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Das Kriegsporträt

Erfahrungen eines Zeitgenossen

Buchschmuck: Paul Hartmann

Ich bin gezwungen, mich an die breite Öffentlichkeit zu wenden. Ich suche Strobusch … ich suche den bekannten Porträtmaler Strobusch. Mitten unter den Schrecken dieses Weltkrieges hat er mich noch gemalt. Und nun ist er verschwunden. Niemand will mehr die Stätte seines Wirkens kennen. Er kam wie ein Stern, und wie ein Stern ist er auch gegangen.

Ich erinnere mich noch genau: es war ein köstlicher Mai-Vormittag, und ahnungslos hatte ich mich in meinen Garten begeben, um Tomaten auszupflanzen. Da klirrte die Gartenpforte, und leichtfüßig schritt ein Fremder den gepflasterten Mittelgang auf das Haus zu.

Unwillkürlich duckte ich mich, aber es war schon zu spät. Er musterte mich einen Augenblick scharf, änderte dann entschlossen die Richtung und erkundigte sich trotz meiner ablehnenden Miene, ob er das Glück hätte mit dem verehrten Dichter X. zu sprechen.

Auf meine zögernde Zustimmung äußerte er seine stürmische Freude, mir endlich einmal Auge in Auge gegenüberzustehen.

»Sagen Sie selbst«, sprach er fast mit Rührung, »hätte ich es jemals besser treffen können? Dieser strahlende Tag, diese schöne heitre Landschaft, und darinnen, teurer Meister, nun Sie: zugetan dem ehrwürdigsten Geschäfte der Menschheit … Sie haben gewiß gepflanzt oder wollten es wenigstens tun …, mitten auf Ihrer Scholle stehend, Werte schaffend in einer Zeit, die nur Werte vernichtet, in meiner Vorstellung förmlich mit Ihrem Garten verwachsend – prachtvoll! prachtvoll! Und welchen schönen Garten Sie haben! Da sind doch noch Wege, auf denen Menschen nebeneinander gehen können, nicht nur die üblichen Hühnersteige, die man sonst findet! Da sind doch noch Flächen, auf denen das Auge ausruhn kann, da ist Natur veredelt durch Kultur – nein, wirklich, erlauben Sie mir, daß ich Sie dazu beglückwünsche.«

Und er schüttelte mir mit solcher nachdrücklichen Innigkeit die Hand, daß ich nicht umhin konnte, gleichfalls zu schütteln.

Als ich mich dann vorsichtig erkundigte, was ihn zu mir führte und womit ich ihm dienen könnte, sah er mich beseelt und freundlich an.

»Haben Sie, verehrter Herr, sich einmal genauer mit moderner Kunst, insbesondere mit dem zeitgenössischen Porträt befaßt? Nein? Nur oberflächlich? O, das tut mir allerdings bitter leid. Ich hätte sonst meinem Namen nichts mehr hinzuzufügen brauchen. Mein Name ist nämlich Strobusch … Stro–busch. ›Ein schauderhaft prosaischer Name‹, pflegte mein verstorbener Freund Leistikow zu sagen, ›aber man wird sich ihn merken müssen‹.«

Er lächelte. Ich lächelte gleichfalls und murmelte verbindlich, daß mir dieser Name doch schon irgendwo aufgestoßen wäre.

»Nun also«, rief er erfreut. »Dann kann ich mir die Worte wohl sparen. Es ist schrecklich, die Posaune seines eigenen Ruhmes sein zu müssen, Sie werden mir das nachfühlen. Ja, und was ich Sie fragen wollte: in einigen Wochen findet doch die große Bildnisausstellung in der Akademie der Künste statt. Die gesamte geistige Elite Deutschlands soll darin vertreten sein. Darf ich mich erkundigen, ob Sie schon eins Ihrer Porträts dafür bestimmt haben?«

Bisher hatte mich heimlich der schnöde Verdacht bedrückt, daß Herr Strobusch am Ende doch bloß ein Schnorrer wäre. Aber langsam begann diese Furcht zu weichen. Und etwas weniger zurückhaltend erklärte ich ihm, daß ich bisher nur flüchtig von der Ausstellung gehört hätte und mich wahrscheinlich überhaupt nicht daran beteiligen würde.

Strobusch war außer sich. Strobusch rang die Hände. Strobusch behauptete, daß dann die ganze Ausstellung hinfällig wäre, weil sie nur Zweck hätte, wenn die Elite vollzählig zusammenkäme. Das deutsche Volk, sagte er, hätte ein Recht darauf, gerade in dieser schwersten aller Zeiten seine großen Männer im Bilde vor sich zu sehn. Es wäre unpatriotisch, sich auszuschließen. Kurz und gut, Strobusch redete mir mit solcher Gewalt ins Gewissen, daß ich schwankend wurde.

Ja, als ich zögernd, mit einem letzten Versuch der Ausflucht bemerkte, daß ich für den gedachten Zweck gar kein neueres Porträt zur Verfügung hätte, streckte er mir mit schöner Begeisterung die Rechte entgegen: »Daran, verehrter Meister, soll es wahrlich nicht liegen. Dann bitte ich eben um die Ehre, Sie für die Ausstellung malen zu dürfen.«

Alle Wetter! Darauf war ich nicht gefaßt. In einiger Verwirrung sah ich ihn an. Ein gutes Bildnis wäre gewiß nicht übel; meine Frau quält mich schon lange darum. Aber andrerseits forderten solche Künstler oft Riesensummen, und wer, du himmlische Gerechtigkeit, hatte sie jetzt dafür übrig?

Mit dem durchdringenden Blick des Menschenkenners muß Strobusch den Kampf in meiner Seele bemerkt und richtig gedeutet haben.

»Sie denken an die Preise«, sprach er mit diskretem Lächeln, »die sonst für einen echten Strobusch gezahlt werden. Ich arbeite allerdings grundsätzlich nur gegen sehr hohes Honorar. Aber in unserem Falle käme das natürlich gar nicht in Betracht. Ich wiederhole: es wird mir eine Ehre und Freude sein, Sie zu malen und dadurch der Ausstellung zu einem guten Bilde zu verhelfen. Es kostet Sie nichts. Nur den Ersatz der Unkosten würde ich annehmen, da Ölfarben und sonstiger Zubehör leider ganz enorm gestiegen sind. Aber es würde sich dabei höchstens um eine lächerlich geringe Summe handeln … höchstens um 150 bis 200 Mark.«

Ich fand diese Summe gar nicht so lächerlich, doch um nicht kleinlich zu erscheinen, dankte ich bewegt und versprach, mit meiner Frau den gütigen Vorschlag zu bereden. Da Strobusch am nächsten Tage zufällig in der Nähe zu tun hatte, wollte er sich die Entscheidung persönlich holen.

»Bitte«, sagte er beim Abschied, … »bleiben die einmal so stehn … den Kopf noch eine kleine Neigung tiefer … noch ein wenig … so!«

Er duckte sich, er reckte sich, er sah durch die hohle Hand, er schien mich verzehren und einschlürfen zu wollen. »Herrlich«! hörte ich ihn murmeln, »es kann ein unendlich feines Bild werden.«

Nur mühsam riß er sich los und schied wie ein alter Freund. –

Er ließ mich in einem Sturm widerstreitender Empfindungen zurück. Mit der Bildnisausstellung hatte es, wie ich mich rasch überzeugte, in der Tat seine Richtigkeit. Alles, was in Deutschland auf »Namen« Anspruch machte, war gebeten, sein Porträt mit einem kennzeichnenden Sinnspruch zur Verfügung zu stellen.

Aber gehörte ich denn zu diesen »Namen«? Ach, mit meinem Wald- und Wiesenrühmchen war es, unter uns gesagt, nicht weit her! Es ist und bleibt ein Kümmerpflänzchen … offenbar, weil es nie recht in die Sonne gekommen, sondern immer nur im Schatten des Konversationslexikons und des Abreißkalenders gediehen ist. Und in einem modernen Lexikon von 40-50 000 Spalten ist man ja unrettbar begraben. Da ist der Abreißkalender noch vorzuziehen. Er veranlaßt immerhin alljährlich einige Edelmenschen dazu, unsereinem zum Geburtstag zu gratulieren. Naturgemäß kommen die Glückwünsche stets einen Posttag zu spät an, aber man fühlt sich doch gehoben und rechnet damit. Allerdings steht auch diese Herrlichkeit auf unsicheren Füßen. Wenn Allah es z. B. fügt, daß mein Kalendertag für einen jüngeren Ruhm gebraucht wird, verschwinde ich lautlos in der Versenkung. Ja, unser Leben in Unruhe …

Doch ich schweife ab. Ich wollte erzählen, daß ich mit meinen Bedenken zu meiner Frau flüchtete. Ich sagte ihr, daß Strobusch …, der bekannte Strobusch, ein jüngerer Freund von Walter Leistikow … mich für die Bildnisausstellung malen wollte. So gut wie kostenlos … aus reiner Verehrung. Aber ich wäre noch unentschlossen …

Das Händeringen war nun an meiner Frau. Sie behauptete, mit meinen ewigen Zweifeln würde ich nie auf einen grünen Zweig kommen. Eine Ausstellung ohne mich wäre von vornherein ein totgeborenes Kind. »Und außerdem … bedenke doch, Mann: ein Porträt von Strobusch! Mit beiden Händen mußt Du zugreifen. Es könnte später ein Wertobjekt werden! Es könnte unseren unglücklichen Kindern zugute kommen!«

Ich wußte zwar nicht, weshalb unsere Kinder durchaus »unglücklich« sein sollten, aber als diese Würmer zum zweiten Mal auftauchten, gab ich nach. Sogar nicht ungern. Doch es ist immer vorteilhaft, sich etwas drängen zu lassen. Die Verantwortlichkeit verteilt sich besser.

Zunächst überlegte ich mir einen passenden Zinnspruch. Er sollte kurz, kernig und bedeutend sein. Er sollte wie eine Fanfare wirken, jeder Vorübergehende, der ihn las, sollte den Schritt hemmen und unwillkürlich fragen: Wer ist dieser sympathische Zeitgenosse, der sich zu solch einem markigen Worte bekennt?

Natürlich müßte das Antlitz dann dazu stimmen. Ich nahm mir vor, der Natur ein wenig nachzuhelfen und besonders in die Augen einen Zug von Kühnheit und Bedeutung zu legen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist mir dies auch gelungen. Ich übte vor dem Spiegel in meinem Schlafzimmer und war zuletzt nicht unzufrieden.

Am nächsten Vormittag kam Strobusch. Zu meiner Überraschung brachte er die Staffelei samt allem Nötigen gleich mit.

»Wozu, Meister,« sagte er, »sollen Sie jeden Tag nach Berlin in mein Atelier kommen? Außerdem habe ich keinen Garten, und es reizt mich gerade, ein Freilichtporträt von Ihnen zu machen. So, wie ich Sie zuerst auf Ihrer Scholle unter grünen Bäumen sah! Wenn es Ihnen recht ist, fangen wir gleich an.« –

Das taten wir denn auch, und Strobusch zeigte sich dabei von seiner besten Seite. Wenn andere Maler schon bei der leisesten Bewegung ihres Opfers nervös werden und einem die Sitzungen zur Qual machen, so machte er sie geradezu zu einem Vergnügen. Ich durfte meine Zigarre rauchen, er bat sich selbst eine aus, und während er die Leinewand in den Blendrahmen spannte, mir Stellung und Haltung anwies, sich einen Pappschirm in die Stirn zog und eine Reihe von Farben aus den Tuben auf die Palette drückte, unterhielten wir uns ausgezeichnet.

»Was meinen Sie«, rief er vergnügt, »wenn Sie zu unserem großen Modemaler X. Y. kämen? Erst läßt er die Pracht seiner Einrichtung auf Sie wirken. Dann werden Sie ein dutzendmal photographiert: von links, von rechts, von vorn, von hinten, und ein paar Tage später müssen Sie zur Sitzung erscheinen. Er braucht mindestens zehn Sitzungen; wenn Sie aber Millionär sind, sogar zwanzig. Kunststück! Er muß Ihnen doch 'was vormachen. Aber glauben Sie etwa, daß er in den Sitzungen arbeitet? Er denkt ja gar nicht daran, er tut bloß so. Eigentlich braucht er Sie überhaupt kaum mehr. Dazu hat er ja die Photographien! O lala, das muß man kennen. Bei mir jedoch sehen Sie keinen Apparat. Ein wirklicher Könner verschmäht solche Eselsbrücken. Bitte sehr … den Kopf ein wenig mehr nach links! Ich will nur schnell einmal die Haltung festlegen.«

Da arbeitete er schon frisch darauf los – mit einem Schwung und Schmiß, daß ich mich innerlich beglückwünschte. Eine ganze Zeitlang gönnte er sich keine Ruhe. Aber plötzlich schien ihm etwas nicht zu stimmen, er schüttelte den Kopf, musterte mich immer von neuem und ließ endlich sein Malzeug sinken.

»Fehlt Ihnen etwas, Meister?« fragte er besorgt. »Haben Sie etwa das Bedürfnis, einmal auszutreten? Ihr Gesicht hat sich so merkwürdig verändert.«

Erst meine aufrichtige und wiederholte Versicherung, daß er sich täusche, konnte ihn beruhigen. »Es scheint jetzt wirklich vorüber zu sein«, nickte er und malte weiter.

Ach, ich glaubte es wohl, daß es vorüber war! Aber für ein paar Minuten hatte ich doch mit leiser Schwermut zu kämpfen. Strobusch hatte meine Bemühungen, in die Augen einen Zug von Kühnheit und Bedeutung zu legen, in gröblicher Weise mißverstanden. Offenbar mangelte ihm der Sinn für das heroische und Große. Dann hatte es ja keinen Zweck mehr, sich hartnäckig darauf festzulegen.

Es gelang mir, die kleine Verstimmung bald zu überwinden. Die Hauptsache war doch, daß das Kriegsporträt allem Anschein nach munter vorwärts ging. Schade, daß ich selber nicht sehen konnte, wie es wuchs und ward.

Aber als ich dies andeutete, wußte Strobusch sofort Rat. »Man soll zwar eigentlich erst das fertige sehn«, sagte er, »doch wir können ja ruhig nachher einen Stehspiegel aufstellen. Dann können Sie Pinselstrich für Pinselstrich verfolgen. Ich schlage jetzt sowieso eine Pause vor. Um mich nicht zu verspäten, habe ich zu Hause nicht genügend gefrühstückt und möchte doch rasch einmal in ein Gasthaus herum springen, um ein Butterbrot zu genießen. Im Frieden würde ich einfach darum bitten, aber jetzt verbietet sich das ja von selbst.«

Hallo – das ging nicht! Strobusch malte so gut wie kostenlos mein Bild, Strobusch kam von Berlin in meinen Vorort, Strobusch durfte selbstverständlich nicht hungern. Er sollte sein Frühstück haben, und wenn der letzte Brotkanten draufging! Lumpen will man sich doch selbst anno 1916 nicht lassen!

Er wollte es erst durchaus nicht annehmen, aber er fügte sich schließlich, und eilfertig stürzte ich ins Haus. Die Speisekammer war verschlossen; meine Frau jagte irgendwo in der weiten Welt nach Lebensmitteln umher; die Köchin »stand« seit 8 Uhr früh nach Butter; das Kinderfräulein wußte von nichts. Nur ein halbes Brot lag erreichbar im Küchenschrank. Aber Gott und Vater, ich konnte doch dem Freunde des verewigten Walter Leistikow nicht trockenes Brot vorsetzen!

Da erhellte jählings ein Blitz die Nacht meiner Ratlosigkeit und Verzweiflung. In einem nur meiner Frau und mir bekannten Versteck, im unschuldig dastehenden Salonofen, lag – jeder Bestandesaufnahme sicher entrückt – unser wertvollster Schatz verborgen: ein gehamsterter Schinken! Ich schreibe das Wort mit zitternder Feder nieder wie Kindheit und Jugend, Friede und Freude. Er war unser Hoffnungsanker, unsre eiserne Ration. Doch nun half nichts mehr. Mit tempelschänderischem Griff riß ich ihn aus dem Leinenbeutel und gab Auftrag, so schnell wie möglich ein kleines Frühstück von Brot und Schinken im Garten anzurichten.

Dem Kinderfräulein zitterten die Beine. Es war sprachlos. Ich kann es nur ihrer vollständigen seelischen Verwirrung zuschreiben, daß sie meine Worte falsch verstand und kurz darauf den ganzen Schinken auf einer Riesenschüssel in den Garten brachte.

Ich wandte ihr gerade den Rücken. Aber Strobusch fing plötzlich visionär zu starren an. Strobusch schwieg plötzlich, und ich sah, wie seine Unterlippe kraftlos zu scheppern begann. Strobusch hatte mit einem Male einen unwahrscheinlichen Glanz in den Augen und faltete mit einem seltsam hohen, ungeformten Laute die Hände über der Brust.

Als ich der Richtung seiner Blicke folgte, entdeckte ich das Unglück. Es war nicht mehr zu ändern. Der Schinken war einmal da; ich konnte ihn unmöglich zurückbringen und in der Gestalt dreier dünner Scheiben neu erscheinen lassen. So trug ich ihn wenigstens an einen undurchdringlich umbuschten Gartenplatz, um Volksaufläufe zu vermeiden.

Magisch gezogen war Strobusch gefolgt.

»Meister,« sagte er nur. Er streckte mir stumm die Hand hin. Er kämpfte mit einer Träne der Rührung. »Das ist wahrlich Künstlerdank! Das ist mehr als Gold, Weihrauch und Myrrhen.«

Und bewegt bat er mich um die Gunst, den Schinken selber anschneiden zu dürfen.

Mein einladendes Lächeln war kränklich. Ich fühlte die Verpflichtung zu scherzen und sprach von der letzten Kuh des Armen, von dem Scherflein der Witwe, von dem Falken des armen Ritters in Boccaccios 59. Novelle. Doch der Scherz blieb dünn, und es ging ein Schwert durch meine Seele, als das Messer in den Schinken drang.

Strobusch faßte sich begreiflicherweise viel früher.

»Haben Sie einmal darauf geachtet,« sagte er nachdenklich, »wenn man den Schinken recht dünn schneidet … so vielleicht … das Messer müßte aber schärfer sein … dann hat er eine wesentlich andere Farbe, als wenn man ihn dick schneidet.«

Ich hätte es ihm ohne weiteres geglaubt, aber er bestand darauf, es mir zu beweisen, indem er zwei Scheiben nebeneinander legte. Die dicke davon war in der Tat farbensatter, aber sie berührte mich schmerzlich.

»Herrlich! Herrlich!« fuhr er bewundernd fort. »Was meinen Sie, weiche Zartheit, welche Meisterschaft, welche Vielheit von Farben dazu gehört, dieses Stück Fleisch zu malen? Manchmal verzweifelt man geradezu vor der Natur!«

Mit spürbarer Verdüsterung sah er auf die Schinkenscheibe – die dicke – nieder, zerschnitt sie und begann sie, gleichsam zornig, aufzuessen. Ich nötigte ihn mehrfach, doch auch Brot dazuzunehmen, aber er meinte, die meisten Familien kämen mit der zugeteilten Brotmenge jetzt sowieso nicht recht aus. Im übrigen widerlegte er die oft gehörte Behauptung, daß Männer des Geistes geringere Nahrungsmengen zu sich nehmen als Schwerarbeiter. Es braucht ferner nicht betont zu werden, daß er als Maler die farbensatten Scheiben vorzog.

Als ich es nicht mehr mit ansehn konnte, entwich ich unter dem Vorwande, einen Stehspiegel herbeizuschaffen. Das Kinderfräulein saß weinend in der Küche. Ich trug ihr auf, nach draußen zu gehen und bescheiden zu fragen, ob sie abräumen dürfe. Gebeugten Hauptes brachte sie nach einiger Zeit in der Tat den Schinken zurück, und nachdem ich mich vergewissert hatte, daß kein Lauscher in der Nähe war, habe ich seine beiden Teile im Salonofen geborgen.

»Ich fühle Riesenkräfte«, rief Strobusch mir nachher schon von weitem entgegen. »In zwei bis drei weiteren Sitzungen schaffe ich das ganze Bild! Würden Sie mir noch eine Zigarre geben? Heißen Dank! Und nun wollen wir den Spiegel zurechtrücken, damit Sie folgen können.«

Ich hatte das Porträt, die Anfänge des Porträts bisher noch nicht gesehn.

Strobusch bereitete mich milde vor.

»Erschrecken Sie nicht,« sagte er lächelnd. »Der Laie erschrickt zunächst immer. Es ist alles noch im Flusse.«

Trotzdem habe ich nur mit Mühe einen Ausruf des Entsetzens unterdrücken können. Was da auf der Leinewand auftauchte, das waren die Umrisse eines violetten Kretins.

Ich fühlte dumpf, daß das hier entstehende Kunstwerk bei längerer Beschauung geeignet war, meine Selbstachtung zu untergraben.

Mein einziger Trost war, daß Strobusch recht zufrieden schien. Er hatte wohl schon das fertige Bild im Kopf. »In ein paar Tagen,« sagte er selber, »sieht es ganz anders aus!«

Es geschah sonst in den nächsten Tagen wenig. Ich darf sie übergehen, da Strobusch keinerlei neue Eigenschaften darin entwickelte. Im Gegenteil: er offenbarte sich als sehr konservative Natur. Er vergaß täglich seine Zigarren; er bekam pünktlich um 11 Uhr seine Magenschwäche, die mittels Schinken behoben werden mußte, und er bevorzugte nach wie vor violett.

Als ich ihn schüchtern darauf aufmerksam machte, daß ich meine Gesichtsfarbe bisher mehr für bräunlich gehalten hätte, sprach er mißbilligend: »Bräunlich würde nicht im Ton sein. Aber mir selber gefällt es noch nicht. Man möchte doch gern Vollendetes leisten. Sonst kommen nachher die Kritiker und sagen: Strobusch hat geschleudert!«

Worauf er entschlossen in ein ausgesprochenes Blaurot hineinging. Es war – hart ausgedrückt – die Gesichtsfarbe eines im letzten Stadium befindlichen Gewohnheitssäufers, hier und da gemildert durch käsig grüngelbe Flecken, deren Bedeutung ich nicht zu ergründen vermochte.

»Nun«, fragte er triumphierend. »Merken Sie, daß es kräftiger geworden ist?«

»Daran ist kein Zweifel«, erwiderte ich entschieden. »Aber verzeihen sie, wenn die Frage töricht klingt: sehe ich denn wirklich so aus, Herr Strobusch?«

Betroffen und vorwurfsvoll blickte er mich an.

»Meister«, sagte er, »gerade von Ihnen hätte ich das nicht erwartet. Was heißt denn das? Sie selber kennen sich doch am wenigsten. Im ganzen Leben haben Sie sich noch niemals gesehen. Sie erblicken immer nur den trüben Widerschein, den Ihr Antlitz in einen Spiegel wirft. Jeder Spiegel spiegelt Sie anders. Und gar das menschliche Auge. Ist es nicht gleichfalls nur ein Spiegel? Und was kann dieses Porträt hier anders bedeuten, als die Spiegelung, die der Dichter X. im Auge des Malers Strobusch erzeugte? So, Meister, sehe ich Sie eben!«

Teufel, dachte ich, da muß er aber keinen schlechten Schreck bekommen haben, als er mich zuerst im Garten traf!

Doch als ich bescheiden erwidern wollte, hob er die Hand.

»Sehen Sie, diese ganze törichte Frage der Ähnlichkeit verwirrt das Publikum nur. Die geistlose Ähnlichkeit herzustellen, ist Sache des Photographen. Er ist der Knecht der Natur. Der Künstler jedoch soll ihr Herr sein. Es ist gleichgültig, ob ich Ihre Nase ein wenig verkürze, Ihre Stirn erhöhe, die Hauptsache bleibt, daß ich ein Bild schaffe, von dem auch der ferner Stehende glaubt, daß Sie so ausgesehen haben könnten. Die Zahl derer, die die persönlich kennen, ist klein, die Zahl der Jahre, die die noch unter uns weilen werden, ist beschränkt. Ich male Sie nicht für Frau und Kinder; ich male Sie für die Welt, für die Zukunft; ich präge Ihnen die äußere Form auf, in der die Nachwelt die kennen wird. Man kennt Goethe den Mann durch Tischbein, man kennt Goethe den Greis durch Stieler. Nun gut, man wird die durch Strobusch kennen!«

»Aber ich bin doch kein Säufer – erbarmen die sich!« unterbrach ich ihn anklagend. »Ich habe noch niemals das Delirium gehabt. Ich trinke jeden Mittwoch Abend zwei Liter dünnes Kriegsbier, sonst die ganze Woche gar nichts! Und trotz dieser Mäßigkeit – – –«

»Halt!« sprach er lächelnd. »Haben Sie früher nicht stärker getrunken?«

Ich mußte das zugeben. Ich hatte als Student einen tüchtigen Stiefel vertragen. Ich habe auch später noch gern ein bischen gekneipt. Und wenn das Bier jetzt besser und billiger wäre, so würde ich wahrscheinlich öfter einmal einen kleinen Abendschoppen zu mir nehmen.

»Sehn Sie,« rief Strobusch entzückt und rieb sich die Hände. »Da verraten Sie sich ja! Sie haben ganz entschieden die Neigung, die Sie nur aus zufälligen wirtschaftlichen und zeitlichen Gründen unterdrücken. Aber sie sitzt in Ihnen, sie ist ein Teil Ihres Wesens. Und grade dies herauszubringen, Ihr eigentliches Wesen, das ist eben die Aufgabe des Künstlers. Ich male doch nicht nur Ihren Körper, diese bloße Hülle und Verkleidung Ihres Geistes, ich male in erster Linie Ihren Geist selbst, ich male Ihre heimlichen Begierden, Ihre unterdrückten Triebe, ich male alle Ihre Möglichkeiten, mit einem Worte: ich gebe in Ihrem Porträt gleichzeitig auch ein Symbol!«

Er sprach so eindringlich, so überzeugend, so begeistert, daß mir zu schwindeln begann. Sin leises Grauen vor mir selber kroch mir durch Mark und Bein; entartete Säuferlebern erschienen als Visionen vor meinen Augen; die Ahnung weißer Mäuse stand schattengleich am Horizont.

»Haben denn die grüngelben Käseflecke im Gesicht gleichfalls symbolische Bedeutung?« fragte ich, auf alles gefaßt, mit schwindender Kraft.

»Ja und nein«, erwiderte er streng. »Es sind keine Käseflecke, sondern es sind Lichter. Wie Sie bemerken, kommen die Sonnentupfen durch das Laub der Bäume und erhalten dadurch naturgemäß einen grünlichen Schimmer. Sie liegen in Wirklichkeit so ähnlich auf Ihrem Gesichte. Aber gleichzeitig deute ich damit an, daß Sie für die Natur, für Ihren Garten, für alles, was grünt und blüht, viel Sinn und Empfindung haben!«

Gott sei Dank! Die Käseflecke erschienen mir im Augenblick schon wesentlich sympathischer.

»In einem guten Porträt«, fuhr er fort, »muß eben alles stecken; es ist eine Welt für sich mit allen ihren Beziehungen. Vielleicht wundern Sie sich, daß Sie für den ersten Blick auch magerer und elender auf dem Bilde erscheinen, als Sie tatsächlich sind. Sie können es ruhig gestehn …«

»Ich schob es auf den Säufer,« warf ich bescheiden ein. »Solche Leute pflegen körperlich herabzukommen.«

Aber Strobusch schüttelte bestimmt den Kopf.

»Das ist es nicht«, sprach er. »Doch gestatten Sie mir eine Frage: haben Sie im letzten halben Jahr abgenommen?«

Nun, das war selbstverständlich. Das bedingte schon der allgemeine Fettmangel. Zehn oder zwanzig Pfund Leibesgewicht waren mir bei den herrschenden Ernährungsschwierigkeiten sicherlich abhanden gekommen, was ich nicht weiter beklagte.

»Vortrefflich!« nickte Strobusch. »Wenn Sie dies im Auge behalten, werden Sie meine Absicht bald begreifen. Werden Sie begreifen, daß ich mit Ihnen selbst auch die Zeit malte, in der wir leben. Wenn man dieses Bild nach hundert Jahren ansieht, wird man ohne weiteres beklommen ahnen, daß es im schweren Jahre 1916 entstand. Die Entbehrungen des Vaterlandes, die Kriegsnot des Volkes, den englischen Aushungerungsplan – in Ihrer Hohlwangigkeit habe ich dies alles mitgemalt!«

Einen Augenblick war ich so erschüttert, daß ich nur stammeln konnte. Welches Glück, dachte ich im Stillen, daß er nicht auch die Schlacht bei Tannenberg, die Torpedierung der Lusitania und die englisch-französischen Gasangriffe auf meinem Antlitz symbolisch vermerkt hat!

Und dieser Gedanke gewährte mir eine solche Erleichterung, daß meine Mienen sich unwillkürlich erhellten.

Strobusch verstand es falsch.

»Die Kunst,« sagte er schlicht und freundlich, »besiegt am Ende jeden Widerstand. Ich fühle bereits, wie mein Werk Ihr anfängliches Widerstreben bezwingt. Lassen Sie es mich nun zu Ende malen – es sind nur noch wenige Striche nötig –, lassen Sie es gut trocknen, geben Sie ihm einen schönen Rahmen, vielleicht mattgold, und wenn ich dann in 8-14 Tagen zum Firnissen herauskomme, dann, Meister, werden Sie sich so in mein Werk eingelebt haben, daß Sie Ihre heutigen Empfindungen selbst nicht mehr verstehen. Ja, allmählich werden Sie überhaupt unbewußt Ihre Vorstellungen von sich nach diesem Bilde modeln!

Ich bin dessen so sicher, daß ich Ihnen geradezu eine Wette vorschlage. Ich lege Ihnen 500 Mark auf den Tisch, wenn Sie mir nicht in 8-14 Tagen beim Firnissen sagen: »Strobusch … Sie mögen sein, wie Sie wollen, aber als Künstler sind Sie I A!

Topp? Setzen Sie zehn gegen fünfhundert Mark! Ich bitte Sie darum!«

Nun, diesen Gefallen konnte ich ihm tun. Wenn er durchaus sein Geld los werden wollte, mochte er wetten. Immerhin hatte seine Sicherheit Eindruck auf mich gemacht und als er eine Stunde später ging, nicht ohne mit einem allerliebsten Scherzwort die zweihundert Mark Unkosten einkassiert zu haben, stand ich doch nachdenklich eine ganze Zeit vor dem Bilde.

Es ist schließlich mit der Kunst eine verflixte Geschichte. Man kann sich scheußlich dabei blamieren. Ich habe das auch meiner Frau erwidert. Frauen urteilen immer allzu persönlich. Die meine gab kein ästhetisches Urteil ab, setzte sich auch nicht mit dem symbolischen Wert des Porträts auseinander, sondern sagte nur: »Glaubst Du im Ernst, daß ich jemals solch ein Scheusal geheiratet hätte?«

Die herbeigerufenen Kinder lächelten die Malerei ungläubig an und rieten, wen sie darstellen solle. Sie hatten sich bereits auf einen »farbigen Engländer« geeinigt, als der Realist der Familie in die empörten Worte ausbrach: »Paps, er hat ja Deine Krawatte um!«

Es gab ein ungeheures Halloh! Von allen Seiten wurde die Krawatte erkannt. Sie war in der Tat ausgezeichnet gelungen. Sie leuchtete rot und beherrschend aus dem Bilde. Ich vermute, daß sie Irgendwelchen Bezug auf das Blutjahr hat, aber ich kann es nicht sicher verbürgen.

Denn Strobusch, der allein sich verbindlich darüber äußern könnte, ist zum Firnissen nicht mehr herausgekommen. Strobusch, den ich gern wegen unserer letzten Wette gesprochen hätte, hat mich und sein Meisterwerk schnöde im Stich gelassen. Die Erde hat ihn verschluckt; niemand weiß, wohin er verschwunden ist; niemand will den Freund von Walter Leistikow plötzlich kennen.

Die Bildnisausstellung in der Akademie der Künste ist ohne mich eröffnet und geschlossen worden, ohne daß es zu den von meiner Frau erwarteten Unruhen gekommen wäre. Im mattgoldenen Rahmen verbringt mein Kriegsporträt hinter einem dichten Vorhang seine Tage. Alle Bemühungen, es auf eine billige Weise loszuwerden, sind gescheitert. Am ein Haar hätte ich es für dreihundert Mark an einen Spekulanten verkauft, der moderne Gemälde erwarb, um der Kriegsgewinnsteuer zu entgehen. Aber er sprang im letzten Augenblick ab. Ein Sammler von Kriegsandenken liebäugelte gleichfalls mit dem Kunstwerk, zog ihm jedoch schließlich das Sprengstück eines Schrapnells vor, das garantiertermaßen einen Gefreiten verwundet hatte. Und den Versuch, das Porträt für einen Schinken einzutauschen, mußte ich rasch aufgeben, um nicht in den Verdacht unheilbaren Größenwahns zu geraten.

Was bleibt mir übrig? Ich wende mich an die breite Öffentlichkeit und suche Strobusch. Ich bitte um seine Adresse. Ich bin bereit, mich dafür erkenntlich zu zeigen. Ich fordere ihn auf, sich selbst zu melden. Sollte dies bis zum Friedensschlusse nicht geschehn, so erkläre ich hiermit, daß ich das von ihm geschaffene Bildnis eines schwindsüchtigen Säufers der Tombola irgendeines Wohltätigkeitsvereins zum Ausspielen überantworten und mit unübersehbaren Buchstaben darauf vermerken werde:

»Selbstporträt des Malers Strobusch.«

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