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Die älteren Lebensordnungen

Die religiöse Lebensordnung

Von den verschiedenen Lebensordnungen, die den Menschen der Gegenwart umwerben, übt den stärksten Einfluß noch immer die auf die Religion gegründete. Sie macht zum Grundverhältnis des Lebens das zu einem weltüberlegenen Geiste, der zugleich die Welt beherrscht und durchwaltet; das Christentum bestimmt diese weltbeherrschende Macht näher als vollkommenes sittliches Wesen, als den Geist der Gerechtigkeit und der Güte. Die religiöse Lebensordnung macht die Religion zum Hauptinhalt des Lebens und zum Quell einer eigentümlichen Gedankenwelt; es entsprang eine solche Wendung aus schweren Erschütterungen des menschlichen Daseins, sie erfolgte in Zeiten, welche den Menschen seine Ohnmacht wie die Nichtigkeit des gewöhnlichen Lebens schmerzlich empfinden ließen und ihn zugleich mit tiefer Sehnsucht nach einem neuen Leben erfüllten. So geschah es in unserem westlichen Kulturkreise während der Jahrhunderte, aus deren stürmischen Bewegungen das Christentum schließlich als Sieger hervorging; die leidenschaftliche Glut des Verlangens nach Religion hat sich später gemildert und geklärt, zugleich ist nach und nach ein religiöses Lebenssystem gebildet, das durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch mächtig bis in die Gegenwart wirkt und seinen Anspruch noch heute festhält.

In diesem religiösen System ist das Leben auf ein einziges Ziel, auf das Verhältnis zum vollkommenen Geist konzentriert, alle übrige Betätigung hat nur durch die Richtung darauf und die Leistung dafür einen Wert. Mit solcher straffen Konzentration verbindet sich eng die Ausbildung einer rein bei sich selbst befindlichen, aller Verwicklung der Welt überlegenen Innerlichkeit; diese Innerlichkeit befreit vom Druck des äußeren Erfolges und findet ihr Hauptwerk in sich selbst, sie schafft ein gegenseitiges Verständnis der Menschen von Seele zu Seele, ein volles Miteinanderfühlen und Miteinanderleben, von dem gemeinsamen Grunde her schließt sie die Menschen enger zusammen, als es irgendwie anders geschieht. Es ruht dies Leben der Religion auf unendlicher göttlicher Liebe, aber zur Liebe gesellt sich die Heiligkeit einer sittlichen Ordnung und gibt dem Leben bei aller Innigkeit einen unermeßlichen Ernst.

In diesem Zusammenhange durfte der Mensch von sich und seinem Leben aufs höchste denken. Als Ebenbild Gottes stand er im Mittelpunkte der Wirklichkeit, um ihn kreiste das All, sein Tun und Lassen entschied über das Schicksal des Ganzen, entschied darüber für alle Ewigkeit. Der einzelne war ein Glied eines Reiches Gottes auf Erden, und er hatte die Ziele des Ganzen willfährig aufzunehmen, aber zugleich bildete er einen eigenen Kreis und wurde als ein Selbstzweck behandelt; zur Vollendung des Ganzen, dem gar kein Glied fehlen durfte, gehörte auch seine Entscheidung.

Diesem Leben fehlte es nicht an Sorgen, Nöten und Schmerzen, die Höhe der Forderung und die schroffen Konflikte des menschlichen Kreises verhinderten alles Behagen und alles gewöhnliche Glück. Ja, das Gewicht von Leid und Schuld schien hier zunächst eher größer als kleiner zu werden. Aber die Grunderfahrung der Religion, die Befreiung von drückender Schuld und die Schöpfung eines neuen Lebens, hob den Menschen über den ganzen Bereich von Kampf und Elend hinaus; die durch Liebe und Gnade bewirkte Einigung mit Gott gab ihm teil an dessen Vollkommenheit und an überschwänglicher Seligkeit. Mochte der Widerstand einer fremdartigen Welt verbleiben, mochte die Eröffnung des neuen Lebens seine Wucht erst vollauf empfinden lassen, in Zweifel versetzen und das Streben lähmen konnte er nicht. Es war bei der Größe seiner Aufgaben kein leichtes Leben, das hier entstand, aber es war ein Leben voller Bewegung und in sicheren Zusammenhängen, es war kein vergebliches Leben.

So hat die religiöse Lebensordnung weite Kreise der Menschheit lange Jahrhunderte hindurch beherrscht, sie hat Individuen und Völker fest zusammengehalten, sie hat unzähligen Seelen sowohl eine kräftige Aufrüttelung als seligen Frieden gebracht. Indem hier göttliches Leben in den Kreis des Menschen eintritt und eine neue Welt im Bereich der alten schafft, entstehen schroffe Kontraste und wird das zwischen ihnen befindliche Leben des Menschen aus aller Ruhe herausgerissen. Das Göttliche zugleich in weltüberlegener Hoheit und in unmittelbarer seelischer Nähe, der Mensch unsäglich klein und doch zur Wesenseinheit mit Gott berufen, Liebe und Ehrfurcht, Milde und Ernst eng miteinander verbunden, tiefes Dunkel und helles Licht, Elend und Seligkeit einander steigernd, in dem allen eine dramatische Spannung und eine unablässige Bewegung, die allererst der Seele eine wahrhaftige Geschichte verleiht und diese Geschichte zum Mittelpunkt aller Wirklichkeit macht; durch alles hindurch eine überwältigende Sehnsucht nach Liebe und nach Ewigkeit, ein Leben, das in Glauben und Hoffen alle Gegenwart weit überfliegt, das sich aber dem tiefsten Grunde nach in einer Welt göttlicher Wahrheit sicher geborgen weiß. Eine solche Tiefe und Innigkeit hat das Leben an keiner anderen Stelle erreicht.

Und doch liegt ein Widerspruch gegen dies Leben, namentlich gegen seine Ausschließlichkeit nahe. Das Ganze war in einem Gegensatz und Bruch mit der nächsten Welt entstanden, in einer Zeit, wo die Menschheit durch trübe Erfahrung den Glauben an sich selbst und ihr Vermögen verloren hatte und keine würdigen Ziele im nächsten Dasein fand, wo nur die Wendung zu einer neuen Welt sie vor geistiger Verödung und Vernichtung behüten zu können schien. So wurde jene Welt mit Hingebung der ganzen Seele ergriffen und eine völlige Umkehr des Daseins vollzogen, die Welt des Glaubens ward zur geistigen Heimat, die sichtbare Welt sank zur Fremde herab. Das konnte nur so lange unbestritten bleiben, als jenes Verlangen nach einer neuen Welt eine überwältigende Kraft behielt, es mußte ins Wanken geraten, als mit dem Aufstieg der Neuzeit die Menschheit sich wieder zu freudigem Selbstvertrauen erhob und zugleich ihr die nächste Welt eine frische Anziehungskraft gewann; nun wandte sich Streben und Arbeit wieder mehr der Umgebung zu, nun schien das Leben sein höchstes Ziel in ihrer Unterwerfung und der Steigerung der Kraft dadurch zu finden, nun wurde mehr und mehr diese Welt dem Menschen auch geistig zur Heimat. Indem nunmehr die Aufgaben der Weltarbeit mit ihrer bunten Fülle und ihren berauschenden Erfolgen die Sorge um den Stand der Seele vergessen machen, verschiebt sich ganz und gar die Lage der Religion, aus dem Mittelpunkte des Lebens wird sie mehr und mehr in seinen Umkreis gedrängt und begegnet dabei wachsendem Widerstände, den nur eine kleinliche Denkart vornehmlich dem Eigenwillen und Unglauben bloßer Individuen aufbürden kann. Bedenken gegen den Lehrgehalt der Religion gingen dabei voran, sie beriefen sich namentlich auf die völlige Veränderung des Bildes von der Natur und der Geschichte, welche die Neuzeit vollzogen hat. Aber diese Bedenken hätten sich ertragen oder zurückschieben lassen, wären dem Leben der alte Kern und der alte Glaube unvermindert geblieben; der Widerspruch der Umgebung hätte die trotzige Selbstbewußtheit des Glaubens dann sogar noch steigern können (credo quia absurdum). Gefährlich machte jene Angriffe nur die innere Schwäche der Religion, das Verblassen ihrer Grunderfahrungen, die Wandlung des Lebensgefühles der Menschheit. Bei so veränderter Lage kam voll zur Wirkung sowohl, was von alters her der Religion widersprach, als was die moderne Kultur ihr entgegenhielt; alle Zweifel und alle Bedenken fanden nun ein bereites Gehör. Zunächst geht der Angriff auf einzelne Seiten und einzelne Ansprüche der Religion, bald aber wendet er sich gegen ihr Ganzes und zugleich gegen alle Möglichkeit einer religiösen Lebensordnung. Diese wird als viel zu eng verworfen und ihr eine Ausbildung aller Kräfte, eine Entwicklung universaler Kultur entgegengestellt; sodann erscheint die Spaltung der Wirklichkeit in zwei Reiche als eine schwere Verirrung, und es dünkt eine Verkehrtheit, aus dem Leben eine bloße Vorbereitung eines kommenden Daseins zu machen. Schließlich wird diesem Gedankengange die ganze Religion ein Erzeugnis menschlicher Einbildung, ihr Reich ein Gewebe bloßer Illusionen, ein Reich der Schatten und Träume. Gewiß findet solche Verneinung kräftigen Widerstand, und das Recht, wenn nicht der religiösen Lebensordnung, so doch der Religion, wird von vielen eifrig verfochten. Aber das unaufhörliche Umsichgreifen jener Verneinung zeigt unwidersprechlich, daß weite Kreise der Gegenwart sich in die treibenden Kräfte der Religion nicht mehr zu versetzen vermögen, daß sie und ihre Welt ihnen innerlich fremd, ja unverständlich geworden ist. Auch ist nicht zu verkennen, daß die Verfechtung der Religion sich stark zersplittert und nicht zu vereinter Wirkung gelangt. Was an Verlangen und Sehnen sich regt, das wird nicht körperhaft genug, um den Gegner siegreich zurückzudrängen. So in einen Kampf um ihr eignes Recht verwickelt, kann die Religion dem Menschen nicht mehr einen festen Halt gewähren, nicht mehr seinem Leben beherrschende Ziele stecken. Denn wie kann eine sichere Antwort geben, was selbst zur Frage geworden ist?

Die Lebensordnung des immanenten Idealismus

Den Verwicklungen der Religion entrinnen zu können, ohne die Tiefe des Lebens zu mindern, glaubt ein der Welt zugewandter Idealismus, ein immanenter Idealismus, der mit seiner Entfaltung einer Geisteskultur seit Jahrtausenden die Religion begleitet, meist zu freundlicher Ergänzung, bisweilen in harter Bekämpfung. Auch er stellt das Leben vornehmlich in eine unsichtbare Welt, aber er versteht diese nicht als ein neben dem sinnlichen Dasein befindliches und von ihm abgelöstes Reich, sondern als seinen tragenden Grund, seine Tiefe und Seele; daß das All eine solche, dem äußeren Auge verborgene Tiefe besitze, daß es in ihr ein Ganzes bilde und ein inneres Leben führe, das ist eine Überzeugung, mit der diese Lebensordnung steht und fällt. Den Menschen verbindet die Idealkultur eng mit dem All, aber zugleich gewährt sie ihm ein eigentümliches Werk und eine ausgezeichnete Stellung. Denn die Welt unter ihm scheint ihr Leben bewußtlos und gebunden zu führen, und die das Ganze tragende Kraft wird hier nicht zum Erlebnis der einzelnen Stelle; dies aber geschieht beim Menschen, der den Gedanken des Ganzen denkt und dieses damit zu eigenem Besitze macht, so erhebt sich bei ihm zuerst die Welt zur Klarheit und Freiheit. Das geschieht aber nicht ohne sein eigenes Entscheiden und Ergreifen, sein eigenes Wirken und Schaffen; an dieser besonderen Stelle liegt der Fortschritt der Welt bei ihm, und darf sein Tun den Stand des Ganzen zu fördern hoffen.

Diese Lebensordnung bewegt sich vornehmlich um den Gegensatz von Innerem und Äußerem, von unsichtbarer und sichtbarer Welt. Das Innere, der eigentliche Träger des Lebens, hat das Äußere zu ergreifen und zu beseelen, zugleich aber selbst von mattem Umriß zu voller Durchbildung vorzudringen. So entsteht ein geistiges Schaffen, das, getragen von einer Weltvernunft, gegenüber der bewußtlosen Natur und dem sinnlosen Alltagsleben ein wesentlich neues Leben weckt, ein Reich des Geistes, das mit seinem Wahren, Guten und Schönen den Menschen eine innere Gemeinschaft mit der großen Welt gewinnen und ihre ganze Fülle und Herrlichkeit mitleben läßt. Ein solches Leben bedarf keines außer ihm liegenden Lohnes, es dient nicht anderen Zwecken, sondern es findet seinen Sinn in der eigenen Entfaltung und seine Freude in dem Anschauen seiner selbst, sein Wirken kehrt zu sich selbst zurück und gewinnt zugleich freudige Ruhe.

Die Hauptträger dieses Lebens werden Kunst und Wissenschaft, beide in dem hohen Sinne verstanden, daß sie uns in das Reich der schaffenden Gründe versetzen und uns die Tiefe der Welt eröffnen. Überall sind sie beflissen, das Dunkle zu klären, das Starre zu mildern, das Zerstreute zu verbinden, die Gegensätze auszugleichen, das Ganze zu seelenvoller Harmonie zu bilden und ein Schönes, das durch sich selbst gefällt, aller bloßen Nützlichkeit entgegenzuhalten. Das ergibt eine Lebensgestaltung, die von der religiösen merklich abweicht. Die Religion ist mehr auf die Schärfung, die Idealkultur auf die Aussöhnung der Gegensätze bedacht; jene konzentriert das Leben möglichst auf einen einzigen Punkt, diese gibt ihm möglichste Weite und Breite; jene stellt die Gesinnung voran, diese fordert ein kräftiges Schaffen; jene sieht mehr Schwäche und Nichtigkeit, diese mehr Kraft und Größe am Menschen, freilich am Menschen, der sich dem Weltall verbindet und aus ihm sein Leben schöpft; jene findet den Weg zur Lebensbejahung erst: durch schwere Erschütterung und harte Verneinung hindurch, diese glaubt in kühnem Aufschwung sie sofort vollziehen zu können. Vielleicht enthält dieser Gegensatz nur verschiedene Seiten oder Stufen eines weiteren Lebens, die einander ergänzen müssen, zunächst aber sehen wir nicht den Punkt der Vereinigung.

Der immanente Idealismus kam zu besonders glänzender Entfaltung auf der Höhe des griechischen Lebens, er hat sich seitdem als ein selbständiger Strom erhalten und immer von neuem verstärkt, er spricht zu uns in nächster Nähe aus dem Lebenswerk Goethes, er ist ein wesentliches Stück des geistigen Besitztums der Menschheit.

Aber mit dem Anspruch, das Leben zu führen und ihm seinen Sinn zu geben, ist es dem immanenten Idealismus nicht anders ergangen als der Religion: die Grundlage wurde erschüttert, das Grunderlebnis verdunkelt und abgeschwächt; so erhielten feindliche Mächte die Oberhand und vertrieben diese Lebensgestaltung aus dem Mittelpunkte des Daseins. Daß die Wirklichkeit eine Tiefe habe, und daß der Mensch bei voller Aufbietung seiner Kraft zu dieser Tiefe durchdringen könne, das ist dem Durchschnitt der Zeit nicht minder zweifelhaft geworden als die Grundwahrheiten der Religion. Der immanente Idealismus war stets in Gefahr und Mühe, seine eigene Behauptung zu wahren. Zu lebenserfüllendem Schaffen kam er nur in besonderen Zeiten, nur an festlichen Tagen der Menschheit, wo eine Gunst des Geschickes mit großen Aufgaben des weltgeschichtlichen Lebens große Persönlichkeiten zusammenführte; einem Hochflug des Schaffens wurde hier die unsichtbare Welt zu allergewissester Nähe und zum sicheren Standort des Lebens, hier konnte sie alle Kraft des Menschen gewinnen und ihm zu eigenem Wesen werden. Aber jene heroischen Zeiten verstreichen, und der Alltag übt sein Recht, die Spannung des Lebens sinkt und zugleich die Widerstandskraft gegen alles Dunkle und Fremde; die Starrheit der Außenwelt, der niedrige Stand des menschlichen Durchschnitts, die Selbstsucht und Scheinhaftigkeit des gesellschaftlichen Treibens gewinnen die Oberhand und lassen jene Idealkultur mit ihrer Beseelung und Veredlung des Daseins als ein bloßes Nebending, als eine Begleitung und Umsäumung eines andersartigen Lebens erscheinen.

Wenn mit solcher Wendung die Idealkultur aus eigener Betätigung und Erfahrung ein bloßes Aneignen, Fortführen, Genießen überkommener Schätze wird, so verflacht das geistige Schaffen unvermeidlich zu bloßer Bildung; auch eine solche hat einen Wert, aber sie regt nicht die Tiefen des Lebens auf, sie wird leicht eine Sache bequemen Genusses, ein gefälliger Aufputz, der die großen Probleme des menschlichen Daseins verbirgt. Auch pflegt zu ihr weniger ein eigenes Verlangen als der Gedanke an die Umgebung, das Geltenwollen im gesellschaftlichen Zusammensein zu treiben, der Schein überwiegt hier leicht das Sein, eine Unwahrhaftigkeit ist nicht zu verkennen. Alles in allem erscheint die Bildung als ein Leben aus zweiter Hand, ein solches aber kann nicht unserem Dasein einen Sinn und Wert verleihen.

Was immer in solcher Wendung an Verwicklungen angelegt ist, das wird weiter verstärkt durch die eigentümliche Lage der Gegenwart. Zunächst wirkt die Erschütterung der Religion auch zu einer Schwächung des immanenten Idealismus. Denn seine Überzeugung von einer Tiefe des Alls und dem Wirken einer unsichtbaren Welt hat in der Menschheit Boden gewonnen nur im Anschluß an die Religion und ihren Bruch mit dem sichtbaren Dasein; fällt dies weg oder wird es geschwächt, so verliert auch die Idealkultur ihre sichere Stellung im Leben, so wird sie aus seiner Tiefe mehr und mehr zur Oberfläche gedrängt. An einer Schwächung der Religion läßt sich aber heute nicht wohl zweifeln. Sodann aber hat in der Neuzeit die Außenwelt eine Selbständigkeit gewonnen wie nie zuvor, und es hat ihr die Arbeit der Wissenschaft immer mehr alles Seelenleben ausgetrieben, zugleich eröffnet sie uns eine überströmende Fülle von Aufgaben, welche die Kraft des Menschen anziehen und fesseln; diese Welt mit ihrer Unermeßlichkeit von innen her zu bezwingen und einem unsichtbaren Leben zu unterwerfen, das wird uns immer mehr unmöglich. Auch das wirkt nach dieser Richtung, daß die moderne Forschung die Besonderheit und die Gebundenheit des menschlichen Lebens und Strebens stark hervorkehrt; es scheint ihr in enge Schranken gebannt und dadurch von einem Teilhaben am Leben des Alls unbedingt ausgeschlossen. Endlich zerstört die Entwicklung des modernen Subjekts die überkommenen Zusammenhänge und stellt den Menschen der Welt wie fremd gegenüber; wie soll eine solche Lage zu geistigem Schaffen führen, das uns die Welt unterwirft und uns aus ihrer Tiefe unser Leben führen läßt?

So ist die Lebensordnung des immanenten Idealismus mit ihrer hohen Kunst und Wissenschaft heute nicht weniger erschüttert als die der Religion, die Erschütterung wird nur deshalb weniger verspürt, weil sie nicht sowohl durch einen direkten Angriff als durch ein allmähliches Ermatten und Verblassen erfolgt. Wie der immanente Idealismus nicht die Kühnheit der Religion besitzt, so entzündet der Streit um ihn auch nicht so gewaltige Leidenschaft. Aber hier wie da kommen wir zum selben Endergebnis: Lebensmächte, welche Jahrtausende lang die Menschheit führten, ihrem Leben ein Ziel vorhielten und ihm dadurch einen Sinn verliehen, haben eine feste Wurzel im Bewußtsein des gegenwärtigen Menschen verloren, sie erhalten sich mehr durch träge Gewohnheit als durch eigene Betätigung. Nur die Verstrickung in die Geschäfte des Alltags und die überwiegende Befassung mit Einzelheiten läßt uns übersehen oder doch nur matt empfinden, wie Ungeheures bei uns vorgeht. Oder ist es nicht etwas Ungeheures, wenn die Ziele und Güter, an deren Erringung Jahrtausende ihre beste Kraft gesetzt und für die sie unsägliche Opfer gebracht haben, nunmehr als Illusionen erscheinen, wenn die alten Götter für Götzen erklärt werden, wenn der bisherige Hauptzug des menschlichen Strebens als Irrung und Wahn befunden wird? Wir müßten diese Umwälzung anerkennen, wenn das Gebot der Wahrheit sie forderte; aber nur flachste Gesinnung kann leicht und vergnüglich mit allem brechen, was bisher als heilig galt, kann übersehen, daß die Erkenntnis eines so völligen langen Irregehens allen Glauben des Menschen an sein Vermögen zur Wahrheit erschüttern muß.


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