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Die neueren Lebensordnungen

Die gemeinsame Grundlage

So schwer wir die geistige Erschütterung der Gegenwart nehmen mögen, wir können nicht leugnen, daß ihr gegenüber ein viel verheißender Aufbau im Werke ist. Das 19. Jahrhundert hat eine durchgreifende Wendung von einer unsichtbaren zur sichtbaren Welt vollzogen, wie das bei den Überzeugungen die Verdrängung des Idealismus durch den Realismus bekundet. Mit jugendlicher Frische und Freude ergreift die Menschheit die sichtbare Welt; je enger sie sich ihr verbindet, desto fester wird ihre Zuversicht, hier für das Ganze des Lebens einen Sinn und Wert zu finden. Unerschütterlich fest scheint der Boden, der hier die Arbeit trägt, alle Schatten der Vorurteile, alle Nebel des Aberglaubens sind gewichen, helles Sonnenlicht umflutet die Dinge und zeigt ungetrübt ihre echte Natur, nach allen Seiten hin findet das Wirken freies und unbegrenztes Feld, das Leben scheint hier zuerst von Traum und Wahn zu voller Wachheit und Wirklichkeit zu gelangen. Dazu gesellt sich der Reiz eines frischen Sehens und eigenen Entdeckens.

In Wahrheit ist diesem neuen Leben die sichtbare Welt unvergleichlich mehr geworden, als sie früheren Zeiten war. Sie hat sich nicht nur in der großen Natur wie in der eigenen Geschichte der Menschheit der Erkenntnis in ungeahnter Weise erschlossen, sie hat auch dem Wirken des Menschen immer mehr Angriffspunkte gezeigt; den Befund der Dinge, der ihn früher wie ein unentrinnbares Schicksal umfing, kann er nun durch Aufbietung seines Vermögens wesentlich ändern und bessern, Elend und Not, Irrung und Wahn werden angegriffen, das Leben überall in rascheren Fluß und in sicheren Aufstieg gebracht, zu mehr Fülle und Freude gehoben. Es bildet aber den Kern dieses neuen Lebens die Arbeit, das heißt die Tätigkeit, welche den Gegenstand ergreift und ihn für menschliche Zwecke gestaltet; was von alters her davon vorlag, das hat die Neuzeit dadurch erheblich gesteigert, daß die Arbeit sich weit mehr von den Kräften und Zwecken der Einzelnen ablöst, ja durch Bildung eigener Zusammenhänge eine Selbständigkeit gegen den Menschen erlangt. So zeigen es Wissenschaft und Technik, so zeigen es auch politisches und soziales Wirken; sie alle zeigen den Menschen als Diener und Glied eines großen Arbeitsganzen, dessen Forderungen er unbedingt zu entsprechen hat. Aber in solcher Unterordnung des Einzelnen gewinnt das Ganze eine gewaltige Macht, das Nacheinander der Zeiten und das Nebeneinander der Kräfte faßt sich jetzt zu gemeinsamem Wirken zusammen, zu einem Wirken, das unablässig vordringt und keine Grenze als endgültig anerkennt, da die Berührung der Kraft mit den Dingen immer neue Möglichkeiten erzeugt, immer neue Aussichten auftut. So gewinnt die Menschheit einen frohen Mut und ein stolzes Selbstvertrauen, in ihrem eigenen Bereich entsteht ein männliches, klares, zielbewußtes Leben, das sich frei weiß von allen Verwicklungen der Religion oder der Metaphysik. Ein solches Leben darf sich das Goethesche Wort aneignen:

»Er stehe fest und sehe hier sich um,
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.«

Es kann aber dieses Leben keinen Abschluß finden, ohne sich einen beherrschenden Mittelpunkt zu geben und von hier aus den ganzen Umkreis durchzubilden. Ein solcher Mittelpunkt aber läßt sich nach dem Zeugnis der Erfahrung an verschiedenen Stellen suchen; vornehmlich kommt das in Frage, ob das Verhältnis zur uns umgebenden Natur, oder das zu uns selbst, zum Menschenwesen, den Kern unseres Lebens bilde. Je nachdem die Entscheidung darüber fällt, gehen die Bewegungen auseinander, entstehen verschiedene Lebensströme, ja Versuche allumfassender Lebensordnungen. Es sei zunächst diejenige betrachtet, welche im Verhältnis des Menschen zur Natur das Grundverhältnis seines Lebens sieht.

Die Lebensordnung des Naturalismus

Eine Lebensordnung des Naturalismus konnte nicht eher entstehen und volle Klarheit erlangen, als das Bild der Natur alle Zutat seelischen Lebens ausschied und zugleich seine Eigentümlichkeit zur deutlichen Ausprägung brachte; das aber ist zuerst seit Beginn der Neuzeit geschehen. Im Gegensatz zu aller religiösen und spekulativen Deutung wird hier zum Hauptziel der Forschung, die Natur in ihrer reinen Tatsächlichkeit zu erfassen; so wird alle innere Eigenschaft und alles seelenartige Streben als eine Verfälschung aus ihr entfernt und sie in ein Reich unbeseelter Massen und Bewegungen umgewandelt, worin alles in einfachen und durchgehenden Formen, nach unverbrüchlichen Gesetzen geschieht, aus eigener Notwendigkeit, ohne Sorge um das Wohl des Menschen. Von Anfang an bestand viel Neigung, dies Reich der Natur für das Ganze der Wirklichkeit auszugeben und zugleich alle Wissenschaft nach Art der Naturwissenschaft zu gestalten; schon Bacon (1561-1626) nannte die Naturwissenschaft die »große Mutter« und die Wurzel alles Erkennens; diese Neigung hat immer mehr um sich gegriffen, Naturbegriffe sind immer tiefer in alle Gebiete eingedrungen, und heute entwerfen viele von der Natur aus das Bild des Alls und geben eine »naturwissenschaftliche Weltanschauung« für Weltanschauung überhaupt. So sich zum All erweitern konnte die Natur aber nicht, ohne auch den Menschen an sich zu ziehen und ihn ganz in sich aufzunehmen. Das war so lange unmöglich, als eine unübersteigbare Kluft Ursprung und Wesen des Menschen von aller Natur zu trennen schien; aber der Anerkennung einer solchen Kluft hat die Naturwissenschaft immer eifriger widersprochen, sie hat immer mehr verbindende Fäden aufgezeigt, sie glaubt mit Hilfe der modernen Entwicklungslehre eine völlige Einigung erreichen zu können.

Gehört der Mensch aber ganz und gar zur Natur, so kann auch die Art seines Lebens nur dem der Natur entsprechen, so muß er die Erhaltung und Steigerung dieses Lebens zur hauptsächlichsten Aufgabe machen, so gilt es alles auszutreiben, was im überkommenen Befunde dieser Fassung widerspricht; was der Mensch mit der Natur gemeinsam hat, das wird jetzt zum Kern seines Wesens und bestimmt den Charakter seines Lebens. Die Natur aber erscheint hier als ein Nebeneinander einzelner Elemente, die in tausendfachen Beziehungen zueinander stehen und sich Punkt gegen Punkt behaupten, es gibt hier keine andere Art der Verbindung als die einer Anhäufung und Zusammensetzung und daher auch kein Wirken aus einem Ganzen, es gibt kein Selbständigwerden und keine eigenen Zwecke des Seelenlebens, sondern alles Seelenleben steht im Dienst der natürlichen Selbsterhaltung. In der Natur verläuft das Geschehen in reiner Tatsächlichkeit, es bedeutet nichts über sein bloßes Dasein hinaus, es lehnt alle Beurteilung und Wertschätzung ab, es kennt kein Gut oder Böse; hier gilt kein anderer Unterschied als ein Mehr oder Minder der Kraft.

Die Übertragung solcher Art des Geschehens auch auf das menschliche Leben erzeugt gegen seinen bisherigen Stand eine völlige Umwälzung. Was immer es an Naturzügen hatte, war bisher zurückgestellt und geringgeschätzt, ja oft angefochten worden; es konnte sich daher nicht frei entfalten und untereinander zusammenschließen. Daß das nunmehr möglich wird, ergibt einen wesentlich neuen Anblick des Ganzen; nun erst kommt zu voller Geltung die Gebundenheit aller seelischen Betätigung an körperliche Bedingungen, die elementare Macht der Naturtriebe und der natürlichen Selbsterhaltung, das aufrüttelnde und vorwärtstreibende Wirken des Kampfes ums Dasein, die weite Ausdehnung der blinden und zwecklosen Tatsächlichkeit auch im Bereiche des Menschen. Indem dies alles sich nunmehr zu gemeinsamem Wirken verbindet, entsteht ein eigentümlicher Lebenstypus, der auch der geistigen Arbeit seinen Charakter aufprägen muß.

Es beginnt aber dieser Lebenstypus mit einer starken Verneinung, das gibt seiner ganzen Ausdehnung eine aggressive Art. Er hat gegen eine andersartige, eingewurzelte Lebensgestaltung sich freie Bahn erst zu schaffen, er hat einen harten Kampf zu führen gegen alles, was die Natur überschreiten möchte, dabei viel Irrung und Wahn erzeugt und zugleich die Wirklichkeit auseinanderreißt. So taten es nach seiner Meinung die Religion, die Metaphysik und alle auf sie gestützte Moral; demnach gilt es diese mit allem, was an ihnen hängt, aufs gründlichste auszurotten. Es gilt ein unablässiges Zurückweisen der Versuche des Subjekts, sich von der Umgebung loszureißen und in freischwebender Phantasie eigene Wege zu gehen. Die strenge Bindung des Lebens an den Tatbestand der Natur erscheint hier als eine Wendung zur Wahrhaftigkeit und zugleich zur Kräftigung des Lebens. Zugleich aber erscheint sie als eine Wendung zur Freiheit. Denn jene erdichteten Bildungen üben vielfachen Druck auf den Menschen, und ihre Satzungen verwehren ihm oft, seine Kräfte voll auszunutzen; das kann anders werden, wenn die Natur sich ohne Schranke entfalten darf, wenn keine religiösen oder moralischen Vorurteile das Leben beengen und hemmen. So fühlt das Leben, das hier entsteht, sich auf Wahrheit und Freiheit gerichtet. Weiter ist ihm eigentümlich eine sinnliche Nähe und unmittelbare Anschaulichkeit, die Gewißheit, auf festem Boden zu stehen und seiner Umgebung eng verbunden zu sein; daraus quillt ein stolzes Kraftgefühl und eine rastlose Bewegung. Dies Leben scheint in sich selbst so viel Spannung und Leistung zu tragen, daß es ohne Schmerz auf ein Jenseits völlig verzichten kann.

Was sich daraus für das Geistesleben an eigentümlichen Folgen ergibt, das erstreckt seine Wirkung in alle einzelnen Gebiete, in Kunst und Wissenschaft, in Erziehung und Bildung, in gesellschaftliches und staatliches Leben hinein. Überall gilt es die sinnlichen und materiellen Faktoren voll zur Wirkung zu bringen und das Leben dadurch zu sättigen, es hat in engem Zusammenhang mit der Weltumgebung zu bleiben, nie in Ablösung davon ins Dunkle und Falsche zu geraten. Das Erkennen scheint dabei leicht den Weg zum Handeln zu finden. Wie die moderne Naturwissenschaft mit der Wendung zur Technik dem Menschen weit mehr Macht über die Welt verliehen hat, so steigert auch im menschlichen Zusammensein das Ausgehen von dem, was nahe liegt, deutlich übersehbar und sinnlich greifbar ist, unser Vermögen zu handeln und läßt uns ein stetiges Vordringen der Vernunft gegen die Unvernunft erwarten.

Wie gewaltig diese Lebensbewegung gewirkt, und wie sehr sie das menschliche Dasein verändert hat, steht sonnenklar vor Augen; zweifellos sind hier nicht bloß subjektive Meinungen und Wünsche im Spiel, sondern es entsprang ein starker Strom von Tatsächlichkeit, der auch die Überzeugungen leicht mit sich fortreißt. Ein neuer Tag scheint aufzusteigen, gegenüber dessen Licht alles Frühere zur toten Vergangenheit wird.

Und doch, wie viel Widerstand erhebt sich dagegen, wenn dies allein das ganze Leben sein soll, und wenn es den Anspruch erhebt, unserem Dasein einen Sinn und Wert zu geben! Es kommt aber der Widerstand nicht nur von außen her, sondern auch aus dem eigenen Innern des neu entwickelten Lebens. Es führt den Menschen zur Natur zurück, aber es tut das durch geistige Arbeit, und diese Arbeit stellt das Leben ganz anders dar und entwickelt an ihm ganz andere Kräfte, auch ganz andere Forderungen, als einem bloßen Naturwesen möglich wären. Jene geistige Arbeit erfolgt vornehmlich vom Denken aus, und, wie wir sahen, aus einem Verlangen nach Wahrheit; in seinem Denken aber stellt der Mensch sich der Natur gegenüber, faßt sie in ein Ganzes und erwägt sein Verhältnis zu ihr; wer das tut, der ist mehr als Natur, mehr als ein bloßes Stück ihres seelenlosen Mechanismus. Wie aber das Denken über alles Einzelne hinaus auf ein Ganzes geht, so stellt es vor den sinnlichen Eindruck eine geistige Tätigkeit, und diese verwandelt alles, was von draußen dargeboten wird; ist nicht die Welt des Forschers mit der Umsetzung der Natur in Kräfte, Beziehungen und Gesetze etwas völlig anderes als die von den Sinnen übermittelte Welt? Das Denken besteht auf Gründen, es möchte alles, was es ergreift, in ursprüngliches Leben verwandeln, die bloße Tatsächlichkeit wird ihm zu einer starren Schranke und zu unerträglicher Hemmung. So verbietet das Denken selbst durch sein Bestehen und Wirken, daß die ganze Wirklichkeit auf sinnliches Dasein zurückgeführt wird.

Wie hier ein konsequenter Naturalismus seine eigene Grundlage zerstören müßte, so verfolgt dieser überhaupt seine Verneinungen nur bis zu einem gewissen Punkt, um sie dann aufzugeben und sich unbedenklich durch Größen und Güter zu ergänzen, welche aus einem andersartigen, von ihm selbst verworfenen Leben stammen. Er will keine Weltanschauung, die das Gebiet der Erfahrung überschreitet; daß aber nun und nimmer die gebundene sinnliche Empfindung, sondern nur ein überlegenes Denken die Erfahrung selbst in ein Ganzes fassen und zu einer Weltanschauung ausbauen kann, das läßt er unbeachtet; er will die Moral nicht religiös oder philosophisch begründen und sieht nicht, daß eine Zurückführung des ganzen Lebens auf bloße Naturtriebe alle und jede Moral zerstört, daß auch, wo alle innere Einheit fehlt, Größen wie Überzeugung und Gesinnung, Persönlichkeit und Charakter durchaus unmöglich werden; er gründet das Leben auf die Arbeit der Wissenschaft und möchte den Begriff der Wahrheit dabei verschärfen; wie aber kann es Wissenschaft und Wahrheit geben, wenn lediglich einzelne Individuen mit ihren verschiedenen und unaufhörlich wechselnden Vorstellungen nebeneinander stehen? Oder soll der Durchschnitt der Meinungen, den das menschliche Zusammenleben hervorbringt, als echte Wahrheit gelten? Solches Verfahren des Naturalismus ist aber nicht nur eine Inkonsequenz des Denkens, sondern es schädigt unvermeidlich auch den Bestand des Lebens. Wie könnten Größen, die versteckt und erborgt im Hintergrunde stehen, sich klar und kräftig entfalten, wie könnten sie eine starke Bewegung erzeugen?

Mag daher der Naturalismus das Leben nach außen hin fördern, innerlich läßt er es völlig stocken; die dadurch bewirkte Leere und Sinnlosigkeit muß unerträglich werden, sobald die Frage aufs Ganze gestellt wird; dies aber kann der Kulturmensch nicht lassen, er kann es um so weniger lassen, je mehr er an geistiger Arbeit teilnimmt. Was macht der Naturalismus aus dem Leben als einem Ganzen? Mit der Preisgebung aller auszeichnenden geistigen Art sinkt die Menschheit zu winziger Kleinheit herab, und ihr Tun und Ergehen hat keinen Wert über den eigenen Zustand hinaus; wie aber die Menschheit gegenüber dem All vereinsamt, so vereinsamt auch innerhalb ihrer der eine gegen den andern. Denn wo die ganze Wirklichkeit in einzelne Atome zerfallt, da entfällt alle innere Gemeinschaft, alle echte Teilnahme und Liebe, da entschwindet auch alles gegenseitige Verständnis von Seele zu Seele. So steht der Einzelne völlig allein im unermeßlichen All. Alles Tun ist hier daraufgerichtet, das physische Dasein zu erhalten, die natürliche Kraft zu steigern und daraus Lust zu schöpfen. Aber lohnt, was dabei im günstigsten Falle herauskommt, die unermeßliche Sorge und Mühe, die Aufregung und die Aufopferung, die das Leben immer mehr von dem Kulturmenschen fordert? So viel Verwicklung und Umständlichkeit in Erziehung und Bildung, in staatlicher Ordnung und sozialem Aufbau, und das alles nur, damit wir schließlich genau dasselbe erreichen, was das Tier so viel leichter erreicht! Fürwahr, käme die ganze Weltbewegung darauf hinaus, daß wir auf immer mühsameren Wegen nur dasselbe Ziel zu erstreben hätten wie der niedrigste Organismus, brächte sie gar nichts wesentlich Neues, so würde sie eher einen Rückschritt als einen Fortschritt bedeuten, so würde die ganze Menschengeschichte mit ihrem Erzeugen neuer Güter und ihrem Unternehmen, der Natur ein Reich der Kultur entgegenzuhalten, eine schmähliche Verirrung.

Auch darin enthält diese Lebensgestaltung einen unerträglichen Widerspruch, daß sie uns nicht verhindern kann, von einem Ich zu reden, unser Tun als eigenes zu erleben und uns verantwortlich dafür zu fühlen, und daß sie uns zugleich anzuerkennen zwingt, daß nicht das mindeste von jenem in Wahrheit uns zugehört, daß wir nirgends handeln, nichts ursprünglich hervorbringen können, sondern daß lediglich an der Stelle, die wir unser nennen, etwas vorgeht, etwas zusammenschießt, das wir nur nach Art von körperlichen Zuständen betrachten, nicht aber irgendwie ändern können. Das wäre leidlich zu ertragen, wenn die uns zugewiesene Lebensrolle lauter liebenswürdige Züge trüge und ein harmonisches Ganzes bildete; wäre es aber anders und müßten wir eine Natur mit uns weiterschleppen, die uns selber arg mißfällt, so wären wir in einer verzweifelten Lage, gefesselt an ein dunkles Geschick.

Die Starrheit und Leere dieser Lebensordnung mag so lange nicht empfunden werden, als jene mit ihrer Aufklärung sich gegen andersartige Mächte erst aufzuarbeiten hat und dabei in härteste Kämpfe gerät; der Affekt, der daraus hervorgeht, mag das Ganze erwärmen und scheinbar beseelen. Aber nehmen wir an, jene Aufklärung habe ihr Werk getan und den Menschen gelehrt, sich lediglich als ein Stück der Natur zu fühlen, was bleibt ihm dann noch zu tun, ja wie kann er dann noch von Zielen und Aufgaben reden, er, der nunmehr ganz und gar ein bloßer Durchgangspunkt eines seelenlosen Prozesses geworden ist, eines Prozesses, der bei der Vergänglichkeit alles höherentwickelten Lebens auf den einzelnen Weltkörpern schließlich selbst untergehen muß? Ein Aufbauen und Zerstören, ein Werden und Vergehen, ein wilder Lebensdrang ohne den geringsten Ertrag; muß ein Wesen, das nun einmal nicht in die jeweilige Lage und den bloßen Augenblick aufgeht, das ein Überdenken des Ganzen nicht lassen kann, das wägen und messen muß, nicht notwendig bei solcher Erkenntnis völliger Verzweiflung verfallen?

Die naturalistische Lebensordnung hat mit Recht dem engen Zusammenhang des Menschen mit der Natur zu seinem Recht verholfen. Aber das Recht verwandelt sich in Unrecht und der Gewinn des Lebens in Verlust, wenn sie das Leben an jene Stufe bindet, ihm alles Weiterstreben versagt. Im Grunde kann der Naturalismus ein Lebensganzes nur werden innerhalb der geistigen Atmosphäre, welche die weltgeschichtliche Arbeit unter steter Erhebung über die Natur gebildet hat; unvermerkt werden in ihr seine Größen ergänzt, verwandelt und umgebogen. Je mehr der Naturalismus sich solcher Ergänzung entzieht, je mehr er mit eigenen Mitteln das ganze Leben bestreiten will, desto merklicher müssen seine Schranken werden, desto haltloser wird seine eigene Grundlage, desto mehr muß der scheinbare Sieg sich in eine Niederlage verwandeln. So wäre dem Verlauf dieser Bewegung getrost entgegenzusehen, wenn wir ganz in kühle Beobachtung aufgehen könnten und nicht die ungeheure Erschütterung und Verarmung teilen müßten, womit sie das Leben der Menschheit bedroht.


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