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IX.

Helene Herold hatte Wochen hinter sich, die in ihr rundliches, frauliches Gesichtchen ein paar tiefe, unverwischbare Falten gezeichnet hatten.

Mit folterndem Schmerz, mit heimlichem Grausen hatte sie den Verfall ihres Gatten verfolgt. Sie meinte ihn genügend zu kennen, um zu wissen: was ihn so entsetzlich verändert hatte, das mußte noch etwas anderes gewesen sein als die Sehnsucht nach der schönen Verfolgten, die Teilnahme an ihrem Geschick. Mit der unfehlbaren Witterung der Liebe hatte sie es herausgefühlt: auf ihrem Manne mußte noch Schlimmeres lasten ... Er mußte doch irgendwie tiefer in die »Affäre Mengershausen« verstrickt sein, als er es ihr gestanden hatte – tiefer sogar, als sie es vordem in ihren finstersten Stunden gefürchtet hatte.

Lange hatte sie sich mit der nächstliegenden Vermutung herumgebissen: es müßten am Ende doch, allen Schwüren ihres Gatten zum Trotze, zwischen ihm und der hart Beschuldigten vertrauteste Beziehungen bestanden haben, die sein Gefühl mit ihrem Schicksal unauflöslich verbänden ... Aber dem widersprach alles, was er ihr – und zweifellos völlig getrost und sicher – über die Lage des Falles berichtet hatte. Er hatte stets erklärt, die Sache stehe ausgezeichnet – eine Verurteilung sei ausgeschlossen ... Er hatte sogar sein ursprüngliches Vorhaben, ihr nichts über den Stand der Untersuchung mitzuteilen, nach und nach fallen gelassen und ihr mit ungespielter Freude alle die entlastenden Momente anvertraut, die sich im Fortgang des Verfahrens ergeben hatten. Und selbst ihr Laienverstand sagte ihr klar: die Aussichten ihrer Rivalin standen glänzend ... Das war ja auch die allgemeine Auffassung ihrer Kreise.

Aber wenn dem so war – wenn es so gut wie bombensicher war, daß die schöne Witwe aus der dräuenden Anfechtung, die sie bisher um den Genuß ihrer Befreiung gebracht hatte, völlig gerechtfertigt hervorgehen würde – welch ein Anlaß dann zu solch tiefer, schreckhafter Seelenzerrüttung für einen Liebhaber – der schon Erhörung gefunden hätte?!

Nein – etwas anderes mußte auf ihm lasten – etwas Tieferes – Geheimnisvolleres – etwas, das an die Wurzeln seines Wesens griff.

Frau Helene hatte sich selber niemals für ein Geisteslicht gehalten. Im Gegenteil: ihr Fehler war eher ein allzu geringes Vertrauen in die eigenen Gaben gewesen. Nur einer einzigen Seelenmacht war sie sich bewußt: ihrer grenzenlosen Liebeskraft – die sich nie ein anderes Ziel gesteckt hatte als das Herz dieses einen, einzigen Mannes ... Diese Kraft aber – sie hatte die Stärke ihrer ungebrochenen, wahrhaftigen Gesundheit. Und in ihrem Dienste steigerten sich auch ihre sonst mittelmäßigen Verstandesgaben zu wahrhaft hellseherischem Vermögen. Sie ahnte, sie meinte schließlich felsenfest zu wissen: ihr Mann glaubte nicht an die Unschuld seiner Klientin ... mehr noch: er war von ihrer Schuld überzeugt. Das war die einzige Erklärung für seinen Seelenverfall.

Helene hätte niemals gewagt, diese ihre Vermutung, ihre – Gewißheit dem Geliebten auszusprechen. Sie kannte ihn genau genug, um zu wissen, wenn er seine Klientin für schuldig hielt, dann bedeutete es für ihn einen ungeheuren Gewissenskonflikt, ihre Verteidigung weiterzuführen. Und manchmal meinte sie hier schon den Schlüssel für ihres Mannes Verstörung gefunden zu haben.

Aber in den zahllosen Nachtstunden, in denen sie schlaflos neben dem schlaflosen Gatten lag – indes beide bestrebt waren, sich möglichst wenig zu regen, um die eigene Not dem Lebensgenossen nicht zu verraten – grübelte Helene immer tiefer der Wirrnis in der Seele ihres Gatten nach – und fühlte sich von der gefundenen Erklärung noch immer unbefriedigt. Sie wußte es aus zahllosen Gesprächen: der Fall, daß der Rechtsbeistand eine Sache zu vertreten hatte, an die er nicht glaubte – einen Angeklagten zu verteidigen hatte, von dessen Schuld er überzeugt war – der war im Arbeitsleben des Anwalts keineswegs eine Seltenheit – man konnte diesen inneren Widerstreit geradezu als den typischen Berufskonflikt des Rechtsanwalts bezeichnen. Und wenn auch zuzugeben war, daß die persönliche Beziehung, welche in diesem besonderen Falle ihren Gustav mit seiner Klientin verband, diesen Konflikt verschärfte und ihm eine ganz besonders peinliche Note gab – Helene hatte andererseits Vertrauen zur gesunden, ehrenhaften Natur ihres Mannes ... Nein – wenn er wirklich von der Schuld der schönen Frau durchdrungen war – dann hätte das, wie Helene ihn sah, auf ihn höchstens eine klärende, eine erlösende Wirkung haben müssen ... Hielt er sie wirklich für die raffinierte Mörderin ihres Gatten – dann hätte das ihn, wie er nun einmal gewachsen war – von ihr befreien müssen – ihm die volle Objektivität zurückgeben müssen, die ihn den Fall Mengershausen hätte betrachten lassen wie jeden beliebigen anderen Fall, in dem er die Pflichten des Rechtsbeistandes ausüben mußte, ohne an die sittliche Berechtigung der Rechtsansprüche zu glauben, deren formale Durchfechtung ihm anvertraut war ...

Ja – so würde ihr Gustav sein Amt an der Seite einer Schuldigen aufgefaßt haben – selbst wenn – wenn er überzeugt gewesen wäre, die schöne Frau hätte sich ihres Gatten nur entledigt, um sich den Weg frei zu machen – zu ... Gustav Herold ...

Denn auch soviel hatte sich Frau Helene allgemach zurechtgelegt: ihr Mann hielt seine Klientin nicht nur für schuldig – sondern er hatte auch erkannt, daß das Motiv ihres entsetzlichen Tuns kein andres gewesen war als – nur als eben ihre Leidenschaft für – ihren Verteidiger ...

Das alles, so urteilte Helene, war ihrem Gatten vollständig klar – vielleicht gar auf Grund eines – Geständnisses der Schuldigen selber ...

Aber:

Helene meinte ihren Gustav denn doch gründlich genug zu kennen, um dies eine bestimmt zu wissen:

Ein solches Geständnis, ein solches Wissen hätte ihm unbedingt ein derartiges Entsetzen vor der – Mörderin eingeflößt, daß er von ihr völlig frei geworden wäre ...

Wenn nicht –

Wenn nicht noch irgendeine andre, direkte, geheimnisvolle Beziehung zwischen der Schuldigen und ihrem Verteidiger bestand ... eine Beziehung, deren Vorhandensein Helenes scharfäugiger Instinkt vorläufig nur ahnte, ohne daß ihre Phantasie und Erfahrung ausgereicht hätten, ihr über die Art dieser Beziehung irgendwelche Andeutung zu geben.

Das ganze Wesen der angstgehetzten Frau war in diesen Wochen nur ein großes, zitterndes Warten, Spähen, Vermuten, Beobachten geworden. Und die maßlose Verfeinerung ihres Wahrnehmungsvermögens hatte ihr endlich einen Anhaltspunkt verschafft, von dem sie eine Spur zu dem Sitz des dunklen Rätsels zu finden hoffen durfte.

Ihr Mann hatte bis in die allerletzte Zeit die Briefe, welche in seiner Privatwohnung anlangten, stets in ihrer Gegenwart geöffnet. Das war, seitdem die jähe Verdüsterung sich auf ihn gesenkt hatte, plötzlich anders geworden. Gustav ließ die Korrespondenz, welche sich morgens neben seinem Frühstücksteller vorfand, neuerdings stets unberührt und zog sich mit ihr sofort nach Beendigung der Morgenmahlzeit ins Herrenzimmer zurück. Und dabei beobachtete Helene ganz genau, daß er die Briefumschläge mit einer Nervosität überflog – die sich steigerte, wenn ein Schreiben mit einer gewissen Handschrift sich vorfand.

Mit einer Handschrift, die – jedenfalls nicht die seiner schönen Klientin war. Denn deren Briefe gingen ganz korrekt nach seinem Büro – und er hatte sie stets mit nach Hause gebracht und – soweit Helene urteilen konnte – ohne Ausnahme ihr gezeigt.

Diese gewissen Briefe aber, deren Eingang jedesmal Gustavs Erregung steigerte – die wiesen eine nicht gerade von Bildung zeugende Männerhandschrift ... Und seltsam: sie trugen Poststempel aus allen möglichen Städten Deutschlands nicht nur, sondern auch aus den großen Reisezentren des benachbarten Auslandes: der Schweiz, Oberitaliens, Österreichs ...

Hier – Helene empfand es nach und nach mit der Stärke einer unfehlbaren Gewißheit – hier lag der Schlüssel für Gustavs Verstörung.

Und eines Tages hatte Helene die Qual der ahnenden Ungewißheit nicht länger ertragen, sie hatte den Umschlag eines der geheimnisvollen Briefe mit einem Bleistift vorsichtig aufgerollt, um ihn hernach wieder zukleben zu können. Und da – da hielt sie einen Briefbogen mit dem Firmenaufdruck des Berliner Detektivinstituts » Fiat lux« in der Hand ...

Er war aus Luzern datiert und enthielt die Mitteilung: dem Schreiber sei es nunmehr gelungen, die Persönlichkeit »des rätselhaften Korrespondenten der Frau Geheimrat Mengershausen« mit absoluter Sicherheit festzustellen. Es sei der bekannte Reise- und Romanschriftsteller Karl Nathusius, der sich zur Zeit in Luzern aufhalte. Er sei im Hotel Pilatus wohnhaft und dort allabendlich der Mittelpunkt eines internationalen Kreises und der Gegenstand der Vergötterung der mondänen Frauenwelt ... Der Schreiber erachte seine Mission nunmehr als erfüllt und werde in wenigen Tagen seinem Auftraggeber persönlich den Schlußbericht erstatten ...

Mit zitternden Händen klebte Frau Helene den Brief sorgsam wieder zu, überzeugte sich, daß ihr Eingriff keine wahrnehmbare Spur zurückgelassen habe, mischte den Umschlag wieder unter den Briefstapel, der neben dem Frühstücksteller lag, und flüchtete in ihr schmuckes Zimmerchen, um nachzusinnen.

Aber ihr inbrünstiges Grübeln gab ihr nicht eine Spur von Licht. Also Frau Susanne hatte mit Karl Nathusius korrespondiert ... Nathusius ... Nun ja, Helene hatte zwar nie eine Zeile aus der Feder dieses Autors gelesen, aber sie kannte immerhin seinen Namen, hatte eine ungefähre Vorstellung von der Art jener Literatur, die er produzierte – sie besaß die und jene Freundin, die von seinen Romanen schwärmte und sie mehr oder weniger heimlich, mit mehr oder minder bösem Gewissen verschlang.

Aber: wenn die hart beklagte Witwe auch wirklich mit diesem Schriftsteller nicht einwandfreien Rufes in Briefwechsel gestanden hatte oder stand – was hatte das mit dem »Fall Mengershausen« zu tun?!

Und in der Folge blieb ihr nichts weiter festzustellen als dies, daß die Briefe mit der bewußten etwas gewöhnlichen Männerhandschrift und den stets wechselnden Poststempeln in Zukunft ausblieben – sowie daß ihr Gustav nunmehr zu seiner alten Gewohnheit zurückkehrte, seine Morgenpost in ihrer Gegenwart, am Frühstückstisch zu öffnen und zu sortieren.

Frau Helene war nach ihrem frevelhaften Eingriff in das Briefgeheimnis fast ebenso ahnungslos wie zuvor.


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