Max Eyth
Die Brücke über die Ennobucht / In der Grünheustraße
Max Eyth

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4 Eine schwere Last

Von der amtlichen Eröffnung der Ennobrücke genoß ich nur eine begeisterte Beschreibung, die mir unser alter Freund Schindler in die Steppen Rußlands nachsandte. Nicht allein um sein Englisch aufzufrischen, womit er sich vor sich selbst entschuldigte, hatte er der wiederholten Einladung Harolds Folge geleistet. Im Grunde des Herzens war er noch jetzt mehr Ingenieur als Sprachkünstler und verfolgte von seiner thüringischen Warte herab unser Leben mit sehnsüchtiger Teilnahme und neidloser Begeisterung. Es erschien ihm deshalb auch manches in rosigerem Lichte als uns, die wir die Dinge in der Nähe genossen. So erklärten sich mir die Dithyramben seines Festberichts hinlänglich.

Ein volles Jahr später, währenddessen wir wenig oder nichts voneinander gehört hatten, befand ich mich im äußersten Norden Schottlands, zu Dunrobin, als Gast des Herzogs von Sutherland. Es war der Abend eines ebenso interessanten als anstrengenden Tags. Der Herzog war nachmittags in Lachsfischerei-Angelegenheiten nach der Westküste abgereist. So kam es, daß Herr Greig, einer der leitenden Geschäftsteilhaber von Fowler & Co., und ich in einem kleinen altertümlichen Saal des Schlosses beim abendlichen Glase schottischen Whiskys allein beisammen saßen und die Ereignisse des Tages besprachen. Im Kamin loderte ein mächtiges Holzfeuer und beleuchtete mit seinem flackernden Licht die reiche, düstere Ausstattung des Zimmers, in dem uns die üppigste Behaglichkeit in Formen entgegentrat, die aus vormittelalterlichen Zeiten zu stammen schienen. Auch ohne die Hirschgeweihe und Eberköpfe und die Riesenhörner ausgestorbener Stiere hätte man glauben können, sich in die Behausung eines der altkeltischen Hochland-Lairds verirrt zu haben, auf deren Grund und Boden Dunrobin steht. Greig, ein unverfälschter Schotte, fühlte sich völlig zu Hause. Mir war die ganze Umgebung mit ihrem Zug ins Hünenhafte und Ossianische ein ungewohnter Genuß nach der kühlen Wirklichkeit, die uns den Tag über umgeben hatte.

Der Herzog war eines jener Originale, die uns in seiner eigenen Heimat kaum in Erstaunen setzen: trotz seines alten Geschlechts, trotz seines fabelhaften Reichtums einer der Männer unsrer Zeit, wie sie vielleicht nur auf dem Boden der englischen Aristokratie gedeihen, wo man begriffen hat, daß die alten Waffen nicht mehr hinreichen, den Glanz des alten Wappens zu erhalten. Sein Großvater hatte Sutherlandshire, die Stammgrafschaft der Familie, mit seinen Wunderlichkeiten fast zugrunde gerichtet; der Enkel wollte es mit den seinen wieder retten. Jener war ein leidenschaftlicher Jäger gewesen. Sein Ehrgeiz ging dahin, die ganze Nordspitze Schottlands in einen riesigen Wildpark zu verwandeln. Tausende seiner Bauern hatte er genötigt, auszuwandern, die Höfe eingerissen und auf den Feldern Wald und Heide angepflanzt. Alles Land, das ihm im Wege lag, wurde ohne Rücksicht auf die Kosten zum selben Zweck angekauft. Als er starb, hatte die Bevölkerung von Sutherlandshire um sechzig Prozent abgenommen.

Der jetzige Herzog war im Begriff, das verschwundene Landvolk wieder heranzuziehen. Dies war im rauhen Norden keine allzu leichte Aufgabe. Wald und Heide mußten wieder urbar gemacht, Ackerfeld und Wiesen hergestellt, Häuser gebaut werden, und was vor hundert Jahren dem harten bedürfnislosen Bauern genügte, war heutzutage völlig unbrauchbar. Die Steine und Felsen, zwischen denen der Großvater seinen ärmlichen Pflug zerstoßen hatte, mußten vor allen Dingen entfernt werden, ehe sich Felder schaffen ließen, auf denen ein Landwirt unsrer Tage mit einiger Aussicht auf Erfolg wirtschaften konnte.

Diese Aufgabe sollten die Dampfpflüge des Herzogs leisten, von denen sich bereits acht in meilenweitem Umkreis um Dunrobin in ununterbrochener Tätigkeit befanden. Es war eine erstaunliche Arbeit, für die eine große Gruppe besonderer Geräte erst erfunden werden mußte. Zunächst konnte nicht daran gedacht werden, einen gewöhnlichen Dampfpflug durch die felsenbesäte Heide zu treiben. Ein riesiger Haken, ähnlich einem großen einarmigen Schiffsanker, wurde von dreißigpferdigen Maschinen in Wirklichkeit mit der Kraft von achtzig Pferden zwei Fuß tief durch den Boden gezogen und riß alle Steine, die ihm in den Weg kamen, aus dem Grund. Blöcke von einem halben Kubikmeter schienen spielend aus der Unterwelt zu kommen. Kam das Gerät auf einen alten Granitfindling, der in dieser Weise nicht zu bewältigen war, so wurden auf demselben Dynamitpatronen entzündet, welche die Arbeiter stets, neben ihrem Brot und Speck, sorglos in der Tasche bei sich trugen. Nach dieser vorläufigen Bearbeitung hatte das völlig weiße Feld, von losen Felsen und Steinen bedeckt, das Aussehen einer erstarrten Sturmsee. Es wäre unmöglich gewesen, mit dem rohesten Wagen über dieses steinerne Meer zu fahren, ohne ihn zu zertrümmern. Ein wunderlich geformter Schlitten wurde deshalb zwischen den Dampfpflugmaschinen hin und her gezogen, auf welchem die Steine nach den Feldenden geschleppt wurden. Dort überstürzte sich der Schlitten von selbst und warf seine grausige Ladung ab. So wurden, entlang den Feldgrenzen, hohe Wälle aus Felsblöcken gebildet, die teilweise zum Bau von Wohnhäusern und Stallungen, namentlich aber auch zu stattlichen Umfassungsmauern der Felder selbst Verwendung fanden. Dann erst konnte ein gewöhnlicher Dampfpflug seine Arbeit beginnen und das Feld für die erste Hafersaat zurechtpflügen, die samt Haus und Hof dem neuen Gutspächter übergeben wurde. Schon waren einige dieser Höfe besetzt und in vollem landwirtschaftlichem Betrieb, aber noch immer hatten wir an den Maschinen zu ändern und zu bessern, die diese wunderliche, gewöhnlichen Menschenkräften unmögliche Arbeit durchführten. Das Ganze war eine Lieblingsaufgabe meines Chefs und Freundes Greig, doch wurde auch ich öfters herbeigeholt, wenn es sich um ein besonders kitzliges mechanisches Problem handelte. So hatte ich diesmal mit einem neu konstruierten Hilfsgeräte Versuche angestellt, mittels dessen der Transportschlitten jeden Augenblick und an jeder Stelle an das in Bewegung befindliche glatte Drahtseil der Dampfpflüge angehängt und wieder losgelassen werden konnte. Den Herzog hatten die Versuche in die allerbeste Stimmung versetzt. Er hatte uns lachend und plaudernd in seinem eignen Wagen nach Dunrobin zurückgeführt.

Doch fehlte es auch dem fürstlichen Millionär nicht an Sorgen; denn an allen Ecken und Enden der Erde hatte er seine Eisen im Feuer: am Nil, in Neufundland, in Bengalen wie in Sutherlandshire. Ob er aus diesem Grund den schlechtesten Schneider in Großbritannien für seine eigne Person beschäftigte, wurde häufig hinter seinem Rücken erörtert und nie ganz aufgeklärt. Die landwirtschaftlichen Verhältnisse der nächsten Zukunft, die er mit klarem Blick voraussah, und das rauhe Klima des nördlichen Schottlands ließen ihn befürchten, daß seine Arbeit an dieser Stelle schließlich umsonst sein könne und daß die Pächter, trotz aller greifbaren Ermutigung, unter einem solchen Himmel nicht lebensfähig bleiben dürften. »Ich weiß, was ich dann mache«, sagte der Herzog mit grimmiger Entschlossenheit; »geht es nicht, unterdrückt uns hier der amerikanische Wettbewerb und das englische Wetter, so mache ich mir selbst Konkurrenz. Ich habe vorige Woche einen Vetter nach Manitoba geschickt, um dreißigtausend Acker Prärieland zu kaufen. Nötigenfalls schicke ich in ein paar Jahren all meine Pächter über das Wasser, ihm nach. Den Kopf müssen wir oben behalten, ihr Herren, was auch kommt.«

Nun saßen Greig und ich beisammen und überlegten uns dies und jenes, was der rauhe Tag gebracht hatte, technische und wirtschaftliche Dinge, soziale und politische Fragen. Des Herzogs Whisky war vortrefflich; behaglicher gepolsterte Sorgenstühle, trotz ihres barbarischen Aussehens, konnte man in der Welt nicht finden. Ein alter, wie aus Holz geschnitzter Kammerdiener in schottischer Hochlandstracht kam herein und überreichte uns auf einem silbernen Teller, den man in einem Hünengrab gefunden haben mochte, ein paar Briefe. Die Abendpost war soeben eingetroffen. Die Adresse des mir gehörigen Anteils, der aus Leeds nachgeschickt schien, verriet eine fremde Damenhand. Briefe von fremden Damenhänden habe ich von jeher nur selten erhalten. Ich drehte ihn deshalb nachdenklich hin und her und bemühte mich, zu erraten, von wem er wohl sein könnte, anstatt ihn zu öffnen, wie dies ja allgemein Sitte ist. Greig hatte den seinen ohne Zaudern aufgerissen, hatte ihn in einer halben Minute gelesen, warf das Blatt ungeduldig auf den Boden und starrte mit immer tiefer werdenden Stirnfalten in das Kaminfeuer. Er war einer der Leute, denen ein guter Zorn von Zeit zu Zeit Bedürfnis ist; es war dann rätlich, abzuwarten, was er damit anzufangen gedenke. Ich sah mit Interesse zu, wie der rote Feuerschein in seinem roten Bart spielte. Halb Gnom, halb Feuerteufel, war der wackre Schotte in dieser Umgebung ganz in seinem Element; aber es war besser, ihm dann nicht in den Weg zu kommen.

»Es geht verdammt schlecht in Leeds, Eyth!« begann er endlich und griff nach seinem Whiskyglas.

»Etwas in die Luft geflogen? – ein Streik in Aussicht?« fragte ich teilnehmend.

»Schlimmer«, knurrte Greig. »Vorige Woche wurden nur zwei Dampfpflüge bestellt, die Woche zuvor nur einer, und der darf erst im nächsten Frühjahr abgeliefert werden. Unsre Magazine werden bald überfüllt sein.«

»In der ganzen Welt gehen die Geschäfte gegenwärtig zum Erbarmen«, suchte ich zu trösten. »Wir können nicht erwarten, das nicht zu fühlen.«

»Aber dieses Gefühl ist ein infam schlechter Trost«, versetzte Greig. »Seit den fetten ägyptischen Jahren können wir wöchentlich fünf, sechs vollständige Dampfpflüge in die Welt setzen. Wir müssen Platz für sie finden, Land, Arbeit! Es muß etwas geschehen.«

»Wenn wir auch nach Manitoba gingen«, schlug ich vor.

»Nein!« sagte Greig, nachdenklich eine riesige Zigarre des Herzogs anzündend. »Nicht nach Manitoba, aber nach Peru. Wann können Sie abreisen?«

Er verlangte keine Antwort und sah wieder schweigend in das Feuer.

»Vorige Woche aß ich mit Herrn Fowler im Reformklub in London zu Mittag«, fuhr er nach einer langen Pause fort. »Zufällig. Er hatte einen Peruaner zu Gast gebeten, einen Señor Aspillaga – Zuckerpflanzer. Bringt jährlich achthundert Fässer Rohzucker auf den Londoner Markt und wußte nicht genug von den riesigen Fabriken zu erzählen, die sie jetzt dort bauen. Ägyptischen Stils.«

»Ohne einen Vizekönig?« fragte ich zweifelhaft.

»Das ist vielleicht das Beste daran. Er überschüttete uns mit endlosen Geschichten von den Fabriken, von den riesigen Gütern, von der Arbeiternot. Es hat neuerdings seine Haken mit den Chinesen. Sie brauchen Kräfte, namentlich für den Feldbau, und wissen nicht, wo sie sie hernehmen sollen, die Herren in Peru.«

»So weit wäre es unser Fall«, meinte ich mit wachsender Aufmerksamkeit.

»Kurz, Eyth, wir müssen ein neues Land aufschließen«, rief Greig mit plötzlich heiter werdender Miene. Er überließ es stets seinem Zuhörer, den logischen Zusammenhang seiner Sätze herzustellen. »Wann können Sie abreisen? Nächste Woche? Gut. Gehen Sie morgen nach London. Aber nehmen Sie in Leeds Ihre Koffer gleich mit. Besprechen Sie die Sache mit Herrn Fowler! Sehen wir einmal!«

Er trat an den gewaltigen Eichentisch in der Mitte des Zimmers, der, in künstlicher Roheit stilgerecht geschnitzt, aus einem Urwaldrest der Eiszeit zu stammen schien, auf dem aber in kostbaren Mappen und Einbänden Fahrpläne und sonstige Reisebücher in reicher Menge umherlagen.

»Sehen Sie!« rief er nach einer Minute des Hin- und Herwerfens der Mappen; »am Samstag geht der nächste Dampfer von Southampton nach Panama. Das ist Ihr Boot. Ich gehe morgen früh nach Glasgow. Ihr Zug geht erst um neun Uhr über Edinburg. Lassen Sie etwas von sich hören, und lassen Sie sich's gut gehen. Wir brauchen uns morgen früh nicht mehr zu belästigen. Gute Nacht!«

»Aber ich kann kein Wort Spanisch«, warf ich, doch etwas bedenklich werdend, ein.

»Ich kann nur zwei Sprachen, die sich dazu zum Verwechseln ähnlich sehen«, sagte er lachend: »Englisch und Schottisch, und reise durch die ganze Welt. Man verstand mich noch überall, wenn ich laut genug wurde. Und Sie haben vier Wochen Zeit, an Bord. Stecken Sie die Nase in ein Buch, wenn Sie glauben, daß es notwendig sei. Ich bin andrer Ansicht. – Es ist doch heute noch etwas geschehen; es ist mir besser. Gute Nacht, Eyth!«

Die letzten drei Worte sprach er mit einem plötzlichen Anflug von Herzlichkeit, den ich zu schätzen wußte. Im Grunde genommen hatten wir uns sehr gerne, und dies war voraussichtlich ein Abschied für mehrere Jahre.

Der hölzerne Kammerdiener machte vergebliche Versuche, ihm die Schlafzimmerkerze zu entreißen und voranzutragen, die er auf einem Nebentisch ergriffen und angezündet hatte. Es gelang nicht. Der alte Mann folgte dem energischen Herrn ehrerbietig, aber kopfschüttelnd durch die frühgotische Tür des Saals.

Nun hatte ich Zeit, an meinen Brief zu denken. Der peruanische Plan konnte warten. Ich hatte es halb und halb vermutet: er war von Ellen Stoß und setzte mich nicht wenig in Erstaunen. Er lautete:

Ennovilla. Richmond, den 18. November 1879

Lieber Herr Eyth!

Wollen Sie mir in einer Not, von der Sie keinen Begriff haben, einen Dienst erweisen, den ich Ihnen nie vergessen werde? Besuchen Sie uns, oder suchen Sie meinen lieben Mann zu sehen, ehe Sie wieder aus England verschwinden. Man weiß bei Ihnen ja nie, wie lange Sie erreichbar sind. Ich glaube, er ist ernstlich krank oder im Begriff, es zu werden. Überreden Sie ihn, England auf ein Jahr zu verlassen. Ägypten, das Kap, Westindien – der Ort ist ganz gleichgültig; aber fort muß er. ich brauche Ihnen nicht mehr zu sagen, denn ich weiß, daß Sie einer seiner treusten Freunde sind und er Ihnen selber sagen wird, was Sie zu wissen brauchen, um uns zu helfen. Am Samstag geht er nach Pebbleton. Vielleicht könnten Sie ihm in Leeds, das er um zehn Uhr erreicht, eine Stunde schenken. Unter allen Umständen aber rechnet auf Ihre Freundestreue

Ihre dankbar ergebene
Ellen Stoß

Das war für eine Engländerin ein so dringender, bitterernster Brief, daß ich noch sinnend in meinem Sorgenstuhl lag, als der hölzerne Kammerdiener zurückkehrte, um nachzusehen, ob es wenigstens mir beliebe, mich von ihm nach meinem Schlafzimmer geleiten zu lassen.

Es war heute Freitag, und wenn ich überlegte, was in der nächsten Woche geschehen mußte, keine Stunde zu verlieren.

»Kann man morgen in aller Frühe von Dunrobin nach Richmond oder London telegraphieren?« fragte ich den Mann.

»Zu jeder Stunde der Nacht, wenn Sie es wünschen«, erwiderte er. »Seine Gnaden, der Herzog, können in keinem Hause schlafen, in dem man nicht zu jeder Nachtstunde nach allen fünf Weltteilen telegraphieren kann. Ein Telegraphist ist die ganze Nacht am Apparat, auch wenn Seine Gnaden nicht hier sind.«

»Gut; geben Sie mir ein Formular«, bat ich. Es lag auf dem Tisch aus der Steinzeit schon bereit und eine eingetauchte Feder daneben, ehe ich mich erhoben hatte. Ich schrieb:

 
Stoß. Ennovilla. Richmond. Bin morgen nachmittag vier Uhr an der Ennobrückenstation. Muß Dich vor Abreise nach Peru dringend sprechen. Verfehle mich nicht.

Eyth.

Dann ging ich zur Ruhe, allerdings nicht übermäßig beruhigt. Peru machte mir keine großen Sorgen. Je mehr ich daran dachte, um so fühlbarer wuchs die Freude an dem Gedanken, den alten Inkas etwas vorzupflügen. Wie ich mich aus dem Geschichtsunterricht erinnerte, waren es sachverständige Herren, mit denen sich umgehen ließ. Aber Stoß? Was konnte meinem Freund zugestoßen sein? Frauengeschichten? Kaum denkbar. Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß es sich um etwas Schlimmeres handle. – Aber Unsinn! Es konnte ja nichts Schlimmeres geben.

*

Als ich am folgenden Mittag zur verabredeten Stunde Stoß auf der Plattform der kleinen Station stehen sah, die eine halbe Stunde vor dem südlichen Ende der berühmten Ennobrücke als Knotenpunkt zweier von Süden kommenden Bahnlinien angelegt ist, konnte ich mich eines gelinden Schreckens nicht erwehren. Er hatte sich seit der Zeit unsers letzten Zusammenseins auffallend verändert. Seine Haltung war ersichtlich gebückt; manchmal, wenn er selbst sich dessen bewußt wurde, schnellte er mit einem nervösen Ruck in die Höhe. Er war dünner geworden. Seine früher vollen, bräunlichen Wangen waren eingefallen und spielten ins Gelbe, unter seinen dunklen Haaren konnte man die weißen längst nicht mehr zählen. Das Eigentümlichste waren seine Augen, die einst so heiter und herausfordernd in die Welt hineingesehen hatten. Sie schienen größer als früher, wenn er sie aufschlug, und dann lag etwas wie eine ängstliche Frage in dem Blicke, der unsicher und wie bewußtlos herumsuchte. Aber er sah selten auf und vermied es, sein Gegenüber anzusehen. Meist blickte er zu Boden, als ob er in tiefstes Nachdenken versunken wäre. Dann sah man wohl auch seine bleiche Unterlippe sich regen, während die Finger seiner linken Hand in fortwährender Bewegung waren, wie wenn ein schlechter Komponist an der Arbeit wäre. Es war kein Zweifel, mein guter Stoß war krank.

Wir begrüßten uns lebhaft; er mit ungewöhnlicher Heftigkeit; beide erfreut über das geschickte Zusammentreffen, denn Stoß war ebenfalls kaum vor fünf Minuten mit dem Zug aus Süden angelangt. Es wäre fast zu einem Kuß gekommen, wenn ich demselben nicht durch einen energischen Druck der Hand Einhalt getan hätte. Männer küssen sich auf englischen Eisenbahnstationen nicht, ohne allgemeine Sensation hervorzurufen, was ich für unnötig hielt. Aber in Stoß regte sich der alte Österreicher, und ich sah jetzt deutlich am Zittern seiner Lippen, wie weich er war.

Wir hätten besser getan, uns in Pebbleton zusammenzubestellen, meinte er. Dort sei ein vortrefflicher Gasthof. Hier, eine Viertelstunde von der Ennobrückenstation entfernt, läge nur ein kleines, aber allerdings ganz gemütliches Wirtshaus, in dem wir jedenfalls vor Wind und Regen Schutz finden würden.

Ich erklärte, daß ich auf die Ennobrücke verfallen sei, weil ich den Riesenbau unter der Leitung von einem seiner Schöpfer gern gesehen hätte. Für mich finde heute die Eröffnungsfeier statt. Ich hoffe, er habe etliche Flaggen zum Aushängen mitgebracht. Für den Festchor und die Hurras wolle ich einstehen.

Es zuckte über sein Gesicht wie ein körperlicher Schmerz, aber nur auf einen Augenblick. Dann schnellte er in die Höhe und lachte zum erstenmal sein altes Lachen.

»Grundschlechter Mensch, wie immer!« begann er. »Als wir die fünfzig Weißgekleideten hier hatten, hast du dich natürlich nicht blicken lassen. Wird es nicht besser mit dir werden? Meine Frau läßt dich vielmals grüßen und bittet um Aufklärung. – Gut; sehen wir uns die Brücke an, das ist ja auch mein Zweck, heute und in den nächsten Tagen. Wenn es Dämmerung wird, sitzen wir im ›Goldnen Brückenkopf‹ zusammen, bis heute abend neun Uhr dreißig mein Zug geht, denn ich muß leider weiter. Die Direktoren der Nord-Flintshire-Bahn tagen morgen früh in Pebbleton; einer der Herren will noch heute nacht mit mir zusammentreffen, und ich soll morgen Bruce vertreten. Der alte Herr wird täglich behaglicher und eingebildeter. Die Brücke war zu viel für sein moralisches Gleichgewicht.«

Der Stationsvorstand, welcher Stoß mit großer Höflichkeit begrüßte, übernahm unser Gepäck und versprach, das meine nach dem »Goldenen Brückenkopf« zu schicken, denn ich konnte erst am folgenden Morgen mit dem ersten Zug Leeds erreichen und hatte im Sinn, hier zu übernachten. Dann schlenderten wir einen Wiesenpfad entlang am Fuß des ansteigenden Eisenbahndamms der Brücke zu.

Ich fand rasch den alten Plauderton wieder. Bei Stoß wollte er sich nicht sofort einstellen, obgleich ich ihm ansah, wie er sich Mühe gab. Er erzählte mir, wie die technische Prüfung und die Eröffnung der Brücke ohne allen Anstand verlaufen sei und wie drei Monate später zwischen Bruce, den Bauunternehmern und der Bahngesellschaft alle Geldverhältnisse sich glatt und streitlos abgewickelt hätten. Die Brücke habe 320 000 Pfund gekostet, etwa um die Hälfte mehr, als man vor zwölf Jahren erwartet habe, sei aber trotzdem noch außerordentlich billig für ein so riesiges Werk. Ein paar hübsche runde Schecks seien im letzten Augenblick von Hand zu Hand gegangen, und auch er könne sich nicht beklagen. Seitdem sei er öfter hier, obgleich sein Schwiegervater und er mit dem Bau nichts mehr zu tun hätten. Doch halte er es für gut, von Zeit zu Zeit noch einen Blick auf dieses Monument des letzten Dezenniums zu werfen. Auch erhalte er gelegentliche Berichte von einem Herrn Noble, den die Bahngesellschaft zum Brückeninspektor ernannt habe, einem äußerst gewissenhaften, alten Mann, der nach Schrauben, Keilen und Nieten sehe, die sich etwa gelöst haben könnten. Dieser habe ihn kürzlich gebeten, gelegentlich wiederzukommen, und mit ihm wolle er in den nächsten Tagen die ganze Struktur wieder einmal gründlich untersuchen.

Er hatte munter angefangen zu erzählen, sprach aber immer leiser und zuletzt stockend, wie wenn ihn eine schwere Sorge drückte. Von der Brücke konnte man noch immer nichts sehen, bis wir zu einem kleinen Wärterhause, das unmittelbar vor dem Brückenkopf erbaut ist, am Damm hinaufstiegen. Hier stand plötzlich das ganze großartige Bild vor uns.

Es war ein unruhiger, windiger Nachmittag. Zerfetzte weißgraue Wolken jagten mit Sturmeseile von den Bergen im Westen der See zu. Große Schatten und Sonnenflecken flogen über die weite Landschaft und belebten in wunderlicher Weise die mächtige Wasserfläche der Ennobucht, die sich etwa siebzig Fuß unter uns dehnte. Am andern Ufer, kaum sichtbar im Schatten der Hügel, lagen die Häuser von Pebbleton und am entfernten Strande hin eine Reihe von Dörfern und Städtchen. Im Hintergrund gegen Norden ragten die ruhigen Gipfel des schottischen Hochlands empor. Im fernen Westen türmten sich schwere Wolken auf, und die Sonne schien in kurzer Zeit in der vergoldeten Masse versinken zu müssen. Auf dem flimmernden, lebhaft bewegten Wasser flog ein Dutzend Segelschiffe der See zu. Da und dort sah man einen Dampfer, der eine Brigg oder einen Schoner mit gerefften Segeln heraufschleppte. Aber alles trat an dieser Stelle zurück vor dem mächtigen Bauwerk, welches eine dunkle, starre Linie durch die lichtbewegte Landschaft zog und seit Jahresfrist als der Stolz und Triumph unsrer Zeit gepriesen wurde.


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