Otto Ernst
Ein frohes Farbenspiel
Otto Ernst

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Wenn Kinder spielen.

»Ich glaube nicht, daß es etwas auf der Welt gibt, was mehr verdient, geliebt zu werden, als die Kinder.«

Minchen Herzlieb.

»O komm! Du hast uns lang nicht mehr gesehn.
Den einen Tag nur schenke dich den Deinen!«

So ungefähr klingen die lockenden Worte, die sie mir dann zuzuraunen pflegt, sie, die Mutter meiner Kinder. »Hör einmal auf mit dem Arbeiten!« bittet sie. »Du mußt ja ganz dumm werden von all dem Lesen –«

»Du ahnungsvoller Engel du!«

»Du hörst und siehst nichts mehr. Wenn man dich fragt, was du vom Wetter hältst, ziehst du die Uhr, starrst sie drei Minuten lang an und schreist dann: ›Im vierten Akt!‹ Komm, du mußt dich erholen; deine Rangen sollen dir den Kopf zurecht setzen – –«

Und sie zieht mich sanft nach der Kinderstube hin, die ich meine »Schatzkammer« nenne, auch wohl »das Gefilde der Seligen« oder »die kleine Raubtiergalerie«.

Und dann erinnere ich mich, daß ja auch Heinrich IV. von Frankreich seine Kinder auf seinem Rücken reiten ließ, daß dasselbe, wenn ich nicht irre, schon von Agesilaos und noch von Alexander III. von Rußland erzählt wird. Es wird eine von den Geschichten sein, die in allen Dynastieen wiederkehren. Warum nicht auch in der meinen?

Freilich: die Förderung der Weltliteratur, die Befreiung und Veredelung der Menschheit, die Einrenkung des laufenden Jahrhunderts und die würdige Vorbereitung des kommenden werden nun um einen Nachmittag hinausgeschoben werden. Mögen sie. Ich bitt' Sie, verehrteste Kultur, ich will doch auch leben! Sollen andere auch mal was für Sie thun!

Also: lassen wir uns herab!

Das hab ich aber gar nicht nötig; denn ich liege schon. Bei der Nachricht, daß ich mitspielen wolle, sind alle vier (zusammen circa zweihundert Pfund) über mich hergefallen und haben mich unter einem furchtbaren Apachengeheul zu Boden gerissen, und wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, so wünscht das Jüngste mich ohne Messer zu skalpieren.

»Rrrrruhe!!! – Heiliges Donnerwetter! Ich merke schon die Erholung! Also: zunächst erstattet mal die gute Mutter Bericht, damit man erfährt, was ihr Taugenichtse denn eigentlich wert seid. Gertrud Regina trete vooor – Siiie – tree–te vor!«

»Sie hat heute im Singen und Deklamieren eine Eins bekommen. Aber in ihrer grammatischen Arbeit hat sie schon wieder sieben Fehler gemacht.«

»Sieben Fehler! Allmächtiger – na, kann mal ihr Glück auf der Bühne machen. Nun – und in puncto ›Charakters‹?«

»Sie ist jetzt viel freundlicher gegen ihre Geschwister.«

»Trudel! Das ist ja – das ist ja eine Mordsfreude! Also komm: dafür tanzen wir dreimal herum!«

Sie schämt sich und versteckt das Köpfchen, ist aber riesig glücklich. Die ringt nämlich noch sozusagen um ihre moralische »Weltanschauung«, d. h. sie schwankt, ob es geratener ist, freundlich und kameradschaftlich gegen die Mitlebenden zu sein, oder verschlossen und patzig. Sie ist acht Wochen lang reizend und grundgütig und dann wieder acht Wochen lang ein abstoßender Racker. Es gibt in der Kindesseele Zeiten des Schwankens, des Tastens im Dunkeln; es gibt ernste, verhängnisvolle Augenblicke, da sie am Scheidewege stehen und niemand es ahnt. Merkt man so etwas, so muß man den jungen Herrschaften Avancen machen. Ich verabschiede mich von meiner Tänzerin mit tiefer Verbeugung. Sie fliegt mir an den Hals und ich fühle einen heftigen Kuß auf der Wange. Sie hat so etwas von einem Berberroß; bei der geringsten Erregung bebt das ganze Körperchen und ihre Nasenflügel zittern.

»Numero zwei: Ludwig Erasmus!«

»Er ist heute im Rechnen der Erste geworden –«

»O Sohn, du verleugnest deine Abstammung.«

»– und hat von allen Schülern seiner ganzen Schule den meisten und besten Straßenschmutz mit nach Hause gebracht.«

»Das läßt auf einen geraden Sinn schließen. Aus unbegreiflicher Langmut und Güte noch einmal verziehen. Im Wiederholungsfalle Stubenarrest – mit Unterbrechungen.«

»Er hat aber auch herausgebracht, daß die Kühe hinten auf der Weide beim Kauen den Unterkiefer immer seitwärts bewegen.«

»Aha.« – Der Kerl ist nämlich ein Scharfseher, er erlugt alles. Seine Leidenschaft: Tiere; Specialität: Rinder. Als ich vor einiger Zeit beim ersten Tagesgrauen lautlos ins Schlafzimmer der Kinder trete, seh ich zu meinem Schreck, daß das eine Rouleau unten einen Hemdzipfel und zwei nackte Beine hat. Ich schleiche näher, hebe mit angespanntester Vorsicht das Rouleau und sehe, daß der zu den Beinen gehörende Kopf auf zwei Fäustchen gestützt, andachtsvoll nach den Kühen auf der Wiese schaut. Ich hätte ja eigentlich etwas von »Erkältung«, »dummen Streichen« und »Schnupfen« hinauswettern sollen; aber ich war so lustig und so fromm gestimmt zugleich, daß bei diesem Zwiegefühl kein Wort herauskam. Es fiel mir sogar schwer, seine Andacht zu stören. Solch ein durstiges Kinderauge schaut noch mit Andacht. Habt ihr einmal den Wechsel von Staunen – und Begreifen – Staunen – und Begreifen – in solch einem Kinderauge gesehen? Er hat ein paar stille, braune Augen, dieser Bengel, in denen ein unablässiges Trinken ist, ein unaufhörliches Hell und Dunkel, Auf und Zu, ein fortwährendes Saugen und Atmen der Seele. Nur selten bricht das Staunen oder das frohe Verstehen durch seine Lippen; fast alles macht er mit sich selber ab: ein leises Aufblitzen: »ach so – ich weiß schon.« Als wenn man auf einen spiegelstillen See blickt, über dem die Wolken wandern, den jetzt eine leichte Wolke verdunkelt und der jetzt wieder im gewohnten Glanze strahlt.

Geh fleißig um mit deinen Kindern. Selbst in ihrem Lernen und Begreifen ist Unschuld. O wäre so viel Redlichkeit in unserem Wissen!

»Also: du weißt, wie die Rinder kauen. Was willst du eigentlich später mal werden; wenn du groß bist, mein ich.«

»Dann – dann werd' ich vielleicht ›Laternenanzünder‹.«

»So so.« Das Anzünden der Straßenlaternen hat ihm offenbar Spaß gemacht. Man schiebt einen langen Stock in die Laterne hinein und mit einem Male – puff – da flammt es auf. Natürlich ist ihm auch der künftige Beruf ein Spiel, ein Genuß; Konditor und Obsthändler sind ihm bevorzugte Berufsarten. Welch ein armseliger Mann ist der Zar von Rußland gegen einen Krämer, der immer nur hineinzugreifen braucht in den strotzend gefüllten Bonbonhafen! Ich hatte als kleiner Bursche eine Zeit, da mir nichts so gut gefiel wie der goldglänzende, helltönende Schalltrichter der Trompete, und der Beruf eines Straßenmusikanten stand mir als unverrückbares Ziel vor der Seele. »Numero drei. Irene Sophie, mit dem Beinamen ›die Gemütsruhige‹!«

Die war das reinste Phlegma. Sechs Jahre lang schlief sie. Sie spielte lautlos vor sich hin und machte dazu ihr weiches, dusseliges Schlummerfrätzchen. Oder sie saß zusammengesunken da, die Hände im Schoß, und starrte mit leeren Augen ins Leere. Wenn die Mutter ein Märchen erzählte, wenn der Wolf gleich aus dem Bett springen wollte, um das Rotkäppchen zu verschlingen, wenn die Spannung auf Numero neunundneunzig stand – dann sagte sie mitten in einen Satz hinein mit ihrer langsamen Traumstimme: »Mut–ter, krieg'n wir heu–te Schoko–laa–deee??«

Wir ließen sie schlafen. Und eines Tages erwachte sie und begann in kühnsten Sprüngen vorwärtszustürmen. Ihr Lernen ist ein ununterbrochener Siegeslauf, ein Werk voll Jubel und Lachen. Die Arbeit ist ihr ein Tanz.

Sie gehört zu den Nestflüchtern, deren Geist nicht löffelweise aufgepäppelt zu werden braucht, sondern die gleich davonlaufen und selbst ihre Nahrung suchen und finden, wenn sie die Eierschale, wenn sie den geheimnisvollen, traumbefangenen Schlaf der ersten Kindheit abgestreift haben.

Pflückt und zerrt nicht mit den dummen Fingern an den kleinen Knospen herum, als könntet ihr nicht erwarten, daß sie sich öffnen! O ihr, die ihr die Ruhe des Keimes nicht ehrt! Nicht, was einer kann, fragt ihr, sondern was er schon kann! O ihr – ihr – ihr Lieben! Wißt ihr nicht einen parlamentarischen Ausdruck für euch?

Haltet den Kleinen hin und wieder ein paar Körner in offener Hand hin. Wenn sie erwacht sind, fangen sie von selbst an zu essen.

»Und nun – Numero vier? Hertha Gunilde, genannt Tramplagonde? Wie viele Beulen am Kopf und wieviel zerschmissenes Spielzeug heute?«

Das ist die, die eines Tages, als ihre Mutter erklärt hatte, heute sei sie einmal artig gewesen, und als sie am folgenden Mittag auf ihre Frage dasselbe Lob hörte, am Abend mit ungeduldigem Befremden fragte: »Bin ich noch immer artig?« und die dann, als meine Frau wieder bejahen mußte, mit ernstem Gesicht die denkwürdigen Worte rief: »Gott, das kann ich gar nicht begreifen!« Sie ist von stürmischer Streitbarkeit, von sausender Gutmütigkeit. Ihre Zärtlichkeit ruft blaue Flecke hervor.

»Was wollen wir denn spielen?« Diese Frage richte ich an sie. Denn sie, die Kleinste, ist der Regisseur unter den Vieren. Alles Geschehen gestaltet sich in ihrer Phantasie sofort dramatisch; sie verteilt die Rollen (sie selbst übernimmt natürlich die »Mütter«); sie erfindet den Dialog, sagt den anderen, was sie sagen sollen und antwortet dann. Auch ihre Puppe und andere tote Dinge läßt sie sprechen, in einem ganz dünnen, quäkenden Tone, und sie antwortet dann in einem sonoren, von reifer, mütterlicher Erfahrung und wohlwollender Nachsicht gesättigten Tone. Das Goethesche Wort, daß Kinder aus allem etwas zu machen wissen, bewahrheitet sie bis zur Tollkühnheit. Der Kinderstuhl wird zum Klavier; ein anderer Stuhl dagegen figuriert mit merkwürdiger Inkonseqnenz als Tramwagen; das Bauhölzchen wird zum Kuchen ernannt, den ich wohl oder übel nicht an den Mund, sondern in den Mund führen muß: diese Gesellschaft schenkt einem nichts. Wenn man sie gewähren läßt, muß man sich schließlich auf die Zinken einer Harke setzen und im charmanten Konversationstone versichern, daß das ein vortreffliches Sopha sei. In ihrer Phantasie wird das Unmögliche Ereignis; was sie zu sehen wünschen, das sehen sie. Sie sind noch ganze Götter, die aus nichts etwas schaffen können: so ihre Phantasie spricht, so geschiehet es; so sie gebietet, so stehet es da. Und weh dem, der lacht! Wenn man sie in ihrem arglosen Phantasiefluge stört, stürzen sie herab, beschämt, befangen, betrübt. Ich will's auch nicht wieder thun; für einen Dichter schickt sich das so gar nicht!

Und taut denn nicht bei diesem Lärm und Geplauder um mich her die gefrorene Musik meiner eigenen Jugendfreuden auf und fällt draußen in flimmernden, klingenden Tropfen vom Dach? Wenn ich Malvorlagen zum Geschenk erhielt, hab' ich nicht unterm Tannenbaum geträumt von ebenso herrlichen Bildern, die ich danach malen wollte, und war es nicht nachher ein ganz echter Schmerz, wenn die schlechten Farben, der dicke Pinsel und meine Unbeholfenheit nur ein gräßliches Gesudel zu stande brachten? Hab ich nicht in seligster Begeisterung das Ideal-Puppentheater geschaut, das mein Freund, der Tischlersohn, nach meinen Angaben zimmern sollte, hab' ich mich nicht gläubig monatelang hinhalten lassen, und fühlte ich nicht so etwas wie ein »gebrochenes Herz«, als der Hasenfuß endlich erklärte, er habe noch gar nichts gemacht, weil er nicht dürfe? Und hab' ich nicht sechs Wochen lang jeden Samstag mit klopfendem Herzen auf das lebendige Pferd gewartet, das mein Onkel mir mitbringen wollte, und mich immer wieder hoffend bei seinen Erklärungen beruhigt, die Knochen seien noch nicht fertig, oder die Haut, oder der Schwanz fehle noch!? Die Sterbestunde dieser Illusion ist mir nicht mehr im Gedächtnis; sie ist wohl ganz sanft und unmerklich verschieden. Und dann ist es auch etwas lange her, daß mein Glaube so stark war . . .

Die Kleinen werden ungeduldig. Freilich: wenn man mit Kindern spielt, soll man nicht sprachlos vor sich hindämmern. Dafür haben sie das denkbar geringste Verständnis.

»Wir wollen ›Rotköpfchen‹ spielen,« hat Hertha entschieden. Sie sagt immer »Rotköpfchen«. Was sie sich wohl dabei denkt. Offenbar ist es ihr nur ein Name wie »Marie« oder »Anna«. Wenn man doch nur mal in solch einen kleinen Schädel hineinblicken könnte! Ich glaube, ein Ameisenhaufen ist etwas unendlich Regelmäßiges gegen dieses Gewirr. Und doch krabbelt sich da drinnen mit der Zeit alles von selbst zurecht. »Also Rotkäppchen!«

»Ja. Ich bin die Großmutter (die Rolle ist ihr auf'n Leib geschrieben!) und du bist der Wolf, und Irene ist Rotköpfchen, und Trudel ist die Mutter, und Ludwig ist der Jäger.«

Nach einem kurzen Rollenstreit ist alles in Ordnung und die Vorstellung kann beginnen. Ich nähere mich Rotkäppchen auf allen Vieren und verbinde mit einem sehr naturalistischen, fleischliebenden Organ jene heuchlerische Liebenswürdigkeit, die ein Wolf in dieser Situation zu entwickeln pflegt. Aber das Rotkäppchen wird ängstlich und läuft fort. Merkwürdig. Ich muß brillant spielen. Aber ich habe meinen Shakespeare nicht ohne Nutzen gelesen. Ich richte mich also auf und erkläre, daß ich gar kein wirklicher Wolf sei, sondern nur der zärtliche Vater Soundso, der keine Menschen zu fressen pflege. Das beruhigt. Allein, sobald ich wieder auf Händen und Füßen herantappe, schreit sie und flüchtet. Seltsam! Mir fällt ein, daß ich das schon früher beobachtet habe. Wenn wir auf allen Vieren gehen, müssen wir doch noch etwas verdammt Tierähnliches haben. Vielleicht ist es auch nur bei mir so.

Wenn sie noch recht klein sind, patschen sie dem größten Hund auf der Nase herum; er ist ihrer ahnungslosen Unwissenheit ein Spielkamerad, ein Spielzeug. Später erkennen sie das Tier als etwas Fremdes, das ihr lebhaftestes Interesse erweckt, aber dessen Annäherung sie fürchten. Und es dauert ziemlich lange, bis die fortschreitende Erkenntnis ihre Furcht überwindet und sie dem Tiere bewußt sich nähern.

Während des ganzen Spieles hält die Kleinste (die Großmutter) mit krampfhafter Zärtlichkeit ihre Puppe im Arm. Diese Puppe schläft mit einem Auge und wacht mit dem anderen; die Farbe ist von ihren Wangen abgeblättert; die Haare sind nach siebzehn Richtungen hin verwirrt. Wenn man sie zum erstenmal gesehen hat, kann man ein paar Stunden lang nicht wieder froh werden, und die Nacht darauf erscheint sie einem als Schreckbild im Traume. Das Mädel hat eine zweite, viel schönere Puppe; aber dieses Monstrum von konzentrierter Scheußlichkeit hat ihre ungeteilte Liebe. Dieses Völkchen hat überhaupt seine Idiosynkrasien. Bei Weihnachtsbescherungen bereiten sie einem die drolligsten Enttäuschungen. Prächtige Spielzeuge, deren Wirkung man sich vorher in den leuchtendsten Farben ausgemalt hat, beachten sie kaum, und in irgend eine kleine Sache, der man gar keinen Wert beigelegt hat, in ein Stück Papier, ein irdenes Näpfchen, verlieben sie sich und lassen es den ganzen Abend nicht mehr aus den Fingern. Ihre bescheidensten Wünsche sind oft die sehnlichsten – der Junge erflehte zur letzten Weihnacht vom Knecht Rupprecht nichts inbrünstiger als – »für zehn Pfennige Bindgarn«.

Solchen Neigungen stehen solche Abneigungen gegenüber. Ich weiß, daß ich als drei- bis vierjähriger Bube ein wirkliches Entsetzen vor einer Figur unseres Puppentheaters empfand: es war Bertha von Bruneck aus dem Verlag von Öhmigke & Riemschneider in Neu-Ruppin. Ich mochte noch so trotzig und ungeberdig sein – man zeigte mir Bertha – und ich ward stumm und gefügig. Die Aversion saß so tief, daß ich noch heutigen Tages etwas gegen das Mädchen habe, trotzdem es doch eine sehr brave Dame ist. Ästhetisches Feingefühl konnte nicht der Grund meiner Abneigung sein; denn der Wetter von Strahl aus derselben Fabrik war mir aller Schönheit und Herrlichkeit Inbegriff und erschien mir so überirdisch wie die drei Ritter dem Knaben Parcival.

Die Rotkäppchenvorstellung hat inzwischen ihr Ende erreicht, nachdem mein Sohn einige der Wirklichkeit sehr nahe kommende Angriffe auf des Wolfes, d. h. meine Magengegend unternommen hat. Ich habe dabei geradezu genial gezappelt; ich bin überzeugt, nur Ermete Zacconi zappelt noch so. Den Kindern hat es riesig gefallen, und ich muß mir da capo den Bauch aufschneiden lassen und dann nochmal und dann nochmal: »Vater (ich bin abwechselnd Wolf und Vater), Vater, noch einmal zappeln.« Und das wird mir jeder zugeben, der nur einmal mit Kindern gespielt hat: ich hätte ins zwanzigste Jahrhundert hineinzappeln müssen, wenn ich nicht schließlich durch ein gar nicht mißzuverstehendes, dreimal donnerndes »Nein!« ein Ende gemacht hätte.

Nun ersteht also die Frage nach einem neuen Spiel. »Schule?« »Krämer?« »Mutter und Kind?« Etwas Dramatisches muß es sein, etwas mit Rede und Gegenrede, mit Schlag und Gegenschlag: das sind die beliebtesten Spiele. »Krieg« ist z. B. ein »feines Spiel«! Der Junge rast in der Stube nebenan mit einem Knüppel gegen alles, was heil und poliert ist. Er ist »im Krieg«. Hertha nähert sich mir mit der Frage:

»Ach entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wo der Krieg ist?«

»Jawohl. Nebenan bitte! – Haben Sie jemand im Krieg?«

»Ja, meinen Papa. Ich will ihm nur Bescheid sagen: er soll nach Hause kommen zum Essen.«

Und aktuell ist das Theater dieser kleinen Seelen. Sie haben das kürzeste Autorengedärm; sie bringen das neueste Küchenereignis schneller auf ihre freie Bühne, als die Vorstadtbühnendichter mit irgend einem Sensationsprozeß fertig werden. Man entscheidet sich für »Mutter und Kind«. Die Mutter: Fräulein Hertha; Amanda das Dienstmädchen (alle Dienstmädchen der Welt heißen für sie Amanda): Fräulein Trudel; der Milchmann: meine Wenigkeit u. s. w. u. s. w. Meine Frau macht darauf aufmerksam, daß noch kein Vater da ist. »Ach, einen Vater brauchen wir gar nicht, nicht Vater?«

»Nee! Sehr überflüssig.«

Ludwig soll der »Onkel Doktor« sein. Es soll nämlich das neueste Sensationsstück gespielt werden: »Babys Bronchialkatarrh«. (Ich sehe: ich komme doch nicht darum herum: es ist auch noch ein Baby da, ebenfalls ein hochbegabtes, sehr schönes Kind; dafür spricht unter anderem das Zeugnis seiner ältesten Schwester. Denn als sie kürzlich wieder einmal – nach Art der älteren Schwestern – ganz aufgelöst war vor Entzücken über das Kleine, rief sie die freudegeflügelten Worte: »Das hätt' ich nicht geglaubt, daß wir ein so süßes Baby kriegen würden. Das ist uns mal recht geglückt, nicht Mutter?« – Eine Mutter pflegt in solchem Falle nicht zu verneinen.) Dieses Baby wird im Schauspiel durch eine Puppe dargestellt. Die Acteurs spielen mit ganzer Hingabe, mit vollster, eigener Illusion. »Baby hustet.« – eine der Künstlerinnen ruft es mit so scharf gehörter und so genau wiedergegebener Besorgnis im Tone, daß meine Frau, die in Gedanken versunken war, aufspringt und dem gesunden Baby zur Hilfe eilen will. Der Herr Doktor kommt und bejaht die Frage, ob er Baby »bessermachen« könne, unbedingt. Er fühlt dem Baby den Puls, läßt sich die Zunge zeigen, klopft die Brust und den Rücken ab, setzt ihm eine kleine Windbüchse auf Brust und Rücken und horcht. Das Kind ist denn auch sofort geheilt. Ich glaube, ich lasse den Bengel Arzt werden.

Natürlich kann die Puppe nicht die Zunge herausstrecken. Könnte sie das, so wäre das Spiel nicht halb so schön. Denn nicht, was da ist, sondern was die Phantasie hinzusetzt: das macht die Seligkeit des Spieles aus, das ist der Tanz der Seele auf weiter Aue. Das ist ja unsere, meine und des Jungen stille Wonne, wie wir nun beginnen, einen zoologischen Garten anzulegen. Hätten wir raffiniert genau und hübsch gefertigte Löwenkäfige, Raubvogelvolièren und Büffelställe, da wär's eine öde Sache, die niemand reizte, weder meinen Jungen noch mich. Aber nun sich vorstellen, wie der Löwenkäfig aus Bauhölzchen zu machen ist, wie der Löwe hinter dem Gitter ausschauen wird, dann all die schwierigen architektonischen Probleme mit wechselndem Erfolge zu lösen suchen, das Bassin heraustüfteln, in dem der Eisbär sich baden kann, den Ring anbringen, in dem der putzige Joko sich schaukeln kann, einen Zaun herstellen, damit Yumbo, der Riesenelefant, nicht herauskommt und alles zertrampelt – ja, das sind Aufgaben, des Schweißes der Edlen wert. Schaffen, schaffen will ein lebendiger Geist, thätig sein will das Kind! Und wenn sein Geist noch schläft, dann will wenigstens der Körper thätig sein. Aus der fernsten Ferne meiner Kindheit – ich kann bis ins dritte Lebensjahr zurückdenken – leuchtet mir eine ehrwürdige Fußbank her, die mir auf Gnade und Ungnade zum Objekt meiner Willens- und Muskelkraft überlassen war und in die ich so lange Nägel hineinschlug, bis keiner mehr Platz hatte. Das waren schöne Zeiten, als dieser Schemel noch nicht vollgenagelt war. Dergleichen kommt nicht wieder. Auf Fußbänke loszuschlagen, dazu bin ich denn doch nicht mehr kindlich genug, und auf vernagelte Köpfe zu hauen – ja, so etwas ist immer verboten.

Und nun soll ich ihnen etwas vorsingen, lustige und traurige Lieder, wie sie die Kinder singen. Als Liedersänger und Rattenfänger genieß ich in dieser Stube einen weitverbreiteten Ruf. Das kommt daher: ich singe ihnen meistens die Lieder, die ich selbst als kleiner Knabe gesungen habe. Und meine Kindheit ist ein Land, wo um Stilles und Bewegtes ein seliges Tönen fließt. Wo über die Wiesen leise Flötenlieder wandern und die Enten auf dem Dorfteich klingende Spuren ziehen. Wo vom Horizont her, da die Essen und Türme des Wunderlandes aufragen, den hellen Sommertag entlang ein heimliches Brausen tönt, wo aus dem dunklen Epheumantel des alten Schlosses seit den frühesten Tagen ein ewiges Flüstern klingt. Wo aus der tiefsten Stille eines toten Winternachmittags heraus das vereiste Brunnenrohr leise zu singen beginnt, und am stilleren Abend selbst der Mond hinter der hängenden Weide heraufzieht mit fernem Gesang.

»Als der Mond schien helle,
Kam ein Häslein schnelle . . .

Ich kann dergleichen mit vielem Ernste und mit vieler Lustigkeit singen, und es ist gewiß eine elende Sentimentalität von mir, wenn ich dabei denke, wie ich mich als Junge aufs Wachsen freute und daß ich jetzt nicht wachsen darf.

»Häslein ging zur Ruhe,
Zog aus Rock und Schuhe,
Legte sich aufs weiche Moos,
Schlief wie auf der Mutter Schoß.«

»Und so sollt ihr nun auch bald euch ausziehen und zu Bette gehen und schlafen und euch was Schönes träumen lassen –«

»Ich hab schon was geträumt, diese Nacht!« plappert die Kleinste, d. h. die Kleinste von den Salonfähigen.

»Was hast du denn geträumt? Erzähl mal!«

»Da kam'n Mann in unsern Garten, und das war 'n Soldat, und da wollte er Ludwig seinen Wagen wegnehmen und da – und da – wie war es man noch weiter, Vater?«

Ja, du liebes, liebes Blitzauge – es ist ja sehr erhebend und schmeichelhaft, daß du mir solches Wissen zutraust – wie sagt man noch: »Ihr Vertrauen ehrt mich« – aber leider überschätzest du mich.

Und dann kommt die Mutter, die hinausgegangen war, mit dem Abendbrot zurück. Fütterung, Fütterung, meine Herrschaften!! Unwiderruflich letzte Fütterung für heute!! – Es ist wirklich lehrreich; wer so das Abendbrot für eine dicht bevölkerte Kinderstube auf einem Haufen gesehen hat, der bekommt viel bestimmtere Vorstellungen von solchen Dingen wie »Staatshaushalt«, »Getreidezölle«, »Gesamtverbrauch« u. s. w.

»Wir sollten heute Kuchen haben; du hast es uns versprochen, Mutter.«

Und wenn du diesen Leutchen etwas versprochen hast, dann ist der furiengejagte Orest gegen dich ein Mann, der sein' Ruh hat.

Sie bekommen denn auch ihren Kuchen und essen ihn zuerst. Darin besteht ja eben unsere große sittliche Überlegenheit gegenüber dem Kinde, daß wir Selbstzucht genug besitzen, unsere Begierde zehn, ja fünfzehn Minuten lang zu zügeln und das Beste bis zuletzt zu versparen, weil es ja nämlich so einen viel raffinierteren Genuß gewährt. Der ethische Mensch hat eben die Kraft, erst den Beychevelle und dann den Mouton Rothschild zu trinken. Ich freilich habe auch als Knabe schon Beispiele von solcher Selbstbeherrschung gegeben, will übrigens dabei nicht leugnen, daß dergleichen auch bei anderen Kindern vorkommt. Wenn es Gerstengrütze mit Rosinen gab, aß ich erst die Grütze und schob alle Rosinen zurück. Und dann zum Schluß so einen ganzen Löffel voll Rosinen. Jesses, Jesses, dieser Genuß. Rosinengenuß mit dreiundzwanzig multipliziert. Man glaubt nämlich in jenen Jahren, daß sich alles multiplizieren lasse.

In der letzten halben Stunde soll ich dann noch neun verschiedene Spiele mit ihnen spielen, mit jedem etwas anderes. Dergleichen hält nur eine Mutter aus. So eine Mutter hält ein Kind auf dem Arm, giebt einem anderen zu trinken, spricht mit einem dritten, lenkt ein viertes mit den Augen und macht zu alledem noch eine anmutige Figur. Meine Majestät zieht sich in die inneren Gemächer zurück und ist so »erholt«, daß sie lang aufs Sofa fällt. Aber diese Ermüdung ist köstliche Erquickung.

Und ich muß daran denken, wie ich vor Jahren im Berliner Ausstellungspark mit einem düsteren Finsterich der Decadence über die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes debattierte. Bei der Elendigkeit von Welt und Menschheit fand er es blöde, sich an Kindern zu freuen. Aber – du lieber Gott – wenn man so die Bibel aufschlägt: »Abraham zeugete Isaak. Isaak zeugete Jakob. Jakob zeugete Juda und seine Brüder. Juda zeugete Pharez und Sara u. s. w.« Sehen Sie: das ist es. Wenn ich nun wirklich eine Ausnahme hätte machen wollen – nun ja: etwas hätt' es ja ausgemacht; aber doch nicht genug. Unsere Eltern hätten anfangen müssen. Das ist es. Da war es Zeit. Dagegen hätt' ich auch nichts einzuwenden gehabt. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt hat der Finsterich auch schon drei Kinder. Überliefern wir die Aufgabe, das Menschengeschlecht aussterben zu lassen, als ein heiliges Vermächtnis unseren Nachkommen.


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