Autorenseite

 << zurück weiter >> 

An einem kühlen, regnerischen Frühlingstag hatte Kamilla an dem Fenster ihres kleinen, traulichen Zimmers gestanden und auf die Straße hinuntergeblickt, an deren verkehrsreichen Lärm sie sich immer noch nicht gewöhnt hatte. Da war Walter bei ihr eingetreten. Er hatte ihr mit feinfühliger Verlegenheit Lenis Entschuldigung gebracht, die, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu haben, gleich von der Schule zur Tante zu Tisch gegangen war, wo ein paar Gäste erwartet wurden.

Milla hatte nicht viel gesagt. Allgemach hatte sie sich an die launische Selbstwilligkeit ihrer Stieftochter gewöhnt. Ihr ernster, ein wenig trauriger Blick hatte mehr der Voraussicht dessen gegolten, was Schellbach bei diesem neuen Einfall Lenis wieder empfinden würde. Schwer und schwerer nahm er die kapriziöse Willkür seiner Tochter. Die Hoffnung, daß sie sich Millas sanftem weiblichen Einfluß fügen würde, war schon nach wenigen Monaten zuschanden geworden.

Walter war neben Milla stehengeblieben. »Du siehst so traurig aus, kleine Mama, gerade heut!« Er hielt erschreckt inne, sah sie einen Augenblick an und fuhr dann beruhigter fort: »Ich bliebe so gern ein Weilchen bei dir, aber –«

Milla lächelte. »Ich weiß, ich weiß, deine Bücher!«

Er lächelte zurück, doch ein wenig gepreßt. »Es gibt jetzt höllisch zu schuften, ja. Ich wünschte, wir wären ein Jahr weiter, und ich hätte den Kram erst hinter mir.«

Kamilla hatte ihn erstaunt angesehen. »Nein, so mein' ich's nicht, kleine Mama. Ausspannen und Nachlassen will ich nicht. O Gott, was gibt es zu lernen! Was möchte man alles wissen, begreifen. Nur diesen schrecklichen, wüsten Schulkram wäre ich gern los! Diese Viellernerei, dieses Von-allem-etwas drückt mich schrecklich. Mehr und mehr! Zehn Fächer möchte ich über Bord werfen, um mich zweien, dreien ganz widmen zu können.«

»Am liebsten nur einem einzigen, gesteh es nur, Walter!«

»Nein, nein, darüber bin ich hinaus. Da bin ich doch reifer geworden. Gerade das Studium des Menschen läßt sich nicht so ohne weiteres auf- und loslösen. Ach, Mutti, manchmal, weiß Gott, manchmal verzweifle ich ganz daran, mein Ziel überhaupt je zu erreichen. Man kennt ja kaum sich selbst, wird immer unklarer statt klarer über sich, wie soll man den andern ins Herz sehen, in das Auf und Ab ihrer Empfindungen und Gesinnungen, in das Für und Wider, das ihr Tun bestimmt? Wie ihnen helfen, wenn man nicht haarscharf unterscheiden kann zwischen dem, wofür man den Menschen verantwortlich machen kann, und seinen krankhaften Vorstellungen? Arzt, Psychologe, Richter – zuweilen kommt mir vor, als ob man die Weisheit dieser drei verschmelzen müsse, um zum Ziel zu kommen. Immer weiter flieht es vor mir, immer mehr fühle ich mich ihm entrückt.«

Walter hatte sehr erregt gesprochen. Sein schmales Gesicht hatte sich gerötet. Seine blauen, warmen Augen gingen unruhig hin und her. Das leicht gewellte, dichte braune Haar hing ihm feucht in die Stirn.

Milla fuhr mit der Hand leise darüber hin. »Stürme gehen vorüber«, sagte sie sanft. »Alles klärt sich. Hab' du nur Geduld mit dir.«

Still, ohne mehr zu sprechen, war er zu seinen Büchern zurückgegangen.

Nun stand Kamilla wieder am Fenster und blickte auf die Straße, die früher einmal idyllisch ruhig gewesen sein sollte und jetzt eine der Hauptverkehrsverbindungen zwischen dem unter breitästigen Platanen hinfließenden Landwehrkanal und dem Potsdamer Platz bildete.

Es ratterte, rollte, zischte, pfiff und polterte unter ihr. Die Straßenbahnwagen vom Grunewald her liefen ein. Hart neben ihnen schossen zwei Autos vorbei. Von den Markthallen her kamen mit Hü und Hott, um mit dem armen abgetriebenen Gaul das Gedränge der elektrischen Schnellfahrer überhaupt nur überwinden zu können, offene Wagen mit Lebensmitteln, Gärtnerkarren, zweirädrige Handwagen mit Apfelsinen beladen. Rücksichtslos drängten Taxameter, Droschken, Eigenfuhrwerk zwischen ihnen durch. Die meisten dieser Gefährte nahmen den Kurs nach dem Potsdamer Bahnhof zu. Die Fußgänger quetschten und stießen sich. In der ersten Zeit hatte Kamilla es als ein Wunder betrachtet, daß nicht alle Menschen überfahren, umgestoßen, zu Boden getreten wurden.

Ihrem Fenster gerade gegenüber war eine Anschlagsäule. Täglich konnte sie da unten die Ankündigung der unzähligen Vergnügungen und Sehenswürdigkeiten studieren, an denen Berlin überreich war, Merkwürdigkeiten und Absonderlichkeiten angepriesen, verherrlicht finden, die man in der Grauen Gasse nicht einmal dem Namen nach kannte. Auch heute war die Säule mit grellbunten, großletterigen Plakaten überdeckt. Aber Millas Blick umging sie geflissentlich. Seitdem sie einmal, im ersten Jahr ihrer Ehe, auf einem Ausstellungsplakat Lorenz Buchbergs Namen gelesen hatte, vermied sie es, den Blick auf diese schreienden, zudringlichen Straßenankündigungen zu lenken.

Vom Fenster fort trat Kamilla in das Zimmer zurück. Auf dem Gang wurden Schritte laut. Gerade auch holte die kleine Standuhr auf dem Kamin zum Schlage aus. Wie immer kam Schellbach pünktlich um halb drei Uhr aus dem Bureau zu Tisch.

Lebhaft, ein klein wenig erregt, trat Schellbach auf seine Frau zu, legte einen Strauß aus Veilchen und frühen Rosen vor sie auf den Tisch und küßte sie auf die Stirn. »Hast du wirklich ganz vergessen, was heut für ein Tag ist?« fragte er mit kaum merkbarem Vorwurf, seinen Arm um Kamillas Schulter legend.

Sie sann einen kurzen Augenblick. Da erschrak sie. Die Farbe kam und ging in ihrem zarten, schönen Gesicht. Dann ihm beide Hände reichend, sagte sie traurig: »Verzeih, Max, verzeih! Wie konnte ich nur!«

Er erwiderte nichts auf ihren Selbstvorwurf. Eine ihrer Hände in der seinen behaltend, sagte er: »Ich danke dir, Milla, daß du zu mir kamst, daß du es mit mir wagtest. Ich danke dir aus tiefster Seele für diese zwei Jahre.« Er beugte sich auf ihre Hand und küßte sie.

Still drückte sie seine Hand. Mit einiger Anstrengung sagte sie dann: »Du hast viel Geduld mit mir haben müssen in diesen zwei Jahren – ich danke dir dafür, lieber Max.«

Er sah sie fragend an. »Geduld?«

Milla errötete, wie in ihren jüngsten Mädchentagen. Dann lächelte sie ein klein wenig, und dieses karge Lächeln ging wie ein blasser Sonnenstrahl über ihr stilles schönes Gesicht. »Geduld, ja. Bin ich nicht immer noch das verträumte, untüchtige Mädchen, mit der ganzen Unwissenheit, mit dem ganzen törichten Gebaren der alten Grauen Gasse?«

Er küßte sie auf den Mund. »Du bist mir lieb, wie du bist«, flüsterte er heiß.

Sie schüttelte abwehrend den Kopf. »Nein, Max, ich habe die Hoffnungen nicht erfüllt, die du auf mich gesetzt hast. Ich fühle das selbst am tiefsten.«

Wieder sah er sie fragend, ungläubig an.

»Denk nur an Leni. Was hast du dir von meinem Einfluß auf sie, von meiner Erziehung versprochen –«

Er unterbrach sie rasch und heftig. »Laß das. Das ist nicht deine Schuld. Leni –! Glaubst du, ich hätte« – er wollte fortfahren, ihr sagen: »Glaubst du, ich hätte etwas über ihre Mutter vermocht?« aber er unterbrach sich rasch. »Wir wollen uns den schönen Tag nicht verderben, der in diesem Hause stets ein Festtag sein und bleiben wird. Auch Leni wird heute nicht an ihre eigene kleine, eitle Person, sondern an das Glück ihrer Eltern denken.«

Schellbach umschlang seine Frau aufs neue. »Da ich heute morgen schon vor Tau und Tag fortmußte, sollten die Kinder mir heute mittag den Vortritt bei dir lassen. Oder?« Er zögerte einen Augenblick und sprach dann ein wenig beklommen weiter: »War Leni schon bei dir?«

Milla sah von dem Fragenden fort, in mitleidiger Verlegenheit auf die Blumen auf dem Tisch. »Du darfst nicht böse sein, lieber Max,« sagte sie zögernd, »und dir die Freude an dem Tag nicht verderben lassen. Leni ist gar nicht nach Hause gekommen. Sie ist von der Schule gleich zu deiner Schwägerin gegangen, die heute Gäste zu Tisch hat. Gewiß hat die Tante sie beredet, du weißt, Martha hat Leni gern im Hause.«

In Schellbachs Gesicht war eine dunkle Zornesröte ausgestiegen. In seinen hellen blauen Augen blitzte es; fast dunkelschwarz färbte sie der Zorn. Aber er hielt jedes Wort zurück. »Und Walter?« fragte er heiser vor unterdrückter Erregung.

»Walter war bei mir und brachte mir Lenis Entschuldigung. Jetzt steckt er wohl längst wieder in der Arbeit. Ich wünschte dem Jungen, der Schulzwang wäre erst vorbei.«

Schellbach war von Milla fort- und ein paarmal im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er vor seiner Frau stehen. Sein Gesicht hatte die ihm eigene abgeklärte Ruhe wiedergefunden. »Weißt du was, Milla, wir wollen heute nachmittag ein bißchen hinaus, eine Fahrt, einen Ausflug machen. Es hat mit Regnen aufgehört, die Luft ist rein und gut. Es wird dir wohltun, mal aus dem Straßenlärm herauszukommen. Ich telephoniere ins Bureau. Galbeck kann mich vertreten, gleichzeitig soll er deinen Vater freigeben, Milla, und auch Walter wird losgeeist. Dann fahren wir gleich nach Tisch irgendwo hinaus, wir vier, weißt du, wie vor zwei Jahren draußen in der Waldmühle.«

Milla lächelte ihrem Mann freundlich zu. Ja, das war ganz das, was ihr Freude machte. Sie war seit ihrer kurzen Hochzeitsreise kaum je herausgekommen, so gewaltig hatte sich in den letzten zwei Jahren der Betrieb der Fabrik ausgedehnt, die Arbeitslast vermehrt, die auf ihrem Manne ruhte. In die Graue Gasse wäre sie gern einmal mit ihm hinausgefahren, selbst auf die Gefahr hin, daß das Wiedersehen ihr das Herz schwer gemacht und das Heimweh aufs neue in ihr aufgebrannt wäre. Aber Walter hatte ihr zart bedeutet, daß es des Vaters heimlicher Wunsch sei, sie mit dem fertigen Bau zu überraschen. Da hatte sie still verzichtet. Nun, binnen Wochenfrist sollte der Gesamtbau fertig dastehen, der Betrieb eröffnet werden. Ehe die Maschinen stampften, wollte ihr Mann sie hinausführen.

Walter steckte den Kopf durch die Tür. »Das Essen steht auf dem Tisch, kleine Mama! Und nun darf man wohl auch seinen Glückwunsch anbringen? Der eifersüchtige Papa wollte durchaus den Vorrang haben.«

Er umarmte seinen Vater, ging auf Kamilla zu und küßte ihr die Hand. Dann steckte er ihr einen kleinen Veilchenstrauß und ein weißes zusammengerolltes Blatt zu. »Ein Huldigungsgedicht, Junge?« fragte Schellbach und zupfte ihn bei den Ohren.

Walter lachte. »Ach Gott, nein, Papa. Mit den Versen stehe ich auf dem denkbar schlechtesten Fuß. Die paukt einem die Prima schon aus den Knochen. Das da ist nur eine Erinnerung aus der guten alten Zeit«, fügte er mit einem drolligen Seufzer hinzu.

Milla hatte das Blatt entrollt. Ihre Augen leuchteten auf. »O, wie hübsch, Walter! Ich danke dir von Herzen.«

Das Blatt, das sie Schellbach hinüberreichte, war eine fein ausgeführte Kopie der kleinen Skizze, die Walter vor Jahren von dem Klostergärtchen gemacht hatte. Nur hatte er aus eigener Phantasie gleich hineingezeichnet, wie er sich die Neuanpflanzung des Gärtchens nach dem Umbau gedacht und sie im Übereinkommen mit seinem Vater schon in Auftrag gegeben hatte.

»Um Ende Mai wird dein Klostergärtchen so aussehen, kleine Mama. Dann feiern wir ein großes Frühlingsfest nach heidnischer Art, mit Kränzen auf den Häuptern und goldenen Schalen in den Händen!«

Schellbach dämpfte den phantastischen Eifer seines Sohnes. »Ein Klostergarten und heidnische Feste!« lachte er, ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfend. »Und so was will in Jahr und Tag sein Abitur machen!«

Bei Tisch kam der telephonische Bescheid, daß Galbeck alles nach Wunsch geordnet habe und Herr Prätorius sich um vier Uhr in der Linkstraße einstellen würde.

»Wie ging es mit Papa dieser Tage, Max? Ich habe ihn seit Sonntag nicht gesehen«, fragte Milla ein wenig beklommen.

Schellbach warf einen fragenden Blick auf seine Frau, nachdem er Walter leicht mit den Augen gestreift hatte.

»O, du darfst ruhig vor Walter sprechen, Max.«

»Ja, bitte, Papa. Ich bin Herrn Prätorius seit jenen Weihnachtstagen in der Waldmühle sehr zugetan, und ich sorge mich mit euch um ihn. Wie fandest du ihn heut?«

Schellbach hatte sein Glas erhoben und Milla zugetrunken, dann sagte er in seinem warmen, eindringlichen, gütigen Ton: »Nicht schlecht, liebes Herz. Er hat sich eigentlich die ganze Woche über gut gehalten, das ist auch Galbecks Meinung. Er war entschieden ruhiger und schien sich recht wohl zu fühlen.«

»Gott sei Dank.«

»Alles in allem genommen dürfen wir ja nicht mehr erwarten, als er selbst erwartet hat, liebste Milla. Du weißt, wie schwarz dein Vater in bezug auf die neue ersprießliche, seßhafte Tätigkeit gesehen hat. Freilich hätte ich mir ein anderes Bild von dem gemacht, was unser Haus ihm sein würde; auch von dem, was Berlin ihm als Entgelt für das ungebundene Draußenleben bieten würde.«

Milla blickte auf ihren Teller. Sie versuchte zu verbergen, daß Tränen in ihren Augen brannten.

Walter hatte sofort Kamillas aufsteigende Bewegung bemerkt. Er hob das Glas gegen seinen Vater, und um ihn abzulenken, hielt er ihm eine kleine drollige Hochzeitsrede und kam nicht eher damit zu Ende, bis die Tränen der kleinen Mama standhaft zurückgedrängt waren.

Pünktlich um vier Uhr stellte sich Mangold Prätorius ein; auch er hatte den Hochzeitstag seiner Tochter vergessen. Dennoch kam er in einer Art festlichem Gewande, denn er hatte einen großen Respekt vor der gesellschaftlichen Stellung seines Schwiegersohnes, und wenn er diesen Respekt auch in gewissen dunkeln Stunden so und so oft vergaß, so trachtete er, diesen Fehler in ruhiger und nüchterner Stimmung nach Kräften wieder gutzumachen.

Walter, ganz von der Wichtigkeit des Tages durchdrungen, teilte Mangold Prätorius eilends dessen Bedeutung mit. Sogleich schoß dem Manne das Blut in Gesicht und Nacken; seine rotunterlaufenen Augen traten aus dem aufgedunsenen Gesicht hervor, seine Stirnadern schwollen an. Er schalt sich heftig einen Trottel, diesen Tag vergessen zu können.

Milla, die ihm ängstlich ins Gesicht sah, hatte Mühe, ihn zu beruhigen. –

Der Regen hatte seit Mittag aufgehört. Es war eher wärmer als kühler geworden, so daß Schellbachs Vorschlag, einen offenen Wagen zu nehmen, um nach dem Grunewald hinauszufahren, allgemeinen Anklang fand.

Walter, der heute, nachdem er der kleinen Mama einmal wieder gründlich sein Herz ausgeschüttet hatte, einen seiner seltenen übermütigen Tage hatte, stürzte selbst hinunter und durch das drängende Gewühl, um einen Wagen herbeizuholen, ehe Milla noch eines der Mädchen damit hatte betrauen können.

Bevor sie in den Wagen stiegen, gab Schellbach, ganz gegen seine Gewohnheit, sehr kurz und bestimmt die Anweisung, daß Fräulein Leni, sobald sie von Frau Tobias zurückkomme, zu Haus auf die Eltern zu warten habe.

Es war eine entzückende Fahrt. Draußen unter dem Einfluß der frischen Luft legte sich auch Prätorius' jähe Aufregung bald, und als sie den Straßenlärm erst hinter sich hatten, plauderte es sich angenehm zu vieren. An der Grenze des Waldes stiegen sie aus. Das stellenweis stark gelichtete Kieferngehölz war freilich kein Prebitzer Wald, das Forsthaus Grunewald keine Waldmühle, und der anmutige kleine See konnte es mit dem Grauen-Kloster-See nicht aufnehmen. Dennoch ging es sich prächtig auf den stillen, von Kieferduft überhauchten Wegen, die Milla bisher nur ganz selten einmal beschritten hatte.

Sie ging mit ihrem Vater voran. Schellbach und Walter folgten. Nach und nach bildete sich unbeabsichtigt eine kleine Entfernung zwischen den Paaren.

Schellbach hatte den Arm in den seines Jungen gelegt. Halblaut sagte er, während sein heute so frohes Gesicht sich mit Wolken überzog: »Prätorius macht mir schwere Sorge, mein Junge, aber laß die Mama nichts davon merken. Ich wollte, ich hätte ihn erst wieder draußen in der Grauen Gasse, ehe er sich hier vollends zugrunde gerichtet hat. Dem Manne hätte zehn Jahre früher geholfen werden müssen. Schade um ihn und so viel vergeudete Eigenart und kernfeste Kraft.«

»Was macht dir mehr Sorge, Papa, das Trinken oder die Aufregungen des Spiels?« fragte Walter ruhig, wie selbstverständlich.

Schellbach stand betroffen still. »Woher weißt du das, Junge? Hat Kamilla –?«

Walter schüttelte den Kopf. »O nein, Papa, wie schlimm es mit ihrem Vater steht, davon hat sie wohl keine Ahnung. Er selbst hat mir davon erzählt, einmal, du erinnerst dich, im Herbst, als ich ihn – ein wenig hilflos auf der Straße traf und nach Hause brachte.«

»Ich erinnere mich, ja.«

»Da hat er mir in seinem bittern Kummer über sich selbst so manches vertraut. Der Winter auf Hammerfest und die Kameradschaft mit diesem Drehws hätten ihm den Rest gegeben, meinte er.«

»Nicht unmöglich.«

Ein paar Minuten schritten sie schweigsam nebeneinander weiter. Da nahm Walter die Unterhaltung wieder auf. »Weißt du, Papa, ich habe viel über Mangold Prätorius nachgedacht. Er gehört auch zu denen, die oft falsch beurteilt und ungerecht verdammt werden, und doch hätte nur einer das Recht, ihm ein Urteil zu sprechen, der, den du einmal den neuen Heiland nanntest, der Arzt, der es vermöchte, mit Sicherheit die feinen, unsichtbaren Grenzen zwischen Unglück, Schuld und krankhaftem Zwang zu ziehen.«

Schellbach blickte auf seinen Jungen, der den ernsten, forschenden Blick auf die vor ihm schreitende schwere, massige Gestalt Mangold Prätorius' gerichtet hielt. Dann legte er mit zärtlichem Stolz den Arm um die noch immer schmalen Schultern seines Sohnes. »Mein lieber Junge, ja, Mangold Prätorius ist sogar ein sogenanntes Schulbeispiel. Leider aber sind sie nicht selten, diese Beispiele, wenn sie auch nicht immer in so drastisch greifbarer Form sich darstellen. Je rascher und atemloser unsere schnellebige neue Zeit über die Menschen hinrast und sie mit in ihren Taumel zieht, um so mehr wird die Zahl derer wachsen, die man nicht mehr für sich selbst verantwortlich machen kann, abgesehen davon, daß die Mehrheit der denkenden Menschen mehr und mehr jede Freiheit des Willens, jedes verantwortlich machen, auch bei scheinbar normalen Menschen, in Abrede zu stellen geneigt ist. Aber das führt für heute zu weit, mein Junge, und macht dich nur irre an deinem hohen Ziel, den Menschen ein Helfer und sachlicher Unterscheider zwischen Schuld oder Verdienst und krankhaftem Zwang zu werden.«

Gerade auch war Milla mit ihrem Vater stehengeblieben und hatte sich nach ihrem Manne umgewandt. Rascher schritten die beiden aus, um mit den andern den Weg fortzusetzen. »Wir streiten eben, der Papa und ich,« sagte Milla heiter, »für wann du die Einweihung der Fabrik bestimmt hast, Max?«

»Zuerst kommt mein Frühlingsfest an die Reihe, Mutti. Nicht wahr, Papa? Und wir dachten den letzten Mai dafür zu wählen.«

Max stimmte zu.

»Das wäre also in etwa sechs Wochen. Und wann, lieber Schwiegersohn, wollen Sie den Betrieb eröffnen?«

»Am fünfzehnten Juni, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt. Frenzen und Wittorp sind der Ansicht, daß ich mit Leichtigkeit mit diesem Termin rechnen kann. In Berlin, lieber Prätorius, sind Sie am einunddreißigsten Mai frei. Vierzehn Tage gebe ich Ihnen zur Neueinrichtung in der Grauen Gasse.«

Etwas wie Freude und Zuversicht flog mit frohem Schein über das jetzt fahlblasse Gesicht des Mannes.

»Siedelt Galbeck gleichfalls über?«

»Nur für den Sommer zum Einexerzieren. Dann kommt er zu mir zurück.«

Prätorius hatte augenscheinlich noch eine Frage auf dem Herzen, die ihm nicht leicht zu werden schien. Er würgte daran herum, biß die Lippen unter dem fast ganz ergrauten Spitzbart, sprach vor sich hin. Dann bemühte er sich sichtlich, der Frage, ob Schellbach nie daran gedacht habe, für sich selbst die Leitung in der Grauen Gasse zu übernehmen, einen gleichgültigen Ausdruck zu geben.

»Nein, lieber Prätorius, ich halte hier, wie es einem guten Hausvater geziemt, in der Stammburg [fehlt Text?] aus und Haus, und überlasse es den Abkömmlingen dieser Stammburg, sich unter bewährter Leitung draußen in der Welt zurechtzufinden.«

Prätorius griff hinter sich nach der Hand seiner Tochter, die er mit krampfhaftem Druck umfaßte und festhielt. Langsam und schwer wandte er sich dann ganz nach ihr um und sagte leise und heiser, nur für Millas Ohr bestimmt: »Merkwürdig wird mir's sein in der Grauen Gasse ohne dich, mein Kind.«– –

Nach der Rückkehr in die Stadt verabschiedete sich Mangold vor der Haustür von den Schellbachs, ohne auf Millas dringende Einladung zu achten, mit ihnen zu Nacht zu essen. Er war unruhig und zerfahren und konnte augenscheinlich den Augenblick nicht erwarten, loszukommen. So ließ man ihn denn gehen, ohne Zweifel darüber zu hegen, wohin er die schwerfälligen Schritte lenken würde.

In der Wohnung angekommen, fragte Schellbach sogleich nach seiner Tochter.

Marie, ein stilles, einfaches Mädchen, das schon ein paar Jahre im Hause war, meldete nicht ohne merklich verlegenes Bedauern, daß sie, da Fräulein Leni den ganzen Nachmittag über nicht zurückgekommen sei, zu Frau Tobias telephoniert habe. Fräulein Leni sei mit den Herrschaften ins Theater gefahren und würde um halb elf sicher nach Hause gebracht werden.

Schellbach ließ seinen Unmut kein zweites Mal sichtbar werden. Er küßte seine Frau auf die Stirn und entschuldigte sich bei ihr, wenn er noch für eine Stunde in sein Arbeitszimmer gehe, es gebe noch allerhand Wichtiges zu erledigen.

Bald nachdem man vom Abendbrot aufgestanden war und wieder in Millas kleinem traulichen Zimmerchen saß, kam Leni zurück. Sie hatte sich in der letzten Zeit so rasch entwickelt, daß sie in ihrem halblangen, modernen weißen Kleid, mit den frischen, ein wenig zu frischen Farben, den blitzenden weißen Zähnen, dem schweren, vollen, um den Kopf gesteckten braunen Haar, ihren vierzehn Jahren zum Trotz, den Eindruck eines erwachsenen Mädchens machte. Wie es ihre Art war, wenn sie etwas auf dem Gewissen hatte, begrüßte sie die Eltern mit gutgespielter Unbefangenheit.

Erst ein mahnendes: »Aber Leni«, das Walter ihr zuflüsterte, bestimmte sie zu ein paar halbwegs entschuldigenden Worten für ihr Ausbleiben während des ganzen Tages. Kamilla war im Begriff, freundlich über diese Entschuldigung zu quittieren, weniger um Lenis willen, als um ihrem Mann weitern Arger zu ersparen. Aber Schellbach schnitt ihr kurz das Wort ab. Er wandte sich an seine Tochter, die, unschlüssig, ob sie zu gehen oder zu bleiben habe, am Tisch stehengeblieben war, und sagte sehr unfreundlich: »Davon morgen mehr. Ich erwarte dich vor der Schule in meinem Zimmer – für jetzt setz' dich und erzähle, wo und wie du den Hochzeitstag deiner Eltern zugebracht hast.«

Leni erschrak nun doch. Wahrhaftig, das hatte sie ganz vergessen, obwohl Walter noch gestern abend mit ihr davon gesprochen hatte. Die plötzliche Einladung zu Tante Martha, die sie auf ihrem Frühstücksplatz gefunden, die Aussicht, mit einer jungen Schauspielerin und einem bekannten Schriftsteller dort zusammenzutreffen, hatten ihr den Kopf verdreht. So stammelte sie ungeschickt eine neue, ehrlichere Entschuldigung.

Schellbachs Gesicht entwölkte sich ein wenig. Er war bis jetzt der Überzeugung gewesen, daß seine Tochter absichtlich an diesem Tag von Haus ferngeblieben sei, um Kamilla zu kränken. »Wie gesagt, darüber morgen. Setz' dich und erzähle, in welcher Gesellschaft du bei Tante Martha gewesen bist, was ihr im Theater gesehen habt. Ich möchte doch wenigstens wissen, welchen Einflüssen die Tante dich aussetzt.«

Leni, die halb abgewandt von ihrem Vater stand, verzog den hübschen, etwas zu vollen Mund. Dann sagte sie, sich auf den Stuhl setzend, den Walter ihr stillschweigend zugeschoben hatte: »Gott, Papa, du weißt ja, was für Leute bei Tante Martha verkehren und daß man keine Spießer da trifft. Sie ist eben eine durch und durch moderne Frau und macht ein modernes Haus.«

»Leider ja. Also was für Modernitäten trafst du heute? Auch innerhalb dieses deines Lieblingsbegriffes gibt es Varianten.«

Lenis lebhafte Augen strahlten. Ihre vollen Wangen röteten sich noch um eine Schattierung stärker. »Ja, denkt nur, ganz besonders was Interessantes. Rate mal, Walter!«

»Der Schah von Persien«, sagte Walter, der das Haus seiner Tante beinahe nie betrat, ein wenig mokant.

»Ach, Unsinn. Eine junge Wienerin, ein entzückendes Mädchen. Schick und pikant; Schauspielerin an der Josephstadt; sie ist zum Gastspiel am Residenztheater hier eingetroffen und an die Tante empfohlen worden. Ferner – Herr Bertram –«

Milla wandte sich an ihren Mann. »Der neue junge Lyriker, von dem du mir am Sonntag etwas vorgelesen hast, Max?«

»Neu bis auf weiteres, ja. Die Gedichte waren nicht mal so übel.«

Leni ereiferte sich. »Bertram ist ein Genie, Papa.«

Alle lachten.

»Da ist nichts zu lachen. Es ist wirklich so. Tante Martha sagt es.«

»Dann allerdings«, bemerkte Schellbach ironisch.

»Er hat uns bei Tisch einen Haufen Kritiken vorgelesen. Alle Zeitungen sind begeistert von ihm. Übrigens wird er seine neuesten Gedichte nächstens im Metropol-Kabarett vortragen. Tante Martha wird hingehen. Die Glückliche! Ich beneide sie!«

Walter stieß seine Schwester in die Seite. »Rede doch nicht solchen Unsinn, Leni, was ist da zu beneiden? Und sprich nicht alles nach, was dir andere einreden.« Er hatte halblaut gesprochen, aber die andern hatten ihn doch gehört.

»Sehr wahr, mein Junge. Mädel, Mädel, du solltest hinter deinen Schulbüchern sitzen bleiben, bis du fürs Leben reif geworden bist und fähig, dir ein selbständiges Urteil über Menschen und Dinge zu bilden. Ich fürchte, das wird noch lange Weile haben.«

Leni machte ein sehr beleidigtes Gesicht. »Ihr tut gerade, als ob ich noch ein kleines Mädchen wäre. Überall wo anders werde ich für voll angesehen. Herr Bertram hat mich für achtzehn gehalten.«

»Denk' mal an, Leni,« neckte Walter, »da wir aber hier zufällig im Besitz deiner Geburtsurkunde sind, kannst du uns einen solchen Rechenfehler nicht gut zumuten. Im übrigen tröste dich, der Prophet gilt bekanntlich nichts in seinem Vaterlande.«

Jetzt mischte sich auch Milla ins Gespräch, bemüht, ihm eine freundlichere Wendung zu geben. »Welches Theater habt ihr denn besucht, Leni? War es schön? Wir wollen auch einmal wieder zusammen gehen, willst du?«

»Gern, Mama, wenn es nicht immer und ewig Schiller zu sein braucht, sondern auch mal eine moderne Sache, Frank Wedekind oder so was; oder wie heut etwas Hübsches zu sehen, etwas Buntes, Glänzendes, und dazu Musik, recht viel und lustige Musik. Wir waren in der neuen Gesangsposse im Thaliatheater. Rieck war riesig ulkig, und die Damen haben entzückend gesungen. Auch Ballett war dabei, eine ganze Menge. Es kribbelte mir ordentlich in den Füßen bei der schicken Musik von Gilbert. Du, Mama, nächsten Winter möchte ich wirklich noch mal Tanzstunde nehmen. Übernächsten geht's doch nicht wegen der Konfirmation. Na, und was habt ihr gemacht?«

Walter und Milla erzählten. Schellbach hatte sich eine Zigarre angezündet und ging, ohne sich weiter an dem Gespräch zu beteiligen, rauchend im Zimmer hin und her. Ab und zu blieb er hinter seiner Frau stehen und fuhr ihr sanft liebkosend über das herrliche, kastanienbraune Haar, das ihr noch immer, wie in ihrer Mädchenzeit, zu einem schlichten Knoten geschlungen schwer und weich im Nacken lag.

»Also im Mai wird eingeweiht?« hörte er jetzt Leni lebhaft fragen. »Endlich mal etwas Lustiges. Du, Walter, da müssen wir eine große Sache machen.«

Walter lachte. » A la Tante Martha! Nein, was die Graue Gasse betrifft, das ist Papas und meine Sache. Nicht wahr, Papa?«

Schellbach blieb stehen und legte seinem Jungen die Hand auf die Schulter. »Ja, mein Junge, die Graue Gasse geht uns beide ganz allein an. Die ist viel zu unmodern und zu farblos für deinen Geschmack, Leni.«

»Und in ihren grauen Winkeln haust allerlei Unheimliches, das einem nachts die Träume stört und einen nicht zur Ruhe kommen läßt, auch wenn man längst nicht mehr dazwischen haust«, fügte Milla bitter hinzu.

Betroffen sah sich Schellbach nach seiner Frau um. Sie war aufgestanden und schaute mit einem seltsam starren Blick ins Leere. Um ihren schönen, herbgeschlossenen Mund lag ein bitteres Lächeln.

Er erschrak und nahm sie rasch und zärtlich bei der Hand. »Komm, liebes Herz, es ist spät geworden. Ruhe wird dir gut tun.«

Sie folgte ihm. Daß das Lächeln um ihren Mund nur bitterer noch geworden war, sah er nicht. – –

Dem regnerischen April war ein wundervoller Maimonat gefolgt. In der Grauen Gasse arbeitete man mit unermüdlicher Arbeitslust fort, der nahen Vollendung entgegen. Das warme, köstliche Wetter, das jede Stunde bis in den tiefen Abend hinein nutzbar machte, förderte das Werk mit staunenerregender Schnelligkeit.

Frenzen und Wittorp wohnten seit dem ersten Mai im Löwen, um das prächtig gelingende Werk während der letzten Wochen nicht mehr aus den Augen zu lassen. Die innere Einrichtung war nahezu vollendet; der Betrieb hätte jeden Tag eröffnet werden können. Es handelte sich jetzt nur noch um die Fertigstellung des Dekorativen an der Straßenfront und um die notwendigen Ausbesserungen des Mittelbaues, insonderheit der arg vernachlässigten Prätoriusschen Wohnung. Die alte, während des Umbaues beinahe verfallene Treppe vom Klostergärtchen her, die Vorhalle und die daran unmittelbar anschließenden zwei Zimmer, früher das Eßzimmer und Millas Zimmer mit dem erhöhten Fenstersitz, waren zunächst in Angriff genommen worden. Sie sollten Mangold Prätorius' Schlaf-, Wohn- und Arbeitsraum hergeben, und bis um Mitte Juni vollends instand gesetzt sein. Die Bestimmungen über den übrigen Teil des weitläufigen Parterregeschosses hatte Schellbach sich noch vorbehalten, ebenso über den ersten und zugleich obersten, seit vielen Jahrzehnten nicht mehr bewohnten Stock, in dem Ratten, Mäuse und Fledermäuse bisher unbehelligt ihr Wesen getrieben hatten.

Die beiden Friese waren ganz das geworden, was die Beteiligten sich davon erwartet und gewünscht hatten: eine kräftige und allgemein verständliche Symbolisierung der alten und der neuen Zeit. Die alten Prätoriusschen Familienbilder, die Kamilla, freilich erst nach langem Suchen, in einer alten verstaubten und vergessenen Truhe gefunden hatte, waren prächtig zur Verwendung gekommen. Die gegen den Raubritterzug standhaltenden Kaufleute zeigten zum überwiegenden Teil das kühne Profil, die trotzige Stirn, den reckenhaften Bau der Prätorius, allen voran das getreue Bild Mangold Prätorius'. Der zweite Fries, der Triumph der Wissenschaft, sollte für Schellbach und Kamilla zugleich eine Überraschung bringen. Die Figur des Lichts, die im Mittelpunkt einer Gruppe arbeitsfroher, den modernen Wissenschaften dienender Menschen stand, trug Kamillas feines, vornehmes, träumerisches Gesicht, dasselbe Köpfchen, das Lorenz, kurze Zeit bevor er nach München ging, gemalt und Sadus überlassen hatte.

Durch einen Zufall war Frenzen in Besitz dieses wertvollen Vorbildes für seinen Bildhauer gekommen. Lange hatte man vergeblich nach einem solchen gesucht und war schon verzweifelt gewesen, es jemals zu finden. Walter hatte Frenzen ein paar Photographien seiner »kleinen Mama« verschafft, von denen keine den zarten, eigentümlichen Zauber dieses Frauenkopfes wiedergab. Sollte man es versuchen, sie unter irgendeinem Vorwand zu einer neuen Aufnahme zu bewegen? Wer weiß, ob sie ein besseres Ergebnis gehabt hätte. Milla Prätorius hatte keinen Kopf für einen landläufigen Photographen; dies wundervolle verträumte Gesicht wollte mit Künstleraugen gesehen und erfaßt sein. Im übrigen war es auch noch sehr die Frage, ob Kamilla ohne weiteres einwilligen würde, zu einem Photographen zu gehen, abhold wie sie allem war, was auch nur im geringsten einer äußeren Schaustellung ihrer Person glich. Frenzen und der Bildhauer waren in Verzweiflung. Wie sollte man zu einem künstlerisch aufgefaßten Köpfchen, zu dem Kamilla Prätorius' eigenen Typ für eine Idealfigur kommen?

Da, eines Tages, um den Ausgang des Jahres, war Frenzen mit Wittorp draußen gewesen. Sie hatten den letzten Berliner Zug versäumt und sich bequemen müssen, im Löwen zu übernachten. Den langen Abend nach Möglichkeit zu kürzen, hatten sie unten im kleinen Gastzimmer gesessen, und da der Abend nach dem milden Tage kalt geworden war, hatten sie sich einen steifen Grog brauen lassen. Ein seltener Gast im Löwen, Sadus, hatte sich zu ihnen gesellt.

Die Unterhaltung war bald lebhaft in Fluß gekommen. Sadus, nächst Lene Petersen der einzige Freund, den Milla im Städtchen zurückgelassen hatte, konnte nicht genug von den Schellbachs hören. Auch über den Bau, dessen rasche Vollendung die gesamte Bevölkerung, am meisten aber Sadus und Meilsheim, die gewiegten Kenner, in bewunderndes Staunen setzte, geriet man in eine lebhafte Erörterung. Am Ende war das Gespräch auch auf die Friese gekommen, deren zukünftiger Platz an der Frontfläche bereits deutlich sichtbar war.

Da Frenzen den Bureauchef als einen Freund der Prätorius' hatte nennen hören, nahm er nicht Anstand, Sadus von der Verlegenheit zu erzählen, die das fehlende Bildnis bereitete. Sadus hatte einen kurzen Kampf gekämpft. Es kam ihm hart an, sein liebes Eigentum, das er bisher vor jedem fremden Blick versteckt gehalten hatte, dem Bildhauer für die Vollendung seines Werkes auszuliefern; dennoch überwand er sich. Er war dies Opfer Millas Schönheit schuldig, der grenzenlosen Verehrung, die er noch immer für sie im Herzen trug.

So erzählte er kurz die Geschichte des Bildchens, und da der Baumeister und Wittorp den ersten Berliner Frühzug benutzen mußten, machten sich alle drei noch trotz der späten Stunde auf den Weg in die Fabrik hinaus, um das kostbare kleine Kunstwerk zu holen.

Jetzt, während der schönen Maientage, da alles zur Vollendung drängte und rüstete, waren die prächtig gelungenen Friese mit grauen Tüchern überspannt, und nicht einmal Schellbach durfte einen Blick hinter die schützende Leinwand tun, als er acht Tage vor dem für den 31. Mai bestimmten Einweihungsfest in die Graue Gasse kam.

Trotz der fortlaufenden günstigen Berichte, die er von Frenzen, Wittorp und dem tüchtigen, seit zwei Jahren draußen angestellten Bauführer empfing, hatte es Schellbach gereizt, selbst noch einen Blick auf sein nahezu vollendetes Besitztum zu werfen, vor allem aber, sich zu überzeugen, ob das für Mangold Prätorius bestimmte Heim einigermaßen in Bereitschaft sei, seinen einstigen Herrn wieder zu empfangen.

Der rasch alternde Mann mit seinem unbezwinglichen Hang zu Trunk und Spiel machte ihm schwere Sorgen. So bald als möglich wollte er ihn in dem alten Hause seiner Väter gut untergebracht sehen. Er hatte Milla den Vorschlag gemacht, Lene Petersen zu vermögen, zunächst wenigstens, zu ihrem Vater in die Graue Gasse zu ziehen. Was sein schweres Geschick verschuldet, das wilde Leben in Hammerfest gefördert, die Berliner Jahre ganz wider Schellbachs Voraussicht bis zum äußersten gesteigert hatten, würde, wenn überhaupt, nur in der Grauen Gasse unter verständiger Pflege und Aufsicht wieder ausheilen können.

Walter hatte seinen Vater begleitet. Es ließ ihm keine Ruhe, ehe er sich nicht mit eigenen Augen davon überzeugt hatte, daß das Klostergärtchen genau nach seinen Angaben hergerichtet worden war. Diese Freude und Überraschung sollte die kleine Mama ganz allein ihm zu danken haben, und wie ein Kind auf die Weihnachtstanne freute er sich auf ihre aufleuchtenden Augen, wenn sie ihr liebes Klostergärtchen in neuerstandener Schönheit wieder erblicken würde.

Eine lange Weile schritt Walter sinnend in dem kleinen Geviert auf und nieder, ebenso aufmerksam wie das erstemal, als er, ein stiller verschlossener Knabe, von der geheimnisvollen Eigenart des Klostergärtchens getroffen worden war. Alles war geworden, wie er sich's erträumt und erdacht hatte. An den Mauern rankte der Efeu voll und üppig sein dunkles, von frischgrünen Trieben durchsetztes Geäst; die Blumenrabatten darunter waren reicher und um ein weniges farbenfreudiger ausgefallen, dennoch alles in allem abgestimmt auf den Farben- und Stimmungston des kleinen träumerischen Flecks. Veilchen, blasser Krokus, feinstengelige Maiblumen blühten süß und ein wenig schwermütig duftend durcheinander. Die Quelle unter der Hängeesche rieselte ihre kristallklare Flut wieder in das steingefaßte Becken, an dessen Grund die Wasserrosen aufs neue kräftig Wurzel gefaßt hatten. Ihre schlauchartigen Stiele, ihre dicken glänzenden Blätter wiegten sich knospentragend auf dem spiegelklaren, steinumhegten Gewässer. Das Reizendste aber war der Kirschbaum im östlichen Winkel des Gartens, dessen Krone, von zartweißen Blüten übersäet, die Last ihres keuschen, jungfräulichen Schmuckes kaum zu tragen vermochte.

Walter lächelte still vor sich hin. Ja, die kleine Mama würde sich freuen und ein wenig glücklich sein. Er setzte sich unter den Kirschbaum. So etwas wie ein kleiner Seufzer hob seine Brust. Er fühlte mehr, als er es sich hätte beweisen können: so glücklich, wie er es ihr gewünscht hätte, war die kleine Mama nicht. Fehlte ihr nur die Graue Gasse und das alte Haus mit dem merkwürdigen kleinen Garten, mit denen das stille schöne Mädchen ihm wie verwachsen erschienen war, als er sie zuerst gesehen hatte? Ermüdete sie die Großstadt, der sie mit jeder Faser ihres Wesens fremd geblieben war? Trübte Leni durch ihre, ihm selbst mehr und mehr zu laut werdende und nach äußerlichen Glanz drängende Art Millas Herzensfrieden? Empfand sie es als Schuld, daß sie dieser, der ihren von Grund auf gegensätzlichen Natur nicht Herr werden konnte? Lastete es auf ihr, daß sie diese Hoffnung des Vaters auf sie nicht erfüllt hatte?

Walter stand wieder auf und ging an den Blumenrabatten auf und nieder. Er legte sich eine Frage vor, die ihn schon oft beunruhigt und gequält hatte, die Frage, ob sein Vater empfand, daß auf dem Glück der kleinen Mama, wenn es überhaupt ein solches genannt werden konnte, ein tiefer Schatten lag, oder ob der Besitz dieser holdesten Frau ihn blind machte für das Leid, das sie umschwebte.

Walter hatte den Vater oft im stillen beobachtet. Trotz seiner reiferen Jahre, seiner scheinbar gefestigten, leidgestählten Art hatte sich mit seiner Wiederverheiratung ein Wandel in ihm vollzogen, der Walter in Staunen versetzte. Alles Leid und alle Verbitterung, die die Mutter ihm angetan, die Spuren der innern Vereinsamung, an der er schwer getragen, waren wie mit einem Schlage ausgelöscht. Er schien um Jahre jünger geworden, nicht nur in Antlitz und Gestalt, nein, auch innerlich jünger.

Wie von selbst, ohne äußeres Zutun, einem innern Zwange gehorchend, schien sich die Kluft der Jahre, die zwischen diesen beiden geliebten Menschen klaffte, schließen zu wollen. Der Vater liebte diese holde kleine Mama mit der Liebe eines Jünglings, anbetend voll zärtlicher Hingebung. Sein eigenes Glück spiegelte ihm das ihre vor, täuschte ihn darüber, daß in ihr Herz nicht wie in das seine, der Frühling eingezogen war. Ihm, dem Sohne allein, blieb die Qual vorbehalten, nach dem Ursprung der Schatten zu suchen, die Millas Leben verdunkelten.

Er blickte um sich. Die Sonne war tiefer gegangen. Den Klostergarten hinter den hohen Mauern traf keiner ihrer Strahlen mehr. Von den dunkeln Efeuranken, von den schweren Zweigen der Hängeesche schienen graue Schatten sich loszuwinden und niederzusteigen, und plötzlich fiel ihm ein Wort ein, das Milla kürzlich gesprochen hatte, von den grauen Winkeln, in denen allerlei Unheimliches hause, das nachts die Träume störe und keine Ruhe finden lasse, und der seltsam starre Blick und das bittere Lächeln, die dieses Wort begleitet hatten. Lange suchte er nach der Bedeutung dieses Wortes, dieses Blickes, dieses Lächelns, aber er fand sie nicht. –

Erst mit dem Siebenuhrzug waren sie nach Berlin zurückgefahren. Schellbach war wenig an einer so langen Trennung von Milla gelegen gewesen. Er wußte, daß ein ganzer Sonntag allein mit Leni keine leichte Aufgabe für seine Frau war, wenn auch niemals ein auch nur andeutendes Wort über ihre Lippen kam. Allein Frenzen, Wittorp, der junge Bauführer und auch Sadus, der sich zu Tisch im Löwen eingefunden hatte, waren für einen Aufbruch mit einem früheren Zuge ganz und gar nicht zu haben gewesen. Abgesehen davon, daß man dem verehrten Bauherrn zu Ehren eine Maibowle angesetzt hatte, die es wert war, mit Verstand und Muße genossen zu werden, hatte es in der Tat noch vieles bezüglich der Einweihungsfestlichkeiten zu besprechen gegeben.

Bald nach elf Uhr langten Schellbach und Walter wieder in der Linkstraße an.

Schellbach fand zu seiner freudigen Überraschung Milla heiterer gestimmt, als er erwartet hatte. Sie hatte mit Leni einen Spaziergang gemacht, auf dem sie Tante Martha getroffen, die heute, wie Milla treuherzig versicherte, wirklich keine Spielverderberin gewesen war. Nachmittags war Leni in den ›Heiratsklub‹ gegangen, aber pünktlich wieder zurückgekommen, so daß es keinerlei Beunruhigung gegeben hatte, und, was das Beste war, während Lenis Abwesenheit war ganz überraschend der Papa gekommen und hatte ihr liebe Gesellschaft geleistet.

»Wie mich das freut, liebes Herz«, sagte Schellbach, den Arm um sie legend. »Erzähle, wie ging es ihm?«

»Ach, vortrefflich, Max«, sagte Kamilla heiter. »Er war so ruhig und zugänglich, daß ich ganz glücklich bin. Ich hege die besten Hoffnungen für zu Hause. Übrigens hat sich im Notfalle seine Wirtin bereit erklärt, für den Anfang mit ihm zu gehen. Die Wilke ist zwar keine Lene Petersen –«

Schellbach lachte hell auf. »Da sei du nur ruhig.«

»Hat Lene eingewilligt?« fragte Milla mit freudiger Spannung.

»Eine prächtige alte Seele. Der Eifer, mit dem sie sich zu allem bereit erklärte, mit dem sie dir dienstbar sein könne, war beinahe komisch anzusehen.«

Er küßte Milla warm und zärtlich auf den Mund; dann sagte er neckend, sie heiß umschlungen haltend: »Ein ganz gefährliches Frauenzimmer ist sie, diese kleine Frau. Selbst die alten Weiber verhext sie mit ihrem Liebreiz!«

Milla blieb still in seinem Arm. »Und was gab es sonst?« fragte sie, die Augen zu ihm aufschlagend.

»Nichts wie Gutes und Schönes und ein Geheimnis über das andere.« – Milla lächelte. – »Alles in allem ein Tag, wie man ihn sich nicht hoffnungsspendender denken kann! Einem jeden von uns hat er etwas versprochen: dem Vater einen ruhigen Lebensabend in dem Hause seiner Väter – mir ein neues Feld gesegneter Tätigkeit – dir, mein Liebling –«

Schellbach konnte nicht vollenden. Draußen im Flur schlug die Klingel, zweimal hintereinander scharf gezogen, gellend an. Da die Mädchen schon zu Bett waren, eilte Schellbach selbst hinaus, um zu öffnen.

Milla war aufgesprungen und starr und erschreckt im Zimmer stehen geblieben. Jetzt hörte sie unterdrücktes Flüstern, Weinen, dann einen gesteigerten Ausbruch des Schmerzes, den Klang einer bekannten scharfen, ein wenig heisern Stimme.

Milla war leichenblaß geworden. Sie griff sich mit beiden Händen nach den Schläfen, sie taumelte und hielt sich dann mühsam mit klammernden Fingern an einer Stuhllehne.

Ihr Mann kam zurück. Auch er war totenbleich. Unter den Augen, in denen ein Ausdruck tiefen Schmerzes lag, brannten ihm zwei dunkelrote Flecke. Mit ausgebreiteten Armen ging er auf sie zu. »Meine Milla, meine arme geliebte Milla.«

Hinter ihm schritt die Wirtin Mangold Prätorius', eine dicke, schwerfällige Person. Sie weinte und jammerte laut. »Mein armer Herr, so plötzlich –« Sie schluchzte heiser auf. Dann mit rückwärts gebogenem Daumen auf Schellbach zeigend, sagte sie vorwurfsvoll: »Er wollte nicht mal, daß ich's Ihnen sagen sollte, wo Sie doch am Ende das einzige Kind sind.« Sie ließ sich erschöpft auf einen Sessel nieder und murmelte vor sich hin.

Milla, die das Entsetzliche noch nicht fassen konnte, weinte leise im Arm ihres Mannes.

»Sagen Sie uns doch wie es kam, Frau Wilke! Er war ja nachmittags noch hier und heiter und guter Dinge, wie mir meine Frau erzählte.« Er küßte Milla sanft auf die Stirn.

Die Alte fing wieder zu jammern an. »Gerade eben, wo es ihm heute so gut ging! Ach mein Gott, daß er so schnell dahin mußte! Manchmal war er ja grob und schrie und tobte, aber im ganzen war er doch ein guter Mann. Er kam so um neune rum nach Hause, ganz früh und ordentlich, und bestellte sich 'n Happen Abendbrot und wollte dann gleich zu Bette gehn und nicht noch mal aus. Dann als ich rein kam so um zehn mit zwei Stullen und weichen Eiern, sagte er, er hätte doch keinen ordentlichen Appetit nicht und wollte es lieber lassen – und Gute Nacht, Wilken.« – Die Frau weinte laut und zügellos auf – »das war sein letztes Wort.« – Schluchzend fuhr sie fort: »– und dann so um elf rum, ich will gerade ins Bette steigen, hör' ich plötzlich ein Stöhnen und dann einen schweren Fall, und wie ich angehetzt komme, liegt mein guter Herr platt auf dem Boden. Stöhnt noch ein paarmal kurz auf, macht dann ein ganz stilles, zufriedenes Gesicht und ist weg, fort für immer. Dann holt' ich den Arzt von drüben, und der sagte, es ist nichts mehr zu machen, es ist an dem, er ist tot, ein Schlagfluß hat seinem Leben ein Ende gemacht.«

Milla bebte in den Armen ihres Mannes. Sie flüsterte etwas, was er vor dem lauten Weinen der Wilke zuerst nicht verstand.

Inniger drückte er sie an sich. »Was ist's, mein Liebling?«

»Ich möchte zu ihm, Max.«

»Ja wir gehen – sogleich.«

Schellbach drückte die elektrische Klingel in der Wand. Marie, die längst von der Unruhe im Hause aufgeschreckt war, erschien in der Tür. »Helfen Sie meiner Frau ein wenig, Marie. Ein jähes Unglück – Herr Prätorius ist soeben verschieden. Wir wollen ihm ein letztes Lebewohl sagen.«

Als seine Frau das Zimmer verlassen hatte, trat Schellbach dicht an die Wilken heran und fragte sie im Flüsterton, ob es wahr sei, daß Herrn Prätorius' Gesicht einen stillen, zufriedenen Ausdruck trage.

»Gewiß doch«, sagte die Frau in gekränktem Ton.

»Ich würde im anderen Fall versucht haben, meiner Frau den entstellten Anblick des Toten zu ersparen.«

»Das ist nicht an dem. Auch der Doktor hat gesagt: er sieht aus, als ob er mit sich und der Welt im Frieden davongegangen sei.« – Frau Wilke hatte einen salbungsvollen Ton angeschlagen. – »Auch gebettet haben wir ihn ganz ordentlich, überhaupt uns alle Mühe gegeben.«

Schellbach nahm ein Goldstück aus seiner Westentasche und händigte es der Wilken ein. »Dies zunächst für Ihre Mühe und Sorgfalt, Frau Wilke. Alles andere morgen. Jetzt fahren Sie rasch voran« – er gab ihr noch etwas kleine Münze – »wir folgen Ihnen sogleich.«

Eine halbe Stunde später, zwei Stunden nach seinem kurzen raschen Abschied von einer Welt, die Mangold Prätorius so übel mitgespielt hatte, stand Milla an dem Totenbett ihres Vaters. Friedlich ausgestreckt lag er da, noch unausgekleidet, in demselben Anzug, in dem er vor wenig Stunden von ihr gegangen war.

Lange, lange sah sie auf ihn hin, mit tränenumflorten Augen, mit bebenden, zuckenden Lippen. Sein Haupt lag ein wenig zur Seite geneigt, von den vollen, in den letzten Jahren ganz ergrauten Haaren beschattet. Es trug einen Zug des Friedens, der Erlösung. Jahre schienen von ihm gewichen zu sein, Jahre des Kampfes gegen die unbarmherzige Welt, des schwereren Kampfes gegen sich selbst. Kamilla schien es, als seien endlose Zeiten hingegangen, seit sie den Rastlosen so friedlich gesehen; die Mutter mochte noch gelebt haben, die Mutter, die sein guter Engel gewesen war. Tot, beide tot! Allein blieb sie zurück, schwach und gebrochen, die letzte des alten tapferen, kernigen Geschlechts. Alle hatten sie verlassen, die den Namen Prätorius trugen.

Milla brach in fassungsloses Schluchzen aus und stürzte am Bett des Toten nieder. – –

Anders als Mangold Prätorius es sich geträumt, kehrte er in die Graue Gasse zurück, anders als Walter und Schellbach es geplant, sah Milla ihr Klostergärtchen wieder.

Ihre Augen leuchteten nicht auf, ihre Lippen lächelten nicht. Unter dem blauenden Maienhimmel, unter dem blütenschweren Kirschenbaum stand, statt eines frohen, jungen Weibes, Mangold Prätorius' letztes irdisches Teil. Von den Blumenrabatten unter den efeuumsponnenen Mauern drang der Duft von Veilchen, Maiblumen und Narzissen über die Trauerversammlung hin.

Aus der Stadt und vom flachen Lande her waren sie gekommen, dem letzten Prätorius, dem wilden Mangold die letzte Ehre zu erweisen. Die Gartentreppe, die alte, weite Vorhalle, ja selbst die beiden, für Prätorius hergerichteten Zimmer waren mit trauernden Menschen besetzt. Durch die offenstehenden Fenster drang das Weinen der Frauen, das Wort des Predigers zu ihnen auf, der mit diesem letzten Prätorius ein Geschlecht begrub, das durch Jahrhunderte der Landschaft Ehre und Ansehen und am Ende immer noch eine Art romantisches Interesse verliehen hatte, das zu der alles gleichmachenden Kultur unserer Tage im stärksten Gegensatz stand. In diesem Sinn schilderte Pastor Mengehold das Erdenwallen Mangold Prätorius'.

Draußen in der Grauen Gasse standen alle, die drinnen keinen Einlaß mehr hatten finden können. Dichtgedrängt standen sie, bestaunend und bekrittelnd, was aus dem alten Klosterbau hervorgewachsen war.

Die Alten im Städtchen schüttelten die Köpfe. Was sollte ihnen das neumodische Getue, das da drinnen in ein paar Wochen seinen Anfang nehmen sollte? Eine elektrische Fabrik! Sie konnten sich nicht viel dabei denken. Segen dürfte schwerlich dabei sein! Ein Haus, in das, allen voran ein Toter einzieht, von dem wird schwerlich viel Gutes zu erwarten sein.

Die Jungen, die die Trauerfeier eigentlich wenig anging – sie kannten Mangold Prätorius kaum und hatten von ihm und seinem Geschlecht nur von den Vätern gehört – waren andern Sinnes. Sie knüpften Hoffnung auf Hoffnung an das neue Haus, das sich den grauen ungefügen Bauten der alten grauen Klostergasse nicht wie ein fremder Eindringling einfügte, sondern wie ein Dazugehöriger, nur mit dem Unterschied, daß er Jahrhunderte übersprungen hatte und zu ihnen gekommen war, um ihnen zu erzählen, was draußen in der Welt vorgegangen war, während die Graue Gasse geschlafen hatte. Neues frisches Leben für das Städtchen, Arbeit für alle, die die Hände danach streckten, Wohlstand und Glück hofften und erwarteten sie, die Jungen.

Und alle staunten sie zu den beiden herrlichen, weißen Steinbildern auf, von denen die Leinwand gefallen war und deren rechtes ein schmaler Trauerflor umsäumte. Einer erzählte dem andern von der Bedeutung der Steinbilder, und wieder schüttelten die Alten die Köpfe. Das mit dem Trauerflor stellte die alte Zeit vor. Die Kaufherren in Kampf und Sieg mit den Raubrittern, und da, der letzte in der Reihe der Kämpfenden, der Hüne an Gestalt mit dem kühnen, finstern Antlitz, das war Mangold Prätorius, dem Pastor Mengehold drinnen die Grabrede hielt. Drüben aber, das Steinbild auf der andern Seite des schweren Portals, das zeigte die neue Zeit, den Sieg der Wissenschaft, den Triumph der Kultur und des Lichts, dessen Strahlenbild wieder eines aus dem Geschlecht der Prätorius verkörperte, des Toten einziges Kind, die Gattin des Mannes, der ihnen mit diesem stolzen Bau die neue Zeit zu schenken gekommen war.

Das Flüstern und Raunen draußen in der Grauen Gasse unterbrachen Posaunenklänge. Das weite schwere Tor zwischen den weißen Steinbildern tat sich auf. Langsam und feierlich wurde der letzte Prätorius aus dem Hause seiner Väter getragen.

* * *

 


 << zurück weiter >>