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V.

Als Gustav Herold seine Amtsräume betrat, schoß ihm der Bürovorsteher mit der Mitteilung entgegen, von seiner Privatwohnung aus werde seit zwei Stunden bereits unablässig nach ihm geklingelt. Aber auch von andrer Seite aus sei er mehrfach dringend verlangt worden: Frau Ressel, die Schwiegermutter des Geheimrats Mengershausen, habe mehreremal angefragt, ob er zu sprechen sei, und gebeten, ihn bei seiner Rückkehr um seinen Anruf zu ersuchen.

Herold setzte sich zunächst mit Frau Ressel in Verbindung und erfuhr von ihr, sie sei in der größten Bedrängnis: die beiden verheirateten Schwestern des Verstorbenen, die Frau eines Oberregierungsrates an der Königlichen Regierung in Posen und die Frau eines Artilleriemajors aus Metz, welche zur Beerdigung ihres Bruders angereist gekommen seien, erhöben Erbansprüche an das Vermögen ihres verstorbenen Bruders, da sie dessen gesetzliche Erbinnen seien, und verlangten, daß sofort Nachforschungen angestellt würden, ob ein Testament vorhanden sei. Sie habe sich einstweilen geweigert, den beiden Frauen Einsicht in den schriftlichen Nachlaß des Verstorbenen zu gestatten, bitte aber Herrn Rechtsanwalt Herold dringend, sobald als irgend möglich sich bei ihr einzufinden und ihr mit seinem Rate zur Seite zu stehen. Die Damen wollten abreisen und drängten sehr auf Erledigung.

Dann versuchte Herold seine Frau zu erreichen, was ihm aber nicht gelang. Die gnädige Frau sei ausgegangen.

Nun trat er in das Arbeitszimmer seines Associés, der nicht gerade sonderlich entzückt darüber war, daß sein Mitarbeiter sich nun schon seit zwei Tagen auf dem Büro kaum blicken ließ, sondern sich beständig mit dieser verfluchten Strafsache befaßte, bei der wahrscheinlich nicht einmal etwas zu verdienen sein würde ... Herold hatte Mühe genug, seinem Kollegen Sieveking, einem etwas reizbaren, stachligen Herrn, klarzumachen, daß auch jetzt die Freundes- und Verteidigerpflicht ihn wieder von hinnen rufe, und daß ihm, Herrn Sieveking, nichts weiter übrigbleiben werde, als morgen am Kammergericht auch diejenigen Sachen vorzutragen, die er, Herold, bearbeitet hatte, und auf deren Vortrag er nun sich unmöglich noch vorbereiten könne ...

Wirbelnden Kopfes, erregt durch die etwas unangenehme Auseinandersetzung mit seinem Mitarbeiter, warf Gustav Herold nun schon zum vierten Male an dem Tage sich in ein Auto und sauste kurz nach sechs Uhr abends von der unteren Potsdamer Straße zum zweiten Male nach der Bleibtreustraße, quer durch halb Berlin. Gott, welch ekelhaftes Gelichter waren doch die Menschen –! Kaum lag der arme Mengershausen unter der Erde, da begann bereits ein Raufen um das Geld, das er in der mühevollen Arbeit seines Lebens zusammengebracht ... gewiß nicht mit dem Gedanken an seine verheirateten Schwestern ... Na, es war ja zehn gegen eins zu wetten, daß ein Testament zugunsten von Frau Susanne vorhanden war. Entweder war es gleich beim Eheschluß errichtet worden, oder aber – später ...

Teufel auch! sagte sich Gustav Herold – jetzt brauchte sich nur herauszustellen, daß dies Testament erst ganz kurz vor Mengershausens Tode errichtet worden wäre – und Frau Susanne zur Alleinerbin einsetzte – das wäre dann mal wieder Wasser auf die Mühle der Anklagebehörde –!

Überhaupt eine gräßliche Situation –! Kein Mensch im Hause, als die alte, hilflose, gichtische und wohl gar ein wenig verblödete ehemalige Operndiva ... Ja, es würde doch wohl nötig sein, daß er sich überhaupt einmal um die Regulierung des Nachlasses bekümmerte – wie vielerlei war zu ordnen! Es galt die ganze Korrespondenz des Toten durchzusehen, zu sichten, zu erledigen, soweit die dringendsten geschäftlichen Fragen in Betracht kamen.

Da kam dem Rechtsanwalt plötzlich ein erschreckender Gedanke: wie, wenn diese Korrespondenz nun vielleicht schon seitens der Staatsanwaltschaft – – beschlagnahmt wäre –?! und vielleicht auch Frau Susannens gesamte Papiere –?!

Gustav Herold spann diesen Gedanken weiter. Die großen Sensationsprozesse der letzten Jahre fielen ihm ein, in denen es sich um die Schicksale zusammengebrochener Ehen gehandelt hatte ... Welch entscheidende Rolle hatte bei diesen Verhandlungen immer der Briefwechsel gespielt! Eine entscheidende – aber auch, pfui Teufel, welch eine ekelhafte –! War es nicht gräßlich gewesen, wenn so nach Jahr und Tag die längst überstandenen Kämpfe und Leiden Unglücklicher, Verirrter, vom Leben Betrogener an der Hand ihrer schriftlichen Zeugnisse vor fühllosen Richterkollegien, notizenhungrigen Reportern, vor einem nach Fäulnisduft lüsternden Publikum ausgebreitet worden waren – und morgen durch die Presse in die ganze Welt hinausposaunt –?

War es nicht ein fürchterlicher Gedanke, daß sich so etwas auch im Fall Mengershausen ereignen könnte –? war es nicht ... Freundespflicht, da vorzubauen, um wenigstens überflüssigen Skandal zu vermeiden –?

Freilich – die Stimme des korrekten Rechtsanwalts, des gewissenhaften Mannes der Ordnung und Sauberkeit warnte: Vorsicht –! hier liegen Fußangeln und Fallstricke –! so etwas braucht nur herauszukommen, und der Verdacht der Kollusion, der Begünstigung taucht auf ... Klüger ist's natürlich, auch nicht den leisesten Schritt zu tun, der mißdeutet werden könnte ... Dann ist freilich die eigene Haut in Sicherheit ... Aber – wer der unglückseligen Frau einen wirklich unschätzbaren Freundesdienst leisten wollte, der setzte sich jetzt hin und sah einmal den ganzen schriftlichen Niederschlag einer fünfjährigen Ehe durch, bevor die Staatsanwaltschaft ihre Hand daraufgelegt hatte ... sah ihn durch und merzte vielleicht dies oder jenes aus, das, ohne von wirklicher Bedeutung für die Begründung des schwebenden Verdachtes zu sein, doch von einer rührigen Anklagebehörde in den Prozeß hineingeschleppt werden und dort ein Unheil anrichten könnte, das nicht wieder gut zu machen sein möchte ...

Eigentlich sollte der Mensch wie im Glashause leben –! grübelte Rechtsanwalt Gustav Herold ... er kann nie wissen, wie bald die Stunde kommt, die seinen ganzen Wandel – alles, was er für sein geheimstes, eigenstes Eigen hält – die das alles ans mitleidlos grelle Licht der öffentlichsten Öffentlichkeit zerrt!

Wir bilden uns ein, irgend etwas an uns gehöre uns selbst ... das ist ja nicht wahr –! nur unsre Gedanken gehören uns ... äußern wir die – schon sind sie nicht mehr unser, schon können sie übermorgen der ganzen Welt verraten sein –! Und vollends, was wir schreiben – und selbst an den besten Freund, das geliebteste Weib – vielleicht schon morgen sind unsre geheimsten, süßesten, zartesten Gedanken und Gefühle vergiftete Pfeile geworden, die der Haß zurückschnellt gegen unsere eigene Brust, von woher sie kamen –!

Man sollte nicht eine Zeile schreiben, die nicht für die ganze Welt bestimmt wäre ... nicht einen Gedanken aussprechen, den man nicht jederzeit mit allem, was man ist und hat, wider die ganze Welt zu vertreten bereit wäre –!

Aber um so leben zu können – müßte man nicht ein Frosch, ein Eiszapfen, ein Gletscher sein –?!

Susanne Mengershausen war kein Gletscher ... wer konnte sagen, ob sie ihr heißes Menschentum so weit gehütet hatte, daß nicht schriftliche Zeugnisse wildseliger Irrungen gegen sie aufzutreiben waren ... wenn man all die Heimlichkeiten ihres Lebens durchspähte und durchschnüffelte ...?

Nein – das werden wir dir ersparen, schöne Frau – wenn's noch nicht zu spät ist –!

Als Gustav Herold in der Bleibtreustraße ankam, waren im Hause Hundertdreiundzwanzig schon alle Spuren des nachmittäglichen Termins beseitigt. Frau Irma Ressel, der einstige Stern der deutschen Opernbühne, die einmal zu den schönsten Frauen Europas gezählt hatte, war den ganzen Nachmittag während der Anwesenheit des Gerichtes nicht zum Vorschein gekommen. Nun empfing sie ihren Besucher auf dem Korridor, glühend vor Erregung, das ledergelbe, verwitterte Gesicht in all seinen tausend Falten und Fältchen zuckend und zappelnd, die welken Hände gestikulierend in einem flackernden Ausbruch des längst verschütteten Temperaments, mit dem sie vor zwei Jahrzehnten das Theaterpublikum zweier Welten zu rauschendem Entzücken hingerissen hatte.

»Halten Sie mich bloß fest, liebster, bester Herr Rechtsanwalt – sonst spring' ich ihnen noch an den Hals, den zwei groschengierigen Weibsbildern –!« keuchte sie ...

Gustav Herold bot der alten Dame den Arm, führte sie in Artur Mengershausens Arbeitszimmer ... Dort saßen dessen beide Schwestern ... beides hochgewachsene, stattliche Frauen, denen gegenüber die zusammengeschnurrte Figur der einstmaligen Diva etwas Alraunenhaftes hatte. Aber edle Instinkte waren es nicht, die in den korrekten Gesichtszügen der harrenden Damen zu lesen waren. An ihrer Seite erhob sich ein junger Herr, den Gustav Herold schon zu kennen meinte ... es war Herr Rechtsanwalt Meyer XIII, zur Ausübung der Rechtsanwaltschaft zugelassen bei den Landgerichten I, II, III Berlin ...

Die beiden Kollegen hatten sich schnell über das einzuschlagende Verfahren verständigt. Frau Irma Ressel hatte sich bisher standhaft geweigert, die Schlüssel zum Schreibtisch ihres verstorbenen Schwiegersohnes herauszugeben. Nun, da sie den Anwalt ihres Vertrauens an ihrer Seite wußte, war sie sofort dazu bereit. Die beiden Anwälte setzten ein Protokoll über ihr gemeinschaftliches Vorgehen auf und begannen dann den Inhalt des Schreibtisches zu durchsuchen.

Der Verstorbene war ein Mann von peinlicher Ordnung gewesen. So brauchten die beiden Herren nicht lange zu fahnden, bis sie eine schwarze Dokumentenmappe fanden, die sie sofort als mutmaßlichen Aufbewahrungsort des etwa errichteten Testamentes in genauere Untersuchung nahmen. Und richtig, schon das Inhaltsverzeichnis trug unter der Nummer fünf von der Hand des Verstorbenen den Vermerk: »Testament.« Die Mappe, die der Nummer entsprach, wies eine notarielle Urkunde auf, und die beiden Anwälte stellten fest, daß es in der Tat ein notarielles Testament war, das ... am dreizehnten Januar, also genau vierzehn Tage vor Mengershausens Tode, errichtet worden war – –

Als die Anwälte diese Tatsache den drei Damen mitteilten, wechselten die Frau Oberregierungsrätin und die Frau Majorin einen Blick, der deutlich verriet, wie ihres eigenen Herzens Meinen die furchtbare Anklage beurteilte, unter der ihre Schwägerin stand ... Aber auch Gustav Herold hatte ein Gefühl gehabt, als stieße die Knochenhand wider seine Brust, die Knochenhand, die immer wieder nach seinem Herzen zu zielen schien ... und nach dem Haupt seiner Freundin ...

Und selbstverständlich hatte auch Herr Meyer XIII die Tragweite dieses Umstandes alsbald erfaßt.

»– Vierzehn Tage vor dem Tode ... dem Tode durch ... sagen wir also Selbstmord ... das ist doch eine recht interessante Tatsache ... Von der strafrechtlichen Bedeutung dieses Umstandes wollen wir hier für den Augenblick ganz absehen ... Aber Sie werden zu erwägen haben, meine Damen, ob sich Ihr Herr Bruder zu dieser Zeit nicht etwa bereits in einem die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit befunden haben möchte ...«

»Wollen wir nicht erst den Inhalt des Testaments prüfen, Herr Kollege, bevor wir uns in derartigen Hypothesen ergehen – fragte Gustav Herold.

»Bitte sehr, bitte sehr, Herr Kollege!« sagte Herr Meyer mit beflissenem Lächeln. »Wollen Sie vorlesen, oder soll ich –?«

»Bitte, Herr Kollege,« sagte Gustav Herold und reichte dem Rechtsvertreter der beiden beutelustigen Schwestern die Urkunde hinüber.

Und Rechtsanwalt Meyer las vor. Die Urkunde war sehr kurz und einfach und enthielt die Einsetzung der Ehefrau des Erblassers als Universalerbin. Das bedeutete für die Geschwister, die beim Fehlen einer letztwilligen Verfügung neben der Ehefrau zusammen den Anspruch auf die Hälfte des Nachlasses gehabt haben würden, den völligen Ausschluß von der Erbfolge. Denn nach dem Gesetze stand, wie der Rechtsanwalt Meyer seinen Mandantinnen erklärte, den Geschwistern ein Pflichtteilsrecht nicht zu.

Die gestrengen Züge der beiden stattlichen Frauen hatten sich während dieser Erklärungen zu tödlich dräuendem Haß verfinstert. Aus ihren Augen schossen verderbenschwangere Blicke zu dem eingeschnurrten alten Weiblein hinüber, das ihnen gegenübersaß, nun ganz zufrieden und glücklich unter dem Schutze des besten Freundes ihrer Tochter, leise vor sich hinnickend in dem behaglichen Bewußtsein, daß alles in schönster Ordnung sein müsse ...

»Nun – wir hatten es ja nicht anders erwartet ...,« sagte die Frau Oberregierungsrätin aus Posen.

»Es ist eine erstaunliche Logik in dem allen ...« sagte die Frau Majorin aus Metz.

Die beiden Frauen aus der Welt der Ordnung und Regelgerechtigkeit hatten es dem Bruder nicht verziehen, daß er sich in vorgerückten Jahren überhaupt noch vermählt hatte ... und nun gar noch mit einer Dame, deren Mutter eine »vom Theater« war ...

Nun – er hatte ja schrecklich büßen müssen, der bedauernswerte Bruder ...

»Herr Rechtsanwalt –,« sagte die Frau Oberregierungsrätin, »das Testament, das muß umgestoßen werden. Das lassen wir uns nicht gefallen. Das ist unmöglich mit rechten Dingen zustande gekommen. Wahrscheinlich wird's ebenso entstanden sein, wie der Brief, den der arme Junge hinterlassen hat ...«

Frau Irma Ressel schoß wie eine Furie empor und klammerte sich mit einer theatralischen Gebärde an Gustav Herolds Oberarm.

»Herr Rechtsanwalt – schützen Sie mich vor dieser Infamie! Mich und meine arme Tochter –!«

»Herr Rechtsanwalt –« rief die Frau Majorin Herrn Meyer XIII zu, »das muß natürlich sofort der Staatsanwaltschaft angezeigt werden! das mit dem Testament – daß es erst vierzehn Tage alt ist!«

»Seien Sie überzeugt, meine Damen, es wird alles geschehen, was notwendig und sachgemäß ist!« rief Herr Meyer eifrig.

Gustav Herold versuchte vergeblich, die alte Dame zu beruhigen.

»Hinaus!« rief sie, trat auf die beiden Schwestern zu, die sie um Haupteslänge überragten, und wies mit einer diktatorischen Gebärde auf die Tür. »Sie sind hier im Hause meiner Tochter! Wenn Sie es wagen, die unglückselige Frau vor meinen Ohren zu verleumden, dann mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch und jage Sie zum Teufel –«

»Aber bitte, Herr Kollege,« rief Herr Meyer, »beruhigen Sie doch Ihre Klientin! wir können doch unmöglich in diesem Tone weiterverhandeln!«

»Es dürfte zweckmäßig sein, Herr Kollege, daß Sie Ihren Mandantinnen nahelegten, weitere Beleidigungen gegen die Herrin dieses Hauses solange zu unterdrücken, als sie sich in diesen Räumen befinden!«

»Komm, Auguste –« sagte die Frau Oberregierungsrätin zu der Schwester, »wir haben ja wirklich hier nichts weiter zu suchen. Wir sind uns doch wohl über alles klar. Und Sie wohl auch, Herr Rechtsanwalt, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht, ob es richtig ist, daß wir schon jetzt das Feld räumen,« sagte die Frau Majorin. »Ich meine, wir müssen verlangen, daß sämtliche Papiere meines Bruders in gerichtliche Verwahrung genommen werden. Wer weiß, was alles zum Vorschein kommt, wenn man die Korrespondenz untersucht! Und auch der Schreibtisch der Dame Susanne sollte unter Verschluß gelegt werden ...«

»Nun ist's aber genug!« kreischte Frau Irma. »Wenn diese Weiber sich nicht schleunigst packen, so telephoniere ich nach der Polizei!«

»Gnädige Frau,« sagte Herr Meyer, »Sie haben da in der Tat einen Gedanken angeregt, der Beachtung verdient. Ich werde sofort bei der Staatsanwaltschaft die sachdienlichen Anträge stellen.«

»Aber das ist ja viel zu spät! Man sollte sofort zur Polizei fahren und die Beschlagnahme beantragen!« rief die Frau Oberregierungsrätin.

»Du hast ganz recht, Franziska – es ist unbegreiflich, daß die Behörden das nicht schon selber veranlaßt haben! Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Rechtsanwalt,« sagte die Frau Majorin. »Sie fahren mit meiner Schwester zum nächsten Polizeibüro ... und machen den Herren die Sache recht dringlich – hier muß gleich eingeschritten werden ... die Geschichte mit dem vierzehn Tage alten Testament, das muß sie doch überzeugen. Also schnell, Franziska, setz' dich mit dem Herrn Rechtsanwalt in ein Auto und fahr' zur Polizei! Und ich bleibe solange hier sitzen wie festgenagelt! Keine zehn Pferde sollen mich hier vom Platze wegbringen!«

»Herr Rechtsanwalt!« schrie Frau Irma ihren Rechtsbeistand an. »Sorgen Sie mir dafür, daß diese Person aus dem Hause kommt – sonst stehe ich für nichts!«

Rechtsanwalt Meyer: »Aber meine Damen, vergessen Sie doch nicht: es ist gleich halb acht Uhr abends! Sie finden selbst auf den Polizeibüros nur noch die Beamten, die Wache haben. Es ist ganz ausgeschlossen, daß diese Herren sich uns in einer Angelegenheit zur Verfügung stellen, die denn doch zu wenig geklärt ist, als daß die Polizei sofort einschreiten könnte –!«

»Nein, nein –« rief die Frau Oberregierungsrätin, »aber das geht doch nicht! Bis morgen früh können ja alle Schriftstücke von Bedeutung beiseite geschafft worden sein!«

»Aber meine Damen –« sagte der Rechtsanwalt Meyer begütigend, »vergessen Sie doch nicht, daß hier der Herr Kollege Ihnen gegenübersteht – ein Mann, der für sein Tun und Lassen dem Ehrengericht seiner Standesgenossen verantwortlich ist. Er wird sich hüten und seine eigne Haut für seine Klientin zu Markte tragen!«

»Wer weiß –?!« sagte die Frau Oberregierungsrätin mit einem giftigen Blick zu dem stattlich-schönen Manne hinüber. »Wenn diese Klientin so ... interessant ist ... so ... liebenswürdig ... wie das verflossene Fräulein Susanne Ressel ... wer weiß –?«

»Gnädige Frau, jetzt muß ich aber dringend bitten –!« sagte Gustav Herold. »Es ist hohe Zeit, daß diese höchst unerquickliche Auseinandersetzung nun endlich beendigt wird! Herr Kollege – veranlassen Sie bitte Ihre Klientinnen, sich zu entfernen – sonst sehe auch ich zu meinem Bedauern keinen andern Weg, als daß Frau Ressel als Vertreterin ihrer Tochter von ihrem Hausrecht Gebrauch macht!«

Auch Herr Meyer hatte wenig Lust, noch länger als unfreiwilliger Mitspieler in einer Keifszene wutentfachter Weiblichkeit mitzuwirken. Aufs nachdrücklichste versicherte er seinen Klientinnen, daß heute abend nicht das geringste mehr zu machen sei, und daß sie am besten täten, sich schleunigst in ihr Hotel zu begeben.

Und so verließen denn die beiden Frauen mit geräuschvollem Aufbruch das stille Haus, in dem ihr Bruder gelebt hatte und gestorben war ... sie verließen es, dumpfe Wut im Herzen ... nur ohne recht zu wissen, ob diese Wut sich gegen ihren Bruder richten müsse oder gegen die Genossin seines Lebens ... Aber sie waren gewohnt, auf Reputation und Familienstolz zu halten. Es war ihnen sehr willkommen, daß sie für die letztwilligen Entschließungen ihres Bruders Motive konstruieren konnten, die es ihnen gestatteten, die Empfindungen des Grolls, die sie gegen ihn hegten, vorläufig in der Schwebe zu lassen und ihre ganze Empörung auf das schöne, verfemte Haupt seiner Gattin zu konzentrieren ...

*

Und nun saß Gustav Herold in des Toten Arbeitszimmer allein mit der Mutter der geliebten Frau. Beide schwiegen eine ganze Weile. Die alte Dame war in einen Sessel zurückgesunken. Der Kampf, den sie für die Hausehre ihrer Tochter geführt, tobte noch in ihren Nerven nach ...

Gustav Herold aber übersann die Situation. Klar und kalt überblickte er die ungeheure Verschlimmerung, welche diese letzten stürmischen Minuten der Position seiner Klientin gebracht. Das Datum des Testaments war allerdings eine Tatsache von verhängnisvoller Tragweite. Eigentlich nicht zu glauben, daß die Untersuchungsbehörde nicht von selber auf den Einfall gekommen war, sich hierüber zu informieren ... Auch er war der Meinung, daß eigentlich von Amts wegen die Beschlagnahme der Papiere hätte veranlaßt werden müssen ... Aber freilich, er kannte die ungeheuerliche Überlastung, wie aller andern Justizbeamten in Berlin, so auch der Staatsanwaltschaft und der Untersuchungsrichter ... er kannte auch die bürokratische Arbeitsmethode, die eigentlich nur auf direkte Anstöße, und zwar auf schriftliche, aktenmäßige zu reagieren pflegte ... Für den Untersuchungsrichter Dreiundzwanzig war ja doch schließlich der Fall Mengershausen ein Fall wie die Hunderte anderer, die er gleichzeitig in Bearbeitung hatte ... Welch ein Übermaß von juristischer Phantasie hätte dazu gehört, jeden einzelnen dieser Fälle sich in einem klaren Bilde aufzubauen und bis in seine letzten konstruktiven Möglichkeiten durchzudenken –!

Und übrigens – Haß und Geldgier waren ja längst am Werke, die Lücke auszufüllen, welche die Initiative des Untersuchungsrichters gelassen hatte! Also wenn im Interesse Frau Susannes eine Durchsicht der Korrespondenz beider Ehegatten, eine Beseitigung nicht der Belastungsstücke – denn dazu würde Gustav Herold sich nicht hergegeben haben! –, wohl aber eine Beseitigung von Schriftstücken, die nur für Skandal und Sensationsgier von Bedeutung waren, nicht aber für das Beweisthema der Anklage – wenn so etwas überhaupt noch geschehen sollte, dann mußte es sofort geschehen ... denn daß die Staatsanwaltschaft unter dem Druck dieser neuen Tatsache die Beschlagnahme der gesamten Korrespondenz des Ehepaares nun unverzüglich verfügen würde, daran konnte ja nicht der leiseste Zweifel sein ...

Gustav Herold machte der alten Dame diese Dinge klar, so gut es möglich war, und ließ sich von ihr eine ausdrückliche Ermächtigung unterschreiben, die Korrespondenz einer Revision zu unterziehen. Und nun machte er sich an das traurige Geschäft, den schriftlichen Nachlaß des Toten zu untersuchen.

Er fand eine geradezu verblüffende Ordnung. Alle laufenden Geschäfte fanden sich bis zum Tage des Todes aufs glänzendste weitergeführt. Und die Erkenntnis, daß des Verstorbenen Geist bis zum Augenblick seines plötzlichen Erlöschens auch nicht die leiseste Spur eines Niederganges, einer Zerrüttung hinterlassen hatte – diese Erkenntnis legte sich wiederum wie ein langsam immer fester umklammernder Druck jener eisigen Knochenhand um Gustav Herolds Herz ...

Wenn also Artur Mengershausen wirklich selber seinen Tod beschlossen hatte, so konnte er das nur getan haben unter dem Ansturm eines jähen, von ihm selbst nicht erwarteten Zusammenbruchs ... denn sonst hätte er diesen Entschluß auch durch eine völlige Ordnung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse unter Berücksichtigung eben seines demnächstigen Todes in der ihm eigenen ruhigen Sachlichkeit vorbereitet ...

So zog sich das nachtschwarze Gewölk immer dichter zusammen ... und seltsam – je mehr sich die Verdachtsmomente gegen Susanne häuften, um so stärker ward in Gustav Herolds Seele der Glaube an Frau Susanne ... Sie beteuerte ihre Unschuld – und somit war sie unschuldig ... Diese Überzeugung stützte sich auf sein Gefühl von ihr ...

Eine Erinnerung aus den rechtsgeschichtlichen Studien seiner Studentenzeit fiel ihm ein. Im alten deutschen Prozeß hatte, wer vor Gericht stand, um für seine eigene Unschuld im Eide Gott zum Zeugen anzurufen, die Pflicht, möglichst viele Eideshelfer zur Stelle zu bringen. Diese unterstützten seine Behauptung, indem sie schwuren, daß sie von der Wahrhaftigkeit seines Eides überzeugt seien ...

Würde er, Gustav Herold, sich eine Sekunde geweigert haben, Frau Susanne als Eideshelfer zur Seite zu treten? Nein – wie seine eigene Unschuld, so hätte er seinen Glauben an die ihre beschworen ... Und deshalb nur konnte er für sie tun, wessen er sich nun unterfing.

Er bot der Mutter Susannes den Arm und führte sie in das helle, kühl-vornehme Zimmerchen ihrer Tochter. Das allzu grelle Licht, das auf einen Druck von Gustav Herolds Hand den Raum erfüllte, quälte Frau Ressels von Nervosität und Weinen entzündete Augen, und sie bat ihn alsbald, es wieder auszuschalten. Und nun warf nur die zierliche Tischlampe durch ein Geriesel von Perlenschnüren hindurch einen gelben Lichtkegel auf Susannes alabasterne Schreibgarnitur, die krokodillederne Briefmappe ... und den Inhalt der Schubfächer, den Gustav Herold nun mit erregten Händen auf der Tischplatte ausbreitete ...

In Susannes Archiv herrschte nicht die männlich-pedantische Ordnung, wie drüben bei dem Verstorbenen. In die Schiebladen war hineingestopft worden, was eben hineingehen wollte ... bis zum Rande ... Da galt es Stück für Stück wenigstens flüchtig durchmustern und nach und nach eine Art von System in einen Wust von verschiedenartigsten Papieren bringen.

Die alte Frau saß regungslos in einem grausammetnen Fauteuil und sah unverwandt mit den rotunterlaufenen Augen dem jungen, blonden Manne zu, dessen Hände ihrer Tochter Briefschaften durchwühlten, als seien auch sie schon die Hinterlassenschaft einer Toten ...

Und Gustav Herold arbeitete stumm, verbissen, auch er zuweilen mit dem sonderbar unheimlichen Gefühl, als handle sich's hier nur noch um Überreste eines verloschenen Daseins ... Ihm war, als rücke Susannes Bild ihm immer ferner und ferner, je tiefer er in die Geheimnisse ihres Lebens eindrang ... Ihm, dem Menschen der korrekten Lebensführung, der peinlichen Ordnung in allen Angelegenheiten, auch denen des Herzens – ihm war diese Systemlosigkeit im ersten Augenblick liebenswürdig und reizvoll erschienen. Aber ein tiefes Unbehagen erfaßte ihn, wie nun aus den vollgepfropften Schüben in buntem Durcheinander sich alles das herauswickelte, was an Papieren im Laufe von Jahren durch die Hand einer Dame gehen mag ... Da waren Rechnungen, quittierte und unquittierte, untermischt mit Konzertprogrammen und Theaterzetteln, Tanzkarten, eng mit Männernamen bekritzelt ... dazwischen welke Kotillonsträußchen und leere Pralineeschachteln ... Einladungen zu Tees und Diners zwischen Verlobungs- und Todesanzeigen ... Gedichtbände mit eigenhändigen Widmungen der meist namenlosen Verfasser, Fächer mit Autogrammen der berühmtesten Zeitgenossen ... Menukarten, die Rückseite mit improvisierten Gedichten voll dreister Bewunderung beschrieben ... Und dann ganze Kuverts voll Lotterielosen ... Susanne mußte eine leidenschaftliche Anhängerin des Glücksspiels gewesen sein ...

Und endlich waren da Briefe über Briefe ... Kaum einer von einer Frauenhand auf zwanzig mit Männerschriften ...

Gustav Herold zwang sich, zunächst nur Ordnung zu schaffen, ohne den Inhalt der Schriftstücke zu prüfen. Er schichtete übereinander, was die gleiche Handschrift trug. Ganze Stapel mit Mengershausens nervösen, winzigen, fast unleserlichen Krähenfüßen ... daneben aber noch eine ganze Menge anderer Herrenhandschriften ... steife, knisternde Bogen mit gepreßten oder farbig geprägten Wappen, mit unausgeschriebenen, reckenhaft ungeschlachten Handschriften ... und daneben schnörkelhafte, bizarre, durchgefühlte Charaktere, die auf Künstler, auf Dichter schließen ließen ... Aber von jeder Hand immer nur zwei oder drei Stücke ... Ein dauernder schriftlicher Verkehr hatte sich anscheinend mit keinem dieser Verehrer entwickelt ... Denn daß es Verehrer waren, die der Schönheit und dem Geist Susannes stürmisch begehrliche Huldigungen widmeten – das festzustellen genügte jedesmal der erste Blick ...

Doch wie Gustav Herold immer mehr in die Tiefe der angehäuften Papiermassen eindrang, da stellte sich immer und immer wieder eine und dieselbe Männerhandschrift ein ... die einzige neben derjenigen des Gatten, die nicht nur gelegentlich erschien. Bald hatte sich ein ganzer kleiner Berg von dieser einen Hand zusammengefunden. Die Daten wiesen auf die Zeit vor etwa anderthalb Jahren, der Ort der Absendung wechselte, und zwar so rasch und gründlich, daß dieser Umstand allein den Schreiber als einen Globetrotter zu kennzeichnen schien ...

Und zwischen den Briefen von dieser Hand fand sich nun etwas, das Gustav Herold entsetzte. Druckschriften fanden sich, die Widmungen an Frau Susanne trugen – Widmungen von der gleichen Hand wie die Briefe, denen sie beigeschlossen waren ... Die Drucke trugen Titel, die ohne weiteres ihren Inhalt charakterisierten ... Mehrere grüne Hefte einer in Berlin erscheinenden Zeitschrift: »Die Übersinnliche Welt, Monatsschrift für Okkultistische Forschungen« ... Ein französisches Buch mit Lichtbildern aus der vierten Dimension, betitelt » La Photographie Transcendentale« ... Mehrere Hefte der » Annales des Sciences Psychiques«; Abhandlungen mit Titeln wie »Der Immanenz-Monismus und das Übersinnliche« oder »Die Emanation der psycho-physischen Energie« ... Schriften über Magnetismus, Theosophie ... und endlich ganze Stöße von Broschüren über ... die Hypnose ...

Gustav Herold kämpfte wie ein Verzweifelter gegen das Grauen und den Ekel, die ihn bei diesen sich immer erneuenden Entdeckungen befielen. Kein Zweifel mehr: Susanne hatte zum mindesten vorübergehend unter der Einwirkung von Anschauungen und Begriffen gestanden, die er selber aus der klaren Geschlossenheit seines Meinens von Welt und Leben heraus auf das Heftigste verabscheute, und die der Verstorbene, das wußte er aus zahllosen Gesprächen, gleich leidenschaftlich und unbedingt abgelehnt hatte als eines denkenden Menschen, eines wissenschaftlichen Kopfes unwürdig ... als Rückfall in die rohe, barbarische Finsternis versunkener Jahrhunderte ...

Gustav Herold konnte sich nicht länger bezwingen, mitten im Geschäfte des bloßen Aussuchens und Sortierens nach dem Namen des Übersenders dieser fragwürdigen Literatur zu fahnden. Aber es stellte sich heraus, daß keiner der Briefe, keine der Widmungen eine Namensunterschrift trug ... Es fanden sich immer nur Initialen, und seltsamerweise auch nicht immer die gleichen ... oder statt der Initialen Umschreibungen wie »der dunkle Freund« oder »der Befreier« oder »der Unwahrscheinliche« ...

Glücklicher Artur Mengershausen – dachte Gustav Herold – daß du nie erfahren hast, wer da neben dir hinlebte ... was für Einflüssen die Gefährtin deines Glückes – wenn auch hoffentlich nur vorübergehend – sich hingegeben hatte!

Soviel aber meinte er schon bei diesem oberflächlichsten Sichten zu fühlen: diese Korrespondenz da, der geistige Verkehr mit dem »dunklen Freunde« – das war es, was zu suchen ihn ein seltsamer Instinkt angetrieben. Wenn diese Dinge zur Kenntnis des Gerichtes kommen würden – das mußte ja ein weiteres, schwerwuchtendes Glied bilden in der Kette der Indizien, die sich immer fester um Susannes Schicksal zusammenzog ...

Wer Frau Susannes Bestes wollte, ja wer auch nur das Andenken des Verstorbenen vor dem Fluch peinlicher Lächerlichkeit bewahren wollte – der mußte dafür sorgen, daß diese Korrespondenz da – samt ihren gedruckten Einlagen – aus der Reichnähe der Behörden verschwand ... Ein Kämpfer für Klarheit und Sauberkeit der Daseinsführung, dessen Frau sich von einem »dunklen Freunde« mit okkultistischer Lektüre versorgen läßt – Artur Mengershausen hätte sich geschüttelt bei dieser bloßen Vorstellung ...

Seltsam – warum wandte das Gefühl von Ekel und Empörung, das Gustav empfand, sich nicht gegen die Frau? Warum sah er ihr Bild zwar nicht mehr klar wie bisher, nein, verschleiert, in einem wunderlichen Nebel – war's Weihrauch? war's falber Dunst aus den Spalten eines Feuerberges? – aber doch auch in einem ganz neuen, flirrenden, schillernden, lockenden Licht?!

So war sie also durch die fünf Jahre ihrer Ehe geschritten, nicht wie eine stumm und verhalten Leidende – so wie sie sich ihm damals enthüllt hatte auf der Galerie bei Kroll –, sondern einschnuppernd mit heimlichem Entzücken den Brodem von Erregung und Verlangen, der sie umdampfte, wohin sie schritt? Nicht gewährend vielleicht, aber doch auch nicht unbedingt – abwehrend?

Und vollends dieser Eine, der »dunkle Freund« ... Nun, diesen Knäuel wird Gustav Herold in Ruhe aufwickeln, wenn er ihn erst in Sicherheit gebracht hat vorm Späherauge der Polizei ...

Er hatte seine sichtende Tätigkeit beendet. Nun galt es zu handeln ... Er hielt sich nicht für befugt, Susannes Korrespondenz mit ihrem Gatten durchzusehen. Artur Mengershausen würde, dessen war er gewiß, in allen Phasen seines Ehelebens, selbst bei der vertraulichsten und leidenschaftlichsten Aussprache mit einem Respekt und einer natürlichen Diskretion sich ausgedrückt haben, die vor der Prüfung der Öffentlichkeit stets würde bestehen können ...

Das andere aber ... das mußte sortiert und geprüft werden. Den Schutt der Vergangenheit, dies wüste Durcheinander von Trümmern eines Lebens inmitten der Gesellschaft, das würde man einfach beseitigen ... Das mochte der Küchenofen fressen, und sollte Susanne drum dereinst auch zürnen, wenn sie ... heimkam ... und auch diesen Trödel nicht mehr fand ... Diesen Schritt mußte die Gefahr entschuldigen. Die Briefe aber von fremder Männerschrift – vor allem die des »Unwahrscheinlichen« mit ihrem gedruckten Zubehör – das alles packte Gustav Herold sorgsam zusammen, um es daheim in Ruhe durchzusehen, zu sichten und sich darüber klar zu werden, ob er es aus dem ordnungsmäßigen Gang der Ereignisse ausschalten müsse ... und ... dürfe ...

Das Mädchen wurde zu Bett geschickt, und dann verbrannte der Rechtsanwalt eigenhändig und mit chaotischen Empfindungen die Kotillonsträuße und die bedichteten Menukarten und die Lotterielose und die Autographenfächer ... Die alte Dame saß stumm und traumversunken dabei, wie die Zeugnisse der beklommenen Lebensnot ihrer Tochter in der Glut sich verkräuselten und verflatterten.

Und dann war Gustav Herold daheim. Die gnädige Frau sei im Konzert, meldete das Fräulein ... Schön ... Um so besser ... Also Ruhe. Und für Helenes Nervenverfassung mochte Musik von guter Wirkung sein.

In seinem Arbeitszimmer, an dem Schreibtisch, an dem er auch sonst nur abends arbeitete, wenn er sich ein paar besonders schwierige Sachen mit nach Hause genommen, vertiefte er sich nun in die Ergüsse der Verehrer seiner – seiner Klientin ...

Es war eklatant: Susanne hatte sich an dem trüben Dunst des Verlangens, das sie überall erweckte, in hoheitsvoll stummer Unnahbarkeit erletzt ... sie hatte die Briefe, die ihr zuflogen, niemals erwidert ... Sie hatte dem Gemahl die Treue des Handelns bewahrt ... ob auch die der Gedanken? Jedenfalls bot die Masse der Briefschaften auch nicht den leisesten Anhalt zu irgend welchem Zweifel ... die konnte man ruhig zurücktragen, die Staatsanwaltschaft mochte sie finden, sie sprachen höchstens ... für Susanne.

Aber noch wuchtete da wie ein Verhängnis der Stapel von der Hand des »dunklen Freundes« ... Und auch in den wühlte Gustav Herold sich endlich mit einem tiefen Aufatmen hinein.

Er zwang sich zu Kühle und Systematik. Erst nach dem Datum sortieren! Die frühesten Briefe stammten aus dem September des vorvergangenen Jahres und erinnerten an eine erste Begegnung in Interlaken. Also eine Reisebekanntschaft ... na ja ...

Und die letzten Briefe trugen als Datum die Mitte Februar vorigen Jahres ... das war ungefähr um die Zeit, wo er selber, Gustav Herold, so unerwartet zu Frau Susannes Vertrautem aufgerückt war ... damals bei Kroll ... Also nun hinein in das ... Studium ...

Gustav Herold lehnte sich einen Augenblick zurück und zündete sich eine Zigarette an. Was würde er nun erfahren?! Was für eine Rolle mochte Er in Susannes Leben gespielt haben ... der »Befreier«?

Stunden vergingen. Gustav Herold las und las. Ihm war's, als läse er einen seltsamen, nun fieberhaft spannenden und nun mit mystischem Bangen das Herz umschnürenden Roman. Was für ein Mensch war das, in dessen Sphäre Susanne da getaucht war – mehr denn ein Jahr lang? um sich ihr dann schließlich doch ... zu entraffen? Denn so viel ging mit vollkommener Deutlichkeit aus dem Schluß des Briefwechsels hervor: sie hatte sich ihm entrafft – ehe es zu spät gewesen war ...

Aber inzwischen hatte er sein Wesen über sie dahinströmen lassen in diesen ungeheuerlichen Briefen ... sein Wesen, in dem etwas gewesen sein mußte von der dämonischen Größe der alten Magier und Teufelsspießgesellen finsterer Jahrhunderte ... Er lebte in einer Gedankenwelt, die fremd und phantastisch gegenüberstand der hellen und sauberen Region wissenschaftlich geläuterten und organisierten Denkens, zweckgeleiteten und von klarem Zukunftsethos bestimmten Handelns, in dem Gustav Herold und Artur Mengershausen sich zueinander gefunden hatten ...

Und auch dies war klar: aus jener anderen, düsteren Welt stammte die Lehre von der Macht des menschlichen Willens, fremde Willen sich geheimnisvoll untertan zu machen ... dieser seltsame Freund hatte Susanne in das Wesen jener unerforschten Kräfte eingeweiht, die sie nun unweigerlich besaß ... die sie in unbedachtem Spiel an einer Freundin ausgelassen hatte ... und die sie zuletzt – so war sie beschuldigt – gegen das Leben ihres eigenen Gatten gekehrt haben sollte ...

Gustav Herold schob den Wust von Papier zurück, der sich vor ihm aufgetürmt hatte. Wie erwachend schrak er zusammen, als die Standuhr nebenan im Eßzimmer die elfte Abendstunde schlug. Jeden Augenblick mußte nun Helene heimkommen aus dem Konzert ...

Also schnell zu Ende! Noch ein, zwei Dutzend Briefe waren zu durchforschen. Und nun ... nun liefen die Fäden, die dieser unbekannte fremde Wille um Susannes Leben geschlungen hatte, plötzlich zu einem Knoten zusammen: in einem der allerletzten Briefe gab der namenlose Schreiber Susanne ganz bewußt und kalt mit ausdrücklichen Worten den Rat: sie solle sich des Willens ihres Gatten auf hypnotischem Wege bemächtigen, solle ihm den Entschluß des Selbstmordes suggerieren ... und einen Brief zugleich, in dem er sich zu dem Plane der Selbstvernichtung als zu einem völlig freiwilligen Produkt eigner Seelenkämpfe bekenne ...

Und dann – dann, wenn sie frei sei ... dann solle sie ihm, dem »dunklen Freunde« angehören – –!

Gustav Herold sprang auf. Seine Augen brannten, der Schweiß brach ihm aus Stirn und Schläfen, kalte Schauer rannen ihm den Rücken hinab. Mein Gott – was er da in Händen hielt, das war ja der glatte Beweis für Susannes Schuld –!!!

Gewiß, die Denunziation der Zofe war an sich barock und phantastisch, ihre Persönlichkeit machte einen miserablen Eindruck, und in ihrem Zeugnis selber bezichtigte sie sich solcher Niedertracht, daß ihr kaum die geringste Glaubwürdigkeit beigemessen werden konnte ... Aber wie, wenn es sich nun herausstellte, daß genau das gleiche Tun, das die Zofe der Herrin nachgesagt hatte – schon vor mehr denn Jahresfrist – der Herrin angeraten worden war ... von einem Manne, den sie monatelang einer vertraulichen Korrespondenz gewürdigt hatte –!! –

Konnte der Jurist – würden die Geschworenen noch den leisesten Zweifel an der Wahrheit der Aussage des Fräulein Krölke haben, wenn diese Aussage eine ... Grundlage erhielte von ... unzweideutigen Tatsachen – Tatsachen, um welche die Denunziantin unmöglich hatte wissen können –?!

Unmöglich ... hatte ... wissen können? Wirklich?!

Oder ... vielleicht war das doch nicht so ganz unmöglich?!

Eine Zofe, die sich selbst bezichtigte, in zwei Fällen die heimlichen Handlungen ihrer Herrin belauscht zu haben – warum sollte ihr nicht auch zuzutrauen sein, daß sie ... den Briefwechsel ihrer Herrin durchschnüffelte? Offenbar ging Susanne mehr als sorglos mit ihrer Korrespondenz um ... und einen Nachschlüssel zu einem Damenschreibtisch herzustellen war denn doch ein Anfängerkunststück, das jeder anständige Gauner als unter seiner Würde stehend angesehen haben würde ...

Oh ... hier winkte die Ahnung einer Rettung ... Schon hatte die Indizienkette sich geschlossen ... nun schien's, als könne man den letzten, vereinigenden Ring noch sprengen ... Wenigstens in Gedanken ... Also denken wir –!!

Der »Dunkle« hatte Frau Susanne den grauenhaften Rat gegeben, den Gatten zu beseitigen ... aber ... das war vor Jahresfrist gewesen ... warum hatte sie ... damals ... seinen Vorschlag nicht befolgt? Darüber mußte die Korrespondenz Auskunft geben ... Also her mit den ... letzten Briefen –!

Ha! noch eine widerwärtig herzumschnürende Entdeckung! der Schluß des Briefes, der den satanischen Rat enthielt – empfahl der Adressatin, doch ja dafür Sorge zu tragen, daß vor der Tat ... ein Testament errichtet würde, in dem das Opfer seine Mörderin zur Alleinerbin einsetzte ...

Also auch das ... auch das ... sein Rat ... sein Plan ...

Gustav Herold empfand ein Gefühl namenloser Übelkeit. Er ging instinktiv zum Wandschränkchen hinüber und kippte hastig zwei Kognaks in die ausgedörrte Kehle.

Und dann ... dann las er die letzten Briefe ... und atmete auf. Es war kein Zweifel: die Empfängerin des Uriasbriefes hatte den abscheulichen Plan des »dunklen Freundes« mit Empörung und Verachtung abgelehnt und mit dem Schreiber jede Beziehung abgebrochen ... Was nun noch kam, waren nur flehentliche Bitten, ihm seine Übereilung zu verzeihen: sein Vorschlag sei nur der verzweifelte Einfall eines Verschmachtenden gewesen, der auf keine andere Weise ihren Besitz erringen zu können gehofft habe ... Immer aufs neue die Bitte, ihn nicht wegzustoßen ... das krampfhafte Gelöbnis, nie wieder sich mit ähnlichen Ratschlägen hervorzuwagen ... die wiederholte Drohung, sich selbst töten zu wollen, wenn Susanne nicht Gnade übe ... Schließlich ein Abschiedsbrief voll Resignation und schmerzlichen Dankes ... er trug das Datum des letzten Februar vorigen Jahres ... also elf Monate alt ... und dann ... nichts mehr.

Was Susanne damals, als sie seit Monaten unter dem Einfluß jenes ... Unbekannten gestanden hatte – was sie damals mit Abscheu von sich gestoßen ... diese Tat sollte sie fast ein Jahr später aus freien Stücken ... begangen haben?! Da fehlte unweigerlich ein psychologisches Glied ... es fehlte der erneute Anstoß ...

Oder ...?! Ein Gedanke, grauenvoll wie keiner zuvor ... und doch ... nicht ohne einen tiefgeheimen ... stachelnden ... Reiz ...

Wenn dieses fehlende Zwischenglied in Susannes Schicksalsgang ... wenn du es nun selbst wärest ... Gustav Herold –?!

Bist du nicht gerade damals in Susannes innerstes Leben getreten, damals ... als sie die Lockung des ... »Unwahrscheinlichen« von sich stieß –?!

Wär's möglich ... das höllische Rezept, das der ... Andere ihr verschrieben, damit sie frei würde ... frei für ihn ... und das sie ... damals ... verschmäht hatte ... das hätte sie nun aus der Rumpelkammer ihres Lebens hervorgeholt, um ... frei zu werden ... für ... für – –

Gott im Himmel – –!

Und entsetzlicher noch als diese Vermutung selbst ... viel entsetzlicher noch war's, im tiefen Innern eine Stimme zu hören, die dieser Lösung des Rätsels entgegenjauchzte ...

War's undenkbar, daß sie um des neuen Freundes willen hatte tun können, was der alte ihr um seinetwillen ... vergeblich angeraten hatte –?!

Undenkbar?! nein – undenkbar war das nicht ...

Herrgott, wenn man doch nur ein einziges Mal, einmal sich wirklich aussprechen könnte mit ihr –! Wenn's dem Herrn Untersuchungsrichter XXIII nicht gefiel, dann konnte es noch Wochen und Wochen dauern bis dahin!

Aber wenn es so weit war – dann würde er zu ihr hinstürzen ... würde ihr Aug' in Auge gegenüberstehen in dem kahlen, gräßlichen Kämmerchen mit der eisernen Tür ... und würde Wahrheit von ihr verlangen ... eine Wahrheit, die vielleicht grausam wäre wie die Vernichtung ... und doch auch eine tolle, herzbetörende Seligkeit zugleich –!

Und dann –?! wenn sie ihm wirklich ... die Wahrheit gäbe –?! diese ... diese Wahrheit –?!

Wenn sie wirklich schuldig war – schuldig um seinetwillen –?! was dann?

Dann war sie verloren ... der Welt verloren und ihm ... dann war sie eine Mörderin ...

Und er – er mußte sich von ihr trennen ... und wenn sie zehnmal um seinetwillen zur Mörderin geworden war ...

Ja – das war dann das nächste: er würde ihre Verteidigung niederlegen müssen ...

Denn eine Mörderin ... um deren Geheimnisse man weiß – und um was für Geheimnisse! – die verteidigt man nicht!

Das wäre nicht nur gegen die Ehrenpflicht des Anwalts – das wäre schon fast Begünstigung ... ein Verbrechen, nicht viel weniger schlimm als der Mord selbst ...

Nein – er würde nicht fragen ... er würde nicht wissen wollen ... wissen dürfen ... Seine Pflicht gebot ihm, sich gegen die Erkenntnis zu verschließen, die sich finster wuchtend vor ihm aufreckte ... Nein – nichts wissen ... nichts, nichts, gar nichts wissen!

Horch – war das nicht Helene? – Ja – sie war's. Er hörte, wie sie draußen beim Fräulein sich nach ihm erkundigte ...

Und wie er ihre helle, weiche Stimme hörte – die Stimme, deren Klang ihn einst froh gemacht hatte wie nichts im Leben sonst – da faßte ihn plötzlich ein brennendes Verlangen nach Reinheit – nach Klarheit – nach Sicherheit ... nach ihr –

Ach – Helene ließ ihre lieben, schönen Augen gewiß nicht nach Eroberungen ausfliegen bei Bällen und Diners ... Sie hatte gewiß keine Sammlung von Briefen zudringlicher Verehrer ... korrespondierte nicht mit »dunklen Freunden«, ließ sich nicht von ihnen in die Geheimnisse okkulter Wissenschaften und dämonischer Praktiken einführen. Sie wollte nichts als ihn ... war selig, wenn sie ihm gefiel ... sie war sein, sein, ganz sein – –

Und da stand sie in der Tür. Sie mußte den Heimweg zu Fuß gemacht haben ... die frische Kälte lag als rosiger Hauch auf ihrem guten, innigen Gesicht. In angstvoller Frage suchten ihre Augen seine Züge. Gleich hatte sie verstanden. Er sehnte sich nach ihr, er brauchte sie. Und nun fragte sie nicht – sie flog auf ihn zu, hing an seinem Halse, suchte seine Lippen. Ein Strom von tiefem Behagen, ein erlösendes Gefühl von Geborgenheit rann durch Gustav Herolds ganzes Wesen. Ja, hier gehörte er hin ... hier war sein Friede, seine Heimat ...

Aber dann, als er in stiller Kammer in Helenes Armen lag ... dann kam es plötzlich wieder über ihn, das reißende Fieber, das ihn von diesem Herzen hinweg, das ihn in die Arme der Andern zog ...

Und die wilden Küsse, unter denen sein Weib selig bebte, galten nicht ihr ... sie galten jener, die weit da hinten auf hartem Lager vielleicht nach ihm sich sehnte ... im Hause der verfolgten Unschuld ... im Hause des schlummerlosen Gewissens.


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