Irene Forbes-Mosse
Ferne Häuser
Irene Forbes-Mosse

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Wandlungen einer Äbtissin

I

Nachdem der Tod, unser aller Meister, der hochbetagten Gräfin Meta den Krummstab aus den kleinen, tyrannischen Händen gewunden hatte, war Marie Walburga, Freiin zu Trostberg, zu ihrer Nachfolgerin erwählt, oder sagen wir, von den Ereignissen dafür ausgespart worden.

In den Jahren, die dem Weltkrieg folgten, waren die Damen, bis auf wenige, in ihre Familien zurückgekehrt. Ein für sie empfindlicher Abstieg. Als Stiftsinsassinnen hatten sie Oberstenrang, einen Logenplatz im Theater und in der Hofkirche gehabt, ebenso das Anrecht, die Stiftskutsche zu benützen, in Begleitung des Lakaien Schreyvogel, der mit der Ernsthaftigkeit eines Küsters die Visitenkarten der Damen abgab, ohne je die in der Kutsche hinter braunseidenen Gardinchen halb versteinert Sitzenden anzumelden. Nun bei den Geschwistern, Neffen und Nichten untergebracht, hatten sie es teils gut, teils weniger gut, manchmal auch herzlich schlecht getroffen. Jedoch die seit Kriegsende mehr und mehr geschrumpften Mittel des Stifts ließen nicht zu, daß sie unter seinem alten, schön geschweiften Dach verblieben.

Die Äbtissin zwar, eben jene uralte Gräfin Meta, hatte aus dem eindrucksvollen Barockhaus, in dem sie nun fast sechzig Jahre lebte und fünfunddreißig davon regierte, nicht weichen wollen. Unter strengsten Einschränkungen behauptete sie ihren Platz, bis ein Höherer sie abberufen würde. Sämtliche Staatsgemächer wurden abgeschlossen, vor allen Dingen der 16 zu ebener Erde gelegene Saal, von dessen Wänden die hermelintragenden Kurfürsten und ihre tief dekolletierten Frauen und Nebenfrauen niederblickten – sie alle hatten das Stift dotiert – ebenso der hohe, schwer zu heizende Speisesaal, die Bibliothek und das sogenannte Spielzimmer, das einigen schachbrettartig eingelegten Tischchen diesen Namen verdankte. Sie selbst behielt nur ihr ziemlich spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer und das kleine anstoßende Kabinett – derselbe durchgehende Kachelofen erwärmte beide – dessen Wände eine Menge alter Farbstiche zierte, von den Antiquaren umlauert, wie auch eine hell schlagende englische Standuhr, ein kostbares Stück, wenn auch fragwürdiger Herkunft, denn sie stammte von einer welfischen Ahnin, der sie Georg der Dritte – oder war's der Vierte – aus ganz persönlichen Gründen der Dankbarkeit dediziert hatte. Gräfin Meta glitt jedesmal mit Geschick auf einen andern Gegenstand der Unterhaltung über, wenn Besucher die Uhr bewunderten und nach ihrer Herkunft fragten: Lohengrin hätte von ihr lernen können.

Der Haushalt, bisher großzügig geführt, war sehr vereinfacht worden. Jeanettchen, die schwerhörige Dienerin der Äbtissin, nahm sich der Küche an, und dem Lakaien Schreyvogel wurden auch die Pflichten eines Gärtners und Hauswarts übertragen; er führte nun in den Vormittagsstunden ein hemdärmeliges und grünbeschürztes Dasein.

Auf der andern Seite der oberen Diele, den Zimmern der Äbtissin gegenüber, wohnten die vier dem Stift verbliebenen Damen, nämlich die schon erwähnte Marie Walburga Trostberg, die fünfundsiebzigjährige, schwer rheumatische Adelheid von Telchow und die verwitwete Frau von Teichlosen, Exzellenz, die streng genommen unter lauter Jungfrauen nichts zu suchen, dank fürstlicher Protektion aber hier ein Refugium gefunden hatte; denn der selige Teichlosen war in dem kleinen Bundesstaat Kultusminister gewesen, seine Witwe 17 aber machte mit ihrem festungsartigen Äußern einen so durchaus unverehelichten Eindruck, daß der Gemahl zum Mythos geworden war, jenen Spuren aus der Steinzeit vergleichbar, die von den Geologen festgestellt, vom Laien nur geglaubt werden. Als vierte der Damen war noch Fräulein von Kupferschmidt zu nennen, doch war sie nicht eigentlich stiftsfähig, da erst ihr Vater besonderer Verdienste um das Postwesen halber geadelt worden war. Durch Übernahme häuslicher Pflichten, die man dem ohnedies belasteten Jeanettchen nicht aufladen mochte, hatte sie es verstanden, sich unentbehrlich zu machen.

Nachdem also die ehrwürdige Gräfin Meta – es sprach wenigstens die Wahrscheinlichkeit dafür – in den Himmel eingezogen war, wurde Marie Walburga an ihrer Statt zur Äbtissin ernannt, bezog die Zimmerflucht der Verewigten und ward der persönlichen Dienste des schwerhörigen Jeanettchens teilhaftig. Eignete sich doch keine der drei andern, ihr an Jahren weit überlegenen, zu dem Posten: Adelheid von Telchow wegen fortgeschrittener Arthritis deformans, Frau von Teichlosen wegen des nun einmal stattgehabten Kultusministers, der ja beileibe kein Fehltritt gewesen war, sich in diesem Fall aber wie ein solcher auswirkte; Fräulein von Kupferschmidt aber wegen der mangelnden Ahnenreihe. Marie Walburga hatte das vierundvierzigste Lebensjahr hinter sich und konnte, als helle Blondine, ihr Alter nicht verleugnen: das einst entzückende Oval war nicht mehr fehlerlos, die Wangen fingen an zu welken, und unter den Augen zeigte sich jenes erste Erschlaffen, das mit den Jahren zu Tränensäcken werden sollte, wozu die schwere Zeit, die man durchlebte, auch allen Anlaß gab.

Immerhin war sie ungewöhnlich jung für das ihr übertragene Amt, und als sie das erstemal den Platz der Verewigten an der Mittagstafel einnahm, errötete sie wie schuldbewußt und sprach das Tischgebet stammelnd und fast unhörbar. 18

Seitdem waren ein paar Jahre vergangen, und vieles war anders geworden im Vaterland, wenn auch nicht so anders als man zuerst befürchtet hatte. Denn auch hier wurde nicht so heiß gegessen wie gekocht. Es war erstaunlich, wie sich die Risse wieder zusammenzogen, vielfach überkleistert mit jenem nie ausgehenden Klebstoff der Gewohnheit, der Bequemlichkeit, der brüchige Dinge, aller Wahrscheinlichkeit, aller Logik entgegen, am Leben erhält.

Auch die Finanzen des Stifts begannen sich zu erholen; eine Besserung, die wohl zumeist den Bemühungen des ehemaligen Hofbankiers, Gideon Goldstein, zu verdanken war, der mit fast widernatürlicher Seelengröße das Stiftsvermögen aufzubessern begann, denn er war sich der Ansichten der Damen, was Rassefragen betraf, durchaus bewußt. Innerhalb weniger Jahre hatte er das lecke Schiff kalfatert und wieder flottgemacht.

Einige der Versprengten kehrten zurück, bisher geschlossene Fensterläden öffneten sich, Marie Walburga ließ im Speisezimmer einen Dauerbrenner setzen und präsidierte mit Anmut einer nunmehr neunköpfigen Zahl.

*

Heute nun kehrte die Äbtissin, eine noch ansehnliche, wenn auch schon leise welkende Hirtin, zu ihrer kleinen Herde zurück. Von einem oberbayrischen Luftkurort kommend. Wenn irgend möglich, verlebte sie ihre Ferien unter der weißblauen Fahne, die nun wieder so heiter über alten, gegiebelten Städten und musikdröhnenden Biergärten flatterte. Dies Land, das als erstes den Fieberausbruch der Revolution erlebt hatte, entwickelte sich nach Überwindung jener, seiner bierbraunen Seele im Grunde zuwideren Erregungsstoffe wie ein geimpfter, nunmehr gesundeter Säugling, und die Gemeinde Roseggers und Ganghofers, zu der auch Marie Walburga gehörte, fand sich wieder ein, zahlreicher denn je. 19 Freilich, auf anderem Gebiet hatte sich das moderne Gift schon allzu tief eingefressen. Die Art, zum Beispiel, wie Töchter achtbarer Familien – vom Adel redete sie nicht, wohl aber von Beamten, Professoren und Justizräten, Leuten mit denen man immerhin zuweilen in Berührung kam – sich in den Bergen und an den Seeufern aufführten, sich an- oder vielmehr auszogen, ihr lautes Wesen mit jungen Männern . . . es benahm ihr den Atem. Diese Beine, diese Rücken, diese Lippen! Wohin waren die herzigen Dirndlkleider verschwunden, die Schnecken um die Ohren, die Zöpfe! Sie sahen alle aus wie vom Chantant. Marie Walburga war nie in einem Chantant gewesen, aber die illustrierten Blätter sorgten ja dafür, daß man Einblicke gewann. Gott, wie hatte sich alles verändert! Wenn sie an die Zeit dachte, da die hochselige Herzogin über Isadora Duncans unbestrumpfte Vorführungen die schwersten Bedenken geäußert und wochenlang mit dem Intendanten gerungen hatte, ob ihr das Foyer des Theaters zu bewilligen sei! Ach, diese modernen Girls! Denn deutsche Mädchen konnte man sie nicht nennen. Vorlaut, nein, schnodderig – gräßliches Wort – mit ihren schlaksigen Bewegungen, wie freche Straßenjungen! Und den halben Tag lang im Badeanzug.

Als sie aber heute früh, nur in Hemd und Schlupfhöschen gekleidet, ihr Bild im Spiegelschrank des Münchener Hotels erblickte, war es ihr blitzartig durch den Sinn gegangen, daß sie selbst mit ihren schmalen Hüften und tadellosen Beinen in einem jener anstößigen Kostüme sich nicht übel ausnehmen würde. Doch eingedenk des Lutherworts, daß wir fremden Vögeln nicht wehren können, über unseren Häuptern zu fliegen, wohl aber, auf ihnen zu nisten, verscheuchte sie die frivole Vorstellung. Bald darauf saß sie, schlank und rassig, wenn auch etwas farblos in ihrem sandfarbenen Schneiderkleid, beim Frühstück, das ihr zum letztenmal von einer Zenzi – oder war's eine Resi – heiter zuredend serviert 20 wurde. Worauf sie der Hausdiener Xaver, der alle Symptome weiblichen Eisenbahnfiebers durch sein nervenglättendes »is scho' recht« vertrieb, an die zweite Klasse des bereitstehenden Zuges geleitete. Denn Marie Walburga versagte sich vieles, enthielt sich der früher selbstverständlichen Zigaretten zum Kaffee, hatte Velhagen und Klasing abgeschafft – wenn sie aber reiste, reiste sie zweiter: Damencoupé.

*

Ein Suitcase aus goldbraunem Krokodilleder, eine ebensolche Handtasche und eine weiche, teuer aussehende Reisedecke belegten den einen Fensterplatz. Da der andere rückwärts zur Zugrichtung war, was ihr stets übel bekam, ließ sich Marie Walburga nahe der Türe nieder. So brauchte man nicht über Füße und Beine zu voltigieren, wenn man in den Korridor wollte. Zwar, den Speisewagen benützte sie nie, es war kostspielig, und Gott allein wußte, wie es in der engen Küche zuging. Ihre Vorräte waren wie immer tadellos hergerichtet und verpackt, Serviette, Besteck und ein kleiner Teller fehlten nie, wie sie auch lieber verdurstet wäre, als direkt aus der Flasche zu trinken, die den verdünnten Rotwein enthielt. Sie nahm die Illustrierte aus dem Gepäcknetz. Ein Stündchen ließ sich wohl mit dem Kreuzworträtsel hinbringen: gewiß würde auch diesmal der Kanton Uri, der General Isolani und die ganz unvermeidliche Ute darin figurieren.

Droben in ihrem Vulkanfaserkoffer – neben dem schönpolierten Krokodil dort beim Fenster nahm er sich recht schäbig aus – ruhten allerhand Mitbringsel – Souvenirs nannte man's früher – die sie in dem kleinen Bergbazar für ihre Damen erstanden hatte. Nicht als ob diese an den geschnitzten Falzbeinen, den bemalten Briefbeschwerern und Kuhglocken eine unbändige Freude haben würden; aber es gehörte sich so. Wenn die Äbtissin aus der Sommerfrische zurückkam, legte sie beim ersten Mittagessen einer jeden der Damen eine kleine Surprise – beileibe nichts Nützliches – 21 unter die Serviette. So hatte es die hochselige Gräfin Meta gehalten, und Marie Walburga hütete die Tradition.

Nun trat sie noch einmal ans Fenster, im Augenblick, da schon alle Wagentüren zugeschlagen wurden und die Zurückbleibenden jene halbidiotischen letzten Ratschläge in die Fenster hineinriefen, die man oft auf Bahnhöfen zu hören bekommt. Ein Mann mit Speckfalten im Genick erklomm noch gerade, eine Knackwurst und eine Tüte voll Mostrich in der Hand, das Trittbrett, und schon merkte man an den zurückweichenden Steinbogen, Mauerplakaten und Gepäckkarren, daß sich der Zug sanft gleitend auf den Weg gemacht hatte. Gleichzeitig empfand Marie Walburga, die noch am Fenster stand, einen Anhauch diskreten Wohlgeruchs, wie von Sandelholz und sehr erlesenen Zigaretten. Sie wandte sich um: »Verzeihung« – fast wäre sie über einen Fuß gestolpert; ein zierlicher, hochspanniger Fuß in graues Wildleder, ein schlankes Bein in graues Seidengewirk gekleidet. »Bien chaussée et bien gantée«, dachte sie mit wehmütiger Ironie. Ihr Vater, der selige Hofmarschall, hatte der Tochter, die sich im übrigen keinerlei Kleiderpracht gestatten konnte, diesen Grundsatz vorgehalten, ja eingehämmert. Leider war es heutzutage unmöglich, den Theorien einer Zeit nachzuleben, die trotz mancher Einschränkungen vergleichsweise luxuriös gewesen war. Auf ihren Platz zurückkehrend warf sie zwischen den Lidern einen Blick der Fensterecke zu. Nicht mehr ganz jung . . . eine Ausländerin, stellte sie fest. Ach ja, die hatten es gut gehabt mit ihren Dollars, ihren Pfunden. Nun hatten wir ja auch wieder ehrliches Geld . . . aber o, so wenig! Sie seufzte. Dann aber durchfuhr sie ein kleiner Schauer, halb der Ablehnung, halb der Sympathie, als die Unbekannte mit seltsam betörendem Stimmklang – mehr Oboe als Geige – ihre Entschuldigung mit einer ebensolchen erwiderte. 22

*

Einige Tage, ehe die Äbtissin den bayrischen Luftkurort verließ, um ihren Platz im adeligen Stift wieder einzunehmen, hatte an einem andern, einem sehr andern Ort eine Unterhaltung stattgefunden, die für sie bedeutsam werden sollte.

Des Teufels Großmutter nämlich, eine sich jeder Zeitrechnung entziehende Dame, war unter der üblichen Begleitung hüpfender Flämmchen im Palast ihres Enkels, des regierenden Herrn erschienen. Dieser hatte sich gerade von einer Rekrutierungsreise ausgeruht, die ihm zwar etliche Erfolge, aber auch Enttäuschungen eingebracht hatte, und befand sich in der grunzigen Stimmung, die oft den vom Nachmittagsschlaf Erwachenden überfällt und nicht gerade günstig ist für Bittsteller oder sonst lästige Besucher.

Man stellt sich des Teufels Großmutter allgemein als ein ziemlich ordinäres altes Weib vor, grau und ungekämmt und mit einem einzigen wackelnden Zahn bewehrt; oft auch auf einem Besen reitend. Wie anders aber erschien die infernalische Douanière an jenem Tage! Wohlkonserviert, zierlich und behend, zeitlos, aber mit unleugbarem Schick gekleidet, einen Widerschein spitzbübischer Schelmerei in den Augen, eine jener Frauen, denen kein Mann einen Dienst verweigert, eine jener Nichtmehrjungen, von denen man sagt: »wie entzückend muß sie in ihrer Jugend gewesen sein«, ohne zu bedenken, daß gerade die mannigfachen Erfahrungen durchlebter Jahre ihrem Antlitz die reizvolle Beweglichkeit gegeben haben, wie auch die liebenswürdige, ja schier charakterlose Toleranz gegenüber menschlichen Schwächen, wie sie nur jene so herzerwärmend ausstrahlen, welche nie mit Steinen werfen, weil sie ja selber – ach Kinderchen, ich weiß, ihr braucht mir nichts zu sagen – im allerzerbrechlichsten Glashaus sitzen.

Des Teufels Großmutter hatte lange nicht mehr auf Erden gastiert. Und das war eine harte Entbehrung. Denn sie litt 23 an Ruhelosigkeit, und ihr Verlangen nach Ortsveränderung war unstillbar. Darum auch ihre Reisen immer weitläufiger und planloser wurden, und das ärgerte den Enkel, denn er war im Grunde ein Pedant, und wenn er sich die Mühe gab, einen Reiseplan zusammenzustellen, wünschte er, daß man sich daran hielt. Aber Oma gab vielleicht an, nach Norwegen zu wollen, oder nach St. Moritz, um sich abzukühlen in der reinen Schneeluft, aber dann landete sie in Sizilien, oder ritt schleierumhüllt auf Kamelen, lange veilchenfarbene Schatten werfend auf gelbem Wüstensand. Sie war ganz unberechenbar. Und ob sie auch nie die Angel auswarf, ohne daß irgendein Fisch daran gezappelt hätte – sie spielte damit, bis es ihr langweilig wurde, und schließlich warf sie den armen Schlucker zurück ins Meer irdischer Möglichkeiten. So hatte sie manchen wertvollen Fang verscherzt, und als sie das letztemal von einer langen Werbefahrt heimkehrte, ohne eine einzige schäbige Seele mitzubringen – dekretierte der Herr des Hauses eine hundertjährige Reisepause.

Heute nun war der Termin abgelaufen, und die vergnügungssüchtige Großmutter kam, um Beelzebub einen neuen Grenzpaß abzuschwatzen. Bubi, wie sie ihn zu seinem Ärger sogar in Gegenwart der Hausangestellten nannte, wehrte müde und übellaunig mit der Hand ab, wie um eine zudringliche Wespe zu verscheuchen. Da sie aber mit der Hartnäckigkeit einer solchen nicht abließ – und was tut ein Mann nicht um des Friedens willen? – gab er schließlich gelangweilt nach. Dies sei nun aber ganz bestimmt das letzte Mal. Wenn sie auch diesmal wieder ihren Teil des Kontraktes nicht erfülle, gebe es überhaupt keinen Urlaub mehr. Dauer? Er wollte sich nicht festlegen – es käme ganz auf ihren Fleiß und ihre Erfolge an. Für eine Badekur wären ja sechs Wochen genügend. Aber na – damit wäre sie doch nicht zufrieden. Überhaupt: Badekur! Humbug! Gab es nicht hierzuland die schönsten heißen Schwefelquellen, mit allen 24 Schikanen? Wechselduschen, Massage, Elektrizität, sowohl in Einzelwannen wie auch im Gesellschaftsbassin! Nun – sie solle mal erst berichten – und wegen Nachurlaub würde man ja dann sehen . . .

Mit verschmitztem Lächeln nahm die Dame den dargereichten Paß in Empfang, der beim Umblättern knisterte und kleine Funken sprühte. Wie bei Pässen üblich, war die eingeklebte Photographie nicht schmeichelhaft. Aber sie wollte keine Einwendungen machen und strich dankend dem Enkel mit einer etwas katzenhaften Gebärde über das Haar. Bubi fuhr zurück, er liebte derartige Liebkosungen nicht. Zugleich hob er die eine Braue, und das untere Augenlid zuckte leise, als er sie ansah. So geben befreundete Schmuggler an Grenzstationen einander unbemerkt Zeichen. Dann erhob er sich mit einem Seufzer und geleitete sie zum Ausgang. Geisterhaft, mit leisem Fauchen öffnete und schloß sich die Türe.

 

II

Ihre Exzellenz, Frau von Teichlosen, begab sich zur Ruhe. Sie hatte all das abgelegt, was dem Kulturmenschen am Tage unentbehrlich scheint und wessen er sich bei sinkender Nacht so gern entledigt. Ihr »falscher Waldemar«, der aus einer Zeit stammte, da seine Farbe noch mit der ihres Scheitelhaars übereinstimmte, hing, mittels einer Sicherheitsnadel befestigt, glatt und dunkel von der Lehne ihres Fenstersessels herab. Von ihrem Bett aus überblickte sie das ganze, mit Möbeln und Andenken überfüllte Zimmer.

Über diesem Bett, das aus poliertem Nußbaum war und aus der Epoche der »Muschelaufsätze« stammte – eine Bezeichnung, die vielleicht in fernen Jahrhunderten die Sprachforscher und Archäologen beschäftigen wird – hing ein Spruch. Er hatte schon über ihm gehangen, als noch in seinem 25 Zwilling der Kultusminister ruhte. Frau von Teichlosen hatte den Zwilling verkauft, als sie sich entschloß, in dies ausgesprochen einschläfrige Haus überzusiedeln. Aber den Spruch hatte sie behalten. »Siehe, der Hüter Israels, er schläft und schlummert nicht«, stand in gotischer Schrift auf geädertem Papier, das Birkenrinde vortäuschen sollte.

Auch Frau von Teichlosen schlief und schlummerte nicht. Mehr sitzend als liegend – ein beginnendes Herzübel erforderte eine von beträchtlichen Kissen gestützte, majestätische Lagerung – überdachte sie die Tagesereignisse. Es war ja nichts Erhebliches, was sie in Gedanken verzeichnete, aber mit feinem Spürsinn witterte sie, daß etwas Neues, Fremdes in dies stille Haus eingezogen war. Kann doch ein einziges Blatt am Zweig verraten, woher der Wind weht. So leicht entging ihr nichts. Hatte sie doch gleich am Tage nach Marie Walburgas Heimkehr etwas Ungewohntes an ihr wahrgenommen. Nicht allein die dunkler gewordenen Brauen, der Glanz der Augen, das rote, früher so blasse Lippenpaar; auch in ihrem Gang, ihrer Haltung, ihrem Stimmklang war etwas anders geworden. Undefinierbar, ja, aber sie spürte es, wie nervöse Menschen kommende Gewitter spüren. Und auch Aussprüche der Äbtissin waren es, die auf einmal schwankende, ja man konnte wohl sagen, morastige Grundsätze verrieten. Sie mußte an jene gefrorenen Gebilde des Hofkonditors denken, wie sie in besseren Zeiten an Festtagen auf der Tafel erschienen: hier und dort sah man's bedrohlich sickern, hier zerschmolz ein Namenszug, dort neigte sich ein Flügel des schildtragenden Amors; und man wußte, nicht beim ersten, nicht beim zweiten, aber beim dritten und vierten Einstich würde der Bergrutsch stattfinden. Nicht mehr hörte man von Marie Walburgas so verdächtig geröteten Lippen die ihr früher so geläufigen Worte der Verdammung über eine neue, pietätlose Zeit. Hatte sie doch erst gestern geäußert, die Mode der kurzen Röcke habe die in 26 Deutschland bisher betrüblich rückständige Fußkultur auf das in andern Ländern längst bestehende Niveau gehoben, endlich sehe man anständiges Schuhwerk, wie es zum Beispiel in Italien schon immer der Fall gewesen.

Da aber war Frau von Teichlosen kobraartig hochgeschnellt und hatte mit bebender Stimme gesagt, sie wolle den Italienern gern ihre Seidenstrümpfe und Stöckelschuhe und verräterische Denkart gönnen – nicht umsonst habe man Anno 15 von Treubruchnudeln gesprochen – sie besitze etwas, das besser sei: ihr gutes, deutsches Gewissen.

Heute nun hatte die, die so ganz unbegreiflicherweise ihre Vorgesetzte war, die das Recht hatte – wenn sie's auch nicht ausübte – vor den ältesten Damen als erste durch die Türe zu gehen und beim Nachmittagstee den rechten Sofaplatz einzunehmen, die ferner die Auszeichnung genoß, den von Seiner Majestät der unvergeßlichen Gräfin Meta eigenhändig verliehenen, nach altgotischem Original angefertigten Krummstab ihnen allen voranzutragen – heute hatte sie bei der Gelegenheit der skandalösen Vorgänge in der Familie Schreyvogel ihrer leichtfertigen Denkart Worte geliehen, die einen Abgrund offenbarten.

Annchen, Schreyvogels einziges Kind und infolgedessen von den Eltern in unverantwortlicher Weise verwöhnt, Annchen, blond und füllig wie die widerlichen Gestalten von Rubens, die die herzogliche Galerie verunzierten; Annchen, die sich seit einem halben Jahr mit dem jungen Braunagel, Maschinenschlosser und natürlich Sozialdemokrat, wenn nicht Schlimmeres, abends in den Anlagen herumtrieb; Annchen also hatte sich in Begleitung ihres sogenannten Bräutigams zu Herrn Pastor Gutfleisch begeben, um das Aufgebot zu bestellen. Ein Blick hatte genügt, um den Pastor, einen mehrfachen Familienvater, zu überzeugen, daß in der Tat eine baldige Trauung geboten war. Pflichtgemäß sprach er Annchen, seiner einstigen Konfirmandin, seine Mißbilligung 27 aus und bedeutete ihr, daß sie ohne Schleier und Myrthe vor den Altar zu treten habe. Daraufhin hatte der junge Braunagel eine Bemerkung getan – nein – Frau von Teichlosen konnte es hier am Teetisch nicht wiederholen.

Aber statt in den Chor der Entrüstung einzustimmen, der alsbald zu summen begann, hatte Marie Walburga nur wie geistesabwesend vor sich hin gelächelt und gesagt: »Ach, unser kleines Annchen, da müssen wir ihr wohl ein Efeukränzchen stiften, irgendwas Grünes muß es doch sein, so ein bißchen bacchantisch zu ihrem krausen Haar. Hat sich ja auch ein bißchen bacchantisch aufgeführt, das gute Kind. Ach, Jugend, Jugend! Wer mag da richten!« Und dabei hatte sie sich lächelnd in der Tischrunde umgesehen.

Während die andern Damen ob der Laxheit ihrer Domina in tödlicher Verlegenheit dasaßen, war die alte Gräfin Kessenringk, die trotz ihrer achtzig Jahre einen entschieden frivolen Einschlag hatte, in ein ganz ungehöriges Gelächter losgeplatzt. Gott, diese Balten, dachte Frau von Teichlosen, vor dem Kriege hatte man sich doch gewaltige Illusionen über sie gemacht. Das waren eben die verrotteten russischen Verhältnisse. Und ihre verruchte Literatur! Anna Karenina und dergleichen. So was färbt ab. Und auch ihre sogenannte Religiosität stand auf tönernen Füßen. Hatte sie doch die Gräfin, als diese nach dem ersten Schlaganfall – eine deutliche Mahnung – auf der Couchette lag, mit der Bibel auf den Knien angetroffen. Ja, das schon, aber unter der Bibel – unsagbar – ein französischer Roman; schon an dem Titel hatte man genug. Die Luft natürlich blau von Rauch und auf dem Tischchen neben ihr veritable Pariser Pralinés von Rumpelmayer – Gott allein wußte, wo die Alte in diesen schweren Zeiten so was hernahm. »Nur herein, nur herein, beste Teichlosen«, hatte sie gesagt, eine Anrede, die der Ministerswitwe von seiten einer Unverehelichten, wenn auch bedeutend Älteren, ungehörig erschien, 28 »bleiben Sie, meine Gute, nehmen Sie ein Bonbon, gleich wird das Vögelchen singen.« Damit meinte sie eine Kombination von Uhr und Spieluhr, in Form einer Mahagonisäule, mit allerlei Gerank und tanzenden Nymphen aus Goldbronze verziert, die natürlich, wie bei baltischen Altertümern üblich, aus dem Besitz des letzten Herzogs von Kurland stammte. Wenn die Stunde voll war, öffnete sich ein Fensterchen über dem Zifferblatt, ein emailliertes Vögelchen erschien und stimmte ein minutenlanges, asthmatisches Gezwitscher an.

Nach mehrjährigem Intermezzo bei ostpreußischen Namensvettern war die alte Gräfin heimgekehrt zu ihrer Spieluhr, ihren Parfums, ihren Bonbonnieren und französischen Romanen. Mit sich zurück brachte sie ihren ganz unerschütterten Glauben an einen allverstehenden Gott, dessen unerforschliche Ratschlüsse freilich oft recht verzwickt und unvernünftig schienen, und, es ließ sich nicht leugnen, man hätte es selber anders gemacht. Dies aber, meinte sie, sei die Schuld unserer Kurzsichtigkeit und es würde uns später alles klar werden. Bei der Endabrechnung über die Vergehen unserer schwachen Natur aber würde es der Allwissende nicht so genau nehmen, denn da würde es andere, schlimmere Dinge geben, über die er zu Gerichte sitzen müßte. »Und es ist ja gewißlich alles nur Gnade«, pflegte sie zu sagen, »so wollen wir doch unserm Herrgott vertrauen. Warum auch sich fürchten? Fürchten ist überhaupt meiner Leute Sache nie gewesen. Nicht einmal vor den Bolschewiki. Warum also vor Gott?«

Ach ja, sie nahm die Dinge doch sehr auf die leichte Achsel. So auch Annchens Fehltritt, den sie äußerst lasch beurteilte: »Gott, meine Damen, was wollen Sie? Mädchen aus solchen Kreisen! Die essen doch auch Hering und Reisbrei mit demselben Messer, und sonntags riechen sie nach grüner Seife. Wie sollten sie in diesen Dingen heikel sein wie junge Damen aus dem kaiserlichen Institut, rechts die Mama und links 29 die Gouvernante! Ärrbarrmen Sie sich – das kann doch niemand verlangen!«

Aber Frau von Teichlosen und Fräulein von Kupferschmidt, welch letztere bei dieser Gelegenheit ihre sykophantische Art der Äbtissin gegenüber ablegte, hatten Worte der Empörung über das Ärgernis gefunden, und die Stimmung am Abendtisch wurde frostig. Früher als üblich gab Marie Walburga das Signal zum Auseinandergehen.

Frau von Teichlosen lehnte sich mit einem kleinen Seufzer zurück. Dies abendliche Wiederkäuen der Tagesereignisse, kurz vor dem Einschlafen, war von ganz eigenen Seelenschauern begleitet. Denn es ist sehr genußreich, die Vergehungen seiner Mitchristen, wenn auch blutenden Herzens, vor dem höchsten Tribunal anzuzeigen und auseinanderzubreiten.

*

Während Frau von Teichlosen, man möchte sagen mit Staatsanwaltsgefühlen, ihre Beobachtungen registrierte, ließ sich der Gegenstand derselben auch mancherlei Gedanken durch den Sinn gehen. Weniger klar und bewußt als die Ministerswitwe, befanden sie sich doch in einem unruhvollen Auf und Ab von Selbsttäuschung und Erkenntnis.

War es dieser goldne Spätherbst, der so ganz anders als der schwüle, flügelschwere Frühling den Tatendrang anstachelte, die Lebenslust aufperlen ließ, waren es vielleicht die geheimnisvollen Mittel, die ihr der Zufall – ja, der Zufall, denn der liebe Gott hatte gewiß nichts damit zu schaffen – in die Hände gespielt hatte; irgend etwas war anders geworden, erfüllte sie mit Unrast. Ja, da war irgendeine Macht, die sie zog und trieb, mit Angst und doch mit Glücksahnung erfüllte, als walte ein neues Gesetz in ihr, dem sie sich zögernd ergab. Dort auf dem Toilettentisch, in der kleinen Sammettruhe unter den ihr teuren, aber durchaus uninteressanten Briefen einer verstorbenen Erzieherin versteckt, lag das 30 geschliffene, mit goldnen Arabesken bemalte Flakon, das seit einigen Monaten, kaum merkbar zuerst, nun aber immer deutlicher, ihr Äußeres so erstaunlich verjüngt und – sollte sie's begrüßen oder beklagen – auch ihr Inneres verändert hatte. Wenn sie an dem ihr immer noch unheimlichen Behälter roch, schienen die Wände sich knisternd zu dehnen, und es war, als ob sie Wasser in die Ohren bekäme: es rauschte, und sie saß wie im Nebel. Da war eine schmale Hand, die sich ihr katzenhaft schmeichelnd auf den Arm legte, ein Duft, ein Dunst umgab sie, und eine fremde Stimme – wie betörend war diese suchende, diese tastende Art, das Deutsche auszusprechen – redete über den beginnenden Herbst, das Altern der Natur, das Altern der Menschen: ach ja, welkende Haut, ergrauendes Haar und dies Erschlaffen der Halslinie, die allmählich das betrübliche Aussehen einer »Wampe« annimmt, wenn nicht dagegen eingeschritten wird; ja und noch vieles andere, von dem man lieber nicht spricht. Aber das sei eben die bei deutschen Frauen leider so verbreitete Gleichgültigkeit gegen die eigene Erscheinung. Sind wir denn Bienen oder Ameisen, deren ganzes Dasein nur in der Erfüllung eines dumpfen, ziemlich freudlosen Gebärtriebs bestünde oder aber dahinginge in Beschäftigungen, die uns innerlich widerstreben müßten, auf muffigen Schulen und Universitäten und später dann in ebenso muffigen Banken und Büros? Welch sinnloser Raubbau! Und doch gäbe es Mittel, sogar unter den ungünstigsten Verhältnissen, diesem Erschlaffen, diesem Abbröckeln Einhalt zu tun . . . Zum Beispiel, ja, aber die Gnädigste dürfe es nicht übelnehmen, hier, dieser blonde Flaum an der Gnädigsten Oberlippe, ja zur Zeit nur ein Flaum, aber in ein paar Jahren würde es ein Bärtchen sein; und diese feinen Fältchen unter den Augen, ganz apart, wie zartes, verknittertes Seidenpapier; aber es würden Tränensäcke daraus werden, wie man sie auf den einst so verbreiteten Bildern des eisernen Kanzlers zu sehen 31 bekam – nun ja, ein vergrämter, tief verärgerter Staatsmann, warum nicht, aber eine immer noch schöne, reizvolle Frau? . . . Hier in dieser Tasche seien Mittel gegen solche Schäden. Warum altern? Es sei doch gar nicht nötig. Und dann hatte die Krokodiltasche ihren parfümierten Schlund aufgetan, die schmalen, kralligen Händchen holten allerhand Döschen hervor, und – war's der Duft, war's die betörende Stimme, die auf sie einredete, Maria Walburga war willenlos geworden, willenlos wie im Sessel des Zahnarztes, nur daß nichts Schmerzhaft-Bohrendes vor sich ging, sondern ein sanftes, einlullendes Streicheln, kaum fühlbarer, als was sie als Kinder »Schmetterlingsküsse« nannten, wenn sie und ihre kleinen Kusinen sich mit den Augenwimpern über den bloßen Arm fuhren. Schließlich gab ihr die Fremde noch ein rubinrotes Flakon mit goldnen eingeritzten Zeichen: das sei das Wichtigste, allabendlich fünf Tropfen, es enthalte Lebensfeuer, Verjüngungskraft; Geheimnis der Firma . . . aber ganz allmählich, anfangs kaum bemerkbar . . .

Marie Walburga hatte wie gelähmt dagesessen, die Zaubermittel waren in ihrer kleinen Handtasche verschwunden. Mitten in ihrer Willenlosigkeit erhob sich doch ein Protest: »Noblesse oblige«, und »sich nichts schenken lassen« – so wie ein paar tief eingerammte Pfähle aus einer Überschwemmung emporragen. Zugleich das peinliche Bewußtsein, daß sie in ihrem Täschchen nur gerade noch so viel hatte, um am Ziel ihrer Fahrt Droschke und Träger zu bezahlen, nicht aber diese Wundermittel, die gewiß entsetzlich teuer waren. Auf ihre verlegenen Einwände sagte die Unbekannte: »Schreiben Sie mir Ihren Namen und Adresse auf, Gnädigste, hier, in mein Notizbuch, das genügt vollkommen. Später begleichen Sie dann Ihre Schuld . . . aber nur wenn die Wirkung nach Wunsch war.«

»Ja, aber wohin?« sagte Marie Walburga.

»Ich werde mich schon melden« – die Augen der Fremden 32 zwinkerten, als sei da irgendein heimlicher Scherz – »doch in der nächsten Zeit wechselt mein Aufenthalt allzu oft. Aber hier, ich bitte – meine Visitenkarte.«

»La Marchesa de las Brasas Estintas, née de Flambowitza« las die Äbtissin. Also Spanierin, wie interessant, und geborene Slawin, darum die weiche Aussprache, Balkan, Herzegowina, dies Wort hatte etwas an sich, das dem Typus der Fremden entsprach, einschmeichelnd und doch gebieterisch. Ja, sicher redete man dort solches Deutsch, behutsam wählend, wie ein Reh die Füßchen aufsetzt. Sie nahm das Notizbuch, suchte nach dem Bleistift. »Ja«, sagte die Fremde und lachte etwas schrill, »in alten Zeiten hätte man sich nun wohl eine Ader geritzt, heutzutage – Füllfeder – unauslöschliche Tinte« – sie reichte Marie Walburga einen Federhalter hin, diese schrieb, es war eine rote Flüssigkeit darin.

»Wie Dr. Faust«, sagte die Fremde, »nun gehört mir Ihre Seele; ich werde sie gut verwahren.« Und sie lachte wieder. Der Äbtissin waren Scherze über das Seelenleben fast ebenso zuwider wie Mitteilungen über Verdauungsvorgänge; sie gab stumm das Notizbuch zurück und machte dazu ihr hochmütigstes Trostberggesicht. »Wie ein personifizierter Almanach de Gotha«, dachte die Geheimnisvolle und lächelte vor sich hin. Aber sie glitt leicht über die kleine Verstimmung hinweg. »Nun also, Gnädigste, ich werde Ihnen meine Adressä mitteilän und hooffä auf allerbästän Erfolg.« Ein klein bißchen, zuckte es durch Marie Walburgas Gedächtnis, redet sie doch wie Kurt Trostberg, wenn er Mikoschgeschichten erzählte . . .

»Ich glaube, ich muß hier von Ihnen Abschied nehmen«, sagte sie. »Leidär, leidär, schöne Frau«, antwortete die Unbekannte, und das war doch eine seltsame Art der Anrede, fand die Äbtissin.

Ja, es zeigten sich Lichter, der Zug fuhr schon ganz langsam – hielt. Es war ein Knotenpunkt mit Wagenwechsel, und 33 jetzt, am Ende der Ferien, ein ziemliches Menschengewühl. Marie Walburga mußte sich eilen. Mit einigen Dankesworten nahm sie Abschied; es war ihr unbehaglich zumute. »Oh, keinen Dank, bittä«, sagte die Fremde, »es ist ja nichts geschenkt im Läbän.« Dies war das letzte, was die Äbtissin von ihr hörte, aber das kleine, umschleierte Gesicht, halb Sphinx, halb Kätzchen, sah ihr noch einige Sekunden lang nach. Dann mußte Marie Walburga ihrem Träger folgen, die Treppe hinab, einem andern Geleise zu. Rauch und Lärm und eilende Menschen umgaben sie.

*

Die englische Standuhr schlug fein und eilig, ping – ping – zwölfmal. Oh, dachte Marie Walburga, wie viele Menschen mochten eben jetzt, gleich ihr, die Stunde schlagen hören. In Trauer um verlorenes Glück, in Angst um die fliehende Zeit, ach, vielleicht auch – ihre Hände schlangen sich ineinander – in Erwartung naher Seligkeit. Bilder kamen, Bilder zerflossen. Aber es war kühl geworden, sie erhob sich von ihrem Platze an dem kleinen, mit Photographien überladenen Schreibtisch. Schlank und hoch stand sie vor dem Pfeilerspiegel in ihrem glatten Abendkleid aus schwarzem Atlas und zog die Nadeln aus dem Haar, dem schweren Blondhaar der Trostbergs . . . »Aber hübsch sind doch jetzt die Bubiköpfe«, dachte sie plötzlich. Diese blonde Flechtenkrone machte den Kopf zu breit, es ging nicht an, die kleinen amüsanten Filzhelme darüber zu stülpen, wie sie jetzt Mode waren. Die Stiftsdamen trugen immer noch dieselben runden, von Straußenfedern umkränzten Hüte, wie vor zwanzig Jahren. Und Schneiderkleider mit Fischbeinen. Das unterlag nicht der Mode, war dezent und jeder Situation gewachsen. Ach aber . . . schwer war das Zeug. Nun stand sie schon wieder im Schlupfhöschen, dehnte sich – welch leichtes, weites Schreiten! Sie riß eine seidene Decke vom Tisch und wand sie sich um die Hüften; ganz eng. Nun tat sie ein paar 34 Schritte: Tumte, tumte, tumte tum . . . ja . . . so war der Rhythmus – sie trällerte – dieser abscheulichen . . . dieser entzückenden Tänze, die man überall tanzte. Woher nur kannte sie die Melodie? Sie tanzte in ihr Schlafzimmer hinüber, hielt vor dem Toilettentisch still, auf der die kleine Truhe stand, wo das Zauberelixier unter den Briefen ihrer Erzieherin (Deine mütterliche Freundin E. W.) verborgen lag. Ach, sie war müde, die Kosmetik wollte sie sich heute abend schenken, nur die Tropfen mußte sie einnehmen, es war wichtig, es regelmäßig zu tun. Sie nahm das Flakon heraus, sie zählte die Tropfen . . . O Emilie Wiedenhorn, wenn du mich sähest – dachte sie und mußte lachen. War da ein kleiner Kobold, der sie am Ellbogen stieß, oder glaubte sie, es könne nicht schaden, den Vorgang ein wenig zu beschleunigen? Das winzige Löffelchen, das sie zum Munde führte, war beinahe voll.

*

Von dieser Nacht an entwickelten sich die Dinge ziemlich schnell. »Es ist ein böser Dämon über uns gekommen«, seufzte Frau von Teichlosen. Fräulein von Kupferschmidt, die sich innerlich von der Äbtissin losgelöst hatte und mit zwei andern Damen nach dem Tee ein Stündchen bei der Ministerswitwe zubrachte, seufzte ein Echo. Sie nannten dies eine Stunde der Einkehr und der Gewissenserforschung. Beichtvätern ist diese Art der Erforschung bekannt; sie müssen oft die Ergüsse hemmen, wenn diese sich, schwemmteichartig, über anderer Leute Verfehlungen ausbreiten. Die Damen verließen allemal das Teichlosensche Gemach mit einem Ausdruck in den Mundwinkeln, als kämen sie eben aus einer sehr guten Konditorei. Man lebte doch wie am Rande eines Kraters. War nicht die Äbtissin vor vier Wochen mit einem regelrecht geschnittenen Bubikopf erschienen? Man denke sich: Bubikopf und Krummstab! Ging sie nicht auf einmal »halsfrei«? Und ihre Röcke wurden immer kürzer. Und hatte 35 sie sich nicht durch geheimnisvolle Toilettenkünste eine Jugendlichkeit zugelegt, die von der einer Zwanzigjährigen kaum mehr zu unterscheiden war? Und diese plötzliche Lebhaftigkeit der einst so Gemessenen, dies Augenfunkeln, sobald ein männliches Wesen in die Nähe kam! Einfach würdelos. Wie ungehörig auch, daß sie, ganz unnötigerweise, selber auf die Bank ging und Gideon Goldstein auf seinem Privatbüro aufsuchte! Warum nicht brieflich? Oder per Telefon? Hingen doch Bilder von Schauspielerinnen und Balletteusen über dem Ledersofa: zwar stammten die noch vom alten Goldstein her, der ein großer Theatermäzen gewesen, aber es paßte sich nun einmal nicht, es war wirklich ganz ungehörig, daß eine Äbtissin auf einem Sofa saß, über welchem Kreaturen in Tarlatanröcken die Beine in die Luft streckten. Goldstein – pflegte sie zu sagen – gebe ihr famose Börsentips. »Mag sein«, sagte Ihre Exzellenz, »desto schlimmer, meine Damen. Es ist mir peinlich, ein solches Wort vor Ihnen auszusprechen, aber ich nenne das – Prostitution.«

Eigentlich war es nur die hochbetagte Gräfin Kessenringk, die zu Marie Walburga hielt. »Nein, Kindchen, wie hübsch Sie heute wieder aussehen, das tut den alten Augen wohl«, sagte sie, wenn jene am Morgen ins allgemeine Wohnzimmer trat. Oder sogar, ganz unverfroren: »Da muß wohl Amor im Spiele sein, Walburgchen, Sie blühen ja auf wie eine Rose von Jericho.« Nun, sie war halbblind, die arme Alte, und merkte nicht, daß Schminke und Puder – nichts andres konnte es sein – die Zauberer waren; allerdings mit unglaublichem Raffinement aufgetragen.

Ja, das waren so Anzeichen. Wie weiße Flöckchen auf der vorjährigen Kirschmarmelade, wie Rauch, wie Fieber Anzeichen sind von heimlich glimmenden oder gärenden Kräften. Diesen aber nachzuspüren, hielt Frau von Teichlosen für das ihr angewiesene Amt. Zwar mit Jeanettchen war nichts auszurichten. Ihre Harthörigkeit umgab sie wie ein Wall, es 36 ging doch nicht an, sie mit Brülltönen auszufragen. Auch hätte sie nie etwas verraten, denn sie war aus festem Royalistenholz geschnitzt: right or wrong, meine Herrin. Aber Frau von Teichlosen gab sich so leicht nicht für besiegt, und es begann ein stilles Spionagesystem seine klebrigen Fäden um Marie Walburga zu spinnen, nach dem berühmten Lehrsatz, daß der Zweck die Mittel heilige. Worüber sich reden ließe, sobald man Gewißheit hätte, daß der Zweck auch wirklich heilig sei.

Im Coiffeurgeschäft, wo sich die Äbtissin ihr fast überreiches Blondhaar waschen ließ, wußte man von nichts: Nein, seit dem Bubikopf sei Hochwürden nicht mehr da gewesen. Auch Apotheker Wendehals verneinte, besondere Toilettenmittel ins Stift geliefert zu haben. Aber was wollte das bedeuten, Apotheker hatten ja wohl Schweigepflicht, gerade wie Ärzte. Frau von Teichlosen war zumut wie einem Angler, der stundenlang bei Gewitterschwüle und Schnakenstichen ausgeharrt hat, ohne daß auch nur der kleinste Stint angebissen hätte.

So ging die Zeit dahin, und eines Tages gewahrte Marie Walburga mit Schrecken, daß sich der Inhalt des rubinroten Flakons merklich vermindert hatte. Sie wurde haushälterisch und nahm die kostbaren Tropfen nur noch in homöopathischen Dosen und mit längeren Intervallen zu sich. Wenn sich nun die Marchesa nicht mehr melden sollte? Der Gedanke, bald wieder die Spuren ihrer für eine helle Blondine kritischen sechsundvierzig Jahre aufzuweisen, war ihr äußerst zuwider. Denn das geheimnisvolle Elixier erfüllte sie mit Lebenslust, ja mit Lebenshunger, und das bloße Wort »Resignation« weckte in ihr eine stille aber desto intensivere Raserei. Man hatte doch manchmal gehört oder gelesen, daß solche im Grunde dem göttlichen Willen zuwiderlaufenden Verjüngungskuren, wenn plötzlich unterbrochen, einen ebenso plötzlichen Verfall zur Folge hatten. Wie sollte das werden, 37 wenn dann, im erbarmungslosen Frühlingslicht, die Untaten der Zeit an ihr deutlich wurden? Wie so ein ausgedienter Plüschsessel in der Märzsonne, von Motten zernagt, mangelhaft und gedemütigt . . .

Die Tage wurden zu Wochen, die Wochen zu Monaten . . . der Zaubertrank näherte sich seinem Ende, doch es war immer noch etwas übrig.

 

III

Marie Walburga war am ersten Mai geboren. Am Walpurgistag. Dem zu Ehren trug sie den in ihrer Familie sonst nicht gebräuchlichen Namen. Der Tag – und besonders die Nacht – der Hexen, ein Fest, das in alten Zeiten auf dem Brocken stattfand, bei Mondschein und Katergeheul, mit Besenritten und allerhand Teufelskram, nun aber, im Zeitalter der Zeppeline und Flugmaschinen, der Scheinwerfer und Lautsprecher, in Vergessenheit geraten war.

Beim ersten Zusammensein fehlte es nicht an neckischen Anspielungen, wobei sich besonders die alte, jeden Aberglauben wie eine Delikatesse genießende Gräfin Kessenringk hervortat. Ja, sie hatte aus allerhand Seiden- und Brokatflicken – Überresten baltischer Pracht, die sie in einem großen Quastenbeutel verwahrte – eine niedliche Puppe hergestellt. In grünen, silberdurchwirkten Damast gekleidet, ein Federhütchen auf dem Haupt, aus dem die Augen – Gräfin Kessenringk hatte mit einem angekohlten Streichholz nachgeholfen – feurig und schmachtend hervorblickten, saß sie rittlings auf einem zierlichen Besen aus Haselnußzweigen.

Nachdem sich der offizielle Teil der Feier – Gratulantenempfang, Punschtorte und Südwein – abgespielt hatte, zogen sich die Damen zurück, um Kräfte zu sammeln. Denn auch der Abend sollte sich festlich gestalten. Hatte doch 38 Gideon Goldstein der Äbtissin ein Grammophon verehrt, das heute zum erstenmal erklingen würde. Dem schloß sich dann – traditionsgemäß – die Geburtstagsbowle an.

Marie Walburga saß in ihrem Schlafzimmer, sie fühlte sich abgespannt und hatte heftiges Verlangen nach dem Zauberelixier. Ein paar Tropfen würden ihre gesunkenen Lebensgeister erwecken, aber es war kaum noch ein Fingerbreit davon übrig: sie mußte sparen. Sie hielt das rote Flakon in der Hand, ein Abendsonnenstrahl weckte Zauberglut, es war wie eine Feuersbrunst, in die sie blickte. So, dachte sie, muß es im Innern des Aetna aussehen, wo die Alten – Emilie Wiedenhorn hatte es in der Geographiestunde mit elegischem Tonfall vorgetragen – den Eingang zur Unterwelt wähnten. Ihre Augendeckel wurden schwer, wie gut würde ein Nickerchen sein. So stundenlang Glückwünsche entgegennehmen, wo man doch im Innersten wußte, daß sich das Glück sozusagen immer im Nebenzimmer aufgehalten hatte, in welches man selber nie gelangt war, nie gelangen würde, das machte müde. So saß sie eine Weile und fühlte, wie eine Art Desperation sie überfiel und kleine Falten sich an ihren Mundwinkeln eingruben. Aber dann horchte sie auf – mein Gott, kam da noch ein verspäteter Gratulant? Wie lästig. Aber was war das für ein diskretes Tuten und Fauchen, das ganz plötzlich verstummte, wie nur erstklassigen Automobilen eigen, die ohne jede wahrnehmbare Anstrengung stehen bleiben, leicht und selbstverständlich, wie die Prima Ballerina auf der großen Zehe. Sie trat ans Fenster. Schreyvogel, mit seinem silbergrauen Haar und der neu aufgebügelten Livrée, ganz ancien régime und eigentlich recht eindrucksvoll, half eben einer zarten, wie in Wolken gehüllten Gestalt aus dem Auto, das von jener still eindringlichen Eleganz war, der man vor und seit dem Krieg in der kleinen Residenz nur selten begegnete. 39

 

IV

Als sich später die Damen über das Erscheinen und Verschwinden der Marchesa de las Brasas Estintas unterhielten, waren ihre Ansichten sehr geteilt, wenn auch in einem Punkt übereinstimmend: sie hatten alle den Eindruck von etwas Gleitendem, Flüchtigveränderlichem gehabt. Aber der einen war sie alt und verlebt, der andern jugendlich, der dritten wohlkonserviert erschienen; die eine fand sie liebenswürdig, die andre arrogant. Frau von Teichlosen hatte der Fremden die Hochstaplerin auf den ersten Blick angesehen, Adelheid von Telchow meinte, ihr Lächeln sei das eines gütigen, aber schwer enttäuschten Herzens, Fräulein von Kupferschmidt, die sich viel auf ihre kleinen, weißen Potelépfoten einbildete, rügte die katzenartigen Krallen, mit denen die Fremde die Bridgekarten verteilt und zusammengerafft hatte. Gräfin Kessenringk wieder fand sie magnetisch und entdeckte Ähnlichkeiten mit einer verstorbenen Baronin Manteuffel, was von ihren Lippen als höchstes Lob galt, ließ sich aber – die sonst so redselige – auf weitere Aussprache nicht ein.

Immerhin hatte während des Besuchs eine angeregte, ja heitere Stimmung im Kreise der Damen geherrscht. Es schien ein Fluidum von der Fremden auszugehen, das sie alle belebte.

Ungezwungen und gesprächig erzählte die Marchesa von ihren Reisen, rühmte besonders die Eleganz und klimatische Unübertrefflichkeit der pyrenäischen Bäder, wo sich die Frische der Meereswellen mit anregender Gebirgsluft vereinigt und ein fast exotischer Baumbestand die Glut der Sonne mildert. Als man es aber später genauer überdachte, hatte die Dame auf alle Fragen woher und wohin doch nur ganz unbestimmte Antworten gegeben. Ja, sie war auf Reisen, im eigenen Kraftwagen, schon seit etlichen Monaten, hatte auf einer Fahrt, die sie, einer Panne halber, per Bahn 40 machen mußte, ihre hochzuverehrende Gastgeberin kennengelernt und wollte, nun sie wieder in die Nähe kam, nicht verfehlen, derselben ihre Reverenz zu machen, und gleichzeitig ein unverfälschtes, altadeliges Damenstift kennenlernen, wonach sie schon immer das größte Verlangen gehabt. Zwar – setzte sie mit bedeutsamem Augenzwinkern hinzu – gäbe es in ihrer engeren Heimat auch Damenkränzchen und Damenklubs, aber das seien doch Vereine sehr anderer Art. Eine Bemerkung, die bei Frau von Teichlosen sofort den Verdacht auslöste, man habe es hier mit einer abgefeimten Mädchenhändlerin zu tun.

Die feindliche Einstellung der Ministerswitwe war der Marchesa ohne weiteres klar, und sie vermied es, sich auf Gespräche mit derselben einzulassen, machte aber, zu der Äbtissin heimlichem Ergötzen, kleine, humoristische Randbemerkungen zu den lapidaren Aussprüchen Ihrer Exzellenz, ähnlich den Sprüngen eines spielerischen Kätzchens, das auf dem Dachfirst einer alten Turmeule begegnet.

Nachdem man bei Plauderei und Kartenspiel den Tee eingenommen hatte, dem später die traditionelle Bowle folgen sollte, ließ sich der ehemalige Hofbankier Gideon Goldstein melden. Sein Diener Josua folgte ihm wie der Abendstern dem Monde, einen schwarzen Kasten tragend. Gideon selbst schleppte schwer an einer Mappe, die Grammophonplatten enthielt. Von der Äbtissin freundschaftlich heiter, von den übrigen Damen höflich, von Ihrer Exzellenz eisig begrüßt – denn, dachte sie, was würde der selige Kultusminister sagen, wenn er sie hier am selben Tisch mit einem Wechsler und Manichäer sitzen sähe? – wurde er der Marchesa vorgestellt, die ihn, wie Frau von Teichlosen bemerkte, mit gefallsüchtigem Augengefunkel und katzenhaften Windungen begrüßte, eine durchaus würdelose Art einem bürgerlichen und noch dazu jüdischen Manne gegenüber. Ja, und war es nicht, als habe zwischen diesen beiden sofort ein elektrischer 41 Kontakt stattgefunden? Ach, wie so oft in der Gegenwart koketter Frauen der Fall, sanken die übrigen Anwesenden unwillkürlich in die Rollen des Chors, der Statisten, die bei Gelegenheit Freude, Staunen oder Schrecken auszudrücken, sich aber jeder Einmischung in die Handlungen der Hauptakteure zu enthalten haben.

Das Grammophon gab zunächst durchaus anerkannte Musikstücke von sich: Glucks Iphigenie-Ouvertüre wechselte ab mit klassischen Quartetten, dann hörte man den ersten Teil der Mondscheinsonate: Ansorge als Interpret, wie Gideon im Flüsterton verkündete. »Herrlich«, seufzte Frau von Teichlosen, »so kann doch nur ein Deutscher unsern Beethoven erfassen«, worauf Gideon schuldbewußt stammelte, er habe sich versehen, es sei Paderewski. Nun kamen Arien in den verschiedensten Stimmlagen, unter denen »O Isis und Osiris« den Vogel abschoß, von einer vibrierenden Baßstimme vorgetragen, die im Rückgrat der Damen prickelte wie elektrische Massage.

Bis dann die Bowle nebst pikanten Brötchen erschien.

Gideon, als einziges männliches Wesen im Damenkreise, erhob sein Glas und brachte, etwas kurzatmig, die Gesundheit des hochverehrten Geburtstagskindes und des erlauchten, aus weiter Ferne hier eingekehrten Besuches aus, wobei er »Ehret die Frauen« und »Das Mädchen aus der Fremde« fugenartig in seinem Glückwunsch verflocht. Dabei verschluckte er sich, was die Marchesa durch joviales Beklopfen seines wohlgepolsterten Rückens alsbald in Ordnung brachte. Dann aber dankte sie ihm in ihrem fehlerhaften und doch erlesenen Deutsch, Marie Walburga ließ sich von ihm die Hand küssen, und alle stießen miteinander an. Immer wieder füllte Gideon die Gläser mit festlichem Schwung, und Frau von Teichlosen beobachtete mißbilligend, wie die Marchesa das ihre studentenhaft und ohne abzusetzen in den Mund kippte: wie in einen Feuerschlund goß sie den perlenden Trank. 42

Als Sarastros letzter tiefer Ton – man hatte »O Isis« da capo verlangt – gleichsam im Keller verklungen war, blätterte Gideon noch einmal in der Mappe mit den Grammophonplatten.

»Wie wäre es, Hochwürdigste, mit einem Tango? Einem langsamen, fast tragischen Tango? Kein Menuett könnte statiöser sein. Darf ich die Ehre erbitten?«

Aber die Äbtissin verneinte; sie habe die neuen Tänze nicht gelernt.

»Sie werden sie noch erlernen«, rief die Marchesa, ein bißchen zu schrill, »bei uns tanzt man sie allgemein.« Und damit hatte sie sich dem Hofbankier genähert, und wie ein Stahlspan vom Magneten angezogen, umschlang er sie willenlos. Es war ein wunderlicher Anblick: der kleine, dicke Goldstein, wie so oft bei fetten Leuten der Fall, ein graziöser Tänzer, und die schmächtige, etwas überragende Marchesa, die ihn mit ihrem Feuer ansteckte und zu den außerordentlichsten Variationen anstachelte. Die Damen saßen versteinert. Nur die dünnen Vogelbeinchen der betagten Gräfin Kessenringk bewegten sich rhythmisch unter dem schwarzen Moirée ihres Schleppkleides: es ging ja nicht an, sie würde sich lächerlich machen, und doch . . . am liebsten hätte sie mitgetanzt.

Marie Walburga aber war, von plötzlicher Unrast ergriffen, ans Fenster getreten, nun lehnte sie dort, eine schmerzhafte Lebenslust schwoll in ihr an. Diese Töne . . . diese Töne! Bilder kamen und gingen, einzelne Worte, halbe Sätze tauchten empor, aus Büchern, die sie heimlich erglühend gelesen und schuldbewußt wieder zugeklappt hatte, Worte auch, die sie beim Vorbeigehn gehört, abends im Park, wo die Liebespaare auf Bänken sich schamlos umschlangen. Vergessen . . . und doch irgendwo aufbewahrt. Düfte umwehten sie, nicht der Flieder und die Maiglöckchen ihrer Kindheit, nein, Gardenien waren es – Gardenien jener einzigen Reise in den Süden, wie sie dort, kurzgestielt, schwerduftend auf flachen 43 Körben feilgeboten wurden, und die ihr ein Unbekannter – o sie war noch nicht neunzehn damals – mit schönen sprechenden Augen unter den Kolonnaden dargereicht hatte . . . O warum, warum hatte sie sich abgewandt? Und dazwischen – immer wieder – ein Ton, ein Ruf, war's Oboe, war's Waldhorn: »Komm, komm, eile dich . . .« Ja, fort von hier, fort aus all dem staubigen Kram, fort in die Länder, wo solche Tänze entstehen, wo Zitronenblüten wächsern auf den Wegen liegen und schöne, braune Menschen stehn und warten . . .

Die Grammophonplatte hörte auf, sich zu drehen. »Nun tanzen wir die Farandola«, rief die Marchesa und klatschte in die Hände. »Farandola?« frug Gideon verdutzt. »Jawohl, hier ist sie ja«, sagte die Marchesa und reichte ihm eine Platte. Gideon hatte sie nicht gewählt, es mußte wohl ein Versehen sein, aber als galantem Mann war ihm der Wunsch einer schönen Frau Befehl. Er stellte die Platte ein. Dann stürzte er ein Glas Bowle hinunter. Sie war, wie Damenbowlen immer, zu süß, aber herrlich kalt, und er war heiß und durstig geworden.

»Wie die Gnädigste befiehlt«, krächzte er, das Glas absetzend, »da müssen wir Grande-chaîne machen; geben Sie sich die Hände zur Kette, meine Hochverehrten! Zweimal rund um den Saal, dann in den Garten, in diese milde, silberne Mondnacht: wie singt doch unser unvergleichlicher Schumann? ›Es war als hätt' der Himmel . . .‹ Auf! meine Damen, zeigen Sie, was die Töchter edelster Geschlechter vermögen . . .«

Und nun begann die Farandola.

*

Über die weiteren Vorkommnisse an jenem Walpurgisabend wurde nie etwas Genaues, Unbestrittenes bekannt. Dasselbe Modell, dieselbe Landschaft, derselbe Vorfall, von verschiedenen Temperamenten, Gesichtswinkeln aus erlebt und 44 aufgezeichnet, kann die einander unähnlichsten Bilder und Beschreibungen ergeben. Und es war alles an der seltsamen Fremden zerfließend gewesen, wie Perlmutterfarben, wie Umrisse fliehender Wolken. Wer hätte es festhalten können? Die Marchesa war noch in derselben Nacht weitergereist, ohne die Äbtissin mitzunehmen, der sie doch eine Fahrt im Mondschein so lockend angeboten hatte.

Denn die Farandola, die zuerst anmutig und würdevoll unter den Augen der Kurfürsten und deren Frauen und Nebenfrauen ihre Girlanden geschlungen hatte, war bald zu den geöffneten Türen des Gartensaals hinausgestoßen in die silberne Mondnacht und hatte dort zwischen Buchsbaumpyramiden und Sandsteinamoretten immer wildere Kreise gedreht. Bis die meisten Damen, solcher Bewegung ungewohnt, die Pelerinen um die Schultern ziehend, sich im Gartensaal wieder zusammenfanden. Aber wie der vom Spaten des Gärtners abgetrennte Teil eines Regenwurms sich immer noch weiter windet, so hatte das im Garten verbliebene Farandolafragment seinen Tanz um den Rasenplatz fortgesetzt. Gideon, trotz seiner Beleibtheit ein passionierter Tänzer, machte die verwegensten Pas: vielleicht ein durch die Marchesa angefeuerter Ehrgeiz, vielleicht vererbte Erinnerung an das Solo, das einst König David vor der Bundeslade tanzte. Erstaunlich waren auch die Sprünge der hochbetagten Gräfin Kessenringk, erstaunlich, wenn man ihr Alter, ihre Würde und Gebrechlichkeit bedachte. Den Besenstiel mit dem Püppchen in der freien Hand, die Schleppe über dem Arm, tanzte sie, beinahe mänadenhaft, als letzte in der Kette. Unermüdlich, mit glänzenden Augen und geblähten Nüstern, schienen sie alle wie besessen und folgten der Musik, die hier draußen, wohin das Grammophon nicht mehr drang, der wartende Chauffeur der Marchesa, ein ausnehmend schöner Mensch, elegant in rotes Leder gekleidet, auf einer Mundharmonika ertönen ließ: ein Gitarrengeschwirr, ein 45 Wimmern wie von Holzbläsern, ein Schellengeklingel wie von Tamburinen, das dem unscheinbaren Instrument gar nicht zuzutrauen war. Er war's, der nun die Farandola anführte, die Marchesa folgte ihm, eine Hand auf seiner Schulter, während sie mit der andern die Äbtissin nach sich zog; den Schluß machten Gideon und die Gräfin Kessenringk, letztere den Besen mit der Puppe wie einen Thyrsusstab schwingend.

Am unteren Ende des ovalen Platzes, dort, wo auf vermoostem Sockel ein flötenblasender Pan seine Ziegenohren spitzte, stand wartend das Auto der Marchesa mit glühenden Augen im Dunkeln. Heute nacht, hatte sie gesagt, müsse sie weiter; es sei der letzte Termin, ihre Angehörigen gäben schon Zeichen höchster Ungeduld. Was ja auch wirklich der Wahrheit entsprach. Wohin fuhr sie nun wohl? Sie hatte nichts Näheres gesagt. »Fern im Süd das schöne Spanien, Spanien ist mein Heimatland –«, murmelte Gräfin Kessenringk; wie so viele ihrer Generation, beherrschte sie eine erstaunliche Menge deutscher Gedichte. Aber die Marchesa hatte nicht darauf reagiert.

Zum drittenmal näherte sich die Farandola dem wartenden Auto. Der Chauffeur schien mit erhobener Hand den musizierenden Gott auf seinem Postament zu grüßen. Dann ließ er die Mundharmonika in seiner Tasche verschwinden, rückte Lederwams und Kappe zurecht, öffnete die Wagentür und stand in vorbildlicher Versteinerung. Auch die Tänzer standen still, alles umher war still, nur in den knospenden Baumkronen war ein Windesseufzen zu spüren.

»Kommen Sie, liebste Äbtissin«, flüsterte die Marchesa mit verschleierter Stimme, »im Wagen sind Mäntel und Decken, die Luft ist mild, und ich habe Ihnen noch einige wichtige Ratschläge zu geben; machen wir also eine kleine Schleife.«

Marie Walburga zauderte. Aber nun fiel ihr ein, daß das 46 rote Flakon nur noch wenig enthielt und sie bisher keinen ungestörten Augenblick gefunden hatte, um neue Füllung zu erbitten.

Der Chauffeur legte stützend die Hand unter ihren Ellbogen, schon hob sie den schmalen Fuß, um einzusteigen.

Gräfin Kessenringk stand hinter ihr, blaß und nachtwandlerisch. Seitdem die Musik schwieg, erwachte sie wie aus verwirrenden Träumen. Um sie her nur ein kühles Gesäusel – Baumwipfel, die sich leise bewegten; als ob ein Dunst sich zerteilte. Etwas war von ihr gewichen . . . ja . . . aber lag da nicht am Wege eine alte, alte Haut, in die sie nun wieder hineinschlüpfen mußte, ob gern oder ungern, die alten Lehrsätze und Urteile, alles das, was man kannte und anbetete, von Kindheit an, vor allen Dingen wohl . . . die Gewohnheit? . . . Sie strich sich mit der feinen verwitterten Hand über die Stirn – was hatte sie, uralte Frau die sie war, hier in dieser Frühlingsnacht zu schaffen!

Ein Klirren auf dem Kies weckte sie, vor ihren Füßen glitzerte es. Sie bückte sich. Es war Marie Walburgas Äbtissinnenkreuz mit den leuchtenden Rubinen, in der Mitte und an den vier Enden, die heiligen Wundmale symbolisierend. Die Kette war zerrissen.

»Walburga, Ihr Kreuz« – sagte sie leise. Sie hielt das Symbol opfernder Liebe empor, es strahlte im Schein der Automobillampen. Von seinen Strahlen getroffen schien der Chauffeur sich zusammenzukrümmen, er war kleiner und schwärzer geworden und ließ die Hand sinken.

Aber Gräfin Kessenringk schien zu wachsen. Es war ein Glanz über sie ausgebreitet, der nicht allein vom Monde kam. Ihre Stimme war stärker und tiefer geworden.

»Walburga, mein Kind«, sagte sie ernst, »legen Sie Ihre Insignien wieder an. Das Christenkreuz, unser Schmuck und unsere Zuversicht.«

In diesem Augenblick umgab sie eine Würde, höher als alles, 47 was die Witwe des Kultusministers in ihren erhabensten Momenten vermocht hätte.

Marie Walburga stand bleich, in unbegreiflichem Erwachen. Sie fühlte es dumpf: etwas entglitt ihr, auf immer. Ob sie auch nicht deutlich erkannte, was es war. Aber folgsam nahm sie das Kreuz aus der Hand der alten erprobten Freundin. Und sie drückte es an die Lippen.

Die Marchesa war eingestiegen. Nun beugte sie sich vor, ihre Augen schossen grüne Funken. Wie eine schwarze Pantherin aus ihrer Höhle, so funkelte sie: »Wenn Sie jetzt nicht auf mich hören, Baronin, kann ich nichts mehr für Sie tun.« zischte sie. Aber die Äbtissin war von anderer Macht gebannt. Sie schüttelte stumm das blonde Pagenhaupt und drückte das Kreuz an die Brust. Dabei blickte sie nach oben. Als stünde sie auf dem Holzstoß und warte auf das Knistern der Flammen.

»So leben Sie glücklich, wenn es Ihnen gelingt. Ich überlasse Sie dem Altern und allem Widerlichen, was es mit sich bringt. Schade um Sie. Natürlich werden Sie später Tugend nennen, was nur Mutlosigkeit war. Damit trösten sich viele Ihresgleichen. Aber glauben Sie mir: die Reue um Versäumtes ist die bitterste Reue. Meine Reverenz, Hochwürdigste.«

Sie winkte dem Chauffeur mit der schmalen Hand, und lautlos, geisterhaft, aber eine Funkenschleppe nach sich ziehend, setzte sich der Wagen in Bewegung; über den silbernen Kies, durch das schwach erleuchtete Tor, in die Finsternis hinein.

Im selben Augenblick entlud sich die Elektrizität, die sich während dieses, für Maibeginn ungewöhnlich warmen Abends zusammengeballt hatte: einem furchtbaren Blitz folgte das obligate Donnergepolter.

Gräfin Kessenringk sah sich nach Hilfe um. Aber Gideon, der als taktvoller Mann eine feine Witterung dafür besaß, ob seine Gegenwart erwünscht sei oder nicht, war schon vor einigen Minuten wie jener oft genannte Kanadier in den 48 Taxusbüschen verschwunden. Und nun war es erstaunlich, wie die kleine, verkrümmte Gräfin Kessenringk die so viel jüngere und größere Marie Walburga stützte und schob und Stufe um Stufe zum Gartensaal hinaufführte.

Dort kamen ihnen die Damen wie erschreckte Küchlein flatternd entgegen. Draußen regnete und stürmte es. Aber obgleich sie die Domina war, hatte sich Marie Walburga nie recht in die Rolle der schützenden Gluckhenne finden können. So verabschiedete sie sich rasch von ihren Schutzbefohlenen und ging aufrecht, wenn auch totenblaß in ihre Gemächer zurück.

 

V

Während sich diese Begebenheiten abspielten, war Frau von Teichlosen unsichtbar, aber nicht untätig gewesen. Von der Musik aufgelockert und durch den Genuß der Bowle angeheitert, war das Dienstpersonal beisammen geblieben, statt, wie es sich gehörte, in den oberen Räumen die sogenannte »Nachtordnung« vorzunehmen.

Diese einzige, ja, wie sie meinte, gottgesandte Gelegenheit wahrnehmend, hatte sich Ihre Exzellenz in Marie Walburgas Privaträume begeben. Schnuppernd und aufmerksam, halb Spürhund, halb Rutengänger, ging sie in den ihr fremd gewordenen Stuben hin und her, hier eine Schublade, dort eine Schranktür öffnend, und es dauerte nicht lange, bis sie das Gesuchte fand. Das verdächtige Flakon in ihr Taschentuch gewickelt, eilte sie dann, verstohlen wie eine Maus, in ihr eigenes Zimmer, wo sie hinter dem Wandschirm, der ihren Waschtisch dezent umgab, einige plätschernde Manipulationen vornahm; eigentlich unnötigerweise, denn das Flakon war beinahe leer. Dann legte sie es – ebenso lautlos – wieder an seinen Platz zurück. Worauf sie sich mit dem ganzen Tugendglanz der Pflichterfüllung auf dem Antlitz, in den 49 Gartensaal zurück begab, wo sie gerade zurecht kam, um die Äbtissin, von Gräfin Kessenringk gefolgt, geisterhaft aber aufrecht an sich vorbei wandeln zu sehen.

*

Ein paar Jahre waren seitdem vergangen. Im Vaterlande hatte sich manches ereignet. Nicht nur die üblichen Wandlungen, wie sie die Zeit mit sich bringt, die das grüne Laub gelb werden und abfallen läßt, um dem Jungen, dem Neuen, Platz zu machen; nein, es war sturzbachmäßig.

Auch im adeligen Damenstift hatte sich vieles verändert. Zunächst war da der Tod. Er hatte zu wiederholten Malen angepocht. Als erste mußte die hochbetagte Gräfin Kessenringk dem Wink seines knöchernen Fingers folgen. Sie tat es ohne Furcht. Ein wenig schmerzliches Zaudern ließ sich nicht verkennen. Doch war's nicht Angst um ihren alten gebrechlichen Leib oder ihre sündige und doch so heitere Seele, sondern Sorge um Marie Walburga, die sie auf der dunklen Schwelle zögern und einen letzten Blick tun ließ auf die haßerfüllte Welt, in der sie das Wesen zurücklassen mußte, an dem einzig noch ihr Herz hing. Wenn sich auch seit jener Nacht ein Schleier zwischen sie und die so viel jüngere geschoben hatte, jene Feindlichkeit nämlich, die der Gerettete unbewußt gegen den Retter empfindet, der ihm eine Erfahrung erspart hat, nach der er doch bis in die Fingerspitzen verlangte.

Ja, und Marie Walburga hatte sich verändert. Nicht nur äußerlich; wenn auch ihr plötzliches Altern auffiel. Ihr volles Blondhaar, das sie nun wieder zu einer Krone aufgesteckt, in Flechten trug, hatte allen Glanz verloren, ihre Haut welkte und war unter den Augen erschlafft. Noch immer trug sie das Haupt schön und königlich – aber die jugendliche Halslinie – wo war sie hin? Und gleichlaufend damit ging eine seelische Veränderung, von vielen gepriesen, von einigen bedauert. Die Äbtissin führte den Krummstab nunmehr mit Ernst und Würde, und bei Gelegenheit fielen Worte von 50 ihren Lippen, die ihre neuerdings gefestigten, man möchte sagen betonierten Grundsätze kund taten.

Ein- oder zweimal – in einer jener Stunden, von denen Dante sagt »inteneriscon' il cuore«, da ein abendlicher Glanz, ein Amselflöten, ein zärtlicher Duft ihr Herz übermannte, hatte Gräfin Kessenringk die Hand der Äbtissin ergriffen. »Kindchen, Kindchen«, sagte sie weich. Denn es war ihr, als habe sie ihr etwas abzubitten. Fast schüchtern, aber beharrlich hatte sie ihr in die Augen geschaut. Und meinte, aus diesen kühlen, blauen Brunnenschalen müsse auf ihren Anruf undinenhaft eine Menschenseele aufsteigen; mit all ihren Schwächen, ihrem Liebreiz: ach, ihr altes Herz sehnte sich so sehr. Aber der Spiegel blieb unbewegt. Hatte Marie Walburga vergessen, oder wollte sie nicht erinnert sein? Schließlich kam's auf dasselbe heraus. Seufzend legte die alte Dame ihre Hand wieder in den Schoß. In ihrem tiefsten Herzen erwachte die Einsicht, daß liebenswerte Sünder die Welt reicher beschenken als unentwegte Gerechte. Aber als sie so weit gekommen war, war auch ihre Zeit um.

Vollen Triumph kostete die Ministerswitwe. Denn sie war es doch gewesen, die durch kluges Handeln den frivolen Geist gebannt hatte. So wenigstens dachte sie. Wenn sie auch aus bestimmten Gründen nicht darüber sprach, so lächelte sie doch vielsagend, wenn die Rede auf die Wandlung der Äbtissin kam. Bald darauf aber verließ sie das Asyl, das sie im Stift gefunden. Ihrem sittlichen Ernst und ihrer vaterländischen Denkart entsprechend, wurde sie zur Beraterin des Mädchenbundes »Thusnelda« ernannt; eine Dreizimmerwohnung mit allem Komfort war damit verbunden.

Das Stift blieb, trotz der sich immer weiter erstreckenden Reformen, die andere Institutionen beseitigten, dennoch bestehen. Bei dem hohen Alter seiner Insassinnen lohnte es sich nicht, es den neuen Idealen gemäß umzuformen. Der Tod hatte fleißig gejätet: man konnte ihm das Weitere überlassen. 51

Gideon Goldstein freilich mußte die Verwaltung des Stiftsvermögens, der er sich mit einem fast künstlerischem Ehrgeiz gewidmet hatte, anderen Händen übergeben. Er schloß seine Bank und zog sich zunächst nach Bentschen, seinem Geburtsort, zurück, wo ihm noch eine ältliche Verwandte lebte, eine kleine, geschäftige Frau, die einen braunen Atlasscheitel trug. Doch fühlte er sich trotz ihrer Fürsorge, trotz der delikaten polnischen Karpfen und rituell gebratenen Gänse, die sie ihm vorsetzte, nicht heimisch und nicht froh, wenn er es auch vor ihr zu verbergen suchte. Denn er vermißte so vieles, an das er gewohnt gewesen: vor allem jenen harmlos freundlichen Verkehr in der kleinen Residenz, jene Toleranz der guten Erziehung mit ihren anmutigen, wenn auch veralteten Formen, all das, was die Italiener in dem unübersetzbaren Wort »gentilezza« zusammenfassen, und was im Begriff ist, wie gewisse altmodische Rosensorten, der Welt verlorenzugehen.

Nein, er fühlte sich nicht glücklich in seiner alten Heimat, und in dem Gratulationsbrief, den er alljährlich zum ersten Mai abschickte, sprach er es aus.

»Aber«, sagte Marie Walburg, nachdem sie zu Ende gelesen hatte, »wer kann behaupten, daß es Zweck unseres Erdenlebens ist, glücklich zu sein?« Sie sah fragend umher. Die alten Damen, über gemeinnützige Handarbeiten gebückt, blickten nicht auf, denn sie wußten nichts zu erwidern.

Was nun die Heimkehr der Marchesa de las Brasas Estintas betrifft – auch diesmal ohne alle Erfolge –, so wurde sie von dem mit Recht erzürnten Familienoberhaupt aufs ungnädigste empfangen und zu dreihundertjährigem Hausarrest verurteilt. Ihr nächstes Auftreten auf dem an Rätseln reichen Stern, den wir unsere Erde nennen, wird niemand, der dies liest, erleben. 52

 


 


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