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Zwei Post-Stationen

Zuerst erschienen: 1991
Hrsg. von Jochen Meyer. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach

I. Der Postillon

Eile mit Weile.

Bald wird ein Eisenbahn-Netz den gebildeten Teil Europas umschlingen; schon in diesem Augenblicke sind der Segnungen unzählige, welche die Menschheit der großartigsten Erfindung unsrer Tage verdankt; und dennoch lassen sich heisre Stimmen hören, die diesen neuen Triumph des menschlichen Geistes verwünschen, und für die »deutsche Postschnecke« in die Schranken treten. – Die Entrüstung jedes Kärrners und Lohnkutschers will ich mit Freuden verzeihn; zum Lachen aber ist es, wenn man aufrichtigen Herzens das allmähliche Schwinden der Postwagen-Poesie beweint, und die schönen Tage mecklenburgischer Bädermaschinen, die den Namen eines Postwagens usurpierten, zurückerfleht, wenn man durchaus in Hohlwegen zusammengeraten, durchaus in den Graben fallen, und auf einer Reise von zwanzig Meilen drei Freundschaften fürs Leben schließen, zweimal lieben, und schließlich als erklärter Bräutigam aus dem Wagen steigen will.

Im übrigen geh' ich allen Feinden des Fortschritt's die tröstliche Versicherung, daß es im Lande der Kaschuben, in Hinterpommern und weiter westwärts bis an die Ufer der Elbe noch manches paradiesische Plätzchen gibt, aus denen die Lokomotive, dieser flammende Cherubim, die ersten Postwagen noch nicht vertrieben, und ihrer Romantik ein so weites Feld gelassen hat, als es in unsrer, an Räuberbanden gar ärmlichen Zeit, noch irgendwie möglich ist. Meine eignen Schicksale mögen diesen Ausspruch erhärten.

Von Zeit zu Zeit führt mich die Sehnsucht nach Vaterhaus- und Vaterstadt aus den Mauern der Residenz an die Ufer des baltischen Meeres, wo denn im Kreise der Meinen, bei der, vom Vater selbst, gebrauten Bowle gar fröhliche Stunden verbracht werden. Es war im März, als die schönen Tage von Aranjuez, Tage voll süßen Nichtstuns, wieder einmal vorüber waren.

Jochen fuhr vor; denn obschon Postillon, und königlicher Beamter zweiten Grades, wurd' er gegen das Versprechen eines tüchtigen »Magenwärmers« seiner ganzen Würde uneingedenk, und holte den Passagier aus seiner Wohnung ab, anstatt ihn zu erwarten. – Jochen war noch immer der Alte; seit einem Vierteljahrhundert hob ihn ein menschenfreundlicher Kamrad auf den Bock, denn seit eben so langer Zeit war er nie nüchtern gewesen. Noch immer schien er der kupferfarbenen Nase nach von amerikanischer Abstammung, noch immer blies er auf einer ausrangierten Kavallerie-Trompete unfreiwillige Variationen, deren Thema man umso weniger erraten konnte, je mehr man musikalisches Gehör besaß. Jochen war eine gutmütige Seele, er liebte die Menschheit schon deshalb, weil sie den Schnaps erfunden hat; aber auf seiner allnächtlichen Reise ging ihm nichts über Ruhe und Einsamkeit. Jeder Passagier beeinträchtigte jene mehr oder minder, und setzte ihn einer Kontrolle aus, die seit der Verwaltung des Herrn von Nagler, und seit Einführung der Beschwerdebücher dem Veteranen gefährlich werden konnte. Er hätte nach fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit sich ohne Zweifel eine Schärpe, oder Litze, wohl gar eine Gehaltszulage, (die in seinen Händen freilich zum bloßen Trinkgeld geworden wäre) verdient, wenn er nicht von Zeit zu Zeit unter der Kontrolle eines leidigen Passagieres gelitten hätte. Seine Pferde hätten nimmer verraten, daß er unterwegs geschlafen, so und so viel Male sich verfahren, und beim Lenken umgeworfen habe; aber der humanste Passagier kann zum Denunzianten werden, wenn er eine gequetschte Nase und Beulen am Kopf durch die Fahrlässigkeit seines Wagenlenkers davonträgt.

Jochen war Anno 13 ein Held »mit Gott für König und Vaterland« gewesen, was die Schleife im Knopfloch bewies. So würd' ich denn den gewesenen Landwehr-Ulanen mit schuldiger Rücksicht einen »Rossebändiger« genannt haben, wenn nicht der Anblick seiner Füchse diesen Titel zu injurienhafter Ironie gestempelt hätte. Ihrem Alter wie ihrer Leibesbeschaffenheit nach, hätten sie mit demselben Recht, wie die magren Kühe, dem Könige von Ägypten im Traum erscheinen können, und Jochen schien in der Tat sein Nahrungsmittel, den einfachen Korn (von ihm »das schlichte Wort Gottes« genannt) um vieles besser zu kennen als das einfache Korn, womit man die Pferde zu füttern pflegt.

Ich setzte mich zu ihm; noch ein herzliches Lebewohl, noch ein Abschiedsgruß mit der Hand, und der Wagen rasselte von dannen. Jochen mußte kurz vorher einen Rum ergattert haben, nach deren Zahl er die Sonn- und Festtage des Jahres festzustellen pflegte, denn er war von ganz absonderlicher Liebenswürdigkeit. Kaum hatte er durch ein melodisches »Hüh« oder »Güh«, (die Entscheidung bleibt Andern Vorbehalten) mit bessrem Erfolge jedoch durch seine Peitsche die »Rosse von der traurigen Gestalt« in Bewegung gesetzt, als er auch schon zu obenerwähnter Trompete griff um seiner Heiterkeit in Schreckenstönen Luft zu machen. Dann und wann versünd'ge ich mich selbst in Liedern und sing' eine Freischütz-Arie, daß mir meine Bekannten mit Entziehung ihrer Freundschaft dröhn; ich bin also keinen Falls verwöhnt, Jochen aber leistete mehr, als selbst mein Trommelfell zu ertragen vermag. Wie er mir nachher erzählte war es die Melodie des bekannten Liedes: »Schöne Minka, ich muß scheiden«, die er dem Honoratioren Sohn zu Ehren, seiner Trompete entlocken wollte, einer Trompete, mit der Hüon sichrer, wie mit dem Horn des Oberon, den Orient durchzogen hätte. War' es nur kälter gewesen, so hätte die Erinnerung an das Posthorn des unvergleichlichen Münchhausen meine Hoffnung aufrecht erhalten, so hätt' ich auf ein Einfrieren der Töne, und auf ein beliebiges Auftauen, oder (um in der musikalischen Sprache zu bleiben) auf ein Auflösen dieser Dissonanzen hinter dem warmen Ofen rechnen können; aber ich sollte den Leidenskelch bis auf die Nagelprobe leeren, mit andren Worten, das Lied zu Ende hören. Er schwieg und sah mich an, als woll' er fragen: »nun, wie war's?!« und aller Künstler-Eitelkeit zum Trotz, von der selbst Jochen nicht frei geblieben war, wagt' ich nicht eher ein halblautes Bravo hören zu lassen, als bis er das Mundstück abgeschraubt und das Marterinstrument auf dem Rücken hatte.

Der Mond schien hell; langsam mahlten die Räder im Sande, in dem Sande der öden, moosbewachsenen Heide. Das Brausen des Meeres mischte sich mit dem unheimlichen Rauschen des vor uns liegenden Waldes, aus dem sich eine im Schlummer gestörte Krähe erhob, und ihr grausig Lied mit der strandgebornen Möve kreischte. Wir erreichten den Wald; schauerlich klang's wenn der Hirsch in der Ferne klagte, oder neben uns die Blindschleiche im halbverwesten Laube raschelte. Es wär verzeihlich gewesen, wenn uns der vorgestreckte Arm eines kahlen Baumes, oder das glühe Auge eines Nachtvogels plötzliches Grauen, so etwas wie Gespensterfurcht eingeflößt hätte. Jochen aber besaß keine lebhafte Phantasie, und selbst ich, ward durch die Kette, die unaufhörlich an der Deichsel rasselte, vor allen jedoch durch die immer wiederkehrenden Rippenstöße, die auf einem Wege unvermeidlich waren, den Baumwurzeln zu einem natürlichen Knüppeldamm machten, an unsre Körperwelt gemahnt.

In der Tat es war eine »mondbeglänzte Zaubernacht«, die auch noch gröbere Sinne wie die eines Romantikers gelangen halten konnte, und außer den Rippenstößen war nur die Unwahrscheinlichkeit jeder Lebensgefahr ein durchaus unromantisches Element dieser nächtlichen Fahrt. Jedenfalls wär's eine schlechte Spekulation gewesen, diesen Rumpelkasten, der sich königlich preußische Fahrpost schelten ließ, bei Nacht und Nebel anzugreifen. Abgesehn von Jochens ungeladener Pistole und der Wagenburg, hinter der wir uns als Abkömmlinge der alten Germanen nach Väter Sitte wie die Bären verteidigt haben würden, abgesehn also von der Fährlichkeit solchen Unternehmens, war ebenso wenig Lohn, wie Ehre in diesem Kampf zu gewinnen. Von Jochen war es bekannt, daß sein jedesmaliges, bares Vermögen kurz vor dem Abgang der Post flüssig gemacht wurde, was ich hier nicht bildlich, sondern buchstäblich zu nehmen bitte. Doch dieser Umstand weder, noch meine eigne gänzliche Verschiedenheit von Herrn von Rothschild, erfüllte mich mit solcher Sicherheit, wie ein einziger Blick auf Jochens Trompete. Nur ein vagabundierendes Taubstummen-Institut, oder mit Wachs verstopfte Ohren, wie weiland die des alten Odysseus, durften sich eines solchen Wagestücks vermessen. Zudem hatte Jochen beim Kolberger Regiment gestanden, und war, was er keinen Augenblick bezweifelte, ein Schrecken Napoleons gewesen.

»Ick bin ja Eener von de Schillschen« rief er, während das ganze Gesicht die Farbe seiner Nase annahm; und fügte dann in plattem Deutsch hinzu: »un Dunder-Lüchting, de förchten sich vör'n Düwel nich!« Wie jeder alte Soldat sprach er über Nichts mit solchem Eifer, wie über die durchgemachten Kämpfe und Strapazen. »Herr –« fuhr er fort, nachdem er sich zuvor am Worte Gottes, N. B. dem seinigen, erbaut hatte – »Herr, wenn ick' jitzt an'n ollen Voder Vörwards denk', Potz Bummen un Granaten, dat wos en Laven. »Kinner, nu hebben wer Tuch g'nog röver Kinder, nun haben wir Zeug genug herüber., nu druff« – rief de olle Blücher, na, un nu geng't los. Ick hebb' se gespießt as wären't Flunnern Als wären es Flundern, (ein Plattfisch wie die Steinbutte.)); un as de Franzosen all' dod o'r versopen woren, do käm de olle Blücher an Us ranner und seggte: »Wenn'ck Juh so ankiek' – Kinner, Jih seiht ut Ihr seht aus. as de Schwiene, ober gefecht't häff' Jih as de Löwen's.« Nachdem er hierdurch seinen Mut bewiesen glaubte, schickte er sich aufs neue an, aus der treuen und einzigen Gefährtin seines Lebens »Einen zu heben«, was mich zu der Frage veranlaßte, an wieviel »Hebestellen« wir noch vorüber müßten? – Es mochte kurz vor Mitternacht sein, und Jochens Erzählungen fingen allgemach an. ihre einschläfernde Wirkung geltend zu machen. Die Baumwurzeln behandelten den Wagen und meine Hippen um etwas christlicher, und kaum, daß der Fußsack schmeichelhafterweise zum Kopfkissen ernannt worden war, schlief ich ein.

Es bleibt dahingestellt, ob ich gar nicht oder sehr angenehm träumte, soviel ist gewisse, daß keine Schreckbilder mich entsetzten, sonst hätt' ich minder lange geschlafen. Ein Schlag auf die Schulter weckte mich. Man denke sich mein Entsetzen, als ich zuerst einen Bauer erblickte, der lachend neben dem Wagen stand, und dann den guten Jochen auf seiner Sitzbank schnarchen hörte. Die Pferde standen still, aller Wahrscheinlichkeit nach seit mehren Stunden schon, und unterhielten sich damit die Gräser zu ihren Füßen zu benagen, oder den Reif zu lecken, der rings die kahlen Zweige bedeckte.

»Jochen, alte Schlafmütze, plagen Dich neunundneunzig Donnerwetter?!« war der freundliche »Guten Morgen!« womit ich ihn gleichzeitig weckte und begrüßte. Ohne die Augen aufzuschlagen, begleitete er sein »Hüh« mechanisch mit einem Peitschenhieb, und wäre vielleicht aufs Neue eingeschlafen, hätt' ich mir's nicht angelegen sein lassen, ihn wach zu erhalten. Um drei Uhr morgens sollten wir an Ort und Stelle sein, es war fünf, und mehr denn eine Meile war noch zurückzulegen. Ich schimpfte mit Hintansetzung aller Ästhetik, sprach von Anzeige machen, von Beschwerdebuch, und Absetzung, so daß dem, wieder zu sich gekommenen Helden von der Katzbach der Mut in einer Weise sank, daß ihn weder Blücher noch irgend ein anderer Sterblicher dem Geschlechte der Löwen zugezählt hätte. Er sah mich an, als wollt' er mich bei den Wunden eines alten Kriegers, und bei der Unübertrefflichkeit des 96 grädigen Sprits beschwören, nicht nur die Beschwerde zu unterlassen, sondern aus alter Freundschaft auch dem Postbeamten ein X vor ein U zu machen. Nachdem er eine Zeit lang gezappelt hatte, willfahrt' ich seinem Wunsche, die Lügen wurden ausgeheckt und die Rollen verteilt.

Bald darauf erreichten wir O..., eine Stadt, deren Namen gleichzeitig die Beschaffenheit ihrer Bewohner unschmeichelhaft, aber treffend schildert, weshalb ich ihn, nach dem Gesagten, verschweigen muß. Jochens Entschuldigung über sein spätes Erscheinen ward nicht weiter untersucht, da ich – der einzig leidende Teil – die Wahrheit, einer so rührenden Freundschaft zum Opfer brachte. Ja, ich war der leidende Teil, denn die Post, an die ich mich anschließen sollte, war längst durchpassiert, und – entsetzlicher Gedanke! – ich mußte vier Stunden in O... verweilen. O. W! –


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