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»Sie scheinen Interesse für die heiteren Seiten des Lebens zu haben«, entgegnete Heßbach scherzend, »und nehmen regen Anteil an fremder Leute Lieb und Leid, wissen Sie auch, daß mich das recht wundert?«

»Ach? Warum denn?« fragte Försters Töchterlein sehr erstaunt.

»Weil Sie selber noch nicht mit der Tiefe des Herzens empfinden, Fräulein Anna!« sagte er ernster, als er eigentlich wollte. »Die Lieder, welche ich Ihnen einstudierte, singen Sie alle wunderschön korrekt und fehlerfrei, aber mit der Seele singen Sie noch nicht, und dennoch wünsche ich so sehnlichst, daß Sie mir ein einziges Mal eine Arie wie diese hier« – und er legte die Hand auf das Notenheft, »so recht mit dem eigensten, tiefsten und innigsten Gefühl vortragen möchten! Aber hoffentlich kommt auch diese Stunde einst, und bis dahin leben Sie wohl – und vergessen Sie mich nicht!«

Mit hastiger Bewegung reichte er ihr die Hand entgegen, einen langen, wundersamen Blick in ihre Augen senkend, und ehe nur das blonde Kind eine Antwort finden konnte, verklang sein Schritt auf dem weichen Teppich des Vorzimmers.

Ännchen aber stand unbeweglich und starrte mit gefalteten Händen vor sich nieder, als hätten sich die glänzenden Parquettafeln zu ihren Füßen plötzlich zu schwindelndem Abgrund geöffnet.

Die dunklen Augen schienen noch vor ihr zu schweben, diese leuchtenden Sterne voll glühender Beredtsamkeit, in welche sie wohl noch niemals so recht andächtig gesehen hatte, oder waren sie bis jetzt noch nie mit solchem Blick auf sie gerichtet gewesen? Und seine Hand hatte die ihre umschlossen, und er hatte gesagt: ›Vergessen Sie mich nicht!‹ Das junge Mädchen legte die kleinen Hände auf die Brust und glühendes Rot flutete über ihre Wangen, ›nein gewiß nicht!‹ klang es in ihrem Herzen, und wie im Traume trat sie an das Instrument und setzte sich davor nieder. ›Diese Arie möchte er einmal mit tiefster Empfindung von mir hören? Seltsam! habe ich denn bisher nie daran gedacht, daß ich selber ja das Wesen bin, welches all diese Worte aus eigenem Herzen singen muß?‹ und sie blätterte in den Noten und legte die Finger auf die Tasten, vor ihr leuchteten zwei schwarze Augen und um sie her zog es wie ein flüsternder, süßer Hauch, ›vergessen Sie mich nicht!‹ Ännchen aber atmete tief und sang:

›O neu Gefühl, das mich beseelet,
bist Du der Liebe goldnes Glück?‹

Hätte der Kapellmeister Heßbach seine kleine Schülerin diesmal gehört, er würde wohl nach einer solchen Amazili vergebens auf der Bühne gesucht haben!

»Meine Mutter hat manch' gülden Gewand.«

Neben dem Feldherrnzimmer des linken Schloßflügels, einem schmalen galerieähnlichen Gemach, welches seinen Namen nach den lebensgroßen Wandgemälden berühmter Schlachtenlenker erhalten hatte, lag das kleine, überaus reizende Turmboudoir der jungen Herzogin, ein Schmuckkästchen voll traulichsten Behagens, umweht von einem Hauch fast mädchenhafter Poesie.

Unter einer Gruppe blühender Topfpflanzen, überhangen von graziösen Fächerblättern und mannigfach umrankt von zierlichsten Schlinggewächsen, stand die lichtblaue Atlascauseuse, auf welche sich Prinzessin Josephine zurückgezogen hatte. Auf einem Tabouret zu ihren Füßen saß Ruth von Altingen und erzählte von ihrem lieben, alten, waldversteckten Ritterschloß. Mit fast zärtlichem Ausdruck hing das Auge der Kranken an Erlkönigins lieblicher Gestalt. Sie hob die wachsbleiche Hand und strich kosend über den goldblonden Scheitel des jungen Mädchens: »Wie gern möchte ich einmal Altinger Waldluft atmen!« lächelte sie wehmütig.

Ruth trug ein zartrosa Caschmirkleid mit etwas tiefer gefärbtem Plüsch und Goldborden geschmackvoll garniert, einzelne Apfelblüten schmückten Haar und Brust.

»Altingen würde nie einen lieberen Gast beherbergen als Hoheit!« rief sie mit leuchtenden Augen, die Finger der Prinzessin an die Lippen ziehend, »und ich bin auch überzeugt, daß sich dieses stille Fleckchen Erde mit all seinem wonnigen Frieden schnell die Sympathieen meiner erlauchten Fürstin erwerben würde! Da giebt es keinen Hader und Zwist wie in der schwülen Luft der Residenz, da kennt man nicht Falschheit noch Intriguen und liegt nicht vor dem Heiland auf den Knieen, um für das Haus seines Nächsten Elend und Fluch herabzuflehen! Die Menschen sind nicht ehrlich und brav hier, Hoheit, sie lächeln einem ins Gesicht und überlegen dabei, wie sie einem am nachhaltigsten schaden können! Ich habe nicht gewußt, daß man aus Berechnung fromm sein muß, und kannte in Altingen keine Menschen, welche jede Bibelstunde und jeden Gottesdienst besuchen, dann aber mit geballten Händen versichern, Rache sei süß!«

Josephine lächelte, aber um ihre Lippen spielte ein fremder, fast bitterer Zug. »Meine kleine Ruth ist eine scharfe Rezensentin! Warum ist unsere arme Residenz so in Ungnade gefallen? Haben ein paar spitze Zungen wieder ihr Wesen getrieben und dem Altinger Trotzköpfchen zugemutet, sich dem strengen Szepter der öffentlichen Meinung zu beugen?«

Erlkönigin blickte einen Moment unentschlossen in die sanften Augensterne der Fragenden, dann schüttelte sie plötzlich den blonden Kopf und faltete die Hände in den Schoß.

»Nein, Hoheit, mir selber hat man nichts zu leide gethan, ich wehre mich auch schon meiner Haut, aber ich sehe doch täglich mit an, wie man gegen andere Leute zu unbarmherzig und hart vorgeht. Wenn ich allein bedenke, wie viel Intriguen und Bosheit den Untergang des armen Herrn von Otthardt heraufbeschworen haben«, fügte sie langsamer hinzu, die Züge Josephinens scharf beobachtend, »ich glaube, es könnte ihm noch geholfen werden, wenn ihm nicht alle Wege durch die Falschheit seiner ehemals so guten Freunde abgeschnitten wären!«

»Otthardt?« wiederholte die Prinzessin jäh emporschreckend. Ihr Antlitz ward bleich wie das Battisttuch auf ihren Knieen, »welch ein Otthardt, Kind?«

»Der vormalige Adjutant Sr. königlichen Hoheit, Premierlieutenant in dem hiesigen Ulanenregiment«, gab Ruth nicht ohne Herzklopfen die gewünschte Auskunft. Die sichtliche Erregung der hohen Dame ließ sie fast bereuen, die Pläne Alicens durchkreuzen zu wollen, noch war sie jedoch fest entschlossen, die Sache des unglücklichen Offiziers nach Kräften zu vertreten.

Die Prinzessin bog einen Oleanderzweig herab und neigte das Gesicht tief in die vollen Blüten. »Also der Sohn des verstorbenen Kammerherrn?« fragte sie mit vibrierender Stimme, »und Sie reden von ›Untergang‹, Ruth, wenn ich recht verstand, was bedeutet das? Sprechen Sie!«

Die rosa Blüten rieselten nieder und fielen auf die grauen Atlasfalten ihrer Robe, tief aufatmend gab Josephine den Zweig frei und blickte zu dem jungen Mädchen nieder, leises Erröten flog über die hageren Wangen.

»Ich nenne es allerdings den Untergang für einen jungen Offizier, wenn ihm nichts Anderes übrig bleibt als in Amerika seine Existenz durch seiner Hände Arbeit zu fristen, von Hunderten kehrt wohl ein Einziger nur zurück, welcher in der neuen Welt die Verwirklichung seiner Träume und Hoffnungen gefunden hat!«

»Nach Amerika! mein Gott, aus welchen Gründen?« rang sich mühsam von den Lippen Ihre Hoheit.

Die Herrin von Altingen blickte treuherzig empor. »Er hat Schulden gemacht, Hoheit, welche ihm kein Mensch bezahlen will, und da es meistens Ehrenschulden, teilweise wohl vom Spieltisch sind, so bleibt ihm nichts Anderes übrig, als den bunten Rock auszuziehen und Deutschland für immer Lebewohl zu sagen. Er thut mir unendlich leid, denn ich bin überzeugt, daß seine edlen und braven Eigenschaften den Leichtsinn überwiegen, an welchem wohl das luxuriöse Leben der Residenz und die kostspieligen Anforderungen des Regimentes einen großen Teil Schuld tragen!«

Die Prinzessin hob den entfalteten Fächer vor die Lippen.

»Hat ihm nicht seine Mutter ein bedeutendes Vermögen hinterlassen?« fragte sie, »so viel ich mich entsinne, war Frau Marianne die Erbin großer Fabriken?«

»Welche nach acht Jahren bankerott machten, ganz Recht, Hoheit«, nickte Ruth, »so viel ich hörte, ist nur ein ganz bescheidenes Kapital gerettet!«

»O mein Gott!« und Josephine faltete die Hände und neigte das greise Haupt tief auf die Brust. »Ich habe nie von diesen Verhältnissen Näheres gehört«, sagte sie leise. »Dieser Lieutenant soll seinem Vater ähnlich sehen, er ist brünett?«

»Und groß und schlank, mit überaus regelmäßigen Zügen und berühmt schönen Augen«, fügte Ruth eifrig hinzu, »er gilt für den schönsten Mann der Garnison!«

Die Prinzessin versuchte zu lächeln. »Hat meine kleine Ruth vielleicht in diese gefährlichen Tiefen geschaut und recht oft Walzer mit dem eleganten Ulan getanzt?« scherzte sie mit bleichen Lippen. »Die Angelegenheit des Freiherrn scheint Sie recht lebhaft zu interessieren?«

»Insofern, Hoheit, als ich unendliches Mitleid mit ihm habe!« rief Ruth voll überzeugender Herzlichkeit, »stände es in meiner Macht, ihm zu helfen, ich thäte es lieber heute wie morgen, denn es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren!«

Die Portieren der Thür regten sich, zwischen ihnen erschien die kernige Gestalt des Prinzen Leopold, sich auf den Stiefelhacken drehend, um noch zurück in das andere Zimmer zu sprechen.

Die Prinzessin neigte sich hastig zu Ruth nieder und hob den entfalteten Fächer schützend vor das Gesicht. »Ich erwarte Sie morgen Abend zum Thee bei mir, liebstes Fräulein von Altingen«, flüsterte sie mit schnellem Seitenblick auf den fürstlichen Seefahrer, »es ist hier nicht der geeignete Ort, um über diese Angelegenheit zu sprechen, und ich wünsche doch noch einige Details von Ihnen zu erfahren! Seien Sie um sieben Uhr bei mir, wir werden ungestört sein und – Sie beobachten tiefstes Schweigen über diesen Punkt, Ruth, ich verlasse mich auf Sie!« fügte sie mit fast verlegenem Erröten hinzu.

»Hoheit können vollkommen beruhigt sein!« nickte Erlkönigin mit strahlendem Lächeln, »ich werde mich morgen Abend rechtzeitig zur Stelle melden!«

Josephine lehnte sich tief aufatmend in die Causeuse zurück, ihre wachsbleiche Hand griff nachlässig in die überhängenden Blattschlingen der wuchernden Epheukoulisse zu ihrer Rechten und ließ die kleinen Ranken in nervöser Unruhe durch die schlanken Finger gleiten. »So freuen Sie sich also auf den nächsten Hofball, liebe Altingen?« fragte sie unbefangen zu dem jungen Mädchen nieder, »so viel ich hörte, soll es ein glänzendes Fest geben, schon zu Ehren meines Neffen Leopold!«

Ruth konnte nicht mehr antworten, denn schon stand der Genannte mit schnellen Schritten vor den Damen, und, die Hände in seiner ungenierten Weise in die Hüften stützend, das Haupt aber voll feierlicher Komik wiegend, flog sein lebhafter Blick von einem Gesicht zum andern.

»Hm, also hier in der entferntesten kleinen Koje haben die Herrschaften Anker geworfen«, sagte er mit seiner sonoren, etwas von dem heimatlichen Dialekt beherrschten Stimme, »na, weißt Du, Tante, dazu bin ich doch weiß Gott auch nicht nach Hause gekommen, daß ich allein Fliegen an der Wand fange! Georg und die gnädigste Schwägerin haben Sangoulème ins Treffen genommen und lassen sich von ihm meine Schandthaten vorschnurren. Die alte Lersneck wollte mich über die Poesie des Seelebens ausquetschen, und die Komtesse Sternow kocht bereits eine halbe Stunde an ihrem Thee und wenn ich in die Nähe komme, schreit sie wie besessen: ›Um Gotteswillen, Hoheit kippen die Sahne um!‹« – Der Prinz persiflierte mit höchster Fistel die Besorgnis der jungen Dame. »Na, und schließlich der Kammerherr von Meisenheim – da kann doch kein Christenmensch verlangen, daß ich mich mit dieser auswattierten Fledermaus unterhalte! Hahaha! Weißt Du, Tante, wie mir der Kerl vorkommt?« Und Prinz Leopold saß mit schneller Volte neben Josephine auf der Causeuse und schlug sich in unverblümtestem Vergnügen klatschend auf das Knie, »wie ein Hampelmann, dessen Nase den heiligen Beruf hat, unser Parkett zu zerkratzen. Nicht wahr, Fräulein von Altingen, seine Komplimente gefallen Ihnen doch auch?«

Ruth lachte laut auf, Prinzessin Josephine aber legte mit mißbilligendem Kopfschütteln ihre Hand auf die des jugendlichen Sprechers.

»Du hast Dich in den zwei Jahren zur See wenig verändert, Leopold!« sagte sie mit mildem Ernst, »Du bist noch immer der gerade, rücksichtslos seine Ansicht aussprechende Mensch von ehedem! Meisenheim hat manch' komischen Zug in seinem Wesen, aber er ist der erprobte aufopfernde Freund unseres Hauses, und speziell Deines Bruders Georg, das darfst Du nicht vergessen!«

»Du liebes, gutes Tantchen redest ja so vernünftig, als ob Du selber glaubtest, was Du da sagst!« lachte Leopold, den Arm zärtlich um die alte Dame legend, und mit der freien Hand ungeniert ihre Wange klopfend, »daß ich noch der Alte geblieben bin, das ist ja das Allerschönste, was ich Dir mitbringe, siehst Du hier, da sitzt er noch vor Dir, der liebe ungezogene Schlingel, der jeden Tag ein anderes Malheur angestiftet hatte, der den Damen die Schleppen abtrat und den Herren mit Kreide kleine Teufelchen auf die schwarzen Frackbuckel malte! Es ist einmal so, ich bin wie ich bin und da hilft Euch allen kein Gott von! Denk Dir doch mal selber, Tante Josephine, wenn ich nun vor Dir stünde, ein Abbild jenes sanften Jünglings, von welchem Heine singt:

Zierlich sitzt ihm Rock und Höschen,
Doch noch zierlicher die Binde,
Und so kommt er jeden Morgen
Fragt, ob ich mich wohl befinde!

Dir würde doch selber schlecht bei diesem Anblick, und Du hieltest mich ebenso gut für ein Kameel von Gottes Gnaden, wie ich mich selber dafür halten würde!«

»Aber Leopold!«

»Nun ja! Jetzt bist Du schon wieder über das Kameel erschrocken, und das ist doch nun so ein schönes ausdrucksvolles Wort, wo noch Saft und Kraft drin liegt! Sieh doch mal da Fräulein von Altingen an! Die lacht doch auch darüber und findet, daß ich einmal wieder ganz recht habe!«

Auch die Prinzessin lächelte. »Ich dachte, Du wolltest uns zum Thee holen, Leopold, wie steht es denn damit?«

»Leider sehr lumpig!« seufzte Seine Hoheit auf, »Butterbrote haben sie geschnitten, so dünn, daß der Tag durchscheint und für uns Alle eine Kanne Thee, gucke mal, so hoch! Mehr als zwei Liter gehen nicht hinein und auf dem Schiff trank ich allein den halben Kessel aus! Schlimme Aussichten für Einen, der so zweimal drei Finger dick um den ganzen Laib gewöhnt ist. Nein, Tante, es ist nichts bei Euch, erst ignoriert und dann verhungert, laßt Euch einpacken!«

»Ja, es ist entsetzlich wie Du behandelt wirst, poor boy!« nickte die Prinzessin amüsiert, seine markige Gestalt mit einem Blick zärtlichen Stolzes messend, »ich werde Sorge tragen, daß der Hofbäcker größere Brote schickt und Dir für diesen Abend den Pumpernickel vis-à-vis stellen! Und nun gieb mir Deinen Arm, mein Liebling, und laß uns sehen, wie weit die Komtesse mit ihrem Thee gekommen ist; sieh an, über einen halben Kopf bist Du in den zwei Jahren gewachsen!« unterbrach sie sich plötzlich, neben ihm stehend und sich fest auf seinen dargereichten Arm stützend, »früher konnte ich Dir noch über die Schulter sehen, jetzt blicke ich zu Dir empor wie an einem stolzen Eichbaum!«

Leopold zog ihre schmächtige Gestalt liebkosend an sich. »Ja, Tante, kräftig sind diese beiden Arme geworden, wenn es Dich zu schützen und zu hüten gilt, sogar riesenkräftig! Mein fürstlicher Urahne mütterlicherseits hat einen Bären im Wappen geführt und darunter geschrieben: ›Stärke macht frei!‹ Ich führe nun zwar nicht dieses Schild, aber ich huldige seiner Devise, und wenn die Leute von mir sagen: ›Der ist so plump und derb und ungeschliffen wie ein Bär‹, dann werden die parfümierten Hofjunker mitleidig die Achseln zucken und ›leider ja!‹ hüsteln, wenn aber der Bär mit seinen gewaltigen Pranken einmal zwischen diese Race mit Schlappohren fährt und aufräumt, dann werden sie seiner Stärke ein zitterndes Halleluja singen und das Publikum wird Bravo klatschen und sagen: ›Heil uns, daß er ein Bär ist!‹«

Prinz Leopold hatte mit wachsender Erregung gesprochen, sein anfänglicher Scherz war in bitteren Ernst übergegangen.

Mit schnellem Lächeln zog er die Hand Josephines an die Lippen. »Und nun laß uns gehen, Tantchen, ich höre schon die Tassen klirren, und dem armen Sangoulème wird mit der Zeit wohl auch der Stoff ausgegangen sein, 's giebt eben zu erbärmlich wenig von mir zu erzählen, Dein Neffe ist ein verzweifelt uninteressanter Kerl, seit sein Humor den fruchtbaren Boden der Residenz entbehren mußte! Bitte, Fräulein von Altingen, folgen Sie errötend unsern Spuren!« Und mit chevaleresker Verneigung schlug er die schwere Atlasportière zurück und führte die alte Dame sorglich durch die anstoßenden Räume in den Salon der Herzogin, in welchem der Thee serviert wurde.

Prinz Leopold war ein Original. Hoch und kräftig gebaut, ein Bild strotzender Kraft und Jugendfrische, war er nach zweijähriger Seereise als zwanzigjähriger Lieutenant zur See heimgekehrt, es energisch von sich weisend, durch schnelleres Avancement seine Kameraden zu überflügeln. Seine Züge waren frisch, voll und rosig, ein erster Anflug von Schnurrbart kräuselte sich blond über der Oberlippe, mit dem Haupthaar harmonierend, welches in üppiger, leicht gewellter Fülle auf die hohe, überaus markige Stirn fiel. Ein Zug fast kindlichen Übermuts und Heiterkeit lag auf seinen Zügen, treuherzig, hell und blitzend waren die Augen, und frei und schön gewölbt die dunkeln Brauen, welche sie überspannten. Er hatte eigentümliche Passionen, vor Allem die eine, jede Spur von höfischer Steifheit und Formwesen energisch abzuschütteln: wehe dem armen Opfer, dessen lächerliche Prüderie oder outrierte Etikette den stets schlagfertigen Witz des Prinzen herausforderte und sich für ewige Zeit zum Stichblatt seines Sarkasmus machte.

Mit fast leidenschaftlicher Zärtlichkeit hing er an Prinzessin Josephine, welche seit langer Zeit schon Mutterstelle an dem jung verwaisten Knaben vertreten hatte. Wenn er eifrig arbeitete oder schrieb, hatte er die Angewohnheit, leise und hastig vor sich hin zu pfeifen, ritt er spazieren, ging es mit Vorliebe querfeldein, besuchte er die Jagd, so war es meistens allein auf dem Pirschgang oder Anstand, eingelapptes Wild verschmähte er, und passierte er eine glatt und frisch beschneite Stelle unterwegs, so gehörte es zu seiner Eigenheit, spaßhafte Figuren oder fliegende Worte mit seinem Stocke einzuschreiben. Der Prinz hatte viele Freunde, viele Feinde am Hof, welche allerdings ein Mäntlein grinsendster Devotion um ihre geheime Bosheit zu hängen verstanden und wohl berechnet die scharfen Krallen unter dem Sammetfellchen kriechender Schmeichelei zu hüten wußten! Wäre es doch unverzeihlich leichtsinnig gewesen, sich die Gunst des dereinstigen Herrschers zu verderben. Nach menschlichem Berechnen war Prinz Leopold der dereinstige Thronfolger seines bedeutend älteren Bruders Georg. Bereits eine Reihe von Jahren vermählt, war dem jungen Herzogspaare nur eine kleine Prinzessin geboren und Prinz Leopold in Folge dessen der voraussichtliche Thronfolger seines Bruders, ein Umstand, welcher dem jungen Fürsten selber als unwillkommene Schranke seines bisher so freien Lebens vor Augen stand, den Kreaturen des Hofes jedoch die Maske der Klugheit auf die Gesichter zwang, hinter welcher Furcht und Rachsucht ihre ohnmächtigen Pläne schmiedeten.

In dem Salon der Herzogin war der Thee eingenommen; noch saßen die hohen Herrschaften um den runden, von Silbergeschirr blitzenden Tisch, über dessen Mitte sich die drei Kuppeln einer Lampe in ihren äußerst geschmackvollen Krystallgehängen wiegten. Im Kamin flackerte ein helles Kienfeuer, in kurzen Zwischenräumen von dem lautlos gleitenden Lakaien geschürt, und auf dem geöffneten Flügel strahlten vielarmige Girandolen, in Gestalt und Farbe mit den Wandleuchtern harmonierend, welche ringsum aus der Atlasdraperie der Wände tauchten.

Die Herzogin ließ sich von Comtesse Sternow ihre Handarbeit reichen und zog die bunten Seidenfäden gemächlich durch den feinen Battist, ihre schlanken Hände arbeiteten graziös, und die Brillanten blitzten an ihren Fingern. Fräulein von Sanden formte an einer zartgelben Wachsrose, sich öfters unterbrechend, um das Kunstwerk der Prinzessin Josephine herüberzureichen, welche mit liebenswürdigem Interesse die Geschicklichkeit ihrer Hofdame bewunderte.

Sangoulème unterhielt sich fast ausschließlich mit dem Herzog, höflich die zeitweisen Fragen der Damen beantwortend, sich jedoch niemals direkt an Fräulein von Altingen wendend.

Er war Ruth vorgestellt worden und hatte sich tief und gemessen verbeugt, ohne das jähe Erbleichen im Antlitz der jungen Dame zu bemerken. Er wurde nicht von ihr angeredet, und so wandte er sich nach kurzer Pause an Herrn von Meisenheim und fragte dieses und jenes, lauter ganz gleichgiltige Dinge. »Sie redete mich nicht an, sie wollte mich also wirklich nicht kennen«, zuckte es ihm jäh schmerzend durch den Sinn – »unbesorgt, Erlkönigin, ich werde Dich nicht mit meiner unliebsamen Gesellschaft belästigen!« Und Ruth biß die Zähne zusammen und dachte: »Er läßt sich mir vorstellen? Er dokumentiert dadurch, daß er mich nicht besser kennen will als jede Fremde!«

Jetzt saß sie neben Prinz Leopold und unterhielt sich ganz herrlich. Ihr frisches natürliches Wesen heimelte den jungen Fürsten an, ihre schlagfertigen Antworten amüsierten und die originelle Art ihrer Ansichten interessierte ihn.

»Morgen ist Sonntag!« sagte er, die Daumen um einander drehend, »da muß man natürlich fromm sein und in die Kirche gehen! Was ist denn das für ein lumen, der neue Stiftsprediger, welcher sich während meiner Abwesenheit so gewaltige Sympathieen erworben hat?«

»Bedaure, Hoheit, keine Auskunft über diesen Punkt geben zu können, ich hörte den Herrn nur ein einziges Mal!«

Comtesse Sternow horchte hoch auf und auch Fräulein von Sanden ließ für den Augenblick ihre Rose sinken.

»Sie kennen ihn nicht?« wiederholte Leopold mit hellem Lachen. »Alle Wetter! Zwei Jahre hier und nur ein einziges Mal in der Kirche gewesen? Das ist ja famos! Was sagt die Frau Landjägermeisterin dazu, Sie Ketzerin?«

Comtesse Sternow's Augen schillerten, sie warf die blonde Locke, welche über ihre Schulter gefallen war, zurück, und rümpfte die Nase.

»O bitte um Verzeihung, Hoheit«, verwahrte sich Ruth seelenruhig, »ich gehe jeden Sonntag in die Kirche, aber nicht zu dem Herrn Stiftsprediger!«

Das Gesicht des Prinzen ward ernster, lebhafte Spannung malte sich auf seinen Zügen: »Nicht zum Stiftsprediger?« wiederholte er voll scharfer Betonung, »wo gehen Sie sonst hin?«

»In die Markuskirche zu dem Konsistorialrat, Hoheit!« klang es gelassen von der Erlkönigin Lippen, »seine Predigt mutet mich mehr an und hat meiner Ansicht nach bedeutend mehr Gehalt und Tiefe, als der glänzende Wortreichtum jenes Fremden.«

»Ihre Behauptung ist etwas stark, Fräulein von Altingen!« fuhr Comtesse Sternow mit bissigstem Tone auf, so laut, daß die Herzogin sie hören mußte, »ich habe –«

»Haben Sie die Gewogenheit, Comtesse, und schenken Sie mir noch eine Tasse Thee ein!« fiel ihr Prinz Leopold kühl ins Wort, »aber geben Sie Acht, daß er nicht bitter wird! Also in die Markuskirche gehen Sie, Fräulein von Altingen? Sie wagen es, der öffentlichen Meinung und dem Edikt der strenggläubigsten Dame der Residenz keck die Spitze zu bieten? Hut ab vor solcher Kourage! Überhaupt, Fräulein von Altingen, ich habe gleich vom ersten Augenblick an bemerkt, daß Sie sich verteufelt wenig aus der Chronique scandaleuse machen, in welche man mit höchst spitzem Griffel die Konduiten der fremd erscheinenden Gesellschaftselemente zeichnet! Das gefällt mir, wir werden in dieser Beziehung Leidensgenossen sein!«

Comtesse Sternow hielt momentan mit Einschenken inne.

»Hoheit scheinen unsere arme Residenz mit sehr argwöhnischen Blicken anzusehen!« klang es mit sanftem Augenaufschlag. »Sie führt wahrlich nicht Buch über die vielen Sonderlinge, welche Jahr aus, Jahr ein vor ihren Augen in buntem Schwarm vorüberschwirren, es giebt zu viel wunderbare Heilige in der Welt, um ihre Einzelheiten zu analysieren; wenn man aber merkt, daß gewisse Menschen förmlich etwas darin suchen, aus purer Eitelkeit, vielleicht um sich interessant zu machen, die öffentliche Meinung herauszufordern und ihr direkt entgegen zu handeln, so finde ich es nur verzeihlich und ganz gerechtfertigt, wenn die Gesellschaft solchen Leuten keine besonders freundschaftlichen Gefühle entgegen bringt!«

Ruth begegnete lächelnd dem scharfen Seitenblick der Sprecherin, in die Schläfen Leopolds aber stieg leise Röte des Unmuts.

»Die Gesellschaft duldet kein fremdes Urteil neben dem ihren«, entgegnete er zurückgelehnt, mit verschränkten Armen, »wenn es auch noch so treffend seine Thesen in Anschlag bringen kann; die Gesellschaft hat eben ihren Leithammel, welchem sie blindlings folgt und nicht lange fragt, mit welchen Sophismen der Weg gepflastert ist, auf welchem er das Häuflein seiner Getreuen führt! Mag sie ihm immerhin folgen, ich wünsche von Herzen Glück dazu, wenn ich nur nicht mit in Reih und Glied zu marschieren brauche und dereinst in einen andern Himmel komme als diese Auserwählten des Geistes. Also in die Markuskirche gehen Sie morgen, Fräulein von Altingen? Da will ich Ihnen mal was sagen, ich gehe mit! Der alte Konsistorialrat ist ein ganz famoser Kunde, der hat Haare auf den Zähnen, und kann zur Not ganz unvernünftig grob werden, der Mann gefällt mir, wir passen zusammen! Aber hören Sie mal«, fuhr er zu Ruth gewendet fort, »Sie bringen das Gesangbuch mit, ich glaube, mein altes ist flöten gegangen, und auswendig kann ich nichts mehr, dann lassen Sie mich mit einsehen bei Ihnen, wie früher, wo der gute Meisenheim da mit mir zusammen Andersens Märchen durcharbeitete!«

Der Genannte ließ wie elektrisiert die soeben zur Theetasse erhobene Hand sinken und placierte sie in äußerst graziöser Stellung zärtlichst auf der Brust. »Unvergleichliche Erinnerung!« hauchte er.

»Ich werde Hoheit mein Buch ganz zur Verfügung stellen«, versicherte Ruth scherzend, »ich singe nicht und würde sehr glücklich sein, den Kirchenchor um einen Tenor vervollkommnen zu helfen!«

»Dann kommen Sie bei mir allerdings an den Rechten!« lachte Leopold amüsiert, »ich singe meistenteils vorbei, und eigentlich nur dann mit Gefühl, wenn ich mich auf meiner Zither begleiten kann, so etwa: ›Es war als hätt' der Hammel die ... Herde still geküßt!‹« und dabei summte er die Melodie leise vor sich hin, »fragen Sie mal Sangoulème, wie oft ich ihn mit solchen musikalischen Momenten zur Verzweiflung gebracht habe!« Allgemeines Gelächter.

»Apropos«, rief die Herzogin lebhaft aufschauend, »wenn ich recht unterrichtet bin, so ist Herr de Sangoulème selbst Sänger, und zwar ist er im Besitz einer vortrefflichen Baritonstimme! Geben Sie uns ein Lied zum Besten, Baron!« wandte sie sich direkt an Norbert, »Sie finden ein sehr dankbares und erfreutes Auditorium!«

Norbert erhob sich, tiefe Glut flammte über sein bleiches Gesicht. »Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit«, entgegnete er leise, »ich singe wohl mit ungeschulter Stimme ein paar einfache Musikstücke, dieselben jedoch auf dem Klavier zu begleiten, ist für meine wetterharten Seemannshände ein unüberwindliches Hindernis!«

»Ah, ich stelle meine schwachen Kenntnisse zur Verfügung!« rief Fräulein von Sanden, sich lebhaft erhebend, »dort auf dem Flügel finden wir sicher ein paar bekannte Kompositionen, Schumann, Mendelssohn, Schubert, singen Sie nichts aus den Müllerliedern?«

Norbert folgte der jungen Dame, welche mit leichten Schritten an das Instrument trat und die weißen Notenblätter auseinander legte. Schnell wie der Gedanke war auch Herr von Meisenheim zur Stelle, mit nervöser Galanterie möglichst viel Verwirrung zwischen den Heften anzurichten.

Endlich hatte der junge Seemann ein bekanntes Lied gefunden, momentan zögernd hielt er es in den Händen und die dunkeln Augenbogen falteten sich auf der stolzen Stirn, dann reichte er die Noten hastig zu Fräulein von Sanden herüber und fragte mit schneller Verneigung: »Würde es Ihnen recht sein, diese Piece zu akkompagnieren?«

»›Erinnerung‹ von Freiherr Goeler von Ravensburg« las die Hofdame halblaut, und einen prüfenden Blick auf die Noten werfend, ließ sie sich auf den Klaviersessel nieder und schlug präludierend die einzelnen Akkorde an.

Die Herzogin ließ die Arbeit sinken und lauschte zu dem jungen Sänger auf, mit gefalteten Händen und tiefgeneigtem Haupte saß Prinzessin Josephine, und Comtesse Sternow entfaltete einen gewaltigen roten Fächer und bewegte ihn im Takte vor ihrem äußerst gespannten Gesicht auf und nieder.

»Nun kann's losgehen, in Gottes Namen!« seufzte Prinz Leopold resigniert, warf sich in seinen Sessel zurück und streckte die Füße weit von sich auf das Parquet, in privater Belustigung die Lichtreflexe auf den nicht allzu kleinen Lackstiefeln studierend.

Und Norbert sang.

Es war eine wundersame Innigkeit der Empfindung, mit welcher der junge Offizier das köstliche Lied Goelers wiedergab, und Ruth lehnte das blonde Köpfchen zurück und konnte den Blick nicht von ihm losreißen. »Und denk dabei mit Wehmut wieder und doch so gern der alten Zeit!« klang es voll ergreifender Leidenschaft von seinen Lippen, mit jähem Aufblick traf sein dunkles Auge dasjenige der Herrin von Altingen, und es war Ruth, als flamme mit diesem Blick ein nie gekannter Schmerz durch ihre Brust, einsam und allein kam sie sich plötzlich inmitten all der ersehnten Herrlichkeit vor, wie im Traum stieg der nächtliche Park ihres lieben Heimatschlosses vor ihr auf, das weiße Steinbild im Taxusgang, wo jenes schöne Antlitz in treuester innigster Lauterkeit liebeflehend zu ihr aufgeschaut hatte. »Verloren, verloren!« klang es ihr wie fernes Waldesrauschen durch den Sinn, und sie neigte das Haupt und wiederholte tief im Herzen »verloren!«

»Süperb! süperb!« klatschte Herr von Meisenheim mit tausend entzückten Komplimenten, lehnte sich auf Ruths Sessel und flüsterte ihr ins Ohr: »Ein Glückskind, dieser Sangoulème, der wird noch die Welt von sich reden machen!«

Fräulein von Sanden erhob sich und die Herrschaften überschütteten Sangoulème mit Lob und Beifall. Die Comtesse Sternow ließ den Fächer sinken und spendete dem Sänger die schmachtendsten Blicke. Ruth aber saß stumm und schweigend, was lag dem gefeierten Mann wohl an dem Lobe – einer Fremden?

Die Villa Olivia strahlte im sonntäglichen Sonnenglanz. Der Morgen war trübe und kalt gewesen, die ersten Schneeflocken wirbelten durch die Luft und woben einen frostigen Brautschleier um die Stirn der Erde; leise und rastlos fielen sie nieder und die Steinbilder der Altingen'schen Villa hüllten sich in fleckenloses Weiß.

Dann jedoch waren einzelne Sonnenstrahlen durch die graue Wolkenschicht gebrochen, scheu und zaghaft erst, allmählich aber anwachsend zu blendenden Strahlengarben, welche tausend helle Diamanten über die schlanken Baumzweige streuten, und schließlich ausflutend in goldenes Licht, dessen freundliche Pracht auch in den Zimmern der Villa Olivia seine heiteren Reflexe weckte.

Ruth war aus der Kirche heimgekehrt, sie hatte Hut und Pelz in ihrem Zimmer abgelegt und schritt nun durch eine lange Flucht des Salons, um eine begonnene Malarbeit bei Ännchen zu vollenden. Auf weichem Teppich verhallten ihre Schritte, und wie sie sich der geöffneten Thür näherte, schrak sie jäh zusammen unter dem Klange einer gar wohlbekannten Stimme, welche herzlich und melodisch zu ihr herüber ertönte.

Zögernd trat sie zu der Portière und zog sie leicht bei Seite.

Am Fenster stand Ännchen im hellen Sonnenlicht, schlank und liebreizend wie die zierlichen Birken am Forsthaus, mit welchen sie um die Wette empor gewachsen war, und neben ihr die hohe Gestalt des Marineoffiziers, versunken in den Anblick des jungen Mädchens und lächelnd in der Freude des Wiedersehens.

Tausend zärtliche Worte plauderte das rosige Waldeskind, schlang den Arm um den Nacken des Vetters und lehnte sich so innig an seine Brust, als sei dieser Platz ganz selbstverständlich für sie, als könne ihn ihr kein Mensch auf Gottes weiter Welt streitig machen!

Ein schönes Paar, so verschieden und dennoch wie geschaffen für einander.

Ein nie gekanntes Gefühl zuckte durch Ruths Seele, es war ihr, als müsse sie sich zwischen die beiden Menschen drängen und in wildem Zorn jenes Mädchen von seinem Herzen reißen in leidenschaftlicher Frage: »Was willst Du hier? Wer giebt Dir das Recht, so neben ihm zu stehen? Mich hat er zuerst geliebt!« Und sie strich langsam mit der Hand über die Stirn und senkte das Haupt. »Er hat mich geliebt, was bin ich ihm jetzt noch?« Dann aber preßte sie die Lippen zusammen, warf das Haupt stolz in den Nacken und verließ das Gemach, lautlos und unbemerkt, wie sie gekommen war.

Ännchen sah nach der Uhr.

»Ruth muß jetzt aus der Kirche zurück sein«, sagte sie eifrig, »ich werde hinübergehen und sie benachrichtigen, daß Du hier bist, Norbert, wie wird sie sich freuen, Dich wiederzusehen!«

Ein schneller Schatten flog über seine Stirn. »Glaubst Du, Kind?« fragte er fast bitter, »bleib hier, mein Besuch möchte die Herrin von Altingen stören, und das sollte mir leid sein. Meine Zeit ist übrigens auch abgelaufen, ich werde im Schloß erwartet. Leb wohl, Bäschen, sei mir nicht böse, wenn ich nicht noch einmal komme, es wird mir bei dem besten Willen nicht möglich sein, oder höchstens nächsten Sonntag während der Kirche.« Und herzlich ihre beiden Hände fassend, fügte er erregt hinzu: »Ich reise in fünf Tagen zu Großmütterchen in den Wald, komm auch heim, Ännchen, zu unseren lieben Tannen und dem dunklen Kleegrund, dort wohnt Frieden und Ruhe, dort sind wir zu Hause, dort gehören wir hin! Hier diese fremde Luft erstickt uns einfache Menschen, sie wird die unschuldige Waldesblume mit falschem Farbenglanz schminken und ihr den Blütenstaub kindlicher Zufriedenheit abstreifen! Es taugt nicht für uns, Ännchen, wenn wir vermessen die Flügel heben wollen, der Falter muß sein Leben lassen, wenn er zum stolzen Lichte strebt und das Herz wird gebrochen, wenn es lieben will, was unerreichbar ist!«

Fast heftig preßte er ihre kleine Hand. »Komm heim, Anna, komm heim!« Und mit schnellen Schritten stand er an der Thür, hastig davoneilend, als brenne plötzlich der Boden unter seinen Füßen. Ännchen sah ihm kopfschüttelnd nach, ging hinüber zu Ruth und schlang den Arm um sie.

»Eben war Norbert da, er ist so groß und schön geworden, aber glücklich ist er nicht, Ruth, Du bist ja so gut und freundlich zu allen Menschen, frag ihn, was ihm fehlt und hilf ihm!«

»Willst feiner Knabe Du mit mir gehen?«

In dem Zimmer der Prinzessin Josephine brannte eine gedämpfte Kuppellampe auf dem Tisch. Es war still und friedlich ringsum, nur die leise Stimme Ruths flüsterte eifrig und schnell zu der alten Dame auf, welche tief eingeschmiegt in den altmodischen Lehnstuhl, die bleichen Hände gefaltet im Schöße hielt.


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