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Nahezu zwei Wochen waren darüber hingegangen, seit Milla von dem Auftauchen Lorenz Buchbergs in Berlin gehört hatte. Bisher hatte er noch nicht an die Tür der Schellbachs geklopft. Augenscheinlich zu Lenis größtem Unbehagen. Ihre Eitelkeit, mehr vielleicht, war verletzt.

Milla wußte es nicht zu unterscheiden. Alle ihre Gedanken drehten sich um den einen Punkt, wie würden sie und er einander gegenüberstehen? Würde Lorenz Buchberg Rechenschaft von ihr fordern, daß sie vor ihm geflohen war, eine Ehe eingegangen war, ohne eine Frage, ein Wort mit ihm zu tauschen? Oder hatte er sich selbst als den Schuldigen erkannt, der die Fäden gelockert, zerrissen hatte? Hatte er sich mit Selbstvorwürfen gequält, sich das Leben umdunkelt, wie sie es getan hatte? Lag eine gähnende Kluft zwischen ihnen, die sich einst so nahe gewesen, oder spannen sich noch leise stille Fäden zwischen ihnen fort, die weder Zeit noch Trennung zu zerreißen imstande gewesen waren?

Eines Tages war Leni frohgemuter als während der letzten Zeit von Tante Martha nach Haus gekommen und hatte eine Neuigkeit mitgebracht: Herr Buchberg war gar nicht mehr in Berlin, wenigstens für einige Zeit nicht, hatte also unmöglich Besuch machen können.

Tante Martha war nicht die einzige Berliner Beziehung, die er in Paris angeknüpft hatte. Da waren zwei adelige Familien auf dem Lande, alter märkischer Hochadel, Hofgesellschaft, bemerkte Leni, vor Stolz errötend, die Buchberg, kaum daß sie sein Eintreffen auf deutschem Boden erfahren, zu sich geladen hatten. In beiden Familien sollte er Porträte der Damen des Hauses malen.

»Tante Martha kennt sie auch von Paris her, es sollen gerade keine Schönheiten sein.« Leni hatte es nicht ohne einen Stoßseufzer der Erleichterung hinzugefügt und war dabei mit den weißen, gepflegten Händen liebkosend über ihr reiches schwarzes Haar gefahren. In ihrer lässigen, leicht etwas trägen Anmut war sie dann in einen Stuhl, Milla gegenüber, gesunken, der sie als erste ihre Neuigkeiten überbracht hatte.

Auch Milla hatte erleichtert aufgeseufzt. Noch eine kurze Frist, wer wollte es wissen, vielleicht eine lange noch, die ihr Zeit gab, sich mehr und mehr an den Gedanken des gefürchteten Wiedersehens zu gewöhnen! »Wann wird Herr Buchberg wiederkommen?« hatte Milla mit leisem Stocken in der Stimme gefragt.

»Ganz unbestimmt«, meint Tante Martha, und Leni hatte betrübt den Kopf hängen lassen.

Die Abwesenheit Buchbergs schien Leni indes nicht zu verhindern, die Berliner Winterfreuden, die sich ihr boten, auszukosten. So hatte sie auch mit großem Vergnügen die Einladung zu dem Schlittenpicknick angenommen, das Tante Martha um Ende November Luigi Cortini zu Ehren veranstaltete. Dem Meister, der echte norddeutsche Winterfreuden noch gar nicht kannte, sollte etwas Außergewöhnliches geboten werden.

Um elf Uhr hatte Leni sich in ihrem neuen Pelzkostüm, das sie besonders reizend kleidete, von Milla verabschiedet. Um vier Uhr vor dem späten Mittagessen im Adlon wollte sie wieder vorsprechen, um sich umzukleiden.

Es war ein herrlicher Wintermorgen, dem November zum Trotz. Ein leichter Frost hielt den während der letzten Tage reichlich gefallenen Schnee, selbst in der Stadt, fest und kristallrein. Glitzernd lag der Sonnenschein darüber. Milla hatte ihre häuslichen Obliegenheiten beendet und stand einen Augenblick unschlüssig am Fenster, im Zweifel, ob sie heute ihre Lesestunde einhalten – es lag ein ganzer Berg Neuigkeiten, von Walter herbeigebracht, bereit – oder bei dem prächtigen Wetter einen Gang durch die Straßen machen sollte. Es war ein buntes, lautes, aber nicht unverlockendes Bild, das sich ihr dort unten im lichten Sonnenschein bot. Und dann war der Tiergarten nahe, der ihr, sonderlich in seiner stillen Winterpracht, oft schon ein Stückchen Heimatwald ersetzt hatte.

So entschloß sie sich rasch zu einem Gang ins Freie. Gerade wollte sie aus dem Zimmer gehen, als Marie in ihrer stillen Art eintrat. Milla hatte das Öffnen der Tür überhört und schrak leicht zusammen. »Ah, Sie, Marie. Was gibt es denn?«

Das Mädchen überreichte eine Karte modernsten Formats. Kamilla warf einen raschen Blick darauf. Dann wandte sie den Kopf ab, um ihre tiefe Bewegung zu verbergen, und sagte leise: »Ich lasse bitten.«

Um ein paar Herzschläge später standen Lorenz Buchberg und Milla Prätorius einander gegenüber, zum erstenmal nach jenem Frühsommerabend vor mehr als sechs langen Jahren, an dem sie in der Grauen Gasse Abschied genommen hatten.

Millas Seele erbebte. Sie fühlte, diese Stunde würde über ihr Leben entscheiden, würde sie entsühnen oder verurteilen, würde ihre Tage leichter werden lassen oder ganz verdunkeln, würde sie freimachen oder in einen Bann schlagen, der ihres Bleibens in diesem Hause ein Ende machen mußte. Sie hörte eine Stimme, die ihr fremd klang, Worte, die sie nicht verstand, drangen wie durch dichten Nebel zu ihr. Langsam und zögernd hob sie den Blick.

Sie fuhr zurück; ein Mann, den sie nie gesehen zu haben glaubte, stand vor ihr. War es möglich, daß ein halbes Dutzend Jahre das aus einem Menschen machen konnte?

»Lorenz?« Es kam zögernd, fragend, bestürzt von ihren Lippen.

»Komme ich dir so verändert vor, Milla? Nun ja, ich habe mich herausgemustert«, sagte Lorenz Buchberg lächelnd und streckte ihr die Hand entgegen.

Sie bemerkte seine Handbewegung nicht, sie sah nur das selbstgefällige Lächeln auf seinem Gesicht. Mit großen, starren Augen sah sie ihn an.

War dieser blasse, bartlose Mann, dem das schwarze Haar, gescheitelt und künstlich gelockt, bis tief in die Stirn fiel, dieser augenscheinlich künstlich interessant gemachte Mann wirklich Lorenz Buchberg, der Mann, den sie geliebt hatte mit der ganzen hingebenden Neigung, dem ganzen Idealismus ihrer ersten Jugend, der Mann, um den sie geweint und getrauert hatte, der Mann, um dessentwillen sie dem Gatten ein zweifelndes, unfrohes, von Gewissensqualen gepeinigtes Weib gewesen, ein Weib, dem Liebesglück an der Seite des Gatten Treubruch gegen den einst Geliebten gedünkt!

Sie starrte ihn noch immer an, die übermoderne, ganz in Schwarz gekleidete Gestalt, mit der hohen, bis an den handbreiten Kragen und den schwarzen Atlasschlips geknüpfte schwarze Weste, diese ganze ausgeklügelte, raffiniert aufs Hypermoderne, geheimnisvoll Interessante gestellte Gestalt.

Er hatte inzwischen auf sie eingesprochen, in einem künstlich angenommenen süddeutschen Idiom, das sie vollends fremd berührte. Er hatte ihr gesagt, daß sie vortrefflich ausschaue, jung und schöner noch geworden, daß er sie längst ausgesucht haben würde, wenn die Landaristokratie draußen ihn früher losgelassen, daß es ein Kreuz sei, wie der Ruhm die Unabhängigkeit und Freiheit der Bewegung schmälere, die noch immer sein höchstes Ideal seien.

Am Ende streckte er ihr zum zweitenmal die Hand entgegen und sagte mit gesucht leichter Betonung: »Ich denke, wir halten gute Freundschaft, Kamilla? Ich glaube, das ist das Gescheiteste, was wir tun können – allen Verhältnissen zulieb. Es ist das Recht des modernen Menschen, vornehmlich des Künstlers, beliebig hier und da einen Strich durch, die Vergangenheit zu machen, und überall da, wo es ihm vorteilhaft oder notwendig erscheint, mit dem Leben von neuem zu beginnen. Im übrigen, wem sage ich das – bist du mir darin – zu meiner größten Überraschung allerdings – nicht mit gutem Beispiel vorangegangen?«

»Gewiß – ja«, sagte sie leise, ohne seine Hand zu berühren. »Aber bitte, willst du nicht Platz nehmen?«

»Mit Vergnügen. Dein Mann ist nicht zu Haus. Schade! Ein prächtiger Mensch! Übrigens muß er ja jetzt im Golde schwimmen!«

Milla überhörte absichtlich die letzte Bemerkung. »Sahst du ihn denn?« fragte sie verwundert und sah an ihm vorüber.

»Damals doch, an jenem Sonntag, als er zum erstenmal bei euch in der Grauen Gasse war – als dein Vater grob wurde und dich unter der Hängeesche hervorrief –«

Hier stockte er doch, und Milla sah ihn groß und voll an. »Unter der du mich angefleht hattest, abends spät noch ans Seeufer zu kommen.« Sie sprach ganz ruhig, nicht einmal um eine Nuance bitterer wurde ihr leiser Ton.

»Kindereien«, sagte er halb geärgert, halb verlegen.

Milla nickte nur kurz.

Buchberg stand auf und betrachtete die Bilder an den Wänden. »Nichts von Wert«, sagte er von oben herab. »Hast du meine Bilder bei Schulte gesehen, Kamilla? Dieselben, die in Paris ausgestellt waren – Dame in Schwarz und Fastnacht.«

»Nein«, sagte sie, und so etwas wie ein feines Lächeln spielte um ihren schönen, ausdrucksvollen Mund. »Ich las nur den Pariser Kunstbericht in der Neuen Revue.«

Buchberg fuhr sich nervös durch das künstlich gelockte Haar. »Die Bilder werden hier in meine Kollektivausstellung kommen. Glücklicherweise schickt man immer noch gerade die erbärmlichsten Hohlköpfe zur Berichterstattung ins Ausland«, fügte er höhnend hinzu.

Er hatte sich gesetzt, war aber dann gleich wieder aufgesprungen und hatte die Besichtigung der ›wertlosen Bilder‹ – einen Knaus, zwei Meyerheims, einen Bracht und eine Gussowsche Studie aus seiner besten Zeit – scheinbar wieder aufgenommen.

Während er Milla den Rücken wandte, sagte er mit gekünstelter Nachlässigkeit: »Übrigens, wo ist deine – wo ist Fräulein Leni?«

»Auf einer Schlittenpartie zu Ehren Luigi Cortinis.«

Lorenz fuhr mit düster zusammengezogenen Brauen herum.

»Um sechs Uhr ist Diner im Hotel Adlon. Du wirst deinen Freunden dort gewiß sehr willkommen sein.«

Buchberg nahm die Ankündigung mit Emphase auf. Dann plötzlich unterbrach er sich in seinem selbstgefälligen Wortschwall und sah ein wenig ängstlich auf die blasse stille Frau, die einen Ausdruck im Gesicht trug, der mit der Bewunderung, die er zu heischen und zu erwecken gewohnt war, wenig gemein hatte. Würde sie auch von der Partie sein? Das wäre zum mindesten unbequem.

Milla schien besser wie einst in Lorenz Buchbergs Zügen zu lesen, denn sie sagte rasch: »Mein Mann und ich waren freundlichst auch von der Schwägerin geladen. Aber mein Mann hat gerade in diesen Stunden starke Arbeitszeit, und ich gehe nicht ohne ihn aus.«

Lorenz blieb vor ihr stehen und sagte empfindlich mit leisem Spott: »Also eine zärtliche Gattin geworden, Kamilla?«

Milla sah ihn groß und fest an. So etwas wie ein Seufzer der Erlösung quoll aus ihrer befreiten Brust. Mit strahlenden Augen sagte sie mit inniger Herzenswärme: »Ich liebe meinen Mann über alles.«

Buchberg verbeugte sich kurz und ironisch. »Ganz selbstverständlich. Bemerkte ja selbst, daß er ein prächtiger Mensch sei –«

»Und –« fügte Milla für sich hinzu, »im Golde schwimme. Eine vielversprechende Motion für einen zu erhoffenden Schwiegerpapa.«

Lorenz griff nach seinem Hut. Milla war aufgestanden und begleitete ihn die paar Schritte bis zur Tür. »Du machst uns wohl bald das Vergnügen, Lorenz?«

Er nickte stumm und geärgert.

Diesmal war Milla es, die ihm zuerst die Hand entgegenstreckte, und nur die Selbstbeherrschung, die die herbe Not des Lebens sie gelehrt, brachte es zustande, daß sie die jubelnde Dankbarkeit nicht verriet, mit der sie nach Lorenz Buchbergs Hand griff. – – –

In eben demselben Adlonhotel, in dem ihre Herzen nach der Schlittenpartie zu Ehren Luigi Cortinis sich gefunden hatten, war um Ende März die Hochzeit Helene Schellbachs mit dem Maler Buchberg gefeiert worden, und zwar mit all dem Pomp und großem Trara, den das Brautpaar und Frau Tobias als der Weltstellung Lorenz Buchbergs entsprechend für notwendig und geboten erachtet hatten.

Weder der Troß des famosen Cortini, der noch immer auf die Audienz beim Kaiser wartete, noch die zur Hofgesellschaft gehörige Landaristokratie hatten gefehlt. Dagegen hatten Buchbergs Münchener Freunde in corpore die Hochzeitseinladung abgelehnt. Um so verwunderlicher, als Lorenz, noch ehe die Verlobung öffentlich gewesen, schnurstracks nach München gefahren war und sich dort zu Lenis leidenschaftlichem Kummer, der sich bis zur Empörung gesteigert, über zwei Wochen aufgehalten hatte.

Mutmaßlich, um seine Egeria zu versöhnen – wie es nachträglich schien, mit vergeblichem Bemühen –, hatte Milla mit der plötzlich in ihr aufgestiegenen lustigen Ironie gedacht.

Schellbach hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß er sich für seine einzige Tochter einen andern Gatten als Buchberg gewünscht, oder vielmehr als eben den Buchberg, als der er nach Jahren wieder aufgetaucht war. Trotzdem hatte er gar nicht versucht, ernsthaften Widerstand zu leisten. Er hatte sich gesagt, daß er damit nichts anderes erreichen würde, als er bei Lenis Mutter erreicht hatte, der Leni Tag um Tag ähnlicher wurde, sobald es einen Einspruch, ja nur eine vernünftige Erwägung gegolten – nämlich offene Rebellion.

Zudem waren die jungen Leute leidenschaftlich ineinander verliebt und Leni eine glückstrahlende Braut. Sie schien in Lorenz Buchberg das Ideal ihrer kindischen Träume gefunden zu haben: einen ihrer eigenen Schätzung nach hochinteressanten, berühmten Mann, an dessen Seite ihr die ganze Welt zu huldigen geneigt sein würde, einen Mann, der nach seiner eigenen Aussage nur den Pinsel auf die Leinwand zu setzen brauchte, um einen unversiegbaren Goldstrom fließen zu lassen, einen Mann, um dessen Kunst sich die gesamten Kulturvölker rissen, dessen Name für Gegenwart und Zukunft eine neue Ära in der Kunstgeschichte bedeutete.

Wenn Schellbach trotz des Glücksrausches seiner Tochter sich dann und wann der Sorgen nicht erwehren konnte, ob Buchberg der Mann sei, dem man ein Kind anzuvertrauen das Recht habe, so sagte er sich immer wieder, daß sein Schwiegersohn Millas Jugendfreund gewesen sei und daß in der Seele dieses Mannes Wertvolleres schlummern müsse, als es heute zutage trat. Hätten sonst Millas reine Instinkte ihn als Freund geduldet?

Zuweilen, in der lauten, stürmischen Brautzeit, die sein stilles Haus wie ein Wirbelwind durchsaust hatte, war Schellbach mit dem festen Vorsatz zu Milla gekommen, sie zu fragen: Was ist's mit diesem Buchberg? Dürfen wir Leni ihm anvertrauen? Im letzten Augenblick aber war er immer wieder vor dieser Frage zurückgeschreckt. Es war nicht nur die Rücksicht, seine Frau möglichenfalls zu verletzen, wenn er Menschen mißtraute, die in nahem Zusammenhang mit ihr gestanden hatten, es war – Schellbach war sich dieser egoistischen Triebfeder seines Schweigens durchaus bewußt – mehr noch die Sorge, die heitere, gleichmäßige Stimmung zu verscheuchen, die Millas ganzes Wesen zu durchdringen schien, seit Buchberg seine Werbung um Leni begonnen hatte, die ihn schweigen ließ. Ihre frohe, zuversichtliche Art tat ihm so wohl, die Hoffnung, daß die grauen Schatten der Vergangenheit, die bisher niemals ganz aus ihrem Leben gewichen waren, nun auf immer entschwunden sein möchten, beglückte ihn so tief, daß nichts ihn hätte vermögen können, ihre Heiterkeit zu trüben. Und am Ende sagte er sich, daß Milla von selbst gesprochen haben würde, hätte sie eine Gefahr für Leni in dieser Werbung gesehen.

Schwieriger als sein Vater fand Walter sich mit Lorenz Buchberg ab. Zunächst hatte er ihm offenes Mißtrauen entgegengebracht. Seine, wie Walter sie in seiner schlichten, tiefgründigen Geradheit empfand, karikierte Erscheinung, sein, für Walters Gefühl lächerlicher Dünkel, seine – Walter konnte ihr keine echte Seite abgewinnen – gemachte Leidenschaft für Leni, hatten ihn geradezu abgestoßen.

Undenkbar schien es ihm, daß es zwischen diesem Mann und der kleinen Mama jemals einen Punkt gegeben haben könne, in dem sie Berührung gefunden. War es wirklich der Fall, konnte es nur eine für die kleine Mama schmerzliche Berührung gewesen sein. Seit er sie gekannt, und er kannte sie schon zu einer Zeit, da dieser Buchberg kaum erst aus ihrem Kreis herausgetreten, war sie die reine, schlichte Weibesgüte gewesen, die seine zwanzigjährige Weisheit noch heut als das Erhabenste und Liebenswerteste im Weibe erachtete. Wenn sie diesen Buchberg je in einem freundlichen Lichte gesehen, so konnte sie ihn eben nur durch das von ihr selbst ausströmende reine Licht verklärt gesehen haben. Walter versuchte es, Buchberg innerlich näher zu treten. Vielleicht tat er ihm doch unrecht. Lenis, mehr noch der geliebten kleinen Mama halber wäre ihm nichts lieber gewesen, als sich getäuscht zu haben. Vergebens. Diese beiden verstanden einer des andern Sprache nicht. Äußerliche Gebärden mußten das Verständnis ersetzen! Walter machte sich auch daran, Milla und Buchberg scharf zu beobachten. Es ergab kein besseres Resultat. Er sah nichts als ein äußerlich glattes Einvernehmen, ab und zu, wenn Buchberg es gar zu bunt trieb mit seiner Selbstvergötterung, bemerkte Walter um den ausdrucksvollen Mund der kleinen Mama den Anfang zu einem ironischen Lächeln, das aber bald wieder in dem heiteren, jugendfrohen Ausdruck verschwand, den ihre schönen Züge jüngst angenommen hatten und der sie förmlich zu verklären schien.

»Wie ist es doch schwer, in der Seele des Menschen zu lesen, sie zu ergründen! Oft verzweifle ich ganz daran«, hatte er eines Tages bald nach Lenis und Buchbergs Abreise nach Paris, wo sie zu Lenis Entzücken ihren ersten dauernden Aufenthalt nahmen, zu Milla gesagt, als er einmal wieder an der Erreichung seines künftigen Zieles verzweifelnd, auf einen niederen Sessel neben der kleinen Mama niedergekauert war.

Sie hatte eine ganze Weile geschwiegen, lächelnd geschwiegen und vor sich hin gesehen. Dann war sie ihm mit der feinfingerigen Hand über das dichte, leicht gewellte Haar gefahren. »Mein lieber Junge, ich glaube, die Dinge liegen so: bevor man sich in seiner eigenen Seele nicht zurechtgefunden hat, sollte man sich hüten, andere ergründen zu wollen. Man gelangt zu falschen Schlüssen und auf gefährlich falsche Fährte. Wohl dem, der die eigene Seele kennen lernt, ehe er mit seinen Fehlschlüssen unwiederbringliches Unheil für sich und andere heraufbeschworen hat. Du brauchst nicht zu verzweifeln, Walter. Du bist deines Vaters Sohn. Es wird dir nicht schwer fallen, Frieden mit deiner und anderer Seelen zu halten. Du wirst deine Mission erfüllen, wenn deine Zeit dafür gekommen ist, und du wirst nicht erst ein alter Mann darüber zu werden brauchen.«

Dann hatte sie sich über ihn geneigt und ihm einen leichten Kuß auf die Stirn gedrückt. Ehe er noch eine Frage hatte tun können, war sie aus dem Zimmer gewesen. – –

Draußen war es Frühling geworden, nach einem langen, harten Winter, Frühling selbst in der Grauen Gasse. Von den schön gepflegten Anlagen her kam ein Blühen und Duften, und über die Mauer des Klostergärtchens trug ein warmer Wind den süßen Atem von Veilchen und Narzissen, die in den Rabatten unter dem dichten Efeugerank an der Mauer in üppiger Fülle blühten.

Unter dem Kirschbaum mit seinem zarten, weißrosa Blütenflaum saßen Schellbach und Milla Hand in Hand.

»Und nun weißt du alles,« sagte Milla mit zärtlichem Aufblick in die ernsten, mit grenzenloser, vertrauender Liebe auf sie gerichteten Augen des Mannes, »weißt, wie kläglich mein erster Flug ins Land der Liebe geendet, weißt, warum ich so lange gezögert, in die Graue Gasse zurückzukehren.«

Er nickte und zog sie näher an sich und sagte leise: »Ich weiß es wohl und habe es immer geahnt. Es lag hier ein schönes Stückchen deiner Jugend und du fürchtetest, es lauere nur auf deine Wiederkunft, um dich mit Heimweh zu überfallen –«

»Und war doch nur Schatten und Gespenst! Hier aber ist Wirklichkeit und Glück«, flüsterte sie und faßte nach seinen Händen und küßte ihn. Ihre Seele erschauerte vor der Tiefe ihrer Liebe zu diesem Mann, der sie sich nicht hinzugeben gewagt aus Furcht vor einem Phantom.

Er fuhr ihr zärtlich über das reiche wundervolle Haar. Dann sagte er gedankenvoll: »Wir sind glücklich und reich begnadet – aber Leni?«

»Sorge dich nicht um sie, mein Herz. Auch Leni wird glücklich sein.«

Schellbach seufzte beklommen auf. »Du magst recht haben,« sagte er bitter, »Lorenz Buchbergs Welt ist auch die ihre.«

Milla küßte ihn sanft. »Sei nicht bitter, geliebtes Herz«, bat sie leise. »Gewiß hat auch diese Welt ihre Berechtigung, wenn sie uns auch so fern liegt, daß wir sie nicht verstehen, und gewiß bedeuten die, die ihr angehören, auch in ihrer Art Wertvolles. In diesen langen Jahren des Grübelns, Zweifelns und Kämpfens wollte es mir oft scheinen, als ob der Wert eines Menschen an sich ein schwer zu bestimmendes Ding sei und erst das Wie, in dem ein Mensch inmitten der ihn umgebenden Menschen und Verhältnisse steht, einen unbeirrbaren Wertmesser ausmache. Wo Glück, Geschick, Verdienst, nenne es wie du willst, den Menschen an den rechten Platz stellen, wird er in seiner Art etwas Wertvolles sein – wo Unglück oder Schuld walten und den Menschen in Verhältnisse drängen, die seiner Natur zuwiderlaufen, wird der Wertvollste zu einem Nichts oder Schlimmerem herabgedrückt. Denke nur an meinen Vater, Liebster. Was hat er gelitten, wie hat er geendet! Was hätte seine Kraft und seine Eigenart an der richtigen Stelle aus ihm gemacht, anderen bedeutet! Verzweifle nicht an dem Glück deiner Tochter!«

Er nahm ihre Hand und drückte seine Lippen darauf. Dann zog er sie mit sich empor. »Komm«, sagte er, »wir wollen heim. Ich möchte dir etwas zeigen, an das sich keine Schatten und Gespenster hängen, eine neue Welt, die Heimstatt unserer Zukunft, die uns allein gehört und nichts mit der Vergangenheit zu schaffen hat.«

Sie traten aus dem Klostergärtchen durch das schwere Portal zwischen den weißen Steinbildern auf die Graue Gasse hinaus. Über Schellbachs Antlitz ging ein Leuchten. Mit dankbarem Blick sah er zu Millas Bildnis auf, das die Sonne des Frühlings mit warmem, leuchtendem Strahl umsäumte.

Die Weissagung war in Erfüllung gegangen: Seine Liebe hatte das geliebte Weib mit einer Gloriole der Freude umgeben, mit warmem, stark pulsierendem Leben erfüllt. Er griff nach ihrer Hand und hielt sie mit festem, treuem Druck. So schritten sie, unlösbar verbunden, aus der Grauen Gasse in das neue Leben hinaus.

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