Felix Fechenbach
Im Haus der Freudlosen
Felix Fechenbach

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Die Aufnahme

Auf dem Gang vor dem Rapportzimmer muß ich warten, bis der Oberwachtmeister dem Anstaltsdirektor Meldung gemacht hat. Dann werde ich ihm vorgeführt.

Hinter einem Schreibtisch sitzt der Anstaltsgewaltige mit dem Blick gegen die Tür. Über ihm an der Wand hängt ein altes bayerisches Königsbild. Der Eintretende ist durch eine Holzbarriere vom Schreibtisch getrennt.

Ich hatte mir den Leiter des Zuchthauses als einen großen, stämmigen Menschen vorgestellt, ich weiß nicht recht warum. Statt dessen sitzt dort ein kleiner Mann mit breitem, weißem Kinnbart. Seine Weste umspannt eine ansehnliche Rundung. Er trägt die Dienstmütze mit dem gekrönten bayrischen Löwen. Das Gesicht bemüht sich, strengste Amtsmiene zu zeigen.

Er mustert mich ein paar Augenblicke und fragt barsch nach Namen, Alter, Strafzeit und Grund der Verurteilung. Die Fragen werden kurz beantwortet. Dann kommt vom Schreibtisch die knappe, dienstliche Weisung:

»Wird sofort eingekleidet und mir wieder vorgeführt!«

Ich kann abtreten.

*

Der Oberwachtmeister mit dem Feldwebelschnauzbart führt mich in den Umkleideraum. Es ist ein unfreundliches, kahles Zimmer mit zwei Tischen und einem Stehpult. Links in der Ecke neben der Tür ist ein wannenförmiges Bassin aus Zement in den Boden eingelassen. Das Bad.

Es werden ein paar Lichtbildaufnahmen von mir gemacht, mit und ohne Hut und Mantel. Dann wird damit begonnen, meinen äußeren Menschen zuchthausgemäß umzuwandeln.

Ein glattrasierter, kurzgeschorener Gefangener schneidet mir mit fabelhafter Geschwindigkeit Kopf- und Barthaare ganz kurz ab. In der Zwischenzeit läuft warmes Wasser in das Bassin.

Ich kleide mich aus und steige ins Bad. Nach der schlaflosen Nacht ist das eine ordentliche Erquickung. Dem Haarschneider scheine ich zu lange im Wasser zu sitzen. Wenigstens fragt er mich ganz trocken, ob ich meine elf Jahre »Knaßt« in der Badewanne machen wolle. Ich gebe ihm die beruhigende Versicherung, daß dies nicht meine Absicht sei, krabble zur Bekräftigung gleich heraus und warte auf das weitere.

Und das weitere war eine nochmalige Leibesvisitation, ebenso gräßlich in ihren Einzelheiten wie die am Abend vorher in der Käfigzelle. Vielleicht noch ein wenig gründlicher.

Ich muß mich nackt vor den Beamten stellen. Er kommandiert:

»Arme hoch, Finger spreizen!«

Die Achselhöhlen und Hände werden beschaut, ob dort was verborgen ist.

»Rechten Fuß nach rückwärts heben!«

Zwischen den Zehen könnte etwas versteckt sein.

»Linker Fuß!«

Es geschieht. Dann muß ich mich, mit gespreizten Beinen stehend, nach vorwärts beugen und der Beamte durchforscht mit suchendem Blick den After. Selbst die Genitalien hält er für geeignet, daß Ausbruchswerkzeuge oder geheime, schriftliche Mitteilungen – Kassiber – darunter verborgen sein könnten. Nase, Mund und Ohren werden noch geprüft, ob sie Verbotenes enthalten, dann erst ist die widerliche Prozedur beendet.

Jetzt wird meine Körperlänge gemessen, ich bekomme Zuchthauswäsche und Gefangenenkleidung. Alle meine Wäschestücke tragen die gleiche Nummer mit Stempelfarbe aufgezeichnet.

Die Verwandlung meines Äußeren ist nun vollendet. Ich sehe jetzt fast gerade so aus, wie der Mann, der mir kurz vorher seine Gewandtheit im Haarschneiden an meinem Kopf vordemonstriert hat.

Die Kleidung ist denkbar einfach. Genagelte Rindlederschuhe, eine rauhe, klobig plump geschnittene Hose von eigenartig brauner Farbe und ein ebensolcher, übermäßig kurz gehaltener Spenzer mit niedrigem, schwarzem Stehkragen.

In dieser Aufmachung werde ich noch einmal photographiert. Fingerabdrücke werden genommen und nach Feststellung einer Reihe von Personalien bekomme ich ein kleines, weißüberzogenes, gelbgerändertes Kärtchen; darauf steht über meinem Namen die Nummer 2747. Meine neue »Visitenkarte«.

Kleider, Wäsche, Taschenmesser, Uhr, Brieftasche und was ich sonst mitbrachte, wird peinlich gewissenhaft bis auf's letzte Kragenknöpfchen in eine Liste eingetragen, die ich unterschreiben muß. Dann gehen wir wieder zum Rapportzimmer.

Mein Begleiter belehrt mich:

»Wenn Sie hineinkommen, müssen Sie Ihre Nummer und Ihren Namen sagen.«

Ich nehme meine »Visitenkarte« aus der Tasche und präge mir die Nummer ein: 2747. Nach einer Weile öffnet ein hornbebrillter junger Assistent die Türe. Wir treten ein. Vor der Holzbarriere bleibe ich stehen und sage mein Sprüchlein auf:

»2747 Fechenbach.«

Der Direktor sitzt noch am Schreibtisch, vor ihm liegt ein grauer Aktendeckel. Ein paar Schriftstücke sind darin.

Ich stehe in nachlässiger Haltung da.

»Tun Sie Ihre Hände nach vorn und stellen Sie sich ordentlich hin!« fährt mich der Direktor in fast feldwebelhaftem Ton an. Dabei gerät er in cholerische Erregung und sein Gesicht bekommt hochrote Färbung.

Ich habe plötzlich ein Gefühl, als wäre ich wieder Rekrut und stünde vor dem Kompagniechef. Diese Vorstellung löst automatisch die bekannte Bewegung aus, die auf das Kommando »Stillgestanden« folgt. Ich reiße die Hacken zusammen, die Hände liegen an der Hosennaht.

Der Direktor scheint von der prompten Wirkung seiner Rüge befriedigt. Ein triumphierendes Lächeln huscht über sein Gesicht.

Er macht mich jetzt mit den wichtigsten Bestimmungen der Hausordnung bekannt. Ich höre nur mit halbem Ohr. Erst als von den Hausstrafen die Rede ist, horche ich auf.

»Arrest bei Wasser und Brot kann bis zu sechs Wochen verhängt und mit Entzug des Tageslichts und des Nachtlagers verschärft werden ...«

Der Käfig, worin ich die vergangene Nacht verbracht, war eine Arrestzelle; das habe ich inzwischen erfahren. Mein Bedürfnis nach Aufenthalt in solch soliden Räumen ist mehr als gedeckt.

Die Instruktion wird fortgesetzt. Ich erfahre, daß bei Fluchtversuchen nach Anruf scharf geschossen wird und daß die Beamten ausgezeichnete Schützen sind. Das beunruhigt mich nicht, weil ich keine Intentionen in dieser Richtung habe.

»Ihre Strafe hat am 20. Oktober 1922 begonnen und endet am 20. August 1933. Bei guter Führung kann Ihnen für ein Viertel oder ein Drittel der Gesamtstrafzeit Bewährungsfrist zugebilligt werden.«

Mir schießt der Gedanke durch den Kopf: Ehe soviel Monate um sind, als man mir Jahre zugedacht hat, bin ich nicht mehr im Zuchthaus. Die Idee des Rechts wird sich durchsetzen.

Einige Fragen muß ich noch beantworten. Sie beziehen sich auf Beruf und Bildungsgang. Dann wird entschieden:

»Sie kommen in Zellenhaft. Drei Jahre müssen Sie in der Zelle bleiben. Dann werden Sie – aber nur auf besonderes Ansuchen – in Gemeinschaftshaft überführt.«

An den Oberwachtmeister ergeht nun wieder eine kurze dienstliche Weisung:

»Kommt in den Zellenbau. Arabisch Eins. Papierarbeit!«

Der Beamte legt salutierend die Hand an den Mützenrand:

»Jawohl, Herr Oberregierungsrat!«

»Abtreten!«

*

Wir verlassen das Rapportzimmer. Durch Gänge und über Treppen geht's in die Krankenabteilung. Jeder Zugang muß dem Hausarzt vorgestellt werden.

Das jetzige Zuchthaus Ebrach war bis zur Säkularisation im Jahre 1803 ein reiches Zisterzienserkloster. Mein Begleiter sagt mir, daß die breite Treppe, die jetzt zur Krankenabteilung führt, ehemals der Aufgang zum Festsaal der Abtei war. Ich betrachte mir beim Hinaufgehen die Stuckornamente an der Decke. Da ist unter anderem ein fröhlicher Schalksnarr mit Pritsche und Schellen. Er mag sich jetzt merkwürdig genug vorkommen als einziger Vertreter ausgelassener Lustigkeit in diesem Haus der Freudlosen. Über dem nächsten Treppenabsatz zeigt die Decke eine Frauengestalt in Stuck. Sie trägt griechische Kleidung und hält ein undefinierbares Ding in der Hand, das eine runde Büchse, aber auch ebensogut etwas anderes sein kann. Vielleicht soll die Gestalt eine Pandora vorstellen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls aber wäre sie mit ihrer Büchse, aus der nach altgriechischer Vorstellung sich alle menschlichen Übel und aller Jammer über die Erde ergossen, besser am Platz, als der lustige Narr, der wie zum Hohn von der Decke herunterlacht.

Wir steigen den letzten Treppenabsatz hinauf und kommen in die Krankenabteilung. Auf dem kalten Gang vor dem Ordinationszimmer muß ich Schuhe und Oberkleidung ablegen. Fröstelnd warte ich, bis der Spitalverwalter mich eintreten heißt.

Drinnen steht vor seinem Schreibpult der Obermedizinalrat. Eine lange, hagere Figur im weißen Operationsmantel. Auf dünnem Halse sitzt ein grauhaariger, wackliger, kleiner Kopf mit müdem, vertrocknetem, aber gutmütigem Gesicht. Man wird unwillkürlich an Spitzweggestalten erinnert.

Ich muß mich nackt ausziehen, teile die verlangten Personalien und Angaben über meinen Gesundheitszustand mit. Dann folgen eine kurze ärztliche Untersuchung, Messen, Wiegen, und ich kann wieder gehen.

Vor der Tür kleide ich mich an und mein Begleiter führt mich in den am Ende eines Obst- und Gemüsegartens hinter dem Hauptgebäude liegenden Zellenbau. Die Eisengitter vor den quadratischen Fenstern verraten schon von weitem die Bestimmung dieses massiv gebauten Hauses.

Ich werde eingelassen und komme in eine Zelle im zweiten Stockwerk.

*

Erst am nächsten Vormittag geschieht der letzte Akt der Aufnahme in die Anstalt.

Auf einen Bogen Papier mit Vordrucken habe ich meinen Lebenslauf zu schreiben. Auf der Rückseite sind ein paar einfache Rechenaufgaben schriftlich zu lösen. Kurz nachdem das geschehen, werde ich in das Dienstzimmer des Zellenbaus zum Oberlehrer gerufen.

Beim Eintreten grüßt mich ein glatz- und rundköpfiges, goldbebrilltes Männchen. Am Ton der Stimme, an seinem beruhigend strebsamen Bäuchlein und den behäbig-breiten Gesichtszügen merkt man ihm die heitere Gutmütigkeit des Pfahlbürgers im ersten Augenblick an. Jeder Zoll an ihm scheint zu sagen: »Mei Ruah möcht i ham!«

Es wird mir eröffnet, daß ich mich einer kleinen Prüfung zu unterziehen hätte. »Nur der Form wegen,« fügt der Oberlehrer fast entschuldigend hinzu. Es sei eben Vorschrift, weil Gefangene, die noch nicht dreißig Jahre alt sind, den wöchentlichen Schulunterricht besuchen müßten. Bei Nachweis genügender Kenntnisse könne man von der Teilnahme entbunden werden.

Ein paar Fragen aus Geographie und Rechnen muß ich beantworten und nachdem ich noch bewiesen, daß ich in der Schule das Lesen gelernt habe, werde ich entlassen. Vom Schulunterricht bin ich befreit.

Die Aufnahmeformalitäten sind nun endlich alle erledigt und ich gehe wieder in meine Zelle mit dem niederdrückenden Bewußtsein: Jetzt bist du Zuchthausgefangener in aller Form. Zwar bist du nur auf Grund eines Fehlspruches haßerfüllter, politischer Gegner im Zuchthaus, aber doch im Zuchthaus, hinter dicken Mauern und vergitterten Fenstern.


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