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(Zweiter Bericht von Dr. Watson)

Das Licht auf dem Moor

Baskerville Hall, den 15. Oktober

Lieber Holmes, in den ersten Tagen meines Aufenthalts war es mir nicht möglich, dir viele Neuigkeiten mitzuteilen, doch wirst du anerkennend feststellen, dass ich die verlorene Zeit jetzt aufhole und die Ereignisse sich nachgerade überstürzen. Mein letzter Bericht endete mit der sensationellen Nachricht von Barrymores nächtlichem Ausflug, und mittlerweile hat sich eine Menge ereignet, dass dich meiner Meinung nach beträchtlich überraschen wird. Die Dinge haben eine Wendung genommen, mit der ich nicht gerechnet habe. Vieles ist in den letzten 48 Stunden klarer, manches wiederum komplizierter geworden. Aber ich will dir über alles berichten, damit du selbst urteilen kannst.

Am nächsten Morgen bin ich noch vor dem Frühstück den Flur hinunter gegangen, um das Zimmer zu untersuchen, das Barrymore die Nacht zuvor aufgesucht hatte. Das westliche Fenster, durch welches er so gespannt hinausgestarrt hatte, unterscheidet sich, wie mir auffiel, von allen anderen Fenstern des Hauses durch eine Besonderheit: Von dort aus hat man den besten Überblick über das Moor, denn es gibt eine Öffnung zwischen zwei Bäumen, die von diesem Punkt einen direkten Ausblick ermöglicht, während man von allen anderen Fenstern aus nur entfernte Teile des Moores sieht. Da dies also das einzige Fenster ist, das diesen Zweck erfüllt, folgt daraus ganz klar, dass Barrymore nach etwas oder jemandem auf dem Moor Ausschau gehalten hat. Es war eine sehr dunkle Nacht, daher kann ich mir kaum erklären, wie er hoffen konnte, etwas zu sehen. Mir war der Gedanke gekommen, dass es sich um ein Liebesabenteuer handeln könnte. Das würde sowohl seine Heimlichtuerei als auch den Kummer seiner Frau erklären. Der Mann ist ja ein gut aussehender Kerl, ganz dafür gemacht, einem Mädchen vom Lande den Kopf zu verdrehen, so dass mir an dieser Theorie doch einiges dran zu sein schien. Das Öffnen der Tür, das ich nach meiner Rückkehr noch hörte, könnte bedeuten, dass er zu einer heimlichen Verabredung das Haus verlassen hatte. Jedenfalls waren das die Überlegungen, die ich morgens angestellt hatte, und ich erzähle dir von meinem Verdacht, obwohl der weitere Verlauf gezeigt hat, dass er unbegründet war.

Doch ungeachtet der wirklichen Erklärung für Barrymores Verhalten war die Last der Verantwortung, das alles so lange für mich zu behalten, bis ich es erklären könnte, mehr, als ich tragen konnte. Daher sprach ich gleich nach dem Frühstück mit dem Baronet in seinem Arbeitszimmer und erzählte ihm alles, was ich gesehen hatte. Er war weniger überrascht, als ich erwartet hatte.

»Ich wusste, dass Barrymore nachts herumläuft, und ich wollte schon mit ihm darüber sprechen«, sagte er. »Zwei oder drei Mal habe ich seine Schritte im Gang gehört, genau zu der Uhrzeit, die Sie erwähnten.«

»Dann sucht er jenes Fenster vielleicht jede Nacht auf«, vermutete ich.

»Möglich. Falls das so ist, sollten wir in der Lage sein, ihm zu folgen und herauszubekommen, worauf er aus ist. Was wohl Ihr Freund Holmes tun würde, wenn er hier wäre?«

»Ich glaube, er würde genau das tun, was Sie vorgeschlagen haben«, sagte ich. »Er würde Barrymore folgen, um zu erfahren, was er tut.«

»Dann sollten auch wir das tun.«

»Aber er würde uns bestimmt hören.«

»Der Mann ist recht schwerhörig, und in jedem Fall sollten wir es riskieren. Wir werden heute Nacht in meinem Zimmer warten, bis er kommt.« Sir Henry rieb sich die Hände vor Vergnügen, denn offensichtlich begrüßte er das Abenteuer als willkommene Abwechslung in dem allzu ruhigen Leben auf dem Moor.

Der Baronet hatte sich sowohl mit dem Architekten, der die Pläne für Sir Charles bearbeitete, in Verbindung gesetzt als auch mit einem Bauunternehmer aus London, so dass bald größere Umbauten beginnen werden. Aus Plymouth sind Innenausstatter und Möbelhändler gekommen, und offenbar hat unser Freund große Ideen und scheut weder Kosten noch Mühe, den Glanz seiner Familie aufzupolieren. Wenn das Haus erst renoviert und vollständig möbliert sein wird, fehlt ihm zur Vollständigkeit nur noch eine Ehefrau. Unter uns gesagt, es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass dies nicht auf sich warten lassen wird, sofern die Dame einverstanden ist, denn selten habe ich einen Mann gesehen, der noch vernarrter in eine Frau war als Sir Henry in unsere schöne Nachbarin, Miss Stapleton. Und doch läuft es mit der wahren Liebe nicht so rund, wie man es unter den gegebenen Umständen erwarten dürfte. Heute zum Beispiel wurde ihre Beziehung durch ein äußerst unerwartetes Ereignis gestört, das bei unserem Freund beträchtliche Verblüffung und Verärgerung hervorgerufen hat.

Nach der erwähnten Unterhaltung, die wir über Barrymore geführt hatten, nahm Sir Henry seinen Hut und schickte sich an auszugehen. Selbstverständlich tat ich es ihm gleich.

»Was, Sie wollen mitkommen, Watson?« fragte er und schaute mich seltsam an.

»Das hängt davon ab, ob Sie auf das Moor hinaus wollen«, antwortete ich.

»Ja, das will ich.«

»Nun, Sie kennen ja meine Anweisungen. Es tut mir Leid, wenn ich mich aufdränge, aber Sie haben gehört, wie ernsthaft Holmes darauf bestanden hat, dass ich Sie nicht allein lassen soll, vor allem, dass Sie nicht allein auf das Moor hinausgehen sollen.«

Sir Henry legte mit einem freundlichen Lächeln seine Hand auf meine Schulter.

»Mein lieber Watson«, sagte er, »Holmes hat in all seiner Weisheit nicht alles voraussehen können, das geschehen ist, seit ich hierher gezogen bin, verstehen Sie mich? Ich bin sicher, Sie sind der Letzte auf dieser Welt, der als Spielverderber gelten möchte. Ich muss allein gehen.«

Dies brachte mich in eine höchst unangenehme Situation. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte, und noch bevor ich einen Entschluss fassen konnte, hatte er seinen Stock ergriffen und war gegangen.

Während ich noch darüber nachdachte, bekam ich heftige Gewissensbisse, seinem Vorwand nachgegeben und ihn allein gelassen zu haben. Ich fragte mich, was ich wohl fühlen würde, wenn ich zu dir kommen und gestehen müsste, dass ein Unglück geschehen sei, weil ich deine Anweisungen missachtet hatte. Schon bei dem Gedanken lief ich rot an, das kannst du mir glauben. Möglicherweise war ich noch nicht zu spät dran, um ihn einzuholen, also lief ich umgehend in Richtung Merripit House.

So schnell ich konnte, rannte ich die Straße entlang, ohne eine Spur von Sir Henry zu sehen, bis ich zu der Stelle gelangte, an welcher die Moorwege sich teilen. Da ich fürchtete, vielleicht doch in die falsche Richtung zu gehen, stieg ich auf einen Hügel, von welchem ich einen guten Überblick hatte – eben jener Hügel, wo sich der Steinbruch befindet. Von dort aus sah ich ihn sofort. Er befand sich auf dem Moorweg, vielleicht fünfhundert Meter entfernt, und an seiner Seite ging eine Dame, die nur Miss Stapleton sein konnte. Es war offensichtlich, welch inniges Verständnis zwischen beiden herrschte und dass sie sich verabredet hatten. Sie liefen langsam, tief ins Gespräch versunken, und ich bemerkte, wie sie mit ihren Händen kleine, rasche Bewegungen machte, während sie sprach, als ob sie damit unterstreichen wollte, wie ernst ihre Worte gemeint waren, während er aufmerksam zuhörte und ein- oder zweimal energisch den Kopf schüttelte. Ich stand zwischen den Felsen, beobachtete sie und war unschlüssig, was ich als nächstes tun sollte. Ihnen zu folgen und ihre vertrauliche Unterhaltung zu stören erschien mir eine Grobheit, doch es war ganz klar meine Aufgabe, ihn nicht den kleinsten Moment aus den Augen zu lassen. Einen Freund auszuspionieren ist eine widerwärtige Sache, jedoch fiel mir keine bessere Lösung ein, als ihn von dem Hügel aus zu überwachen und mein Gewissen später dadurch zu erleichtern, dass ich ihm erzählen wollte, was ich getan hatte. Es war allerdings so, dass ich zu weit entfernt war, um bei einer unmittelbar auftauchenden Gefahr eingreifen zu können, doch bin ich sicher, du pflichtest mir bei, dass die Situation äußerst schwierig war und ich nicht mehr tun konnte.

Unser Freund Sir Henry und die Dame waren stehen geblieben und tief in ihre Unterhaltung versunken, als mir plötzlich auffiel, dass ich nicht der einzige Zeuge ihres Zusammenseins war. Etwas Grünes in der Luft erregte meine Aufmerksamkeit, und als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass es das Ende eines Stocks war, den ein Mann in der Hand hielt, während er sich über den unebenen Boden bewegte. Es war Stapleton mit seinem Schmetterlingsnetz. Er war deutlich näher an dem Paar als ich und schien sich auf die beiden zuzubewegen. In diesem Moment zog Sir Henry plötzlich Miss Stapleton an sich heran. Er legte seinen Arm um sie, doch anscheinend suchte sie sich von ihm loszumachen, während sie ihr Gesicht wegdrehte. Er neigte ihr seinen Kopf zu und sie hob eine Hand, wie um zu protestieren. Im nächsten Augenblick sprangen sie zur Seite und drehten sich blitzschnell herum. Der Grund dieser Unterbrechung war Stapleton. Er rannte aufgeregt auf sie zu, während sein lächerliches Netz hinter ihm herschaukelte, fuchtelte mit den Händen in der Luft und tanzte fast vor Aufregung vor ihnen herum. Was das Schauspiel zu bedeuten hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, aber es schien mir, als ob Stapleton Sir Henry beschimpfte, während dieser ihm Erklärungen zu geben suchte und immer ärgerlicher wurde, als der andere nicht darauf einging. Die Dame stand in stolzem Schweigen daneben. Schließlich drehte sich Stapleton auf dem Absatz herum und winkte seiner Schwester mit entschiedener Geste, die nach einem unentschlossenen Blick auf Sir Henry mit ihrem Bruder fortging. Die ärgerlichen Bewegungen des Naturforschers zeigten, dass sich seine Schwester ebenfalls sein Missfallen zugezogen hatte. Eine Minute lang schaute der Baronet den beiden nach, dann lief er langsam, mit gesenktem Kopf, ein Bild des Jammers, den Weg zurück, den er gekommen war.

Die Bedeutung von all dem war mir nicht klar, doch schämte ich mich zutiefst, ohne Wissen meines Freundes eine so intime Szene mit angesehen zu haben. Daher rannte ich den Hügel hinunter und traf unten auf den Baronet. Sein Gesicht war rot vor Wut und seine Augenbrauen ratlos zusammengezogen.

»Hallo, Watson! Wo kommen Sie denn her?«, fragte er. »Sie wollen doch wohl nicht sagen, dass Sie mir trotz allem gefolgt sind?«

Ich erklärte ihm alles: Wie ich mich außer Stande sah zurückzubleiben, wie ich ihm gefolgt war und wie ich Zeuge der Vorkommnisse wurde. Einen Moment lang funkelten seine Augen mich an, doch meine Offenheit wirkte so entwaffnend auf ihn, dass er schließlich in ein wenn auch klägliches Lachen ausbrach.

»Man sollte meinen, dass ein Mann inmitten dieser Wildnis einen einigermaßen privaten Platz finden könnte«, sagt er, »doch zum Donnerwetter, die ganze Nachbarschaft scheint auf den Beinen zu sein, um zu sehen, wie ich um ihre Hand anhalte – und das Ganze so erbärmlich endet! Wo hatten Sie Ihren Sitz reserviert?«

»Ich befand mich auf jenem Hügel.«

»Eher letzter Rang, was? Aber ihr Bruder saß in der ersten Reihe. Haben Sie gesehen, wie er auf uns los ist?«

»Ja, habe ich.«

»Kam er Ihnen jemals verrückt vor, dieser Bruder?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Ich denke doch. Bis heute habe ich ihn immer für normal gehalten, aber ich kann Ihnen versichern, dass entweder er oder ich in eine Zwangsjacke gehören. Was stimmt denn nicht mit mir? Sie haben jetzt einige Wochen bei mir gewohnt, Watson. Sagen Sie es mir ganz offen! Gibt es irgend etwas, dass mich daran hindert, der Frau, die ich liebe, ein guter Ehemann zu sein?«

»Meines Wissens nicht.«

»Da es nicht meine finanziellen Verhältnisse sein können, kann er nur etwas gegen mich persönlich haben. Aber was mag das sein? Ich habe niemals in meinem Leben einer Frau oder einem Mann Böses zugefügt, soviel ich weiß. Und doch will er nicht einmal zulassen, dass ich sie berühre.«

»Hat er das gesagt?«

»Das und einiges mehr. Ich sage Ihnen, Watson, ich kenne sie zwar erst einige Wochen, aber vom ersten Moment an fühlte ich, dass wir füreinander geschaffen sind, und sie fühlt genauso – sie war glücklich, wenn wir zusammen waren, das kann ich beschwören. Es gibt einen Schimmer in den Augen einer Frau, der mehr sagt als tausend Worte. Aber er hat uns nie Gelegenheit dazu gegeben – heute war das erste Mal, dass wir allein sein konnten. Sie freute sich, mich zu sehen, aber sie wollte mit mir nicht über Liebe reden oder mich davon sprechen hören. Sie kam immer wieder darauf zurück, dass dies ein gefährlicher Ort sei und sie niemals glücklich sein könne, bis ich abgereist sei. Ich antwortete ihr, dass ich keine Eile mehr verspürte, von hier fortzugehen, seit ich sie kennen gelernt habe, und wenn sie wirklich wolle, dass ich abreise, so wäre der einzige Weg, mich dazu zu bringen, dass sie mich begleite. Gleichzeitig bat ich sie, mich zu heiraten, doch bevor sie mir antworten konnte, ging ihr Bruder wie ein Verrückter auf uns los. Er war weiß vor Wut und seine hellen Augen funkelten zornig. Was ich mit der Dame täte! Wie ich es wagen könnte, ihr geschmacklose Anträge zu machen! Bloß weil ich ein Baronet sei, glaubte ich, alles tun zu können, was ich wollte! Wäre er nicht ihr Bruder, hätte ich ihm schon die richtige Antwort gegeben, so aber erklärte ich ihm, dass meine Gefühle für seine Schwester einer Art wären, derer ich mich nicht zu schämen brauchte, und dass ich hoffte, sie würde mir die Ehre erweisen und meine Frau werden. Das schien die Sache noch zu verschlimmern, so dass schließlich auch ich die Haltung verlor und ihm hitziger antwortete, als es womöglich angebracht war, während sie daneben stand. So endete es damit, dass er mit ihr fortging, wie Sie gesehen haben, und hier stehe ich so ratlos wie keiner sonst in dieser Grafschaft. Sagen Sie mir doch, Watson, was das alles zu bedeuten hat, und ich schulde Ihnen mehr, als ich je zu zahlen in der Lage sein werde.«

Ich bemühte mich um ein oder zwei Erklärungen, doch war ich ja selbst vollkommen ratlos. Was unseren Freund betraf, so sprach alles zu seinen Gunsten: Sein Titel, sein Vermögen, sein Alter, sein Charakter, sein ganzes Auftreten und seine Erscheinung, und mir fiel nichts gegen ihn ein, wäre da nicht dieses dunkle Verhängnis, das über seiner Familie schwebte. Sehr erstaunlich war, dass sein Antrag so brüsk verworfen wurde, ohne dass von Miss Stapletons eigenen Wünschen die Rede war, und dass die Dame dies ohne zu protestieren akzeptiert hatte. Wie auch immer, unseren Spekulationen wurde ein Ende gesetzt, als Stapleton persönlich noch am selben Nachmittag zu Besuch kam in der Absicht, sich für sein schlechtes Betragen am Morgen zu entschuldigen, und eine lange, private Unterhaltung mit Sir Henry in dessen Arbeitszimmer hatte zur Folge, dass der Bruch zwischen beiden völlig gekittet war und wir als Zeichen der Versöhnung zum Abendessen am folgenden Freitag nach Merripit House eingeladen wurden.

»Ich sage jetzt nicht, dass er nicht verrückt ist«, sagte Sir Henry. »Ich werde den Blick in seinen Augen nicht vergessen, als er heute Morgen auf mich losging, aber ich muss gestehen, dass niemand eine vollendetere Entschuldigung hervorbringen könnte als er.«

»Hat er eine Erklärung für sein Verhalten geliefert?«

»Er sagt, seine Schwester bedeute ihm alles im Leben. Das ist nur natürlich, und es freut mich, wenn er sie so schätzt. Ihr Leben lang waren sie zusammen, und nach seinen eigenen Worten ist er ein einsamer Mann, der außer ihr niemanden hat, so dass der Gedanke, sie zu verlieren, schrecklich für ihn sei. Er hat nicht bemerkt, sagte er, dass ich mich in sie verliebte, aber als er mit eigenen Augen sah, was da vor sich ging, bekam er einen solchen Schreck, dass er zeitweise nicht mehr wusste, was er sagte oder tat. Das alles tut ihm schrecklich Leid und er sieht ein, wie idiotisch und egoistisch seine Meinung ist, er könne eine so schöne Frau wie seine Schwester sein ganzes Leben lang für sich behalten. Wenn sie ihn schon verlasse, dann besser zu einem Nachbarn wie mir als zu jemand anderem. Doch in jedem Fall war es ein Schlag für ihn und es werde ihn noch einige Zeit kosten, sich mit der Tatsache abzufinden. Wenn ich ihm verspräche, die ganze Angelegenheit drei Monate lang ruhen zu lassen und in dieser Zeit von seiner Schwester nur Freundschaft zu erbitten, ohne Liebe zu fordern, so werde er jeden Widerstand gegen die Heirat aufgeben. Das habe ich ihm versprochen.«

So wurde also eines unserer kleinen Geheimnisse gelüftet. Es hat schon etwas für sich, endlich mal auf Grund gestoßen zu sein in diesem Morast, durch den wir uns quälen. Jetzt wissen wir, warum Stapleton den Freier seiner Schwester so misstrauisch beäugt hat, obwohl dieser Freier eine so gute Partie ist. Und nun komme ich zu einem anderen Faden, den ich aus diesem verwickelten Garnknäuel gezogen habe, dem Geheimnis der nächtlichen Seufzer, des von Tränen gezeichneten Gesichts von Mrs. Barrymore und der heimlichen Ausflüge des Butlers zum westlichen Gitterfenster. Du darfst mich beglückwünschen, mein lieber Holmes, dass ich dich als dein Vertreter nicht enttäuscht und dein Vertrauen gerechtfertigt habe. All jene Punkte wurden durch die Arbeit einer Nacht vollständig geklärt.

Zwar schrieb ich gerade ›die Arbeit einer Nacht‹, doch um ehrlich zu sein handelte es sich um zwei Nächte, denn in der ersten Nacht haben wir gar nichts erfahren. Bis fast drei Uhr morgens saß ich mit Sir Henry in seinen Gemächern zusammen, aber abgesehen vom Schlagen der Uhr auf der Treppe hörten wir nicht den geringsten Laut. Es war eine höchst trübselige Nachtwache, die damit endete, dass wir beide in unseren Sesseln einschliefen. Glücklicherweise hat uns das nicht entmutigt, und daher unternahmen wir einen zweiten Versuch. Am nächsten Abend drehten wir die Lampe herunter und rauchten vor uns hin, ohne das kleinste Geräusch zu verursachen. Unglaublich, wie langsam die Zeit verging, wobei es uns ein wenig half, dass wir ein geduldiges Interesse an den Tag legten wie ein Jäger, der seine aufgestellten Fallen im Auge hat in der Hoffnung auf Beute. Die Uhr schlug eins, dann zwei, und wir waren nahe daran, zum zweiten Mal verzweifelt aufzugeben, als wir uns plötzlich kerzengerade aufsetzten, all unsere Sinne in höchster Alarmbereitschaft; wir hatten das Knarren einer Treppenstufe vernommen.

Jemand ging sehr verstohlen an unserem Zimmer vorbei, bis die Schritte in der Ferne verklangen. Sofort öffnete der Baronet sachte die Tür und wir schlichen hinterher. Der Mann vor uns hatte die Galerie bereits hinter sich gelassen, und der ganze Korridor lag in Dunkelheit. Vorsichtig bewegten wir uns bis zum anderen Flügel, wo wir gerade noch rechtzeitig ankamen, um einen Anblick der großen, schwarzbärtigen Gestalt zu erhaschen, die gebeugt und auf Zehenspitzen den Gang entlangschlich. Er ging durch dieselbe Tür wie beim letzten Mal, und einen Moment lang beleuchtete das Kerzenlicht den gesamten Rahmen, bevor nur noch ein einziger Strahl das Dunkel des Korridors durchbrach. Vorsichtig bewegten wir uns darauf zu, wobei wir jede Bohle im Fußboden erprobten, bevor wir unser volles Gewicht darauf zu stellen wagten. Unsere Schuhe hatten wir vorsichtshalber schon zurückgelassen, doch auch so knarrten und ächzten die alten Dielen unter unseren Tritten. Es schien oft unvorstellbar, dass er uns nicht hörte, doch zum Glück ist der Mann ja schwerhörig und war völlig mit seinem eigenen Tun beschäftigt. Als wir endlich die Tür erreicht hatten und in das Zimmer spähen konnten, sahen wir ihn am Fenster hocken, mit der Kerze in der Hand, sein weißes, aufmerksames Gesicht gegen die Scheibe gepresst, gerade so, wie ich ihn schon zwei Nächte zuvor beobachtet hatte.

Zwar hatten wir für unser weiteres Vorgehen keinen Plan, aber der Baronet ist ein Mann, für den der direkte Weg der natürlichste ist. Er trat einfach in das Zimmer, woraufhin Barrymore mit einem scharfen Zischlaut vom Fenster aufsprang und bleich und zitternd vor uns stand. Seine dunklen Augen, die aus der weißen Maske seines Gesichts hervorglühten, starrten uns beide voller Entsetzen und Erstaunen an.

»Was tun Sie hier, Barrymore?«

»Nichts, Sir.« Vor Aufregung konnte er kaum sprechen, und die Kerze in seiner zitternden Hand ließ die Schatten auf und ab springen. »Es war wegen des Fensters. Ich gehe nachts herum, um sicherzustellen, dass alle Fenster verriegelt sind.«

»Im obersten Stock?«

»Ja, Sir, alle Fenster.«

»Hören Sie, Barrymore«, sagte Sir Henry streng, »wir sind entschlossen, die Wahrheit von Ihnen zu erfahren, also ersparen Sie sich Ärger und erzählen Sie sie uns besser früher als später. Auf jetzt, keine Lügen! Was haben Sie an diesem Fenster zu schaffen gehabt?«

Mit hilfloser Miene schaute der Butler uns an und rang die Hände wie in äußerstem Zweifel und Unglück.

»Ich habe niemandem geschadet, Sir. Ich hielt nur eine Kerze ins Fenster.«

»Und warum hielten Sie eine Kerze ins Fenster?«

»Fragen Sie mich nicht, Sir Henry, fragen Sie mich nicht! Ich gebe Ihnen mein Wort, Sir, dass dies nicht mein Geheimnis ist und ich es daher nicht verraten darf. Würde es nur mich betreffen, würde ich es vor Ihnen nicht verbergen.«

Eine plötzliche Eingebung überkam mich und ich nahm die Kerze aus der zitternden Hand des Butlers.

»Er wollte damit ein Signal geben«, rief ich. »Wir wollen mal sehen, ob es irgendeine Antwort gibt.« Ich hielt die Kerze wie Barrymore zuvor und starrte in die nächtliche Dunkelheit. Nur schemenhaft konnte ich die schwarzen Bäume und das hellere Moor erkennen, da der Mond hinter Wolken verborgen war. Und dann gab ich einen Laut der Befriedigung von mir, denn plötzlich tauchte ein winziger gelber Lichtpunkt in dem dunklen Schleier auf und glühte gleichmäßig inmitten des schwarzen Fenstervierecks.

»Da ist es!« rief ich.

»Nein, nein, Sir, das ist nichts – überhaupt nichts!« fiel der Butler ein. »Ich versichere Ihnen...«

»Bewegen Sie die Kerze hin und her, Watson!« rief der Baronet. »Sehen Sie, das andere Licht bewegt sich genau so. Also, Sie Gauner, wollen Sie leugnen, dass das ein Signal ist? Los, sprechen Sie! Wer ist Ihr Komplize dort draußen, und was für eine Verschwörung geht hier vor?«

Barrymores Gesicht bekam einen herausfordernden Ausdruck.

»Das ist meine Sache und geht Sie nichts an. Ich werde gar nichts sagen.«

»In diesem Fall verlassen Sie auf der Stelle meinen Dienst.«

»Sehr wohl, Sir. Wenn es sein muss, dann muss es wohl sein.«

»Und Sie gehen in Ungnade. Zum Donnerwetter, Barrymore, Sie müssen sich doch schämen! Ihre Familie hat über hundert Jahre lang mit meiner unter diesem Dach zusammengelebt, und nun finde ich Sie tief in eine Verschwörung gegen mich verstrickt.«

»Nein, Sir, nein, nicht gegen Sie!« Das war eine Frauenstimme, und Mrs. Barrymore, bleicher und entsetzter noch als ihr Ehemann, stand in der Tür. Ihre üppige Gestalt, nur mit Nachthemd und Schal bekleidet, hätte komisch gewirkt, wäre da nicht der bestürzte Ausdruck auf ihrem Gesicht.

»Wir müssen gehen, Eliza. Das ist das Ende. Du kannst unsere Sachen packen«, sagte ihr Mann.

»Oh, John, John, wohin habe ich dich gebracht! Es ist meine Schuld, Sir Henry, einzig meine. Er hat nichts getan, als mir zu helfen, weil ich ihn darum gebeten habe.«

»So sprechen Sie doch! Was hat das alles zu bedeuten?«

»Mein unglücklicher Bruder verhungert im Moor. Wir können ihn doch nicht vor unserer Tür sterben lassen! Das Licht signalisiert ihm, dass Essen für ihn bereit steht, und sein Signal dort unten soll uns zeigen, wohin wir es bringen sollen.«

»Dann ist Ihr Bruder –«

»Der entflohene Sträfling, Sir – Selden, der Verbrecher.«

»Das ist die Wahrheit, Sir«, sagte Barrymore. »Wie ich sagte, war es nicht mein Geheimnis, daher konnte ich es Ihnen nicht erzählen. Doch nachdem Sie es jetzt kennen, wissen Sie, dass die Verschwörung, sofern es eine ist, nicht gegen Sie gerichtet war.«

Dies also war die Erklärung für die heimlichen nächtlichen Ausflüge und das Licht im Fenster. Sir Henry und ich starrten die Frau verwundert an. War es möglich, dass diese durch und durch rechtschaffene Person aus derselben Familie stammte wie einer der bekanntesten Verbrecher des Landes?

»Ja, Sir Henry, mein Mädchenname war Selden, und er ist mein jüngerer Bruder. Wir haben ihn zu sehr verwöhnt, als er klein war, und ihm immer seinen Willen gelassen, bis er der Meinung war, die Welt sei zu seinem Vergnügen gemacht und er könne tun und lassen, was er wollte. Als er älter wurde, geriet er in schlechte Gesellschaft, und der Teufel ergriff von ihm Besitz, bis er meiner Mutter das Herz gebrochen und unseren Namen in den Schmutz gezogen hat. Von Untat zu Untat sank er immer tiefer, und nur die Gnade Gottes hat ihn bislang vor dem Schafott bewahrt; doch für mich, Sir, war er immer der kleine lockige Junge, den ich aufgezogen und mit dem ich gespielt habe, wie eine ältere Schwester das gewöhnlich tut. Deshalb ist er auch aus dem Zuchthaus ausgebrochen. Er wusste, dass ich hier bin und ihm meine Hilfe nicht versagen würde. Als er sich eines Nachts hierher geschleppt hat, erschöpft und halb verhungert, die Verfolger an seine Fersen geheftet, was sollte ich da tun? Wir ließen ihn herein, gaben ihm zu essen und pflegten ihn. Dann kamen Sie her, Sir, und mein Bruder glaubte, dass es im Moor sicherer sei als anderswo, bis die Jagd und der Aufruhr vorüber wären, also versteckte er sich dort. Doch jede zweite Nacht vergewisserten wir uns, dass er sich noch dort befand, indem wir ein Licht ins Fenster stellten, und wenn eine Antwort kam, brachte ihm mein Mann ein wenig Brot und Fleisch hinaus. Jeden Tag hofften wir, dass er fortgegangen wäre, doch solange er sich dort aufhielt, konnten wir ihn nicht allein lassen. Das ist die volle Wahrheit, so wahr ich eine gläubige Christin bin, und wie Sie sehen, müssen Sie mir daraus einen Vorwurf machen und nicht meinem Ehemann, der alles um meinetwillen getan hat.«

Es lag ein eindringlicher und überzeugter Ernst in den Worten dieser Frau.

»Ist das wahr, Barrymore?«

»Ja, Sir, jedes Wort.«

»Nun, ich kann Ihnen nicht vorwerfen, dass Sie Ihrer Frau zur Seite gestanden haben. Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Gehen Sie jetzt beide auf Ihr Zimmer zurück; wir werden uns morgen früh weiter unterhalten.«

Als sie gegangen waren, schauten wir wieder aus dem Fenster. Sir Henry hatte es geöffnet, und der kalte Nachtwind schlug in unsere Gesichter. Weit draußen in der schwarzen Dunkelheit glühte noch immer das winzige gelbe Licht.

»Es erstaunt mich, dass er das wagt«, sagte Sir Henry.

»Er könnte sich an einer Stelle befinden, die nur von hier aus zu sehen ist.«

»Sehr wahrscheinlich. Wie weit, glauben Sie, ist das?«

»Draußen beim Cleft Tor, meiner Ansicht nach.«

»Also nicht mehr als zwei oder drei Kilometer.«

»Wenn überhaupt.«

»Nun, es kann nicht sehr weit sein, wenn Barrymore das Essen hinbringen soll. Und er wartet bei dieser Kerze, der Schurke. Zum Henker, Watson, ich gehe und schnappe mir den Kerl!«

Derselbe Gedanke war mir auch gekommen. Schließlich war es nicht so, dass die Barrymores uns ins Vertrauen gezogen hatten, sondern ihr Geheimnis war ihnen gegen ihren Willen entrissen worden. Der Mann war eine Gefahr für die Gesellschaft, ein Erzverbrecher, für den es weder Barmherzigkeit noch eine Entschuldigung gab. Wenn wir die Gelegenheit ergriffen, ihn dorthin zurückzubringen, wo er niemandem etwas antun konnte, so erfüllten wir nur unsere Pflicht. Angesichts seiner brutalen und gewalttätigen Natur müssten andere den Preis dafür zahlen, wenn wir nicht handeln würden. Beispielsweise könnten unsere Nachbarn, die Stapletons, jede Nacht von ihm überfallen werden, und vielleicht war es ja gerade dieser Gedanke, der Sir Henry so entschlossen wirken ließ.

»Ich komme mit«, sagte ich.

»Dann holen Sie Ihren Revolver und ziehen Sie Schuhe an. Je früher wir losgehen, um so besser, der Kerl könnte das Licht löschen und verschwinden.«

In fünf Minuten waren wir draußen auf dem Moor und liefen los. Wir eilten durch das dunkle Strauchwerk, umgeben vom leisen Stöhnen des Herbstwindes und dem Rascheln fallender Blätter. Die Nachtluft war erfüllt vom Duft der Feuchtigkeit und des Moders. Ab und zu lugte der Mond einen Moment hervor, doch dunkle Wolken jagten über den Himmel, und gerade als wir das Moor erreicht hatten, setzte ein dünner Regen ein. Vor uns leuchtete das Licht immer noch ruhig vor sich hin.

»Sind Sie bewaffnet?« fragte ich.

»Ich habe eine Reitpeitsche.«

»Wir müssen ihn schnell überwältigen, denn er ist zu allem fähig. Wir müssen ihn überraschen, bevor er Widerstand leisten kann.«

»Sagen Sie, Watson«, sagte der Baronet, »was würde Holmes von dieser Geschichte halten? Was ist mit jenen dunklen Stunden, da die Mächte des Bösen sich erheben?«

Wie eine Antwort auf seine Frage erhob sich plötzlich über der weiten Düsterkeit des Moores jener seltsame Schrei, den ich schon am Rande des großen Grimpener Moores vernommen hatte. Der Wind trug ihn durch die Stille der Nacht, ein langes, tiefes Gemurmel, dann ein anhebendes Heulen und schließlich das traurige Stöhnen, mit welchem er verebbte. Wieder und wieder erscholl er, die Luft schien ganz davon erfüllt zu sein, grell, wild und bedrohlich. Der Baronet packte meinen Ärmel und sein Gesicht glänzte hell in der Dunkelheit.

»Mein Gott, was ist das, Watson?«

»Ich weiß es nicht. Es ist ein Geräusch, das es hier auf dem Moor gibt. Ich habe es schon einmal gehört.«

Wieder erstarb es und absolute Stille umschloss uns. Wir lauschten angestrengt in die Nacht, doch nichts war zu hören.

»Watson«, sagte der Baronet, »das war das Heulen eines Hundes.«

Mir gefror das Blut in den Adern, denn der Klang seiner Stimme verriet mir das plötzliche Entsetzen, das ihn gepackt hatte.

»Wie nennen sie diesen Laut?« fragte er.

»Wer?«

»Die Leute hier auf dem Land.«

»Oh, das ist unwissendes Volk. Warum sollte es Sie interessieren, wie man es nennt?«

»Erzählen Sie es mir, Watson. Wie sagen sie dazu?«

Ich zögerte, konnte der Frage jedoch nicht ausweichen.

»Sie nennen es das Heulen des Hundes der Baskervilles.«

Er stöhnte auf und blieb eine Weile still.

»Ein Hund war es« sagte er schließlich, »aber es schien mir viele Kilometer entfernt zu sein, dort hinten, glaube ich.«

»Es ist schwer zu sagen, woher es kam.«

»Es wurde mit dem Wind lauter und leiser. Ist das nicht die Richtung des großen Grimpener Moores?«

»Ja, genau.«

»Dann kam es von dort. Kommen Sie, Watson, haben Sie nicht selbst geglaubt, es wäre das Heulen eines Hundes? Ich bin kein Kind, sie brauchen keine Angst zu haben, mir die Wahrheit zu sagen.«

»Als ich es das letzte Mal hörte, war Stapleton bei mir. Er war der Ansicht, es könne sich um den Schrei eines seltenen Vogels handeln.«

»Nein, nein, das war ein Hund. Mein Gott, kann ein Körnchen Wahrheit in all diesen Legenden liegen? Ist es möglich, dass mir von einer solch düsteren Geschichte Gefahr droht? Sie glauben nicht daran, Watson, nicht wahr?«

»Natürlich nicht.«

»Und doch ist es eine Sache, darüber in London zu lachen, und eine völlig andere, hier draußen in der Dunkelheit des Moors zu stehen und ein solches Heulen zu hören. Und mein Onkel! Es gab Fußspuren eines Hundes neben der Stelle, wo er gelegen hat. Es passt alles zusammen. Ich halte mich nicht für einen Feigling, Watson, aber dieses Heulen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Fühlen Sie mal meine Hand!«

Sie war kalt wie ein Stück Marmor.

»Morgen früh sind Sie wieder in Ordnung.«

»Ich bezweifle, dass ich dieses Heulen jemals aus meinem Kopf bekomme. Was raten Sie uns jetzt zu tun?«

»Sollen wir umkehren?«

»Nein, zum Donnerwetter. Wir sind hierher gekommen, um diesen Mann zu fangen, und das werden wir auch. Wir jagen den Zuchthäusler, und der Höllenhund ist sicherlich hinter uns her. Kommen Sie! Wir werden unsere Aufgabe erfüllen, und wären alle Teufel der Unterwelt auf dem Moor los.«

Langsam stolperten wir durch die Dunkelheit, umgeben von den schwarzen Umrissen der felsigen Hügel, vor uns der gelbe Lichtpunkt, der immer noch ruhig leuchtete. Es gibt kaum etwas Täuschenderes als die Entfernung zu einem Licht inmitten einer pechschwarzen Nacht; manchmal schien das Licht sich weit entfernt am Horizont zu befinden, dann wieder machte es den Eindruck, als ob es sich nur ein paar Meter voraus befände. Doch endlich konnten wir erkennen, woher es kam, und dann wussten wir, dass wir tatsächlich kurz davor waren. Eine tropfende Kerze war so in einen Felsspalt gesteckt worden, dass sie von beiden Seiten sowohl gegen den Wind geschützt war als auch dagegen, entdeckt zu werden, außer von Baskerville Hall aus. Ein großer Granitfelsen schützte uns davor, gesehen zu werden, und wir hockten uns dahinter und beobachteten das Signallicht. Es war seltsam, diese einsame Kerze dort inmitten des Moors brennen zu sehen ohne irgendein Zeichen von Leben in der Nähe – nur diese eine ruhige gelbe Flamme und ihr Widerschein zu beiden Seiten des Felsens.

»Was sollen wir jetzt tun?« flüsterte Sir Henry.

»Wir warten hier. Er muss in der Nähe der Kerze sein. Vielleicht können wir einen Blick von ihm erhaschen.«

Ich hatte diese Worte kaum gesprochen, als wir ihn auch schon erblickten. Über dem Felsen, in der Nische, wo die Kerze brannte, zeigte sich ein hässliches gelbes Gesicht, eher wie ein Tier als ein Mensch, zerfurcht und gezeichnet von gemeinen Lastern. So schlammbespritzt, mit dem zottigem Bart und dem verfilztem Haar hätte er gut und gerne zu den Wilden gehören können, die in den Höhlen auf den Hügeln gehaust hatten. Das Licht unter ihm spiegelte sich in seinen kleinen, verschlagenen Augen, die grimmig die Dunkelheit rechts und links zu durchdringen suchten, wie ein listiges wildes Tier, das die Schritte der Jäger gehört hatte.

Etwas hatte offensichtlich seinen Verdacht geweckt. Vielleicht hatte er mit Barrymore ein Signal vereinbart, dass dieser nicht gegeben hatte, oder es gab einen anderen Grund, warum der Bursche dachte, dass etwas nicht stimmte, aber die Furcht stand auf sein bösartiges Gesicht geschrieben. Jeden Moment konnte er das Licht ausblasen und in der Dunkelheit verschwinden. Daher sprang ich aus der Deckung und Sir Henry tat es mir nach. Im selben Moment stieß der Zuchthäusler einen Fluch hervor und schleuderte einen großen Stein gegen uns, der an dem Felsen zersplitterte, der uns verborgen hatte. Ich konnte einen Blick auf seine kurze, untersetzte und kräftige Gestalt werfen, bevor er aufsprang und davonrannte. Durch einen glücklichen Zufall brach im selben Moment der Mond zwischen den Wolken hervor. Wir hasteten über die Hügelkuppe und sahen dort unseren Mann mit großer Geschwindigkeit die andere Seite hinunterrennen, wobei er geschickt wie eine Bergziege über die Steine sprang, die im Weg lagen. Ein guter Schuss meines Revolvers hätte ihn wohl erledigen können, aber ich hatte ihn nur mitgebracht, um mich selbst gegen Angriffe zu wehren, nicht jedoch, um einen unbewaffneten Mann auf der Flucht zu erschießen.

Wir waren beide schnelle Läufer und in guter Form, doch merkten wir bald, dass wir keine Chance hatten, ihn einzuholen. Wir sahen ihn lange im Mondschein vor uns, bis er nur noch ein kleiner Fleck war, der sich rasch auf dem Hang eines entfernten Hügels zwischen den Felsen hindurch bewegte. Wir rannten und rannten, bis wir völlig außer Atem waren, doch die Entfernung zwischen ihm und uns wurde immer größer. Schließlich hielten wir an und setzten uns keuchend auf zwei Felsblöcke, während wir zusahen, wie er in der Ferne entschwand.

Genau in diesem Augenblick geschah etwas höchst Seltsames und Unerwartetes. Wir hatten uns erhoben und wollten gerade nach Hause gehen, weil wir die hoffnungslose Jagd aufgegeben hatten. Der Mond stand tief zur Rechten, und die zerklüfteten Spitzen eines Felsturms zeichneten sich gegen den unteren Rand der silbernen Scheibe ab. Dort, als scharfer schwarzer Schattenriss, wie eine Ebenholzstatue vor diesem leuchtenden Hintergrund, erblickte ich die Gestalt eines Mannes auf dem Felsturm. Das war keine Sinnestäuschung, Holmes. Ich versichere dir, dass ich nie in meinem Leben etwas deutlicher vor mir gesehen habe. Soweit ich es beurteilen kann, handelte es sich um die Gestalt eines groß gewachsenen, dünnen Mannes. Er stand mit leicht gespreizten Beinen da, seine Arme übereinander gelegt, den Kopf gesenkt, als ob er über die ungeheure Wildnis aus Torf und Granit nachdachte, die sich vor ihm ausbreitete. Er hätte der Geist dieses schrecklichen Ortes sein können, es war jedenfalls nicht der Zuchthäusler; der Mann hier befand sich weit entfernt von der Stelle, wo der Sträfling verschwunden war. Außerdem war es ein sehr viel größerer Mann. Mit einem Ausruf der Überraschung wies ich den Baronet darauf hin, doch genau in dem Augenblick, da ich mich umgedreht hatte, um seinen Arm zu packen, war der Mann verschwunden. Der scharfe Schattenriss des Felsens schnitt noch immer unbewegt in die untere Kante des Mondes, doch auf der Spitze war keine Spur mehr von dieser stummen und reglosen Gestalt zu sehen.

Ich wollte in diese Richtung gehen und den Felsturm untersuchen, doch er war ein ganzes Stück entfernt. Die Nerven des Baronets flatterten noch immer wegen des Heulens, das ihn an den Fluch seiner Familie erinnert hatte, und so war er nicht in der Stimmung für weitere Abenteuer. Er hatte jenen einsamen Mann auf dem Felsturm nicht gesehen und konnte daher den Schauder nicht nachfühlen, den seine seltsame Erscheinung und seine gebieterische Haltung bei mir auslöst hatte. »Zweifelsohne ein Aufseher«, sagte er. »Das Moor ist voll von ihnen, seit dieser Kerl entflohen ist.« Nun, vielleicht war seine Erklärung die richtige, aber ich hätte gern einen Beweis dafür gehabt. Heute haben wir die Absicht, den Leuten von Princetown mitzuteilen, wo sie nach ihrem Vermissten suchen sollen, aber es ist eine schwere Enttäuschung, dass wir nicht den Triumph erleben konnten, ihn selbst als unseren Gefangenen zurückzubringen. Solcherart waren also die Abenteuer der letzten Nacht, und du musst anerkennen, mein lieber Holmes, dass ich dir mit diesem Bericht einen guten Dienst erwiesen habe. Vieles von dem, was ich dir erzählt habe, ist ohne Zweifel ganz irrelevant, doch halte ich es für das Beste, sämtliche Tatsachen offen vor dir auszubreiten und dir selbst die Entscheidung zu überlassen, welche davon für deine Schlussfolgerungen am nützlichsten sind. Bestimmt machen wir einige Fortschritte. Was die Barrymores anbelangt, so haben wir das Motiv ihrer Handlungen herausgefunden, was zur Klärung der Situation erheblich beitrug. Doch das Moor mit seinen Geheimnissen und seinen seltsamen Bewohnern bleibt so unergründlich wie zuvor. Vielleicht bin ich in meinem nächsten Bericht dazu in der Lage, auch in diese Dinge etwas Licht zu bringen. Das Beste wäre, du könntest selbst herkommen. Auf jeden Fall wirst du im Verlauf der nächsten Tage wieder von mir hören.


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