Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Die Stapletons aus Merripit

Die frische Schönheit des folgenden Morgen fegte die düsteren und grauen Eindrücke hinweg, die nach den ersten Erfahrungen in Baskerville Hall auf unserem Gemüt gelastet hatten. Als ich mit Sir Henry beim Frühstück saß, flutete das Sonnenlicht durch die hohen Fenster und reflektierte die Wappen, mit denen sie verziert waren, in blassen Farbflecken. In den goldenen Strahlen glühte die dunkle Täfelung wie Bronze und wir konnten uns kaum vorstellen, dass es sich um denselben Raum handelte, der uns am Abend zuvor in solch trübe Stimmung versetzt hatte.

»Ich vermute, wir müssen uns über uns selbst und nicht über das Haus beklagen«, sagte der Baronet. »Wir kamen halb erfroren und von der Reise ermüdet an, so dass uns dieser Ort allzu grau erschien. Jetzt sind wir erholt und ausgeruht und alles sieht wieder fröhlich aus.«

»Und doch war es nicht völlig eine Frage der Einbildung«, antwortete ich. »Haben Sie beispielsweise jemanden, eine Frau, glaube ich, in der Nacht schluchzen gehört?«

»Seltsam, im Halbschlaf habe ich geglaubt, ein Geräusch dieser Art zu hören. Eine ganze Weile habe ich gewartet, aber da es sich nicht wiederholt hat, nahm ich an, geträumt zu haben.«

»Ich habe es deutlich gehört und bin sicher, dass es sich wirklich um das Schluchzen einer Frau handelte.«

»Wir müssen gleich danach fragen.« Er läutete dem Butler und fragte Barrymore, ob er unseren Eindruck bestätigen könne. Die bleichen Gesichtszüge des Butlers schienen mir noch bleicher zu werden, als er die Frage seines Herrn vernahm.

»Es gibt nur zwei Frauen im Haus, Sir Henry«, antwortete er. »Da ist die Scheuermagd, die im anderen Flügel schläft, und zum anderen ist da meine Frau; was sie betrifft, kann ich versichern, dass diese Töne nicht von ihr stammen können.«

Und doch log er, als er dies sagte, denn zufällig traf ich nach dem Frühstück Mrs. Barrymore in dem langen Flur, wo das Sonnenlicht auf ihr Gesicht fiel. Sie war eine große Frau mit teilnahmslosem, schwerfälligem Aussehen und einem strengen Zug um den Mund. Doch ihre verräterisch geröteten Augen schauten mich aus geschwollenen Lidern an. Es musste also sie gewesen sein, die in der Nacht geweint hatte, und wenn dem so war, musste ihr Ehemann davon gewusst haben. Doch hat er das offensichtliche Risiko des Ertapptwerdens auf sich genommen und erklärt, dass es nicht so gewesen sei. Warum hat er das getan? Und warum hat sie so bitterlich geweint? Schon umschwebte diesen blassen, gut aussehenden, schwarzbärtigen Mann eine Aura des Geheimnisvollen und der Düsterkeit. Er war es, der als erster den Leichnam von Sir Charles gefunden hatte, und wir hatten nur sein Wort hinsichtlich der Umstände, die zu des alten Mannes Tod geführt hatten. War es möglich, dass es doch Barrymore gewesen war, den wir in der Droschke in der Regent Street gesehen hatten? Der Bart konnte derselbe gewesen sein. Zwar hatte der Kutscher einen etwas kleineren Mann beschrieben, aber ein solcher Eindruck konnte leicht täuschen. Wie konnte ich diese Frage ein für alle Mal klären? Es lag auf der Hand, dass ich zuerst den Amtsvorsteher der Post von Grimpen aufsuchen musste, um herauszufinden, ob das Telegramm wirklich an Barrymore persönlich ausgeliefert worden war. Aber wie auch immer das Ergebnis ausfiel, ich hätte wenigstens etwas an Sherlock Holmes zu schreiben.

Nach dem Frühstück hatte Sir Henry zahllose Papiere durchzusehen, so dass der Augenblick günstig war für meinen Ausflug. Es war ein angenehmer Spaziergang von sechs Kilometern das Moor entlang, der mich schließlich zu einem kleinen grauen Weiler führte, aus dem zwei größere Gebäude, die sich als der Dorfgasthof sowie das Haus von Dr. Mortimer erwiesen, hoch über die anderen herausragten. Der Postvorsteher, der gleichzeitig den Lebensmittelladen führte, erinnerte sich deutlich an das Telegramm.

»Natürlich, Sir«, sagte er, »ich ließ das Telegramm wie vorgeschrieben Mr. Barrymore zustellen.«

»Wer hat es ausgeliefert?«

»Mein Sohn. James, du hast doch letzte Woche das Telegramm an Mr. Barrymore von Baskerville Hall zugestellt, nicht wahr?«

»Ja, Vater, das habe ich.«

»An Barrymore persönlich?« fragte ich.

»Nun, ich konnte es ihm nicht selbst geben, weil er in dem Moment oben auf dem Boden war, aber ich gab es Mrs. Barrymore persönlich und sie versprach, es ihm sofort zu übergeben.«

»Hast du Mr. Barrymore gesehen?«

»Nein, Sir; wie gesagt, war er auf dem Boden.«

»Wenn du ihn nicht gesehen hast, woher weißt du dann, dass er sich auf dem Boden befand?«

»Nun, seine Frau sollte doch sicher wissen, wo er sich aufhielt«, sagte der Postvorsteher gereizt. »Hat er das Telegramm nicht erhalten? Falls irgendein Fehler passiert ist, müsste Mr. Barrymore selbst sich beschweren.«

Es schien hoffnungslos, die Befragung weiter fortzusetzen, doch war klar, dass wir trotz Holmes' List keinen Beweis dafür hatten, dass Barrymore nicht die ganze Zeit in London gewesen war. Vorausgesetzt, es wäre so gewesen – vorausgesetzt, derselbe Mann, der Sir Charles als Letzter lebend gesehen hat, wäre auch derjenige, der als Erstes den neuen Erben beschattet, als dieser nach England zurückkehrt – was dann? Arbeitete er für jemand anderen oder hatte er seine eigenen finsteren Absichten? Was für ein Interesse konnte er daran haben, die Familie der Baskervilles zu verfolgen? Mir fiel die seltsame Warnung ein, die aus dem Leitartikel der Times ausgeschnitten worden war. War das sein Werk gewesen oder hatte das jemand getan, der sich seinen Plänen zu widersetzen suchte? Es schien nur ein denkbares Motiv zu geben, wie von Sir Henry vermutet: Würde es gelingen, die Baskervilles zu vertreiben, wäre den Barrymores ein angenehmes und dauerhaftes Heim gesichert. Aber eine Erklärung wie diese wäre ziemlich unangebracht angesichts der ausgefeilten und durchdachten Vorkommnisse, die sich wie ein unsichtbares Netz um den jungen Baronet spannten. Holmes selbst hatte gesagt, dass ihm in der langen Reihe seiner sensationellen Fälle keiner untergekommen war, der so komplex gewesen sei. Als ich die graue und einsame Straße zurücklief, betete ich zum Himmel, mein Freund möge bald seiner Verpflichtungen ledig sein, um herkommen zu können und die schwere Last der Verantwortung von meinen Schultern zu nehmen.

Plötzlich wurden meine Gedanken vom Geräusch rennender Füße hinter mir unterbrochen und eine Stimme rief meinen Namen. Ich drehte mich um in der Erwartung, Dr. Mortimer zu sehen, aber zu meiner Überraschung war es ein Fremder, der mir folgte, ein kleiner, schlanker, glattrasierter Mann mit flachsfarbenem Haar und fliehendem Kinn, zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, bekleidet mit einem grauen Anzug und einem Strohhut. Eine kleine Botanikerschachtel hing über seiner Schulter und in einer Hand trug er ein grünes Schmetterlingsnetz.

»Sie werden meine Anmaßung sicher entschuldigen, Dr. Watson«, sagte er, als er mich keuchend eingeholt hatte. »Wir auf dem Moor hier sind ein einfacher Menschenschlag und warten nicht darauf, einander förmlich vorgestellt zu werden. Möglicherweise haben Sie meinen Namen schon von unserem gemeinsamen Freund Dr. Mortimer gehört. Ich bin Stapleton von Merripit House.«

»Das Netz und die Schachtel hätten mich das schon vermuten lassen«, sagte ich, »denn ich wusste, dass Mr. Stapleton ein Naturforscher ist. Doch woher kennen Sie mich?«

»Ich war auf einen Sprung bei Mortimer und er zeigte Sie mir aus seinem Praxisfenster, als Sie vorbeikamen. Da wir denselben Weg haben, dachte ich, ich könnte sie einholen und mich vorstellen. Ich hoffe, dass Sir Henry die Reise gut überstanden hat.«

»Es geht ihm ausgezeichnet.«

»Wir alle hatten schon befürchtet, dass nach dem traurigen Tod von Sir Charles der neue Baronet sich eher weigern würde, hier zu wohnen. Es ist viel verlangt von einem vermögenden Mann, sich in einer Gegend wie dieser zu vergraben, aber ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass es für die Leute hier von großer Bedeutung ist. Sir Henry ist doch hoffentlich nicht abergläubisch?«

»Das scheint mir eher unwahrscheinlich.«

»Sicher kennen Sie die Legende von dem Höllenhund, der die Familie heimsuchen soll?«

»Ich habe davon gehört.«

»Es ist unglaublich, wie leichtgläubig das Landvolk hier ist! Alle wären bereit zu schwören, eine solche Kreatur im Moor gesehen zu haben.« Er sprach mit einem Lächeln, doch seine Augen schienen zu sagen, dass er die Angelegenheit weitaus ernster nahm. »Die Geschichte hatte großen Einfluss auf die Einbildungskraft von Sir Charles und ich habe keinen Zweifel, dass dies zu seinem tragischen Ende geführt hat.«

»Wie das?«

»Seine Nerven waren so zerrüttet, dass das Auftauchen von jedem beliebigen Hund auf sein Herz tödlich gewirkt haben könnte. Ich gehe davon aus, dass er tatsächlich in jener Nacht in der Taxusallee etwas gesehen hat. Dass ein solches Unglück passieren könnte, hatte ich schon befürchtet, denn ich mochte den alten Mann sehr und wusste um sein schwaches Herz.«

»Woher wussten Sie das?«

»Mein Freund Mortimer hat davon berichtet.«

»Sie glauben also, dass ein Hund Sir Charles nachjagte und dieser vor Angst gestorben ist?«

»Haben Sie eine bessere Erklärung?«

»Ich habe mir noch kein Urteil gebildet.«

»Hat Mr. Sherlock Holmes eine Erklärung gefunden?«

Einen Moment lang war ich sprachlos, doch ein Blick auf das freundliche Gesicht und die aufrichtigen Augen meines Begleiters zeigte mir, dass er nicht die Absicht gehabt hatte, mich zu überrumpeln.

»Es hat keinen Sinn, Dr. Watson, so zu tun, als wüssten wir nicht, wer Sie sind«, sagte er. »Die Berichte über Ihren Detektiv haben uns auch hier erreicht und Sie konnten ihn nicht rühmen, ohne selbst bekannt zu werden. Als Mortimer mir Ihren Namen nannte, konnte er mir Ihre Identität nicht verbergen. Wenn Sie hier sind, folgt daraus, dass Mr. Sherlock Holmes selbst an diesem Fall interessiert ist, und ich bin natürlich neugierig zu erfahren, welchen Standpunkt er vertritt.«

»Ich fürchte, dass ich diese Frage nicht beantworten kann.«

»Darf ich fragen, ob er uns die Ehre erweisen und uns persönlich aufsuchen wird?«

»Zur Zeit kann er die Stadt nicht verlassen. Seine Aufmerksamkeit ist von anderen Fällen in Anspruch genommen.«

»Wie schade! Er könnte einiges Licht in diese für uns so dunkle Angelegenheit bringen. Doch was Ihre eigenen Recherchen betrifft, so können Sie über mich verfügen, wenn ich Ihnen auf irgendeine Weise behilflich sein kann. Wenn Sie mir einen Hinweis geben hinsichtlich der Art Ihres Verdachts oder wie Sie vorzugehen gedenken, könnte ich Ihnen vielleicht schon jetzt eine Hilfe oder einen Rat geben.«

»Ich versichere Ihnen, dass ich nur deshalb hier bin, um meinen Freund Sir Henry zu besuchen und keinerlei Hilfe welcher Art auch immer benötige.«

»Ausgezeichnet!« sagte Stapleton. »Sie haben völlig Recht, umsichtig und diskret zu sein. Ich wurde zu Recht zurückgewiesen für meine wohl durch nichts zu rechtfertigende Aufdringlichkeit und verspreche Ihnen, dass ich die Angelegenheit nicht mehr erwähnen werde.«

Wir waren an eine Stelle gelangt, an der ein schmaler, grasüberwucherter Pfad von der Straße abbog und sich quer durch das Moor wand. Ein steiler, mit Felsen übersäter Hügel lag rechts vor uns, der in längst vergangenen Tagen als Steinbruch gedient hatte. Die uns zugekehrte Seite bildete eine dunkle Steilwand, in deren Ritzen Farne und Brombeersträucher wuchsen. Aus der Ferne zog eine graue Rauchfahne herüber.

»Ein kurzer Spaziergang diesen Moorweg entlang bringt uns nach Merripit House«, sagte Stapleton. »Vielleicht können Sie ein Stündchen Zeit erübrigen, damit ich Sie meiner Schwester vorstellen kann.«

Mein erster Gedanke war, dass ich an Sir Henrys Seite sein sollte. Doch dann entsann ich mich des Stapels von Papieren und Rechnungen, der seinen Schreibtisch übersät hatte. Dabei konnte ich ihm bestimmt nicht helfen. Und Holmes hatte ausdrücklich betont, dass ich die Nachbarn auf dem Moor in Augenschein nehmen sollte. Daher nahm ich Stapletons Einladung an und wir bogen gemeinsam in den Pfad ein.

»Das Moor ist ein wunderbarer Ort«, sagte er und ließ seinen Blick über das um uns wogende grüne Hügelland schweifen, dass von zerklüfteten Granitfelsen gekrönt wurde, die die fantastischsten Formen bildeten. »Das Moor ist nie langweilig. Sie haben keine Vorstellungen von den wunderbaren Geheimnissen, die sich darin verbergen. Es ist so weitläufig, so öde und so geheimnisvoll.«

»Mir scheint, Sie kennen es gut?«

»Ich bin erst seit zwei Jahren hier. Die Einwohner würden mich einen Neuankömmling nennen. Wir sind kurz nach Sir Charles hergezogen. Doch aufgrund meiner Neigungen versuche ich jeden Winkel der Gegend zu erforschen, so dass ich glaube, dass es kaum jemanden gibt, der es besser kennt als ich.«

»Ist es schwierig zu erforschen?«

»Sehr schwierig. Betrachten Sie beispielsweise diese große Ebene im Norden mit den seltsam herausragenden Hügeln. Können Sie irgendetwas Bemerkenswertes feststellen?«

»Es wäre ein guter Platz für einen Galopp.«

»Natürlich denken Sie so und das hat schon mehrere Leben gekostet. Erkennen Sie diese hellgrünen Flecken, die dort überall dicht gestreut liegen?«

»Ja, diese scheinen fruchtbarer zu sein als das übrige Land.«

Stapleton lachte.

»Das ist das große Moor von Grimpen«, sagte er. »Ein falscher Schritt bedeutet den Tod für Mensch und Tier. Erst gestern sah ich eines der Moorponys hineinlaufen. Es kam nie wieder zurück. Ein Weile sah ich seinen Kopf noch aus einem Schlammloch herausschauen, aber dann wurde es schließlich nach unten gesogen. Selbst in trockenen Perioden ist es gefährlich, den Sumpf zu durchqueren, doch nach diesen Herbstregen ist es ein furchtbarer Ort. Und doch kann ich meinen Weg ins Innerste finden und auch wieder lebend heraus. Oh Gott, da ist schon wieder eins dieser armen Ponys.«

Etwas Braunes strampelte und wälzte sich zwischen den grünen Riedgräsern. Dann schoss ein langer, vor Todesangst gekrümmter Hals nach oben und ein grässlicher Schrei erscholl über das Moor. Mir lief es kalt den Rücken hinunter, aber die Nerven meines Begleiters waren offenbar stärker als meine.

»Es ist fort«, sagte er. »Das Moorloch hat es verschluckt. Zwei innerhalb von zwei Tagen und vielleicht viele mehr, denn sie sind daran gewöhnt, bei trockenem Wetter dort umherzustreifen und erkennen die Veränderung nicht, bis das Moor sie in seinen Klauen hat. Es ist ein übler Ort, das große Moor von Grimpen.«

»Und Sie behaupten, dass Sie hineingehen können?«

»Ja, es gibt ein oder zwei Pfade, die ein geschickter Mann entlanggehen kann. Ich habe sie gefunden.«

»Aber warum sollten Sie den Wunsch haben, einen solch grässlichen Ort aufzusuchen?«

»Nun, sehen Sie die Hügel dahinter? Das sind richtige Inseln, die auf allen Seiten durch den undurchdringlichen Sumpf, der sie im Lauf der Jahre umschlossen hat, abgeschnitten wurden. Dort finden Sie die seltensten Pflanzen und Schmetterlinge, wenn es Ihnen gelingt hinzukommen.«

»Ich werde eines Tages mein Glück versuchen.«

Er schaute mich überrascht an.

»Schlagen Sie sich um Gottes Willen einen solchen Gedanken aus dem Kopf«, sagte er. »Ihr Blut käme über mein Haupt. Ich versichere Ihnen, dass Sie nicht die geringste Chance hätten, dort lebend herauszukommen. Nur weil ich mich an bestimmte, schwer erkennbare Merkmale halte, bin ich dazu in der Lage.«

»Nanu!« rief ich aus, »Was ist das?«

Ein lang gezogenes, tiefes Stöhnen, unbeschreiblich traurig, ertönte über das Moor. Es erfüllte die ganze Luft und doch war es unmöglich zu sagen, aus welcher Richtung es kam. Aus einem leisen Murmeln schwoll es zu einem lauten Gebrüll an und sank wieder zurück in ein schwermütig pulsierendes Gemurmel. Stapleton schaute mich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an.

»Ein sonderbarer Ort, das Moor«, sagte er.

»Aber was war das?«

»Die Bauern sagen, dass sei der Hund der Baskervilles, der nach Beute ruft. Ich habe es ein- oder zweimal vorher gehört, aber noch nie so laut.«

Fröstelnd beschlich mich Furcht und ich blickte über die sich weit um uns erstreckende Ebene, übersät von den grünen, mit Binsen bestandenen Flecken. Nichts bewegte sich über der ganzen Weite außer einem Paar Raben, die von einem Felsturm hinter uns laut herunterkrächzten.

»Sie sind ein gebildeter Mann. Sie glauben doch einen solchen Unsinn nicht?« sagte ich. »Was, glauben Sie, ist die Ursache eines solchen Geräuschs?«

»Moorlöcher geben manchmal seltsame Töne von sich. Es ist der Schlamm, der sich setzt, oder das Wasser, das aufsteigt, oder so etwas.«

»Nein, nein, das war die Stimme eines Lebewesens.«

»Nun, vielleicht auch das. Haben Sie jemals eine Rohrdommel gehört?«

»Nein, noch nie.«

»Ein äußerst seltener Vogel, in England nahezu ausgestorben, aber im Moor ist alles möglich. Ich wäre nicht überrascht zu erfahren, dass das, was wir gehört haben, der Schrei der letzten Rohrdommel war.«

»Es ist das Seltsamste und Merkwürdigste, das ich je in meinem Leben gehört habe.«

»Nun, im Großen und Ganzen ist es ein eher unheimlicher Ort. Schauen Sie auf die Hügelreihe dort drüben. Was erkennen Sie?«

Der ganze steile Abhang war mit kreisförmig angeordneten grauen Steinen bedeckt, mindestens zwanzig Ringe.

»Was ist das? Schafzäune?«

»Nein, das sind die Häuser unserer ehrwürdigen Vorfahren. Die Menschen der Vorzeit haben das Moor dicht besiedelt, und weil seither niemand dort gewohnt hat, finden wir diese Dinge noch alle so vor, wie sie verlassen worden waren. Dies sind ihre Hütten, die Dächer fehlen. Sie können sogar die Herde und Lagerstätten sehen, wenn Sie neugierig genug sind hineinzugehen.«

»Das ist ja fast eine ganze Stadt! Wann wurde sie bewohnt?«

»Irgendwann im Neolithikum.«

»Was machten diese Menschen?«

»Sie weideten ihr Vieh auf den Hängen und lernten nach Zinn zu graben, als das Bronzeschwert die Steinaxt zu verdrängen begann. Sehen Sie den großen Graben auf dem gegenüberliegenden Hügel? Das ist eine ihrer Spuren. Ja, Dr. Watson, Sie finden einzigartige Dinge im Moor. Oh, entschuldigen Sie einen Moment. Das ist sicher ein Cyclopides.«

Ein kleiner Falter oder eine Motte flatterte über unseren Weg, und im Handumdrehen war Stapleton mit unerwarteter Energie und Geschwindigkeit hinter ihm her. Zu meiner Bestürzung flog das Tier direkt hinüber zum großen Moor, und mein Bekannter folgte ihm unablässig und ohne nachzudenken, während er von Grasbüschel zu Grasbüschel hüpfte, wobei sein grünes Netz in der Luft hin und her schwang. Seine grauen Kleider und sein unregelmäßiges, sprunghaftes Zickzack ließen ihn selbst wie eine Art riesiger Falter erscheinen. Ich stand da und betrachtete seine Jagd mit einer Mischung aus Bewunderung für seine Gewandtheit und Furcht, er könne in diesem trügerischen Moorloch fehltreten, als ich das Geräusch von Schritten hörte. Ich drehte mich um und sah auf dem Pfad eine Frau sich nähern. Sie kam aus der Richtung, in welcher ich wegen der Rauchfahne Merripit House vermutete, doch die Erhebungen des Moors hatten sie vor Blicken verborgen, bis sie ganz nah war.

Ich zweifelte nicht, dass es sich um Miss Stapleton handelte, denn Damen jeglicher Art mussten auf dem Moor eher selten sein, und ich erinnerte mich, dass jemand sie als Schönheit bezeichnet hatte. Dies traf sicherlich auf die Frau zu, die sich mir näherte, und dazu eine Schönheit ungewöhnlicher Art. Der Gegensatz zwischen Bruder und Schwester hätte nicht größer sein können, denn Stapleton war ein unauffälliger Typ mit hellem Haar und grauen Augen, sie hingegen war dunkler als jede andere Brünette, die ich in England gesehen hatte, schlank, elegant und hoch gewachsen. Sie hatte ein stolzes und fein geschnittenes Gesicht, das so ebenmäßig war, dass es ausdruckslos gewirkt hätte, wären da nicht der sinnliche Mund und die schönen dunklen Augen gewesen. Mit ihrer vollkommenen Gestalt und der eleganten Kleidung war sie tatsächlich eine außergewöhnliche Erscheinung auf einem einsamen Moorpfad. Als ich mich umdrehte, sah sie gerade nach ihrem Bruder, doch dann beschleunigte sie ihren Schritt und kam auf mich zu. Ich hatte meinen Hut gelüftet und wollte gerade eine erklärende Bemerkung machen, als ihre Worte all meine Gedanken in eine neue Richtung lenkten.

»Gehen Sie fort!« sagte sie. »Fahren Sie direkt nach London zurück, augenblicklich.«

Ich konnte sie nur mit fassungsloser Überraschung anstarren. Ihre Augen funkelten mich an und sie stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden auf.

»Warum sollte ich zurückfahren?«

»Das kann ich nicht erklären.« Sie sprach mit leiser, aufgeregter Stimme und einem leichten Lispeln. »Doch um Gottes Willen tun Sie, worum ich Sie bitte. Fahren Sie zurück und setzen Sie niemals mehr einen Fuß in dieses Moor.«

»Ich bin doch gerade erst angekommen!«

»Gütiger Himmel!« rief sie. »Merken Sie nicht, wenn eine Warnung gut gemeint ist? Fahren Sie nach London zurück! Reisen Sie noch heute Abend ab! Verschwinden Sie von hier, koste es, was es wolle! Still, mein Bruder kommt. Kein Wort von dem, was ich gesagt habe. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir diese Orchidee dort zu pflücken? Es gibt herrliche Orchideen in diesem Moor, doch Sie sind etwas spät dran, um die Schönheiten dieser Gegend zu erkunden.«

Stapleton hatte die Jagd aufgegeben und kam heftig atmend und rot vor Anstrengung zurück.

»Hallo, Beryl!« sagte er, und der Ton seiner Begrüßung schien mir nicht allzu herzlich zu sein.

»Hallo, Jack, du bist ganz außer Atem.«

»Ja, ich habe einen Cyclopides verfolgt. Er ist sehr selten und im Spätherbst kaum zu sehen. Wirklich schade, dass ich ihn nicht erwischt habe.« Er sprach unbeteiligt, aber seine kleinen hellen Augen blickten unablässig von seiner Schwester zu mir und zurück.

»Ihr habt euch einander vorgestellt, wie ich sehe?«

»Ja. Ich erzählte Sir Henry gerade, dass er eher zu spät dran ist, um die Schönheiten des Moors zu sehen.«

»Wie, wer, glaubst du, ist das?«

»Ich dachte, das müsse Sir Henry Baskerville sein.«

»Nein, nein«, sagte ich, »nur ein demütiger Gemeiner, aber sein Freund. Mein Name ist Dr. Watson.«

Ein Anflug von Verärgerung huschte über ihr ausdrucksvolles Gesicht. »Oh, dann haben wir uns missverstanden«, sagte sie.

»Nun, ihr hattet ja nicht viel Zeit für ein Gespräch«, bemerkte ihr Bruder mit fragendem Blick.

»Ich redete mit Dr. Watson, als ob er ein Einheimischer und nicht nur ein Besucher wäre«, sagte sie. »Ihm kann es egal sein, ob es für Orchideen früh oder spät ist. Aber Sie kommen doch mit, um sich Merripit House anzusehen?«

Ein kurzer Spaziergang brachte uns hin; es war ein einfaches Moorlandhaus, einstmals die Farm eines Viehbauern, doch instandgesetzt und in ein modernes Wohnhaus umgebaut, von einem Obstgarten umgeben, dessen Bäume, wie im Moor üblich, verkrüppelt und verkümmert waren, und der Eindruck des ganzen Anwesens war eher durchschnittlich und melancholisch. Ein sonderbarer, verschrumpelter alter Diener in rostrotem Mantel, der sich um den Haushalt zu kümmern schien, ließ uns ein. Im Inneren des Hauses jedoch befanden sich große Räume, welche mit einer Eleganz möbliert waren, die mir den Geschmack der Dame widerzuspiegeln schienen. Als ich aus einem der Fenster auf das unendliche, vom Granit gesprenkelte Moor hinausschaute, das sich bis zum äußersten Horizont erstreckte, konnte ich mich nur darüber wundern, was wohl diesen so gebildeten Mann und diese schöne Frau dazu gebracht haben mochten, in so einer Gegend zu wohnen.

»Ein seltsamer Ort, den wir uns ausgesucht haben, nicht wahr?« sagte er wie eine Antwort auf meine Gedanken. »Und doch fühlen wir uns hier ausgesprochen wohl, nicht wahr, Beryl?«

»Das ist wahr«, sagte sie, doch klangen ihre Worte nicht sonderlich überzeugt.

»Ich hatte eine Schule«, sagte Stapleton. »Im Norden des Landes. Die Arbeit erschien einem Manne meines Temperaments mechanisch und uninteressant, aber der Vorzug, mit der Jugend umzugehen, diese jungen Seelen zu erziehen und sie mit den eigenen Idealen zu erfüllen bedeutete mir sehr viel. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit uns. Eine schlimme Epidemie brach in der Schule aus und drei der Jungen starben. Sie hat sich von dem Schlag nie mehr erholt und meine Gelder waren zum größten Teil unwiederbringlich verloren. Und wäre da nicht der Verlust des reizvollen Umgangs mit den Jungen, würde ich mich über mein eigenes Unglück freuen, denn für meine starken Neigungen zur Botanik und Zoologie finde ich hier ein unbegrenztes Tätigkeitsgebiet, und meine Schwester liebt die Natur ebenso sehr wie ich selbst. Sehen Sie, Dr. Watson, diesen ganzen Wortschwall hat ihr Gesichtsausdruck, mit welchem Sie das Moor von unserem Fenster aus betrachteten, verursacht.«

»Der Gedanke schoss mir sicherlich durch den Kopf, dass es hier ein wenig eintönig sein könnte – vielleicht weniger für Sie als für Ihre Schwester.«

»Nein, nein, ich finde es niemals eintönig«, sagte sie rasch.

»Wir haben Bücher, wir haben unsere Studien, und wir haben interessante Nachbarn. Dr. Mortimer ist auf seinem Fachgebiet ein höchst gebildeter Mann. Auch der bedauernswerte Sir Charles war ein bewundernswerter Freund. Wir kannten ihn gut und vermissen ihn mehr, als ich ausdrücken kann. Hielten Sie es für aufdringlich, wenn ich heute Nachmittag zu Sir Henry ginge und mich ihm vorstellte?«

»Ich bin sicher, er wäre entzückt.«

»Dann könnten Sie vielleicht erwähnen, dass ich vorhabe zu kommen. Wir könnten auf unsere bescheidene Art ihm das Leben vielleicht ein wenig erleichtern, bis er sich an die neue Umgebung gewöhnt hat. Kommen Sie herauf, Dr. Watson, und begutachten Sie meine Sammlung von Lepidoptera! Ich halte sie für die vollständigste im ganzen Südwesten von England. Wenn Sie sie angeschaut haben, wird das Mittagessen sicher fertig sein.«

Doch ich war bestrebt, zu meinem Schützling zurückzukehren. Die Trostlosigkeit des Moores, der Tod des unglücklichen Ponys, der unheimliche Laut in Zusammenhang mit der düsteren Legende der Baskervilles, all diese Dinge erfüllten mich mit Schwermut. Und um diese ganzen mehr oder weniger verschwommenen Eindrücke noch zu übertreffen erhielt ich diese deutliche und entschiedene Warnung von Miss Stapleton, die sie mir mit solch eindringlichem Ernst zukommen ließ, dass ich keinen Zweifel daran hatte, dass ein realer, schwer wiegender Grund dahinter stecken musste. Ich widerstand allen Aufforderungen, zum Essen zu bleiben, und machte mich sofort auf den Heimweg, den grasüberwucherten Weg entlang, auf welchem wir gekommen waren.

Anscheinend gab es jedoch für Kenner der Gegend eine Abkürzung, denn bevor ich die Straße erreichte, sah ich zu meinem Erstaunen Miss Stapleton auf einem Felsen am Wegrand sitzen. Ihr Gesicht war vor Anstrengung auf reizende Weise gerötet, und sie hielt sich ihre Seite mit der Hand.

»Ich bin den ganzen Weg gerannt, um Ihnen den Weg abzuschneiden, Dr. Watson«, sagte sie. »Ich hatte noch nicht mal die Zeit, meinen Hut aufzusetzen. Ich darf nicht lang bleiben, sonst wird mein Bruder nach mir suchen. Ich wollte nur sagen, wie Leid es mir tut, dass ich den dummen Fehler begangen habe, sie für Sir Henry zu halten. Bitte vergessen Sie, was ich gesagt habe, denn das hat alles nichts mit Ihnen zu tun.«

»Aber ich kann das nicht vergessen, Miss Stapleton«, sagte ich. »Ich bin Sir Henrys Freund und sein Wohlergehen liegt mir sehr am Herzen. Sagen Sie mir, warum sie so darauf bestehen, dass Sir Henry nach London zurückkehrt.«

»Die Laune einer Frau, Dr. Watson. Wenn Sie mich besser kennen, werden Sie verstehen, dass ich für meine Worte oder Taten nicht immer einen Grund angeben kann.«

»Nein, nein, ich erinnere mich an die Erregung in Ihrer Stimme. Ich erinnere mich an den Blick ihrer Augen. Bitte sprechen Sie doch offen mit mir, Miss Stapleton. Seit ich angekommen bin, spüre ich überall um mich herum Schatten. Das Leben erscheint mir wie das große Moor von Grimpen mit kleinen grünen Flecken überall, in denen man versinken kann, ohne dass man einen Ausweg findet. Sagen Sie mir doch, was Sie gemeint haben, und ich verspreche Ihnen, dass ich die Warnung an Sir Henry weitergeben werde.«

Ein Ausdruck der Unschlüssigkeit stand einen Moment lang auf ihrem Gesicht, doch als sie mir antwortete, blickten ihre Augen wieder hart.

»Sie messen dem zu viel Gewicht bei, Dr. Watson«, sagte sie. »Mein Bruder und ich waren sehr schockiert durch den Tod von Sir Charles. Wir waren eng mit ihm befreundet, denn sein Lieblingsspaziergang führte ihn über das Moor in unser Haus. Der Fluch, der über seiner Familie hing, machte großen Eindruck auf ihn, und als sich die Tragödie ereignete, hatte ich das Gefühl, es müsse Ursachen für seine Ängste gegeben haben. Daher war ich bestürzt, als ich hörte, dass ein anderes Mitglied der Familie hier wohnen wolle, und glaubte, ihn vor den Gefahren warnen zu müssen, die auf ihn lauern. Das war alles.«

»Aber was für Gefahren?«

»Sie kennen die Geschichte des Hundes?«

»Ich glaube nicht an solchen Unsinn.«

»Aber ich glaube daran. Wenn Sie Einfluss auf Sir Henry haben, bringen Sie ihn weg von diesem Ort, der für seine Familie immer todbringend gewesen ist. Die Welt ist groß. Warum sollte er an einem so gefährlichen Ort leben?«

»Weil es ein gefährlicher Ort ist. Das ist der Charakter von Sir Henry. Ich fürchte, sofern Sie mir nicht eindeutigere Informationen geben können, wird es unmöglich sein, ihm zum Fortgehen zu bewegen.«

»Ich kann nichts Eindeutigeres sagen, da ich nichts Eindeutigeres weiß.«

»Ich möchte Ihnen noch eine Frage stellen, Miss Stapleton. Wenn Sie also, als Sie zuerst mit mir gesprochen haben, sonst nichts mitteilen wollten, warum wollten Sie dann nicht, dass Ihr Bruder hörte, worüber wir sprachen? Das war doch nichts, wogegen Ihr Bruder oder sonst wer irgendwelche Einwände haben könnte.«

»Meinem Bruder ist sehr daran gelegen, dass Baskerville Hall bewohnt wird, denn seiner Meinung nach ist das gut für die Leute im Moor. Er wäre sehr verärgert, wenn er wüsste, dass ich etwas gesagt habe, das Sir Henry zum Abreisen veranlassen könnte. Aber ich habe meine Pflicht getan und werde weiter nichts mehr sagen. Ich muss zurück oder er wird mich suchen und im Verdacht haben, ich hätte mit Ihnen gesprochen. Auf Wiedersehen!« Sie drehte sich um und war innerhalb weniger Minuten zwischen den umherliegenden Findlingen verschwunden, während ich, erfüllt von vagen Ängsten, meinen Weg nach Baskerville Hall fortsetzte.


 << zurück weiter >>