Nataly von Eschstruth
Hofluft
Nataly von Eschstruth

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VII.

Es war ein kalter, stürmischer Novemberabend, als die Equipage des Fürsten Sobolefskoi durch die Parkanlagen nach einem der Vorstadtviertel der Residenz hinaussauste.

Wunderliche Stimmen klangen durch Wind und rauschende Baumwipfel, und die in einen Pelz gehüllte Gestalt des Russen drückte sich fester in die Wagenecke und starrte mit gläsernem Blick in den wirren Schattentanz hinaus. Es war eine frostige Fahrt. Daniels Zähne schlugen zusammen und wie Fieberschauer schüttelte es seine Glieder, dennoch hatte er das Gefühl, als steige heiße Glut von seinem Herzen empor in Stirn und Schläfen. Es hämmerte und zuckte darin und schoß jählings zurück, seine Brust wie mit knöchernen Fingern im Krampf zu fassen.

Vielleicht fuhr er zu einem Schwerkranken, vielleicht zu einem Sterbenden. Nicht zum erstenmal legte er einen solchen Weg zurück; in Italien und Paris war sein Platz lange Wochen hindurch bei Sarg und Totenbett gewesen, und seine Hand hatte sich kühl und friedlich auf brechende Augen gelegt, und seine Lippen konnten beten. Heute zitterte er selber wie ein Schwerkranker, und die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm alle Leidenschaft seiner gefolterten Seele aufrührten, waren keine Gebete, sondern ein Trotzen, Frohlocken und lästerliches Anrufen der Gerechtigkeit, endlich ihrem Stiefkind sein wohlverdientes Glücksteil auszuzahlen. – Zwei dunkle Mädchenaugen hatten ihn zum willenlosen Werkzeug gemacht und ihn hierher auf diesen Weg gedrängt. Unter ihrem Einfluß und dem seines guten Engels war er geschieden, und nun schlug die Nacht ihre düsteren Fittiche um ihn, und in den Lüften lebte und webte es wie Höllenspuk. Und dann tanzten wieder die Straßen im Flackerschein an ihm vorüber, und die Gasflammen zuckten wie Irrlichter, bis der Wagen mit jähem Ruck auf dem Pflaster hielt.

Der Diener riß die Tür auf, und Daniel stieg mechanisch zur Erde und betrat durch das schlichte Portal das Haus. Schwer atmend stieg er eine Treppe um die andere empor. Ein Bursche stolperte mit einem Eimer voll Eis hinter ihm die Stufen hinauf, und eine Frau tuschelte auf einem der Treppenabsätze mit einem jungen Zivilisten. Sobolefskoi griff an den Hut und schritt vorüber. Die Korridortür stand offen, und aus der nächsten, ebenfalls nur angelehnten Zimmertür hörte man leise Stimmen. Ein Militärarzt verabschiedete sich von Herrn von Flanken. Mit einem gedämpften Laut freudiger Überraschung trat der Premierleutnant der unerwarteren Erscheinung im Türrahmen entgegen, in seiner ungeschickten Weise sich bemühend, lautlos auf den knarrenden Dielen zu gehen.

»Gott sei Lob und Dank, daß Sie kommen, Durchlaucht!« flüsterte er mit kräftigem Händedruck. »Sie schickt ein guter Engel zur rechten Stunde! Haben Sie eine Weile Zeit, können Sie momentan hierbleiben?«

Daniel bejahte hastig, sein Blick flog suchend durch das Zimmer und haftete auf der geöffneten Stubentür. »Ich komme, meine Dienste anzubieten, meine Herren. Nicht als Arzt, dazu bin ich zu lange Zeit aus jeglicher Übung, wohl aber als Freund und Handlanger, wenn man mich als solchen gebrauchen kann.«

»Und ob wir es können!« atmete der Ulan tief auf. »Unser braver Doktor muß noch einem andern Patienten Hilfe bringen, und ich sitze bereits seit zwei Uhr mittags hier auf demselben Fleck, habe in der Aufregung der letzten Stunden Essen und Trinken vergessen, und nun hängt mir der Magen bis in die Stiefel herunter, so daß mir vor Hunger ganz blümerant wird!«

Und das frische Antlitz des Sprechers sah so kläglich zu Fürst Sobolefskoi nieder, daß diesem ganz unfreiwillig ein Lächeln um die Lippen huschte.

»Gehen Sie schnell, bester Flanken, und sorgen Sie, daß wir an Ihnen keinen zweiten Patienten zu pflegen bekommen! Ich bleibe hier und vertrete Sie, so lange Sie es nur irgend verlangen.«

»Um zehn Uhr ist der Krankenpfleger hier, Durchlaucht,« verneigte sich der Arzt. »Wenn Sie bis dahin die große Güte haben wollten, hier auszuhalten –«

»Unsinn! Ich bin um neun bestimmt retour. Mehr als eine Stunde brauche ich nicht, um in der nächsten besten Kneipe zum Futtern zu blasen!«

Daniel hatte den Pelz abgeworfen, »Sind irgendwelche Maßregeln bei dem Kranken zu beobachten?« fragte er, sich der Tür des Nebenzimmers nähernd.

»Momentan nicht; verbindlichsten Dank. Der unglückliche Herr von Altenburg braucht augenblicklich nur Ruhe, viel Ruhe. Der ungeheure Blutverlust hat ihn bis zur Ohnmacht entkräftet.«

»Die Halswunde ist tatsächlich schwer?«

Der Arzt zuckte die Achseln, »So schwer, daß er uns schier unter den Händen verblutete! Das Unglück geschah nur wenige Straßen entfernt von der Wohnung hier, darum standen die beiden Heilgehilfen, die sich glücklicherweise in einem nahen Barbierladen aufhielten, vernünftigerweise von einem Transport in das Hospital ab. Sie legten auch den ersten Notverband recht wacker und geschickt an, und nun, da wir den Verwundeten regelrecht bandagiert haben, ist er, so Gott will, gerettet.«

»Wenn nur kein Fieber kommt,« nickte Flanken sorgenvoll, »und wenn der Verband nur haftet.«

Der Arzt griff nach dem Hut. »Fieber wäre allerdings ein böser Gast, aber gottlob, sind keine Anzeichen dafür da, er atmet ruhig und regelmäßig,« und er trat an Daniels Seite abermals in das Krankenzimmer, um noch einmal von dem Zustand des jungen Offiziers Kenntnis zu nehmen.

Eine leise geführte Unterredung der beiden Mediziner, dieweil Flanken auf dem Flur den Säbel umschnallte, dann instruierte der Militärarzt noch einmal den Burschen, jedem Befehl seiner Durchlaucht Folge zu leisten, und mit kurzem Händedruck verabschiedeten sich die Herren.

Daniel geleitete sie bis zur Treppe, schloß lautlos hinter ihnen die Korridortür und beauftragte den Soldaten, die Schelle abzustellen und auf jegliches Klopfen zu achten, dann trat er langsam in das Zimmer zurück und setzte sich an dem Krankenlager des verhaßten Nebenbuhlers nieder, über dessen Schlaf und Leben zu wachen.

Mechanisch neigte er sich vor, das Antlitz des Kranken mit starrem Blick zu umfassen. Das gedämpfte Licht ließ die Züge Altenburgs geisterbleich erscheinen, so marmorkühl und regungslos, daß Sobolefskoi jählings emporschnellte, das Ohr dicht gegen die Lippen des Verwundeten zu neigen.

Und langsam, die Zähne zusammenbeißend, sank er wieder in den Korbsessel zurück. Nachdenklich streifte sein Blick den Patienten. Wie stand es? Würde er, dessen Antlitz die Spuren rastloser Arbeit und geistiger Anstrengung trug, überdauern, was ihn getroffen? Gerade diese zarten und elend aussehenden Menschen pflegen auf dem Krankenbett die zähesten und widerstandsfähigsten zu sein. Altenburgs Augen sind geschlossen, ein Zug ernster, beinahe energischer Resignation liegt auf den regelmäßig und edel geschnittenen Zügen, und Fürst Sobolefskoi deckt mit leisem Aufstöhnen die Hand über die Brauen; er begreift es, daß Lenas Blick voll Liebe und Entzücken an diesem Antlitz hängen muß, nicht allein um seiner eigenartigen Schönheit,

sondern auch um des Geistes willen, der ihm sein leuchtendes Siegel auf die Stirn gedrückt.

Aber es ist eine Qual, stundenlang sitzen zu müssen, um das Haupt eines Mannes zu schauen, um dessentwillen man an allem Glück zum Bettler geworden.

Daniel wandte sich in aufwallender Erbitterung ab, das Zimmer einer Musterung zu unterziehen, Bücher, nichts als Bücher, Landkarten, Meßgeräte und Zeichnungen, alles einfach, solid und anspruchslos, kein Aschenbecher oder Rauchservice, kein Band aus der Leihbibliothek, keine Vielliebchen, Vasen und Bronzen, keine Photographien aus Zirkus und Operette – nur über dem Bett hing ein kleines Kruzifix und darunter das schlicht umrahmte Bildchen einer schlanken, vornehm blickenden Dame, deren Antlitz eine frappierende Ähnlichkeit mit dem jungen Offizier zeigte: seine Mutter. Daniel zuckte zusammen und neigte sich etwas näher. Auch sie hat dunkle Augen, und weil sie das Haupt etwas gesenkt hält, sieht es aus, als ruhe ihr Blick voll ernster Wehmut auf dem leidenden Sohne.

Und wieder reißt sich Daniel fast ungestüm von diesem Anblick los.

Um sich zu beschäftigen, rekapitulierte er seine Unterredung mit dem Militärarzt über die Art der Verwundung und ihre Behandlung, griff in die Tasche und zog etliche Papierstreifen hervor, die der Doktor von dem Tisch genommen und ihm zur besseren Orientierung gereicht hatte. Es waren ärztliche Verordnungen und Rezepte, die eventuell noch angewandt werden sollten. Langsam entfaltete er die Blätter, las das erste, dann das zweite. Plötzlich stutzte er. Französisch? – Was sollte das bedeuten? »Wie soll ich Ihnen danken, mein Wohltäter, mein edelster Baron, daß Sie mir wieder zwei Mark mehr als mein Stundenhonorar gesandt haben? Ist es nicht schon genug des Erbarmens, daß Sie vier Treppen hoch in einem Hinterhaus emporsteigen, bei einem unglücklichen alten Mann Sprachstudien zu nehmen, wo Ihnen gewiß viele vornehme Lehrer zu Diensten stehen? Gott lohne es Ihnen um meiner armen, armen Claire willen, für die ich nun wieder Medizin und Suppen kaufen kann! Drei Jahre schon gelähmt, ein einundzwanzigjähriges Mädchen, Gott möge sich bald erbarmen! Ach, wäre meine Tochter doch damals bei der Frau Baronin geblieben, anstatt die unselige Heirat zu schließen, das Elend wäre nie gekommen – aber französische Bonne sein – –«

Daniel ließ das erbärmliche Briefblatt, auf dem eine zittrige alte Hand sich mit Schriftzügen abgemüht, wie geistesabwesend sinken uno starrte geradeaus ins Leere. War es denkbar, menschenmöglich? Waren all die leichtfertigen Motive, die er dem jungen Offizier unterlegt hatte, irrig? Scheiterten sie abermals an der stolzen Ehrenhaftigkeit des Freiherrn von Altenburg, der barmherzig durch Wind und Wetter ging, um bei dem Vater seiner ehemaligen französischen Bonne Sprachunterricht zu nehmen? Und Claire –? Der Fürst senkte das Haupt tief auf die Brust und verschlang die Hände krampfhaft über dem knisternden Papier. »Vergebe Gott mir meinen nichtswürdigen Verdacht.«

Minutenlang saß er und blickte regungslos vor sich nieder, dann erhob er sich, schritt lautlos in das Nebenzimmer und rückte das Tintenfaß herzu. Bogen und Kuverts lagen noch auf dem Tisch. Sobolefskoi zog sein Portefeuille und faßte alles, was er an Banknoten darin fand, zusammen. »Für Claire, von einem, der noch elender ist als sie,« schrieb er auf einen Zettel, schloß ihn zu der hohen Geldsumme in einen Umschlag und adressierte diesen an den greisen Schützling des Freiherrn von Altenburg. Zwei Mark hatte Eitel ihm über das Honorar geschickt, wie schwer sanken sie in die Wagschale gegen dieses Kapital!

Die Tür wurde leise geöffnet; der Bursche Altenburgs erschien und sagte: »Der Kammerdiener ist draußen und meldet, daß der Wagen wieder vorgefahren sei.«

Daniel nahm schnell seinen soeben geschlossenen Brief, sah auf die Uhr und trat auf den Korridor. Es war just in der neunten Stunde und die Häuser der Großstadt noch nicht geschlossen, infolgedessen instruierte der Fürst seinen getreuen Alexandrowitsch, in scharfem Tempo sofort nach der H.-Straße zu fahren, diesen Brief im Hinterhaus an seine Adresse abzugeben und ohne ein Wort der Erklärung augenblicklich wieder zu gehen. Die Equipage brauche nicht mehr hierher zu kommen; wenn er nach Hause fahren wolle, seien jederzeit Droschken zu haben. Fräulein Lena von Groppen solle er einen Gruß bestellen und sagen, daß der Freiherr sehr schwer erkrankt, allem Anschein nach aber bereits außer Lebensgefahr sei. Der Fürst übernehme persönlich die Nachtwache.

Als der Diener sich hastig entfernte, trat ihm Herr von Flanken entgegen. Er war wieder vollständig restauriert und ersichtlich guter Laune. In seiner rührenden Gutmütigkeit erbat er sich, bei Altenburg zu wachen, bis der Krankenpfleger käme. Er erzählte mit gedämpfter Stimme noch einmal alle Details des unglücklichen Sturzes und schloß in seiner treuherzigen Weise: »Da habe ich undankbarer Gesell immer behauptet, meine Muskelkraft sei in unserer aufgeklärten Gegenwart ein totes Kapital, und nun habe ich mich überzeugen müssen, daß sie doch noch zu etwas nütze ist! Wie ein Wickelkind habe ich Altenburg in den Armen getragen, und hätten meine starken Hände nicht mit zugegriffen und gehalten, so wäre wohl das Bandagieren auch nicht so schnell gegangen. Na, verzeihen Sie, Durchlaucht, daß ich eine so hohe Meinung von mir bekommen habe – Sie glauben gar nicht, wie stolz es mich macht, daß ich auch mal zu etwas nütze war!«

Daniel drückte ihm lächelnd die Hand, der blonde Riese jedoch, dem nichts so fremd war wie Krankheit, fuhr bedauerlich fort: »Zu schade, daß der arme Kerl da drinnen so fest schlafen muß; wenn er wach wäre, könnten wir so nett einen kleinen Skat zu dreien spielen – zum Zeitvertreib! Rauchen darf ich wohl auch nicht?« –

Nein, zum Krankenwärter hatte Herr von Flanken vorläufig noch nicht das mindeste Talent, darum redete Daniel ihm auch dringend zu, die Sorge für den Patienten allein ihm, dem Arzt, zu überlassen.

»Na, meinetwegen – wenn ich nicht nötig bin, werde ich mich nachher heimwärts schlängeln, aber so lange bleiben Sie noch hier im Korridor, Durchlaucht, damit ich Sie ein bißchen unterhalten kann. – Sagen Sie mal, wie geht es denn Fräulein Jolante?«

»Danke schön, ganz vorzüglich!«

»Erzählen Sie mir doch mal ein wenig von ihr, so interessante kleine Züge, über die man sie persönlich nicht gut ausfragen kann.«

»Ich verstehe nicht,«

»Na, ißt sie zum Beispiel lieber Schokolade oder Marzipan, wenn man zum Beispiel mal eine Bonbonniere schicken wollte?«

Daniel lächelte. »Soviel ich weiß, liebt sie beides.«

Flanken rückte etwas näher und neigte sich vertraulich nieder. »Ich glaube, so ein Elfchen ißt überhaupt nur Bonbons,« flüsterte er, und seine Kinderaugen schauten recht bedenklich drein, »wenn sie sich nun einmal verheiratet, glauben Sie, daß Jolante ihrem Mann dann auch zumutet, lediglich von Konfekt zu leben?«

Sobolefskoi hielt das Taschentuch an die Lippen. »Nein, mein bester Flanken. Wenn Jolante überhaupt heiratet, hat sie ihren Mann sehr lieb, und die Liebe überwindet alles, dem Gatten zu Gefallen sogar die Aversion gegen – Sauerkraut! Und nun leben Sie wohl, mein lieber Premierleutnant, auf baldiges Wiedersehen!«

Flanken fand es hart, daß er sich just von diesem herrlichen Gesprächsthema losreißen sollte, aber an der Tür klopfte der Krankenwärter, und so fügte er sich geduldig, sah noch einmal nach »dem lieben, armen Unglücksraben« und klirrte alsdann wieder die Treppe hinab.

 

Wie endlos lang doch solch eine Nacht im Krankenzimmer ist! – Aus dem Korridor klingen die tiefen Atemzüge des schlafenden Burschen und des Wärters – die Uhr hat soeben die dritte Morgenstunde verkündet, und Daniel Sobolefskoi sitzt allein an dem Lager seines Nebenbuhlers und stützt das Haupt mit den brennenden Augen in die Hand. – Sein Körper ist tief erschöpft, aber seine Seele ist erregter denn je. Zwischen Mitternacht und Hahnenschrei öffnet die Hölle ihre düstern Pforten; dann ziehen die greulichen Unholde ihren Fallstrick um die Füße der Menschen, dann setzt sich das Verbrechen neben den Schlummerlosen und malt ihm wilde Phantasien ins Hirn, dann hocken sich Verrat, Treulosigkeit und Selbstsucht um ihn her und flüstern ihre sündhaften Anschläge in sein Ohr! All die fahlen Geister der Versuchung umklammern ihn und locken und ziehen heran zu ihrem Hexensabbat, und der Geist, der sonst so willige, kann dem Rausch phantastischer Hirngespinste nicht widerstehen, und das Fleisch ist schwach ... Bewahre Gott in Gnaden des Menschen Seele vor solchen Stunden einsamer, grabesstiller Mitternacht. – Daniel Sobolefskoi starrt regungslos auf das bleiche Angesicht in den Kissen, und an den Gedanken, daß Lenas Liebe diesem Manne gehöre, schließen sich in wirbelndem Reigen noch viele andere Gedanken an! Die Eifersucht mit ihrer erbarmungslosen Qual foltert sein Herz, Erbitterung und wildes Rachegelüst wachen mächtig auf, und obwohl Daniel weiß, daß der Schlaf eines Menschen durch scharfes Anschauen gestört wird, sitzt er dennoch weit vorgebeugt und heftet den funkelnden Blick auf das Antlitz seines Feindes. Der Kranke atmet unruhiger, seine Hände zucken auf der Decke.

Wie Frohlocken zieht's durch alle Fasern und Nerven des Mißgestalteten. Allein mit dem Räuber seines Glückes, sein Leben, sein Bestehen in seine Hand gegeben ... wer hindert ihn daran, durch einen einzigen Augenblick die rollende Kugel des Schicksals in andere Bahnen zu schleudern? Niemand sieht's – niemand hört's – keiner kann es beweisen ... nicht im Himmel, nicht auf Erden.

Der Verwundete öffnet stöhnend die Lippen und lallt unverständliche Worte ... sein Arm hebt sich wie abwehrend gegen die stieren Blicke, die auf ihn gerichtet sind, wie die eines Raubtieres auf sein Opfer. – In den farblosen Wangen flackert es rot empor und zeichnet grelle Flecken auf die Backenknochen. –

Das Fieber! – Das Fieber! – – Wie eine Schlange ringelt es sich um die zusammengekauerte Zwerggestalt – er will lachen ... aber die Lippen verzerren sich bloß, und die Zähne blitzen grell auf. – Wer wehrt es ihm, in dieser stillen, dunklen Nacht die Bandagen zu lockern, wer kann ihn hemmen, den dunklen Blutstrom, der für Zeit und Ewigkeit eine Kluft reißt zwischen Lena und ihm? – Ein kurzer schneller Griff, und das Lebensglück Sobolefskois ist gerettet! –

Der Satan schlägt ihm die Krallen in Herz und Hirn, es zieht ihn wie mit teuflischen Gewalten näher und immer näher zu seinem Opfer. Er kniet auf das Bett ... er neigt sich vor – streckt die Hand aus – – Ha! – wie wagt es jenes kleine Bild, ihn plötzlich mit dunklen Augen anzublicken – jenes Bild an der Wand, das den Blick wie magnetisch an sich zieht, das wie zu geisterhafter Größe anwachsend, sich flehend und angstvoll über den Sohn neigt? –

Seine Mutter! – Ein unartikulierter Laut ringt sich gurgelnd aus Daniels Kehle – wie zusammenbrechend in sich selbst schrickt er zurück, er wankt, und seine Hand stützt sich schwer auf die Brust des Kranken. – Wild emporschreckend reißt Altenburg die Augen auf. Die Glut des Fiebers brennt in dem irren Blick, mit dumpfem Schrei der Wut schnellt er empor, packt die fremde Spukgestalt mit beiden Fäusten und will sie erwürgen. –

Ein kurzer, furchtbarer Kampf. – Daniel ringt sich keuchend frei, seine Glieder zittern, wie Fiebergluten schüttelt es ihn. – Altenburg stürzt in die Kissen zurück, und Sobolefskoi bricht auf die Knie zusammen, die gefalteten Hände zum Himmel hebend, mit dem Murmeln der Verzweiflung –: Mutter ... was wollte ich tun! Und dann springt er empor und neigt sich über den Verwundeten, voll Todesangst in seine verglasten Augen zu blicken. Schnell das Fiebermittel ... Doch, allbarmherziger Himmel – was ist das? – Über die weißen Binden des Halses rinnt ein feiner roter Streifen, und das weiße Nachthemd auf der Brust färbt sich mit dunklem Purpur. Regungslos, wie tot, nur ein leises Röcheln auf den Lippen, liegt der Kranke da. –

Daniel taumelt zurück. Ein markerschütternder Schrei gellt durch das Zimmer. Dann stürzt er mit keuchendem Atem in das Nebengemach, wo die ärztlichen Instrumente und Bandagen noch auf dem Tisch ausgebreitet liegen. Der Krankenwärter schrickt empor. – »Zu Hilfe!« schreit Daniel, »der Verband hat sich gelöst!« –

Und dann wagt er sich mit dem Mut der Verzweiflung an das furchtbare Werk. Entweder gelingt es ihm ohne Hilfe, oder der junge Offizier stirbt unter seinen Händen. Entsetzen schüttelt den Fürsten: »Mutter, erbarme dich meiner!« – ringt sich's wie in Todesnot von seinen Lippen, und er beißt die Zähne zusammen und beginnt mit Hilfe des Wärters den Verband abzulösen und die blutende Ader neu zu unterbinden. Von seinem Herzen aus geht es wie kalte Schauer durch seine Glieder, eine wundersame Ruhe überkommt ihn, mit dem Bewußtsein der Gefahr kehrt sein Wissen und Können zurück. – Wohl rinnt der Angstschweiß von seiner Stirn, aber seine Hände arbeiten ruhig und sicher, und wie der furchtbare rote Quell versiegt, wie sich die Linnen fest und sicher darüber legen, da klingt's nur wie ein Schluchzen aus seiner Brust hervor, und als Altenburg wieder still und ruhig auf seinem Schmerzenslager liegt, sein Bursche an dem Bett niederkniet und das Gesicht mit feuchten Augen tief aufatmend in den Händen birgt, wie der Krankenwärter voll leisen Jubels ausruft – »Dem Himmel sei Dank, Herr Doktor – jetzt ist er gerettet!« – da fühlt Daniel plötzlich, wie seine Knie erzittern.

Eine unbezwingliche Schwäche überfällt ihn, blutrote Nebel wallen vor seinen Augen, und er greift tastend um sich. – »Um deinetwillen, Mutter ... um deinetwillen, Lena! Gott sei gelobt!« – murmelt er, und dann sinkt sein Haupt gegen die Sessellehne zurück. Wie himmlische Musik umklingt es ihn, zwei dunkle Augen lächeln ihm zu, und dann umfangen ihn die Schatten tiefer Ohnmacht.

Der Fürst hatte befohlen, daß kein Wort über jene Bewußtlosigkeit, die ihn in dieser Nacht befallen, verlauten solle. Er erholte sich schnell von ihr, nahm etliche Tropfen aus einer kleinen Phiole, die er bei sich führte, und befand sich darauf schnell wieder in einem völlig gekräftigten, beinahe aufgeregt frischen Zustand.

Mit wahrhaft aufopfernder Sorgfalt hütete und pflegte er den Kranken und fuhr am nächsten Morgen erst nach Hause, als er Altenburg der Sorge des Militärarztes anvertrauen konnte. Betroffen blickte der in das Angesicht des Fürsten. Das Tageslicht zeigte eine wunderbare, fast erschreckende Veränderung. Hohl und fieberglänzend starrten die Augen; tiefe Furchen gruben sich in Wange und Stirn, und das Haar deuchte den Beobachter heute viel ergrauter zu sein, als gestern abend. – Das war begreiflich: die qualvolle Aufregung, in der der Fürst sich stundenlang befunden hatte, war groß gewesen, um so mehr, wenn er tatsächlich mit so viel freundschaftlicher Liebe dem Kranken zugetan war, wie es den Anschein hatte. – Der Krankenwärter erzählte, der Fürst habe den Rest der Nacht kniend an dem Bett des Verwundeten verbracht, die Hände wie in tiefster Seelenqual im Gebet ringend. –

Auch am nächsten Tag wich Sobolefskoi kaum von der Seite Eitels. Er drückte dem Erwachenden die Hand und legte die seine wie segnend auf sein Haupt. Oft hielt er sich, wie in jähem Schwindel, an den Möbeln fest oder preßte die Hände mit dem Ausdruck großen physischen Schmerzes gegen die Brust.

Mit einer fast krankhaften Hast und Erregung beschwor er die Ärzte, eine Überführung des Kranken in des Fürsten Wohnung zu ermöglichen. Diese sei vollkommen zweckentsprechend und habe den Vorzug, daß er den Freund stets unter seiner ärztlichen Aufsicht habe. –

Man stellte die Überführung für den zweitnächsten Tag in Aussicht, und Daniel schleppte sich während dieser Zeit pflichtgetreu zu seinem Schutzbefohlenen, um wie ein Vater über ihn zu wachen. –

Und der Tag kam, da Altenburg nach glücklichem Transport unter dem seidenen Baldachin in Sobolefskois größtem und luftigstem Zimmer lag und nach stärkendem Schlaf die Augen öffnete. Da stand Daniel vor ihm und hielt das kleine Bildchen in der Hand, von dem Eitels Mutter mit dunklen Augen ihm zuzulächeln schien. –

»Es soll wieder seinen angestammten Platz erhalten!« sagte er leise mit eigentümlich fremder Stimme. »Als ich das Bild abnahm, fiel mir die Hälfte eines trockenen Kleeblattes entgegen – hier ist sie.«

Dann, nach kurzem Schweigen, fuhr der Fürst fort:

»Ich werde dieses Glückszeichen gut für Sie aufbewahren, denn es hat in der Tat wie ein guter Stern über Ihnen gewacht!«

Leise Röte stieg in Eitels bleiches Angesicht.

»Warum soll es nicht seinen bisherigen Platz behalten?«

Daniels Blick schweifte wie geistesabwesend über das Antlitz des Fragers hinweg. »Die Zeit des Kräutleins ist um; – droben flicht Lena einen Kranz von roten Rosen, der dieses Bild umrahmen soll. In ihrem Duft sollen Sie träumen, und wenn die Blüten verwelkt sind, wird sie persönlich kommen, neue Zweige zu bringen.« – Der Fürst deckte momentan die Hand über die Augen. »Dann wird ein Engel an Ihr Krankenlager treten, dessen Lächeln Sie genesen lassen wird, – an Leib und Seele.«

Ein jäher bebender Händedruck war die Antwort des jungen Offiziers. – An demselben Tage jedoch fand man den Fürsten Sobolefskoi besinnungslos vor seinem Schreibtisch, ein schwarz gesiegeltes Kuvert lag auf der Platte. – »Mein letzter Wille« war dessen Aufschrift.

Die Ärzte konstatierten den Ausbruch eines Herzleidens, das sich bereits seit längerer Zeit vorbereitet zu haben schien. Im Verein mit den stets heftiger auftretenden asthmatischen Beschwerden gab es Anlaß zu den ernstesten Besorgnissen.

Wochen voll Sorge und Angst vergingen, und als der Christbaum seine Flammensternlein an den Zweigen brennen ließ, saß Fürst Daniel bleich und gebrochen in einem Rollstuhl und blickte mit dem herzzerreißenden Lächeln eines Dulders, das mehr Schmerz als Freude ausdrückt, in den weihnachtlichen Glanz um ihn her.

Altenburg stand hoch und stattlich an seiner Seite, heute definitiv als völlig gesundet aus der ärztlichen Pflege entlassen. Frischer, blühender denn je trug er das Haupt auf den Schultern, und in seinem Auge spiegelte sich ein ungewohnter sonniger Glanz, ein Widerschein jener unaussprechlich seligen Stunden, während welcher Lena an seinem Lager gesessen, den Zauber aller jungen Liebe und allen jungen Lebens über ihn ergießend. Draußen hatten die Schneeflocken mahnend ihren kühlen Kuß auf die jungen Keime gedrückt, die zu früh zum Licht hervordrängen wollten, und drinnen preßte der junge Offizier die Hände gegen das ungestüme Herz und sagte sich voll stolzen Ehrgefühls, daß es noch nicht an der Zeit sei, die Rosen zu pflücken, und daß man mit leeren Händen nun und nimmermehr säen und ernten könne.

 


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