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Das Netz zieht sich zu

»Wir sind ihm endlich dicht auf den Fersen«, sagte Holmes, als wir zusammen über das Moor liefen. »Was hat der Kerl für Nerven! Wie er sich zusammengerissen hat angesichts des lähmenden Schocks, der ihn befallen haben musste, als er erkannte, dass ihm der falsche Mann zum Opfer gefallen war! Ich habe dir schon in London gesagt, Watson, und ich sage es dir jetzt wieder, dass wir niemals einen würdigeren Gegner gehabt haben.«

»Es tut mir Leid, dass er dich gesehen hat.«

»Das hat es mir zuerst auch, aber es ließ sich nicht vermeiden.«

»Was für einen Einfluss auf seine Pläne wird es deiner Meinung nach haben, dass er von deiner Anwesenheit hier erfahren hat?«

»Es könnte ihn dazu veranlassen, vorsichtiger zu sein oder aber sofort verzweifelte Maßnahmen zu ergreifen. Wie die meisten schlauen Verbrecher könnte auch er von seiner eigenen Schlauheit so überzeugt sein, dass er der Ansicht ist, uns vollständig getäuscht zu haben.«

»Warum sollten wir ihn nicht umgehend verhaften lassen?«

»Mein lieber Watson, du bist der geborene Mann der Tat. Dein Instinkt lässt dich immer zu energischen Maßnahmen greifen. Aber angenommen, wir hätten ihn heute Nacht verhaften lassen, wozu um alles in der Welt sollte das gut sein? Wir hätten keinerlei Beweis gegen ihn in der Hand. Darin liegt doch die teuflische Schlauheit! Hätte er einen menschlichen Handlanger gedungen, könnten wir vielleicht eine Zeugenaussage erlangen, aber wenn wir auch diesen großen Hund ans Tageslicht zerren könnten, würde es uns doch nicht helfen, die Schlinge um den Hals seines Herrn zu legen.«

»Mit Sicherheit haben wir es hier aber mit einem Verbrechen zu tun.«

»Nicht die Spur eines Verbrechens – nur Annahmen und Mutmaßungen. Das Gericht würde uns auslachen, wenn wir mit solch einer Geschichte und solchen Beweisen ankämen.«

»Da ist der Tod von Sir Charles.«

»Tot aufgefunden ohne jede äußere Verletzung. Du und ich, wir beide wissen, dass er vor schierem Entsetzen starb, und ebenso wissen wir, was ihn so erschreckte; aber wie sollen wir zwölf sture Geschworene dazu bringen, dies zu glauben? Was für Spuren eines Hundes gibt es denn? Wo sind die Abdrücke seiner Reißzähne? Natürlich ist uns klar, dass ein Hund keine Leiche beißt und dass Sir Charles tot war, bevor das Untier ihn erreichte. Doch all das müssen wir beweisen, und dazu sind wir momentan nicht in der Lage.«

»Und was ist mit heute Nacht?«

»Auch heute Nacht sind wir nicht besser dran. Wieder gibt es keine direkte Verbindung zwischen dem Hund und dem Tod des Mannes. Wir haben den Hund nie gesehen. Wir hörten ihn; aber wir können nicht beweisen, dass er dem Mann auf den Fersen war. Es gibt absolut kein Motiv. Nein, mein lieber Freund, wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass zum jetzigen Zeitpunkt kein beweisbares Verbrechen vorliegt, dass es sich jedoch lohnt, jedes Risiko einzugehen, damit ein Verbrechen geschieht.«

»Und wie stellst du dir das vor?«

»Ich hege große Hoffnung, dass Mrs. Laura Lyons etwas für uns tun wird, wenn sie über den Stand der Dinge aufgeklärt wird. Außerdem habe ich noch einen eigenen Plan. Wir haben für heute genug Schlimmes erlebt; doch ich hoffe, dass ich die Oberhand gewinne, bevor der morgige Tag vorüber ist.«

Mehr konnte ich aus ihm nicht herausbekommen, und so lief er in Gedanken versunken bis zum Tor von Baskerville Hall.

»Kommst du mit hinauf?«

»Ja, ich sehe keinen Grund für weitere Geheimniskrämerei. Doch eins noch, Watson. Erzähle Sir Henry nichts von dem Hund. Er soll glauben, dass Seldens Tod genau so war, wie Stapleton uns glauben machen wollte. Er wird dann bessere Nerven haben für die Prüfung, die ihm bevorsteht, denn wenn ich mich richtig an deinen Bericht erinnere, wird er morgen mit diesen Leuten zu Abend essen.«

»Und ich ebenfalls.«

»Dann musst du dich entschuldigen und ihn allein gehen lassen. Das wird sicher leicht zu machen sein. So, und wenn wir auch zu spät zum Abendessen sind, glaube ich doch, dass wir beide uns ein nächtliches Souper verdient haben.«

Sir Henry war eher entzückt als überrascht, Sherlock Holmes zu sehen, denn er hatte schon seit einigen Tagen erwartet, dass die jüngsten Ereignisse ihn von London herlocken würden. Doch runzelte er die Stirn, als er sah, dass mein Freund weder irgendwelches Gepäck bei sich hatte noch eine Erklärung für dessen Fehlen. Ich half ihm mit dem Nötigsten aus, und bei einem späten Nachtmahl erzählten wir dem Baronet schließlich so viel von unseren Erlebnissen, wie er unserer Ansicht nach wissen sollte. Doch zuerst hatte ich die unangenehme Aufgabe, die Neuigkeiten Barrymore und seiner Frau beizubringen. Für ihn mag es eine richtige Erleichterung gewesen sein, aber seine Frau weinte bittere Tränen in ihre Schürze. Für alle anderen war er der Gewalttäter, halb Tier, halb Dämon, doch für sie blieb er immer der kleine eigensinnige Junge ihrer Kindheit, der sich an ihre Hand geklammert hatte. Wehe dem Mann, um den nicht wenigstens eine Frau trauert.

»Seit Watson heute Morgen das Haus verlassen hat, bin ich den ganzen Tag über trübsinnig hin und her gelaufen«, sagte der Baronet. »Ich denke, jetzt habe ich mir einige Anerkennung verdient, da ich mein Versprechen gehalten habe. Wenn ich nicht geschworen hätte, keinesfalls allein hinaus zu gehen, hätte ich einen unterhaltsameren Abend verleben können, denn ich bekam eine Nachricht von Stapleton, der mich zu sich einlud.«

»Ich bezweifle nicht, dass Sie einen unterhaltsameren Abend verlebt hätten«, sagte Holmes trocken. »Sie werden es wohl kaum zu schätzen wissen, dass wir schon Ihren Tod durch gebrochenes Genick beklagt haben.«

Sir Henry blickte auf. »Wie bitte?«

»Dieser arme Halunke trug Ihre Kleider. Ich fürchte, das könnte Ihrem Butler, der ihm die Sachen gab, Ärger mit der Polizei eintragen.«

»Das ist unwahrscheinlich. Soweit ich weiß, sind sie nicht gekennzeichnet.«

»Dann hat er Glück gehabt – oder Sie alle haben Glück gehabt, da niemand von Ihnen in dieser Affäre auf der richtigen Seite des Gesetzes stand. Ich frage mich, ob es als verantwortungsbewusster Detektiv nicht meine vordringlichste Aufgabe wäre, alle Hausbewohner zu verhaften. Watsons Berichte sind äußerst belastende Dokumente.«

»Aber was ist mit unserem Fall?« fragte der Baronet. »Haben Sie irgendwelche Fäden entwirren können? Ich weiß nicht, ob Watson und ich so sehr viel schlauer geworden sind, seit wir hierher kamen.«

»Ich glaube in der Lage zu sein, Ihnen die Situation in Kürze erklären zu können. Es war eine äußerst schwierige und komplizierte Angelegenheit. Immer noch gibt es ein paar ungeklärte Punkte – aber auf jeden Fall werden wir sie noch lösen.«

»Wir hatten ein schlimmes Erlebnis, von dem Watson Ihnen bestimmt erzählt hat. Auf dem Moor haben wir den Hund gehört, so dass ich beschwören kann, dass es sich nicht um bloßen Aberglauben handelt. In Amerika hatte ich mit Hunden zu tun und erkenne sie daher, wenn ich sie höre. Wenn Sie diesen hier an die Leine legen und ihm einen Maulkorb verpassen, bin ich bereit zu beeiden, dass Sie der größte Detektiv aller Zeiten sind.«

»Ich gehe davon aus, dass ich diesen an die Leine lege und ihm einen Maulkorb verpasse, sofern Sie mir dabei zur Hand gehen.«

»Was immer Sie verlangen, ich werde es tun.«

»Sehr gut, und ich verlange auch, dass Sie es blindlings tun, ohne nach den Gründen zu fragen.«

»Ganz wie Sie wünschen.«

»Wenn Sie das tun, halte ich die Chance, unser kleines Problem zu lösen, für groß. Ich bezweifle nicht...«

Er unterbrach sich plötzlich und starrte gebannt über meinen Kopf hinweg. Die Lampe schien direkt in sein Gesicht, welches so starr und aufmerksam war, als ob es einer klassischen Statue gehörte, die Personifizierung von Wachsamkeit und Erwartung.

»Was ist los?« riefen wir beide.

Als er seinen Blick senkte, merkte ich, dass er eine innere Bewegung zu unterdrücken suchte. Seine Gesichtszüge blieben ruhig, doch seine Augen funkelten vor Verzückung.

»Entschuldigen Sie die Bewunderung eines Kenners«, sagte er und wies mit der Hand auf die Reihe von Gemälden, die an der gegenüber liegenden Wand hingen. »Watson wird nicht zugeben, dass ich irgend etwas von Kunst verstehe, aber das ist reiner Neid, denn unsere Ansichten sind äußerst verschieden. Nun, Sie haben da eine wirklich ansehnliche Sammlung von Portraits.«

»Es freut mich, dass Sie das sagen«, antwortete Sir Henry und schaute meinen Freund überrascht an. »Ich will nicht behaupten, viel von diesen Dingen zu verstehen, und ein Pferd oder einen jungen Ochsen kann ich sicherlich besser beurteilen als ein Gemälde. Erstaunlich, dass Sie für solche Dinge Zeit finden.«

»Ich erkenne Qualität, wenn ich sie sehe, und jetzt sehe ich sie. Ich könnte schwören, dass es sich hier um einen Kneller handelt, diese Dame dort in blauer Seide, und der stämmige Herr mit der Perücke sollte wohl ein Reynolds sein. Ich vermute, es sind alles Familienporträts?«

»Jedes einzelne.«

»Kennen Sie ihre Namen?«

»Barrymore hat mich trainiert, so kann ich wohl sagen, dass ich meine Lektion einigermaßen gelernt habe.«

»Wer ist der Herr mit dem Teleskop?«

»Das ist Konteradmiral Baskerville, der unter Rodney in Westindien stationiert war. Der Mann im blauen Mantel mit der Papierrolle ist Sir William Baskerville, Ausschussvorsitzender im Unterhaus zur Zeit von Pitt.«

»Und dieser Kavalier mir gegenüber – der im schwarzen Samt mit den Spitzen?«

»Ah, Sie haben ein Recht darauf, ihn kennen zu lernen. Das ist die Ursache allen Übels, der bösartige Hugo, der den Hund der Baskervilles ins Leben rief. Ihn werden wir nie vergessen.«

Ich betrachtete das Porträt mit Interesse und ein wenig überrascht.

»Du liebe Güte«, sagte Holmes, »er sieht wie ein ruhiger und manierlicher Mann aus, doch ich wage zu behaupten, dass da etwas Teuflisches in seinem Blick lauert. Ich hatte ihn mir kräftiger und wüster vorgestellt.«

»Über die Echtheit besteht kein Zweifel, denn auf der Rückseite der Leinwand stehen der Name und das Jahr 1647.«

Holmes sprach danach kaum noch etwas, aber das Bild des alten Wüstlings schien eine große Faszination auf ihn auszuüben, und während des ganzen Essens weilte sein Blick auf ihm. Erst später, nachdem Sir Henry sich zurückgezogen hatte, war es mir möglich, seine Gedanken zu verstehen. Er führte mich zurück in den Bankettsaal, in den Händen die Kerze aus seinem Zimmer, und beleuchtete damit das im Lauf der Jahrhunderte nachgedunkelte Porträt.

»Was fällt dir daran auf?«

Ich betrachtete den breiten Federhut, die gelockten Haare, den weißen Spitzenkragen und das gerade, strenge Antlitz dazwischen. Es hatte keinen brutalen Ausdruck, doch war es spröde, hart und finster, mit einem festen, dünnlippigen Mund und kalten, unbarmherzigen Augen.

»Erinnert es dich an jemanden, den du kennst?«

»Das Kinn hat etwas von Sir Henry.«

»Vielleicht nur eine Ahnung. Doch warte einen Moment.« Er stellte sich auf einen Stuhl, hielt das Licht in seiner Linken und legte seinen rechten Arm so, dass er den breiten Hut und die Ringellocken abdeckte.

»Gütiger Himmel!« rief ich erstaunt aus.

Das Gesicht von Stapleton starrte mir von der Leinwand entgegen.

»Ha, jetzt erkennst du es. Meine Augen sind darauf trainiert, Gesichter zu untersuchen und nicht das Drumherum. Eine der hervorragendsten Eigenschaften eines Detektivs sollte die Fähigkeit sein, Verkleidungen zu durchschauen.«

»Aber das ist ja unglaublich. Es könnte sein Porträt sein.«

»Ja, es handelt sich hier um eine interessante Vererbungsvariante, die sich sowohl physisch als auch geistig durchzusetzen scheint. Wenn du Familienporträts studierst, könnte das allein schon genügen, dich zu einem Anhänger der Wiedergeburt zu machen. Der Mann ist ein Baskerville – das ist offensichtlich.«

»Mit Absichten hinsichtlich der Erbfolge.«

»Genau. Der Zufall dieses Bildes hat uns eines der wesentlichen fehlenden Verbindungsstücke geliefert. Wir haben ihn, Watson, wir haben ihn, und ich möchte darauf wetten, dass er noch vor morgen Nacht so hilflos wie einer seiner Schmetterlinge in unserem Netz zappeln wird. Eine Nadel, ein Korken, ein Schild, und wir fügen ihn unsere Baker-Street-Sammlung hinzu!« Er brach in einen seiner seltenen Lachanfälle aus und kehrte sich von dem Bild ab. Nicht oft habe ich ihn lachen hören, und jedes Mal bedeutete es Böses für jemanden.

Obwohl ich am nächsten Morgen zeitig aufstand, war Holmes doch noch früher auf den Beinen, denn als ich mich ankleidete, sah ich ihn die Einfahrt heraufkommen.

»Ja, wir werden heute wohl einen ausgefüllten Tag haben«, meinte er und rieb seine Hände voller Tatendrang. »Alle Netze sind aufgespannt, die Jagd kann beginnen. Noch bevor der Tag vorüber ist, werden wir wissen, ob wir unseren fetten Hecht gefangen haben oder ob er uns durch die Maschen gegangen ist.«

»Bist du schon auf dem Moor gewesen?«

»Ich habe von Grimpen aus einen Bericht nach Princetown über den Tod von Selden geschickt. Ich glaube versprechen zu können, dass niemand von euch in dieser Sache Ärger bekommen wird. Außerdem habe ich mich mit meinem treuen Cartwright in Verbindung gesetzt, der sonst wahrscheinlich auf der Schwelle meiner Hütte ausgeharrt hätte wie ein Hund auf dem Grab seines Herrn, wenn ich ihn nicht über meine augenblickliche Situation beruhigt hätte.«

»Was ist der nächste Zug?«

»Sir Henry aufsuchen. Ah, da ist er!«

»Guten Morgen, Holmes«, sagte der Baronet. »Sie sehen aus wie ein General, der mit seinem Stabschef die Schlacht vorbereitet.«

»Dies entspricht genau der Situation. Watson fragte gerade nach meinen Befehlen.«

»Das tue ich auch.«

»Sehr gut. Soweit ich informiert bin, sind Sie für heute Abend zum Essen mit den Stapletons verabredet.«

»Ich hoffe, Sie leisten uns Gesellschaft. Es sind sehr gastfreundliche Menschen und ich bin sicher, sie würden sich über Ihren Besuch sehr freuen.«

»Ich fürchte, Watson und ich müssen nach London fahren.«

»Nach London?«

»Ja, meiner Ansicht nach sind wir beim augenblicklichen Stand der Dinge dort mehr von Nutzen.«

Das Gesicht des Baronet wurde spürbar länger.

»Ich hoffte, Sie würden mir in dieser Angelegenheit beistehen. Baskerville Hall und das Moor sind keine sonderlich amüsanten Orte, wenn man allein ist.«

»Mein lieber Sir Henry, Sie müssen mir vorbehaltlos vertrauen und aufs Genauste tun, was ich Ihnen sage. Richten Sie ihren Freunden aus, dass wir ihrer Einladung mit Vergnügen gefolgt wären, doch dringende Angelegenheiten erforderten unsere Anwesenheit in der Stadt. Wir hoffen, baldmöglichst nach Devonshire zurückkehren zu können. Werden Sie daran denken, diese Nachricht zu übermitteln?«

»Wenn Sie darauf bestehen.«

»Ich versichere Ihnen, es gibt keine Alternative.«

Der umwölkten Stirn des Baronets war deutlich anzusehen, dass er uns für Deserteure hielt und tief verletzt war.

»Wann wünschen Sie abzureisen?« fragte er kühl.

»Unmittelbar nach dem Frühstück. Wir werden nach Coombe Tracey fahren, aber Watson wird seine Sachen hier lassen als Pfand für seine Rückkehr. Watson, du wirst Stapleton eine Nachricht senden, dass du es sehr bedauerst, nicht kommen zu können.«

»Ich hätte größte Lust, mit Ihnen nach London zu fahren«, sagte der Baronet. »Warum soll ich hier allein bleiben?«

»Weil es Ihre Pflicht ist, auf dem Posten zu bleiben. Weil Sie mir Ihr Wort gaben, genau das zu tun, was ich sage, und ich befehle Ihnen zu bleiben.«

»Also gut, ich bleibe.«

»Und noch eine wichtige Anweisung: Ich wünsche, dass Sie mit der Kutsche nach Merripit House fahren, diese dann aber nach Baskerville Hall zurückschicken mit der Bemerkung, dass Sie beabsichtigen, zu Fuß zurückzukehren.«

»Zu Fuß über das Moor zu laufen?«

»Ja.«

»Aber genau das nicht zu tun, darauf haben Sie immer gedrungen!«

»Dieses Mal können Sie es gefahrlos tun. Hätte ich nicht so viel Vertrauen in Ihre Nervenstärke und Ihren Mut, würde ich es nicht vorschlagen, aber es ist entscheidend, dass Sie es tun.«

»Dann werde ich mich daran halten.«

»Und wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, so gehen Sie nicht in beliebiger Richtung durch das Moor, sondern nehmen ausschließlich den direkten Weg, der von Merripit House zur Grimpen Road führt und Ihr natürlicher Heimweg ist.«

»Ich werde genau das tun, was Sie sagen.«

»Sehr gut. Es wäre mir lieb, wir würden so früh wie möglich nach dem Frühstück aufbrechen, damit wir London am Nachmittag erreichen.«

Ich war recht erstaunt über Holmes' Pläne, doch erinnerte ich mich, dass er Stapleton gegenüber in der Nacht zuvor erwähnt hatte, sein Besuch hier würde am folgenden Tag enden. Ich war jedoch bislang nicht auf den Gedanken gekommen, dass ich mit ihm fahren sollte, noch konnte ich verstehen, warum keiner von uns beiden da bleiben sollte in einem Augenblick, den er selbst als äußerst kritisch bezeichnet hatte. Es blieb mir jedoch nichts anderes übrig, als vorbehaltlos zu gehorchen. Wir verabschiedeten uns daher von unserem untröstlichen Freund, und einige Stunden später befanden wir uns am Bahnhof von Coombe Tracey, nachdem wir den Wagen heimgeschickt hatten. Ein kleiner Junge erwartete uns auf dem Bahnsteig.

»Irgendwelche Aufträge, Sir?«

»Nimm diesen Zug nach London, Cartwright. Sobald du angekommen bist, schickst du ein Kabel an Sir Henry Baskerville unter meinem Namen und bittest ihn, falls er das Notizbuch findet, das ich vergessen habe, möge er es per Einschreiben in die Baker Street schicken.«

»Jawohl, Sir.«

»Und frage in der Bahnhofspost, ob eine Nachricht für mich eingetroffen ist.«

Der Junge kam mit einem Telegramm zurück, das Holmes mir weiterreichte. Es lautete: »Kabel erhalten. Komme mit Blanko-Haftbefehl. Ankunft fünf Uhr vierzig. Lestrade.«

»Eine Antwort auf mein Telegramm von heute Morgen. Ich halte ihn für den besten Berufspolizisten und wir brauchen vielleicht seine Unterstützung. Nun, Watson, meiner Ansicht nach können wir unsere Zeit kaum besser verbringen, als unsere Freundin Laura Lyons zu besuchen.«

Langsam wurde mir sein Schlachtplan klar. Mit Hilfe des Baronets wollte er die Stapletons davon überzeugen, dass wir wirklich abgereist waren, während wir in Wirklichkeit zur rechten Zeit, wenn er uns brauchte, zurückkehren würden. Falls Sir Henry das Telegramm aus London den Stapletons gegenüber erwähnte, würde dies ihre letzten Zweifel zerstreuen. Schon schienen sich die Netze enger um unseren Fang zu ziehen.

Mrs. Laura Lyons befand sich in ihrem Büro, und Sherlock Holmes begann die Unterhaltung mit einer Offenheit und Direktheit, die sie erstaunte.

»Ich untersuche die Umstände, die zum Tode des seligen Sir Charles Baskerville führten«, sagte er. »Mein Freund Dr. Watson hat mich darüber informiert, was Sie ihm mitgeteilt haben, und ebenso, was Sie in dieser Angelegenheit verschwiegen haben.«

»Was soll ich verschwiegen haben?« fragte sie herausfordernd.

»Sie haben zugegeben, dass Sie Sir Charles darum baten, um zehn Uhr am Tor zu sein. Wir wissen, dass dies Ort und Zeit seines Todes waren. Sie haben jedoch verschwiegen, welcher Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen besteht.«

»Es gibt keinen Zusammenhang.«

»In diesem Fall muss es sich um einen außerordentlichen Zufall handeln. Doch meiner Ansicht nach wird es uns gelingen, einen Zusammenhang herzustellen. Ich möchte ganz offen mit Ihnen sein, Mrs. Lyons. Wir betrachten diesen Fall als Mord, und die Beweise belasten nicht nur Ihren Freund Mr. Stapleton, sondern ebenso seine Gattin.«

Die Dame sprang aus dem Stuhl auf.

»Seine Gattin?« rief sie.

»Diese Tatsache ist längst kein Geheimnis mehr. Die Person, die sich als seine Schwester ausgibt, ist in Wirklichkeit seine Ehefrau.«

Mrs. Lyons hatte sich wieder hingesetzt. Ihre Hände umklammerten die Armlehnen ihres Stuhls so heftig, dass ihre rosafarbenen Fingernägel weiß geworden waren.

»Seine Gattin!« sagte sie wieder. »Seine Gattin! Er ist kein verheirateter Mann!«

Sherlock Holmes zuckte die Achseln.

»Beweisen Sie mir das! Beweisen Sie es mir! Und wenn Sie dazu in der Lage sind...« Das wütende Funkeln in ihren Augen sagte mehr als Worte.

»Darauf war ich vorbereitet«, entgegnete Holmes und zog einige Papiere aus seiner Tasche. »Hier ist eine Fotografie des Paares, die vor vier Jahren in York aufgenommen wurde. Auf der Rückseite steht ›Mr. und Mrs. Vandeleur‹, aber Sie werden ihn ohne Mühe erkennen und seine Frau ebenfalls, wenn Sie sie vom Sehen her kennen. Dies hier sind drei Beschreibungen glaubwürdiger Zeugen von Mr. und Mrs. Vandeleur, die zu jener Zeit die Privatschule St. Oliver führten. Lesen Sie sie und sagen Sie mir dann, ob Sie noch an der Identität dieser Leute zweifeln.«

Sie warf einen Blick darauf und schaute uns dann mit dem entschlossenen, starren Gesicht einer zu allem fähigen Frau an.

»Mr. Holmes, dieser Mann hat mich gebeten, ihn zu heiraten, sobald ich von meinem Ehemann geschieden bin. Dieser Schurke hat mich auf jede nur denkbare Weise betrogen. Niemals hat er auch nur ein wahres Wort zu mir gesprochen. Und warum – warum? Ich war der Ansicht, er habe alles um meinetwillen getan, doch jetzt erkenne ich, dass ich nur ein Werkzeug in seinen Händen gewesen bin. Warum sollte ich ihm gegenüber loyal bleiben, da er doch nie loyal zu mir war? Warum sollte ich ihn vor den Konsequenzen seiner Untaten schützen? Fragen Sie, was immer Sie wollen, ich werde nichts verschweigen. Eines aber schwöre ich Ihnen: Als ich den Brief geschrieben habe, hatte ich keinen Moment die Absicht, dem alten Herrn, der mein gütigster Freund war, Schaden zuzufügen.«

»Davon bin ich absolut überzeugt«, antwortete Holmes. »Der Bericht über die Ereignisse muss für Sie sehr schmerzhaft gewesen sein. Vielleicht ist es leichter für Sie, wenn ich Ihnen erzähle, was geschehen ist, und Sie können mich korrigieren, wenn mir ein gravierender Irrtum unterläuft. Sie haben diesen Brief im Auftrag von Stapleton geschrieben?«

»Er hat ihn mir diktiert.«

»Ich vermute, als Grund hat er angegeben, Sie würden so von Sir Charles finanzielle Unterstützung für Ihre Scheidung erhalten.«

»Genau.«

»Dann, nachdem Sie den Brief abgeschickt hatten, riet er Ihnen davon ab, die Verabredung einzuhalten.«

»Er sagte mir, es würde seine Selbstachtung verletzen, wenn ein anderer Mann mir zu diesem Zweck Geld geben würde, und obwohl er selbst arm sei, würde er seinen letzten Penny hergeben, um die Hindernisse zwischen uns aus dem Weg zu räumen.«

»Er scheint einen konsequenten Charakter zu besitzen. Danach haben Sie nichts mehr über die Sache gehört, bis Sie den Bericht über Sir Charles' Tod in der Zeitung lasen?«

»So war es.«

»Und er ließ Sie schwören, nichts über Ihre Verabredung mit Sir Charles zu verraten.«

»Jawohl. Er sagte, dass sein Tod sehr geheimnisvoll sei und ich in Verdacht geriete, wenn die Tatsachen ans Licht kämen. Er hat mich so eingeschüchtert, dass ich schwieg.«

»Das ahnte ich. Aber Sie hatten einen Verdacht?«

Sie zögerte und schaute nach unten.

»Ich kannte ihn«, sagte sie. »Aber wäre er mir treu geblieben, hätte ich ihm ebenfalls Treue gewahrt.«

»Meiner Meinung nach sind Sie glücklich aus der Sache herausgekommen«, sagte Holmes. »Sie hatten ihn in der Hand, er wusste es, und doch leben Sie noch. Einige Monate lang wandelten Sie einen gefährlichen Abgrund entlang. Wir müssen uns nun verabschieden, Mrs. Lyons, aber Sie werden mit Sicherheit in Kürze wieder von uns hören.«

»Unser Fall rundet sich langsam ab und Rätsel auf Rätsel löst sich vor unseren Augen auf«, meinte Holmes, als wir auf den Expresszug aus London warteten. »Bald werde ich in der Lage sein, eines der einzigartigsten und sensationellsten Verbrechen der heutigen Zeit zusammenhängend zu erläutern. Studenten der Kriminalistik werden sich an vergleichbare Ereignisse aus Grodno im Jahr 1866 oder natürlich auch an die Anderson-Morde in Nord-Carolina erinnern, doch dieser Fall besitzt einige Charakteristika, die völlig einzigartig sind. Noch nicht einmal jetzt haben wir einen beweisbaren Fall gegen diesen gerissenen Mann in der Hand. Doch ich wäre sehr überrascht, wenn uns dies nicht gelingen würde, bevor wir heute Nacht zu Bett gehen.«

Der Eilzug aus London fuhr kreischend in den Bahnhof ein und ein kleiner, bulldoggenartiger Mann sprang aus einem Erster-Klasse-Abteil. Wir schüttelten uns gegenseitig die Hände und an der ehrfürchtigen Art, wie Lestrade meinen Gefährten ansah, erkannte ich sofort, dass er einiges gelernt hatte seit jenen Tagen, da sie das erste Mal zusammengearbeitet hatten. Ich erinnerte mich gut an den Spott, den der Mann der Tat über die Theorien meines zum Nachdenken neigenden Freundes gegossen hatte.

»Gute Neuigkeiten?« fragte er.

»Das größte Ding seit Jahren«, sagte Holmes. »Wir haben zwei Stunden Zeit, bevor es losgeht. Wir könnten sie dazu nutzen, etwas zu essen, und dann, Lestrade, werden wir den Londoner Nebel aus ihrer Kehle vertreiben, indem Sie die reine Nachtluft von Dartmoor einatmen. Noch nie dort gewesen? Ah, gut, ich glaube nicht, dass Sie Ihren ersten Besuch je vergessen werden.«


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