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»Wer könnte Ihnen zürnen, mein gnädiges Fräulein!« erwiderte Norbert mit schnellem Lächeln, heiße Glut brannte auf seinen Wangen und jagte seinen Atem. »Ich schätze Ihre Aufrichtigkeit und danke Ihnen dafür. Mag die Residenz immerhin über meine brave, edle Mutter die Achseln zucken, die ganze Welt ist nicht wert, daß ich sie darum hasse, und von Ihnen nehme ich ja beim Abschied die Gewißheit mit, daß Sie diese engherzigen Ansichten nicht teilen!« Er stand hastig auf und verneigte sich. »Der Tanz wird gleich zu Ende sein, darf ich noch einmal um die Ehre bitten?«

Alice erhob sich und legte ihren weißen Arm auf den seinen. »Zürnen Sie der Residenz nicht so sehr, daß Sie ihre Nähe in Zukunft meiden«, flüsterte sie zu ihm empor, »es schlagen Ihnen auch treue Herzen hier, welche zuversichtlich auf ein Wiedersehen hoffen!« Sie senkte den dunklen Lockenkopf, die weißen Rosen zitterten an seiner Brust und süßer Duft stieg betäubend aus den wogenden Spitzen empor. »Ja auf Wiedersehen«, sagte er wie im Traum, und flog auf den weichen Walzerklängen in die bunte Flut des Tanzes hinein.

Norbert hatte sich von Alice verabschiedet, er stand inmitten der staunenden Menge und versuchte vergeblich einen Ausweg zu finden. Vor ihm, dicht an die weiße Säule gelehnt, standen zwei Infanterieoffiziere.

»Lächerlich, Babendorf!« sagte der Eine, eine auffallend hagere Erscheinung mit krausem Haupthaar und einem Anflug von Bart auf der breiten Oberlippe, »warum sollen wir denn nicht bei den Leuten Besuch machen? Der Alte war ja allerdings ein Pferdehändler, getaufter Jude, hat eben klein angefangen; aber jetzt ist er ein gemachter Kerl, steinreicher Knopp, giebt famose Diners, und seine Töchter sind als Zugabe auch nicht zu verachten.«

»Jude! Jude!« näselte Herr von Babendorf mit vergeblichem Versuch, seine kleine Figur emporzurecken, »es ist dem Menschen ja nur darum zu thun, die roten Kragen als nobele Dekoration für seine Salons zu gewinnen, und ich bin der Ansicht, daß wir uns geradezu wegwerfen!«

Lieutenant von Frisch zerrte ostensibel an seinen paar Schnurrbarthaaren. »Ich will Ihnen mal etwas sagen, cher ami,« lächelte er von oben herab, »der junge Offizier muß Besuch machen, wo ein Schornstein dampft, hier oder dort! Was ist schließlich der alte Oberst a. D. von Rodeck besser als ein Hühnerhändler? Er verkaufte seine Eier und Hähne ebenso unverschämt teuer, wie jeder erste, beste Handelsjude, und trotzdem gehen wir sämtlich hin und lassen es uns wohlschmecken in seinem Hause!« –

Sangoulème drängte sich mit verzweifelter Anstrengung vorwärts. Ein Gefühl namenloser Bitterkeit und Unlust bemächtigte sich seiner, die Residenz und ihre Bewohner begannen ihm widerwärtig zu werden. Abermals war seine Bahn gehemmt, vor ihm saß die ganze Reihe der chaperonnierenden Ballmütter.

»Auffallend! Entsetzlich extravagante Toilette!« zischelte die korpulente Exzellenz ihrer gräflichen Nachbarin zu, »sie will eben absolut etwas herausbeißen! Alles soll neu, Alles soll apart an ihr scheinen, natürlich, dadurch fesselt man die Herren am besten!«

»Sie kann sich schließlich alles erlauben, beste Generalin!« sekundierte die andere eifrig, »sie hat ja ihre Dukatensäckel im Hintergrund, da drückt alle Welt die Augen zu! Eine von unseren Töchtern sollte sich einmal so frei benehmen, sich so den Hof machen lassen!«

»Wie kommt es denn eigentlich, daß Altingen schon bei Lebzeiten des Vaters ihr gehört?«

»Sehr einfach, meine Gute! Der Freiherr heiratete die sehr vermögende Gräfin von Saaleck-Hardenburg, die ehemalige Hofdame der Prinzessin Josephine, welche von ihrem Kapital das damals entsetzlich verschuldete Altingen loskaufte, und es somit zu ihrem Eigentum machte. Nach ihrem Tode erbte Ruth selbstverständlich.«

Es war, als wolle die schwüle Luft den jungen Seemann ersticken, mit fast unhöflicher Hast bahnte er sich einen Weg durch die Stühle und belorgnettierenden Damen und stürmte wie ein Fiebernder durch die zwei anstoßenden Räumlichkeiten in den Wintergarten hinaus.

Eine feuchtwarme, tropische Luft wehte ihm entgegen, mächtige Palmengruppen erhoben ihre stolzen Kronen bis fast zu der gewölbten Glasdecke des Gewächshauses, umwuchert von mannigfaltigsten Farnen, Draceen und Aralias, unter deren üppigem Grün sich kleine Grotten und Moosbänke traulich versteckten.

Norbert schritt über den weichen Sand und teilte die Zweige eines dichten Lorbeer- und Oleandergebüsches. Wie ein Totmüder warf er sich auf den niederen Ruhesitz, stützte den Kopf in die Hand und starrte vor sich nieder auf die kleinen Schlingpflanzen, welche mit saftfrischen Ranken an dem künstlichen Felsgestein emporkletterten.

»Also bis zur Verleumdung ließ sich Erlkönigin von ihrem Haß und Hochmut hinreißen!« lachte er fast bitter auf; »so tief hat bereits das Gift der Residenz ihr reines stolzes Mädchenherz durchdrungen, und aus dem süßen Engelskopf der Unschuld ein Zerrbild elendester Heuchelei und Falschheit gemacht! Ihr sonnigen, goldenen Tage jenes ersten Wiedersehens, o wäret ihr mir niemals begegnet, oder hättet ihr mich mit euch versinken lassen, ehe ihr das holde Bild meines Jugendtraumes so grausam zerschmettert!«

Die weißen Orangenblüten umwehten ihn mit betäubendem Atem, wie ein Nebelschleier legte es sich über die Augen des jungen Mannes, regungslos verharrte er in seiner Stellung, und die wiegenden Musikklänge schallten wie gedämpftes Echo aus dem Tanzsaal zu ihm herüber.

Da klangen leise, hastige Schritte hinter dem Kamelienbosquet, begleitet von dem Rieseln seidener Frauenschleppe.

»Und was haben Sie mir nun so Geheimnisvolles zu sagen, Baronesse?« fragte eine sonore Männerstimme in fast vertraulichem Flüsterton, »Sie verlangten, daß ich Sie hierher in den entlegenen Wintergarten führen sollte, und ich gehorchte diesem beglückenden Befehl mit dem stürmischen Wunsche daß Sie mir viel, sehr viel anvertrauen möchten!«

Norbert hob das Haupt, durch die grünen Zweige sah er eine weiße Mädchengestalt stehen, das war Ruth und vor ihr in blitzender Ulanenuniform –

»Das werde ich allerdings, Herr von Otthardt«, entgegnete Erlkönigin ruhig, »denn das, was ich Ihnen zu geben habe, entscheidet über Ihr Geschick. Hier, nehmen Sie. Es ist vielleicht indiskret von mir, auf diese Weise in Ihre Verhältnisse einzugreifen, aber unter guten Freunden gehört sich vor allen Dingen Aufrichtigkeit. Ihre Lage ist mir nicht unbekannt, ich weiß, daß noch nicht eingelöste Wechsel Ihnen ein Fortdienen in der Armee unmöglich machen, und ich freue mich darum, dem König und Vaterland einen Offizier zu erhalten, welcher ihm hoffentlich noch gute Dienste thun wird; der Inhalt dieses Couverts reicht voraussichtlich, um eine günstige Wendung in Ihrem Schicksal zu bewerkstelligen.«

»Mein gnädiges Fräulein – ich begreife nicht –« klang es stotternd von den Lippen des schönen Mannes. Dann knisterte Papier, ein zerrissenes Couvert flog auf die Erde und mit leisem, überraschtem Aufschrei trat Otthardt einen Schritt zurück. »Allmächtiger Himmel, welch eine Summe!« rief er mit erstickter Stimme, »wie soll ich dies deuten, Baronesse, was bedeutet dieses Geld, wie kommen Sie dazu, es mir –«

»Ich sagte Ihnen ja, Herr von Otthardt, zu welchem Zweck es bestimmt ist«, sprach Ruth hastig und schnell, »und nun kommen Sie, bitte, und thun Sie mir den Gefallen, diese Angelegenheit mit keiner Silbe mehr zu erwähnen!«

»Verlangen Sie Alles, nur das nicht!« rief er stürmisch, »sagen Sie zu einem Verurteilten: »ich löse den Strick von Deinem Hals und schenke Dir das Leben, aber frage nicht warum?« Und reichen Sie dem Verdurstenden den frischen Becher und fügen Sie hinzu: »frage nicht von wem.« Glauben Sie, Fräulein von Altingen, daß man Ihnen gehorcht? nimmermehr! Sie geben mir hier ein Kapital und verlangen, daß ich nicht um den Namen der gütigen Fee bitte, welche ihr Füllhorn so plötzlich über mich ausschüttet? Nein, Baronesse, ich lasse Sie nicht eher von der Stelle, bis Sie ihn mir genannt haben; heißt er Ruth?« Er faßte ihre Hand und preßte sie fast ungestüm in der seinen. Wie schwarze Schatten schwamm es vor Norberts Augen.

»Das Geld ist von mir, allerdings«, entgegnete Erlkönigin kühl, es vergeblich versuchend, ihre Hand loszuringen. »Ihren Dank verlange ich aber nicht. Führen Sie mich in den Tanzsaal zurück, ich will es!«

»Und abermals muß ich ungehorsam sein, süße, angebetete Ruth!« rief er leidenschaftlich. »Jetzt sollte ich Sie zurück in Tanz und Gewühl führen, wo ich diese Einsamkeit hier vergöttern möchte, daß sie mir gestattet, ein holdes Rätsel ganz zu lösen? Sie opfern mir ein Vermögen, um mich der Welt und der Armee zu erhalten, und wollen mich glauben machen, Sie verlangten keinen Dank dafür? Ruth, man rettet keinen Mann, wenn man ihn nicht liebt, und wenn mich auch diese urplötzliche Erkenntnis meines Glücks fast zu Boden drückt, wenn mir Ihr ganzes Wesen und Verhalten bis jetzt nie einen Funken dieses Gefühls verraten hat, Ihr jetziges Handeln löst einen jeden Zweifel, ja Ruth, Sie lieben mich!« Er preßte ihre Hände gegen seine Brust und bedeckte sie mit glühenden Küssen.

»Herr von Otthardt!« es war ein Schrei der Empörung, mit welchem die junge Dame ihre Hände losriß, und ihm leichenblaß, mit bebenden Lippen gegenüberstand. Den Kopf stolz in den Nacken geworfen, mit zornflammendem Auge maß sie seine hohe Gestalt.

»Ich verbitte mir Ihre Kühnheiten, Herr von Otthardt«, klang es eisig zu ihm empor, und Ruth wich abermals einen Schritt von ihm zurück, »und ich bedauere jenes Mißverständnis, welches eine so falsche Voraussetzung in Ihrem Herzen weckte. Ich liebe Sie nicht, heute ebensowenig wie je vorher.«

»Nein, Ruth, nein! täuschen Sie sich nicht selbst! aus Mitleid opfert kein Weib ein Vermögen, aus Erbarmen verschleudert es keine Summe wie diese, welche Sie mir soeben in die Hand gelegt, ich verstehe und schätze Ihre Zurückhaltung, aber ich glaube nicht daran, so lange mir diese Scheine hier in den Fingern brennen?« Er sprach voll tiefster Innigkeit, und seine dunklen Augen leuchteten noch beredter als die Worte selbst zu ihr hernieder, stürmisch trat er ihr wieder näher, »Ruth«, fuhr er weich fort, »ich habe nie an die Möglichkeit geglaubt, zärtliche Gefühle in Ihnen wecken zu können, und ich habe es auch nie versucht, aus Angst, daß die verleumderische Welt mein Interesse für Sie falsch auslegen könnte, ich muß offen sein, offen und ehrlich, Ruth, wie es jetzt meine Pflicht ist! Ihr ganzes Wesen und Verhalten zu mir zeigte bis jetzt weiter nichts, als eine große, höfliche Gleichgültigkeit, welche sich als natürlichste Schranke sofort jedem Gedanken an ein fades Courmachen entgegenstellte, nun haben Sie dieselbe aber eigenhändig niedergerissen, und endlich den Schleier fallen lassen, welcher das Geheimnis Ihrer Seele so wunderbar versteckt hat, auch jetzt noch ist mir alles ein großes Rätsel, welches ich nicht fassen würde, hielte ich nicht seine Lösung hier in Händen! Leugnen Sie Ihr Empfinden wie Sie wollen, Ruth, jedes dieser kleinen Blätter hier straft Sie Lügen, und beweist mir mit flammender Liebesschrift das Gegenteil!«

Mit krampfhaft verschlungenen Händen stand ihm die Herrin von Altingen gegenüber, und der Kampf, welcher so stürmisch in ihrem Herzen tobte, ließ die erbleichten Lippen zucken.

»Herr von Otthardt«, rang es sich endlich schnell athmend von dem kleinen Mund, »es waltet hier ein Irrtum, und wenngleich es auch gegen mein heiliges Versprechen ist, ich muß ihn aufklären zu unser beider Heil! Das Geld ist nicht von mir – ich bin nur beauftragt, es Ihnen zu geben.« Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, und die weißen Arme sanken wie erlöst in die silberschimmernden Kleiderwogen nieder, heißes Rot stieg allmählich wieder in das liebliche Antlitz, und die Falte glättete sich auf der stolzen Stirn.

»Nicht von Ihnen?« Entgeistert wich der schöne Offizier zurück, »von wem denn sonst?«

»Erlassen Sie mir den Namen?«

»Nimmermehr! beleidigen Sie mich nicht!« Maßlose Aufregung klang durch seine Stimme, und fast heftig fuhr er fort, »wer dürfte es wagen, mich in solch peinliche Lage zu versetzen? Reden Sie, Fräulein von Altingen, oder ich betrachte Ihre Aussage für – eine Ausrede!«

Mit blitzenden Augen sah Ruth auf. »Das Kapital ist von Ihrer Hoheit, der Prinzessin Josephine«, sagte sie kalt.

»Von der Prinzessin?« Tiefe Bestürzung malte sich in seinen Zügen, »wie kann Hoheit von meiner Lage wissen, da ja der Name Otthardt nicht vor ihr erwähnt werden darf?«

»Ich habe sie davon in Kenntnis gesetzt.«

»Sie? – Sie, Ruth? also sind Sie doch der gute Engel, welcher über meinem Schicksal gewacht hat?« rief er stürmisch, die Hände auf die Brust legend, »anstatt den Irrtum zu lösen, verraten Sie mir ein süßes Geheimnis mehr, Ruth – ich schwöre Ihnen – –«

»Ah guten Abend, Fräulein von Altingen, also hier endlich findet man die Herrschaften!« Wie aus der Erde gewachsen stand die hohe Gestalt des Prinzen neben der Genannten, und offerierte ihr seinen Arm. »Ich wollte mir eine Extratour ausbitten, Baronesse, und hoffe, daß Herr von Otthardt nichts dagegen einzuwenden hat! Sie gestatten, Baron!« Ein Blick zerschmetterndsten Stolzes flammte auf den jungen Offizier herab, mit schneller Bewegung legte Leopold Ruths Hand auf seinen Arm und führte sie gelassen durch die duftenden Blumenkoulissen in den Tanzsaal.

»Ich kam wohl gerade zur rechten Zeit?« murmelte er zwischen den Zähnen zu ihr nieder, »es war unvorsichtig, einem Otthardt in den Wintergarten zu folgen, Sie kennen ja den Fluch, der auf den Schwüren lastet, welche von einem Träger dieses Namens an der Orangengrotte geleistet werden!«

»Muß auch der Sohn noch für den Vater leiden?« fragte die Erlkönigin fast vorwurfsvoll. »Hoheit urteilen streng!«

»Aber gerecht!« Die Stimme des Prinzen klang wie Wettergrollen, und in den sonst so lachenden Augen erkannte Ruth plötzlich den unbeugsam stolzen Willen des dereinstigen Herrschers; fast heftig preßte er den Arm des jungen Mädchens an sich, und zum ersten Mal im Leben zitterte Ruth unter dem Einfluß des Mannes an ihrer Seite.

Norbert aber saß unter den schwankenden Blütenzweigen und starrte empor in die graziösen Fächerkronen der hohen Palmen. »Sie liebt ihn nicht«, klang es ihm durch die Seele, »ebensowenig wie je einen Anderen, ebensowenig wie mich.« Und er stützte das Haupt in die Hand und schloß die Augen wie ein Totmüder. –

Drüben im Saal wurde Française getanzt. Herr von Otthardt bildete Ruth's vis-à-vis. »Man hat uns vorhin gestört, Baronesse«, flüsterte er ihr aufgeregt zu, »ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, verschaffen Sie mir eine Audienz bei der Prinzessin, ich habe ihr Dinge von höchster Wichtigkeit zu sagen!« Erlkönigin neigte nur stumm bejahend das Haupt, sie fühlte den beobachtenden Blick des Prinzen, welcher neben dem Sessel der Herzogin lehnte und dem Tanze zusah.

Gräfin Lersneck war zu ihrem gefeierten Schützling getreten und hatte viele schöne, zärtliche Worte in das Ohr der jungen Dame geflüstert, dann wandte sie sich zu der Ministerin und wußte viel interessante Neuigkeiten. Da schob sich ein Lakai durch die Menge und trat mit tiefer Verneigung zu Fräulein von Altingen, ihr mit ein paar geflüsterten Worten einen schmalen Zettel überreichend.

»Liebe, gnädige Baronesse«, las Ruth hinter dem Fächer, nur mit Mühe die mit Bleistift gekritzelten Worte entziffernd, »verzeihen Sie meine Kühnheit, Sie jetzt mit ein paar Zeilen zu belästigen; Hoheit, die Prinzessin befindet sich in fieberhafter, mir unerklärlicher Aufregung, sie verlangt ohne Unterlaß nach Ihnen und phantasiert ganz wirre Dinge, ich bin in großer Sorge! Da ich Sie nun im Schloß weiß, teuerste Baronesse, wage ich den flehenden Wunsch, einen Augenblick zu Hoheit heraufzukommen.

In großer Eile. Ihre ergebene Dienerin

Clara Rössel.«

Ruth faltete den Zettel eilig zusammen und schob ihn in die Kleidertasche, mit schnellem Blick überflog sie den Ballsaal, es war momentan die Pause, welche der Eröffnung des Büffets voranzugehen pflegt, und schnell entschlossen wandte sie sich zum Ausgang, aber fataler Zufall! Gerade dort stand Prinz Leopold und hielt die Thür im Auge – was thun? Ruth kannte die Räumlichkeiten des Schlosses. Aus dem Wintergarten führten viele kleine labyrinthische Gänge und Stiegen in den von der Prinzessin bewohnten Schloßflügel. Es war allerdings kein angenehmer Weg bei Nacht, noch dazu für eine junge Dame, welche die Sage der weißen Frau kannte, aber was half es, hier war Eile die Hauptsache. Schnell durchschritt Ruth den Saal, und trat, ohne aufgehalten zu werden, durch die Nebensalons in den Wintergarten. Hastig eilte sie durch die Laubgänge, richtig, hier war die Thür, welche hinaus auf die kleine Hintertreppe führt. Zaghaft legte sie die Hand auf die Klinke und öffnete. Kalte Luft wehte ihr entgegen, eine matte Ganglampe warf ihr unsicheres Licht auf die ausgetretenen Holzstiegen, und Totenstille herrschte um sie her. Ruth fröstelte; jetzt erst fiel ihr ein, daß sie vergessen hatte, einen Shawl mitzunehmen, aber noch einmal umkehren? Und außerdem stand ja auch der Prinz nahe der Saalthür, durch welche man nur in die Garderobe gelangen konnte; die junge Dame biß die Zähne zusammen und schritt beherzt vorwärts. Kein Laut um sie her, nur die weiße Schleppe knisterte hinter ihr, und die breiten Goldspangen klirrten leise an dem schlanken Arm.

Ein plötzliches Gefühl von Grausen überkam Ruth, sie hemmte momentan den Schritt und preßte die Hand auf das stürmende Herz. Ein langer Korridor dehnte sich schmal und dämmerig vor ihrem Blick, unterbrochen durch viele geschnitzte, von der Zeit fast dunkelbraun gefärbte Thüren, auf deren niederen Pfosten Spinneweben und Staub ihr Lager aufgeschlagen hatten. Das leise Picken der Holzwürmer schlug an ihr Ohr, und aus der nächsten Nische drang das einförmige Klatschen einer schweren Damastgardine, welche der Wind, durch eine zerbrochene Scheibe streichend, auf und nieder bewegte. Wie unheimlich klang Alles in dieser Grabesstille! Ruth schritt langsam weiter, über ihr an der Wand hing ein uraltes Oelbild aus der biblischen Geschichte ›Die Auferweckung des Lazarus‹ mit starren, scharfgezeichneten Gesichtern, deren gelblicher Farbenton in dieser fahlen Beleuchtung den grausigen Eindruck des Lebendigen machte; stieg nicht die Gestalt in den langen Leichentüchern aus dem Rahmen, reckte sie nicht die mageren Hände nach ihr, und folgten ihr nicht die dunklen Augen im Vorbeischreiten? Erlkönigin wandte den Blick zur Seite, sie, die nie das Gefühl der Furcht gekannt hatte, welche zu jeder Zeit daheim in Altingen durch die Ahnengalerie schritt und oft stundenlang mutterseelenallein vor dem Bild des Ritters Brechthald saß, sie fühlte es plötzlich wie kalte Schweißtropfen auf der Stirn, und sich mit aller Willenskraft emporraffend, schritt sie hastig weiter. Sie war aufgeregt und durch die Szene im Wintergarten noch nervöser erregt, wie all die Tage vorher, an welchen Mademoiselle Marion oft ängstlich forschend in die verschleierten Augen ihrer Pflegebefohlenen geschaut. Da schlug es die zwölfte Stunde vom Turm. Wie ein Schlag traf jeder einzelne der dumpfen Klänge die Brust des jungen Mädchens, wie Blei legte es sich in die zitternden Füße, und vor ihren Augen schwirrte die Auferweckung des Lazarus. Sollte nicht um Mitternacht die weiße Frau durch diese Gänge gehen? Richtig, da klingt ja ein Schritt an ihr Ohr, dort vor der Biegung des Ganges – ganz deutlich, und immer näher, gleich, gleich wird sie ihr gegenüberstehen. Ruth klammerte sich mit bleichen Lippen an den Thürpfosten zu ihrer Seite, ihr starrer Blick hing an der Wandecke, auf welche die Schritte näher und näher zuklangen, da naht es, hoch und schwarz und blitzend – mit leisem Aufschrei sank Ruth zusammen, die weißen Arme erhoben, um die Hände schaudernd vor das Gesicht zu schlagen. Regungslos, umwogt von Silberduft, kniete sie an dem dunklen Gebälk.

»Barmherziger Gott, Fräulein von Altingen!« klingt es plötzlich so wohlbekannt, so erschrocken und jubelnd zu gleicher Zeit zu ihr nieder. Die Schritte kommen hastig herzu, zwei starke Arme fassen sie und richten sie angstvoll auf.

»Um Alles in der Welt, wie kommen Sie um diese Stunde hierher?«

Erlkönigin schlägt die Augen auf, vor ihr steht Sangoulème und stützt noch immer die bebende Gestalt. Voll ernster Frage haftet sein Blick auf ihrem Antlitz.

»O, Sie – Sie waren es«, ringt es sich stockend von ihren Lippen, »ich danke Ihnen, Herr de Sangoulème! Ich war ein recht thörichtes Kind und glaubte an Gespenster und ließ mich von meiner Furcht übermannen; lachen Sie mich aus, ich verdiene es!«

»Aber wie kommen Sie hierher?« rief er fast ungestüm.

Ruth hatte sich wieder völlig beherrscht, sie zog den Zettel aus der Tasche und reichte ihn dem jungen Offizier.

»Lesen Sie!« sagte sie leise ohne aufzublicken.

Norbert überflog den Inhalt der kurzen Zeilen, dann reichte er den Papierstreifen zurück: »Ich verstehe jetzt«, entgegnete er ruhiger, »aber ich finde den Grund noch nicht, warum Sie diese abgelegenen Gänge zu Ihrem Wege wählten.«

»Ich konnte ja nicht anders, der Prinz beobachtete die Saalthür, Und ich mußte unbemerkt entkommen, da fiel mir hier der Weg ein.« Ein Frösteln überflog ihre Gestalt und ließ die kleinen Zähne aufeinanderschlagen. Mit schnellem Blick sah Norbert zu ihr nieder.

»Und nicht einmal ein Tuch haben Sie umgenommen!« sagte er fast streng, riß seinen Paletot von den Schultern und wollte ihr das Uniformstück darreichen; »das war zum mindesten Leichtsinn, Baronesse, hier, nehmen Sie meinen Mantel!«

Glühendes Rot stieg in ihre Wangen, der alte Trotz wachte ungestüm auf, und der Gedanke an die einst so verächtlich bespöttelte Matrosenjacke preßte ihr die Lippen zusammen. »Ich danke!« sagte sie kurz, »ich friere nicht.«

Einen Augenblick war es Norbert, als müsse er ihr den Mantel vor die Füße schleudern und diesen hochmütigen Augen für immer den Rücken kehren, dann aber siegte die Vernunft in ihm.

»Seien Sie nicht kindisch«, klang es rauh, fast herrisch von seinen Lippen, »und übertragen Sie Ihren Haß nicht auf Dinge, welche unschuldig daran sind, daß sie mir gehören. Sie nehmen den Mantel um, es ist kalt hier«, und ohne eine Antwort abzuwarten, legte er ihn um die Schultern der jungen Dame. »Kommen Sie, man erwartet Sie gewiß voll Angst und Sorge bei der Prinzessin!«

Scheu wie ein eingeschüchtertes Kind fügte sich Ruth. Seine gebieterische Weise war ihr fremd, aber sie gefiel ihr, sie paßte zu dieser stolzen Stirn.

»Sie wollen mit mir gehen?« wagte sie leise einzuwerfen, »oh, es ist gewiß nicht nötig, ich fürchte mich nicht mehr!«

»Ich begleite Sie!« Der Ton seiner Stimme duldete keine Einrede mehr, dennoch blickte Ruth empor und zögerte im Weiterschreiten.

»Ich halte Sie auf?«

»Nein!«

Er sah sie nicht an, kalt und stumm schritt er an ihrer Seite, und die Erlkönigin zog den dunklen Mantel fester um sich her und ging schweigend neben ihm. Die schweren Tuchfalten schlossen sich warm und traulich um Hals und Arm, staunend ob der blühenden Schönheit, welche sie umhüllen durften und kaum noch der Zeit gedenk, wo der wilde Meeressturm, der weiße Gischt der Wellen hoch um sie her gespritzt hatte; Ruths Brust hob sich lebhafter bei dem Gedanken an all die Erlebnisse dieses schlichten Kleidungsstückes, fast zärtlich strich ihre Hand darüber hin, und sie schmiegte sich so innig hinein, wie ein Vögelchen, welches sich nach irrem Flattern endlich in sein heimisches Nestchen duckt.

Treppauf und treppab ging es, durch zahllose kleine Gänge und Schlupfwinkel. Keines der Beiden redete ein Wort, nur einmal, als ein vorwitziger Nagel die Silberschleppe der Erlkönigin festhielt, neigte sich Norbert und löste den duftigen Saum.

»Danke schön, Herr de Sangoulème, der Fußboden ist hier heimtückisch.« Ruth wartete auf eine Antwort, da der Marineoffizier aber beharrlich schwieg, fuhr sie zögernd fort: »Wie kommt es eigentlich, daß wir uns in diesen abgelegenen Gängen begegnet sind, keine Menschenseele ist außer uns zu hören und zu sehen, und in dieser Richtung liegen doch nur die Zimmer der Prinzessin!«

Ein schneller Blick aus seinen Augen streifte die Sprecherin.

»Ich hatte denselben Wunsch wie Sie, den Ballsaal unbemerkt zu verlassen«, entgegnete er gleichmütig, »Prinz Leopold beurlaubte mich auf meine dringende Bitte hin, und ein Lakai besorgte mir Säbel und Paletot und beschrieb mir den Weg durch diesen Schloßflügel, falls ich unbemerkt und direkt in die Gemächer des Prinzen gelangen wolle. Ich fand auch im Wintergarten die unverschlossene« Thür und hoffte meinen Weg zu finden. Leider aber hatte mir keine Ariadne einen rettenden Knäuel mitgegeben, und es war mir unmöglich, mich in all den fremden Räumen zu orientieren. Gerade beabsichtigte ich in den Saal zurückzugehen, als ich Sie so unvorbereitet auf dieses Renkontre in dem langen Korridor fand.«

»Hier, rechts durch die Thür, Herr de Sangoulème! So, nun bin ich endlich am Ziel, und danke Ihnen bestens für Mantel und Geleit, hoffentlich habe ich Sie nicht allzu lange aufgehalten!« Fräulein von Altingen versuchte den Mantelhaken zu lösen und nestelte mit ungeduldigen Fingerchen an dem Verschluß; es hielt schwer; die Grampen hatten sich in das leicht herabfallende Goldhaar gehakt und trotzten nun jeglichen Bemühungen, welche sie aus diesen holden Banden befreien wollten.

»Erlauben Sie, daß ich mein Heil versuche, gnädiges Fräulein«, bot Norbert mit klopfendem Herzen seine Hülfe an, und Ruth hob widerstandslos das rosige Kinn, um ihm seine Mühe zu erleichtern.

Für einen Augenblick streifte die Hand des jungen Mannes die sammetweiche Haut ihres Halses, es durchzuckte ihn wie ein Feuerstrom und trieb pochende Glut in seine Schläfen, dennoch zuckte keine Wimper in dem ernsten Gesicht.

»Nicht wahr, es geht nicht?« fragte die Herrin von Altingen mit leicht verzogenem Mündchen. »Bemühen Sie sich bitte nicht weiter, Herr de Sangoulème, ich will die Locke opfern, sonst komme ich ja nicht vor ein Uhr in den Saal zurück!« Und mit hastiger Bewegung riß sie den Mantel los und reichte ihn schnell seinem Herrn zurück. »Nochmals besten Dank, hoffentlich habe ich Ihnen keinen Haken abgerissen!« Sie lächelte und zog die Klingelschnur neben der hochgeschnitzten Entreethür, leise Schritte nahten sich im Innern.

Norbert warf den Paletot über den Arm. »Sie werden sich von Hoveland zurückbegleiten lassen?« fragte er kurz.

»Ich denke ja!«

»Guten Abend, Baronesse!« Er wandte sich um und schritt langsam in den dunklen Treppenflur hinab.

Leise öffnete sich die Thür, ein paar hastig geflüsterte Worte, und die weiße Gestalt der jungen Dame verschwand hinter den knarrenden Eichenflügeln. Norbert aber trat zur Seite in eine Fensternische und stützte den schönen Kopf harrend in die Hand. Wie leicht war es möglich, daß Hoveland gar nicht mehr anwesend war und Erlkönigin allein zurückgehen mußte, es war auf jeden Fall besser, daß er unbemerkt hier wartete. Der Mond trat hinter den Wolken hervor und warf einen bleichen Strahl durch die runde Fensterscheibe. Er fiel schräg über den Mantel auf Sangoulèmes Arm, und wie der Blick des jungen Mannes ihm folgte, gewahrte er an dem obersten Haken ein paar flimmernde Fäden.

Mit fast leidenschaftlicher Hast preßte er die goldenen Haare an seine Lippen, löste sie sorgsam aus ihrer Gefangenschaft und barg sie in dem Taschentuch auf seiner Brust.

»Gott weiß, wie lieb ich mein blondes Mädchen habe!« murmelte er leise vor sich hin, und er lehnte die Stirn gegen die kalten Scheiben und wartete.

Die dunkelgrünen Atlasgardinen vor dem altertümlichen Himmelbett der Prinzessin waren zurückgeschlagen, aus der Kuppel einer Hängelampe fiel gedämpftes Licht über die Einrichtung des nicht allzugroßen Schlafgemachs und goß einen dämmerig sanften Schein über die glanzumwogte Mädchengestalt, welche im langschleppenden Gewand, wie die Fee aus holden Märchenbüchern, neben dem Lager der Fürstin kniete.

Die Prinzessin hatte sich aufgerichtet, mit fast fieberischer Zärtlichkeit streichelte ihre Hand das lockige Köpfchen Ruths, wieder und immer wieder, so schnell wie die leisen Worte, welche unaufhaltsam über ihre Lippen quollen.

»Und nun erzählen Sie weiter, geliebtes Kind, nichts sollen Sie mir mehr verheimlichen, ich will Alles wissen. O, jetzt ist das Eis gebrochen, das so lange Jahre hier auf meiner Brust gelastet hat, es wird wieder warm und hell im Herzen, ich höre die Lerche jubeln und sehe Sonnenlicht, und doch ist's Mitternacht und Winter draußen. Sie haben ihm gesagt, daß das Kapital von mir ist, Ruth? Das war unrecht, und dennoch freut es mich wie lange nichts mehr in diesem öden, trübseligen Leben, aber warum haben Sie das Geheimnis verraten, warum denn, Kind? Erriet er es am Ende?«

Und Josephine umklammerte die Hände des jungen Mädchens und blickte ihr mit fieberglänzenden Augen in das Gesicht, atemlos, zitternd vor der Antwort.

»Nein, Hoheit, leider war ich gezwungen, die Wahrheit betreffs der großmütigen Geberin einzugestehen«, flüsterte Erlkönigin, mit sanftem Kuß auf die Hand der alten Dame. »Ich konnte das Kapital nicht als ein Geschenk von mir ausgeben, weil es sonst unselige Verwickelungen und Irrtümer gestiftet hätte!«

Die Prinzessin sank in die Kissen zurück. »Und was für Unheil!« fragte sie leise.

»Herr von Otthardt glaubte sich von mir geliebt, Hoheit!« Ruth neigte das Köpfchen tief auf die seidene Decke nieder und die kleine Hand, welche sich auf den dunklen Bettpfosten stützte, zitterte.

»Nun, und ist dem denn nicht so?« rief Josephine fast erschrocken; abermals richtete sie sich empor, bog das Gesichtchen des jungen Mädchens zurück und sah ihr tief in die Augen, »ich war fest überzeugt, daß kein anderer als der schöne Ulan das Herz meines Lieblings eingenommen hätte!«

»Nein, Hoheit, nein und tausendmal nein!« klang es in leidenschaftlichem Geständnis von Erlkönigins Lippen. Ruth neigte sich leicht zurück und preßte die Hände auf die wogende Brust. »Ich kann ihn nicht lieben, nun und nimmermehr! Hier, Hoheit, hier in meinem Herzen lebt ein Bild, welches für mich zum Inbegriff des Lebens geworden ist, und an welchem ich hänge mit der ganzen Inbrunst und Zärtlichkeit meiner Seele! Ich habe es selber nicht geahnt, wie es um mich stand. Heute Abend erst, wie Otthardt zu mir von Liebe sprach, wie ich an dem Scheideweg meines Lebens stand und vor mir den Abgrund sah, welcher mein Glück verschlingen wollte, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, da wußte ich urplötzlich, wo meine Seeligkeit zu suchen sei. Da wußte ich, daß mein Herz nicht mehr frei war und daß sich trotz aller Kämpfe und allen Sträubens die Liebe dennoch hineingeschlichen hatte, unwandelbar, für alle, alle Ewigkeit!«

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in dem nächtlichen Gemach, dann breitete Josephine beide Arme nach der liebreizenden Sprecherin aus, und mit leisem Jubellaut sprang Ruth empor und schmiegte sich an die Brust der fürstlichen Freundin.

Thränen glänzten in den Augen der Prinzessin, und ihre Hände falteten sich um den Nacken der Herrin von Altingen.

»In welche peinliche Lage habe ich Sie durch meine falsche Meinung gebracht, darling!« flüsterte sie, »vergeben Sie mir, es war gut gemeint! Und nun gehen Sie zurück zu Spiel und Tanz, kleine Fee, gehen Sie zu Otthardt und bestellen Sie ihm, daß ich ihn erwarte; führen Sie ihn morgen Nachmittag zu mir, Ruth, um vier Uhr, da werden wir ganz ungestört sein. Alice fährt in das Kirchenkonzert. Behüte Sie Gott, mein Herzenskind, und tausend, tausend Dank, daß Sie zu mir gekommen sind, nun glaube ich wieder daran, daß der Mensch seine guten Engel hat!«

Wie ein Schemen war die flimmernde Gestalt des jungen Mädchens hinter den Portièren verschwunden. Mit starren Augen schaute ihr Josephine nach, und die bleichen Lippen bewegten sich wie in innigem Segenswunsch, dann flog ihr Blick empor zu dem Bilde des gekreuzigten Heilands und mit einem Lächeln rührendster Glückseligkeit neigte sich das greise Haupt und träumte.

Draußen auf dem Korridor aber legte Frau Rössel einen warmen Shawl um die Schultern Ruths und küßte ihr dankend die Hand. »Ich gehe mit, Baronesse«, sagte sie leise, »so lange kann mich Hoheit schon entbehren.«

Die Gangthür öffnete sich und die beiden Frauen traten auf den mondhellen Flur.

»Kommen Sie, liebe Frau Clara, lassen Sie uns hierher gehen zu dem Wintergarteneingang!« bat Erlkönigin plötzlich mit weicher Stimme, »wir wollen uns recht eilen, dann dauert es eben so lange wie durch den Hauptgang.«

»Hierher?« wunderte sich die alte Frau. »Ei, Du lieber Gott, wie kommen denn Baronesse auf diese Idee?«

»Ich habe den Weg lieb, Frau Clara!« flüsterte Ruth leise, »auch er hat seine Erinnerungen!« Sie bogen hastig um die Ecke, und bald schon verhallte ihr Schritt auf den Stiegen der entlegenen kleinen Treppe. Aus dem Schatten der Fensternische aber trat Norbert und preßte die Hand gegen die Stirn.

»Ich habe den Weg lieb, Frau Clara«, murmelte er mit starrem Blick vor sich hin, wieder und immer wieder, als könne er den Sinn dieser Worte nicht fassen, und langsam schritt er durch das bleiche Mondlicht die steinernen Stufen hinab. Von fern her brauste eine feurige Mazurka, helle Flammen schaukelten sich wieder über seinem Haupt und eilige Dienerschaft huschte um ihn her, der junge Seemann aber sah nicht empor, wie im Traum ging er vorüber, und in seinem Herzen lebte nur noch ein Wiederhall: »Ich habe den Weg lieb, Frau Clara!«

»Mein Sohn, was birgst Du so bang Dein Gesicht?«

»Also unwiderruflich Abschied nehmen wollen Sie, Sangoulème?« rief Prinz Leopold mit umwölkter Stirn, »kaum acht Tage sind Sie hier, und dabei habe ich speziell gar nichts von Ihnen gehabt, denn die ersten Tage muß man sich ja mit der halben Welt in den Armen liegen und »guten Tag sagen! Also Sie wollen nicht, Absolut nicht? Hm ... Ich war im Grunde genommen ein rechter Narr, daß ich Fräulein Alice nicht als süßes Mittel benutzt habe, um Sie auf gute Manier noch etwas länger hier zu fesseln! Werden Sie denn erwartet bei Ihrem Herrn Onkel?«

»Ja, Hoheit, ich habe mich bestimmt angemeldet, und halte es wohl auch für meine Pflicht, meiner alten Großmama zu Liebe, den so überaus angenehmen Aufenthalt hier abzukürzen, zwölf Wochen nur, und wir kehren zusammen zu unserem herrlichen Weltmeer zurück, Prinz!« Leopold schüttelte ernst das Haupt. »Das ist es ja, alter Freund, was mich am meisten bei diesem Abschied betrübt«, entgegnete er seufzend, »wir können nicht so bald auf Wiedersehen sagen.«

»Hoheit!«

»Mein Bruder protestiert energisch gegen meine Rückkehr nach Kiel, und wünscht es unter keiner Bedingung, daß ich mich schon wieder auf zwei Jahre unter Segel begebe; er hat bereits alle Schritte gethan, um mir einen längeren Urlaub zu sichern, und mir dadurch völlig die Hände gebunden. Ach, Sangoulème, das neunfache Unglück soll doch gleich in den ganzen Krempel schlagen, es tobt in mir vor Ungeduld bei dem Gedanken, daß Ihr lieben Jungens ohne mich in See gehen wollt!«

Sangoulème senkte das Haupt. »Auch hier heißt es die Pflichten gegen Bruder und Land erfüllen«, sagte er ernst, »aber eine traurige Fahrt wird es ohne Sie geben, Hoheit, ebenso trübe und eintönig wie das Stillliegen in dem Staub der Residenz.«

»Auf alle Fälle sehe ich Sie noch vor dem nächsten Kommando, Freund«, rief der junge Fürst hastig, »ich muß dabei sein, wenn der Nelson seine stolzen Schwingen hebt, und gelte es gegen die Hölle selber kämpfen! Ich schreibe Ihnen, geben Sie mir Ihre Adresse. Und nun kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück durch die Stadt, Sie wollen voraussichtlich zu Ihrer Fräulein Cousine, um Adieu zu sagen? Ist mir gerade recht, es war so zum Umkommen langweilig in dieser Bude!«

Und der Prinz warf das Fenster zu und legte ein langes Blasrohr aus der Hand. »Ich habe vor lauter Verzweiflung schon Katzen und Hunde geschossen«, fuhr er lachend fort, »das gehört noch zu meinen Jugendreminiscenzen und ist der einzige Sport, welcher große und kleine Kinder gleich gut amüsiert. Schade, daß jetzt kein Markt mehr auf diesem Platz abgehalten wird, das war früher der Wirkungskreis meiner Thonkugeln, und ich sage Ihnen, Sangoulème, der biedere Meisenheim hat sich oft auf dem Sopha dort gekrümmt vor Vergnügen, wenn es lebendig unter den Bauerfrauen wurde, – heiliger Bonifacius, konnten die Frauenzimmer schimpfen!« – Leopold rührte die Glocke und befahl dem eintretenden Kammerdiener, Mantel und Hut zu bringen, dann wandte er sich wieder zu Norbert und reichte ihm beide Hände in plötzlich wieder aufquellender Zärtlichkeit. »Na und nun noch einmal, Sangoulème, bleiben Sie noch hier! Wie lieb Sie mir sind, wissen Sie; wie gern gesehen bei Bruder und Schwägerin, bedarf keiner Versicherung, und die Gewißheit, daß Sie mir in allen Ecken und Enden fehlen werden mit Ihrem ernsten, lieben Schulmeistergesicht und den vorwurfsvollen Blicken, welche meinen losen Streichen gefährlicher sind, als alle Vernunftspredigten brüderlicher Autorität, das ist Ihnen ebenso wenig fremd wie mir selber. Versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie wiederkommen wollen, begrüßen Sie denn jetzt in Gottes Namen Ihre Angehörigen, wenn Sie so gar keine Ruhe mehr haben, aber lassen Sie mir wenigstens die Hoffnung auf ein längeres Wiedersehen hier!«

»Hoheit, lassen Sie mich nichts versprechen, was ich vielleicht nicht halten kann«, rief Norbert mit innigem Blick in das Auge des jungen Mannes, »wie gern ich in Ihrer Nähe bin, weiß Gott; meine Freundschaft und unwandelbarste Zuneigung gehört Ihnen, wenn es mir vielleicht auch versagt ist, meine Sehnsucht durch schnelle That zu beweisen! Aus unserm einsamen Schiff konnten wir uns gegenseitig ungehindert angehören, da konnte ich Ihnen mit Rath und That etwas wert sein, da bedurften Sie meiner, Prinz! Hier in der Residenz drängt sich eine fremde Welt voll bunter Abwechslung zwischen uns, Sie sind umgeben von Liebe und Freundschaft. Sie haben mich nicht mehr nötig und werden mich nicht vermissen; halten Sie mich nicht zurück! Ich bin ein seltsamer Mensch; mein weltvergessenes Schiff auf weitem Ozean war mir lieber als das Treiben der großen Welt, deren Interessen ich nicht teile, und deren Seele ich nicht verstehen kann. Im Wald wird es mir wieder wohler sein, ich sehne mich nach seiner Stille und will arbeiten, der Seemann darf nicht allein sein Wissen in den Händen tragen, die Leiter zur Höhe ist aus strategischer Weisheit zusammengesetzt. Auf Wiedersehen an Bord des Nelson, Hoheit, dort ist der Boden einer wahren Freundschaft!«

Der Kammerdiener trat wieder ein, Leopold wies stumm auf einen Sessel, die Sachen niederzulegen, und wartete schweigend bis sich die Thür abermals geschlossen.

»Sie sind im Irrtum, Sangoulème, wenn Sie glauben, ich könnte Ihre Freundschaft hier entbehren«, sagte er ernst. »Gerade hier ist ein wahrer Freund doppelt wert, und an treuen Herzen bin ich arm, arm und verlassen wie ein Jeder, welchen das Schicksal auf eine Höhe gestellt hat, welche meist nur der Schmeichler listig erklimmen will, und keinen Fußtritt scheut, der ihm den krummen Buckel zeichnet. Die Wahrheit wagt sich selten an uns heran, und die Aufrichtigkeit erscheint nur in dem sammtnen Mäntlein höfischer Form. Noch einmal, Sangoulème, ich verzichte nicht auf Ihre Freundschaft und lasse Sie ungern ziehen, aber es sei ferne von mir, Ihnen aus meiner Sympathie eine Fessel schmieden zu wollen, reisen Sie in Gottes Namen, aber wenn es möglich ist, kommen Sie zurück!«

»Ich verspreche es, Hoheit, mein Wort darauf.« Fest und warm drückte er dem Fürsten die Hand, dann wandte sich Leopold um und griff nach dem Paletot, »ich werde Sie also begleiten.«

Norbert trat herzu, ihm behülflich zu sein, zufällig streifte sein Blick den offenen Schreibtisch, und eine jähe Glut stieg ihm in die Schläfen. Dort lag die Rose, welche Ruth so beleidigend aus ihrem Haar verschenkt hatte.

Ein wilder Sturm tobte in Norberts Herzen, mit schnellem Entschluß trat er vor den jungen Fürsten hin und blickte ihm fest in die Augen.

»Prinz«, sagte er finster, »eine Frage noch vor dem Abschied, und eine offene Antwort!«

»Jederzeit, Sangoulème, fragen Sie zu!«

»Neulich Abend trugen Sie eine Rose an der Brust, Hoheit, und sagten Fräulein von Nievendloh, sie sei das Geschenk einer Dame. War dem so, oder galt es nur, die Neugierde irrezuführen?«

Mit durchdringendem Blick schaute er in das ehrliche Gesicht des Freundes, es schien, als wolle er schon im Voraus die Antwort von den frischen Lippen lesen.

»Die Rose?« Leopold knüpfte seelenruhig seinen Paletot über der Brust; »die war von der Erlkönigin, habe ich Ihnen das noch nicht gesagt? Daß sie mir dieselbe aber geschenkt hatte, war aber gelogen, ich wollte nur meine Freundin Nievendloh etwas alterieren. Ach nein, alter Junge!« seufzte er plötzlich voll unwiderstehlicher Komik auf, »ich habe mein Lebtag noch keine Blumen von einer jungen Dame verehrt bekommen, das weiß der große Gott, und selbst die kleine goldige Ruth wehrte sich so verzweifelt, als ob sie einen Zahnarzt vor sich hätte! Aber ich bin auch nicht von gestern, je mehr Werth sie auf ihre Rose legte, desto begehrlicher wurde sie auch mir, und das selbstverständliche Ende der Geschichte war, daß ich die Blume als dereinstiger Herr und Landesvater annektierte und sie zum Andenken an diese erste Selbstständigkeit sogar pressen will, da liegt sie auf dem Schreibtisch – nicht anfassen, wenn ich bitten darf, nur mit den Augen bewundern, cher baron! solche Dinge müssen subtil behandelt werden, nur per Liebe, und da Sie bekanntlich von diesem Gefühl wenig halten, würde die Berührung Ihrer prosaischen Finger nur Entweihung sein! Ja, was ich sagen wollte, Sangoulème, wissen Sie, was mich riesig gewundert hat? Daß Ruth bei meiner Lügerei so ruhig blieb. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, ich hätte mich einmal ein bischen blamiert und gesagt: ›Hoheit, bitte recht sehr, flunkern Sie nicht so!‹ Durch Tante Josephine konnte es doch sehr leicht herauskommen, daß die Blume ihr gehört hatte. Apropos, wie kommen Sie denn plötzlich auf die Geschichte, was soll denn das heißen, daß Sie sich wie ein Kriminalbeamter vor mich hinstellen und über die delikatesten Angelegenheiten inquirieren? Hören Sie einmal, alter Freund, dieses Interesse –«

»Ist sehr verzeihlich, Hoheit!« unterbrach Norbert fast jubelnd, »die Rose stammte indirekt von mir, und das Benehmen der jungen Dame beleidigte mich. Aber passons lá dessus, ich bin vollständig ausgesöhnt und freue mich von ganzem Herzen, daß der liebe Streitapfel auf diese Weise in Ihrem Portefeuille zur Unsterblichkeit gelangt! Eben schlägt es drei Uhr«, Norbert griff hastig nach seiner Mütze, »und uns zu Ehren schickt die Sonne sogar ein paar Strahlen in den Park, lassen Sie uns den günstigen Moment benutzen, Prinz!«

»Aha! von Ihnen war die Rose, amico mio?« nickte Leopold gedehnt, »und da bleibt der Kerl so ruhig wie ein Stockfisch bei der ganzen Affaire? Alle Achtung, Sangoulème, Sie sind ein Hauptgenie, ich hätte Ihnen im gleichen Falle das Genick umgedreht! Und die Erlkönigin? Stille Wasser sind tief, treibt Ihr Gletscherherz vielleicht doch ein bischen in die Aequatorregionen der Liebe hinab? Na, Norbert, Hand darauf, Ihnen gönne ich die Kleine, der Otthardt aber mag sich auf den Kopf stellen, ich werde stets rechtzeitig zu unterbrechen wissen. Vorwärts denn, die Segel gelichtet!« und der junge Fürst schob seinen Arm in den des Marineoffiziers und zog ihn übermütig mit sich zur Thür hinaus.

»Die Damen vom Hofe, so sehr sie sich zier'n,
Ach, es gleicht keine einz'ge der Lore,
Sie ist mein Gedanke bei Tag und bei Nacht
Und wohnt in dem Winkel am Thore!«

klang es trällernd durch den stillen Schloßflur. In fast atemloser Hast stürmte Norbert die teppichbelegte Treppe der Villa Olivia empor. Die zwei hohen Bronzekaryatiden zu beiden Seiten des feingegliederten Geländers schienen erstaunt die starren Augen zu wenden, um ihm nachzuschauen, und die tiefhängenden Krystallpenten klirrten leise und melodisch unter seinem festen Schritt zusammen, noch zwei Stufen, und der junge Mann stand vor der luxuriös ornamentierten Entreethür, über welcher in drei purpurnen Wandnischen die kunstvollen Büsten mythologischer Frauengestalten prangten.

Norbert zögerte einen Moment, dann zog er entschlossen die Glocke.

Auf leisen Sohlen nahte der alte Diener, öffnete bedächtig den schweren Seitenflügel und neigte ehrerbietig sein weißes Haupt. »Ach, Herr Lieutenant!« klang es in herzlicher Freude von seinen Lippen; »darf ich unterthänigst bitten, näher zu treten«, und er hob geschäftig die Hände, um den schweren Mantel von den Schultern des jungen Herrn zu nehmen.

»Ist meine Cousine zu sprechen, Lenz?« fragte Norbert schnell, »melden Sie mich, bitte.«

»Fräulein Anna ist soeben mit Mademoiselle Marion in die Stadt gegangen, um eine Besorgung zu machen«, gab der Alte vertraulich Auskunft, das Uniformstück sorglich an den Garderobehalter placierend, »aber sie werden in aller Kürze zurück sein, das Fräulein meinte, sie wolle nur nach den bestellten Musikalien fragen.«

»Ah! Anna ist nicht da? das bedaure ich«, und Norbert biß sich unschlüssig auf die Lippen.

»Baronesse sind aber zu sprechen«, fuhr Lenz beruhigend fort, »es ist zwar eben im Augenblick Besuch bei ihr, das Fräulein von Nievendloh, wie Jean mir sagte, Herr Lieutenant können aber ruhig näher treten und Fräulein Aennchen erwarten, ich werde gleich einmal anfragen.«

»Lenz!« rief der junge Seemann schnell, den Alten mit hastiger Bewegung zurückhaltend, »sagen Sie nichts bei Fräulein von Altingen, es möchte stören. Führen Sie mich in irgend ein Zimmer, wo ich ungehindert so lange warten kann, bis meine Cousine zurückkommt.«

»Wie der gnädige Herr befehlen«, und der greise Diener ging eilfertig voraus und öffnete die nächste Thür, »bitte schön, treten Sie näher.« Leise knarrte es in den Angeln, die Portièren bewegten sich lautlos und sanken wieder in ihre starren Falten zurück. Norbert aber stand allein in dem stillen Raum, welcher ihm einen süßen Duft einschmeichelnden Parfüms entgegenschickte.

Nebenan wurde laut gesprochen, es war die Stimme der schönen Hofdame.

»Es ist unbegreiflich, unerklärlich, wie sich seine Angelegenheiten so schnell restaurieren konnten, Ruth!« rief sie mit scharfem Klang in dem sonst so weichen Organ, »ich bin ja wie aus den Wolken gefallen, als mir heute Komtesse Sternow erzählte, Otthardt hätte ein Kommando auf der Reitschule bekommen und würde in aller Kürze nach Hannover abreisen; es muß also wieder gut mit ihm stehen, er muß bezahlt oder geerbt haben, denn daß er Schulden hatte, war Faktum, mein guter Freund Babendorf war orientiert, das können Sie mir glauben!«

»Es sollte mich freuen, wenn sich das Gerücht bestätigte«, entgegnete Erlkönigin's Stimme ruhig, »vielleicht hat man die paar ausstehenden Ehrenscheine durch ein Vergrößerungsglas angesehen, und die so gern glaubende Residenz durch outrierte Ungeheuerlichkeiten über den Ruin des Freiherrn vergeblich alteriert.«

Es war Norbert fatal, hier wider Willen lauschen zu müssen, er trat einen Schritt zur Seite und blickte auf den elegant ausgestatteten Schreibtisch. Da stand in der Mitte ein äußerst geschmackvoller Rahmen, ein bleiches, stolzes Gesicht blickte ihm daraus entgegen, dessen Züge eine auffallende Aehnlichkeit mit Ruth zeigten, ein kleiner Zweig Cypresse war zur Seite an das Glas gesteckt, allem Anschein nach Gräfin Stephanie von Hardenburg, die verstorbene Mutter des jungen Mädchens. Daneben stand ein kleines Pastellgemälde, ein noch jüngerer Mann in Uniform, mit ernsten, denkenden Falten auf der Stirn, hier ist er noch einmal, älter schon, mit Frack und Stern auf der Brust, und dort in dem Stehrahmen wieder, als alter, ernster, kranker Mann, der Freiherr von Altingen. Neben ihm prangt ein junges Weib, schön wie eine Venus, umgeben von Rosen und Spitzen, mit großen, begehrlichen Schwarzaugen und holdgeschwellten Lippen; um welche das verführerischste Lächeln schwebt, aber auf der Stirn wohnt Leichtsinn und Genußsucht, und die kleine Marmorhand, welche so spielend den Fächer hält, ist gewohnt, die Knute maßloser Leidenschaft und Herrschsucht zu führen. Aha! die schöne Stiefmutter!... Prinzessin Josephine, ein, zwei Mal, hier eine prächtige Photographie von Aennchen, und da Mademoiselle Marion; Norbert richtete sich wieder empor und ließ seine Blicke prüfend durch das Zimmer gleiten. Die Einrichtung war ebenso geschmackvoll wie anmutig, es waltete der Geist einer Dame hier. Mit schnellem Schritt stand Norbert an dem Tisch – richtig, hier lagen die Malsachen der Erlkönigin ausgebreitet, der aufgezeichnete Kopf einer jungen Dame, es soll wohl Aennchen sein, noch aber fehlt viel an der Aehnlichkeit, und da liegt ein rot gebundenes Buch, R. v. A. glänzt in goldenen Lettern darauf, kein Zweifel, Lenz hatte ihn in das Zimmer Ruths geführt!

Glühendes Rot des Schreckens stieg in die Schläfen des jungen Mannes, einer plötzlichen Eingebung folgend, wollte er sich umwenden und zurück auf den Korridor flüchten, schon faßt er nach der Thürklinke, da tönt wieder Alicens Stimme zu ihm herüber.

»Herr Gott, schon vier Uhr? Da muß ich gehen, Herzchen!« und Norbert hört, wie ein Sessel hastig zurückgestoßen wird, »ich will in das Kirchenkonzert und muß vorher noch Toilette machen, man kann ja nicht wissen, wer da sein könnte!«

Sangoulèmes Hand sank schlaff hernieder, wenn er jetzt das Zimmer verließ, mußte er der Hofdame begegnen und gab vielleicht Veranlassung zu unnützen Fragen und Vermuthungen, das war gefährlich für diesen phantasiereichen Mädchenkopf. Er stand ratlos und nagte an der Unterlippe, seine Situation war im höchsten Grade peinlich.

»Wie ist denn übrigens der Ball neulich bekommen?« klang es abermals durch die Nebenthür, »o ich sage Ihnen, beste Ruth, ich habe mich himmlisch, süperbe amüsiert! Mein entzückender Seemann hat mir völlig den Kopf verdreht, ich schwärme für ihn und hoffe sehnlich, daß er in dem Konzert sein wird. Ein gefährlicher Mensch, dieser Sangoulème, Ruth, er sagte mir Dinge – ja, wenn ich eitel wäre, ich müßte überzeugt sein, daß ich ihm gefallen habe! und Augen – o mein Himmel, was hat mir der Schlingel für Blicke zugeworfen! Man vermutet es gar nicht hinter dieser ernsten Miene, welch' ein Don Juan sich darunter versteckt.«

Norbert schrak jählings empor, es war ihm, als müsse er die Thür aufreißen und jene schamlose Lügnerin zur Rechenschaft ziehen, mit vorgeneigtem Haupt trat er einen Schritt näher und lauschte atemlos.

»Bitte, meine süße Ruth, erzählen Sie mir doch etwas von ihm!« schmeichelte die Stimme weiter. »O, Sie sind grausam, Sie kleiner Schelm, jedes Wort muß man Ihnen abkaufen, gerade wie damals die interessanten Details über seine Mutter Gouvernante, es war doch der reine Zufall, daß ich es Ihnen ablockte, Sie hätten mir aus eigenem Antriebe auch nicht eine Silbe gesagt, und wußten doch, wie lebhaft ich mich dafür interessiere! Sein Onkel ist also Oberförster in Ihrer Nähe? Kennen Sie die Leute?«

Norberts Lippen bebten, wie schwindelnd schloß er momentan die Augen und preßte die Hände gegen die Schläfen, »also auch das war Lüge? Ruth hat ihn nicht verleumdet, nicht über ihn gespottet?«

»Natürlich kenne ich die Familie sehr wohl!« entgegnete Ruth stolz, »es sind meine lieben, vertrauten Freunde, und wenn ich Herrn de Sangoulème um etwas beneide, so ist's um sein liebes, herziges Großmütterchen, welches ich verehre und hochachte wie leicht keine zweite Dame, sei es selbst aus der exquisiten Gesellschaft der unfehlbaren Residenz!«

»Wieder Ihre Malicen, petite! Lassen Sie doch nicht immer Ihren Groll an Ihrer eigenen Sphäre aus, Sie schlagen sich ja selbst ins Gesicht damit! Lernen Sie doch endlich vorsichtig werden! Ja, lachen Sie nur soviel Sie wollen, einstmals werden Sie mir doch noch Recht geben! Also Sie kennen Försters? Nett mögen sie ja immerhin sein, das bezweifle ich durchaus nicht, aber doch wohl in dürftigen Verhältnissen? Mein Gott, wenn sich unsereins eine Försterstube vorstellt, so bedarf es keines Phantasieaufwandes, Hunde, Gewehre, Tabakwolken, blaues Kaffeegeschirr, eine urwüchsige Küchengrazie, die nach Kuhstall duftet –« und Alice brach in ein lautes Gelächter aus, »o es ist entsetzlich, Ruth, sich den reizenden Sangoulème in dieser Umgebung zu denken!«

»Ich denke, Sie schwärmen für ihn? Wenn ich jemand wahrhaft lieb hätte, würde es mir gleichgiltig sein, in welchem Relief ich sein Bild zu suchen hätte!«

Ruths Stimme klang einfach und ruhig. Norbert aber preßte die Hände gegen das stürmende Herz und verschlang die süßen Laute förmlich. ›Spricht so ein Mädchen, welches nie beglücken wird?‹

»Himmel, wie poetisch!« lachte Alice noch immer. »Sie predigen ja die Liebe wie eine sentimentale Schäferin! Unser Zeitalter ist leider Gottes sehr nüchtern, man denkt zuerst immer an die Revenüen und fragt den Geldsack, ob er seine Einwilligung zu der zarten Neigung geben will, das Andere findet sich schon; ich sage Ihnen ja, daß ich Sangoulème herrlich, bezaubernd finde, wenn die sonstigen Angelegenheiten stimmen, würde ich auch schließlich wegen der Verwandtschaft die Augen zudrücken und sie mit in Kauf nehmen, man ist ja weit vom Schuß, und mit einer Anstandsvisite speist man eben ab, was überflüssig ist!«

»Schlange!« murmelte Norbert leichenblaß.

»Um Gotteswillen Ruth, Sie sehen mich ja an, als ob Sie mich beißen wollten!« moquierte sich die schöne Hofdame übermütig, »ja keine Feindseligkeiten, sonst lade ich Sie nicht zu meiner Hochzeit ein, Kindchen! Und nun leben Sie wohl, ich erwarte Sie in nächster Zeit bei mir zum Kaffee, nicht wahr? Schicken Sie nur Ihr Faktotum Lenz mit einem Billetchen! au revoir also, grüßen Sie das kleine Försterskind Aennchen und die Donna Marion! Die Loose für den Frauenbazar bringt Ihnen Excellenz selber, lassen Sie sich nicht zu viel aufhängen, es sind erbärmliche Gewinne! Adieu, mein Engel!«

Die Thür knarrte, auf dem Flur klang noch ein ungeduldiges Befehlen nach dem Lakaien des gnädigen Fräuleins, dann abermals ein zärtlicher Abschied, und auf hart klingenden Hackenschuhchen eilte die Hofdame der Prinzessin die Treppe hinab.

Norberts Herz schlug höher, noch zitterte die Aufregung durch seine Seele, und gleichsam um seinen Gedanken das Gleichgewicht wiederzugeben, trat er an das hohe Fenster und blickte auf die belebte Parkstraße hinab.

Nebenan klangen gedämpfte Schritte und näherten sich dem Zimmer! Der junge Mann stützte die Hand schwer auf das marmorne Fensterbrett und wandte sich erwartend zurück, mit starrem Blick haftete sein Auge an der Thür, er atmete kaum.

Da teilen sich die Portieren und Ruth tritt ein. Mit gesenktem Haupt schreitet sie zu dem Tisch, in tiefe Gedanken verloren. Ein dunkles Kleid fällt in weichen Falten um die schlanke Gestalt, hoch am Hals mit einer weißen Spitzenkrause geschlossen, schlicht und schmucklos wie ein Trauergewand. Norbert blickt regungslos in das geneigte Antlitz, es ist ungewöhnlich bleich und ein nie gekannter Zug tiefsten Seelenleides lagert um den feinen Mund. Sie nimmt die Zeichnung empor und wendet sie dem Licht zu, da bewegen sich die seidenen Fenstergardinen und in lautlosem Schrecken zuckt die erhobene Hand nach dem Herzen.

»Herr de Sangoulème!«

»Vergebung, Baronesse, ich bin unschuldig an diesem Eindringen in fremdes Gebiet!« ruft Norbert, hastig zu ihr in die Mitte des Zimmers tretend. »Lenz wies mich in dieses Zimmer und verschwieg mir, daß es Ihr Boudoir ist!«

Ruth lächelte. »Dies Vergehen ist nicht groß, Herr de Sangoulème, und bedarf keiner Entschuldigung, mein alter Scherasmin ist gewohnt, daß gute Freunde auch in diesen Räumen empfangen werden! Sie erwarten Aennchen? Bitte, nehmen Sie Platz, und vor der Hand mit meiner Gesellschaft vorlieb, die Damen werden bald aus der Stadt zurück sein!«

Der junge Seemann stützte sich mit dankender Verneigung auf die geschnitzte Sessellehne. »Ich kam, um den Herrschaften Lebewohl zu sagen«, entgegnete er gedämpft, »und meine Botendienste zur Verfügung zu stellen; wenn es Briefe oder Sendungen für die Heimat giebt, bitte ich, mir dieselben anzuvertrauen!«

»Nehmen Sie auch Grüße mit?« fragte Erlkönigin mit reizendem Schelm, sie ergriff den Bleistift und schattierte an Aennchens Augen, »dann habe ich einen ganzen Sack voll für Sie, vielleicht giebt es Ueberfracht. Erstlich also an Großmütterchen und Onkel Oberförster die allergrößten und herzlichsten, dann an meinen kleinen Mann Hans viel Zärtliches, wenn es nicht unbescheiden ist, octroyiere ich Ihnen auch gern eine Residenzzuckerdüte für ihn auf, ferner Freund Nimrod, die alte Dörte, unsere liebe, gemütliche Kaffeekanne. Alle, Alle grüßen Sie viel tausend Mal, und wenn Sie durch den stillen Wald gehen, dann sagen Sie den Eichen und Fichten, ich hätte sie noch nicht vergessen, und wenn Sie gar der Weg durch den Kleengrund führt –«

»Nun? Was soll ich ihm ausrichten?«

»Daß ich ihn lieb hätte und mich Tag und Nacht zu ihm zurücksehnte!«

Ein leidenschaftlicher Blick flammte aus ihrem Auge und traf das Antlitz des jungen Mannes, sie erbebte unter dem Ausdruck, welcher diese Züge momentan beherrschte.

»Sie sehnen sich heim? Und warum bleiben Sie hier?« fragte er langsam, unwillkürlich richtete sich seine schlanke Gestalt empor und die Brust hob sich unter einem tiefen Atemzuge.

»Noch ist's nicht an der Zeit, um zurückzukehren«, entgegnete sie fast finster, dann herrschte einen Augenblick Schweigen. Da zitterte heller Glockenton durch den Flur.


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