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Landsturm-Musterung

Aus der Mappe eines preußischen Heimkriegers

Buchschmuck: Paul Hartmann

I

Einmal hab' ich geträumt, ich hätte dem lieben Gott einen großen Dienst erwiesen. Da ist er an mein Bett gekommen, er hat mich aber nicht gerufen, sondern nur lächelnd angesehen. Doch wie ein Kind es im Schlafe wohl fühlt, wenn die Mutter spät noch einmal mit der Lampe an sein Lager tritt, so habe ich gut gemerkt, daß etwas mit mir vorgeht, weil meine Augen bis tief in den Schlummer hinein ein schönes, stilles Licht gespürt haben.

Ohne mich zu wundern, habe ich auch gleich gewußt, daß es der richtige alte Herrgott ist, der da vor mir steht. Denn alle übrigen Götter unsrer Zeit sind aufgeregt, er allein aber ist ruhig. Er trug den silbernen Patriarchenbart wie auf dem Stahlstich, der einst in meinem Elternhause hing, und hat in unendlicher Stille zu mir gesprochen. Eigentlich war es wohl gar kein Sprechen, denn es ward kein menschlicher Laut dabei hörbar; es quoll alles aus dem schönen stillen Licht.

Auf solche Weise ward ich seines Willens und seiner Gedanken inne. Er wäre hier – so leuchtete das Licht –, um mich zu belohnen und mir einige Wünsche freizustellen. Da die Menschen jedoch aus ihrer irdischen Torheit heraus immer nur Nichtigkeiten erbäten, so sollten mir bestimmte Wünsche zu meinem eignen Heil von vornherein verboten sein, nämlich alle, die meinem Besitz und Wesen etwas hinzufügen wollten. Dagegen wäre er gern bereit, mir einige meiner Gaben und Eigenschaften zu verringern oder ganz abzunehmen.

Dabei hob er eine große Schere empor, mit der er sonst den Engeln die Flügel stutzen mochte. Sie war silberweiß wie sein Bart und machte ein paarmal einen Luftschnapper, wohl um mir zu beweisen, wie leicht sie ginge.

Aber ich bin gar nicht besonders erfreut darüber gewesen. Es gab noch so manches, was mir in Wunschweh recht irdisch das Herz verbrannte, und gerade dies sollte ich nun nicht erhalten. Unwillkürlich stieß mir ein schwerer Seufzer des Unmuts empor, doch es begab sich das Wunder, daß er ohne mein Zutun süß wie Lobgesang und Halleluja-Atem in dem Gotteslicht zerfloß. Seitdem glaub' ich nicht mehr, daß irgend etwas Häßliches, Zorniges oder Böses an Gott heranreicht. Wenn es in seine Nähe kommt, ändert es von selbst seine Natur.

Als ich noch staunte, sprach meine Seele still aus mir zu dem Ewigen:

Ich bin ein Wandrer und versuche in der Dunkelheit zu singen. Aber mir im goldenen Kleid gehn deine Sterne auf staublosen Straßen, und wenn ich emporschaue, fühle ich wohl, daß ich zu viel an Hochmut und Heftigkeit, Eitelkeit und Eigensinn mit mir umhertrage. Wenn du mir davon überall ein Zipfelchen wegschneiden wolltest, könnte ich noch sichrer und fröhlicher einhergehn. Insbesondere, lieber Herr, stutze mir die leichte Beweglichkeit der Phantasie, von der ich selber nicht weiß, welche Fee Hold oder Unhold sie mir als Mitgift in die Wiege legte. Alles, was auf Erden an Glück und Leid geschieht, zwingt sie mich zu durchkosten und zu erleben. Alles, was mir bevorsteht und mir begegnen könnte, muß ich doppelt durchmachen. Und da der Schmerzen ja so viel mehr sind, als der Freuden, fühle ich mich vor anderen Menschen beschwert und zu unseligem Schicksal verdammt.

Ich habe nicht unterscheiden können, ob der alte Herrgott ganz meiner Meinung war. Es ist mir fast gewesen, als hätte er wunderlich den Kopf geschüttelt. Doch seine silberweiße Schere hat er sachte geöffnet, um mir das Wucherzeug wegzuknipsen.

Schon aber jagte – geschwinder als das Licht – meine Einbildung um alle Möglichkeiten des nahenden Schnittes, und mit jähem Ruck habe ich mich zurückgebogen, daß mir der Kopf dröhnend gegen die Bettlade fuhr.

Da hatte ich nun doch zu meinem Hab und Gut noch etwas dazu bekommen, wenn es auch nur eine Beule war, und verstört, mit offenen, schlafdunklen Augen saß ich gleich darauf in den Kissen. Der Vollmond schien mit schönem, stillem Licht ins Zimmer hinein, als milchige Kreise schwebten noch einen Herzschlag lang die beiden Griffe von Gottes Schere vor mir, aber sie lösten sich an der Wand auf, und die Scherblätter hatten ihr Werk nicht getan.

Ist mir seitdem oft leid gewesen, wenn ich alles noch so üppig beisammen sehe: den Hochmut und die Heftigkeit, die Eitelkeit und den Eigensinn. Mit einem kurzen Schnitt wäre es zu machen gewesen: nun muß das Leben langsam, langsam daran wetzen, und niemand weiß, ob es fertig wird.

Fast am schlimmsten aber will es mir erscheinen, daß sich die Phantasie, die närrische Gauklerin, noch immer ihrer ungerupften Federn erfreut. Je schwerer die Zeit wird, um so leichter wird ihr Flügel und um so toller ihr Spiel. Man muß sie ewig auf Kandare reiten, daß sie niemals den Herrn vergißt. Sonst fängt sie mit einem zu spielen an wie das Kätzchen mit dem Wollknäuel. Bei einer ganzen Kleinigkeit hat sie versucht, mich in den Griff zu kriegen.

Es ist nämlich die Musterung meiner Jahresklasse herangekommen. Mit reingewaschenem Körper sollte sich auch der alte Landsturm, der die Vierzig schon überschritten hatte, zur Untersuchung stellen.

So weit war alles ganz gut. Der Wollknäuel dachte sich wenig dabei, und das Kätzchen schlief ruhig auf der Ofenbank.

Vielleicht ist es von dort meiner Frau auf die Schulter gesprungen. Denn eines Abends sprach sie so nebenher: »Du gehst ja nächstens zur Musterung. Wie ist das eigentlich … müßt ihr euch dort wirklich alle entkleiden?«

Ich habe das noch ganz harmlos bejaht. Habe nicht einmal bemerkt, daß in der folgenden Stille das Kätzchen einen Buckel machte und schnurrte. Selbst das innerliche Lachen meiner Frau kam mir erst dann zum Bewußtsein, als ihre verborgene Heiterkeit mit einem halb unterdrückten Dreiklang auch die Außenwelt erreichte.

»Entschuldige«, sagte sie auf meinen verwunderten Blick, »aber ich finde es furchtbar komisch. Welch eine Vorstellung, daß ihr älteren Herren da ohne jede schützende Hülle umherwandelt!«

Der ältere Herr gab mir bei seinem unvermuteten Erscheinen einen kleinen feinen Stich, den ich für mein Leben gern erwidert hätte. Aber da ich im Augenblick keine passende Spitze erwischte, so vertagte ich alle Vergeltungsmaßregeln auf später und mißbilligte vorläufig nur im allgemeinen den bei Frauen häufigen Mangel an Staatsgefühl.

Es muß mir mit dem Stich doch aber ein Gifttröpfchen unter die Haut geraten sein, denn des Nachts, als ich nicht gleich einschlafen konnte, fing es heimlich in mir zu schwären an. Die Gedanken gehn ja im Dunkeln gern ihre launischen Wege. Der Wille ist schon eingedämmert wie ein geblendeter Riese; er bewacht sie nicht mehr. Und sachte streckt das Kätzchen die Krallen nach dem Wollknäuel aus.

Eigentlich – dachte ich noch etwas zögernd – ist es in der Tat eine starke Zumutung für friedliche Bürger, am hellen Vormittag pudelnackt Parade zu stehn. Es ist nicht nur komisch, es ist gewissermaßen auch peinlich. Was den Buschmann oder Maori ziert, ist für den Mitteleuropäer kränkend. Lieber Himmel, wir sind doch keine nackten Menschen mehr, die in ihrer Natürlichkeit schön sein können, – wir sind ausgezogene Menschen, die sich verlegen nach Hemd und Unterhose umschaun! Beklage das, wer will – hier stehe ich und will es preisen! Denn erst, als Adam und Eva vor ihrer Blöße Scheu empfanden und sich die Schürze aus Feigenblättern flochten, begann die Kulturentwicklung der Menschheit. Von diesem Augenblick an war das Tier überwunden. Schamgefühl ist die Grundlage und Voraussetzung jeder Höherbildung. Und diese Grundlage zerstört, diese erste und edelste Blüte des menschlichen Gemüts beleidigt und knickt man mit roher Hand, indem man uns, gereifte Männer in Amt und Würden, uns, die Väter heranwachsender Töchter, dazu zwingt, in den Urzustand zurückzukehren und im adamitischen Kostüm zur Schau zu stehn – preisgegeben den prüfenden Blicken ungezählter Menschen, wohl gar den Blicken unserer eigenen Untergebenen! –

Tanzte der Wollknäuel nicht schon recht hübsch?

Er war fast unmerklich ins Rollen gekommen und flog nun mit immer größerer Geschwindigkeit hin und her. Das Kätzchen war eine Katze geworden; die Katze trieb und trudelte ihn, ohne ihm Ruhe zu lassen; die Katze verwirrte in tückischer Spielfreude den armen Wollknäuel vollständig.

Gesetzt den Fall, dachte er in heftiger Bewegung, man holt sich bei dieser allgemeinen Entblößung eine Krankheit! Ein Schnupfen wäre noch das Gelindeste. Aber ist eine Magenverstimmung, eine Leibesverkühlung, eine Lungenentzündung etwa ausgeschlossen? Nun gut – und wer bezahlt mir das? Wer gibt mir meine Gesundheit wieder? Wer versöhnt mein tiefverletztes Schönheitsempfinden, das rings um sich schaudernd die mißglücktesten Schöpfungsgebilde Gottes erkennen muß?

Wahrlich, das Bild ward immer düsterer, je mehr man sich darein versenkte! Wo, zum Beispiel, legte man bei dieser vermaledeiten Musterung seine Kleider hin? Einen einzigen Stuhl, heißt es, soll man im Ganzen dazu zur Verfügung haben! Seinen Anzug, seine Wäsche, seine Stiefel, seinen Hut, seine Krawatte, weiß der Himmel was sonst noch – alles muß man auf diesem Stuhl unterbringen! Gleichzeitig aber soll man auch darauf sitzen, gleichzeitig seine Militärpapiere bereit halten, gleichzeitig die Verhaltungsmaßregeln der überwachenden Gendarmen beachten, gleichzeitig überlegen, ob man Uhr und Geldtasche nicht am sichersten in die Schnürstiefel versenkt – und dies alles in blitzartiger Geschwindigkeit! Ja, mein Gott, man ist doch kein Jongleur!

Blieb man aber nur ein wenig hinter der Blitzgeschwindigkeit zurück, vielleicht weil sich eines der Schuhbänder verknüpfelt hatte – wenn man Eile hat, tun sie das immer; man frage Hochzeitsreisende! –, dann also bekommt man unter Umständen eine altpreußische Liebkosung an den Kopf geworfen, die sich gewaschen hat. Und in dem Ärger darüber, in der Nervosität über das tückische Schuhband wirft man sie womöglich noch etwas abgerundeter zurück … Temperament hat man doch einmal, Temperament ist bei unsereinem einfach Berufserfordernis; ein Schriftsteller ohne Temperament soll sich begraben lassen!

Das Weitere ergibt sich dann von selbst. Man ist kein Bürger mehr; man steht unter den Militärstrafgesetzen; man kann sofort unter Bedeckung nach Spandau gebracht werden. Bei der Aburteilung kommen am Ende gar die Kriegsartikel zur Anwendung. Jedes Kind weiß, daß sie höllisch scharf sind. Sie schwanken nur zwischen Todesstrafe und mehrjährigem Aufenthalt in den Kasematten. Dann werde ich also in der Blüte meiner Jahre im dumpfen Kerker schmachten und eine Kreuzspinne zähmen, während Frau und Kinder zu Hause die Hände ringen und hungern! –

Es waren rosige Aussichten. Ach, wo war das schöne stille Licht geblieben, das einst in meinem Schlafzimmer geleuchtet hatte! Nur gestaltloses Dunkel wogte heut gespenstisch um mich herum, und die Katze, die verdammte Katze flog als Fledermaus mit unhörbaren Flügeln durch dieses Dunkel hindurch. Ein leises Grauen wob um die riesigen Schwingen, die Gottes Schere nicht beschnitten hatte; sie verwandelten sich in jedem Augenblick; sie warfen auf klare glatte Wege die düsteren Schatten tiefer Abgründe; sie machten das Leichte schwer und einen Flederwisch zum spanischen Reiter; sie schreckten und scheuchten den Schlaf.

Erst gegen Morgen kam der erschöpfte Wollknäuel zur Ruhe.

Woraus man ersieht, wie viel Wolfsgruben und Fallstricke sich für phantasievolle Menschen selbst hinter einer einfachen Musterung verbergen können. Wohl nahm sich im hellen Sonnenlicht, das die Katzen nicht lieben und die Fledermäuse vermeiden, vieles schon wesentlich erträglicher aus, aber es blieb ein peinliches Unbehagen, ein inneres Widerstreben, eine dumpfe Erwartung zurück.

Und als der Tag des Gerichts gekommen war, zog ich wohl vorschriftsmäßig mit reingewaschenem Körper, aber doch mit verdüsterter Seele die Tür meines Hauses hinter mir zu. Ich liebe es in solchen Fällen, mich an weltgeschichtlichen Beispielen aufzurichten. Ich dachte also an den teuren Doktor Martin Luther, der vor den Reichstag zu Worms geladen war. Es mag ihm, als er von seiner Herberge aufbrach, schwer ums Herze gewesen sein. Und während ich ihm dies inniger denn je nachfühlte, hatte ich plötzlich die Empfindung, als beuge sich ein Schatten über die Treppe und rufe auch mir die Worte nach: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang!«

II

»Ich bin hindurch!« hat der Luther gesagt, als alles vorüber war und er glücklich seine Herberge wieder erreicht hatte.

Ob er dabei in Einem hin gelacht und geweint hat, wird nirgends berichtet.

Es ist im Frühling gewesen, und alle Bäume und Sträucher des alten Worms haben junge Triebe gehabt. Das muß dem Luther eine rechte Herzstärkung gewesen sein. Und während er innerlich tapfer sein Gewissen rüstete oder sonst mit großen Gottesdingen beschäftigt war, hat er vielleicht mit seiner breiten Bauernhand solch ein grünes Spitzchen zu sich hergebogen und es gut und froh angesehn.

Nun denkt gewiß ein ganz Schlauer: Aha, das sagt er nur, weil er es selber so gemacht hat … damals, als er die Musterung glücklich überstanden hatte!

Aber ich später Enkel habe weder einen Zweig gebogen noch habe ich die Worte gebraucht: Ich bin hindurch!

Nur froh bin ich gewesen! So heilfroh, daß mir die Leute auf der Straße hinterdrein gelächelt haben, weil ich meine Freude so schlecht habe verstecken können. Wär' auch unmöglich gewesen, sie gleich ins Zimmer zu sperren! Deshalb hab' ich sie wie ein unverhofftes Geschenk durch Wind und Sonne getragen, bis wir miteinander in den Wald gekommen sind, die Freude und ich.

Da standen Birken am Rand und leuchteten stillselig wie wartende Bräute und kämmten sich ihre grünen wehenden Haare. Hinter ihnen aber tanzten goldene Lichter über die ernsten Stämme der Kiefern, und fernher, aus einer Einsamkeit, durch die kein Menschenfuß rauschte, lockte zärtlich das gurrende Lachen der Holztauben.

Auf das Lachen bin ich zugegangen, weil ich selber eins im Herzen trug. Das ist mir aufgesprungen mitten im ernsten Musterungsgeschäft und will nicht mehr weichen. Es lacht aber nicht deshalb, weil sich alles so glatt abgewickelt hat. Der törichte Dämmerspuk der Phantasie wird ja immer von der starken geruhigen Wirklichkeit beschämt. So ist natürlich auch diesmal gar keine Not gewesen. Die Schuhbänder lösten sich, und der verfügbare Stuhl reichte aus. Meine Gesundheit ist so wenig geschädigt worden wie mein sittliches Empfinden und mein Schönheitsgefühl. Selbst die Kriegsartikel dünkten mich erträglich, und die Kreuzspinnen in den Kasematten von Spandau werden sich an andere Säfte gewöhnen müssen.

Zugegeben, daß dies alles sehr angenehme Enttäuschungen waren! Aber hat man deshalb schon eine große Freude? Läuft man deshalb in den Wald und pfeift vor sich hin? Gewiß nicht, es muß schon etwas Besseres sein.

Ich möchte es auch gerne mit einem Wort sagen, weshalb ich so froh bin. Aber nachher verstehen mich die Leute nicht und denken, ich treibe Narrenspossen.

Als wir pudelnackt nebeneinander gesessen haben und noch warten mußten, da hat mein Nachbar links mir sein Überbein gezeigt. Er ist von Beruf ein Müllkutscher und hat mich gefragt, ob ich meinte, daß er kriegsverwendungsfähig sei, und hat seine ganze Lebensgeschichte in großen Zügen sachte um das Überbein herumgerankt. Das hat mich gefreut.

Und mein Nachbar rechts ist ein Oberregierungsrat gewesen mit einer Brille, die gerade sein einziges Bekleidungsstück war, und er hat das Überbein gleichfalls begutachtet und hat gesagt, daß es störend sei, aber nicht so störend wie seine Krampfader, zu deren Vertrauten er uns beide brüderlich gemacht hat. Das hat mich auch gefreut. Und als ich Auge und Ohr daraufhin noch etwas weiter auftat, da habe ich bald gemerkt, daß es überall im ganzen Kreise so ähnlich gewesen ist.

Es hat mit einem Male ringsum so wundervoll gemenschelt.

Seitdem habe ich das Lachen in mir, und wenn mir deshalb einer sagt, daß ich ein närrischer Kerl bin, so will ich es ihm glauben, ohne mich zu grämen.

Denn die Hauptsache bleibt doch, daß man im Walde vor sich hinpfeift und dazwischen froh in die Wipfel sieht und einer alten Kiefer einen übermütigen Klaps gibt.

Wenn ich das früher getan habe, so habe ich immer nur die Wipfel gemeint und das flüchtige Getier und alles, was der Herrgott am dritten, vierten und fünften Tag gemacht hatte. Diesmal aber habe ich auf sein Ebenbild gezielt, auf das Meisterwerk seines sechsten Tages und hatte eine so ungestüme, warme, strahlende, herzerfüllende Liebe zu meinen zweibeinigen Brüdern.

Ist das nicht etwas Schönes? Ist es nicht etwas Prachtvolles, wenn eine Musterung dies zuwege bringt?

Und ich dachte: schreib dir das auf, was du da gesehn und erlebt hast! Niemals wieder wird dir Ähnliches geboten. Niemals wieder – so viel Jahrhunderte auch noch abwärts rauschen – wird Deutschland gezwungen sein, den Landsturm II, den alten Landsturm über Vierzig aufzurufen. Das erste Mal und das letzte Mal ist er ins Licht der Weltgeschichte getreten. Wie von einer abenteuerlichen und unglaubwürdigen, aber seltsam packenden Sage werden die Enkel und Urenkel davon reden. In ihren Büchern werden sie von gewaltigen Schlachten lesen, von Blut und Not und grimmigem Haß – doch wer erzählt ihnen von den kleinen Menschlichkeiten dieser unmenschlichen Zeit? Wer erzählt ihnen davon, wie ihre Großväter und Urgroßväter, schon leise ergrauend, noch gleich den jüngsten Rekruten zur Stellung angetreten sind, und was sie dabei gedacht und gefühlt haben?

Vorwärts, mein Freund, – hier ist eine Lücke zu stopfen und ein Kranz zu gewinnen! Es hat mir auch keine Ruhe gegeben, bevor ich in Gottes Namen nicht lang im Kraut gelegen habe, neben mir Bleistift und Merkbuch. Erst habe ich immer in die Wipfel und den Himmel gestarrt und dann auf die weißen Blätter, und endlich fing der Bleistift zu galoppieren an. Von dem Wollknäuel und der Katze bin ich mit Absicht still gewesen; man muß den Enkeln auch nicht alles sagen. Nur das Sachliche und das Menschliche hat dauernden Wert.

Als ich nach einiger Zeit den Schlußstrich machte, bekam ich aber doch einen leichten Schreck. Denn auf den Seiten, flüchtig hingekritzelt, stand der nachfolgende schnöde Bofel, den ich nur schamhaft errötend hier wiederzugeben wage:

»Zwanzig Jahre gingen vorbei –
Nun wird er befohlen, der Landsturm II,
Der Landsturm, der auch in jungen Tagen
Niemals des Königs Rock getragen.

Man hat inzwischen (nach Narben und Wunden)
Im Leben so seinen Platz gefunden;
Man hat seine Frau, sein Heim, seine Kinder,
Man wird allmählich ein alter Schinder
Und denkt sich: im gleichen Zuckeltrab
Geht es nun weiter, geht es ins Grab.

Da plötzlich – erzittre, feindliche Welt! –
Wird man zur Musterung hinbestellt.
Ein wenig verwundert, ein wenig beklommen
Hat man den Aufruf zur Kenntnis genommen,
Doch wächst auch ein heimlicher Stolz heran,
Daß einen der König noch brauchen kann.

Und eines Morgens steht man bereit
Mit militärischer Pünktlichkeit.
Von allen Seiten im Sonnenschein
Strömt es in Garten und Saal hinein.
Bäuchlein, gemästet in Friedenstagen,

Werden da pustend herangetragen,
Körper, in Elend und Sorge erschlafft,
Körper, sehnig und jünglinghaft,
Schwarzes, braunes und graues Haar –
Und doch stammt alles aus gleichem Jahr!

Eine Weile drückt man gemessen und stumm
Sich zwischen den Altersgenossen herum
Und denkt sich seufzend: Was ist doch hienieden
Der Mensch vom Menschen so bitter geschieden!
Konservativer, Sozialdemokrat,
Arbeiter, Kaufmann, Regierungsrat –
Sie schleppen doch alle auf Schritt und Tritt
Heimlich immer die Kaste mit.

Unangekränkelt von solchem Harm
Erscheint mit der Liste der Herr Gendarm.
Der Aufruf der Namen … ein buntes Gemisch,
Stand und Titel fällt unter den Tisch.
Der Droschkenkutscher, der Großbankleiter,
Hier sind sie »Meyer« und sonst nichts weiter.
In gleicher Gruppe wandeln die beiden
Einträchtig nach drinnen … zum Entkleiden.

Und wenn man sich sacht aus den Hüllen schält,
Dann wird es egal, wie der Nachbar wählt.
Es sinken gemach Rock, Weste und Hose …
Verschieden fallen im Leben die Lose.
Beruf und Stand, sie machten uns fremd,
Nun rutschen sie ab mit dem sinkenden Hemd,
Und ist man erst glücklich in Adamstracht,
So sieht man sich an und plaudert und lacht.

Du Wunder und heiliges Menschenrecht:
Keiner mehr Herr, keiner mehr Knecht!
Hoch und Niedrig, Arm und Reich,
Eine kurze Stunde sind sie nun gleich!
Konservativer, Sozialdemokrat,
Arbeiter, Kaufmann, Regierungsrat,
Alle bewegt von den gleichen Fragen:
Was wird uns drinnen der Stabsarzt sagen?
Ist man noch tauglich? Wird man genommen?
Wird man am Ende zur Garde kommen?
Oder muß man als Schipper marschieren
Und für Deutschland den Spaten führen?
Vor allem: wie lange wird es noch dauern,
Eh' wir wohnen hinter Kasernenmauern?
Vielleicht, daß der Nachbar Genaueres weiß …
Schon fragt und redet der ganze Kreis. –

Dann – nach der Musterung und Entscheidung –
Steigt man befriedigt in seine Kleidung.
Und langsam … mit Anzug und Oberhemd …
Wird Nachbar wieder dem Nachbar fremd,
Als wär in das Machwerk von Schneiderhand
Das ganze zivile Verhältnis gebannt.

Doch hoff' ich, ein letzter Gewinn wird bleiben
Und folgt dem Landsturm ins Alltagstreiben.
Ein heimliches Lächeln voll stiller Erkenntnis,
Für links und rechts ein wenig Verständnis.
Ich denke, wir wollen es nicht vergessen,
Daß wir als Adams zusammengesessen
Und daß wir alle, Herr und Gesind,
Söhne von Mutter Deutschland sind! –

Was sagt ein armes Menschenkind nun dazu, wenn ihm die Muse mitten im Walde solch einen Wechselbalg unterschiebt?

Zweimal habe ich mir die Bescherung von allen Seiten angesehen und sie dann kopfschüttelnd in die Tasche geschoben.

Nehmen wir wirklich an, das Papier wäre besonders haltbar und entginge aus Zufall dem großen Kehrichthaufen, dann könnte mein Urenkel es um 1970 herum aus einer alten Kiste emporfischen. Vielleicht erzählt er am Abend – wenn der Vollmond sich die verwucherte Epheudecke meines Grabes beschaut – einem Freunde davon.

»Der alte Herr«, wird er sagen, »ist ein komischer Heiliger gewesen. Da spricht er lang und breit von allem Möglichen, aber die Hauptsache, die Musterung selbst, den Befund des Stabsarztes übergeht er. Man erfährt es einfach nicht, ob er damals zu einem Truppenteil angesetzt ward oder nicht. Dafür ist er im Nebensächlichen um so redseliger. Begreifst du das?«

Ich höre die Worte schon heute. Ich ducke mich vor der Urenkel-Kritik von 1970. Nachher fällt mir ein, daß ich manches darauf erwidern könnte. Aber mir fehlt die Adresse.

Am Ende versteht Ihr mich besser, ihr alten Landstürmer, die ihr hüllenlos mit mir zusammensaßet! Wenn ich an euch Alle denke, Unbekannte und doch Vertraute, kehrt mir die Freude und die Wärme von neuem zurück.

Und zu meiner Hausfrau sagte ich bei der Rückkehr innig und überzeugungsvoll: »Ich finde, die Menschen sollten öfters entkleidet gehn!«

Da dieser Gedankensplitter jedoch aus seinem ursächlichen Zusammenhange gerissen war, so wirkte er befremdend und fand eine ungünstige Aufnahme.

III

Seitdem ist eine lange schwere Zeit vergangen … fast sechzehn Monate. Aber der Krieg verging nicht.

Ich erinnere mich noch genau an den Abend, der dem Frühlingstage der Musterung folgte. Die Türen zur Veranda standen offen, und Frühblüher sandten den ersten Duft hinein. Da saßen wir zusammen, wie des Abends immer. Am Tage geht jeder seinen Weg, aber wenn die Schatten sinken, findet man sich gleich den Hühnern auf einer Stange.

Also nun sollt' ich erzählen: wie es war und was ich geworden bin. Auf die letzte Frage hatte ich mich schon den ganzen Nachmittag gespitzt. Und ohne jeden weiteren Zusatz sagte ich: »Garde-Infanterie!«

Wenn das hier so dasteht, gesetzt von gleichgültiger Setzerhand, gedruckt von fühllosen Maschinen, so ist es ein Wort wie zehntausend andere. Man muß es von mir hören. Wir Deutsche von der östlichen Grenze haben ein prachtvolles R. Wenn wir »Garde« sagen, so klingt ein ganzer Trommelwirbel darin, und unwillkürlich steht der andere stramm.

Auch meine Frau entzog sich dem Eindruck des Wirbels nicht, aber noch etwas verständnislos-unsicher baten ihre Augen um nähere Erläuterung.

Sie ward ihr zuteil. Sie vernahm, daß in die Garde nur völlig unbescholtene Leute eingereiht würden, die über eine ansehnliche Größe und über einen makellosen, kräftigen, kerngesunden Körper verfügten. »Gewissermaßen ist es also eine Auszeichnung, die natürlich auch höhere Pflichten bedingt. Nach Menschenermessen kommen alle anderen Landstürmer meiner Jahresklasse nur noch für Garnisons- und Etappendienst in Frage. Aber Garde … Garde geht selbstverständlich an die Front. Sie wird überall dort eingesetzt, wo es die schwerste und blutigste Arbeit gilt.«

Ich habe das unter Vermeidung jeder Heldenpose gesagt. Als einfache Feststellung. Rauchte dabei wie sonst und blies ein Aschenstäubchen von meinem Ärmel. Es entging mir trotzdem nicht, daß meine Lebensgefährtin kaum merklich zusammenzuckte.

Diese Zuckbewegung fand ich nicht unsympathisch. Es stand da sowieso noch eine kleine Rechnung offen – wegen des »älteren Herrn« –, und ich nahm mir vor, sie unauffällig gleich ins Reine zu bringen.

So habe ich denn noch einige Zeit von den blutigen Taten der Garde erzählt. Möglich, daß ich dabei in ihren immergrünen Ruhmeskranz auch allerhand Phantasielorbeer mengte und ihren Siegesschritt durch Gegenden dröhnen ließ, die sie nie berührt hat. Es kommt ja wirklich nicht mehr darauf an …

Nachher haben wir noch wie jeden Abend von den Kindern gesprochen, aber meine Frau war etwas zerstreut und stiller als sonst. Der Frühlingsabend erschien ihr kühl, während ich ihn als höchst wohltuend und warm in der Erinnerung habe.

Es geht mir seitdem, unberufen!, geradezu beschämend gut.

Wir haben ja immer eine leidlich glückliche Ehe geführt, aber sie dauert nun über fünfzehn … nein, sogar schon über sechzehn Jahre, und wenn man diese ganze lange Zeit den Karren im gleichen Geschirr durch den Alltag zieht, so kommt auch sachte der Staub des Alltags zu seinem Recht. Ein Körnchen setzt sich hier, ein Körnchen dort an, und ohne daß man es selber merkt, wird es am Ende eine feine, graue Schicht.

Bis mit einem Male ein Windstoß daherfegt! Ein Windstoß, der den Staub aufbläst und davonpustet, daß unter ihm blank und schön, wie es einst gewesen, das Leuchtglück der Vergangenheit wieder zum Vorschein kommt.

Und dieses zarte Wunder, das viel zu heimlich ist, als daß man laut darüber reden könnte, hat allein die Garde bewirkt – die Garde, die überall dort eingesetzt wird, wo es die schwerste und blutigste Arbeit gilt!

Verstehn wir uns recht: es gab bei uns im Hause wieder einen Wollknäuel und wieder ein Kätzchen, und das Kätzchen spielte prachtvoll.

Ich ertappte meine Frau bei zufälligen Gelegenheiten darauf, daß sie mich mit einem verlorenen Seitenblick ansah. Mit einem unbeschreiblichen Blick, voll träumerischer Ergriffenheit, fragender Innigkeit, wehmütiger Ahnung. Ich denke mir, daß man mit einem ähnlichen still noch einmal vor dem Scheiden die bedrohte Stätte seiner Jugend umfaßt. Solange man im ruhigen, gesicherten Besitz war, hat man ihrer kaum geachtet. Aber die bloße Möglichkeit des Verlustes läßt ihren unersetzlichen Wert erkennen.

Natürlich hielt ich selber mich ganz zurück. Ich wußte zu gut, daß das Kätzchen durchaus keine Nachhilfe brauchte. Niemals verwirrte ich meine Frau durch eine Frage oder auch nur durch ein Aufmerken, wenn ich spürte, daß sie mich wie einen schon halb Entrissenen und Entrückten ansah. Ich genoß nur dankbar, was das Schicksal mir bot. Ihr Lächeln wurde wieder bräutlich, ihre Hände wurden weicher, ja wenn sie etwa zu anderer Zeit gewiß gern eine spitze Bemerkung gemacht hätte, preßte sie jetzt nur still die Lippen in himmlischer Geduld zusammen. So ward durch sie mein einstiger Traum in ungeahnter Weise verwirklicht: jeder Sturm ward ihr im Augenblick des Ausbruchs zum linden Säuseln, wie dazumal mein irdischer Anmutsseufzer zum himmlischen Lobgesang; jedes Wort, das vielleicht hätte als schroff empfunden werden können, süßte sie sofort mit einem Lächeln abbittender Liebe.

Vielleicht, mochte sie denken, ist dies der letzte Tag, den wir noch ganz für uns haben … vielleicht kommt schon morgen der Befehl, der ihn zur Fahne ruft … lieber Gott, wir wollen uns doch den letzten Tag nicht verderben!

Mit einem Male erkannte sie wieder (was ich immer behauptet hatte!), welch einen prachtvollen Mann und Kindsvater sie besaß.

Winkelglück im Weltkrieg –! Draußen donnern die Kanonen, und hier singen die Heimchen am Herde schöner denn je. Draußen ertragen sie Weh und Wunden, Kälte und Tod, und hier drinnen wärmt einem ein kleines Philisterglück die Hauspantoffeln. Aber soll man es nicht mitnehmen? Nicht dankbar sein für den Winkel im Sturm? Wie soll man Kraft und Wärme an die Weite abgeben, wenn man in der Enge nicht Kraft und Wärme gesammelt hat?

Oft hab' ich gedacht: es kann ja nicht lange so bleiben. Aber Monat auf Monat verging, und es ist nicht anders geworden. Denn immer, wenn es so weit war, daß das Kätzchen müde ward und der Wollknäuel sich in die alte Ruhe und Sicherheit wiegen wollte … immer hat gerade dann die Garde im Westen oder Osten einen ihrer unwiderstehlichen Sturmangriffe gemacht, und in der Freude an dem Heldengeist meiner demnächstigen Kameraden habe ich nie versäumt, meiner Frau stets den ausführlichsten Bericht zu besorgen.

Sie hat sie gesammelt, ich weiß es. Und wenn ich einst wirklich fort sein werde, wird sie sich allabendlich einen kleinen Graus in Angst und Liebe machen und sie von neuem lesen.

Wann wird das sein? O bald … bald! Auch meine Stunde muß nun schlagen. Freunde, Brüder, Altersgenossen stehn schon in Reih und Glied. Es ist Zeit, daß ich ihnen folge.

Manchmal drängt es mich selber. Ich habe so viel Vorschuß auf meine künftigen Kriegstaten erhalten, daß ich ihn nach Möglichkeit abtragen möchte. Er fängt mich hin und wieder zu bedrücken an. Besonders an der Garde habe ich viel gutzumachen.

Aber ich weiß, was ich tue. Einst – wenn wieder Frieden sein wird – werde ich mir die Garde in mein Haus holen – das heißt: ein paar Mann. Ich werde sie stopfen, ich werde sie nudeln, ich werde sie einpacken in Wohltaten. Sie haben es um uns alle verdient und um mich ganz besonders.

Dieser Gedanke erhebt und tröstet mich schon seit Wochen. Er allein befähigt mich, den Vorschuß an Liebe, der mir in häuslicher Währung seit 16 Monaten ausgezahlt wird, ohne Beschämung zu ertragen.

Ach, wenn sie nur erst wieder daheim wäre, die Garde!


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