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Etwa um dieselbe Zeit, da Sadus sein von Frau Hegemanns guten Reden begleitetes Mahl in der Waldmühle beendete, trafen Kamilla Prätorius und Lene Petersen in der Grauen Gasse wieder ein, von der aus die Petersen ihren Weg in die obere Stadt fortsetzte.

Mangold Prätorius schien schon auf die Rückkehr seiner Tochter gewartet zu haben, denn kaum, daß das kleine Aushilfsmädchen die Tür hinter der Eintretenden wieder abgeschlossen hatte, trat er aus dem Zimmer mit dem erhöhten Fenstersitz in den Flur hinaus, in dem Kamilla ihren großen schwarzen Florentiner an den Nagel hängte.

Wider die Gewohnheit der letzten Wochen sprach er seine Tochter freundlich an. »Gut, daß du draußen warst, Milla. Ein schöner Tag heute. Es wird deinen Nerven gutgetan haben.« – Er nahm sie beim Kinn und wandte ihren abgewendeten Kopf sich zu. – »Na, berühmt siehst du nicht gerade aus, aber immerhin hast du ein wenig Farbe bekommen. Wird schon besser werden, wenn du endlich Vernunft annimmst.«

Sie waren ins Zimmer getreten. »Wie ist's denn, hast du schon was gegessen, Milla?«

»Auf dem Hinweg, bei der Hegemann, ja. Danke, Papa.«

Sie ließ sich sehr ermüdet auf einen der alten Lehnstühle nieder, die noch von Jakob Prätorius, ihrem Urgroßvater, stammten, breite, lederüberspannte Lehnsessel, an denen das Leder abgeschabt oder auch schon rissig war, so daß an einzelnen Stellen die Füllung in großen schwarzen Wülsten hervorsah.

Mangold war an das Pult gegangen und hatte einen Brief vom Pultdeckel genommen, den er seiner Tochter gab. »Hier ist etwas für dich, Kamilla.«

Im Zimmer herrschte, dem lachenden blauenden Herbsthimmel zum Trotz, bereits fahle Dämmerung. Die eingebauten Fenster ließen bei dem tiefen Stande der Septembersonne kein Licht mehr ein.

Milla mußte erst ein paar Augenblicke auf den Brief sehen, der noch in seinem aufgeschnittenen Umschlag steckte, bevor sie Aufschrift und Stempel erkannte. Dann, nachdem es geschehen war, lief ein Zittern durch ihre Glieder, und dem Vater die Hand mit dem Briefe entgegenstreckend, sagte sie leise und zaghaft: »Der Brief ist an dich gerichtet, Papa.«

»Was nicht hindert, daß du ihn liest, wenn ich ihn dir zu diesem Zweck gebe.«

Seine Stimme klang schon wieder gereizt und rauh. Unter den buschigen Brauen sahen die grauen Augen herrisch auf Kamilla nieder. Als sie trotzdem keine Anstalten machte, den Brief aus dem Umschlag zu ziehen, riß er ihr das Schreiben heftig aus der Hand und warf es auf den Tisch.

»Worauf wartest du eigentlich noch? Glaubst du, die Geduld dieses Mannes wird ewig währen? Willst du warten, bis sie uns das Dach über dem Kopf runter- und die Mauern einschlagen?«

»Ja, das will ich, Papa«, sagte Kamilla mit einer Festigkeit, die Mangold Prätorius an seinem Kinde nicht kannte. »Jetzt mehr denn je.«

»Jetzt mehr denn je?« wiederholte er mit maßlos erstaunter Frage. »Was willst du damit sagen? Etwa, daß du unterwegs einen Schatz gefunden hast, der uns ermöglicht, den Kopf wieder frei zu tragen, dem verfluchten Bettelleben ein Ende zu machen, wieder ein Mensch unter Menschen zu sein?«

»So ähnlich, Papa, ja.« Kamilla lächelte schwach, und in ihre Augen war ein eigener Glanz getreten: »Nämlich Meilsheim will Lorenz zurückberufen und ihm eine große Anstellung geben.«

Die schwere Faust des Alten fiel wuchtig auf den Tisch, an dem er seiner Tochter gegenüberstand. Dann schlug er eine laute Lache auf, die unheimlich von den leeren dicken Mauern zurückgellte. »Also wieder einmal der Hungerleider!«

»Lorenz Buchberg ist es dann nicht mehr, Papa.«

»Er ist einer von denen, die's ewig bleiben werden – aber gleichviel, Buchberg hin, Buchberg her – von ihm ist nicht die Rede, sondern von Schellbach. Er ist viel zu vornehm, dich oder mich drängen zu wollen, aber aus jedem Wort dieses Briefes spricht der Wunsch nach Gewißheit, zum mindesten nach einer ausgesprochenen Hoffnung. Was soll ich Schellbach sagen? Was soll ich ihm sagen?«

Mangold lief, beide Hände an den ergrauten Schläfen, ruhelos im Zimmer hin und her. In sein Gesicht war wieder die verdächtige Röte gestiegen. Seine Stimme klang nicht zornig mehr, sondern angstgepreßt, verzweifelt. Dann plötzlich blieb er wieder vor Kamilla stehen, und mit gänzlich veränderter Stimme und einem Ausdruck, der von dem bisherigen grundverschieden war, sagte er: »Liebes Kind, wolle mich doch verstehen! Ich habe dich lieb und will dein Bestes. Ich habe abgewirtschaftet, auf mich kommt es nicht mehr viel an, wo ich unterkrieche, wenn ich denn doch hier heraus muß, aber du, du sollst es gut haben im Leben. Sei doch verständig, Kamilla, was hast du an Schellbach auszusetzen? Er ist kein Jüngling mehr, hat halberwachsene Kinder – na ja, ich gebe das zu – aber er hat dich aufrichtig lieb, und du wirst bei ihm gut aufgehoben sein, und wenn der letzte Prätorius nicht gerade auf dem Mist endet, so wird das nebenher noch dein Verdienst sein.«

Kamilla war aufgestanden und hatte den Arm um den Nacken ihres Vaters gelegt. Mit heftigem Willensaufwand hielt sie das fassungslose Schluchzen zurück, das sie heut mittag drunten am See geschüttelt hatte. Leise und stockend bat sie nur noch um ein wenig Geduld. »Laß Lorenz erst hergerufen sein, lieber Papa, dann, ja dann will ich mich ganz gewiß entscheiden. Dann fühle und weiß ich, was sein kann, was unmöglich ist.«

Wortlos, in stummem Zorn löste sich Mangold Prätorius aus dem Arm seines Kindes.

Am nächsten Morgen, ohne noch einmal mit Kamilla gesprochen zu haben, fuhr er auf das Vorwerk zu Drehws hinaus, um ihm fest zuzusagen, was bisher nur ein Plan gewesen war, daß er vom ersten Oktober ab bis auf weiteres das Vorwerk mit ihm bewirtschaften wolle. – –

Der Haushalt in dem alten grauen Hause war aufgelöst worden. Aus den weit auseinandergelegenen, weitläufigen Räumen war er zusammengetragen und je nach seiner Brauchbarkeit verteilt worden. Das wenige, was Mangold für seine persönlichen Bedürfnisse in Anspruch nahm, war auf das Vorwerk hinausgeschafft worden. Einen andern Teil der spärlichen Habe hatte Milla in dem Stübchen untergebracht, das Lene Petersen ihr von ihrer kleinen Wohnung im Erdgeschoß abgetreten hatte. Der Rest des alten Rumpelkrams war in dem Holzstall an der Gartenseite des kleinen Hauses aufgespeichert worden.

In den ersten Oktobertagen war eine Schar von Handwerksleuten in die Graue Gasse eingezogen, die mit Hacke und Stemmeisen die alten, ungeahnten Widerstand leistenden Mauern bearbeiteten, daß man das Dröhnen, Poltern und Schlagen deutlich bis in die obere Stadt hinauf wahrnahm.

Wenn Milla an ihrem kleinen Arbeitstischchen saß, das dicht an das Gartenfenster gerückt stand, fuhr sie zuweilen schreckhaft zusammen, wenn von unten her das laute Poltern zusammenstürzender Steinmassen, der scharfe Klang der Hacke und des Stemmeisens zu ihr heraufdrang. Dann legte sie den Kopf in beide Hände, um es nicht hören zu müssen, das schreckliche Geräusch, das für ihr Ohr einen Klang annahm, wie das Fallen von Erdschollen auf einen Sarg, in dem ein Geliebtes eingebettet liegt.

Dann fragte sie sich mit angstvollem Herzklopfen: War's schon um den trauten Heimatwinkel geschehen, in dem ihr Leben sich abgespielt hatte, in dem sie geliebt hatte und glücklich gewesen war? Um das Klostergärtchen, in dem die Mutter sie auf den Knien gehalten und Kränze mit ihr gewunden hatte? Nach dem, was sie in dem harten und rauhen Leben mit dem Vater erfahren hatte, glaubte sie nicht mehr an selbstlose Güte. Schellbach würde, da sie seine Werbung noch immer nicht beantwortet hatte, schwerlich daran denken, ihr sein halbes Versprechen zu halten, die letzte Heimatscholle der Prätorius vor dem Untergange zu bewahren.

Und dennoch, wenn sie dann abends im Dunkeln ganz heimlich in die Graue Gasse hinunterschlich, fand sie, ob auch das Mauerwerk zu beiden Seiten fiel, den Mittelbau immer noch gerade und aufrecht stehen. Dann zog ein Gefühl der Dankbarkeit durch ihre Seele, das es ihr schwer machte, dem Manne, der in unendlicher Geduld auf ein Wort von ihr wartete, wehe tun zu müssen. –

Nach jener Begegnung im Walde hatte Kamilla Sadus verständigt, daß sie selbst den Vorschlag des Direktors Lorenz unterbreiten werde. Am nächsten Tage gleich hatte sie nach München geschrieben, und wenn sie auch ihre eigene Sehnsucht, ihren eigenen heißen Wunsch, daß Lorenz das Angebot annehmen möge, unterdrückte, so hatte sie doch in beredten Worten geschildert, wie viel Meilsheim an Lorenz' Kommen, an seiner Hilfeleistung lag, welch ein Wirkungskreis sich ihm bieten würde.

Erst nach ihrem Einzug in die obere Stadt hatte Kamilla Lorenz' Antwort auf diesen Brief erhalten.

Es war an einem trüben Oktobertage gewesen. Sie hatte am Fenster gestanden und in den kleinen regennassen Garten hinausgesehen, in dem ein rauher Nachtwind die Bäume geschüttelt hatte, daß ihr gelbrotes und rostbraunes Laub zu Haufen von den Ästen gesunken war und Beete und Stege bedeckte. Nur ein kleiner knorriger Eichbaum im Winkel des graubraunen Stakets hatte seine goldgelben Blätter eigensinnig festgehalten. Die leuchteten wie ein versteckter Sonnenstrahl aus dem kleinen dunkeln Winkel heraus.

Lene Petersen war in Hut und Umschlagetuch ins Zimmer getreten, am Arm den großen Korb mit ihren besondern Geräten, ohne die sie auch in der besteingerichteten Wirtschaft nicht zu arbeiten pflegte. In der Hand hatte sie den Brief Lorenz Buchbergs gehalten. »Eine Antwort aus München, Fräulein Milla«, hatte sie gesagt. Und als ob etwas wie eine Ahnung sie plagte, daß der Brief kein besonderer Freudenbringer sein dürfte, hatte sie rasch hinzugefügt: »Aber auch die Arbeit nicht vergessen. Morgen und übermorgen werden von den Dinerkarten gebraucht.« Und sie hatte mit der freien, unwahrscheinlich großen Hand auf das Arbeitstischchen gewiesen, auf dem angefangene Tisch- und Menükarten samt Farben und Pinsel lagen.

Mit freudeüberstrahltem Gesicht hatte Kamilla der Guten zugenickt. Dann, nachdem die Tür sich hinter der Petersen geschlossen, hatte sie mit fliegenden Fingern den Briefumschlag aufgerissen. Er hatte nur einen kurzen Dank und die Ablehnung des Vorschlags, jetzt zu kommen, enthalten. Eine Entschließung, ob er Meilsheims Vorschlag in absehbarer Zeit nähertreten könne, hatte Lorenz Buchberg auf später verschoben.

Millas bebenden Händen war das Briefblatt entsunken. Trüben Blicks starrte sie in den kleinen Garten hinaus. Ein unbestimmtes Gefühl des Staunens überkam sie, daß ihr Blick noch auf etwas Helles, Leuchtendes traf. Es hätte sie nicht wundergenommen, wenn auch das kleine Bäumchen im Staketenwinkel in diesem dunkeln Augenblick seine goldgelben Blätter hergegeben hätte! –

Langsam schlich die Zeit. Um dem lieben Gast, den sie beherbergte, die trüben Gedanken zu verscheuchen und ihm eine kleine Einnahme zu verschaffen, war Lene Petersen auf den Gedanken gekommen, die Tafeln, die sie deckte, die Feste, die sie herrichtete, mit kleinen, von Milla gemalten Tischkarten und Menütafeln zu verzieren. Auch eigenartige Tafelsträußchen mußte Kamilla ihr binden, zu besonders festlichen Gelegenheiten, Hochzeiten und Taufen, ganze Blumengebinde flechten.

Milla hatte in der Schule zeichnen und auch ein wenig malen gelernt, hatte auch Lorenz Buchberg ab und zu ein kleines Farbengeheimnis abgesehen, und so machte sich's, daß sie ohne eigentliches Talent und eigentliche Vorschule, dank ihrem angeborenen Geschick, ganz nette Sächelchen zusammenbrachte, die ihr die einsamen Stunden verkürzten und wirklich einen kleinen Gewinn brachten, der sie in den Stand setzte, wenigstens die notwendigsten Anschaffungen für ihre Person zu machen.

Für Wohnung und Kost nahm Lene Petersen keinen Groschen an. Wohl hatte Kamilla sich gesträubt und gewunden, aber am Ende hatte sie das Sträuben aufgegeben. Was nützte es auch? Da sie nichts besaß, hätte sie Lene höchstens vermögen können, ihr ein Schuldkonto zu eröffnen, dessen Begleichung vorerst aussichtslos war. Lorenz hatte seit jenem ablehnenden Brief im Oktober lange Wochen hindurch nichts als hin und wieder eine Postkarte gesandt. Lustige Karten, heitere, oft übermütige Grüße waren es, die er schickte, häufig mit kleinen, kecken Randzeichnungen versehen, aus Künstlerkneipen und Künstlervereinigungen datiert und zuweilen von Atelierkollegen mitunterschrieben.

Milla schnitt diese Art oberflächlichster Korrespondenz tief in das zärtliche Herz. Mehr als einmal war sie im Begriff, ihm in ihren Briefen zu sagen: Lieber gar nichts als das. Dann aber machte sie sich klar, wie bang und angst ihr sein würde, wenn sie eine lange Weile wirklich gar nichts von ihm hörte! Seine kurzen Grüße brachten ihr doch wenigstens die Gewißheit, daß er lebte und gesund war, daß er ihrer gedachte. Und vielleicht war es auch wirklich nicht Mangel an Zärtlichkeit und Liebe, der ihn so selten und so kurz nur schreiben ließ. Vielleicht war wirklich seine Zeit durch seine Studien zu vielfältig in Anspruch genommen, und das Studium, dem er sich ganz hingab, machte ihn wirklich zu allem andern untauglich und müde. Und noch eins, was Kamilla in ihrem langen Verkehr mit Lorenz klar geworden war: Männer lieben eben anders, als Frauen lieben. Vielleicht nicht weniger stark, aber lässiger in der Ausdrucksweise, lauer in dem Bedürfnis äußerer Liebesbezeigungen.

Aber dies alles dachte und grübelte Milla in der Einsamkeit ihres kleinen Stübchens. Am Tage über ihre kleinen Malereien, ihre zierlichen Straußbindereien gebeugt, nachts in ihrem kleinen schmalen Bettchen, wenn der Schlaf nicht kommen wollte, die lange Nacht zu kürzen. Und man ließ ihr Zeit zu diesem schmerzlichen Grübeln, zu dem sich zuweilen ein brennendes Gefühl der Reue gesellte. Weshalb war sie Lorenz' stürmischem Drängen auf eine rasche Heirat an jenem Maienabend unten am See mit kleinlichen Bedenken ausgewichen? Weshalb hatte sie nicht rasch und freudig die geliebte Hand festgehalten, die sich ihr geboten? Weshalb war sie zag und klein gewesen wie immer, wenn es eine rasche Entschließung galt? Ach, was half jetzt ein müßiges Weshalb und Warum? Sie hatte sich selbst ihr Schicksal geschmiedet, und wenn sie leiden mußte, trug sie zum größten Teil selbst die Schuld.

Ja, man ließ ihr Zeit zum Leiden und Grübeln! Ihr Vater hatte sie mit kurzen Worten verständigt, daß er auf dem Vorwerk passabel eingerichtet sei, daß es trotz des nahenden Winters zu tun gebe und daß ihn die Jagd und der Aufenthalt im Freien vorerst über allerlei anderes fortbrächten. Was sie betreffe, so erwarte er nun baldigst eine endliche vernünftige Entschließung. Bis dahin verzichte er auf jeden Briefwechsel.

Von Schellbach hatte Kamilla seit dem letzten Beisammensein in der Waldmühle nichts wieder gehört. Einmal hatte Walter eine Karte geschrieben, auf der er den brennenden Wunsch aussprach, die Graue Gasse einmal wieder besuchen zu dürfen. Sadus hatte anfangs in dem kleinen Hause oben in der Stadt angeklopft und nach Lorenz' Bescheid gefragt, auf den der Direktor ungeduldig drang. Dann, als er fühlte, daß Kamilla ein Fragen peinlich wurde, auf das sie keine ausreichende Antwort zu geben vermochte, hatte er seine Besuche eingestellt.

Selbst Lorenz' Mutter sah Milla selten, trotzdem sie in der Nachbarschaft wohnte. Die alte Frau ging ihres Hustens halber in der schlechten Jahreszeit nicht aus, und Milla schränkte ihre anfänglich regelmäßigen Besuche mehr und mehr ein. Es ward ihr zu schwer, eingestehen zu müssen, daß sie nicht viel mehr von Lorenz hörte, als die alte Frau selbst, mit der er die Korrespondenz gänzlich vernachlässigte.

Es war ein Ereignis, als eines Sonntagvormittags, gleich nachdem draußen das Klingeln verhallt war, Lene den Kopf durch Millas Stubentür steckte und ihr eilends und aufgeregt zurief: »Fräulein, es ist Besuch für Sie da.«

Milla hatte kaum Zeit, darüber nachzudenken, wer sie aufsuchen könne, als die Tür nach leisem Klopfen auch schon geöffnet wurde und Walter Schellbach vor ihr stand.

Er hatte ein schüchternes, verlegenes Lächeln um den Mund, aber aus seinen Augen leuchtete warme, unverhohlene Freude. Mit einer etwas linkischen Gebärde streckte er ihr die Hand entgegen, die sie herzlich ergriff. Sie freute sich in ihrer Vereinsamung des jugendlichen Besuchers, ohne für den Augenblick daran zu denken, daß Walters Kommen etwa mit den Plänen und Absichten Zusammenhängen könne, die ihr wie ein Alp auf der Seele lagen.

Walter Schellbach stand noch mitten in der kleinen Stube, bis an den Hals in einen dicken Ulster und einen dunkeln Seidenschal eingewickelt.

»Wollen Sie nicht ablegen und sich setzen, Herr Walter? Es ist ganz hübsch warm hier. Haben wir es denn draußen heut so kalt?« Sie lächelte ein wenig, als sie auf seine vermummte Gestalt sah.

»Nein, gar nicht«, sagte er ein wenig verlegen. »Sie wissen doch, der Papa« – und er knöpfte rasch an dem dicken, langen Rock. »Wenn ich erst Arzt bin, werde ich mir die Verpimpelungen nebst vielem andern selbst verbieten.«

»Also es bleibt bei Ihrem Entschluß, Herr Walter?«

Er nickte glückselig. »Mehr denn je.«

Er sah sich in dem kleinen, engen Zimmer um und schüttelte, fast ohne es zu wollen, den hübschen Kopf mit dem leichtgewellten, dichten Haar. »Sie haben einen schlechten Tausch gemacht, Fräulein Prätorius. Aber die Zeit wird vergehen, und dann« – er rückte ihr lebhaft ein bißchen näher – »Sie haben doch gesehen –? der ganze Mittelbau gerettet und das Klostergärtchen dazu.«

Als sie nicht antwortete, sondern stumm zur Seite blickte, sagte er traurig: »Haben Sie es denn nicht gesehen? Waren Sie nicht unten, Fräulein Prätorius? Wir glaubten, es würde Sie so freuen.«

»O, es freut mich auch, gewiß sehr, Herr Walter. Übrigens, ich war ein paar Tage nicht unten, und vorher – ich dachte nicht, daß es endgültig zu machen sein würde.«

»Durchaus und für alle Zeit, Fräulein Prätorius. Am vorigen Donnerstag war der Baumeister zuletzt oben bei Papa. Da gab er ihm die Zusicherung, daß die Sache nach Papas Wunsch erledigt sei; Papa hatte eine große Freude. So ganz leicht war es ja nicht; um so schöner, daß es durchgesetzt werden konnte.«

Kamilla hatte stumm dagesessen und ihm zugehört. Auch als er geendet hatte, antwortete sie nicht gleich. Es waren sehr widerstreitende Empfindungen, die sie bewegten. Die tiefe, selbstlose Güte, mit der diese Fremden Anteil nahmen an ihren heiligsten Gefühlen, an ihrer zähen Liebe zur Heimatscholle, das Maß von Wollen und Tatkraft, das darangesetzt wurde, ihr möglichst viel davon zu erhalten, rührte sie tief. Anderseits aber konnte sie eines dunkeln Gefühls nicht Herr werden, das sie zu der bangen und angstvollen Frage veranlaßte, ob diese Güte am Ende doch keine selbstlose sei, ob man sich etwas damit erkaufen wolle, was sie einstweilen noch nicht herzugeben gewillt war, ihre freie Entschließung!

»Fräulein Prätorius« – der junge Mensch, der aufgestanden war und jetzt vor ihr stand, hatte es schon zweimal gesagt – »Fräulein Prätorius, wie wäre es, wenn wir zusammen einmal hinuntergingen in die Graue Gasse, ich habe ordentlich Sehnsucht nach ihr.«

Kamilla rüttelte sich auf. »Gern, ja.«

Sie räumte mechanisch und gedankenlos Karten, Vorlagen und Farben zusammen, die auf ihrem Arbeitstischchen am Fenster lagen.

»Ach, Sie malen, Fräulein Prätorius? Darf ich wohl einmal sehen?«

Sie legte die Hand verlegen über die Tisch- und Menükarten.

»O, meinte er bedauernd, »ich habe Ihnen sogar meine kleine verpfuschte Skizze vom Wasserbecken mit den Seerosen gezeigt –«

»Es ist nichts, wirklich gar nichts Sehenswertes, Herr Walter«, sagte Kamilla, ohne die Hand von den Blättern zu nehmen.

Der Gedanke, daß er etwa aus den kleinen Karten erraten könne, daß sie für Geld angefertigt wurden, ängstigte sie. Zweifellos würde dann auch sein Vater erfahren, wie es um sie stand, und wer wollte wissen, ob Schellbach dann nicht am Ende gar aus purem Mitleid und reiner Menschengüte seine Werbung um sie wiederholte, bei dem Vater auf Erfüllung drang! Das durfte nicht sein, um keinen Preis, nicht jetzt, niemals. Lorenz würde ja kommen, mußte ja kommen, sein Wort einzulösen, sie zu holen.

Sie machten sich fertig und traten auf die Kirschallee hinaus. Kalt und nackt standen die Bäume. Der rauhe Wind dieser Nacht hatte ihnen rücksichtslos die letzten Blätter von den Zweigen gerissen.

Milla, die nur ein leichtes Herbstjäckchen trug, schauerte in der feuchten, kühlen Luft zusammen. Der junge Mensch bemerkte es sogleich. »Darf ich Ihnen noch etwas zum Umnehmen holen?« fragte er besorgt.

Sie schüttelte mit dem Kopf und ging schneller, fast lief sie, über den Kirchplatz, an der Marienkirche vorüber und dann über den Markt in die Anlagen hinaus. Nur wenige Menschen waren ihnen begegnet. Der Gottesdienst war zu Ende, und zwischen Kirchenschluß und Mittagbrot saßen um die kalte Jahreszeit die Leute gern zu Hause in ihren Stuben und ruhten von der Wochenarbeit aus.

In den Anlagen spielten ein paar Kinder Zeck und Verstecken hinter den kahlen Büschen, die nur noch ein paar verlorene rote und schwarze Beerenbüschel trugen. Unten in der Grauen Gasse rührte sich nichts.

Ein feiner Nebel vom See her lagerte zwischen den grauen Häusermassen und umspann sie mit feinen wehenden Schleiern. Geheimnisvoller noch als sonst lastete das Schweigen über dem kleinen weltverlorenen Fleck. Auch die beiden jungen Menschen sprachen kein Wort. Unwillkürlich dämpften sie den Schritt bis zum Ausgang der Gasse.

Der weitläufige alte Klosterbau war durch einen Lattenzaun, der ihn im Viereck umgab, von der Straßenfront und der ihm im Rücken liegenden Wiesenbreite zum See hinunter abgeschnitten worden.

Der junge Schellbach nahm einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die kleine Tür in dem Bauzaun, die heute am Sonntag verschlossen war. Es war ihm augenscheinlich peinlich, vor Kamillas Augen hier den Herrn spielen zu müssen. Er hätte gern etwas Begütigendes, Milderndes hervorgebracht, aber er fand nicht das rechte Wort für die Gelegenheit. Vielleicht wäre es auch gar nicht am Platz gewesen, denn Fräulein Prätorius machte durchaus den Eindruck, mit ihren Gedanken ganz wo anders zu sein.

Erst als sie vor dem alten, offenstehenden Eingangstor standen, kam wieder Leben und eine gewisse Freudigkeit über sie. Rasch und lebhaft schritt sie durch den langen, dunkeln Torweg in den Hof und von da auf die kleine Klosterpforte zu, die, als sie sie öffnete, häßlich in den Angeln kreischte. Der Durchgang mochte lange nicht benutzt worden sein.

Walter hatte eine rasche Bewegung gemacht, sie vor dem Eintritt in den Klostergarten zurückzuhalten und ihm selbst den Vortritt zu lassen. Vielleicht hatte man übel darin gehaust, und es war besser, Fräulein Prätorius ersparte sich das Wiedersehen gerade dieses ihres Lieblingsfleckchens auf eine Zeit, da man vorher ein wenig nach dem Rechten hätte sehen können.

Allein Kamilla war ihm zuvorgekommen und stand bereits in dem kleinen viereckigen Raum, der auf den ersten Blick keine Spuren der allgemeinen Verheerung trug.

Erst als sie langsam und verträumt, schwerer und süßer Erinnerungen voll, durch die schmalen Wege schritt, bemerkte sie nach und nach, daß das Efeugerank an den Mauern von Kalkstaub übergraut war, daß die Blumenrabatten unterhalb des Efeus welk und zertreten waren, die Quelle abgestaut, das ausgetrocknete Bassin am Boden mit welken Schlinggewächsen überdeckt war. Unter dem Kirschbaum im östlichsten Winkel des Gevierts, da, wo der schmale lange Tisch gestanden hatte, war allerhand Gerät, Eimer und Latten zusammengetragen.

»Ohne so ein bißchen Vandalismus geht es wohl nicht ab,« meinte Walter eifrig tröstend, »aber die paar Kleinigkeiten, die jetzt das Ganze stören, kriegen wir bald wieder in Ordnung. Sobald der Frühling kommt, wird das Quellchen wieder in seinen alten Lauf geleitet, Wasserrosen vom See her sind bald wieder eingesetzt, die Efeuranken werden festgebunden und tüchtig abgespritzt und da unten die Rabatten hätten zum Frühjahr doch neugepflanzt werden müssen, nicht wahr, Fräulein Prätorius?«

Kamilla mußte, ob sie wollte oder nicht, über den gutmütigen Eifer des jungen Menschen lächeln. Was bedeuteten die kleinen Vernachlässigungen und Vernichtungen des lieben Bildes, da das Gärtchen wirklich erhalten geblieben war?

»Und nun kommen Sie mal hier auf die Treppe, Fräulein Prätorius. Baumeister Frenzen hat mir's zur Pflicht gemacht, Ihnen zu zeigen, welch einen herrlichen Blick man jetzt hat, seitdem der alte Eckbau gefallen ist.«

Sie stiegen die kleine Treppe hinauf, die nach wie vor unmittelbar in die geräumige Vorhalle des erhaltenen Mittelbaues führte. Auf halber Höhe angekommen, blieben sie stehen. Es war wirklich ein herrliches Bild, das sich ihnen bot.

Durch kein dickes, getürmtes Mauerwerk mehr gehemmt, sah das Auge weit hinaus ins flache Land. Die Nebel waren gestiegen. Durch die leichte Wolkenschicht brach die Sonne sich Bahn und überglänzte mit mattem Schein den grauen Seespiegel, der in seiner ganzen Ausdehnung, von rotgelb gefärbtem Röhricht umstanden, vor ihnen lag. Dahinter der Wald, leuchtend in goldenen, roten, braunen und sattgrünen Farbentönen, eine wundervolle, berauschende Farbensinfonie.

In starker Bewegung hob Kamilla die Arme ein wenig: »Könnten wir dort hinaus!«

»Ich dachte gerade dasselbe, liebes Fräulein Kamilla. Leider aber muß ich gleich wieder fort. Ich bin dem Papa sozusagen davongelaufen, nur daß er mich noch gerade in den Ulster und das garstige Halstuch wickeln konnte. Es hatte mich plötzlich eine förmliche Sehnsucht nach der Grauen Gasse überkommen; auf und davon war ich.«

Er sah auf die Uhr. »Bald eins. Mit dem Zug halb zwei möcht ich fort. Der Papa braucht mich heute abend, oder wenigstens möchte ich ihn nicht ganz allein lassen. Leni ist Sonntags selten zu haben,« fügte er lächelnd hinzu. »Da hat sie entweder Tanzstunde oder Heiratsklub, oder die Tante nimmt sie mit ins Theater. Dann sitzen wir schön behaglich daheim, der Papa und ich und plaudern.«

Sie waren die Treppe wieder hinuntergestiegen, Milla mit einem Gefühl außerordentlicher Erleichterung. Daß der junge Mensch so ganz von selbst, so ohne jeden Anstoß und Auftrag seines Vaters herausgekommen war, machte sie förmlich froh. »Schade, daß Sie nicht mehr Zeit haben,« sagte sie jetzt ganz leichtherzig, »wir hätten sonst Frau Hegemann einen Besuch abstatten können. Sie hat schon ein paarmal nach Ihnen gefragt.«

»Vielleicht zu Weihnachten, da denk ich mir's herrlich in der Waldmühle. Ich habe Papa schon gebeten, für die Feiertage herzukommen, aber er meint, das hinge noch von so mancherlei ab und er könne jetzt noch keine bindenden Versprechungen geben.«

Milla errötete und wandte sich ab. Mit der Leichtherzigkeit war es wieder einmal vorbei.

Sie gingen schweigend durch die kleine Klosterpforte über den Hof und durch den langen dunkeln Torweg auf das gegen die Graue Gasse abgezäunte Gelände hinaus.

Milla kämpfte mit sich. Das starke Gefühl der Dankbarkeit, das sie bewegte, ließ es ihr unerläßlich erscheinen, dem Vater durch den Sohn ein gutes Wort zu schicken, einen Dank, einen Gruß, eine Freudenbezeigung. Konnte sie das, ohne eine Annäherung herbeizuführen, ohne eine Hoffnung zu erwecken?

Walter kam ihr unbewußt zu Hilfe. »Einen Gruß von Papa an Sie und Herrn Prätorius hab' ich natürlich vergessen auszurichten, es sei hiermit im letzten Augenblick geschehen und –«

»Und« – Milla unterbrach ihn rasch – »bitte, nehmen Sie von mir einen Gruß zurück und meinen Dank für alles.«

Walter Schellbach sah ihr erfreut in das feine, erregte Gesicht. »Und Ihr Herr Vater?«

»Papa ist draußen auf dem Vorwerk.«

»Besucht er Sie Sonntags nicht?«

»Nein – er ist noch kein einziges Mal in der Stadt gewesen – er bringt es wohl nicht übers Herz.«

In den Anlagen trennten sie sich. Milla ging linkerhand über den Rathausplatz, an der Marienkirche vorüber zur Kirschallee hinauf; Walters Weg führte rechts durch ein paar alte, enge, winkelige Gassen zum Bahnhof.

Den Rest des Sonntags über blieb Milla allein in dem kleinen Erdgeschoß. Erst spät abends, als sie schon im Bett lag, kam Lene Petersen von einem großen Fest bei Bürgermeisters nach Hause. Sie stellte ihren Korb leise beiseite und öffnete die Tür von Millas Stübchen zu einem kleinen Spalt, um zu lauschen, ob Milla wirklich schon schlafe, oder ob sie ihr noch ein kleines pikantes Histörchen von Bürgermeisters Jüngster und dem Herrn Referendar erzählen könne. Alles war still. Leise klinkte Lene die Tür wieder ins Schloß und schlich sich in ihr eigenes kleines Schlafgemach hinüber.

Aber Milla schlief nicht, sie wollte nur allein bleiben mit ihren Gedanken, die heute, nach langer Zeit, seltsam ruhige, friedliche waren. Das Wiedersehen mit dem Klostergärtchen, die reine, selbstlose Güte des fremden Mannes, an die sie seit Walters Besuch restlos glaubte, hatte etwas in Kamilla Prätorius geweckt, was sie seit langem nicht gekannt, ein Gefühl von Zuversicht und stiller Sicherheit. Was ihr auch beschieden sein mochte, sie war nicht ganz verlassen und verloren. Auf dem geretteten Heimatboden, in der selbstlosen Menschengüte dessen, der ihn ihr erhalten, würde sie eine letzte Zuflucht finden.

* * *

 


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