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»Jetzt kommt Anna«, rief Ruth, sich hastig erhebend, »ich werde sie gleich hierher rufen!« und sie wandte sich zu der Thür.

»Fräulein Ruth!« mit erhobener Hand trat Norbert in ihren Weg und das junge Mädchen zuckte zusammen unter dem Klang seiner Stimme. Sie blieb stehen und blickte zu ihm empor.

»Anna wird schnell genug durch Lenz erfahren, daß ich hier bin«, sagte er mit gesenktem Blick, »und sie wird mich aufsuchen; gestatten Sie, daß ich noch ein paar Worte zu Ihnen allein rede, wer weiß, ob ich es jemals im Leben wieder kann.« Voll Leidenschaft preßte er die Hände gegen die Brust und schaute jäh in ihr Auge; »lassen Sie mich nicht abermals im Groll von Ihnen scheiden, Ruth, lassen Sie mich erst die Seele frei beichten und vergeben Sie mir. Ich war unhöflich, ungerecht, verletzend zu Ihnen in diesen Tagen unseres Wiedersehens, ich ließ mich von falschen Gefühlen leiten und trat selbst die lindesten Formen des gesellschaftlichen Verbindlichkeit mit Füßen. Ich glaubte, was ich hätte als Unmöglichkeit verwerfen sollen, und anstatt zu fragen, zweifelte ich lieber, Sie aber waren edel und gut, und wenn mich auch Ihr stolzes Wesen oft gekränkt hat, so war es wohl meine Schuld, daß ich es nicht zu nehmen wußte und einem harten Stein einen noch härteren entgegenstellte. Wir verstehen uns nicht, Ruth, und wenn wir Rosen brechen könnten, greifen wir dennoch in blindem Eigensinn nach den Dornen! Ich gehe jetzt, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Zwar soll der Seemann überall mit leichtem Herzen scheiden und thörichte Gedanken als Ballast über Bord werfen, ich kann es nicht, oder ich müßte eben mein Herz selber aus der Brust reißen und es hinab in die stille Tiefe betten. Der Gedanke, daß Sie meiner im Groll gedenken, hat mich die beiden Jahre zur See wie ein bleiches Gespenst verfolgt. Im Sturm hörte ich Ihre zürnende Stimme, aus den fernglänzenden Wellen stieg es empor wie finstere Bilder, und wenn die Sonne auf den Segeln glänzte, darin war es mir, als trügen sie die schwarzen Lettern jenes Oelbildes: » Sic eunt fata hominum!«

Er hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er mit weicher Stimme fort: »Mein nächstes Kommando wird ein langes und ernstes sein, es liegt viel Zeit zwischen dem Einst und Jetzt, und die Wogen, welche unser Leben schaukeln, tragen Klippen und Tiefen im dunklen Schoß, heute blauer Himmel, morgen Ungewitter und Flut. Lassen Sie mich diesmal ein freundlicheres Bild mit hinaus in die Einsamkeit nehmen, lassen Sie uns Frieden machen! Nichts will ich von Ihnen als ein gütiges Wort, einen Segenswunsch für die Reise, und ich werde der Zukunft getrost entgegen sehen, mag sie mir immerhin ihre schwarzen Wolken um die Masten ballen! Alles sei vergessen und vergeben, was sich in diesen letzten Tagen feindlich zwischen uns drängte, gedenken Sie meiner wie des Toten, mit welchem man nicht mehr rechtet und richtet, wahren Sie mir die Erinnerung eines fernen Freundes. Wollen Sie es, Ruth, wollen Sie im Frieden von mir scheiden?«

Er reichte ihr die Hand entgegen, glühendes Rot der Erregung lohte über die schöne Stirn.

Ein Zittern durchflog die Glieder der Erlkönigin, sie löste die krampfhaft verschlungenen Hände und reichte sie ihm hastig entgegen: »Ja, ich will es!« hauchte sie mit tiefgeneigtem Antlitz.

Stürmisch ergriff Norbert ihre rosigen Finger, er beugte sich nieder und drückte einen brennenden Kuß darauf. Dann trat er zurück, gab ihre kleinen Hände frei und blickte einen Augenblick fest und regungslos in ihre lieblichen Züge. »Gott behüte Sie«, sagte er tonlos, so leise, daß sich kaum seine Lippen regten, »leben Sie wohl!«

Und ehe Ruth die feuchten Augen zu ihm heben konnte, schlugen die schweren Thürvorhänge hinter seiner hohen Gestalt zusammen.

»Norbert, ei, da bist Du ja!« klang Aennchens Stimme jubelnd im Korridor. Erlkönigin aber sank auf den Sessel nieder und barg das Antlitz, heiße Thränen rannen über die bleichen Wangen, und das kleine Herz war schwer, zum Brechen schwer von Jammer und Weh.

»Auf Nimmerwiedersehen!« rang es sich wie ein jäher Angstschrei von ihren Lippen. Und sie preßte die gefalteten Hände gegen die Brust und schaute mit wirrem Blick empor zu dem düsteren Oelbild, welches sie hierher begleitet hatte, sie lächelte, die bleiche Frau mit der zerbrochenen Waffe in der Hand, die weißen Rosen fielen entblättert aus dem Haar, die Lippen öffneten sich klagend und küßten die blutige Feldbinde am Degengriff: » Sic eunt fata hominum!«

Still ward es, totenstill, im Zimmer der Erlkönigin.

Totenbleich lehnte Prinzessin Josephine in ihrem Lehnstuhl, Ruth hatte den Arm um sie gelegt und stützte das greise Haupt an ihrer Brust. Ein fast vorwurfsvoll ängstlicher Blick streifte den jungen Offizier, welcher neben der alten Dame auf das Knie gesunken war und ihre Hand mit ungestümen Küssen bedeckte.

»Vergebung, Hoheit!« flüsterte er zu ihr empor, »ich konnte und durfte ja nicht schweigen, wo die Ehre meines Vaters auf dem Spiele steht!«

Ein langer, leuchtender Blick der Kranken traf das schöne Antlitz des Sprechers.

»Fahren Sie fort, Herr von Otthardt«, sagte sie leise, das feine Taschentuch, welches Ruth ununterbrochen mit Essigäther besprengte, an die Lippen führend, »die Erinnerung übermannte mich und ließ mich schwach sein, das geht gleich vorüber. Sie sagen, Ihr Herr Vater habe an mich geschrieben?«

»Darf ich nicht eine gelegenere Zeit für meine Mitteilungen abwarten, Hoheit?« fragte der Freiherr mit prüfendem Blick in die erregten Züge der hohen Frau, »ich stehe ja jeder Zeit zur Disposition, und so Gott will, ist dieser leichte Schwindelanfall morgen wieder überwunden und vergessen –«

»Nein, nein!« wehrte Josephine hastig ab, »verzögern Sie Ihre Eröffnungen keine Minute, wer weiß, was morgen ist, und ich möchte doch nicht gern von dieser Welt scheiden, wie Moses, welcher das gelobte Land vor sich sah und sich seiner doch nicht freuen durfte! Sprechen Sie, Herr von Otthardt, ich ertrage keine Ungewißheit mehr!« Entschlossen richtete sich der junge Mann empor und trat einen Schritt zurück, hoch und stolz zeichnete sich seine elegante Gestalt von der lichten Wandbekleidung ab, und die Aehnlichkeit, welche auffallend zwischen Vater und Sohn herrschte, ließ das Herz der Fürstin stille stehen. Wie im Traum lauschte sie zu ihm empor, und die bleichen Lippen öffneten sich zu seufzendem Laute: »Dietrich!«

»Bis jetzt ist es mir unmöglich gewesen, eine Audienz bei Eurer Hoheit zu erlangen«, begann der Offizier mit gesenktem Blick, »so sehr und so energisch ich mich auch seit dem Tag meiner Majorennität darum bemüht habe, überall setzte man mir die eisige Schranke des Hasses entgegen und ließ meine Bitten an der herzlosen Versicherung scheitern, daß mein Name nie, bei Allerhöchster Ungnade vor Eurer Hoheit erwähnt werden dürfe. Als ich bei meiner Mündigerklärung alte Schriften und Briefschaften zur Einsicht aus dem bis dahin versiegelten Sekretär meines verstorbenen Vaters nahm, fiel mir unter Anderem ein festverschlossenes Couvert in die Hände, welches unter vergilbten Andenken in dem Geheimfach des Pultes lag. Es trug keine Adresse, und so öffnete ich es. Verschiedene Schreiben fielen mir entgegen, darunter drei von der Hand meines Vaters. Ich entfaltete sie und las den Inhalt, es war an Eure Hoheit gerichtet und trug die Aufschrift: ›Meine heißgeliebte Josephine!‹« Otthardt hielt einen Moment inne und schaute unschlüssig auf die Prinzessin, welche laut aufschluchzend das Antlitz an der Schulter Ruths barg, mit schneller Handbewegung nötigte sie jedoch zum Weiterreden.

»Der Brief enthielt ein zärtliches, leidenschaftliches Versprechen seiner steten Treue und teilte der Adressatin gleichzeitig mit, daß die Oberhofmarschallin im Auftrage des Herzogs eine Unterredung mit ihm gehabt habe, worin dieselbe ihm mitteilte, daß die Prinzessin sich in nächster Zeit standesgemäß verloben würde, und bei Allerhöchster Ungnade hiermit jegliche Annäherung seinerseits strengstens untersagt würde. Mein Vater flehte, ihm durch ein paar Worte nur die Wahrheit dieser Aussage zu bestätigen. In demselben Couvert befand sich ein kleines Billet von fremder Damenschrift, welches folgendermaßen lautete: ›Im Auftrag Ihrer Hoheit der Prinzessin sende ich Ihnen Ihr Schreiben unerbrochen zurück, da Hochdieselbe geneigt ist, sich dem Willen ihres Vaters zu fügen, und folglich jegliche Beziehung einer früheren Neigung gelöst sein muß.

Hochachtungsvollst
Stephanie, Gräfin von Saalek-Hardenburg.‹«

Ein leiser Aufschrei unterbrach ihn, geisterbleich stand Ruth neben dem Freiherrn und umklammerte seinen Arm. »Meine Mutter? O Lüge, schändliche Lüge!« Und sie wandte sich mit blitzendem Auge zurück und faßte die Hand Josephinens mit krampfhaftem Druck: »Hoheit, sagen Sie ihm, daß es unmöglich ist!« rief sie außer sich.

Mit starrem Blick schaute Josephine auf Otthardt. »Ruhig, mein Herzenskind«, sagte sie tonlos, Ruths Hände zärtlich drückend, »das ist eine Infamie, eine fast unglaubliche Intrigue! Herr von Otthardt, besitzen Sie diese Briefe noch?«

Der Ulanenoffizier griff in die Brusttasche, öffnete sein Portefeuille und nahm einige Couverts heraus. Mit stummer Verneigung überreichte er sie. »Ich habe keinen Moment gezweifelt, daß sowohl Schrift wie Namen gefälscht sind, Hoheit«, entgegnete er ruhig, »denn schon an den folgenden Billets ist die Abweichung und Veränderung der Hand unzweifelbar; nur in leidenschaftlicher Aufregung muß meinem Vater diese verdächtige Unregelmäßigkeit entgangen sein!«

Mit zitternden Fingern hielt die Prinzessin das Blatt gegen das Licht. »Sehen Sie auch her, Ruth, ob man vorgeschriebene Bleistiftstriche bemerkt!« sagte sie mit vibrierender Stimme, »hier ist radiert, hier noch einmal, und zwar an denselben Buchstaben, das große ›H‹ ist umgeändert.«

»Ja, ich sehe es, Hoheit, abermals eine Begründung meines Verdachtes!« nickte Otthardt herzutretend, während Erlkönigin regungslos auf den Knieen neben der Fürstin verharrte. »Welche verruchte Hand mag dieses Bubenstück ausgeführt haben?«

Um die Lippen Josephinens huschte ein irres Lächeln: »Ich weiß es, Herr von Otthardt!« rief sie gellend. »Gott mag es der Verräterin vergeben, was für namenloses Weh sie durch diese gefälschten kleinen Buchstaben über mich heraufbeschworen hat! Elendes Werkzeug eines despotischen Geistes, das seine Seligkeit für den Satansglanz eines Judasgroschens feilbot!« Und abermals starrte sie mit zuckenden Lippen auf das vergilbte Blatt in ihrer Hand. »Die Leubwitz – niemand anders als die Gräfin Leubwitz«, murmelte sie vor sich hin. »Das also bringt Eifersucht zu Wege, und dafür bekommt man Brillanten um den Hals gehängt, o gewiß, sie hatte ja auch ihre Sache so gut gemacht, ein jeder dieser kleinen Schnörkel riß zwei Herzen auseinander und machte die Hölle lachen! Geben Sie mir diese Briefe, lieber Otthardt, ich will Gewißheit haben. Ich werde durch Leopold die Schrift prüfen lassen, es ist ja, Gott sei Dank, Kleinigkeit für unsere moderne Zeit, die Schlechtigkeit der lieben Nächsten zu entlarven. Und Sie, meine geliebte kleine Ruth, werden sich keinen Augenblick Gedanken über diese Fälschung machen. Eher mag die Welt einstürzen, ehe ich an der Treue meiner Stephanie zweifle, reißt mir das Herz heraus, aber laßt mir den Glauben an sie!« Josephine nahm das schlanke Köpfchen der Baronesse zwischen die Hände und küßte die bebenden Lippen. »Wenn Stephanie mich also betrogen hätte, würde sie dann wohl ihr eigenes Kind schicken, diese Schleier all zu lösen? Frisch aufgeschaut, mein Liebling, so Gott will, erhalten wir bald Gewißheit über dieses Lügengewebe. Was enthalten diese weiteren Briefe, Herr von Otthardt?«

»Noch drei verzweifelte Versuche meines Vaters, zu Eurer Hoheit zu dringen, mit leidenschaftlichsten Beteurungen und Vorstellungen«, erwiderte der schöne Mann erregt, »und die Antworten jener Pseudohofdame, deren letzte den stolzen, heftigen Sinn meines Vaters allerdings zum äußersten reizen mußte, und wohl auch seine plötzliche Verlobung mit meiner seligen Mutter begreiflich erscheinen läßt! Jenes empörende Stadtgerede, daß Hoheit der Großherzog meinen Vater zu dieser That bestochen hätte, ist eine schändliche Lüge, welche nur in den Köpfen ehrloser Wichte gereift sein kann, noch liegen die Quittungen vor, daß die durchaus nicht beträchtliche Summe, welche mein Vater einzig in einem leichtsinnigen Jahre verspielte, durch ein flüssiges Kapital meines Großvaters, mütterlicherseits, gedeckt worden ist.«

Die Lippen der Prinzessin bebten. »Der Welt ist kein Mittel zu schlecht, wenn es die Ehre des Nächsten untergraben hilft«, sagte sie voll ungewohnter Schärfe, »ich wünsche, Herr von Otthardt, daß Sie noch heute Abend eine Unterredung mit meinem Neffen Leopold haben, um sofort die nötigen Schritte zur Klarlegung jener Schriftfälschungen zu thun, ich werde Ihnen ein Billet schreiben, und bitte, daß Sie den Prinzen sofort aufsuchen! Liebe Ruth! Dort auf dem Gueridon liegt ein Bleistift und Papier, geben Sie mir die rote Ledermappe herüber – so! besten Dank, mein Herz, ich werde nicht lange Zeit brauchen – nehmen Sie Platz, Otthardt!«

Ruth trat zurück in die Fensternische, der junge Offizier folgte ihr lautlos. Draußen tanzten die Schneeflocken durch die Luft, und der Sturm riß an den weißgereiften Zweigen der Parklinden, finster und bleigrau spannte sich der Himmel aus, und fern, aus hochgelegenen Villen grüßten die ersten Lichter herüber.

Otthardt starrte schweigend hinaus, es lag eine stille, fast trotzige Freudigkeit auf den schönen Zügen.

Endlich kehrte sein Blick zurück und haftete auf Ruths geneigtem Köpfchen.

»Was verdanke ich Ihnen nicht alles, Baronesse«, sagte er mit gepreßter Stimme, »der heutige Tag wird den Namen Otthardt wieder reinwaschen vor der Welt, und den scharfen Wendepunkt meines Lebens bilden. Die Leute hatten Recht, wenn sie mich leicht genannt haben. Niemand hat mich getadelt oder mich ermahnt, man zuckte eben gelassen die Achseln und sagte: ›Er ist ein Otthardt, kann es da anders sein?‹ Ich aber lebte weiter in Saus und Braus, und zehrte von dem ehrlichen Namen eines Verleumdeten. Jetzt soll es anders werden. Mein neues Kommando bringt mich in fremde Verhältnisse und Umgebung, man kennt mich dort nicht und wird sich nicht wundern, wenn ein Sonderling mehr in der Welt herumläuft. Eremit will ich nicht werden, dazu ist es noch immer das Blut eines Kavalleristen, welches in meinen Adern kreist, ich will aber leben wie andere Kameraden, welche sich auch nach der Decke strecken müssen, und was ich nicht bezahlen kann, will ich entbehren lernen. Ihnen aber, Fräulein Ruth, verdanke ich es, wenn ein neues Leben für mich beginnt, und wenn ich auch jetzt weit entfernt bin zu glauben, daß die Liebe Sie barmherzig gemacht hat, so bin ich doch überzeugt, daß Sie aus lauterem, freundschaftlichem Interesse für mich handelten, und dafür lassen Sie mich Ihre kleine Hand küssen! Sie wollten mich durch Ihr großherziges Opfer von dem Abgrunde zurückreißen und stellten mich unbewußt auf eine neue Bahn, deren Ende, so Gott will, nicht zu dem letzten Gruß eines Verschollenen ihr schwarzes Kreuzlein stiftet. Nie in meinem Leben habe ich zu einer Menschenseele so aufrichtig gesprochen, wie in diesem Augenblick zu Ihnen, denn nie bin ich bis jetzt einer gleichen Güte und Freundlichkeit begegnet. Habe ich Sie je in meinem leichten Sinn verletzt, Baronesse, vergeben Sie es mir in dem Gedanken, daß ich es schmerzlich bereue, Gott segne Sie, Fräulein Ruth!« Er neigte sich hastig nieder und zog ihre Hand an die Lippen, dann trat er, ohne ihr Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, in das Zimmer zurück und nahm das beschriebene Blatt aus den Händen der Prinzessin in Empfang.

»Und nun gehen Sie mit Gott, mein Freund!« sagte Josephine ermattet, »und bringen Sie mir bald, recht bald Nachricht. Kommen Sie oft zu mir, so oft, wie es Ihre Zeit gestattet, ohne Maske, die Welt soll sehen, daß es noch Wunder giebt, und daß auch ein Otthardt wieder als Freund im rechten Schloßflügel aus- und eingehen darf«, sie reichte ihm die bebende Hand entgegen und ihr Blick folgte dem schönen Mann, bis die Portièren sich leise hinter ihm schlossen.

Brennende Röte trat auf die eingesunkenen Wangen, schnell und mühsam flog der Atem, und hinter der Stirn jagten wirre Wolkenschatten des Fiebers.

»Ruth!« flüsterte sie, »dort in meinem Schreibtisch – das mittelste kleine Fach – sehen Sie? öffnen Sie es, der Schlüssel liegt in der blauen, kleinen Vase rechts – ja da! ziehen Sie ganz auf, immer weiter, so, heben Sie die Briefe auf – es liegt ein Packet da – das geben Sie mir, Kind, ach ja, das ist's – danke, Ruth, danke!« und mit weit geöffneten, glänzenden Augen brach sie die schwarzen Lederwappen und ließ die Papierhüllen sinken.

Ein kleines Bild trat ihr entgegen, unversehrt in Farbe und Frische, ein wunderbar schöner Männerkopf, mit leuchtenden, tiefdunklen Augensternen und einer trotzigen, stolzen, leichtgefalteten Stirn. Er lächelt, fast übermütig zuckt es um die Lippen, keck und siegesgewiß, als fordere er das Schicksal selber in die Schranken. – Starr ruht der Blick der fürstlichen Frau auf dem Gemälde. »Dietrich! Dietrich!« klingt es gellend von ihren Lippen, die dürren Rosenblätter rieseln auf ihren Schoß, und bleich wie der Tod, kalt und bewußtlos sinkt sie in den Stuhl zurück,– – mit dumpfem Laut schlug das Pastellbild auf den Boden nieder.

»... hält in den Armen das ächzende Kind«

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde in der Residenz, daß Prinzessin Josephine schwer krank am Nervenfieber darnieder liege. Fräulein von Nievendloh war urplötzlich zu einer Tante nach Berlin abgereist, um ihre leidenden Nerven einem geschickten Arzt anzuvertrauen. Man munkelte allerdings, Fräulein Alice habe nie zuvor über dies Gebrechen geklagt, und meinte wohl begütigend: es ist ihr im Grunde nicht zu verdenken, wenn sie der langweiligen Krankenpflege aus dem Wege geht, sie hat einmal nicht das Naturell dazu, und mußte ohnedies schon genug bei der alten Dame aushalten. Ruth von Altingen war sofort in die Stelle der Hofdame eingetreten und bezog noch an demselben Abend, welcher die Fürstin an ihr Schmerzenslager fesselte, die Räume Alicens.

Tag und Nacht wich sie nicht von der Seite der Kranken, und wie eine geheimnisvolle Macht wirkte ihre Nähe auf die Fieberträume der Prinzessin; die kleine, kühle Hand legte sich beruhigend auf die pochende Stirn, die leisen Worte klangen mild und besänftigend zu ihr nieder, und Josephine klammerte sich an die schlanke Gestalt und flüsterte mit irrem Lächeln: »O Stephanie, bist Du endlich wieder bei mir!«

Prinz Leopold stand Ruth getreulich zur Seite; wie eine Feder hob er die gebrechliche Gestalt der alten Frau empor, trug sie mit fast zaghafter Sorgfalt von der Chaiselongue auf ihre Kissen zurück, bettete sie weich und liebevoll in seine starken Arme und drückte beschwichtigend ihr greises Haupt an seine Brust, wenn das Fieber die schwachen Glieder schüttelte.

Draußen heulte der Sturm und jagte den Schnee gegen die Scheiben, die Bäume ächzten und brachen, wie schriller Klagelaut klang die Wetterfahne vom Dach, es war eine wilde, unheimliche Nacht.

Josephine horchte auf. »Stephanie? Hörst Du? da draußen ruft er, schon oft, immer wieder; aber niemand macht ihm auf! Geh Du hin, Stephanie, Du hast ja nicht Angst vor den bleichen Geistern, die mit dem Sturmwind fliegen, sie thun auch nichts, sie stöhnen und seufzen nur! Da, hörst Du wieder? jetzt klopfen sie mit ihren Knochenfingern an das Fenster, und die weißen, langen Totenhemden klatschen gegen die Mauer, jage sie fort, liebe Stephanie, mir graut vor ihnen! Huh, wie sie so ungeduldig werden, lachen sie nicht? Ja, das war die Stimme der Gräfin Leubwitz. Hahahaha; hörst Du, wie sie sich über ihr Bubenstück freut? O, und die Brillanten funkeln an ihrem Hals wie eitel Sonnengold, und da kommt plötzlich der Satan mit seinen schwarzen Fittichen, der lacht noch lauter und lustiger wie sie, und der faßt die schöne Demantschnur und zieht sie fest und immer fester um ihren Hals, wie einen Henkerstrick! Huh, wie sie schreit und das Gesicht verzieht, sie stirbt nicht gern, es war ja so schön im Leben, und Otthardt hatte an die kleinen, falschen Schriftzüge geglaubt, juchhe! hör doch, wie die wilde Jagd jetzt über dem Hause hergeht, 's ist heute eine schlimme Nacht, alle Gräber sind offen. Aber geh, Stephanie, laß ihn nicht so lange warten, er wird in dem Wintergarten in der Orangenlaube sitzen und wieder eine rote Rose in den Händen halten! O, er hat nie gelogen, nie! Du hast es ja immer gesagt, Stephanie, daß er nicht schlecht ist, und ich hab' es auch geglaubt! aber die Leubwitz, die hat's verdrossen, daß wir uns so lieb hatten, und da ist sie zur Schlange geworden, die sich um die rote Rose geringelt hat! fort da! fort! jetzt kommt sie zu mir herangekrochen und hat Brillanten um den Hals und sticht mich mit ihrer Zunge hierher, hierher, hier in das Herz, ah, Stephanie!«

Mit krampfhaftem Zucken sank Josephine zurück und seufzte tief und schmerzlich auf. Ihre Hände lösten sich von Ruths Arm und sanken schlaff über die seidenen Kissen herab.

Thränen standen in den Augen der Erlkönigin, mit schmerzlichem Blick schaute sie zu Leopold empor, welcher, den Kopf in die Hand gestützt, in dem hohen Lehnsessel neben dem Himmelbett saß, er nickte ihr traurig zu und schwieg.

Plötzlich richtete sich die Prinzessin empor, ihr Auge war nicht mehr starr und ausdruckslos, ein schnelles Bewußtsein flackerte durch den wirren Geist.

»Leopold, Du bist hier, mein Liebling?« fragte sie erstaunt, »was willst Du denn, es ist schon Nacht, die Lampe brennt ja! ach und Ruth! ja, ja, Kinder, ich weiß, warum Ihr hier seid, Du willst mir Bescheid über die Briefe bringen, Leo, nicht wahr, mein Liebling, und Ruth wartet darauf; nun so sag's mir, es war alles gefälscht, Stephanie hat mich nie betrogen?«

»Nein, Tante, niemals!« entgegnete der junge Fürst, ihre Hände streichelnd, »es ist erwiesen, daß die Schrift unecht war! daran haben wir auch nie gezweifelt. Aber nun komm, mein Pflegemütterchen, versuch jetzt zu schlafen! willst Du Dich so in meinen Arm legen? siehst Du, ich stütze Dich ganz sicher, und Du bist geborgen wie in Gottes Schoß! Mach Deine Augen zu, ich singe Dir auch das Liedchen, mit welchem Du mich so oft eingewiegt hast!«

Mit glückseligem Lächeln sank das Haupt der hohen Frau an seine Schulter und es war rührend, wie der große, ungefüge Mann so zart und behutsam ihre kranken Glieder bettete und seine tiefe Stimme in das leise Summen eines Schlummerliedes zwang.

»Aber die Briefe?« zuckte die Prinzessin plötzlich wieder mit unstätem Blick auf.

»Die bekommst Du morgen, schlaf' jetzt, Tantchen«, und er legte seine Hand auf ihre brennende Stirn und bat Ruth mit leichter Kopfbewegung, die Gardine etwas vorzuziehen.

Erlkönigin schraubte die Lampe noch tiefer und kauerte sich dann auf einen Schemel zu Füßen des Krankenlagers, sie war müde, totmüde.

Die Uhr tickte leise und aus der Nebenstube klang das tiefe Atemholen der Schwester, bald wird drunten der Wagen des Medizinalrats vorfahren. Tief und tiefer sank das blonde Köpfchen, und die kleinen Hände falteten sich im Schoß.

»Gott sei Dank, sie schläft fest und ruhig«, flüsterte es ihr plötzlich ins Ohr, und Prinz Leopold berührte leise ihre Schulter, »es hat eben zwei Uhr geschlagen, Fräulein Ruth, gehen Sie jetzt zur Ruhe!«

Erlkönigin blickte auf und strich das wirre Haar aus der Stirn. »Um drei Uhr wird mich die Diakonissin ablösen, Hoheit, so lange müssen Sie mir erlauben hier zu bleiben, ich werde ein Buch nehmen und lesen, das ist ein gutes Mittel für schläfrige Geister!«

Leopold sah ihr voll in das Gesicht. »Ihre Anwesenheit ist nicht nötig, Baronesse, ich bin Wache genug, so lange Tante Josephine schläft, und Sie sehen bleich aus, sehr bleich und abgespannt! Kommen Sie, ich führe Sie über den Korridor!«

»Ja, ich bin müde«, entgegnete das junge Mädchen leise, »aber doch gehe ich nur unter einer Bedingung.«

»Und die ist?« Er nahm ihre Hand sanft in die seine.

»Daß Sie mich sofort rufen, Prinz, wenn Hoheit nach mir verlangt!«

»Ich verspreche es!« nickte er hastig und zog die weiße Hand an die Lippen, um sie mit ungestümen Küssen zu bedecken. »O, Fräulein Ruth, wie danke ich Ihnen das große Opfer, welches Sie uns bringen, wie lohne ich Ihnen all' die schlaflosen Nächte, all' die Aufopferung, all' die zärtliche Pflege? Giebt es überhaupt dafür einen Lohn? Einen vielleicht, welcher bis jetzt noch nicht gegeben wurde, das Bekenntnis, Ruth, daß Sie das Ideal verwirklichen, welches mir so märchenhaft und hold vor Augen geschwebt, welches ich Jahre lang vergebens gesucht habe, und welches mir nun so beseligend den Glauben an Treue und Weiblichkeit zurückschenkt!«

Josephine regte sich im Schlaf, Leopold verstummte und führte die junge Dame lautlos zur Thür.

»Schlafen Sie jetzt, Baronesse«, flüsterte er gepreßt, »Ihre bleichen Wangen schneiden mir in das Herz!«

Ruth lächelte. »Die Ruhe hilft dafür nicht, Hoheit, wenn es aber unserer teuren Kranken erst wieder gut geht, wird die Freude darüber die beste Arznei für mich sein! und was den Dank für meine geringe Hilfe anbetrifft, so ist es mir genug Lohn, daß meine Anwesenheit überhaupt gestattet ist! Gute Nacht, Hoheit, ich schlafe nur auf dem Sopha und bin jede Minute bereit!«

»So Gott will, bedürfen wir nicht Ihres Beistandes«, seufzte Leopold traurig, »sollte es unbedingt nötig sein, so halte ich Wort und rufe Sie – behüt's Gott denn!« und er drückte ihr schnell die Hand und glitt behutsam durch die Thür zurück.

Wie still war es in dem Krankenzimmer, wie öde und einsam, seit der blonde Mädchenkopf nicht mehr neben dem Schmerzenslager wachte! Der Prinz trat über den weichen Teppich an das Fenster und schob die schwere Gardine zurück.

Wild zerrissene Wolken trieben an dem Himmel, ein erster Mondstrahl flimmerte über den Schnee, und über den breiten Parkweg jagte der schwarze Schatten eines Gärtnerhundes, die breite Gitterthür knarrte in den rostigen Angeln, und von dem Dom klangen dumpfe Glockenschläge.

Leopold blickte regungslos hinaus, dort im Osten wird es bald purpurn aufzucken. Ein Strahlennetz wird sich langsam über den Horizont spannen und die schwarzen Wolkenkolosse mit goldenen Streifen säumen, heller und heller wird es emporflammen, bis endlich der feurige Sonnenball durch die kahlen Baumäste blitzt, um seinen ersten Boten in das einsame Schloßzimmer zu schicken, den müden Wächtern drinnen zu verkünden, daß wieder eine Nacht der Sorge und Angst verstrichen sei.

Der junge Prinz seufzte laut auf; er dachte an sein fernes Meer und dessen schäumenden Morgengruß, und er breitete die Arme aus und schloß die Augen wie im Traum, da hörte er die Wogen gegen den Kiel schlagen, hörte das leise Pfeifen des Windes in Segel- und Tauwerk, frische Luft wehte um seine Stirn und unter seinen Füßen schwankte der Boden des treuen ›Nelson.‹ – Da plötzlich aber hob sich aus der krystallenen Flut ein blondes Mädchenhaupt, mit einem Krönlein über der Stirn, darum sich grüne Erlenzweige schlangen, und sie hob die weißen Arme und winkte ihm nach Haus.

Leopold schrak empor und starrte hinaus in die Winternacht. Langsam wich das Traumbild zurück, das goldene Krönlein zerfloß in Schaum, und Erlkönigin selber sank hinab in die dunkle Flut – auf leisen Sohlen trat die Diakonissin zu ihm heran und fragte flüsternd, ob er der Kranken vor dem Schlafe die Medizin gereicht habe? – Soeben fuhr drunten der Wagen des Arztes vor.

Langsam strich der Prinz über die heiße Stirn. »Alles ein Traum«, murmelte er, »glücklich, wer noch träumen kann!«

Langsam, sehr langsam erholte sich Prinzessin Josephine. Schon begann der Schnee zu schmelzen, und die ersten Spitzchen brachen durch das starre Bahrtuch der Erde, als die hohe Frau die ersten Schritte am Arme ihres Neffen durch das Zimmer wagte.

Täglich weilte Ruth im Schlosse und wie ein Sonnenstrahl brachte ihre Nähe Heiterkeit und Frohsinn für die alte Dame mit, Leopold war wieder der Alte, sein derb-humoristisches Wesen keimte von neuem in hundert originellen Scherzen und Ideen, welche energisch jeden Zug von seiner Sentimentalität fernhielten, welche sich so urplötzlich in seinem Charakter hatte einnisten wollen. Man schrieb es der Krankheit seiner so innig geliebten Pflegemutter zu und zerbrach sich nicht weiter den Kopf darüber; daß aber der Grund tiefer lag, ja daß er sogar in seinem Herzen gewurzelt hatte, ahnte kein Mensch. Nur Josephine selber wußte, wie es um ihren Liebling stand. Hatte er nicht zu ihren Füßen gesessen und mit finsterer Stirn sein Schicksal verwünscht, welches ihn zum dereinstigen Herrscher bestimmt hatte, beneidete er nicht den ärmsten Unterthan, daß er frei nach Herz und Neigung seine Lebensgefährtin wählen dürfe, während sich um seine Hände die goldene Kette der Knechtschaft wand, deren unlöslichen Ringe die Konvenienz und Etiquette erbarmungslos geschmiedet? Was half es Albrecht dem Bären, daß er die gewaltige Faust erhob und sein trotzig Haupt zurückwarf? Seine Fesseln dehnten sich wohl, aber sie zerrissen nicht; und wenn er vielleicht die rauhen Banden selber energisch gesprengt hätte, so zog sich dennoch ein feiner, haarfeiner Goldfaden zaubermächtig um ihn her, das war die sanfte, überzeugende Stimme der Kranken, welche mit liebevollen Worten ein Netz der Vernunft um den jungen Hitzkopf zu weben wußte, dessen zarten Maschen gegenüber selbst Albrecht der Bär machtlos war.

Josephine war es gelungen, die trüben Wolken zu verscheuchen, welche sich so jäh am Himmel des jungen Mannes zusammenzogen, langsam lockte sie Strahl um Strahl des alten Frohsinns wieder hervor, unermüdlich, bis endlich die volle Sonne neuerstrahlt war und der Prinz Erlkönigins Nähe ergeben und heiter wie zuvor suchte.

Der Frühlingshimmel lächelte blau und wolkenlos hernieder auf die Residenz, deren hochragende Baumwipfel in Park und Gärten den ersten zartgrünen Hauch der Auferstehung trugen.

Im Wintergarten blühte und duftete es aus tausend jung erschlossenen Knospen, in fast blendender Helle flutete das Sonnenlicht durch die gewölbte Glaskuppel und malte die zarten langgeschlitzten Schatten der Palmenwedel auf die Sandwege und kurzverschnittenen Rasenrondels. Leise plätschernd klang der Wasserstrahl in der rotgeaderten Marmorschale, welche zwei übermütige Tritonen hoch über ihr Haupt emporhielten und es voll Wohlbehagen litten, daß die spiegelhelle Flut darüber hinausschoß, um in funkelndem Sprühregen in das weite, von Delphinen bevölkerte Bassin zurückzufallen.

In dem Nebensaal klang das leise Rollen eines Fahrstuhls, dann wurde die Thür lautlos geöffnet und gestützt auf den Arm Ruths und der getreuen Frau Rössel, wankte Josephine durch das Duftmeer der bunten Blütenpracht. In der Orangenlaube war es still und dämmrig, zu weichem Polster schmiegte sich das grüne Moos über die niederen Bänke, und die Prinzessin setzte sich mit durchgeistetem Blick unter die schwankenden Zweige nieder.

Mit milder Handbewegung wandte sie sich zu ihren Begleiterinnen, und Frau Rössel faßte sanft die Rechte des jungen Mädchens und zog Ruth mit sich fort durch die hohen Bosquets der Oleander und Cedern.

Josephine faltete die Hände und lehnte das bleiche Angesicht in das kühle Blattwerk zur Seite, die Orangenblüten dufteten wie dazumal, ein einzelner Sonnenstrahl zitterte zu ihren Füßen und von ihrem Schöße lächelten zwei dunkle Augen zu ihr empor, welche damals in flammendem Blick ihre Liebe geredet, hier auf derselben Stelle.

Achtundzwanzig Jahre waren seitdem vergangen, und heute sah sie den Wintergarten zum ersten Male wieder! Die welke Rose auf dem kleinen Pastellbild zitterte wie in unendlicher Wehmut, tiefer neigten sich die Blumenzweige zu ihr nieder, Josephine aber schlug die Hände vor das greise Angesicht und weinte bitterlich.

»Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau,
Es scheinen die alten Weiden so grau!«

Ruth von Altingen stand in ihrem Zimmer und las einen Brief. Glühende Röte jagte über ihre Stirn, und die schmalen Lippen preßten sich auf die Zähne: »Das also ist's!« murmelte sie mit finsterem Blick.

»Meine liebe Ruth!« las sie, »Du wirst Dich wundern, von mir ein paar Zeilen zu erhalten, Dein Vater ist jedoch seit einiger Zeit so leidend und hinfällig, daß er weder für Briefe noch für sonst etwas auf der Welt Interesse hat. Er leidet plötzlich an der unbegreiflichen Laune, jetzt schon zurück nach unserer teuren Residenz zu wollen, jetzt, wo ich hier in einem Meer von Vergnügungen und Amüsements schwimme! Er sieht täglich, wie köstlich ich mich in diesem angebeteten Monaco amüsiere, aber seine Willkür grenzt bereits an Rücksichtslosigkeit, er wird eben täglich älter und unliebenswürdiger. Gott bewahre Dich, meine Kleine, davor, daß Du nie den Schwabenstreich begehst, einen alten Mann zu heiraten, dergleichen Märtyreranwandlungen rächen sich stets auf's bitterste! Altingen quält mich entsetzlich, er will sogar, daß ich mit ihm in seinem Zimmer dinieren soll, und dabei habe ich so prächtige Nachbarschaft an der table d'hôte, einen amüsanten Vicomte, welchem ganz Paris zu Füßen liegt und wegen dessen sich schon drei Frauen von ihren pedantischen Gatten scheiden ließen, er nahm natürlich keine von Ihnen – o, es ist zum Totlachen! Ich bin außer mir in dem Gedanken, jetzt von hier abreisen zu müssen, die Menschen verstehen hier so gut sich zu amüsieren: ›Freut euch des Lebens!‹ ist die Devise, dabei absolut keine Klatschereien, man nimmt alles auf die leichte Schulter: ›Das fidele Gefängnis‹ nennen wir im Scherz unser Hotel, guter Witz, nicht wahr?«

»Ja, also meine liebe Ruth, wenn Dein Vater wirklich auf seiner Laune besteht und mich als Opferlamm mit sich schleppt, treffen wir in etwa acht Tagen schon in Villa Olivia ein, laß alles vorbereiten und bestelle mir doch auch eine neue, recht elegante Volière. Der Vicomte schenkte mir neulich zwei Inséparables, entzückende kleine Tiere, welche ich natürlich mitbringe. Ich hoffe, Dich noch ein paar Tage bei uns zu sehen, es würde Deinen Vater auch herzlich freuen, er spricht viel von Dir. Deine Försterstochter wirst Du natürlich vorausschicken, solche Gesellschaft kannst Du uns doch nicht zumuten, Herzchen! Also auf Wiedersehen, carissima; Altingen grüßt Dich tausendmal und ich schicke Dir tous mes amitiés, halte mir den Daumen, daß wir noch hier bleiben!

Deine sehr gequälte Mutter
Adine von Altingen
geb. Freyin von Nordenwerth.

NB. Stehen vielleicht noch ein paar Bälle bei Euch in Aussicht, oder heiligen die braven Residenzler die Fastenzeit?«

Ruth knitterte den Brief heftig zusammen, Thränen der Empörung blitzten in den reinen Kinderaugen und mit fast verabscheuender Geberde schleuderte sie das duftende Blatt in den Kamin. Dann trat sie heftig zur Seite und rührte die Glocke.


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