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6. Experimente mit dem Spiegel

I.

Im verdunkelten Zimmer, bei mattem rotem Licht, meine Augen ungezwungen auf den schwarzen Spiegel gerichtet, konzentrierte ich mich in geistiger Wunschzitation auf einen schon öfter bei Beschwörungen erschienenen Dämon. Der Spiegel zeigte bald eigenartige Plasmen von unberechenbarer Gestalt. Nach ungefähr einer Viertelstunde wurde das Glas wieder klar, und nun sah ich deutlich im Grunde des Spiegels eine menschliche Gestalt, vielmehr den Schatten einer solchen. Da keine Verstärkung eintreten wollte, unterstützte ich das Experiment durch eine Räucherung mit Salbei und Hollundermark.

Bald konnte ich feststellen, daß sich die Gestalt zusehends verdeutlichte. Es bedurfte nur noch einer Konzentration von wenigen Minuten, und ich erkannte in dem sich scheinbar weitenden Hohlraum des Spiegels das gewünschte Wesen. Ich wünschte, der Geist solle mir eine Rose bringen. Die Gestalt machte einen Griff ins scheinbar Leere und hielt mir eine rote, duftige Rose hin. Darauf wünschte ich einen Bekannten zu sehen. Die Rose löste sich nun ganz langsam in sich auf. Es dauerte nicht lange, so erschien der Gewünschte und lächelte mir freundlich zu. Für die astrale Wirklichkeit dieser Erscheinung meines Bekannten erhielt ich wenige Tage später von diesem selbst eine Bestätigung. Ohne jede Veranlassung erzählte er mir folgendes: »Denke dir, am Donnerstag, nachmittags um ½4 Uhr, ist mir etwas Sonderbares passiert. Ich war in ...... und befand mich gerade in einem kleinen Menschengedränge. Dabei habe ich an alles andere als an dich gedacht. Da sah ich dich ganz bestimmt, ich hätte darauf geschworen, wenige Schritte vor mir stehen. Du sahst mir gerade ins Gesicht.» (Mein Bekannter beschrieb mir auch die Kleidung. Ich trug zum erstenmal eine Joppe an diesem Tage. Mit dieser und ohne Kopfbedeckung saß ich beim Experiment.) Ich mußte einen Augenblick auf einen Passanten acht geben, und als ich dich begrüßen wollte, sah ich dich zu meinem größten Erstaunen nicht mehr. So etwas ist mir doch noch nie vorgekommen. Du hättest dich während des kurzen Augenblickes kaum zwei Schritte entfernen können, und auch da hätte ich dich sehen müssen.« – »Da hast du dich einmal gründlich getäuscht!« sagte ich. »Während du mich in ..... gesehen zu haben glaubst, befand ich mich in W. zu Hause.« – »Denke davon was du willst!« sagte er darauf. »Für mich ist es eine offene Tatsache, deren Zusammenhang ich allerdings nicht erklären kann!«

Noch vieles andere zeigte sich nach meinen Wünschen. Als ich im Begriff war, das Experiment zu beenden, fauchte plötzlich ein schwarzer, noch dunkler als die schwarze Flüche des Spiegels erscheinender riesiger Schatten einer menschlichen Gestalt auf, der die vorhergehende völlig in sich verschlang. Ein wutverzerrtes Antlitz stierte mir entgegen. Diesen furchtbaren, gleich zwei Dolchspitzen auf mich gerichteten Blick konnte ich nicht ertragen und sah deshalb über den Spiegel hinweg ins Leere.

Allerlei Gedanken durchkreuzten mich. War das bisher Gesehene keine Luftspiegelung meiner durch eine Art Autohypnose erzeugten Phantasie? Während dieser Gedanken wagte ich wieder in den Spiegel zu blicken. Das Phantom war verschwunden. Ein feiner, ätherischer Nebel, der am Rande des Spiegels in einen flimmernden Strahlenkranz auslief, hatte sich inzwischen gebildet. Ich öffnete und schloß einige Male die Augen, um mich zu vergewissern, keinen Reflex des Unterbewußtseins zu schauen. Aber die Erscheinung dauerte fort.

Nach Verlauf einiger Minuten wollte ich die Sitzung beenden. Da geschah etwas Seltsames. Das rote Licht wurde hörbar ausgeblasen. Ich wollte rasch aufstehen, als ich einen kräftigen Schlag auf den Kopf erhielt. Zu meinem gesteigerten Entsetzen vernahm ich ein leises, höhnisches Lachen. Nun faßte mich eine starke Hand so fest an der Schulter, daß diese schmerzte. Eine zweite Hand legte sich um meinen Hals und begann mich zu würgen. Immer fester wurde das Drücken. Die Gefahr, in der ich schwebte, brachte mich zu klaren Gedanken und schnellem Handeln. Ich ging in festen, konzentrierten Gedanken, denn einen Laut von mir zu geben war mir nicht möglich, eine Abwehrbeschwörung durch, und sogleich fühlte ich mich frei. Wieder vernahm ich das leise Hohngelächter. Schnell drehte ich das elektrische Licht an. Vom Spiegel ging noch ein weißlicher, übelriechender Dunst aus, der sich schwer auf die Lunge legte. Nachdem ich das Zimmer aufgeschlossen und gelüftet hatte, wollte ich auch den Spiegel wieder einpacken. Da machte ich die Entdeckung, daß der Lack auf der ganzen Glasfläche unzählige kleine Sprünge aufwies. Vor dem Experiment war nicht ein einziges Ritzchen zu sehen gewesen.

Man könnte vielleicht einwenden, daß der Spiegel vorher feucht war, oder die von der Lampe ausströmende Wärme hätte die Sprünge verursacht. Das ist, namentlich letzteres, völlig ausgeschlossen. Das ohnehin schwach brennende Licht stand fast einen halben Meter abseits, und feucht war der Spiegel auch nicht.

II.

Wieder im verdunkelten Zimmer bei rotem Licht, konzentrierte ich mich auf einen Dämon. Nach dreiviertelstündiger Sitzung – ich hatte die Hoffnung auf Erfolg bereits aufgegeben – umzog den ganzen Spiegel ein milchig weißer Nebel. Dieser löste sich in einer Minute auf und ich sah im klaren Spiegel einen großen Kopf mit leuchtenden Augen.

»Wenn du einer der Gewünschten bist«, dachte ich, »so mache dich bemerkbar!« Sogleich war auf der Platte des Tisches ein etwa eine halbe Minute währendes Geräusch, als ob sie berste, zu hören. Dann ging ein eigenartiges Brausen durchs Zimmer.

Ich fragte nun laut: »Kannst du mit mir reden?«

Sogleich antwortete eine klare Stimme, wie aus weiter Ferne: »Ein großer Schrecken lauert auf dich! Ich werde gerufen!«

Ich wollte noch mehr fragen, doch war der Kopf verschwunden. Ein starker; übelriechender Luftzug wehte mir entgegen und die Lampe war ausgelöscht. Sofort öffnete ich die Fenster. Außer dem üblen Gerüche konnte ich keine Spur von dem wahrnehmen, was sich ereignet hatte.

Lange grübelte ich darüber nach, was das wohl für ein Schrecken sein könnte, der mich treffen sollte. Doch konnte ich nichts ergründen. Möglicherweise war es irgend eine schlimme Nachricht. Nach zwei Stunden – ich hatte meine Gedanken längst schon anderen Dingen zugewandt – war ich mit dem Reinigen eines Revolvers beschäftigt. Es saß noch eine Kugel in der Walze, aber ich hielt es nicht für nötig sie zu entfernen, da die Waffe gesichert war. Da ich die Sicherung einölen wollte, mußte ich entsichern. Ich wollte die Sicherung eben wieder anbringen, da stieß ich mit einem Finger auf die Abzugfeder. Doch nicht lauter wie eine Zündkapsel explodierte die Patrone. Die Kugel war im Laufe stecken geblieben, und mit geschwärztem Gesichte und ein wenig verbrannten Fingern kam ich mit dem Schrecken davon. Der Lauf war ins Gesicht gerichtet, der Schuß hätte also tödlich verlaufen können. So hatte mich ganz unvermutet ein nicht geringer Schrecken getroffen.

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