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Erster Teil:
Die Methodik der Parapsychologie

I. Die Möglichkeit der Täuschung auf dem Boden der Parapsychologie

Es gibt keine Wissenschaft, die nicht den Gefahren der Täuschung, ja des bewußten Betruges ausgesetzt wäre. Auf dem Boden der Biologie haben wir es im Laufe der letzten zwanzig Jahre ein paarmal erlebt, daß sehr bedeutsam erscheinende Forschungsergebnisse über die sogenannte »Vererbung erworbener Eigenschaften« dadurch völlig wertlos wurden, daß sich an bestimmten Stellen begründeter Verdacht eines Betrugs einstellte. Vielleicht betraf dieser Betrug nur diese Stellen; abgelehnt werden mußte, aus Gründen wissenschaftlicher Sauberkeit, vielleicht zu Unrecht, das Ganze. Es ist nicht gesagt, daß der eigentliche Autor der in Rede stehenden Arbeiten betrog, vielleicht tat es ein Assistent oder ein Diener. Genug, es wurde betrogen; und das kann auf jedem Gebiete der Wissenschaft geschehen. Denn »der Mensch« ist leider ein der unbewußten und der bewußten Täuschung fähiges Wesen.

Aber auf dem Boden der eigentlichen Naturwissenschaft ist die Möglichkeit einer Täuschung doch immer nur einseitig, mag sie auch auf der einen allein in Frage kommenden Seite mehrere Personen, den eigentlichen Autor und die, welche ihn bei der Arbeit unterstützen, angeben können. Das Gebiet, von dem wir hier reden, die Parapsychologie, ist dagegen in der wenig erfreulichen Lage, mit einer zweiseitigen Täuschungsmöglichkeit, sei sie bewußt oder unbewußt, rechnen zu müssen: Der Autor der Untersuchung und seine Helfer können, wie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit, täuschen; täuschen kann aber auch das Untersuchungsobjekt, also der Sensitive, das »Medium«, der »Metagnom« oder wie wir dieses Objekt nennen wollen. Täuschung seitens des Autors, zumal bewußte, wird ebenso selten sein wie auf naturwissenschaftlichem Gebiet engeren Sinnes; jedenfalls muß es ethisches Prinzip sein, jeden Autor für ehrlich zu halten bis zum ausdrücklichen Beweise des Gegenteils. Täuschung beider Art, bewußte und unbewußte, seitens des Untersuchungsobjekts ist aber leider schon häufig dagewesen, und sich gegen sie mit allergrößter Strenge zu schützen, muß eine der Hauptaufgaben einer Parapsychologie sein, die sich »Wissenschaft« will nennen dürfen.

Gewiß ist es für einen Untersuchungsleiter unangenehm, wenn ihm ein Getäuscht-, wohl gar ein echtes Betrogensein seitens seines Untersuchungsobjekts nachgewiesen, ja, wenn auch nur der Verdacht dieser Dinge ausgesprochen wird. Er fühlt sich dann ein wenig »blamiert«. Zu Unrecht, meine ich, tut er das. Sein guter Glaube wird ja doch nicht angezweifelt; nur daß er eben ein des Getäuschtwerdens fähiger Mensch ist, wird behauptet. Welcher Mensch aber wäre trotz größter subjektiver Gewissenhaftigkeit nicht fähig, getäuscht zu werden? Selbst die größten Forscher haben gelegentlich geirrt, was doch heißt, daß sie eben trotz ihrer Gewissenhaftigkeit einer Täuschung, im allgemeinsten Sinne des Wortes, zum Opfer fielen. Auf parapsychischem Gebiete aber, wo das Untersuchungsobjekt selbst aktiv zur Täuschung beitragen kann, wo nicht, wie in den normalen Naturwissenschaften, ein schlichter »Sachverhalt« zur Untersuchung steht, der der aktiven Täuschung unfähig ist, ist alles so unendlich viel schwieriger, daß es wahrlich kein schwerer Vorwurf ist, wenn einem Autor gegenüber der Verdacht des Getäuscht-, ja, des Betrogenwordenseins laut wird. Unangenehm bleibt es, das gebe ich gern zu; die Selbstgefälligkeit wird ein wenig verletzt. Aber sollte die Wahrheitsliebe nicht mehr gelten?

Von einigen Seiten ist jüngst die Ansicht ausgesprochen worden, alle »Medien« sollten sich zusammentun und scharf gegen alle, wohl gar mit Prozessen, vorgehen, die es sich erlauben, Verdachtsmomente zu äußern. Das wäre der Tod einer wissenschaftlichen Parapsychologie. Die wahrhaft streng wissenschaftlich Denkenden würden ein Mitglied des Medien-»Verbandes« einfach ausschalten, seine Leistungen, mögen sie echt sein oder nicht, grundsätzlich nicht weiter beachten. Und für »Beleidigungs«-prozesse ist hier wahrlich nicht der Ort, zumal die Äußerung eines Verdachtes ja doch nie ohne weiteres die Vermutung bewußten Betrugs bedeutet. Wissen wir doch, wie viel in dem unterbewußten, halb somnambulen Zustand, in dem sich die »Medien« während ihrer Leistungen meist befinden, getäuscht werden kann; gewissenhafte Medien haben oft selbst darum gebeten, normale »Nachhilfen« unterbewußter Art, für die ihr bewußtes Ich ja verantwortungsfrei ist, nach Kräften unmöglich zu machen. Aber freilich muß, wenn die Verdachtsmomente sehr stark sind, auch die Möglichkeit bewußten Betruges, ohne die Gefahr eines Prozesses zu laufen, ausgesprochen werden dürfen. Das wirklich ethisch reine Medium wird sich gar nicht getroffen fühlen dadurch; es wird sein Kreuz zu tragen wissen in der Überzeugung, daß ja die Wahrheit doch einmal an den Tag kommen werde.

Freilich richte ich nun an die andere Seite die ebenso dringende Aufforderung, maßvoll zu sein in »skeptischen« Angriffen und von bewußtem Betrug nur zu reden, wenn gar keine andere Möglichkeit, nach gewissenhafter Selbstprüfung, für den Angreifer übrig bleibt. Und auch dann sollten höhnische Äußerungen über den Versuchsleiter streng unterbleiben.

Vorbildlich im »Stil« ist hier alle Polemik seitens der Briten. In Deutschland ist aber, sowohl auf Seiten der »Gläubigen« wie auf Seiten der Skeptiker, eine Verwilderung des Stils eingetreten, die beinahe der auf politischem Gebiet leider bei uns üblichen gleicht und nicht gerade dazu beiträgt, das Ansehen der deutschen Parapsychologie besonders zu heben.

Das Wort »fortiter in re, suaviter in modo« sollte, wenn irgendwo, dann auf diesem schwierigsten aller Forschungsgebiete gelten.

Ich dachte bisher an die Möglichkeit von Täuschung oder gar Betrug im Rahmen der eigentlichen Tatsachenforschung. Daß auf theoretischem Gebiet, wo nur der reine Irrtum in Frage steht, die Forderung gegenseitigen Anstandes erst recht gilt, sollte eigentlich keiner Worte bedürfen. Wenn »Animisten« und »Spiritisten« auf einem ganz und gar in den Kinderschuhen steckenden Wissensgebiet einander grob oder höhnisch anfahren, so wirkt das einfach lächerlich!

Viel könnte auf dem gesamten Gebiet der Parapsychologie die Presse zur Wahrung des polemischen Anstandes beitragen. Leider tut sie es nicht immer; gibt es doch Blätter, welche ganze Kübel des Spottes ausgießen, sobald von Parapsychologie – die sie meist mit der spezifischen spiritistischen Hypothese verwechseln – auch nur die Rede ist, häufig ohne sich mit der ernsten Literatur des Gebietes auch nur irgendwie beschäftigt zu haben, und bisweilen, seltsam aber wahr, aus »politischen« Gründen.


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