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Die Wendung des Menschen zu sich selbst

Die Sozial- und die Individualkultur

Wenn das Dasein Gottes dem Menschen unsicher wird und die Weltvernunft ihm verblaßt, wenn zugleich die Natur bei aller äußeren Annäherung ihm innerlich fremd bleibt und sein Leben in innerer Leere beläßt, so scheint, um unserem Dasein einen Sinn und Wert zu wahren, nur ein einziger Weg noch übrig: die Wendung des Menschen zu sich selbst, die Durchbildung seines eigenen Kreises zur Betätigung aller Kraft und zu möglichst großem Glück. Auch das eröffnet eine neue Art von Leben und Sein. Denn bisher hatte der Mensch auch den eigenen Kreis im Licht einer unsichtbaren Welt, sei es des Gottesreiches, sei es einer Weltvernunft, gesehen und gestaltet; jetzt erst wird er ganz und gar in das sichtbare Dasein gestellt, jetzt kann er unbeschränkt die hier vorhandenen Kräfte entfalten und ungehemmt alle Wege gehen; jetzt verbindet und verflicht ihn mit seinesgleichen nicht erst die Vermittlung einer unsichtbaren Welt, sondern zur vollen Genüge die Welt der Erfahrung selbst. In Wahrheit sind hier Beziehungen in unermeßlicher Fülle entstanden, haben die Kräfte sich zu fruchtbarster Arbeit zusammengefunden, sind auch die Individuen zu voller Entfaltung ihres Vermögens gelangt; was unser Dasein an Not und Leid enthält, das ist erfolgreich angegriffen und weit zurückgedrängt, das ganze Leben hat an Beweglichkeit und Fülle gewonnen, alles zusammen bildet einen gewaltigen Strom von Tatsächlichkeit, der uns mit tausendfacher Wirkung umflutet; so läßt die Bedeutung dieser Wendung des Menschen zu sich selbst sich in keiner Weise bestreiten.

Aber mit allem dem ist noch nicht die Frage entschieden, die uns hier beschäftigt, die Frage, ob das Verhältnis von Mensch zu Mensch den beherrschenden Mittelpunkt des ganzen Lebens bilden und diesem einen genügenden Gehalt geben kann. Wir werden finden, daß die Sache keineswegs einfach liegt, daß das Streben sich nicht nur bei sich selbst entzweit, sondern daß auch das Ganze seines Unternehmens auf unüberwindliche Schranken stößt, daß der Mensch sich selbst viel zu klein wird, wenn er sich ganz auf sich selbst beschränkt.

Wir suchen den Menschen, den Menschen ohne alle Verwicklung der Weltprobleme, wo aber ist er zu finden? Finden wir ihn im Zusammensein der Gesellschaft, in der Verbindung der Kräfte zu gemeinsamem Leben, oder bei den Individuen in ihrem Fürsichsein und ihrer unbegrenzten Mannigfaltigkeit? Ist es die gegenseitige Anziehung oder die Abstoßung der Individuen, ist es die Summierung oder die Differenzierung der Kräfte, welche den Charakter unseres Lebens zu bestimmen hat? Das sind nicht bloß verschiedene Ausgangspunkte, die demselben Ziele dienen, sondern die Ziele selbst sind hier und dort verschieden, so verschieden, daß das eine fordern, das andere schädigen heißt, daß ihr Nebeneinander das menschliche Leben in völlig widerstreitende Richtungen treibt. Steht nämlich die Gemeinschaft voran und hängt aller Erfolg an ihrem Gedeihen, so muß vor allem das Ganze sicher bei sich selbst befestigt und aller Willkür der Individuen entzogen werden, so hat der Einzelne sich ganz und gar unterzuordnen und einzufügen, so wird, was ihn unterscheidet, den gemeinsamen Zügen nachstehen müssen, die das Zusammensein entwickelt und auch gegenüber den Schwankungen der Zeiten festhält. Eine solche Lebensgestaltung wird ihr Hauptziel darin finden, die äußeren Verhältnisse, die Bedingungen des Lebens, die Ordnung des Zusammenseins und Zusammenwirkens so zu gestalten, daß der Stand des Ganzen möglichst gehoben wird; von da aus scheint auch dem Einzelnen Glück und Behagen ohne weiteres zuzufließen. Denn er hängt hier, so scheint es, auch in seinem Innern, er hängt bis in seine Wünsche und Träume hinein am Stande des Ganzen, er ist ein Erzeugnis des »Milieu«. Auf der anderen Seite dagegen wird zur vernehmlichsten Sorge, das Individuum in seinem Fürsichsein zu stärken, es von aller Bindung zu befreien und zu voller Entfaltung seiner Eigentümlichkeit zu führen; dieser Zug wird auf möglichste Beweglichkeit und Flüssigkeit des Lebens dringen, alles Festwerden als ein Erstarren, alles Gleichmachen als eine unerträgliche Schablonisierung verwerfen. Wo liegt nun der Kern des menschlichen Daseins, hier oder dort, in der Gemeinschaft oder in den Individuen?

Daß hier ein schroffer und bedeutender Gegensatz vorliegt, das bestätigt die Erfahrung der Weltgeschichte. Denn sie zeigt, daß in den Jahrhunderten große Wogen einander folgten und oft einander durchkreuzten, und daß ihr Auf- und Absteigen mehr als irgend etwas anderes den Charakter der Hauptepochen bestimmte. Nachdem der Verlauf des Altertums mehr und mehr die überkommenen Ordnungen zersetzt und den Schwerpunkt des Lebens in die Individuen verlegt hatte, erfolgt gegen sein Ende ein immer stärkerer Rückschlag zugunsten einer festeren Verbindung, philosophische Schulen wie religiöse Kulte schließen die Individuen enger zusammen und lassen sie sich gegenseitig stützen und fördern; das Christentum nimmt die Bewegung auf und führt sie bei wachsendem Verlangen nach einem sicheren Halt und nach Befreiung von eigener Verantwortlichkeit schließlich dahin, daß die religiöse Gemeinschaft, die Kirche, zur alleinigen Trägerin göttlicher Wahrheit und göttlichen Lebens wird, der Einzelne einen Anteil daran nur durch ihre Vermittlung erlangt. So gab die Kirche der Menschheit ihre Gedankenwelt und ihr Gewissen. Auch das politische und soziale Ordnungssystem des Mittelalters gewährt dem Einzelnen nur innerhalb des Ganzen einen Wert.

Wie im Gegensatz zu solcher Stimmung und Schätzung das Individuum wieder mehr Mut und Kraft bei sich selbst gewann, wie es bei Wachstum dessen die alte Ordnung zerbrach, die Selbständigkeit des Einzelnen zur Hauptsache machte, und wie die Ausbreitung dieses Strebens über alle einzelnen Lebensgebiete eine neue Epoche aufsteigen ließ, deren höchstes Ideal die Freiheit war, das wissen wir heute alle. Aber wir wissen auch, daß dies Ideal die Gegenwart nicht mehr ausschließlich einnimmt, daß vielmehr ein merkwürdiges Anschwellen des Lebens ins Große und Riesenhafte, eine wachsende Häufung elementarer Kräfte und Massen, vornehmlich aber ein Entstehen schroffer, das menschliche Dasein zerreißender Gegensätze, ein starkes Verlangen nach einem engeren Zusammenschluß der Einzelnen und nach einer Leitung des Lebens durch eine überlegene Macht entzündet haben. Das zeigen besonders klar die sozialen Bewegungen, aber es reicht jener Zug weit über sie hinaus, durchgängig erscheint ein Streben der Individuen sich enger zu verbinden und dadurch zu stützen wie zu stärken, eine Neigung, die Aufgaben gemeinsam anzugreifen und den Kampf gegen die Widerstände gemeinsam aufzunehmen. Wie viel Bewegung zur Assoziation, zur Bildung von Bünden auch geistiger Art, zu Sekten und so weiter, zeigt unsere eigene Zeit, in weitem Abstand von der Zeit unserer Klassiker, die alles Gelingen auf die Kraft selbständiger Individuen stellte! So wird der Mensch der Gegenwart nach entgegengesetzter Richtung gezogen und unter widerstreitende Schätzungen gestellt. Emanzipation von allem, was den Menschen bindet und einengt, das ist noch immer für viele das Losungswort, und diese Emanzipation dringt in mancher Richtung immer noch vor; Verbindung zum Ganzen, Organisation der in ihrer Zerstörung machtlosen Kräfte, das ist das Losungswort der anderen Seite, und wir kennen die Kraft, mit der auch dieses den modernen Menschen packt. Emanzipation und Organisation aber erzeugen grundverschiedene Bilder des Lebens; wie könnten wir bei solcher Entzweiung über seinen Sinn je einig werden, wie sollte nicht vielmehr die Unsicherheit, die jener Konflikt erzeugt, allen solchen Sinn zerstören?

Indes jede einzelne Richtung hat die Hoffnung, aus eigenem Vermögen das Leben ganz zu erfüllen und vollauf zu befriedigen, wenn sie nur zu reinem Siege, zu unbegrenzter Herrschaft gelange; diese Hoffnung flößt den Bewegungen Kraft und Leidenschaft ein und gewinnt ihnen zahlreiche Freunde. Aber eine genauere Prüfung zeigt alsbald, daß jeder einzelne dieser Typen, ausschließlich durchgesetzt, das Leben unerträglich verengt und alles Sinnes beraubt.

Die Sozialkultur darf sich auf einen allgemeineren Gedanken berufen, den niemand anfechten kann: auf den engen Zusammenhang des Einzelnen mit der Menschheit und die Bindung seines Wirkens und Denkens an sie. Eigenes Miterleben des Gesamtgeschickes der Menschheit und hilfreiches Wirken für den Nächsten, das haben von jeher die Religionen zum Prüfstein echter Gesinnung gemacht, und wenn zu schöpferischer Arbeit der Mensch der Einsamkeit bedarf, so bleibt auch dieser Einsamkeit die Menschheit innerlich gegenwärtig und übt eine richtende Kraft; arm und kläglich die Seele, welche auch diese innere Bindung abwirft oder nur meint, sie abwerfen zu können. Aber eine solche Beziehung zur Menschheit fordert einen inneren Zusammenhang des Ganzen, sie setzt voraus, daß eine neue und höhere Welt, ein Reich Gottes oder eine geistige Ordnung, in der Menschheit erscheint und den Menschen über die Vereinzelung und über die Zwecke des natürlichen Daseins hinaushebt; dies aber ist nicht die Meinung der Sozialkultur, sie löst alle Zusammenhänge mit unsichtbaren Größen und Mächten, sie kennt kein jenem Dasein überlegenes Ziel, sie sieht in der Menschheit nur ein Zusammentreffen der Individuen in der nächsten, der sichtbaren Welt. Das aber kann sie nicht ohne die Ziele des Strebens eng zu begrenzen, sowie den Begriff der Menschheit herabzudrücken. Bei jener Preisgebung aller inneren Zusammenhänge bleibt als leitendes Ziel nur das Befinden der Individuen, ein Stand der Gesellschaft, der seinen Teilnehmern möglichst wenig Schmerz und möglichst viel Lust gewährt, bleibt das »größte Glück der größten Zahl«. Nun kann kein Zweifel daran sein, daß die Sozialkultur mit der Richtung der Arbeit auf die Wohlfahrt aller Gewaltiges geleistet hat: es ist viel Not und Härte ausgetrieben, mehr Freude und Milde ins Leben gebracht, es hat hilfreiche Tätigkeit alle Verzweigung des Daseins ergriffen, es ist dabei jeder Mensch der Beachtung wert gefunden und damit auch im eigenen Bewußtsein gehoben, es ist zugleich das Gefühl der Verantwortlichkeit jedes einzelnen für den Stand des Ganzen geweckt, es ist mit dem allen das gemeinsame Dasein erheblich weitergebildet.

Aber so schätzbar das alles in weiteren Zusammenhängen ist, unmöglich kann es das Ganze des Lebens sein und dem Handeln genügende Ziele stecken. Die dort erstrebte Wohlfahrt, ein möglichst schmerzfreies und genußreiches Leben, kann uns unmöglich befriedigen. Denn indem wir dabei den einen Feind, die Not und den Schmerz, vertreiben, erwächst ein anderer, wohl noch gefährlicherer: eine innere Leere und Langeweile, die ein bloß mit dem eigenen Zustand befaßtes Leben unvermeidlich mit sich bringt. Gibt es hier doch nichts, was von innen her dem Menschen ein hohes Ziel vorhält und ihn dafür in Bewegung setzt. Große Aufgaben verlangen Wagnis und Opfer, ihre Lösung muß sich gewöhnlich den Weg durch harte Zweifel und Verneinung bahnen; wie aber sollte der Mensch wagen und opfern können, wenn alles Handeln am Gedanken der Wohlfahrt hängt? Kluge Abwägung, vorsichtige Berechnung des Vorteils und Nachteils würden dann die Lenker des Lebens, alles Heroische in ihm müßte bequemem Spießbürgertum weichen. Die Sorge um die Mittel des Lebens droht hier das Leben selbst zu zerstören. Aber, heißt es vielleicht dagegen, wir wollen ja nicht die Wohlfahrt des Einzelnen, wir wollen die Wohlfahrt des Ganzen, und das ist etwas wesentlich Höheres. Gewiß ist es etwas anderes, aber ob es auf dem Boden der Sozialkultur etwas wesentlich Höheres sein kann, das möchten wir sehr bezweifeln. Denn wenn keine Innenwelt die Menschheit zusammenhält und ihr eine Aufgabe stellt, so wird sie ein bloßes Nebeneinander einzelner Individuen, so gibt es kein den Zwecken der Individuen überlegenes Ziel, die bloße Summierung ist keine Wesenserhöhung, Epikureismus und Utilitarismus ändern sich nicht bei Übertragung auf eine große Zahl. Das ist die schwere Gefahr der Sozialkultur, daß, indem sie dem Begriff der Menschheit alle innere Einheit nimmt und für ein Ganzes eine bloße Anhäufung einsetzt, ihr leicht der Durchschnitt zur Norm und die Masse zur Menschheit wird; zugleich neigt sie dahin, alles auf diesen Durchschnitt zu beziehen und ihn zum Richter über gut oder böse, über wahr oder falsch zu machen. Das aber schädigt nicht nur das Recht der Sache, auch das Individuum droht dabei in seiner Eigentümlichkeit geringgeschätzt, abgeschliffen, unterdrückt zu werden.

Überhaupt bereitet die Stellung des Individuums der Sozialkultur viel Verwicklung. Das Individuum wird geheißen, sich dem Ganzen dienstwillig einzufügen und seinen Zwecken unterzuordnen; wie aber ist es dazu zu bewegen, wenn alle innere Verbindung der Menschheit aufgegeben wird? In diesem Zusammenhange bleibt nur das eigene Interesse des Einzelnen, das Gedeihen des Ganzen könnte ihm nur soweit wertvoll sein, als es ihm selbst einen Vorteil brächte, aber daß ein solcher etwa zu erwartender Vorteil viel zu gering ist, um volle Hingebung und kräftiges Wirken zu erzeugen, das läßt sich nicht wohl bezweifeln. Überhaupt kann ja kein Streben Macht über die Seele erlangen, das lediglich eine Wirkung nach außen erstrebt. Denn wo in geistigen Dingen etwas Großes erreicht ward, da entsprang es aus inneren Notwendigkeiten des eigenen Wesens, aus einem Verlangen nach geistiger Selbsterhaltung und nach Überwindung unerträglicher Widersprüche; nur wenn der Mensch allein auf sich selber stand und für sich selber schuf, konnte er etwas erreichen, was den anderen wertvoll war. Wer vor allem an die Wirkung bei anderen denkt, hat das Erstgeburtsrecht des Schaffens preisgegeben, er ist aus einem Herrn ein Diener geworden, einem bloßen Diener aber ist das Höchste versagt. – Alle diese Erwägungen gehen nicht gegen das moderne Streben zur Hebung des Standes der Gesellschaft und zur Anerkennung alles dessen, was menschliches Angesicht trägt, wohl aber gehen sie gegen den Versuch, dies Wirken zur Gesellschaft zum Ganzen des Lebens zu machen; wird es das, so sinkt am meisten der Begriff der Menschheit selbst, so wird eine Verflachung und Vergröberung des Lebens wie der Kulturarbeit unvermeidlich.

Solches Scheitern der Sozialkultur muß zugunsten der Individualkultur wirken, die Gegenwart selbst stellt deutlich vor Augen, wie eine solche sich mit siegreicher Kraft gegen das erhebt, was ihr eine bloße Schablonisierung und Mechanisierung, eine Entseelung des Lebens dünkt. Aus solcher Wendung geht ein neues Leben hervor; indem es die individuelle Art und das individuelle Befinden in den Vordergrund rückt und in der Gestaltung aller Verhältnisse auf Eigentümlichkeit und Mannigfaltigkeit dringt, indem alle einzelnen Gebiete zu Mitteln für die Entfaltung und Darstellung von Individuen werden, ergibt sich viel Freiheit und Frische, ja ein überströmender Reichtum von Gestalten, entsteht ein leichtes, freischwebendes, freudiges, allem Zwang, aller Schablone enthobenes Leben und ergießt sich in alle Verzweigung des Daseins. Aber all solch unleugbarer Gewinn, den namentlich der Kontrast mit den weitschichtigen Gebilden und dem Gleichheitsstreben der Sozialkultur aufs stärkste empfinden läßt, beantwortet nicht die Frage, ob mit dieser Gestaltung das Leben als Ganzes einen Sinn und Wert erlangt; die Zweifel daran werden namentlich dann entstehen und vordringen und siegen, wenn klar gegenwärtig ist, was innerhalb der Schranken des sichtbaren Daseins Individuum und Individualkultur überhaupt zu bedeuten vermögen. Denn daß dies Dasein das Ganze unserer Wirklichkeit bildet, und daß sich alle Bewegung innerhalb seiner zu halten hat, das ist eine Voraussetzung, an der sich in diesen Zusammenhängen nicht rütteln läßt.

Als ein Stück des bloßen Daseins ist das Individuum eine Größe, die hinzunehmen ist, so wie sie sich findet, es kann weder nach außen hin noch in sich selbst eine Aufgabe tragen, es kann nicht aus seiner Natur ein Ideal erzeugen, an dem es sich in die Höhe hebt, sondern es kann seinen gegebenen Befund, mag er noch so voller Lücken und Widersprüche sein, in keiner Weise verändern, es ist und bleibt, was es ist. Zugleich kann es dies besondere Dasein nicht als die Darstellung oder das Gefäß eines weiteren Lebens, etwa eines Geistes- oder Weltlebens fassen, das sich in ihm eigentümlich verkörpert, es kann nicht glauben, daß, was in ihm heute geschieht, irgend etwas über sein Befinden hinaus bedeute, vielmehr muß in der Pflege und Förderung des gegebenen Daseins, in der Hebung seines eigenen Zustandes sich sein ganzes Leben erschöpfen. Es stellt sich hier also das Leben dem Menschen folgendermaßen dar: die Wirklichkeit erzeugt eine unermeßliche Fülle verschiedener Bildungen, jede einzelne derselben gewinnt eine Freude und Lust des Selbstempfindens, des Selbstgenusses, indem sie sich aller versuchten Bindung entwindet oder erwehrt, die eigene Art nach außen hin vollauf zur Geltung bringt und sie zugleich mit ganzer Kraft erlebt und genießt; sie wird dieser Lust um so mehr teilhaftig, je mehr sie das Unterscheidende pflegt, je mehr sie den Abstand von anderen hervorkehrt. Diese Individualisierung aber wird sie möglichst ihrem ganzen Lebenskreise mitteilen und auch der Umgebung aufprägen; die Freude, etwas Eigenes, Unabhängiges, Unvergleichliches zu sein, wird so das ganze Leben durchdringen, sie scheint es durchgängig zu heben und zugleich vollauf zu befriedigen. So nach den eigenen Gedankengängen der Individualkultur; daß sie eine eigentümliche Seite und Aufgabe des Lebens verficht, und daß die von ihr vertretene Bewegung eine berechtigte Kritik an der bloßen Sozialkultur übt, sei bereitwillig anerkannt. Aber wie dürftig, wie leer ist das hier gebotene Leben bei allem schimmernden Aufputz, wenn es das Letzte und Ganze sein will! Angenommen, es gäbe nur ausgeprägte und starke Individuen, und diesen vergönnte ein gütiges Geschick, ihre Art rein zu entfalten und vollauf durchzusetzen, immer bliebe auch hier der Mensch an sich selbst und seinen Zustand gebunden, er würde unablässig nur sich selbst genießen, das eigene Tun in der Vorstellung spiegeln und widerspiegeln, er hätte eine unablässige Fülle vergnügter Augenblicke, aber ein bloßes Neben- und Nacheinander einzelner Zustände könnte er nie überschreiten, in ein inneres Ganzes sein Leben nun und nimmer zusammenfassen. Nun ist aber der Mensch ein denkendes und überdenkendes Wesen, ein solches muß nach einem Ganzen fragen und kann, wenn es nichts davon findet, einer Öde und Leere nicht entrinnen. Die bunte Fülle, der rasche Wechsel, der stete Übergang von einem Punkte zum anderen mag eine Zeitlang ergötzen, schließlich erzeugt er unvermeidlich eine völlige Ermüdung und Abstumpfung. Der Mensch ist nun einmal mehr als bloße Zuständlichkeit, und sein Leben erschöpft sich nicht innerhalb des besonderen Kreises, es muß sich mit dem, was jenseits des Punktes liegt, ja mit der Unendlichkeit der Welt befassen, es kann nicht umhin, hier seine Stellung zu nehmen und von hier aus jenen individuellen Kreis zu betrachten und zu schätzen. Soweit aber das geschieht, muß der Abschluß beim bloßen Punkt, die Festhaltung alles Strebens und Fühlens bei der Enge und Zufälligkeit dieser besonderen Stelle, das Gefesseltsein des Einzelnen an seine besondere Art, die völlige Ohnmacht, solche Schranke zu durchbrechen, namentlich der Mangel einer gemeinsamen Wahrheit und einer die Gemüter verbindenden Liebe, es muß das alles miteinander dies Leben bei aller bunten Fülle als eng und arm erscheinen lassen.

Dabei beschäftigte uns bis jetzt nur der Mensch, dem die Natur eine starke Individualität verlieh und das Schicksal ihre volle Entfaltung gönnt. Was aber wird mit dem Durchschnitt der Menschheit? Zeigt er nicht meistens die Einzelnen nur mit matter Regung einer individuellen Art und mit geringer Freude an ihrer Entfaltung? Bereitet ferner nicht die gegenseitige Einengung und Verschränkung der menschlichen Verhältnisse auch dem, was an individueller Art an den einzelnen Stellen erscheint, gewöhnlich die schwerste Hemmung? Und welchen Antrieb kann es hier geben, solcher Hemmung gegenüber in das Feuer des Kampfes zu gehen, hier, wo kein anderes Ziel als das eines feinen Genusses winkt? Auch an dieser Stelle brauchen wir nur die Frage über die einzelnen Vorgänge hinaus auf das Ganze des Lebens zu richten, zu prüfen und zu erwägen, was dieses gewinnt, um ein starkes Manko zu finden, um zu ersehen, daß ein derartiges Leben seine Mühen und Kosten nicht lohnt.

 

Der Epikureismus, der diese Lebensführung durchdringt, ist immer nahe daran, in einen verzweifelnden Pessimismus umzuschlagen; denn die Leere, die im Grunde dieses unablässig vibrierenden Lebens waltet, kann der Erfahrung und Empfindung für die Dauer unmöglich entgehen.

 

So scheitert die bloße Menschenkultur in jeder der beiden Richtungen, die sie einschlagen kann; weder die gegenseitige Anziehung noch die gegenseitige Abstoßung der Menschen läßt das Leben als Ganzes einen Sinn und einen Wert gewinnen. Die Sozialkultur macht sich besonders mit den Bedingungen des Lebens zu tun, aber über solcher Sorge vergißt sie das Leben selbst; die Individualkultur möchte es bei sich selber fassen, aber da sie es nicht über die einzelnen Zustände und Augenblicke zurückzuverlegen vermag, so geht es ihr nicht in ein Ganzes zusammen, so erreicht es keine Innerlichkeit, keine Innenwelt, so fehlt auch hier eine wahrhaftige Seele, und es bleibt alles Tun und Treiben an die Oberfläche gebannt. Weder hier noch dort wird ein echtes Beisichselbstsein der Seele erreicht. Diese Leere des Ganzen, den Mangel an Inhalt hier wie dort verbirgt oft der unablässige Kampf der einen Richtung gegen die andere; gewiß hat jede von ihnen ein gewisses Recht, eine gewisse Überlegenheit gegen die andere; indem sie diese zur Geltung bringt und je nach den Bedürfnissen der Zeitlage durchsetzt, wird das Leben in Bewegung versetzt, und ein Fortschritt scheint unbestreitbar. Aber der Fortschritt in der einen Richtung ist nicht schon eine Erhöhung des Ganzen, auch erweist das Vordringen der einen Bewegung gegen die andere nicht schon die eigene Zulänglichkeit; dazu pflegt der Wandel der Zeiten dasjenige, was sich für eine Epoche in sicherem Rechte fühlt, für eine andere ins Unrecht zu setzen; mögen die großen Wogen, die hier entstehen, ganze Jahrtausende umfassen, schließlich kommt doch eine Zeit, wo die entgegengesetzte Strömung siegt und alle überkommene Schätzung zurückdrängt, ja umkehrt, wo entweder die Emanzipation über die Organisation oder aber die Organisation über die Emanzipation triumphiert. Was aber ergibt dieses Auf- und Abwogen für das Ganze der Menschheit an bleibendem Wahrheitsgehalt?

Die Menschenkulturen täuschen sich über ihre Nichtigkeit vornehmlich dadurch hinweg, daß sie verstohlenerweise aus dem Menschen weit mehr zu machen pflegen, als sie in diesen Zusammenhängen können und dürfen. Sie setzen eine geistige Atmosphäre voraus und stellen in sie das menschliche Leben und Streben hinein; so scheinen im Zusammenschluß der Menschen zu fester Gemeinschaft Quellen der Wahrheit und Quellen der Liebe hervorzubrechen, so scheint das Individuum von einer unsichtbaren Geisteswelt getragen zu werden und ihrer Entwicklung mit seiner Arbeit zu dienen. Dann läßt sich hier wie dort dem Leben eher ein Sinn abgewinnen, aber der Bereich einer bloßen Daseinskultur ist damit verlassen, und wir geraten in dieselben Verwicklungen hinein, von denen die Wendung zu jener befreien sollte.

Oder aber es wird dem Problem dadurch seine Spitze abgebrochen, daß hier wie dort eine Idealisierung des Menschen erfolgt, daß dort ein leichter Zusammenschluß der Kräfte, ein freudiges Miteinanderwirken, eine Summierung aller vorhandenen Vernunft vorausgesetzt wird, während hier das Individuum ohne weiteres als edel und groß, als mit lauter bedeutenden Dingen befaßt gedacht wird; es ist ein gewisser Menschenglaube, der den wirklichen Befund ergänzt und erhöht. Aber rechtfertigen eben die Eindrücke der jüngsten Zeit einen solchen Menschenglauben? Steht vor unseren Augen nicht eine wilde Leidenschaft der Massen, ein Herabziehen aller Kultur auf das Niveau eines geringen Durchschnitts, ein Messen aller Dinge nach den eigenen Meinungen und Zwecken, eine Vergröberung des Lebens, ein starker Druck gegen die Freiheit des Einzelnen, viel kindische Lust an Verneinung? Und sehen wir nicht auf der anderen Seite, der Seite des Individuums, Kleines und Niedriges in Hülle und Fülle, verbrämte Selbstsucht und eitle Selbstspieglung, die Sucht, um jeden Preis etwas besonderes nicht sowohl zu sein als zu scheinen, ein Suchen und Spähen nach Beifall bei scheinbarer Geringachtung der anderen, eine sklavische Abhängigkeit eben in der gesuchten Paradoxie, vor allem aber eine innere Leere. Das alles fällt viel zu sehr in die Augen, um sich übersehen zu lassen; wenn trotzdem unbedenklich von der Größe der Menschheit oder von der Vortrefflichkeit der Individuen geredet wird, die nur freie Bahn zu erhalten brauchen, um alles zu Glück und Größe zu führen, so erscheint darin jener wunderliche Glaube an den Menschen, ein Menschenglaube, der unter allen Arten des Glaubens wohl der gewagteste ist. Wenn der Glaube der Religion eine zuversichtliche Annahme von etwas verlangt, was die Augen nicht sehen und die Hände nicht greifen, so kann er, dem die nächste Welt nicht das Ganze der Wirklichkeit bedeutet, sich auf offene Möglichkeiten berufen, und es widerspricht die Behauptung nicht direkt dem Befund der Erfahrung. Das aber tut sie bei jenem Menschenglauben. Denn er begnügt sich nicht mit der Forderung, etwas anzuerkennen, was wir nicht sehen, er verlangt von uns, innerhalb unseres Bereiches das gerade Gegenteil dessen gelten zu lassen, was deutlich vor Augen liegt.

Da auch die Bewegung der Geschichte an den Grundbedingungen des Lebens nichts zu ändern vermag, so entfällt alle Hoffnung, durch Entwicklung einer bloßen Menschenkultur unserem Dasein je einen Sinn und Wert zu verleihen; selbst wenn ihre Ziele erreichbar wären, befriedigen könnten sie nicht. Nun ist in der Neuzeit viel bloße Menschenkultur entfaltet, und sie hat die Bewegung des Lebens weit in ihre Bahn gezogen. Aber je selbständiger und ausschließlicher sie wird, je mehr sie alles abwirft und austreibt, was aus tausendjähriger Arbeit in sie einfloß und sie vertiefte, desto deutlicher werden ihre Schranken, desto mehr muß ihr Sichausleben sie zerstören.

Das empfindet die Gegenwart mehr und mehr, ein tiefer Überdruß an dem Bloßmenschlichen, eine starke Abneigung, ja ein Widerwille gegen alles Bloßmenschliche greift um sich, immer deutlicher wird, daß wir zu voller Nichtigkeit sinken und daß das Leben allen Sinn und Wert verliert, wenn der Mensch sich nicht an einer überlegenen Macht in die Höhe heben und mit ihrer Hilfe mehr aus sich machen kann, als das bloße Dasein ihn zeigt. Die Ablösung von der großen Welt und das Sichabschließen in eine besondere Art überantwortet ihn augenscheinlich einer unerträglichen Enge und Kleinheit, sie verschließt ihm die Tiefe des eigenen Wesens. So hören wir heute viel von Übermenschlichem und Übermenschen reden, aber alle echte und anerkennenswerte Sehnsucht, die in solchem Streben liegt, schützt es nicht vor einem Verfallen in machtlose Phrasen, wenn dieses Übermenschliche innerhalb der Welt der Erfahrung, im Umkreis des nächsten Daseins gesucht wird. Denn viel zu streng binden hier den Menschen Natur und Schicksal, als daß ein diktatorisches Machtwort ihn davon zu befreien und ihm ein neues Leben und Sein zu geben vermöchte. Der bloße Mensch kommt nie über den bloßen Menschen hinaus. Entweder also ein Bruch mit der bloßen Daseinskultur, oder ein Verzicht auf alle innere Erhöhung des Menschen und zugleich auf einen Sinn seines Lebens; nur eine flache und flüchtige Denkart kann ein Drittes für möglich halten.

Erwägungen und Vorbereitungen

Die nähere Betrachtung hat den chaotischen Eindruck, den wir gleich zu Beginn vom modernen Leben empfingen, bestätigt und weiter verstärkt. Eine Fülle von Bewegungen erschien, deren jede viel zu kräftig und wirksam in den Bestand des menschlichen Daseins eingegriffen hat, um sich als bloße Irrung beiseite schieben zu lassen, deren keine aber sich zu herrschender Stellung über alle anderen hinausheben kann. Indem jede einzelne von ihnen vordringt und einzig und allein gelten will, überschreitet sie unvermeidlich das Gebiet ihres Rechts und gerät aus unbestreitbarer Wahrheit mehr und mehr ins Problematische, ja Verfehlte hinein; so müssen wir schließlich gegen alles mißtrauisch werden, was aus der Lage der Gegenwart unsere Seele gewinnen möchte. Die Anerkennung und Entwicklung eines engeren Zusammenhanges des Menschen mit der Natur schärft unseren Blick für das Dasein, das uns umgibt, und zeigt unserem Handeln eine Fülle fruchtbarer Angriffspunkte, aber sie wird zu einer schweren Schädigung des Lebens, wenn sie es ganz und gar an das untermenschliche Dasein bindet und die Ausbildung eigentümlich menschlicher Züge verwehrt; das Streben nach einer besseren Verteilung der materiellen wie der geistigen Güter und nach Anerkennung des Wertes des Menschen auch an unscheinbarster Stelle hat den Gesamtstand des Zusammenseins sichtlich gehoben und durch Einprägung von Recht und Pflicht eine Fülle ethischer Gesinnung erzeugt; aber wenn das die Wendung dahin nimmt, daß alle und jede Unterscheidung der Menschen entfällt und die Masse so wie sie ist zum Maß aller Wahrheit wird, so ist das geistige Leben mit starkem Sinken bedroht; das Verlangen nach vollerer Entwicklung der Individualität und nach individuellerer Gestaltung des Daseins hat das Leben frischer, bewegter und reicher gemacht, aber aus dem Gewinn wird ein Verlust, wenn jene Bewegung zur Lockerung aller Zusammenhänge, zur Zerstörung aller Ehrfurcht, zum Aufwuchern hochmütiger Selbstüberhebung und eitler Selbstbespiegelung führt. Überall kommen wir hier in Gefahr, zugleich bejahen und verneinen zu müssen, keine Aufgabe läßt sich ohne Vorbehalt ergreifen, ja indem die Überspannung unvermeidlich einen Rückschlag hervorruft, entstehen überall Gegenbewegungen, damit aber ein Durcheinandcrlaufen der Wogen und höchste Unsicherheit.

Die Verwicklung wird deshalb so groß, weil die Hauptbewegungen der Zeit nicht auseinandergehen, sondern einander direkt widerstreiten und mit ihren Forderungen das Leben nach entgegengesetzten Richtungen ziehen. Von den beiden Zweigen der idealen Lebensgestaltung betont die Religion die Schwäche, der immanente Idealismus die Stärke des Menschen, dort bleibt die Wirklichkeit gespalten, hier strebt sie zur Einheit zusammen. Innerhalb der modernen Daseinskultur verfeinden sich leicht die Versuche einer Einfügung des Menschen in die Natur und einer Beschränkung auf seinen eigenen Kreis; jene gilt dieser leicht als kalt und seelenlos, diese jener als eng und dumpf. Vor allem aber zerwerfen sich Sozial- und Individualkultur zu voller Unversöhnlichkeit, dort gilt alles als ein schweres Unrecht, was einer völligen Gleichheit und Gleichachtung der Menschen entgegenwirkt, z. B. beim Streit um das Wahlrecht, hier dünkt alle Gleichmachung eine Herabdrückung und Verflachung, und es wird alles Heil von möglichster Differenzierung der Individuen und kräftiger Ausbildung der unterscheidenden Züge erwartet.

Den schwersten Zusammenstoß aber und die größte Unsicherheit bewirkt das Hin- und Herschwanken des modernen Menschen zwischen der sichtbaren und einer unsichtbaren Welt. Hatte die ältere Denkart, namentlich die religiöse, alle Hingebung an die sichtbare Welt als einen Raub an einer höheren Ordnung und als ein Sinken des Lebens von unerläßlicher Höhe behandelt, so besteht die neuere um so mehr auf einer vollen Selbständigkeit, ja Ausschließlichkeit dieser Welt, so gilt ihr alle Befassung mit übersinnlichen Dingen als eine Verirrung des Strebens und eine Vergeudung der Kraft; dabei scheinen sie sich gegenseitig weder verdrängen noch vertragen zu können. Die Eindrücke und Erfahrungen, die früher dem Menschen das Walten einer unsichtbaren Ordnung augenscheinlich machten, sind in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr verblaßt, auch wer an ihnen festhält, erlebt sie nicht mehr mit der Kraft und der Eindringlichkeit früherer Zeiten. Aber zugleich hat der Mensch bei der sichtbaren Welt nicht gefunden, was er hoffte, zunächst keinen sicheren Standort und keinen festen Zusammenschluß der Kräfte, denn auch hier sahen wir die Lebensbewegungen sich schroff entzweien, sodann aber selbst im Gelingen keine rechte Befriedigung. Dies aber namentlich infolge eines Fortwirkens der älteren Art; denn mag diese im Besonderen ihrer Behauptung noch so angreifbar und hinfällig geworden sein, über jenes Besondere hinaus hat sie das Ganze des Lebens in einer Weise gestaltet, die dauernd seinen Charakter bestimmt, sie hat Bedürfnisse geweckt, Kräfte entwickelt, Ziele gesteckt, die nicht wieder verschwinden wollen, und deren Forderungen nachkommen muß, was die Seele des Menschen gewinnen will. Inmitten aller Beschränkung und Schwächung des Alten bleibt seine Verinnerlichung des Lebens und verhindert ein völliges Aufgehen in die Welt, die uns von draußen her umfängt; das unsichtbare Beharren des Alten läßt kein Genüge am Neuen finden. Andererseits hat das Neue viel zu viel Macht über uns erlangt, als daß das Alte sich in der alten Gestalt einfach wieder aufnehmen ließe; so kann keins sich zu voller Herrschaft bringen und ist doch stark genug, die des andern zu verhindern. Was aber wird aus dem Ganzen des Lebens bei einer derartigen Spaltung? Muß nicht all die Entzweiung, die uns entgegentrat, schließlich eine geistige Anarchie erzeugen, deren buntes Durcheinander den Augenblick ergötzen mag, die aber für die Dauer zerstörend wirken muß?

Eine solche geistige Anarchie läßt alles ungewiß werden, was bisher als sicherer Besitz galt, Zweifel und Streit dringt bis in die tiefsten Wurzeln unseres Lebens vor. Wir Neueren stritten zuerst um die nähere Fassung und Begründung der Religion, schließlich wird uns das Ganze der Religion zur Frage; wir flohen vor den Verwicklungen der Metaphysik in das Gebiet der praktischen Vernunft, um in der Moral eine unantastbare Wahrheit zu finden, bald aber wendet sich Zweifel und Angriff auch gegen die Moral, zunächst der überkommenen Fassung nach, schließlich bis zur Leugnung des Grundgedankens. Wenn alles um uns und in uns unsicher wurde, so schien wenigstens der Mensch als Ganzes, der Mensch als Persönlichkeit zu verbleiben, aber wie kann er das, wenn aller Inhalt des Lebens sich verflüchtigt oder doch unsicher wird? In Wahrheit brauchen wir nur etwas genauer zuzusehen, um zu gewahren, daß der Zweifel und Streit auch jenen vermeintlich sicheren Träger des Lebens ergreift, daß auch die Grundlage unseres Seins zu einer schweren Frage geworden ist.

Solche Auflösung oder doch Erschütterung aller festen Größen führt eine hochentwickelte Kultur in eine höchst unerquickliche Lage. Zahlreiche Kräfte sind da und fordern Beschäftigung, eine genügende Bindung aber und eine sichere Richtung finden sie nicht; so ergießen sie sich ins Unbestimmte und Leere; aus dem Leben wird damit ein bloßes Verlangen nach Leben, ein Sehnen und Haschen nach ihm. Das ist ein Stand, wo eine Reflexion freischwebender Art das Feld gewinnt und sich ein Vermögen des Schaffens zutraut, wo ein glänzendes technisches Vermögen, eine staunenswerte Virtuosität mit einem völligen Mangel an Inhalt zusammengeht, wo wir alles aussprechen können, was wir nur sagen möchten, wo wir aber wegen innerer Leere nichts Rechtes zu sagen haben. So droht sich uns Leben und Tun in ein bloßes Spiel zu verwandeln, ein Spiel, das aufregen mag, das aber keinen Gewinn verspricht.

Auch der Zersplitterung der Menschheit sei gedacht, die solches Auseinandergehen des Lebens erzeugt. Indem dabei die Individuen nach ihrer Eigentümlichkeit, ihrer Lebenslage und ihrem Beruf an verschiedenen Punkten Stellung nehmen und verschiedene Richtungen verfolgen, entsteht eine Sonderung in Parteien und Sekten, ein Behandeln aller Probleme vom Standpunkt der Partei, ein Verschwinden innerer Gemeinschaft, die Gefahr einer seelischen Vereinsamung inmitten überströmender Fülle äußerer Berührungen. Milderte nicht die von jahrtausendelanger Arbeit erzeugte geistige Atmosphäre die Konflikte, und verbärge nicht die gemeinsame Sprache das Auseinandergehen in der Sache, so könnte kein Zweifel darüber sein, daß wir heute innerlich in verschiedenen Welten leben und daß diese Welten sich immer mehr spalten und verengen, bis schließlich jeder nur seiner Privatwelt lebt. Nichts drängt zwingender über die geistige Anarchie hinaus als solche innere Vereinsamung, die sie uns auferlegt.

Auch das unvermeidliche Sinken des inneren Niveaus des Geisteslebens, das aus solcher Lage hervorgeht, wird nicht lange mehr zu ertragen sein. Das geistige Leben ist dem Menschen kein bequemer Besitz, es hat sich bei ihm gegen die bloße Natur und die Kleinkräfte des Alltags zur Selbständigkeit mühsam erst aufzuarbeiten, und es muß diese Selbständigkeit immer von neuem verteidigen. Wie aber könnte es das, wenn es sich so sehr bei sich selbst entzweit, wenn es nirgends dem Menschen ehrfurchtgebietend gegenübertritt, sondern lediglich an seiner Meinung und Neigung zu hängen scheint. Damit sich das Leben ins Gehaltvolle und Große hebe, bedarf es nicht nur eines allesumfassenden, allesbelebenden, allesverbindenden Zieles, es bedarf, wie der körperliche Organismus, zur Regulierung seines Laufes auch gewisser Hemmungen und Widerstände. Jene geistige Anarchie kennt aber weder ein Ziel noch irgendwelche Hemmung; wir brauchen nicht weiter auszuführen, daß es auf diesem Wege nicht weiter geht, daß die geistige Krise in eine Zerstörung auslaufen muß, wenn sie keine Gegenwirkung findet. Vollauf verständlich wird von hier aus, wie unsere Zeit, vom Durchschnitt aus angesehen, sich als eine Zeit des Unglaubens darstellt, des Unglaubens nicht an bloße Dogmen, sondern an das Leben selbst, als eine Zeit, die an einer Lust zum Verkleinern und Verneinen krankt, und die den Menschen bei allem technischen Vermögen von seiner Seele niedrig denken läßt, als eine Zeit, auf der bei allem Gerede von Größe und Lust des Lebens in Wahrheit der Druck einer schweren Mißstimmung und ein starkes Gefühl der Sinnlosigkeit unseres ganzen Daseins liegt.

Aber so hoch wir alles dies anschlagen mögen, nun und nimmer ist es das Ganze unserer Zeit. Wie könnte, wenn nicht mehr in ihr wirkte, sie so Großes in ihrer Arbeit leisten und alle bisherigen Zeiten darin so weit überflügeln, wie könnte sie von einer so mächtigen Bewegung, von so rastlosem Streben erfüllt sein, wie wir auch das um uns gewahren? Ja selbst daß sie jene Schäden, jene Zersplitterung, jenes Unsicherwerden so stark, so schmerzlich empfindet, erweist deutlich genug, daß jener Stand sie keineswegs gänzlich einnimmt. In Wahrheit erhält sich und wächst inmitten aller Verwicklungen der Eindruck, daß hinter allen Kämpfen und Wirren der Zeit ein wesenhafteres Leben steht, das sich in ihnen sucht und eben dadurch ihnen Kraft und Leidenschaft einflößt, das sich freilich in ihnen noch nicht zur Genüge findet und daher zunächst die Schranke mehr zeigt als überwindet, das zunächst wie ein Geist über den Wassern schwebt, ohne ins Schaffen zu kommen.

Die Lösungen der Vergangenheit wurden uns unzulänglich. Das jedoch nicht, wie Parteieifer für das Alte uns einreden möchte, weil wir den Sinn für das Wahre und Große verloren, sondern weil die weltgeschichtliche Lage des Geisteslebens Forderungen stellt, denen die überkommenen Lösungen, so wie sie vorliegen, nicht entsprechen. Die Gegensätze zum Beispiel, an denen wir leiden, sind wahrlich nicht von heute und gestern, jede genauere Betrachtung entdeckt sie auch in früheren Zeiten. Aber zu unversöhnlichen Widersprüchen wuchsen sie erst uns, die wir, schon weil wir geschichtlich denken und die Zeiten miteinander vergleichen, das Eigentümliche und Unterschiedliche der Lebensgestaltungen schärfer sehen, und die wir zugleich, kraft eines stärkeren Verlangens nach Einheit, uns nicht wie das Mittelalter mit einem bloßen Nebeneinander und einer geschickten Anordnung der verschiedenen Gestalten begnügen können, sondern notgedrungen einen inneren Zusammenhang fordern. Es ist nicht sowohl unser Vermögen kleiner als die Aufgabe größer geworden, und die Auflösung des Lebens greift deshalb um sich, weil wir jener einstweilen nicht gewachsen sind. Aber die Aufgabe kommt uns nicht von außen, sondern sie entspringt aus unserem eignen Wesen und bezeugt damit die Größe dieses Wesens. Ein Mißverhältnis zwischen unserem Wollen und unserem Können ist augenscheinlich, aber auch das Wollen, sofern es ehrlich und kräftig ist, muß in die Waagschale fallen. Und an solchem Wollen fehlt es der Gegenwart wahrlich nicht.

Hüten wir uns also, von der eignen Zeit gering zu denken, weil sie sich im Innern so unfertig ausnimmt und so viel Widersprüche in sich trägt. Keine frühere Zeit hat die Möglichkeiten des Lebens in solcher Fülle ausgebildet und so stark aufeinander wirken lassen, keine hat das Lebensproblem in so weitem Umfange aufgenommen und mit solchem Eifer behandelt, wie es die unsrige tut. Frühere Zeiten hatten es insofern leichter, als die Zweifel und Kämpfe einen gewissen Grundbestand unangetastet ließen und daher innerhalb eines gemeinsamen Raumes blieben; wenn heute die Erschütterung nichts unangetastet läßt, so kommt dies zum guten Teil daher, daß wir unser Denken und Tun mehr auf Selbsttätigkeit und eigne Erfahrung begründen wollen und daher größere Ansprüche stellen. Auch sei nicht unterschätzt die Weite des Horizontes, die Freiheit, womit diese Zeit einem jeden eigne Wege zu suchen gestattet, nicht ihr starkes Verlangen nach Vertiefung und Befestigung des Lebens, nicht die große Empfänglichkeit, die sie allem entgegenbringt, das aus der Verwicklung herauszuführen verspricht. Auch ein Umschlag ist hier unverkennbar: ging bis dahin die Hauptbewegung mehr in die Weite und Breite, so wächst jetzt sichtlich das Verlangen nach Einheit und Konzentration, die Probleme des ganzen und inneren Menschen gewinnen wieder eine elementare Kraft und ergreifen die ganze Kulturwelt, es gilt diese Bewegung nur anzueignen und nach bestem Vermögen weiterzuführen; dann läßt sich darauf vertrauen, daß die Zurückwerfung des Menschen auf den tiefsten Kern seines Wesens schließlich zur Verjüngung und Kräftigung des Lebens dienen wird.

Was aber als Ziel dabei zu erstreben sei, das erhellt klar aus der Art der Verwicklung: es haben sich keineswegs bloß die Deutungen des Lebens zerworfen, sondern das Leben selbst hat sich in verschiedene Ströme gespalten, es hat sich im eigenen Bestande entzweit; darüber ist nur hinauszukommen durch die Erreichung eines der Verwicklung überlegenen Lebens, eines Lebens, das der Zerstreuung entgegenzuwirken und bei jeder einzelnen Bildung Recht und Unrecht zu scheiden vermag. Zu solchem Ziele gilt es über die gegebene Lage hinaus vorwärts zu dringen und aufzuklimmen; doch könnte das Neue, das wir erstreben, nicht leisten, was wir hoffen, wenn es nicht unserem eignen Wesen von Haus aus angehörte und von jeher wirksam gewesen wäre; neu an ihm kann nur sein, daß es in den Vordergrund tritt und sich in ein Ganzes zusammenfaßt. Auch genügt hier nicht ein Herstellen mehr oder minder ansprechender Kombinationen, es gilt die Aufdeckung eines Tatbestandes, die Entscheidung über eine Tatsächlichkeit. Aber der Tatbestand, der hier in Frage steht, die Verbindung des Lebens zu einem umfassenden und überlegenen Ganzen, fällt uns nicht fertig zu, wir müssen, um seiner gewiß zu werden, ihn in uns erzeugen und bei uns entwickeln; ohne eine Selbstbesinnung und Selbstvertiefung des Lebens gibt es hier keinen Weg. Suchen wir also mit solcher Selbstbesinnung über die bloße Kritik hinaus zu einem Aufbau zu kommen. Das jedenfalls hat uns die bisherige Betrachtung gezeigt, daß ein solches Streben kein müßiges Unternehmen ist; eine schwere geistige Krise ist unverkennbar, im gegenwärtigen Stande ruhig verharren können wir nicht, entweder müssen wir bei allen äußeren Erfolgen innerlich weiter und weiter sinken, oder wir finden den Mut und die Kraft zu geistiger Selbsterhöhung und zur Bezwingung der Widerstände. Sicherlich ist darauf zu vertrauen, daß, was in der Menschheit jugendlich fühlt, den letzteren Weg betreten wird; Jugend aber mißt sich bei diesen Fragen nicht nach der Zahl der Jahre.


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