Otto Ernst
Ein frohes Farbenspiel
Otto Ernst

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Vom Essen und Trinken.

Bekenntnisse einer schönen Seele.

Der Vegetarier wende sich schaudernd ab, und der Temperenzler verhülle weinend sein Haupt.

Denn Hammelkotelette à la Souvise und 1889er Margaux I er vin ich vermag ihnen nicht zu fluchen!

Ich weiß: viele Tausende meiner Kompatrioten werden höhnen über diesen Bauchmenschen, diesen Materialisten, diesen Lamettrie, der noch einmal an einer Pastete krepieren wird –! Aber wenn nur die Pastete danach ist, läßt man auch das über sich ergehen.

»Unglaublich. Seine Feder entweihen durch die Verherrlichung eines Puddings –! Ja, wißt ihr denn, was ein Pudding dem Kulturmenschen zu sein vermag?

Ich muß an einen Besuch bei Theodor Fontane denken. Wir plauderten von der Nüchternheit der Lebensführung bei den Deutschen, besonders bei den Preußen. »Wir stehen noch immer unter dem Einfluß des ersten Friedrich Wilhelm,« meinte er. »Das Bedürfnis nach Luxus ist ganz abhanden gekommen. Und wenn die Leute früher ihr Geld auch nur anlegten, ein paar hundert Ellen Seidenzeug zu einem Paar Pluderhosen zu verarbeiten – es war doch der Sinn für den Luxus da, ohne den die Kunst nicht gedeihen kann. Die Menschen von heute wissen ja nicht einmal zu unterscheiden, ob eine Speise gut oder schlecht bereitet ist. Ja – und das gehört doch auch zur Kultur!«

Seine unvergleichlich freundlichen Augen blickten dabei so leuchtend in die Ferne, daß ich junger Mensch mir Lust und Erquickung aus ihnen trank. Den Raum erfüllte jene stille, solide, behagliche Gelehrten- und Poetenvornehmheit, die uns im Goethehause so mächtig anheimelnd berührt.

Du siehst also, deutsches Volk, auch deine besten Geister kümmern sich um Essen und Trinken.

Aber Elende giebt es, die kalten Herzens sprechen: »Das Halsloch ist nur ein kleines Loch; aber es geht viel hindurch.« Findet ihr nicht, daß das ein Vorzug des Halsloches ist? Hättet ihr lieber einen Schlund wie der Fenriswolf, dessen Oberkiefer den Himmel, dessen Unterkiefer die Erde berührt?

Ja, in einem gewissen Teile unseres Vaterlandes hört man die schnöde Weisheit: »Was auf dem Leibe ist, sehen die Leute, was im Leibe ist, sehen sie nicht.« Man begreift, wie abstoßend das auf eine innerliche Natur wie die meine wirken muß. In diesem Lande wird der Fremde mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zum Diner eingeladen; man erweckt den Anschein, als betrachte man es als eine außerordentliche Ehre, ihn zu Tische zu haben; der ahnungslose Fremde, ein Freund von guten Speisen und Weinen, nimmt an, erscheint, hat vielleicht gar einen Frack angezogen, verlebt im Gespräch mit der Dame des Hauses eine halbe Stunde angenehmster Erwartung, lächelt wohlig, als er sich an den mit feinstem Linnen, Porzellan und Silberzeug gedeckten Tisch setzt, ißt vielleicht noch gutlaunig die indifferente Suppe – wenn er sich auch nicht recht zu erklären weiß, was die dreiviertel gefüllte Flasche Zeltinger auf dem Tisch soll – dann, beim zweiten Gang – Frikandellen à la Samstag mit etwas Gemüse – packt ihn eine bange Ahnung; als die gnädige Frau ihm zum zweitenmal die Frikandellen zumutet, dankt er verbindlich; aber die gnädige Frau bittet mit herzigem Lächeln, er möge doch zulangen, es gebe nur noch ein bißchen Käse. Aber er dankt wirklich – natürlich! – ja, ganz wirklich! Nun erst recht! Ein heftiger Kampf entbrennt in ihm. Er hat einen beträchtlichen Hunger; er äße so gern. Aber soll er diesen schönen Hunger, diesen wunderbaren, distinguierten, adligen Hunger an diesem ledernen Käse vergeuden? Er ist ein Feind aller Verschwendung. In Ermangelung von etwas Besserem schluckt er seinen Grimm hinunter.

Nichts liegt mir ferner als Partikularismus, darum will ich auch die Gegend nicht nennen. Aber sie ist gewarnt.

Es ist ja wohl möglich, daß die Gastmähler dieser Leute gar nicht so böse gemeint sind. Zum Essen und Trinken muß man wohl auch geboren werden, wie zum Dichten und Malen, oder man muß wenigstens dazu erzogen werden. Es ist nicht Weltflucht und Verachtung des Irdischen, daß diese Leute nicht essen und trinken. Für die Askese habe ich ein gewisses Verständnis; wenn man alles andere gekostet hat, muß sie köstlich schmecken. Ich verehre gewissermaßen die Askese; denn zum Asketen werd ich es niemals bringen. Aber jene Leute verschwenden Unsummen für einen Hut, ein Baby-Jäckchen, für irgend einen Tand. Aber habt ihr jemals gesehen, mit welch haßerfüllten Blicken sie den Edlen betrachten, der seinen letzten Thaler für Austern hingiebt? (Ich nehme natürlich diejenigen aus, von denen der Edle geborgt hat.) Da kehren sie mit einem Mal die unbegrenzteste Hochachtung vor dem Mammon heraus! Sie sagen: »Wenn er sein Geld nicht für Hummern und Sekt ausgäbe, dann könnte er mit sechzig Jahren eine Rente haben!« Sehr gut – wie aber, wenn er dann keinen Hummer und Sekt mehr vertragen kann? Sechzig Jahre der Kraft, die er leben kann, soll er nicht leben, um zwanzig Jährlein des Alters zu leben, die er nicht leben kann, als etwa bei Milch und Kinderzwieback? Seht da eure Weisheit! Sie ist nicht mehr wert, als nach einem guten Essen zerpflückt zu werden wie diese Apfelsinenschale!

Und hat man einmal gehört, mit welcher inbrünstigen Verehrung diese Leute von einem zehnfachen Millionär sprechen, der »so einfach lebe wie ein Scheerenschleifer und sich des Mittags an einem Teller Erbsensuppe mit Speck genügen lasse?« Ei, ein zehnfaches Kreuzmillionendonnerwetter soll ja diesem Daseinschinder in Kragen und Magen fahren! Wenn wir schon die Royal Whitstable Natives nicht essen können, dann soll wenigstens er sie essen! Das ist sein Beruf, seine Standespflicht, seine Mission! Das Recht, sich von Erbsensuppe und Eisbein zu ernähren, kann höchstens durch schrankenlose Wohlthätigkeit erworben werden. Wenn der einfach-zehnfache Millionär mit vollen Händen an Leidende und Bedürftige giebt, dann wollen wir ihm seine Erbsen gestatten und für ihn die Whitstable Natives essen. Denn die Whitstable Natives sind etwas, das gegessen werden muß.

Und noch eines sage ich euch: Gold und Perlen machen den Menschen eitel und hochmütig; aber Rehsteak mit Maccaroni und Fleur de Chablis stimmen ihn großmütig und liebevoll, er sei denn ein öder Fresser und also das größte unter den Tieren und solcher Gaben im innersten nicht wert.

In einer anderen Gegend unseres Vaterlandes herrscht nun wieder das ausgedehnteste Raffinement im Essen. Man studiert dort seit Jahrtausenden mit besonderer Vorliebe das Kalb. Welch ausgesuchte Gourmandise liegt in dieser Konzentration! Wie viele Teile eigentlich ein Kalb hat, das soll man nur in jener Gegend erfahren können. Auf einer Speisekarte sieht man dort sämtliche Teile des Kalbes verzeichnet, mit Ausnahme des Strickes, an dem es zur Schlachtbank geführt wurde. Dabei sind all diese Kalbsgerichte mit einer Zartheit zubereitet, daß sie doch wieder etwas merkwürdig Übereinstimmendes haben und nur der Eingeborene den Unterschied zwischen Kalbshaxen und Kalbsnierenbraten herausfindet. Mit Anbruch des nächsten Jahrhunderts will man, wie ich höre, zum Studium eines neuen Tieres übergehen.

Wie gesagt, ich bin nichts weniger als Partikularist und will nicht hetzen. Sonst –

Wieder in einem anderen Teile Deutschlands herrscht schrankenlose Üppigkeit. Was unsereiner nur als Beigabe zum Fleisch sich gönnt, das vergeudet man dort als Hauptnahrungsmittel: den Salat, das Kraut. Ich bin gewiß kein Knicker; aber sinnlose Verschwendung ist mir ein Greuel. Dergleichen kann sich ein Nebukadnezar leisten, aber nicht ein einfacher Mensch. Den Haupthunger zu stillen, genügt durchaus etwas zarter Rehrücken oder etwas Ente, und will und kann man sich dann noch ein übriges leisten, so gestatte man sich etwas Salat oder Kraut. Keinenfalls aber beides.

Ich bin stolz darauf, einem Stamme anzugehören, der sich einst nicht unwirksam gegen die Feinde des Landes verteidigte durch seine Kost. Alte Leute, die noch die Franzosenzeit erlebt haben, wissen von manchem Franzmann zu erzählen, der im Chausseegraben an den von der Bevölkerung ihm eingeflößten Mehlbomben verendete. Was der Kloß nicht ereilte, das vernichtete der Pfannkuchen.

Sollte ich nun dadurch, daß ich in vorstehendem gewisse Speisen mit einer gewissen Hochachtung, andere wieder mit einer Art Geringschätzung erwähnte, bei dem geneigten Leser den Anschein erweckt haben, daß ich im Essen einseitig, parteiisch, ungerecht und unduldsam wäre, so will ich bemerken, daß ich in keinen mir peinlicheren Verdacht geraten könnte. Gewiß: wie ich den »Faust« um seiner großen Idee und um seiner großen Ideen willen unter den Kunstwerken höher stelle als das vollendetste Stimmungsgedicht, so bewundere ich ein delikates Roastbeef mehr als ein delikates Schweineohr; aber damit soll gewiß nicht gesagt sein, daß ich einem solchen Ohr nicht mit Wohlwollen begegnete! In der Kunst kommt es doch in erster Linie auf das Wie und erst in zweiter Linie auf das Was an! Ich kann dieses beschränkte, intolerante Generalisieren nicht leiden, dieses verächtliche »Pah, ein Kalbshirn!« oder »Pah, ein Symbolist!« Es kommt doch immer auf das einzelne Hirn an. Ihr müßt im Ochsen wie im Hammel mit Liebe das Individuum suchen! Das ist außerdem noch modern. Ich kann euch nur raten, meine Brüder und Schwestern: seid duldsam im Stoff, aber unerbittlich in der Qualität. Suaviter in re, fortiter in modo. Durch Einseitigkeit in euren Menus beraubt ihr euch zahlloser Freuden. Nur das versteh ich, wenn ihr Madeirasauce mit den gräßlichsten Verwünschungen von euch weist und die Gattin, die sie euch vorsetzt, samt ihrer Brut hinausstoßt ins Elend. Nein, bitte: ich lehne jede Debatte ab; Madeirasauce ist für mich nicht diskutierbar. Ich weiß nicht, wer sie erfunden hat, vermutlich irgend ein Caracalla oder Heliogabal oder sonst ein rücksichtsloser Fleischergeselle. Das ist mir auch einerlei: was im Essen und Trinken der Geschichte angehört, interessiert mich nicht mehr. Aber wer sie auch erfunden hat, er verdiente sie zu essen.

Essen und Trinken sind gesellige Thätigkeiten. Essen und Trinken sind etwas so Köstliches, daß der edle Mensch sie nicht allein genießen mag. Es ist ja auch schwer zu sagen, was größer ist: die Freude, daß es einem selbst schmeckt, oder die Freude, zu sehen, daß es den anderen schmeckt, die noch besonders groß ist, wenn jene anderen an unserem eigenen Tische sitzen. Ich wenigstens habe kein Verständnis für den einsamen Esser und für den »stillen Suff«; vielleicht ist hier die Grenze meiner Begabung. Man muß doch beim Essen jemand haben, den man begeistert anflehen kann: »Nehmen Sie 'mal von dieser Seite des Bratens!« man muß doch beim Trinken – wenn anders es einem ernst ist ums Trinken – jemand haben, den man nachher umarmen kann! Ich weiß ja, daß man beim einsamen Trinken – das ich natürlich auch versucht habe – in einen Abgrund voll purpurner Träume versinken, mit leicht aufgestützten Fingerspitzen sich über die Milchstraße schwingen kann wie über einen Gartenzaun; aber danach muß man doch jemand haben, den man furchtbar auf die Schulter haut mit den Worten: »Verdammt, Kerl, ich hab eben ein wundervolles Gedicht konzipiert!« und mit dem man dann auf das neue Werk eine neue Flasche trinkt! Zuweilen muß man ja allein essen; dann hilft man sich wohl, indem man zum Essen liest. Aber das ist ein schwacher Notbehelf. Entweder die Lektüre ist schlechter als das Essen, dann verfehlt sie ihren Zweck, oder sie ist besser: dann verdirbt das Essen, oder endlich beide sind gleich gut: dann entsteht ein qualvoller Zwiespalt. Mit der mündlichen Unterhaltung ist das anders, da wird nicht so massenhaft und nicht in so konzentrierter Form Geist produziert, daß man nicht sehr gut dabei essen könnte. Der gebildete Esser wird bei der Wahl seiner Tischgesellschaft ebenso energisch jene Leute vermeiden, die »zur Unterhaltung« sämtliche Uniformen und Abzeichen aller in- und ausländischen Truppengattungen beschreiben und darauf Rebusse aus Streichhölzern legen, wie diejenigen, die durchaus vor dem Fruchteis, jedenfalls aber noch vor dem Käse die Natur des »Dinges an sich« festgestellt wissen wollen.

Freilich: weit energischer als die einsamen Diners wird der essende und trinkende Kulturmensch die Massendiners von sich weisen, ganz besonders solche, die unter dem Präsidium hoher Persönlichkeiten stattfinden. Mit solchen Leuten ist schlecht Kirschen essen, weil sie es oft nicht bis zu den Früchten kommen lassen. Sie, für die das Diner zu den allergewöhnlichsten und alltäglichsten Regierungshandlungen gehört, heben nicht selten schon vor dem Käse die Tafel auf, und das verträgt ein Nervenmensch einfach nicht. Ich schweige ganz davon, daß ein Esser von Gefühl sich einen vornehm sarkastischen Roquefort, einen mondlichtweichen Gervais, einen gemütstiefen Holländer, einen hingebend pikanten Camembert nur mit bitterem Weh aus dem Herzen reißt. Es ist ja nicht um den Käse; es ist das marternde Gefühl, daß dieses Diner ewig ein Torso bleiben, daß es nie ein vollendetes, abgerundetes, langsam ausklingendes Kunstwerk sein wird. Es ist eine brutal zerrissene Musik, die eben alle Sinne weich umsponnen hatte, als jemand eine aufgeblasene Tüte mit der Faust zerknallte. Gefühlvoller Leser, du weißt aus deiner Kindheit, wie es thut, wenn man ein ganzes Pfund Kirschen verzehrt hat und nun die allerletzte in den Schmutz fällt. Du hättest gern die Hälfte der Kirschen verschenkt; aber die letzte, die du langsam in deinen Sinnen vergehen lassen wolltest wie die letzte Minute eines zugemessenen Glückes: sie durfte dir nicht genommen werden. Nun schmeckte dir nachträglich das ganze Pfund nicht mehr; denn auf deiner Zunge, in deinem Herzen blieb eine unaufgelöste Dissonanz. Ich wenigstens liebte schon als Knabe die abgerundeten Mahlzeiten und die Dramen mit Schluß.

Ich empfehle auf das wärmste die Diners im engen Familienkreise. Schon um ihretwillen lohnt sich das Heiraten. Denke dir z. B. einen Sonntagnachmittag im Sommer; die Fenster sind offen; die Sonne blickt herein und liest mit behaglichem Schmunzeln und mit mütterlichem Stolz auf einer Flasche das Wort »Liebfrauenmilch«, neben dir sitzt die liebe Frau deines Hauses, vom obersten Haarlöckchen bis zum äußersten Schuhspitzchen appetitlich zum Einbeißen, und um den Tisch herum sitzen dann noch fünf, sechs, sieben oder mehr Kinder, mit lüstern geöffneten Mäulern nach der Fruchtschale schielend; denn ihnen ist das ganze Diner eine etwas umständliche Vorbereitung auf Kirschen und Erdbeeren. Du bist in einem fortwährenden pädagogischen Konflikt: läßt du sie reden, so verstehst du bald vor Lärm den Gänsebraten nicht mehr; verbietest du ihnen den Mund – ja, wer mag an seinem Tisch auf das Geplauder von Kindern verzichten; bei Tische haben sie ja die produktivsten Einfälle. Also beschränkt man sich auf ein periodisch wiederholtes Donnerwort: »Jetzt haltet aber den Schnabel und eßt, sonst kriegt ihr keine Schneebälle!«

»Hurraaa, heut giebt's Schneebälle!« Du hast damit nur einen größeren Lärm entfacht und mußt noch diverse gerührte Umarmungen und Küsse über dich ergehen lassen. Du beruhigst sie endlich, indem du jedes an deinem Glase nippen läßt; sie erklären alle mit heuchlerisch verdrehten Augen, es schmecke prachtvoll, obwohl es feststeht, daß ihren Kinderzünglein diese milde Milch Unserer lieben Frauen noch viel zu herbe ist und sie sich mit Arm und Bein dagegen wehren würden, wenn sie sie trinken sollten. Du zerlegst den Braten, willst deiner Frau das allerschönste Stück auf den Teller legen; sie erklärt auf das entschiedenste, daß du es essen müßtest, ein Streit, der immer mit einem Siege der Frau endet, weshalb es dir auch so leicht wird, ihr das beste Stück anzubieten. Du trinkst dann mit deiner Frau auf irgend etwas Schönes und Heiliges, das Kinder noch nicht verstehen, und teilst endlich die Schneebälle und Kirschen aus, wie ein König Provinzen verteilt, und mit einem Male klingt dir in den Ohren ein leiser, friedevoller Mozart.

»Wie sehr lach ich die Großen aus,
Die Blutvergießer, Helden, Prinzen.
Denn mich beglückt ein kleines Haus,
Sie nicht einmal Provinzen.«

Wenn die Worte auch nicht so ganz zu deiner Seele stimmen – die Musik stimmt. Und wenn du auch einer bist, der an Werkeltagen nötigenfalls seine Feinde beim Kragen nimmt und mit den Köpfen zusammenschlägt und der an Sonntagen mit leuchtendem Trotz in den Augen denkt, daß er sich diese süßen Minuten erkämpfen mußte – wenn du all das weichmäulige, ahnungslose Glück um dich herumlungern siehst, dann merkst du dummer Kerl doch, daß dir vor lauter Freude die Augen feucht werden, entsinnst dich aber noch rechtzeitig, daß Sentimentalität auch mitunter eine Folge von Hummerragout und Liebfrauenmilch sein kann. Und wenn du dich aufs Ruhebett gestreckt hast und deine traumberauschte Seele zwischen Schlaf und Leben schwankt, dann spürst du noch auf deinem Mund den reinen Kuß deines Jüngsten, die letzte, ambrosische Speise von diesem Sonntagsmahl am Tisch des Lebens.

Aber ein echter Mensch darf nicht in Haus und Familie versimpeln, und darum soll er des öfteren auch im Freundeskreise essen und trinken. Ein Lebenskünstler hat gesagt, eine rechte Tischgesellschaft dürfe nicht unter der Zahl der Grazien bleiben und die Zahl der Musen nicht überschreiten. Ein feines Wort. Denn bei weniger als dreien erhält sich nur schwer die leichte Beweglichkeit der Unterhaltung, der anmutig wechselnde Reigen der Gedanken; bei mehr als neunen legt sich gar zu leicht der Druck der Masse auf den Einzelnen und macht seine Produktivität befangen. Nicht, daß es nicht auch einmal zehn sein dürften; wenn z. B. der Zehnte ein Musaget ist, so wird man nicht engherzig sein. Natürlich heißt das alles nicht, daß man als alleinstehender Herr mit neun Damen speisen soll; drei, vier, fünf Damen und ebenso viele Herren, lauter frohe und treue, eß- und trinkbare Gemüter, in einem Cabinet particulier zusammen: diese Vorstellung wird immer eine gewisse Macht über mich besitzen, wenn auch auf der anderen Seite die Tugend steht und mir mit einem Bündel Mohrrüben winkt. Natürlich hat auch ein Diner oder Souper unter lauter Herren seinen Reiz; das Menu wird dann eben etwas anders. Wenn die Herzen und Geister einer Gesellschaft gut zu einander abgestimmt sind, wird schnell ein schöner Zusammenklang da sein. Freilich: wenn es das Unglück durchaus will, kann auch ein solches Symposion ledern verlaufen. Der deutsche Geist hat zuweilen seine trotzigen Nücken und weigert sich dann wohl einen ganzen Abend lang mit verstockter, boshafter Freude, irgend etwas herzugeben. Er hat Stunden und Tage der Lethargie, die nur um so größer wird, je mehr man sie zu bannen sucht. Der deutsche Genius muß seinen guten Tag haben. Einen solchen guten Tag kann man ihm aber in der Regel verschaffen, wenn man ihm etwas Gutes zu trinken giebt. Darum ist es empfehlenswert, gleich zu Anfang eines Mahles mehrfach einen guten Schluck zu nehmen. »Jawohl,« rufen die Abstinenzler mit der ihnen eigentümlichen Lieblosigkeit, »die Herrschaften müssen sich eben ihren ›Geist‹ erst vom Alkohol leihen!« Bitte, meine Verehrtesten, Leute wie wir sind nicht um Geist verlegen in der Stille unseres Arbeitszimmers, wo wir Zeit haben. Aber in munterer Gesellschaft kann man nicht sagen: »Ach bitte, warten Sie einen Augenblick, mir wird schon eine schlagende Antwort einfallen.« Der Deutsche ist nicht eigentlich schlagfertig Er gibt die wunderbarsten, humorvollsten und tiefsten Antworten von der Welt, wenn man ihm zehn Minuten Zeit läßt. Eben darum ward ihm der Hochheimer zum Gehilfen gegeben.

Wenn auch reine Herrengesellschaften ihren unzweifelhaften Reiz haben, weil in ihnen jener Witz zu unverkürztem Rechte kommt, der nach rein geistigem und nicht nach moralischem Maße geschätzt wird, so wird doch der feiner organisierte Mann die Geselligkeit mit Frauen immer noch höher schätzen. Solchen Männern macht es Freude, dergleichen Racker von Tieren zu bändigen wie die bête masculine. Es fällt ihnen nicht schwer, auch in Gegenwart von Frauen lustig und unterhaltend zu sein. Vielmehr: der geheimnisvolle Gegensatz der Geschlechter regt sie an; denn so lange wir jung sind, wollen wir gefallen. Voraussetzung bei dem allen ist, daß die Frauen gescheit, liebenswürdig und nicht prüde sind.

Nur nach Beendigung der Mahlzeit bin ich sehr für eine halbstündige Trennung der Geschlechter. Wenn auch der menschliche Esser niemals so viel ißt, daß er nicht sehr gut und ohne Schaden noch etwas zu sich nehmen könnte, vielmehr schon das allereinfachste Raffinement ihm gebietet, weniger und dafür öfter zu essen, er sich auch für etwaige Eventualitäten immer eine Möglichkeit, ihnen gerecht zu werden, offen lassen wird, so – jetzt kommt der Nachsatz – ist doch die Zeit unmittelbar nach dem Essen wenig geeignet zu eleganten oder heroischen Attitüden des Körpers oder Geistes. Man verdaut nicht gut in der Stellung des belvederischen Apoll oder des gigantenbekämpfenden Zeus von Pergamon. Nach dem Essen sollst du ruh'n – das andere ist Unsinn in körperlicher wie geistiger Beziehung. Darum sorge ein guter Arrangeur für die nötige Anzahl bequemer Fauteuils. In solchem Sessel sitzend, nimmt man dann den Kaffee und einen Cognac oder einen Chartreuse oder einen Benediktiner oder dergleichen in kleinen Schlücken zu sich. Zum Liqueur gibt man kurze, konzentrierte Epigramme, zum Kaffee ein paar behagliche, aber gefälligst gleichwohl pointierte Anekdoten.

Und dann die Cigarre. Ja – was soll ich euch darüber sagen. Hier erlahmt meine Kraft. Es ist von ernsten Männern behauptet worden, ein Diner – auch das reichste und schönste – habe nur einen Sinn als Vorbereitung auf die nachfolgende Cigarre. Der geneigte Leser wird bei unbefangener Prüfung zugeben, daß ich Essen und Trinken keineswegs gering achte; aber wenn man jene Behauptung mit Ernst und Gründlichkeit vor mir vertreten würde – ich weiß nicht, ob ich ihr nicht beifallen müßte. Die Cigarre macht den Strich unter das Diner und zieht die Summe. Aber in ihrem Rauch sind die konsistenten Freuden des Mahles aufgelöst in duftende Träume; der biderbe Wildschweinsbraten hat seine Erdenschwere verloren und steigt als ein silbernes Wölkchen selig empor; die Geister des Weines hüllen sich neckisch in verwehende, aromatische Schleier, werfen sie wieder ab und tanzen mit leisem Wiegen und Drehen an uns vorüber. Nun speist eigentlich erst der intimere Mensch in uns; das innerste, scheueste Ich, das am Tage sich verborgen hält und dem das Feste und Flüssige zu brutal war, kommt an die Oberfläche und saugt sich mit gierigen Nüstern Nahrung und Wohlgeschmack aus Erinnerungen.

Nach solch einer halben Stunde kehrt man in das gemeinsame Zimmer zurück, wo man schon von einer tiefgründigen und milden Bowle erwartet wird. Solch eine Bowle hat ihre großen Vorzüge vor dem Einzeltrinken aus Flaschen – abgesehen vom Stoff natürlich – sie gewährt einen Mittelpunkt, der die Blicke und die zerflatternden Geister immer wieder anzieht wie eine einsame Blume die Schmetterlinge; sie bildet für die Gesellschaft gleichsam ein centrales Heiligtum. Das Trinken, dem während des Diners natürlich durch das Essen Abbruch geschah, kommt jetzt zu seinem vollen Rechte. Wenn nun ein echter Dichter unter der Gesellschaft ist und er hat ein Manuskript und dieses Manuskript ist kurz und gut, so darf er damit herausrücken. Und wenn ein echter Musiker da ist, so darf er ein wenig spielen oder singen. Ich gebe diese Erlaubnis nur unter den schwersten Bedenken; denn ich weiß, fünfundneunzig Prozent meiner Leser werden nun wieder statt der Diners mit Kunstgenüssen Konzerte und Vorlesungen mit kleinen scherzhaften Erfrischungen veranstalten. Ich sage nicht, daß die Kunstgenüsse »nur zur Abwechselung« da sein sollen; einer solchen Brutalität bin ich nicht fähig. Nein, es soll ein richtiges Gleichgewicht sein zwischen Sinnlichem und Geistigem. Denn was mit irgend vernünftigem Grunde Mensch heißt, das mag nicht allein sinnlich genießen, es habe denn bei fünfundzwanzig Grad Réaumur eine fünfstündige Felddienstübung gemacht, in welchem Falle es beim Vertilgen der ersten zwei Liter Bier und der ersten vier Würste nicht die idealen Obertöne vernimmt. Aber zu jenem Gleichgewicht genügen auch ein paar Lieder oder ein kurzes Novellchen. Denn ein ganz, ganz kleines, echtes Kunstwerkchen wiegt schon das teuerste Diner mit zehn Gängen und ebenso vielen Weinen auf. Das schreibe ich für die Protzen. Die lesen mich zwar nicht, aber man muß dennoch etwas für ihre Bildung zu thun versuchen.

Wenn die angelische Stimme der Kunst hineinklingt in den Gesang eurer Gläser, dann werdet ihr mit stillen Blicken einander sagen: Brüder und Schwestern, wie glücklich sind wir! Wir dürfen mit sicherem Behagen von den Gütern des Lebens verschwenden; denn unerschöpfliche Reichtümer der Freude ruhen ja noch in den Kornkammern unserer Seele!

Und über Schüsseln und Becher hinaus klingt jene Stimme, wenn du nun nach Hause gehst oder fährst, alle Nerven und Sinne wohlig erregt. Am schönsten, wenn du unter sternenklarem Himmel dahinfährst. Du möchtest hinausspringen und den Wagen ziehen, um nur arbeiten zu können; du möchtest den Schlaf verschmähen, um nur gleich an eines der sieben Werke zu gehen, die dir im Busen schwellen. Du gehst dann in der Regel doch schlafen, weil eine unerwartete Müdigkeit eintritt. Aber am Morgen siehst du dein Tagewerk mit sonnigen Augen an. O Arbeit nach dem Genuß – welch ein Genuß bist du!

Und du, fauler Schlemmer, der du nun unter Berufung auf mich hingehen möchtest, um dein Leben in Diners, Soupers und Dejeuners einzuteilen, du bist schön dumm, wenn du mir glaubst, was ich geschrieben habe. Für dich ist das alles Lug und Wind. Ich leugne nicht, daß Wein und Austern dir schmecken können. Aber ewig vergeblich suchst du an den Whitstable Natives die salzige Frische des Meeres, wie uns sie erquickt, und niemals erscheint deinem Auge, wie wir sie gesehen, die süßduftende, weiße Blume von Chablis.


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