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Das Pilzgericht

Buchschmuck: Paul Hartmann

»Kinder,« sagte ich, »nun paßt einmal auf. Ich habe etwas in der Zeitung gefunden, was uns alle angeht.«

Da saßen meine Orgelpfeifen in der nächsten Minute ohne Muck und Zuck um mich herum und warteten darauf, daß – um im Bilde zu bleiben – der große »Bälgetreter« loslegte.

»Also, hier steht es. Es ist leider eine höchst beschämende Tatsache, daß in unserer Zeit der Lebensmittelknappheit, in der Zeit des englischen Aushungerungsplanes, in der Zeit bitterster Teuerung das deutsche Volk noch immer Millionenwerte köstlicher Nahrungs- und Genußmittel ungenützt in Wäldern und auf Feldern verwesen läßt. Für Arm und Reich deckt die gütige Mutter Natur in unerschöpflicher Spendekraft den Tisch und läßt ernten, wo wir nicht gesäet haben. Aber aus Torheit, aus Unkenntnis, aus Bequemlichkeit geht der Mensch an vielen ihrer Gaben vorüber. Das trifft besonders auf die Pilze zu, die gerade in diesen Monaten überall auf deutscher Erde wachsen. Nicht weniger als 200 – zweihundert – eßbare Arten gedeihen in unserem Vaterlande, doch höchstens ein halbes Dutzend davon wird in erwähnenswerter Menge verspeist. Der ganze übrige Gottessegen muß ohne Nutzen verkommen. Schon in Tagen der Fülle wird niemand diese unsinnige Verschwendung loben; in Tagen der Knappheit jedoch ist sie geradezu beschämend. Für jedes Pilzgericht, das man sammelt, werden andere Lebensmittel frei; mit jedem hebt man den Nationalwohlstand; mit jedem schafft man sich einen leckeren Fleischersatz; mit jedem trägt man ein weniges dazu bei, den Aushungerungsplan unserer Feinde zunichte zu machen und unsere wirtschaftliche Besiegung zu verhindern.«

In die Orgelpfeifen war – während ich also las – ein immer hörbareres Brausen gekommen. Und als ich fragte, ob sie bereit wären, nach ihren Kräften den Nationalwohlstand zu heben und zum Siege beizutragen, schmetterten sie ein dreifaches Ja aus allen Registern. Es hatte keine Ähnlichkeit mit dem Haßgesang gegen England, aber es war etwas von der Wacht am Rhein darin und von Deutschland, Deutschland über alles.

»Nun gut«, sprach ich befriedigt, »ich habe das nicht anders von euch erwartet. Wir wollen demgemäß dem Rate der Zeitung folgen und, soweit es an uns liegt, die gerügte beschämende Tatsache aus der Welt schaffen. Wir werden also Pilze suchen und Pilze essen. Vorläufig aber Abmarsch!«

Da sausten sie davon. Doch noch im Laufen verkündete mein zweites Mädel: »Vater ist himmlisch. Er hat jedesmal Einfälle, die Spaß machen.«

Und wenn ich auch mild tadelnd für mich selbst bemerkte, daß die kindliche Einfalt den tieferen sittlichen Anlaß des geplanten Pilzausfluges nicht recht würdigte so ging mir das Herz doch auf wie ein trockner Schwamm, der in Wasser kommt. Ich habe es stets behauptet: in der Weite und Welt da draußen braucht man Kampf und Widerstand, um fest zu werden und zu wachsen; in der Nähe aber braucht man Glauben und Vertrauen.

Unter solchen Gedanken traf ich meine Vorbereitungen. In der Buchhandlung erstand ich ein umfangreiches, mit vielen farbigen Tafeln geschmücktes Werk über Pilze und Schwämme. Ich zuckte ein wenig, als ich zehn Mark dafür bezahlen mußte, aber ich sagte mir auf dem Heimweg: Was bedeutet das gegen den gar nicht abzuschätzenden Kapitalwert jener unzähligen Pilzgerichte, die du in deinem ferneren Leben auf Grund dieses Bestimmungsbuches sammeln und essen wirst? Außerdem kommt es jetzt nicht darauf an, Geld zu sparen, sondern Nahrungsmittel. Und endlich wird ein weiser Hausvater seiner lieben Frau naturgemäß das Wirtschaftsgeld in Anbetracht der von ihm zu liefernden Mahlzeiten kürzen. Es ist die Hauptsache im Leben, das Ideale mit dem Praktischen zu verbinden.

Hochbefriedigt von diesen Überlegungen und Vorsätzen, begann ich das Pilzbuch zu studieren. Ich lernte das Fadengeflecht oder Myzel kennen; ich prägte mir ein, daß die strahlig angeordneten Blättchen an der Unterseite des Hutes Lamellen heißen; ich nahm es gläubig hin, daß ein einziger Pilz wie der Riesen-Bovist 6-7 Billionen Sporen hervorbringt, glücklich darüber, daß ich selber sie nicht zu zählen brauchte; ich fühlte mich angenehm bewegt von dem Fettgehalt der verschiedenen Schwämme; ich ergötzte mich an den bunten Abbildungen. Unruhig wurde ich erst bei dem Kapitel der Pilzvergiftungen. Hier mißfiel mir mein Buch durchaus.

Nach seiner Behauptung gab es nämlich in ganz Deutschland nur sieben unbedingt giftige Pilze. Aber offenbar starben daran die wenigsten Leute. Die meisten starben an den bedingt giftigen, und dazu konnte jeder Pilz in einem bestimmten Daseinszustand gehören. Über die alten Hausmittel, die sichern sollten, lächelte mein Buch überlegen. Es war Unsinn, eine Zwiebel oder einen silbernen Löffel mitzukochen, Unsinn, aus dem Sichverfärben der durchschnittenen Pilze etwas schließen zu wollen! Außerdem betonte es in höchst unangenehmer Weise, daß grade die schönsten Eßpilze die gefährlichsten und ähnlichsten Vettern besäßen: der Champignon den Knollenblätterpilz, der Steinpilz den Gallenpilz, der echte Pfifferling den falschen. Die Forschungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen; der bekannte Pilzforscher Emil Neugebauer erkläre z. B. manche bisher als giftig oder verdächtig angesehenen Pilze für genießbar …

Wie? Wer? Emil Neugebauer? Sollte das mein alter Universitätsfreund sein? Dann könnte ich ja sofort brieflich bei einer Autorität anfragen. Ich habe da doch einen kleinen Schreckschuß bekommen. Emil wird mich beruhigen; er wird mir ein sicheres Mittel an die Hand geben, um unliebsame Folgen auszuschließen. Er scheint der am wenigsten ängstliche der neueren Forscher zu sein. Würde auch ganz zu seiner früheren Art stimmen. Schon damals war er sehr forsch, ja, gewisse Ansichten von ihm waren unleugbar verstimmend. Aber wenn er es sein sollte …

Er war es wirklich. Er antwortete umgehend.

»So, so, alter Freund,« schrieb er, »du willst dich jetzt auf Pilze werfen. Ich habe allerdings genauere Studien über ihre Genießbarkeit veröffentlicht, weil ich damals zufällig eine ältere, als Person unerfreuliche Erbtante bei mir hatte, die diese Gewächse leidenschaftlich liebte. An ihr probierte ich der Reihe nach gegen 150 Sorten durch. Bei ihrem ausgezeichneten Magen vertrug sie die meisten mühelos. Diese nannte ich ohne weiteres genießbar. Der bekannte Gift-Reizker z. B. ( Lactaria torminosa) wurde von ihr in ansehnlicher Portion ohne üble Nachwirkung gegessen, ebenso der als verdächtig geltende falsche Pfifferling ( Cantharellus aurantiacus). Selbst Fliegenpilze ( Amanita muscaria) hielt sie nach Abzug der oberen Haut glänzend aus. Der Gallenpilz ( Boletus felleus) schuf ihr kurzes Unbehagen. Der Kartoffel-Bovist ( Scleroderma vulgare) rief wider Erwarten nur Übelkeit und einen schnell vorübergehenden Ohnmachtsanfall hervor. Dagegen ist sie fünf Tage nach dem Genuß von in reiner Butter gebratenen Knollenblätterpilzen ( Amanita mappa) verschieden. Seitdem habe ich dieses Forschungsgebiet verlassen und kann dir auch das gewünschte unfehlbare Mittel leider nicht angeben. Am besten wäre es schon, du probtest die Sache gleichfalls an einem entfernteren Familienmitgliede erst aus. Noch sicherer ist es, wenn du grundsätzlich auf jeden Pilzgenuß verzichtest wie dein ergebener Freund Emil Neugebauer.«

Man wird sich denken können, daß mich dieser Brief beleidigte. Der rohe und etwas gewaltsame Charakter Emils hatte sich also nicht geändert! Ich beschloß, seine Zeilen meinen Lieben vorzuenthalten.

Im übrigen irrte er sich, wenn er glaubte, mich abschrecken zu können. Durch gesteigerte Vorsicht und an der Hand der Abbildungen in meinem Bestimmungsbuche würde es leicht sein, den etwa drohenden Gefahren zu entgehen.

So wartete ich nur noch einen ausgiebigeren Regen ab und machte mich drei Tage später mit den Kindern auf den Weg. Als bester Pilzbehälter war in meinem Buche ein umfangreicher Pappkarton empfohlen, wie minder begüterte Mitbürger ihn statt eines Reisekoffers auf der Eisenbahn benutzten. Aber der Mensch ist sonderbar. Ich war allen Gefahren zum Trotz wohl bereit, aus nationalen Gründen Pilze zu sammeln und zu verspeisen, doch aus einem dummen sozialen Hochmut scheute ich mich, mit einem Pappkarton durch die Straßen zum Walde zu marschieren. Deshalb kaufte ich für die Kinder – nachdem ich mir selbst schämig eine zusammengefaltete Tüte eingesteckt hatte – große, grüne Botanisiertrommeln. Tja, es war nicht so einfach! Eine Thermosflasche brauchten wir auch. Die Groschen läpperten sich. Das ist von jeher so gewesen: bei mir kosteten die Vorbereitungen zur Sparsamkeit immer eine Menge Geld.

Aber als wir erst im grünen Wald waren, tat mir doch kein Pfennig leid. Ich stellte meine Garde zum Kesseltreiben auf und ermahnte sie, die Pilze vorsichtig aus dem Boden zu drehen oder sie kurz darüber abzuschneiden.

»Damit das Myzel nicht gestört wird!« sagte ich so nebenbei. Es kam wundervoll heraus. Ganz ohne Unterstreichung. Mit einer erschreckenden heuchlerischen Gelassenheit, als wäre ich tagtäglich seit meiner Kindheit mit dem »Myzel« schlafen gegangen und aufgestanden.

Dann begann die Jagd. Sie führte uns in immer tiefere Gründe. Fichtenspargel hing seine wachsbleiche Blüte vor unsere Füße. Ein Schwarzspecht ward von uns in seiner Tätigkeit gestört: er machte am Rand einer Schneise merkwürdige Gebetsübungen nach Art eines tanzenden Derwisches. Eichkater äugten uns neugierig an.

Aber wir hatten für nichts mehr Augen. Wenigstens ich nicht. Seit ich den ersten unzweifelhaften Pfifferling goldgelb hatte aus dem Moose leuchten sehen, seit ich beglückt kurz darauf eine ganze Familie gefunden, seit ich meiner zaghaft hervorgeholten Tüte ein weiteres Gewächs einverleibt hatte, das entfernt einem Steinpilz ähnlich sah, – seitdem war ich wie von einem steigenden Fieber befangen. Ich begriff, daß Pilzesuchen eine Leidenschaft, eine Krankheit, ein Wahnsinn werden kann. Die Schönheit des Waldes war nicht mehr für mich vorhanden: alle »Zielbewußten« sind blind. Spähend und in fahriger Hast fuhren die Blicke nur noch den Boden auf und ab. Die geheimnisvollste Krankheit der Zeit, die Rekordwut, hatte mich erfaßt. Scheu sah ich mich nach den Kindern um, und wenn sich eins bückte, bohrten sich meine Augen förmlich in den nahen Waldesgrund. Ich vergaß Hunger und Durst. Ich vergaß die Zeit. In Neid und Ärger stand ich vor den zerkratzten Moosstellen, an denen ich die Handschrift anderer Sammler bemerkte. Mit Goldgräbergier stürzte ich mich auf jeden Schwamm, der seinen Kopf irgendwo emporstreckte. Rücksichtslos gegen mich selber kroch ich durch dichte Schonungen, in denen die absterbenden Äste der Kiefern mir hundertmal den Hut vom Haupte rissen und heimtückische Spinnweben mich fortgesetzt dazu nötigten, einem spuckenden Känguruh zu gleichen.

Was tat's? Die Sonne sank, aber meine Tüte war voll. Auch die Botanisiertrommeln der Kinder strotzten. Nur der jüngste Sproß meiner Lenden hatte sich so weit vergessen, statt der Pilze 47 Kienäpfel zu sammeln. Er schien sogar eine gewisse Anerkennung dafür zu erwarten. Aber ein eisiger Blick der Verachtung schleuderte den Burschen in sein Nichts zurück.

Hundemüde, mit schmerzendem Kreuz, doch mit dem Bewußtsein, nicht umsonst gelebt zu haben, langte ich spät abends mit meinen Trabanten bei den heimischen Penaten an. Nicht etwa, um nun auf fauler Haut zu ruhn – o, nun hieß es erst, die errungene Beute zu prüfen und zu sondern! Und da sowohl mein Buch als auch der lieblose Brief von Emil Neugebauer zu größter Vorsicht rieten, so mußte dies unter dem vollen Gefühl der Verantwortung geschehen. Denke daran, sprach ich in der Stille zu meiner unsterblichen Seele, daß Tod und Leben deiner Lieben nunmehr von deiner Gewissenhaftigkeit abhängen!

Ich dachte daran. Ich schied die Böcke von den Schafen. Ich verglich meine Pilze mit den farbigen Abbildungen des Hilfsbuches, bis mir die Augen schmerzten. Aber ob es nun an der vielgestaltigen Tücke der gesammelten Schwämme lag, oder ob mein Buch doch nicht recht auf der Hohe war: genug, bald stimmte die Farbe nicht ganz, bald war der Hut anders gebogen, bald beunruhigte mich die Ähnlichkeit mit einer verdächtigen Abart, und bald fand ich überhaupt keine Beziehungen zwischen Beute und Bild. Wenn ich trotzdem einen mich köstlich dünkenden Pilz auf die Seite der schuldlosen Schafe gelegt hatte, stiegen mahnend meine drei Orgelpfeifen als Gewissensschärfer vor mir empor, und zögernd fiel das Stück in die immer mehr anschwellende Herde der Böcke zurück. Man soll das Schicksal nicht herausfordern.

Ach, aus meinem Pilzberg war zuletzt ein Pilzhügel geworden, und als ich ihn putzte und zerschnitt, als ich die von Larven angegangenen Stiele und Hüte entfernte, schrumpfte auch das Hügelchen noch zusammen.

Einen Augenblick sah ich bedrückt und keinlaut darauf nieder. Ich hatte das Gefühl, als erlebte ich dies alles nicht zum ersten Male. War es mir mit der Jagd nach dem Ruhm und anderen Dingen dieser Welt nicht ähnlich ergangen? Erst sollt' es ein Lorbeerbaum sein, schattend über Länder und Völker der Erde. Dann sprach die Hoffnung lange von einem vollen, immergrünen Stirnkranz. Und als man nach Not und Mühe vieler Jahre die Augen hob, sah man, was man erreicht hatte: ein vergilbendes Lorbeerblättchen, das freundlich in die dünne Suppe getaumelt war.

Keine Kleinigkeit, mit dieser Erkenntnis fertig zu werden! Aber man lernt doch wieder lächeln, helldunkel lächeln und hängt den Suppenlorbeer getrost in die Sonne zum Trocknen.

Es ist nachher nicht mehr schwierig, sich mit der Dürftigkeit eines Pilzhäufleins abzufinden.

Aber von seiner Hausfrau kann man nicht verlangen, daß sie Philosophin ist. Und die meine war fassungslos.

»Das ist alles?« sagte sie kopfschüttelnd. »Und deshalb hast du ein Pilzbuch, eine Thermosflasche und verschiedene Botanisiertrommeln gekauft? Deshalb hast du fünf Stunden gesucht, deinen schonungsbedürftigen Anzug strapaziert und die teuren Stiefelsohlen abgelaufen?«

Aber ihre Heiterkeit, die bisher noch hinter Hüllen der Verwunderung gesteckt hatte, brach erst durch, als ich verlangte, daß die Pilze morgen mittag schön gebraten würden.

»In Butter, nicht wahr?« fragte sie mit einem bezaubernden Lächeln. Aus dieser »Butter« züngelten mehr Schlangen als das Wort Buchstaben hat. Es war eine tödlich spielende Überlegenheit darin. Doch erbarmende Liebe erhob den Geschlagenen gleich darauf aus dem Staube und sprach von bescheidenem kochen.

Am nächsten Tag ging das vor sich.

»Ich weiß nicht,« sagte meine Frau, »was du da eigentlich für Pilze angebracht hast. Sie werden so merkwürdig grün. Geradezu schwarzgrün.«

Aber sie überwand sich und brachte sie auf den Tisch. In der Tat sahen sie unvorteilhaft aus. Und ich stimmte dem besorgten Vorschlag, die Kinder von dem Genuß auszuschließen, nach kurzer Überlegung bei.

»Auf der Jugend,« erklärte ich, »ruht unsere Zukunft als Volk. Und wenn nach menschlichem Ermessen dieses Pilzgericht auch einwandfrei sein dürfte, so wollen wir doch nicht alles auf eine Karte setzen. Laß mich heute erst allein den Versuch machen!«

Es wäre unbescheiden, die folgende Familienszene ausführlich zu schildern. Meine Frau erklärte mir mit zitternder Stimme, sie könne nach 15 jähriger glücklicher Ehe wohl nicht mehr verlangen, daß ich auf sie besondere Rücksicht nähme. Aber dann sollte ich wenigstens an die armen Kinder denken, deren einziger Ernährer ich sei und die mein Leichtsinn in Armut und Not stoßen würde. Es sei dann schon besser, wenn sie, die Mutter, die Augen schlösse.

Brauche ich zu sagen, daß ich dies lebhaft bestritt? Daß ich auf eine für alle Fälle vorhandene Lebensversicherung hinwies? Daß ich für Kinder dieses Alters die Mutter als geradezu unentbehrlich erklärte, während der Tod des Vaters immerhin ein minder schwerer Schlag wäre?

Brauche ich weiter zu sagen, daß meine Frau sich mit dem Taschentuch die Augen tupfte, daß keiner in Edelmut und Opfersinn hinter dem anderen zurückstehen wollte, daß die Kinder sich weinerlich einmischten? Der Jüngste, der die 47 Kienäpfel gesammelt hatte, umklammerte ritterlich seine Mutter. Die Mädels schmiegten sich angsterfüllt an mich, während schwarzgrün und dräuend die Schwämme auf dem Tisch warteten.

Große Zeiten, große Entschlüsse. Man steht heut mit Alexander und Cäsar, mit Friedrich und Napoleon auf einem ganz andern Fuße als in Friedenstagen. Sie sind uns nahe; man begreift sie. Ich sehe Alexander, der den Gordischen Knoten schweigend mit dem Schwerte durchschlägt. Ich selber durchschlug ihn sozusagen mit dem Vorlegelöffel. Ganz einfach, mit einer stillen Großartigkeit – nur dadurch, daß ich mir Pilze auflegte.

Die Wirkung war lähmend. Die Züge meiner Frau versteinerten niobidenhaft. Die Kinder zuckten und muckten nicht mehr. Wie gebannt, mit schweigendem Entsetzen starrten alle auf das schwarzgrüne Grausen, das sich auf meinem Teller häufte.

Mir selber wurde unter dem Druck der plötzlichen Totenstille etwas beklommen. Es war wie im Zirkus: die Musik bricht jäh ab, wenn der Augenblick einer lebensgefährlichen Leistung gekommen ist. Sei es – meine Kinder würden immerhin eine große Erinnerung an ihren heroischen Vater behalten! Lächelnd wie Sokrates nach dem Giftbecher griff ich zur Gabel.

Ich aß. Ich nahm zum zweiten Male. Ich sagte dazwischen anerkennend, um die unheimliche Ruhe zu unterbrechen: »Der Geschmack erinnert mich entfernt an den von Steinpilzen.«

Aber ich hatte keinen Erfolg. Der scherzhaft-leichte Ton spielte zu dicht um die Pforten des Hades. Meine Frau, die es nicht mehr mit ansehen konnte, verließ wortlos das Zimmer. Die Kinder schluchzten auf und flüchteten, von irgendeinem Grauen gepackt, hinter ihr drein. Ich hatte das Feld behauptet.

Doch nun entfiel für mich eigentlich jede Veranlassung, weiter zu essen. Mucius Scävola braucht Zuschauer, wenn er die Hand ins Feuer halten soll. Aber um vor mir selber zu bestehen, genoß ich noch ein paar Pilze mehr, die schmeckten nämlich wirklich nicht übel.

Mit Zeitung und Zigarre zog ich mich dann wie gewöhnlich auf den Faulenzer in meinem Arbeitszimmer zurück – ganz so, als wäre nichts geschehen. Und obwohl ich mich heimlich beobachtete, spürte ich längere Zeit keinerlei verdächtige Erscheinungen. Nur das Herz mochte etwas schwerer als sonst arbeiten. Das Herz ist bei mir immer sehr empfindlich.

Allmählich aber fühlte ich deutlich, wie langsam, langsam eine wunderliche Lähmung über alle Glieder kam. Sie wurden schwer; sie hingen am Rumpf gleich toten Gegenständen. Eine tiefe Schlafsucht stellte sich ein. Ein Schleier, mit jeder Minute schwerer durchdringbar, sank über die Sinne. Träge schleppten sich darunter, halb erstickt schon, die letzten klaren Gedanken vorwärts.

Also doch! lauteten sie ungefähr. Deine Vorsicht hat nichts genützt, es hat dich erwischt. Der eine Pilz schien dir doch gleich verdächtig. Nun fährst du hin in der Blüte deiner Jahre. Und übermorgen sieht in der Zeitung, daß der bekannte Schriftsteller Soundso durch eigene Unvorsichtigkeit einer Pilzvergiftung zum Opfer fiel. In derselben Zeitung, die mit Inbrunst auf den Nährwert der Pilze hingewiesen hatte …

Ich weiß noch, daß ein dumpfer Groll gegen das Blatt in mir aufstehen wollte. Aber es fehlte schon die Kraft dazu.

Ich hörte noch, wie draußen Schritte huschten, als horchten die Meinen angst- und liebevoll an der Zimmertür. Aber ich brachte den Ruf, der sie noch einmal um mich versammeln sollte, nicht mehr heraus. – –

*

Gewissermaßen war es mir dann doch peinlich, als ich nach einem gesegneten Nachmittagsschläfchen sehr erquickt aufwachte.

Doch die Zärtlichkeit der Meinen erleichterte mir den Übergang. Meine Frau machte mir sanfte Vorwürfe; die Kinder schlossen den Wiedergewonnenen in die Arme; nur der Junge hatte keinen Sinn für Gefühlsfeinheiten und erzählte, er hätte mich schnarchen hören. Er ist ein Realist. Ich erwiderte ihm kalt, daß der Erschöpfungsschlaf noch nichts beweise. Die unglückliche Tante meines Freundes Emil Neugebauer wäre erst fünf Tage nach dem Genuß giftiger Pilze gestorben.

Es ist kaum erwähnenswert, daß ich darauf fünf Tage lang mit ausgesuchter Kost ernährt und mit sorgender Liebe behütet wurde.

Als sie vorüber waren, beglückwünschte meine Frau mich innig und deutete an, daß die Erholungsreise, die wir in solchen schweren Zeiten nicht hatten machen wollen, nunmehr nach so viel Aufregung und Herzeleid doch unbedingt nötig sei … schon als Nachkur für mich.

Seit gestern packen wir. Ich bin gefaßt. Aber ich werde keine selbstgesammelten Pilze mehr essen. Sie kommen mich zu teuer.

Und alter Groll gärt dumpf in mir gegen meine Zeitung. Es war im Frieden ein recht vernünftiges Blatt. Jetzt gefällt sie mir immer weniger. Heute brachte sie einen Artikel über die beschämende Tatsache, daß das deutsche Volk aus Torheit, Unkenntnis oder Bequemlichkeit so gleichgültig an den vaterländischen Mehlbeeren vorbeigehe. Man könne daraus einen vorzüglichen Kaffee-Ersatz herstellen …

Ich habe diesen Artikel den Kindern aber nicht vorgelesen.

Ich habe die Zeitung abbestellt.

*


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