Otto Ernst
Ein frohes Farbenspiel
Otto Ernst

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Flieh, auf, hinaus in's weite Land!

In den Pfingsttagen ist er wieder aufgestanden. Die Pranken hoch emporgestreckt zum Ansprung . . . .

Kusch!!

Und langsam, sehr langsam duckt er sich noch einmal in den Winkel.

Der Wanderdämon.

Wer stets daheim geblieben ist, in dem schläft er einen tiefen Schlaf. Ein solcher Mensch spricht ganz unschuldig solche Lästerungen aus wie:

»Wozu soll ich reisen? Kann ich's irgendwo schöner und behaglicher haben als in Hamburg?«

Oder:

»Gehn Sie mir mit dem Reisen. Der reinste Selbstbetrug! Man giebt recht viel Geld aus, fühlt sich fortwährend unbehaglich und sagt immer ›O wie schön!‹ um sich nur zu beschwichtigen. Hab auch mal so'n Rundreisebillet durch 'n Harz gehabt. Bin gar nicht erst ausgestiegen. Gleich durchgefahren und wieder nach Hause . . . .«

Und was dergleichen Ahnungslosigkeiten mehr sind.

Aber wenn jener Dämon nur einmal Blut geleckt hat . . . .

Nehmen wir an, du machtest deine jährliche Reise im Juli, so meldet er sich nach der ersten Reise im Juni, nach der zweiten im Mai, nach der dritten schon im April, und nach wenigen Jahren, wenn du gerade vor dem Tannenbaum stehst und eine goldene Nuß hineinhängen willst, wachsen sehnsüchtige Bergriesen in dir empor, und über weltweite Alpengründe fließt Herdengeläut und millionensternige Blumenpracht.

Du schüttelst schnell den Kopf . . . Still!! Kusch dich!! . . . . Und der große, machtvolle Weihnachtsfriede deckt das liebe Ungeheuer zu – günstigenfalls, bis der erste Star unter deinem Fenster schrillt. Dann regt es sich ohne Gnade, und bald darauf wieder, wenn die »neun Sommertage des März« kommen – oder ausbleiben, je nachdem – und dann an dem Tage, da der eine große, warme Atemzug der Befreiung durch die Städte geht und alle Menschen, auch die in den Krankenstuben, sprechen: »Ja, jetzt ist der Frühling wirklich da!« – und dann in immer kürzeren Zwischenräumen.

In den Pfingsttagen richtete er sich gewaltig empor; ich spürte seinen heißen Atem an der Wange . . . .

An einem heiligen Pfingstmorgen in früher Kindheit ist er ja auch zum erstenmal in mir geweckt worden. Damals nahm ein älterer Bruder mich bei der Hand und führte mich das Ufer des breiten Elbstromes hinunter. Und sieh: jenseits des breiten, sonnigen Glanzes lagen blaue Berge, denkt euch nur: blaue Berge! Als mir mein Bruder dann noch sagte, die Bläue komme von den Heidelbeeren her, mit denen die Berge über und über bewachsen wären, da wuchs mein Verlangen ins Unendliche. Von jenen blauen Bergen kam meine Wanderlust.

Nun hatt' ich gesehen, daß es noch eine Welt gab jenseits unseres Dorfes. Mehr noch gefühlt als gesehen! Mein inneres Leben hatte ein Jenseits bekommen, eine nebelblaue Weite, in der meine Träume tanzen konnten. Von jenem Tag an gab es in meiner Seele Heimat und Fremde. Wir waren weit, weit gegangen, wenigstens für meine kurzen Kinderbeinchen, und zum erstenmal fühlt' ich den geheimnisvollen Zauber, den Überwindung des Raumes und Wechsel der Umgebung mit sich bringen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so ist: aber für mich hat die Überwindung großer Entfernungen, wie sie z. B. die Dampfkraft ermöglicht, etwas Anziehend-Unheimliches. So ein Handlungsreisender – ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich irre, und es gibt ja gewiß auch andere – spielt heute abend seinen Skat in Leipzig und morgen abend in Berlin, und wenn er beide Male gleiche Karten hat, ist es ihm ganz einerlei. Hab ich recht? Nun ja, es kann auch wohl nicht anders sein. Aber ich sage mir in solchem Falle gedankenvoll: »Gestern in München – und heute in Posen.« Und darin liegt dann so ein übermenschlicher Schicksalsklang wie etwa in den Worten: »Heute rot – morgen tot.« Es genügen schon die Bahnhöfe solcher zwei Endpunkte, um Schauer der Raumüberwindung in mir zu erwecken. Es mag wohl daher kommen, daß alle Dinge für mich Gesichter haben, seien es auch nur Steinwände, eiserne Träger oder bestaubte Fensterscheiben, keine Menschengesichter, sondern solche Gesichter, wie sie Steinwände, eiserne Träger und bestaubte Fensterscheiben eben haben . . . .

Und dann kamen alle die Pfingstfeste, da ich in der Nacht vor der Ausgießung des heiligen Geistes mit meiner Mutter bis zwei Uhr, bis drei Uhr bei der Lampe saß und seligen Blickes zusah, wie sie aus dem vergangenen Pfingststaat des Vaters den neuen Pfingststaat des Sohnes erstehen ließ. Ich sehe noch, wie auf den treuen, nimmermüden Händen der gelbe Lampenschimmer lag, ein Schimmer, der mir dann vor den stillen Augen zum gelben Sonnenschein auf Wald und Wiesenpfaden ward. Das schönste von allem Glück sind die geweihten Stunden der Erwartung, besonders die schweigend bewegten Nachtstunden, nach denen die Licht- und Klangfanfaren eines großen Morgens kommen sollen.

In solchen Nächten braucht man keinen Schlaf. Leg dich mit der Erwartung von Leiden nieder, und aus dem längsten und schwersten Schlaf erwachst du ohne Erquickung; wiegt sich aber dein Herz auf Flügeln fröhlicher Hoffnung, so nippst du wie ein Vogel einen einzigen Tropfen aus dem Wasser der Träume und fliegst gestärkt in den Morgen hinaus.

Ja, mit starken Beinen marschierten wir in allererster Frühe des Morgens hinaus. Die Tradition verlangte das: erste, keuscheste Herrgottsfrühe. »Herrgottsfrühe« – welch ein wunderbares Wort das ist! Alle Menschen schlafen noch; selbst die Vögel hocken noch im Nest; nur der Herrgott und du sind schon wach, und du fragst ganz unbefangen hinauf: »Wie wird's denn heut' werden?« denn er hat noch Zeit, ein Wort an dich allein zu wenden. Und leichte Sommerkleider verlangte die Tradition, bei den Mädeln sogar helle Kleider, wenn es auch sanft und hartnäckig regnete und der Regen nur selten unterbrochen ward durch ein wenig Schnee. Was Faust vom Ostermorgen sagt, mag ja im sechzehnten Jahrhundert richtig gewesen sein, heutzutage stimmt es nicht mehr, wenigstens nicht in Norddeutschland. Am Osterfeste macht man Schlittenpartien, freut sich aber, wenn man wieder beim Ofen sitzen und Grog trinken darf. Pfingsten ist das Fest, da die Menschen aus ihren steinernen Gräbern auferstehen, um Licht zu trinken.

Und solch ein Fest verregnen lassen (womöglich noch mit Schnee dazwischen), das kann nur der Teufel thun; denn ein Herrgott bringt dergleichen einfach nicht übers Herz. Pfingsten im strömenden Regen beginnen und verrinnen sehen, das war so, wie wenn unser bester Freund uns meuchlings einen Dolchstich versetzt; man stand am Fenster und sprach in sich hinein:

»Das war kein Heldenstück, Oktavio.«

Ich zog meine Eltern so oft ans Fenster und wiederholte so oft die Behauptung, es beginne jetzt im Westen »aufzuklaren«, daß sie bald ganz meiner Meinung wurden und die günstigsten Prognosen stellten. Auf das Wetter hatte das freilich keinen Einfluß. Und es rührt mich noch heute ganz seltsam, wenn ich Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern in dünnen, weißen Pfingstgewändern, die melancholisch am Leibe herunterhängen, unter dem Regen fröstelnd dahinschleichen sehe. Wer sich aus jedem Tage einen Sonntag machen kann, der hat gut mit überlegenem Spotte lächeln: »Warum heben diese Leute sich ihren Staat und ihr Vergnügen nicht auf für einen späteren Tag? Ein Sonntag ist doch wie der andere!«

Ganz recht: ein Sonntag ist wie der andere; aber keiner ist wie der Pfingstsonntag. Am Pfingstsonntag ist in diesen Leuten das Maß der Frühlingssehnsucht voll, und es muß überströmen.

Ja, Sommerkleider mußten es sein und Strohhüte, und in der Flasche mußte Himbeeressig sein – für unerfahrene Zungen ein köstlicher Trank – und in der »Botanisier«-Dose ein Frühstück mit Schinken, Eiern oder noch selteneren Dingen. Ich gebe gern zu – ich sehe nicht ein, warum ich mich genieren soll – daß meine Seligkeit ein inniges Gemisch war von Schönheitsfreude und Schinkenhoffnung; aber ich bestreite auf das entschiedenste, daß sie nur aus letzterer bestanden habe, wie bei einigen meiner Kameraden. O nein, ich sah wohl die festliche Schönheit der breiten Wiesen, auf denen behende Burschen nach schlanken, tanzenden Mädchen haschten; ich blickte wohl mit heimlichem Entzücken seitwärts in grüne, heilig-dunkle Säulengänge, wo die Amseln furcht- und harmlos über den Weg liefen; ich sah wohl die Schönheit auf den Gesichtern, wenn dem blinden Geiger ein Groschen in den Hut fiel; ich bemerkte wohl, daß die weißen Segel auf dem Fluß so stilllächelnd dahintändelten, als ergingen sie sich ziel- und wunschlos auf den Fluten der ewigen Seligkeit, und ich sah wohl, wie die Birke ihr langes Haar übers Gesicht fallen ließ, daß die Gräser damit spielten, und wie sie sich immer wieder neigte und sich immer wieder neigte und immer wieder, mit zärtlicher Geduld, wie eine junge Mutter. Und wenn ich damals gewußt hätte, daß das das Glück sei, was um die flüsternden Zweige flimmert und über den wandernden Strömen schimmert – wenn ich das geahnt hätte . . .!

Kann es euch wundern, daß gerade am Pfingstfest die Wandersehnsucht in mir aufstand, unbarmherzig, stark, wild, rauh, und dann mit einem Mal das ganze Innere mit lieblicher Glut erfüllend?

Daß ich mit einem Mal an einen kleinen Steg über einen Arm des grünen Dürrensees denken mußte, an ein paar Brettlein, von denen aus man eine andere Welt erblickt? Denn diese ungeheure, schweigende Runde wildauftrotzender Felsen gehört unmöglich zu der Welt, die wir kennen und in der wir leben. Dies Thal der ewigen Ruhe ist von der Welt des Strebens geschieden durch ewige Felsen. Hier trank ich bei lebendigem Leib die Wollust des Sterbens. Du stehst und starrst – und fühlst, wie unter dir das Tägliche versinkt; immer noch tiefer versinkt es, immer noch tiefer. Und starrend versinkst du selbst in unergründliche Tiefen der Seeleneinsamkeit. Du hast nicht Freund, nicht Weib, nicht Kind mehr; dein Leben ist ausgelöscht; du bist der letzte Mensch unter den furchtbaren Schauern steiniger Öde.

Und wie dein Blick noch starrend hängt am ragenden Geklüft, da steht mit einem Mal auf schimmerndem Grat eine ferne Erinnerung in rosigem Gewande und blickt dir gerad' ins Aug'. Habt ihr's gesehen, daß auf den höchsten Höhen Erinnerungen wohnen? Daß sie auf leuchtenden Zinnen stehen, über den schneeschimmernden Grat wandeln, an grauen, drohenden Abgründen hangen?

Über einem gebietenden Gipfel leuchtete mir die Erinnerung auf an den Tag, da ich, ein achtjähriger Bube, durch die blendend illuminierten Straßen meiner Heimatstadt geführt wurde und von allen Lippen das Wort klang: Der Friede ist geschlossen.

Jenen sanften Abhang herab kam die Erinnerung, wie ich, ein Jüngling, fast noch ein Knabe, durch abendlich-goldene Felder ging, des Francis Bacon scharfes »Organon« in der Tasche, die Leiden des jungen Werther aber im Herzen und im Kopfe.

Über jenen Sattel aber mußte im nächsten Augenblick Hand in Hand der liebliche Reigen jener Stunden heraufkommen, da ich mit Ortrun am Strande saß und sie mir ihre Blumen ins Gesicht warf, weil sie zu schüchtern war, sie mir in die Hand zu geben.

So taust du allmählich wieder auf von Erstarrung und Tod und liesest in dem Gezack der Höhen und Abgründe die Linien eines Menschenlebens: Du hebst endlich wieder den Stab zu neuem Wandern, und mit dir wandern droben auf den Bergen die wilden, grauen Stunden deiner Kämpfe und alle sanften Tage deiner Liebe. –

Und kann es euch wundern, daß ich Pfingsten auch an Cenzi denken mußte, an Cenzi von Mayrhofen im Zillerthal, deren Licht uns gastlich entgegenleuchtete, als wir drei Wandergesellen abends nach zweistündigem Marsch im Regen nach diesem Dorfe gelangten, weich bis ins Gemüt? An Cenzi, das Mädchen mit der revolutionären Orthographie und dem reichen Gemüt, das uns mit einer durchaus flüssigen Suppe und einem sehr reservierten Kalbsbraten erquickte und auf unseren einstimmigen Liebesschwur erklärte, daß sie unsere Gefühle erwidere, alles für einen Gulden siebzig? Freilich kann ich noch heute den nagenden Zweifel nicht los werden, ob Cenzi unsere Gulden nicht noch inniger liebte als uns: denn wenn wir noch dabei waren, das Letzte aus der Flasche ins Glas zu gießen, so fragte sie schon mit Leidenschaft: »Mögen S' noch ane?« und wenn wir dann mit Gefühl erwiderten: »Ja, bringen S' noch eine Viertel,« dann sprach sie: »Mögen S' net a Halbe?« Eine so naive, quellfrische Guldensehnsucht findet man nur noch bei den unverfälschten Kindern des Gebirges.

Oder nimmt es euch wunder, daß ich an Monika dachte, an Monika vom Mahlknechtsjoch, die in jeder Beziehung runde Monika mit den runden Augen, die über alles lachte? Wenn man sagte: »Monika, bestellen Sie mir eine Droschke!« so lachte Monika: das Merkwürdige aber war, wenn man sagte: »Monika, bringen Sie mir einen Kaiserschmarren,« so lachte sie auch. Am meisten aber lachte sie, als einer von uns den Lehrsatz ausstellte: »'n bißchen dumm ist jeder.« Die Sache ist ja auch komisch. Und dann brachte sie einen niemals ganz zu bewältigenden Kaiserschmarren und eine Erbsensuppe, die so unendlich war, wie ihre Fröhlichkeit, und alles stellte sie uns hin mit so mütterlicher Freundlichkeit, als wären wir ihre drei jüngsten Buben, die sie einmal gründlich durchfüttern müsse.

Oder daß ich an Mali dachte in der Dominikushütten, die mordssaubere, blitzäugige Mali, die so freundlich und so betulich war und dann zu dem Buben auf dem Hof, als sie nicht wußte, daß jemand auf dem Altane stand und sie hörte, die eindringlichen und hochtonigen Worte sprach: »Willst glei die Ziegen in Ruh lass'n, du sakrischer Lauskerl, malefizkischer!« Sie sprach das in einer Weise, die den Gedanken an eine eheliche Verbindung in das Innerste der Brust selbst eines geübten Ritter St. Georg zurückgescheucht hätte. Oder an den Aufstieg zum Pfitscher Joch, am Stampflerferner vorbei und an den kleinen dunklen Seen, die wie schwarze Augen regungslos in den Himmel starren? Oder an den Abstieg in das menschenarme, melancholische Pfitschthal, wo ich, als wir nahe vor St. Jakob angekommen waren, immer wieder zurückschauen mußte nach einer Kirche, über der ein himmlisches Licht entzündet war? Ihr müßt dem Wort »himmlisch« erst alle die Bedeutungen ausziehen, die unsere kleinen Mädchen ihm aufhängen, wenn sie von »himmlischen« Tüllgardinen oder von »himmlischen« Zeichenlehrern sprechen. Nehmt einmal bitte das Wort »himmlisch« in seiner reinsten Ursprünglichkeit und denkt euch ein allerreinstes Licht! Über dem Kirchlein lag ein Gletscher im hellsten Mittagssonnenschein, und der Turm wies mitten in den Glanz. Es war ein allein seligmachendes Kirchlein; wer hindurchging, der mußte unmittelbar ins ewige Licht gelangen, und selbst der schwärzeste Bösewicht, wenn er in den Bannkreis dieses Leuchtens trat, mußte sogleich erstrahlen wie der weißeste Engel.

Ach leider ist dieses himmlische Licht ein Trug; in den Köpfen der Menschen fanden wir nichts davon. Welch ein psychologisches Raffinement, welche Kunst der Mitteilung gehörte dazu, um wieder auf den richtigen Pfad zu gelangen, den wir im strömenden Regen verloren hatten, und endlich einen Wagen zu bekommen, der uns in diesem Regen nach Sterzing brachte. Die Fahrt dauerte drei Stunden, von denen wir nach ungefährer Schätzung eine auf unseren Sitzen und nur zwei in der Luft verbrachten. Wir waren vorurteilslos genug, über jeden Stoß zu lachen, wenn unser Lachen nur nicht regelmäßig durch den nächsten Stoß abgebrochen worden wäre. Gleichwohl war unsere Stimmung die ausgelassenste Heiterkeit, wenn wir auch dazwischen mitunter den stillen Gedanken hatten, daß unser Wägelchen im nächsten Augenblick in tausend Splitter zerschmettert werden oder mit Insassen und Pferden in den Abgrund hinunterkollern würde, wo der durch den langen Regen übermäßig geschwellte Pfitschbach mit Donnern und Brausen abwärtsstürzte. Der Kutscher stieß ein »Jesus Maria!« über das andere aus. Es war eine jener Situationen, die man, wenn man einmal darin ist, mit lächelndem »Mannesmut« hinnimmt, deren Wiederholung man aber künftig nach Möglichkeit zu vermeiden im stillen beschließt. Der niedlichste von allen Humoren war aber, daß wir schließlich noch auf eine lange Strecke aussteigen mußten und nun zu Vieren den an allen Rädern gebremsten Wagen zurückhielten, damit er den Pferden nicht auf die Hacken falle und hübsch auf dem Weg bleibe. Es war noch ein wahres Glück, daß wenigstens der Regen anhielt. Wir hatten für solche Perioden der Trübsal einen Fundamentalsatz der Berliner Philosophie, den wir uns dann gegenseitig ins Herz prägten; er hieß: »Det is jrade wat Scheenes.« Solche Sätze sind viel wert. Es ist damit wie mit den Salmiak-Pastillen; eigentlich sind sie scheußlich; aber man hat wenigstens etwas in den Mund zu nehmen und in langen Stunden eine Unterhaltung.

Und schließlich kamen wir doch nach Sterzing in ein hübsches, blitzeblankes Hotel, und wer mir jetzt noch ein Wort auf die Kultur schimpft, der hat's mit mir zu thun.

Für die Natur braucht man nicht einzutreten, die verteidigt sich selbst.

Die redet aller Sprachen Sprache, die aller Menschen Muttersprache ist. Ihre Sprache klingt in Bergen und Thälern, aus Wäldern und Strömen. Und was mir das Gebirge Unaussprechliches vertraut hat: in wenigen Wochen geh' ich und sag' es mit stummen Lippen seiner geheimnisvollen Schwester, dem Meer, dem tausendstimmigen und millionenäugigen, dem herrlichen, dem – o, dem – dem –

Kusch!!!


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