Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zweiter Teil:
Die Theorien der Parapsychologie

1. Der Begriff der Theorie und ihre Methodik

Wir treten ein in die parapsychologische Theorie, zu der, wie wir sagten, der jetzt abgeschlossene Abschnitt nur die Vorbereitung bildete. Denn eine Theorie ist mehr als die Aneinanderreihung und allenfalls die Klassifikation von Fakten, mögen sie auch als Urfakten erwiesen sein.

a) Die »Theorie«

Eine Theorie will Urfakten in das Ganze unseres Wissen einfügen, und zwar an eine jeweils ganz bestimmte Stelle. So wird sie vielleicht zu dem kommen, was man in noch höherem Sinne als in dem, den uns bisher dieses Wort bedeutete, »Urfaktum« nennen könnte. Höchste Prinzipien der empirischen Welt suchen wir, die alles, was wir wissen, das schon früher gekannte »Normale« und das jetzt neu hinzutretende Paranormale »verständlich« machen, das heißt als notwendige logische Folge aus sich erscheinen lassen sollen. Nur hypothetisch können die Urprinzipien höchster Art gesetzt werden; das heißt, wir können immer nur sagen: Wenn diese Urprinzipien bestünden, müßte das Einzelne, das wir kennen, so sein, wie es ist. Denn, wie die Logik des »Einschlusses« lehrt: nie geht es eindeutig von der Folge zum Grund, und wir haben ja als Ausgang nur die »Folgen«, nämlich die Gesamtheit der einzelnen empirischen, normalen und paranormalen, Urphänomene.

Kann nun also das, was man eine »Weltenlehre« nennen könnte, grundsätzlich nur hypothetisch sein, so liegt da, wo selbst die »Folgen«, also die Fakta, nur wenig in ihrem Wesen durchschaut oder wohl gar zum Teil, wie auf unserem Gebiet, nicht einmal als Fakten gesichert sind, die Aufgabe noch viel problematischer. Vermutungen über die Urprinzipien sind hier allein möglich; Vermutungen, die man mit dem klaren Bewußtsein darüber aufstellen muß, daß sie sich morgen als falsch erweisen können. Aber solche Vermutungen können zu klar ersonnenen neuen Versuchen oder doch erwartenden Beobachtungen führen, die über die Richtigkeit der Vermutungen, wenn sie gut »gesichert« sind, im bejahenden oder, was ebensoviel wert ist, im verneinenden Sinne entscheiden können. Arbeitshypothesen nennt man daher solche mit dem Bewußtsein großer Vorläufigkeit aufgestellte Hypothesen, weil es eben ihre Hauptaufgabe ist, zu neuer Einzelarbeit ganz bestimmter Art anzuregen.

Es muß den heutigen Psychologen aller Länder mit ganz wenigen Ausnahmen zum schweren Vorwurf gemacht werden, daß sie sich um das neu erschlossene Gebiet der wissenschaftlichen Parapsychologie gar nicht kümmern, weder im positiv arbeitenden noch im theoretisierenden Sinne. Sie lassen es beiseite liegen, auch wenn sie sein Dasein nicht ausdrücklich leugnen, gleichsam als fürchteten sie sich, ihre Hände zu beschmutzen. Und wenn sie sich einmal mit diesem Gebiet einlassen, dann immer nur im Sinne der »Sicherung« – gewiß eine an und für sich lobenswerte Sache, wenn sie nur nicht immer betrieben würde mit der leisen Hoffnung auf Betrug. Meist werden dann auch, wie wir gesehen haben, Laboratoriumsversuche, die das Dasein unechter Phänomene, etwa einer »Gedankenübertragung« durch Zeichengebung, in einem bestimmten Falle klar und gut nachwiesen, ohne weiteres übertragen auf Fälle unter ganz anderen Bedingungen, für die sie gar nichts bedeuten – etwa auf Gedankenlesen auf weite Distanz.

Gewiß ist scharfe bis ins Letzte gehende sogenannte »Ausarbeitung« bestehender Fragen eine schöne Sache. Gewiß hat auch die neuere Normalpsychologie nicht nur »ausgearbeitet«, sondern wichtige elementare Dinge, z. B. auf dem Felde der Lehre vom Denkverlauf, neu gefunden, erst recht – (aber das waren Psychiater!) – auf dem des Unterbewußtseins und was damit zusammenliegt. Aber an dem ganz Neuen gehen eben auch heute noch fast alle Psychologen und Psychiater vorbei – meist freilich neuerdings etwas scheu, was vielleicht zu Hoffnungen berechtigen kann.

b) Methodische Prinzipien

Die parapsychologische Theorienbildung wird passend durch die kurze Darlegung einiger methodischer Prinzipien eingeleitet, die zwar überall, wo es Theorien gibt, ihre fruchtbringende Rolle spielen und jedem Kundigen bekannt, aber doch gerade angesichts unserer Aufgabe ganz besonders einzuschärfen sind.

Den ersten dieser methodischen Grundsätze kennen wir schon; er leitete unsere Untersuchungen zweiten Grades ein, nämlich die Frage, was parapsychisch als Urphänomen im empirischen Sinne gelten dürfe. Der Satz stammte aus der Scholastik, und wir gaben ihn deutsch wieder durch die Worte »Urphänomene sind im Minimum zuzulassen«, oder auch: »Es darf kein Geschehnis als Urphänomen zugelassen werden, wenn es irgendwie auf ein anderes zurückführbar ist, so daß es nur eine Variante desselben darstellt.«

Dieser Satz ist jetzt als allgemeiner Satz von der Sparsamkeit der Setzungen zu formen; er befiehlt uns, bei unserer Suche nach obersten Weltprinzipien, die alles normal und paranormal Gewußte als ihre Folgen erscheinen lassen, also, um das schillernde Wort schon einmal zu verwenden, »erklären« sollen, so vorzugehen, daß wir auf möglichst wenige verschiedene Weltprinzipien hinzielen, oder, falls es vielleicht nur ein Weltprinzip mit verschiedenen Seiten oder Zügen gibt, auf möglichst wenige dieser Seiten oder Züge. Namentlich sollen wir es vermeiden, solche Prinzipien oder Züge oder Seiten von Prinzipien als logisch nebeneinander stehend auszugeben, welche sich schon aus einander ergeben, indem das eine schon logisch in dem anderen enthalten ist.

Zweitens ist jetzt der Begriff des »Erklärens« näher zu betrachten und mit ihm der alte Begriff der Causa vera.

Das Wort »erklären«, das wir deshalb ein schillerndes Wort genannt haben, ist nämlich mehrsinnig.

Im ersten Sinne des Wortes nennt man einen empirischen Sachverhalt »erklärt«, wenn man ihn nachweist als Sonderfall einer Klasse von Fällen, deren Gesetzlichkeit, strenger gesagt: deren allgemeinen Ordnungstypus, man kennt. In diesem Sinne »erklärt« ist also der Fall eines bestimmten Steines durch Galileis Fallgesetz, die Mondbewegung durch das Trägheitsprinzip und Newtons Gravitationsformel, wobei natürlich, was oft übersehen wird, nicht erklärt wird, weshalb gerade dieser Stein hier in diesem Augenblick fällt, und weshalb gerade der Mond da ist. Kein neues besonderes Grundfaktum – das ist alles. Auch allgemeine Gesetze selbst können in diesem Sinne durch ein noch allgemeineres »erklärt« werden, wie denn z. B. Newtons Formel die drei Keplerschen Gesetze »erklärt«. Sie sind grundsätzlich nichts besonderes Neues neben jener Formel.

In allen diesen Fällen kennt man das allgemeinste, jetzt also »erklärende« Prinzip aus anderen Quellen unmittelbar; anscheinend Neues erklärt man also durch anderweitig Bekanntes. Das ist der Begriff der Causa vera, die vielleicht besser Ratio vera hieße, da es sich ja nicht um Ursache im eigentlichen Sinne, die stets auf Einzelnes geht, sondern um den sogenannten »Erkenntnisgrund« handelt.

Diese Art Erklärung wollen wir als Weg-erklären bezeichnen: durch sie wird angeblich Neues als neues Elementares »weg«geschafft.

Wer in allem Parapsychischen Schwindel sieht, hat es »wegerklärt«, denn betrügerische Menschen sind, leider, etwas recht Bekanntes. Aber ebenso erklärt der hier »weg«, durch Zurückführung auf Causae verae, welcher angeblich paranormale Gedankenübertragung auf Überempfindlichkeit der Sinne, auf Zeichengebung, ja, auf Strahlungen »zurückführt«, (was freilich, wie schon kurz gesagt wurde und noch eingehend gezeigt werden soll, unseres Erachtens nicht angeht). Die Stärke der Überempfindlichkeit, die Reichweite unbewußter Zeichengebung, die Art der physischen Strahlen mag hier immerhin ein bisher Unbekanntes sein; grundsätzlich wäre aber doch nichts Neues, kein neues Urphänomen, da.

Die andere Art des Erklärens nennen wir die erfindende. Hier wird nicht mit der Ratio vera gearbeitet, sondern es wird ein neues sehr Allgemeines ausdrücklich gesetzt, auf daß vieles Einzelne in seiner Einzelheit nicht als jeweils besonderes Neues erscheine. Hätte Newton seine Formel nur aus den einzelnen Gesetzen Keplers genommen, so wäre sie eine erfindende Erklärung. Er kam aber durch Reflexion über den fallenden Apfel darauf: arbeitet also deshalb doch tatsächlich mit der Causa vera des Fallgesetzes.

Wie sich im einzelnen schon gezeigt hat und noch zeigen wird, kann Parapsychologie nicht mit einer Causa vera arbeiten.

Das allgemeine Prinzip der Sparsamkeit werden wir aber trotzdem festhalten. Wir werden, da es mit der Ratio vera nicht geht, »erfinden«, werden »Neues« als Erklärungsgrund einführen müssen. Aber nun doch so wenig Neues wie möglich, also neues Grundsätzliches »im Minimum«.

Und noch ein weiteres methodisches Prinzip, das sich bewährt hat, müssen wir bei unserem Erfinden befolgen: möglichst solches »Neue« müssen wir einführen, das wir schon für andere, für »normale«, also nicht nur für paranormale Sachverhalte zur Erklärung brauchen. Nur mit neuen »Seiten« oder »Zügen« wird dann freilich jenes im Grunde gar nicht einmal so ganz grundsätzlich Neue auszustatten sein. Jedenfalls müssen wir nach diesem Leitsatze arbeiten, solange es geht.


 << zurück weiter >>