mit der Gerechtigkeit hapert es überall. Ja, aber sie war wirklich unterhaltsam. Ob sie noch immer nach Antiquitäten pirscht?«

»Sie ist wohl selber eine Antiquität geworden«, sagte A-moll, »denn sie war zäh. Spieglein, Spieglein an der Wand, wissen Sie . . . Strafe genug für solche Damen.«

»Nun und Blümchen? Heiratete sie ihren Chauffeur? Eigentlich paßte sie nicht zu ihm. Es gibt so Menschen, die gehören in die Abteilung: Unvollendete Symphonie.«

»Sehr richtig, Verehrteste. Blümchen wurde krank. Von Anfang an wohl eine ziemlich aussichtslose Sache, und ich muß sagen, Frau Snyders, die zwar ihre Wohltaten nie unter den Scheffel stellte, scheint sich dabei ganz brav, sogar taktvoll benommen zu haben. Brachte sogar Verständnis auf für Blümchens uneingestandene Liebe, die ihr aus den Augen strahlte, sobald Guido ins Zimmer kam. So durfte er, als es dann schlimmer wurde, jede freie Stunde an ihrem Bett 90 sitzen, meist ganz still, aber er hielt doch ihre Hand, das war für sie das Schönste. Manchmal erzählte er ihr von seiner Heimat, von den Heuhütten hoch oben, von den Gemsen und Murmeltieren, ja, er brachte sie sogar zum Lachen. Erinnern Sie sich, wie Peer Gynt der alten Ase Märchen erzählt, um ihr das Sterben leichter zu machen? Erlassen Sie mir das Ende. Wenn so was Junges hinweg muß . . . im besten Fall . . . es ist immer ein Jammer. Aber zuletzt ging es sanft zu. Wie eine Schneeflocke, schon zerschmolzen ehe sie die Erde berührt. Ja, und Blümchens kleine Sünden – Sie sehen ja selbst – haben ihrem grünen Mäntelchen nichts anhaben können. Sie waren wohl so klein, daß der Herrgott, der ja wohl überbeschäftigt ist, sie erst gar nicht aufnotierte.«

»Lieber A-moll«, sagte Frau von Goltermann, »das haben Sie niedlich gesagt. Aber wissen Sie, der liebe Gott mit einem Notizbuch will mir doch nicht recht in den Sinn. Als Kind dachte ich, er sehe aus wie ein Elefant. Schwer wie ein Berg. Und weise und grau. So ein helles Rauchgrau. Und mit seinen schweren Füßen doch behutsam. Überhaupt . . . wohlwollend. Später dann nennt man's Schicksal, und es ist ein Trampeltier. Trotzdem . . . Ihr Blümchen hat kein so schweres Los gezogen. Wenn auch . . . Sie redeten von Sünden. Lieber Freund, die sind doch ein Teil unserer selbst, haben in uns gegraben und an uns gemeißelt und gehören dazu wie zur Musik die Dissonanzen. Wir wollen sie nicht schmähen. Aber nun sagen Sie mir, was wurde aus dem Chauffeur? Der ja doch ein reizender Mensch gewesen sein muß, und vielen Anfechtungen ausgesetzt. Armes Blümchen! Kennen Sie Rossettis Gedicht vom seligen Fräulein, das mitten im Gebraus von Harfen und Engelgesang sich über die goldene Brüstung beugt und heiße Tränen hinabweint aus Heimweh nach der Erde?«

»Ach«, sagte A-moll, »am Ende ist es doch besser so, wie es 91 kam. Der junge, lebensfrohe Mensch und die arme, kleine Schmerzgestalt . . . auf die Dauer . . . konnte das eine glückliche Ehe geben?«

»Auf die Dauer?« wiederholte Frau von Goltermann. »Glück ist doch kein Schiffszwieback, der jahrelang vorhalten muß. Ach, mein Lieber, warum müssen es immer Jahre sein? Ein paar ganz glückliche Wochen in einem ganzen Leben, das ist sehr viel. Wenn Blümchen das gehabt hat, kann sie hier im Sternenlicht gehen und braucht niemand zu beneiden. Sonst . . . bliebe wohl ein Groll im Herzen, den kein Harfengetön übertönen kann.«

»Liebe Freundin«, sagte A-moll etwas bekümmert, »das sind so Überlegungen und Zweifel irdischer Art. Sie kommen und gehen. Vielleicht, dereinst verstehen wir.«

»Oder fragen nicht mehr danach, weil wir zerrinnen«, sagte Frau von Goltermann. Sie hüllte sich fester in ihren Schal, sie war ganz blaß, ganz undeutlich geworden. 92

 


 


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