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Es war Punkt viertel sieben, als der Fiaker in der Quellengasse vorfuhr. Die vereinbarte Zeit war um eine Viertelstunde überschritten und der Kutscher verlangte Nachzahlung.

Der Revident berief sich auf den mit seiner Frau geschloffenen Vertrag: fünfzehn Kronen betrage der akkordierte Preis. Daß die Zeit überschritten worden wäre, dafür könne er nichts, er sei zur Abfahrt aus der Krieau rechtzeitig bereit gewesen.

Aus dieser Behauptung und der entsprechenden Gegenbehauptung entwickelte sich eine Serie von Prozessen, die Laurenz sämtlich verlor.

Zunächst mußte er erfahren, daß der vereinbarte Pauschalpreis nicht fünfzehn, sondern zwanzig Kronen betrage. Flora konnte dieses Faktum zu ihrem Leidwesen nicht in Abrede stellen, und Laurenz, der seine Frau vor dem Hausmeister und den sich versammelnden Parteien nicht bloßstellen wollte, verschloß seinen Groll in seiner Brust als in einem feuersicheren Schrank und griff in die Tasche, um einen Zwanzigkronenschein hervorzuholen. Aber der Kutscher nahm auch die zwanzig Kronen nicht; er verlangte einundzwanzig.

Nun war Laurenz so unvorsichtig, ihm die Note aufdrängen zu wollen. Dadurch gab er zu erkennen, daß er sich nicht ganz sicher fühle, und dieser Umstand bestärkte den Fiaker. Je heftiger ihm der Revident das Geld zuschob, desto entschiedener stieß er es zurück; Laurenz Haller kam sich vor wie der Clown mit dem Fliegenpapier: Was immer er unternahm, er konnte die Zwanzigkronennote, die an seinen Händen zu kleben schien, nicht loswerden.

Schließlich drohte er mit der Polizei. Der Kutscher war einverstanden und schlug vor, aufs Kommissariat zu fahren. Aber der Revident behauptete, er wäre für heute genug gefahren. Ein kleiner Junge machte sich erbötig, einen Wachmann zu holen, und eh' man ihn hindern konnte, war er unterwegs.

Nach einer Weile erschien der Wachmann. Er kam in der Haltung eines inspizierenden Generals langsam herangeschlendert und entschied den Fall: Laurenz müsse die Viertelstunde natürlich bezahlen. Mit einer Verwünschung griff dieser in die Tasche, aber noch immer nahm der Kutscher das Geld nicht; vielmehr verlangte er jetzt, da es bereits halb sieben wäre, eine weitere Viertelstunde, also außer der Tare eine halbe. Der Wachmann zuckle die Achseln, Laurenz nahm abermals das Portemonnaie heraus und ging dann, halb ohnmächtig vor Zorn, mit seiner Frau die Treppe hinauf, während der Fiaker mit einem heiteren »Bald wieder, Herr Staatsbeamter!« unter allgemeinem Gaudium davonfuhr.

Oben wurde das aus dem Prater heimgekehrte Ehepaar von heftigem Kindergeschrei empfangen. Die Ursache war, daß das Mädchen, von dem herrlichen Maitag zum Haustor gelockt, die Kinder allein gelassen hatte, was sie zu einer Rauferei benutzt hatten. Bei dieser Gelegenheit hatte sich der Bub an einer Möbelkante den Kopf blutig geschlagen, und infolgedessen brüllte das kleine Mädchen, als ob es am Spieß stäke. Der Revident stellte das Dienstmädchen zur Rede. Aber dieses, anstatt sich zu entschuldigen, antwortete schnippisch: »Die Herrschaften waren ja auch im Prater …«

Als die Kinder schließlich zu brüllen aufhörten, begannen die Eltern. Laurenz Haller hatte sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch gesetzt und machte einen Überschlag, was ihn diese Praterfahrt koste. Er kannte nicht alle Auslagen, im besonderen nicht das Detail der Toilette; trotzdem machte es ungefähr ein Fünftel des Monatsgehaltes aus. Das war dem geduldigen Mann zuviel, und als Flora hereinkam, noch den Hut der Freundin auf dem Kopf, um Geld für das Abendessen zu verlangen, folgte eine Szene. Sie richte ihn zugrunde, behauptete der Revident ohne jeden Übergang. Flora war auf Vorwürfe gefaßt, aber nicht auf so heftige. Sie schluchzte in das vorgehaltene Taschentuch und Laurenz bemerkte, daß es parfümiert sei. Das brachte ihn völlig aus dem Häuschen. Er schlug um sich, tobte und schrie. Als er schließlich eine kleine Pause machte, um Atem zu bekommen, sagte Flora zwei Worte, nur zwei Worte, aber sie enthielten alles:

»Mein Geburtstag!«

Wütend ging er fort, ins Gasthaus, um seinen Zorn im Wein zu ertränken. Erst nach Mitternacht kam er wieder nach Hause; die Fenster im Speisezimmer standen offen, und eine köstliche Luft wehte vom Prater herüber. Aber das anstoßende Zimmer war leer, Flora schlief bei den Kindern, und Laurenz mußte sich, ohne daß ihm irgend jemand eine gute Nacht geboten hätte, zu Bett begeben.

 

Am nächsten Morgen kam er etwas später als sonst ins Büro. Sogar der Bemm war schon anwesend, der das Privileg des Zuspätkommens hatte. Laurenz Haller begrüßte ihn und Bachmeier, der gleichfalls in demselben Raum arbeitete, mit seinem gewöhnlichen sonoren »Guten Morgen, meine Herren!« wobei er seinen falschen Panama schwenkte, den er gleich darauf an dem Kleiderrechen neben dem Waschtisch verankerte. Aber die verhaltene Art, in der die beiden seinen Gruß erwiderten, ließ ihn sofort vermuten, daß etwas in der Luft läge.

Insbesondere Bachmeier benahm sich nicht wie sonst. Er stand nicht auf, um sich mit dem Neuangekommenen zu einem kleinen Plausch zu vereinigen, sondern arbeitete weiter und maß den an seinem Schreibtische Vorübergehenden mit einem bösen Lächeln.

Kollege Bachmeier verwendete im Dienst zweierlei Arten von Lächeln, ein gutes und ein böses. Die besondere Anatomie seines Mundes erlaubte ihm diesen Luxus. Es fehlte ihm nämlich die Hälfte seiner oberen Vorderzähne und merkwürdigerweise alle rechts. Lächelte er nun nach links, so verdeckte er die Lücke und machte einen freundlichen Eindruck; wohingegen, wenn er nach rechte lächelte, eine scheußliche Höhle im Gestrüpp seines Bartes entstand, und sein Gesicht einen höhnischen, menschenfeindlichen Ausdruck annahm.

An diesem Morgen nun lächelte er ausgesprochen nach rechts, was Haller nicht recht geheuer vorkam. Auch daß er und Bemm so stumm waren, gab ihm zu denken; er schloß daraus, wohl nicht mit Unrecht, daß sie, als er eintrat, von ihm gesprochen hatten.

Nach einer Viertelstunde sagte Bachmeier:

»Der Chef hat nach Ihnen gefragt.«

Haller fuhr auf: »Warum sagen Sie mir das nicht gleich?«, worauf Bachmeier aber nicht antwortete, sondern laut zu addieren begann.

Glücklicherweise war die Angelegenheit nicht dringend. Der Chef empfing ihn freundlich, ohne Rüge, und gab ihm einen Akt zur Behandlung. Er lächelte sogar, indem er ihm den Akt hinüberreichte, doch geschah es in einer eigentümlichen Weise -- als wüßte er etwas Heiteres von Haller.

Der Revident begab sich in sein Büro zurück, wobei er der Abkürzung wegen den Weg durch das Zimmer nahm, in dem die Maschinenfräulein saßen. Auch diese Damen lächelten, während er vorbeiging.

Als er nun wieder ins Büro trat, saß Bachmeier umgekehrt auf seinem drehbaren Kontorsessel, mit dem Rücken gegen den Schreibtisch und unterhielt sich mit Bemm, der sich als ehemaliger Offizier eben auf der Hose eine Zigarette drehte. Haller erhaschte nur ein paar nichtssagende Worte. Denn sowie er sichtbar wurde, hörte das Gespräch sofort auf, Bachmeier rotierte auf seinem Sesselchen in die frühere Lage zurück und begann aufs neue laut zu addieren, was er immer tat, wenn er Laurenz ärgern wollte.

Nach einer Weile drehte sich dieser um und fragte Bachmeier:

»Wie befindet sich die Frau Gemahlin?«

Frau Bachmeier hatte unlängst wieder einmal ein Kind bekommen, das sechste, und war noch kränklich. Übrigens war sie fortwährend kränklich, auch in den Zwischenakten, und wenn man Bachmeier nach ihrem Befinden fragte, so lächelte er immer böse und erwiderte: »Danke, schlecht.« Auch diesmal sagte er: »Danke, schlecht!« und addierte eilig weiter, als versäume er etwas: »87, 94, 96, 103 …«

Der Revident sah ein, daß von dieser Seite nichts zu machen wäre. Er wandte sich, um das Gespräch zu beleben, nach einer Weile an Bemm:

»Na, Herr von Bemm, was macht die Jagd?«

»Jetzt im Mai?« antwortete dieser scharf, sehr von oben herab. Er war dafür bekannt, daß er niemals das Wort an einen Kollegen richtete und wenn er gefragt wurde, immer nur ironisch antwortete. Da er von Adel war, ließ man sich das gerne gefallen und niemand wunderte sich darüber, daß er, wie andere Menschen auch, auf seine Vorzüge pochte. Man behauptete, daß er einmal, als vom Adel die Rede war, gesagt haben sollte: »Ich sage nicht, daß wir Adelige bessere Menschen sind, aber wir sind andere Menschen.« Das war bescheiden ausgedrückt und alle fanden, daß er recht habe.

Laurenz Haller ließ sich daher durch die mokante Gegenfrage nicht abschrecken. Im Gegenteil, er nahm es humoristisch und entgegnete: »Entschuldigen, Herr von Bemm, ich geh' so selten auf die Jagd …«

»Noch nicht! -- 47, 49, 58, 64 …« sagte Bachmeier hinter ihm.

»Wie meinen Sie das?« fragte Laurenz.

Aber Bachmeier addierte schon wieder eine andere Kolonne: »7, 12, 18, 19, 23 …«

Der Revident schüttelte den Kopf und vertiefte sich in seinen Akt.

Um elf Uhr kam der Amtsdiener und überreichte dem Revidenten von Bemm mit einer tiefen Verbeugung eine Schinkensemmel, die dieser weniger aus Vorliebe, als um sich von den würstelessenden Kollegen zu unterscheiden, sich täglich vom Büfett kommen ließ. Dann wandte er sich an Laurenz und fragte mit demselben Lächeln, mit dem ihm der Chef den Akt gereicht und die Maschinenfräulein nachgeschaut hatten: »Einspänner oder Zweispänner, Herr Revident?« Das bezog sich auf die Würstel und Laurenz faßte die täglich wiederkehrende Frage auch gar nicht anders auf, aber Bachmeier machte die unschuldige Redensart zum Ausgangspunkt eines verletzenden Scherzes.

»Zweispänner, selbstverständlich! Der Herr Revident fahrt nur zweispännig!« rief er von seinem Schreibtisch herüber. Er hörte zu addieren auf und zeigte grinsend seine böse Lücke.

Der Revident verstand. Nachdem er den Diener mit dem hochmütigen Auftrag, ein ganzes Paar Frankfurter zu holen, entlassen und dieser sich grinsend entfernt hatte, wandte er sich an den neuerdings addierenden Bachmeier.

»Sie haben mich wohl gestern im Prater gesehen?«

»Sie mich nicht!« erwiderte Bachmeier tückisch.

»Oh, das tut mir aber leid! Wo sind Sie denn gesessen?«

»Auf einer Bank … wo halt die armen Leut' sitzen. Es kann nicht jeder im Fiaker fahren.«

»Freilich!« sagte Laurenz: »Es war ja bei uns auch nur ein Ausnahmsfall. Ich hab's meiner Frau zulieb getan. Sie hat Geburtstag gehabt.«

Er gab sich in diesem Augenblick etwas bescheidener, als er war. Denn trotz alledem freute es ihn, daß ihn Bachmeier gesehen hatte.

Bachmeier war der Ärmste unter den Kollegen. Er hatte sechs Kinder, eine kranke Frau und mußte alles ganz allein herbeischaffen. Wiederholt hatte er den Unterstützungsfonds, den die Beamten gebildet hatten, für sich in Anspruch nehmen müssen. Aber in neuester Zeit fand er keine Bürgen mehr, die für ihn gutstanden und seine Gesuche wurden abgewiesen.

Es war bekannt, daß man bei Bachmeiers höchstens einmal in der Woche Fleisch aß; auch fuhr er nie in der Elektrischen, sondern kam von seiner in Ottakring gelegenen Wohnung zu Fuß ins Büro. Er frühstückte auch nichts Warmes wie die anderen Herren, sondern ein sogenanntes Schusterlaibl, das er in der rückwärtigen Tasche seines Jacketts mitbrachte. Herr Bachmeier nämlich trug nur Jackette. Er hatte nichts anzuziehen, aber er trug Jackette. Er war Staatsbeamter.

Dieser Hungerleider nun hatte Haller mit seiner hübschen Frau im Prater spazieren fahren gesehen. Er war toll vor Neid, und nachdem er eine schlaflose Nacht verbracht hatte, kam er eine halbe Stunde früher als gewöhnlich ins Büro, um von Tür zu Tür, von Tisch zu Tisch zu gehen und die aufregende Neuigkeit allen noch brühwarm zuzutragen.

Nach Art der Neidischen jedoch gab er den wahren Grund seines Neides nicht zu. Er behauptete vielmehr, es ginge ihn nichts an und bekümmere ihn nicht, ob Laurenz Haller im Prater spazieren fahre oder nicht. Aber es wäre eine Impertinenz von ihm, daß er ihn, den ärmeren Kollegen, bei dieser Gelegenheit nicht gegrüßt hätte. Zweimal sei er an ihm vorbeigefahren und zweimal hätte er weggeschaut.

Laurenz beteuerte seine Unschuld. Er versicherte, daß er den Kollegen Bachmeier sicherlich gegrüßt hätte, wenn er ihn gesehen hätte. Aber er hätte ihn eben nicht gesehen.

»Aber die Dame mit dem roten Sonnenschirm, die haben Sie gesehen!« höhnte Bachmeier. »Also dort sind Sie gesessen!« sagte Haller; und der andere darauf triumphierend: »Na also, Sie wissen ja genau, wo ich gesessen bin! … aber Sie haben absichtlich weggeschaut, weil Sie sich geniert haben.«

»Nein!« sagte Laurenz.

»Ja,« beharrte der Kollege: »Sie haben sich geniert!« Und Geifer kam aus der bösen Lücke heraus.

Laurenz rief den Kollegen Bemm zum Zeugen an, daß er nicht hochmütig wäre. Von Bemm war bereits mit seinem Frühstück beschäftigt, er hatte das Jagdbesteck, das er vorsichtshalber immer bei sich trug, herausgezogen und die Schinkensemmel auf einem weißen Blatt Papier vor sich hingebreitet. Da die Bespannung des Schreibtisches grün war, sah es aus wie ein Tischtuch auf dem Rasen. Von Bemm frühstückte eigentlich nicht: er veranstaltete ein Picknick im Freien.

Da er nun als Schiedsrichter angerufen wurde, gab er, ohne sich im Kauen zu unterbrechen, durch einen nach oben ausweichenden Blick zu verstehen, daß ihn der Fall nicht interessiere. Von Bemm interessierte sich nie für Streitigkeiten seiner Kollegen. Daß das Gesindel stritt, war nichts Neues, seitdem die Welt stand; und es war im Grunde gleichgültig, worüber.

Mittlerweile waren die Würstel gekommen, und Laurenz Haller begann zu essen. Auch Bachmeier zog das Schusterlaibl aus der schlauchartig gewölbten Tasche seines Jacketts und führte kleine Bissen zum Munde. Er kaute links, da er rechts keine Zähne mehr hatte, und das Gekaute erschien dann, eh' es verschwand, immer noch rechts in der Lücke. Diesen täglich wiederkehrenden Prozeß benutzte von Bemm, um Bachmeier zu raten, sich ein Gebiß anzuschaffen. Und Bachmeier erwiderte dann einmal wie das andere Mal: »Bis ich Oberrevident bin!« Denn er behauptete, daß er sich von seinem Revidentengehalt keine falschen Zähne kaufen könne, und wollte überdies wahrscheinlich durch seine Unappetitlichkeit einen Druck auf die Vorgesetzten üben.

Aber heute antwortete er einmal nicht: »Bis ich Oberrevident bin!« sondern sagte: »Was glauben Sie, Herr von Bemm, was das kost't? Mehr wie eine Praterfahrt …« Er schaute Haller giftig an, die Lücke tat sich weit auf und zeigte ihren scheußlichen Inhalt.

Eine peinliche Pause entstand. Haller aß verbissen, weil er immer deutlicher empfand, daß diese kleine Praterfahrt eine große Dummheit gewesen und es weder sich selbst noch den anderen eingestehen wollte. Auch Bachmeier schmauste, und von Bemm putzte sein Jagdbesteck. Nachdem er es versorgt, benützte er, wie täglich, den Rest der Frühstückspause, um auf die Jagd zu gehen; und zwar jagte er, in Ermanglung eines besseren Wildes, im Büro auf Fliegen. Er nahm den Akt einer Lokalbahn, der ganz leicht und biegsam war, und begab sich damit auf den Anstand. Eine Fliege, die ihn beim Frühstück molestiert hatte, saß auf dem Abreißkalender an der Wand. Von Bemm pürschte sich um den Waschtisch herum, langsam, vorsichtig in ihre Nähe, holte aus, schlug zu …

»Blattschuß!« schrie Haller freudig, während der Jäger seine Beute mit dem Fuß verächtlich von sich stieß.

Allein dieser Witz, der sonst immer schallende Heiterkeit erweckte, verpuffte heute im Leeren. Denn Bemm tat, als ob er nichts gehört hätte und Bachmeier begann neuerdings zu addieren.

Der Revident kehrte an seinen Schreibtisch zurück und arbeitete mit dem unangenehmen Gefühl, einen Feind im Rücken zu haben.

Über die Praterfahrt wurde nicht mehr gesprochen; aber als Bachmeier drei Stunden später als der erste aus dem Büro ging, unterließ er es, Haller zu grüßen.

 

Hatte nun Laurenz seit jener Praterfahrt einen Feind, so war er auf der anderen Seite in Gefahr, einen Freund zu gewinnen. Der hieß Leopold Gattinger. Bereits wenige Tage nach der Begegnung in der Krieau erschien der mausgraue Witwer im Büro des Revidenten. Erstaunt erhob sich dieser und fragte, den Eintretenden an der Tür empfangend, womit er dienen könnte.

Es handelte sich, wie sich bald herausstellte, um eine dienstliche Angelegenheit. Dem Handschuhmacher waren ein paar Kolli feinen Leders auf der Bahn verloren gegangen. Da die Sendung auf Gefahr des Empfängers ging, mußte er laut Faktura die Häute trotzdem bezahlen, und er wünschte sich an der Bahn zu regressieren. Der Revident bedeutete ihm, daß er mit diesen Dingen nichts zu tun habe, wies ihn an die für derartige Reklamationen kompetente Stelle und riet ihm, eine schriftliche Eingabe zu machen. Aber der Handschuhmacher stellte sich dumm und sagte, da werde er sich wohl einen Advokaten nehmen müssen. Der Revident erklärte das für völlig überflüssig und machte sich anheischig, die Eingabe in zehn Minuten für ihn abzufassen. Daraufhin erbat sich Gattinger seinen Besuch für einen der nächsten Nachmittage und Laurenz Haller, der sich einem Freund der Familie Oberleitner gern gefällig erweisen wollte, nahm die Einladung an.

»Wir haben ja auch noch eine kleine Verrechnung,« sagte der Handschuhmacher im Fortgehen. »Ah ja, richtig!« wachte der Revident, mit gespielter Gleichgültigkeit, als hätte er nicht einen Augenblick mehr an den Gulden gedacht. Aber der Herr Gattinger, der offenbar zu zartfühlend war, um ihm das Geld vor den anderen zurückzugeben, tat nichts dergleichen, sondern fragte bloß noch zwinkernd: »Wie befindet sich die Frau Gemahlin?« Laurenz beruhigte ihn in dieser Richtung, und der Handschuhmacher sagte mit einer Verbeugung: »Bitte, meinen Handkuß zu bestellen …«

Laurenz begleitete seinen Gast bis auf den Korridor. In der Zwischenzeit warf sich Bachmeier blitzschnell auf seinem Sessel herum: »Der Haller hat eine hübsche Frau, was?« fragte er heiser zu Bemm hinüber. Von Bemm nickte hochmütig: »Recht appetitlich!« sagte er, die Schönheit der Bürgerfrau von seinem grandseigneurialen Standpunkt aus gelassen abschätzend.

In diesem Augenblick kehrte Haller zurück, und Bachmeier drehte sich um weitere 180 Grad blitzschnell in seine frühere Lage zurück. Laurenz erfuhr nicht, was man hinter seinem Rücken gesprochen hatte; aber nach ein paar Tagen fing Bachmeier an, wieder mit ihm zu reden, als wäre er ihm durch eine unbestimmte Hoffnung plötzlich nähergerückt.

Indessen ging der Mai in den Juni über. Die Kastanien in der Hauptallee verblühten, und die Beziehungen zu Herrn Leopold Gattinger entwickelten sich gedeihlich weiter. Nach jenem ersten Besuch, den ihm Laurenz gemacht hatte, war es nur natürlich, daß er das Ehepaar Haller seinerseits besuchte oder, wie er sich ausdrückte: »seine Aufwartung machte«. Er tat es ganz formell, Sonntag Mittag um zwölf und im Wagen, den er unten beim Tore warten ließ. Zehn Minuten, nachdem er sie schwerfällig erklommen, stieg er die vielen Treppen leichtfüßig wieder hinunter und fuhr im schlanken Trab nach Hause, während das Hallersche Ehepaar oben bei dem Aussichtsfenster stand und freundlich winkte. All das war nur natürlich und konnte nicht anders sein. Immerhin aber erregte es in der armen Gasse ein gewisses Aufsehen, daß vor einem Hause, dessen Bewohner und Besucher meist zu Fuß gingen, zweimal in so kurzer Zeit ein Fiaker zu sehen war.

Übrigens sollte das noch öfter geschehen. Die Hallerischen hatten andeutungsweise schon in der Krieau, später bindend, mit dem Handschuhmacher einen gemeinsamen Ausflug beredet, und wenn er auch nicht gleich am ersten Sonntag stattfand, weil Papa Oberleitner wegen des zerbrochenen Spazierstockes schmollte, so realisierte er sich doch eine Woche später. Der Beamte der Österreichisch-Ungarischen Bank hatte auf einer seiner Forschungsreisen einen Heurigen in Salmannsdorf entdeckt, der, frisch etabliert und noch unverdorben, das Viertel zu dreißig Heller schenkte. Da jedoch das Ehepaar Oberleitner an diesem Sonntag nicht zu Hause, sondern bei Freunden in Pötzleinsdorf zu Mittag speiste, so beschloß man, in zwei Partien hinauszufahren und sich erst an Ort und Stelle zu vereinigen. Der Handschuhmacher aber bat um die Erlaubnis, das junge Paar abholen zu dürfen; sie wurde ihm gewährt.

Punkt vier Uhr stand abermals ein Fiaker unten beim Haustor. Es war wirklich, als zöge der eine, den Haller leichtsinnigerweise gemietet hatte, immer andere nach. Aber der Revident lehnte sich gegen eine Lebensführung auf, die nicht zu ihm paßte und seinen Verhältnissen in keiner Weise entsprach. Er hätte darauf gerechnet, daß man mit der Elektrischen hinausfahren werde, sagte er verdrießlich, beinahe unfreundlich, zu Gattinger, der ihn und seine Frau höflich am Wagen begrüßte. Der Handschuhmacher bat wegen seiner Eigenmächtigkeit um Verzeihung und begründete sie damit, daß die Elektrische am Abend immer so überfüllt wäre. Am Ende stieg Haller ein, in der Erwägung, daß ihm Gattinger für den Dienst, den er ihm erwiesen, gewissermaßen eine Revanche schuldig wäre. Er wollte bescheiden auf der linken Seite sitzen, aber der Handschuhmacher bestand darauf, daß er, obwohl der weitaus Jüngere, rechts säße. Er war ein galanter Mann, und als sie alle Drei Platz genommen hatten, die Männer in den Ecken, Flora in der Mitte, nahm er die Wagendecke und deckte Laurenz' Füße eigenhändig zu; allerdings auch die seiner Frau.

Der Nachmittag beim Heurigen verlief trotz anfänglicher Gegensätze in angenehmer, heiterer Stimmung. Eine gewisse Spannung, die zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn einerseits, zwischen diesem und dem Handschuhmacher auf der anderen Seite bestand, löste der Wein langsam auf, so daß fast nichts davon übrig blieb. An ihre Stelle trat ein wechselseitiges Vertrauen und jenes auf der Basis eines gemeinsamen Rausches errichtete warme Zusammengehörigkeitsgefühl, das man in Wien Gemütlichkeit nennt. Die weinselige Musik in der Ecke des Gartens, in die sich zuweilen, wie der Theaterdonner auf einer Vorstadtbühne, das Gepolter einer benachbarten Kegelbahn mengte; der süße Duft blühender Linden, den die Sommerluft zwischen den grünen Bäumen über die grünen Tische hinwehte; der Blick in eine üppig gewellte, freundlich besonnte und liebliche Landschaft; das Lachen der Frauen, die ihre erhitzten Lippen immer wieder im Wein erfrischten: All das floß in den kleinen, topasgelben Gläsern, die man aus der großen, blonden Flasche inmitten des Tisches immer wieder auffüllte, zu einem süßen Schwindel, einer wachsenden Glückseligkeit zusammen, aus deren feuchtem Grund die Laune blühte. Der alte Oberleitner begann seine Anekdoten zu erzählen und mit den in seiner Erinnerung immer vorrätigen Operettenrefrains zu vermischen; die Mama trällerte die Melodien seiner Jugend mit und lachte über all seine Pointen. Haller imitierte seine Vorgesetzten und machte sich über den Kollegen Bachmeier lustig. Plötzlich begann er ohne Grund zu böhmakeln und gleich darauf wie ein preußischer Assessor zu reden. Das machte er so komisch, daß Flora einen Lachanfall bekam. Sie verhustete sich und rang nach Atem. Herr Gattinger, der neben ihr saß, klopfte ihr freundlich auf den Rücken, dessen oberen Teil man ebenso wie den rosig überhauchten Nacken der jungen Frau durch die neue, durchbrochene Bluse schimmern sah.

»Na, na, junge Frau!« sagte er gutmütig zwinkernd: »Na, na …« Aber Flora konnte nicht aufhören, so daß er noch mehrmals klopfen mußte.

Unter allen Anwesenden benahm er sich am besonnensten, und das kam daher, weil er unter allen am meisten Erfahrungen im Trinken hatte. Er trank langsam, methodisch und spülte sich mit jedem Schluck Wein, bevor er ihn hinunterließ, den Mund aus. Andere stürzen sich in einen Rausch wie in ein Abenteuer; der Herr Gattinger aber näherte sich ihm vorsichtig und ging mit ihm eine wohlüberlegte Verbindung ein, deren Dauer im voraus auf eine längere Reihe von Stunden berechnet war. Immerhin geriet auch er, wenngleich erst nach Stunden, in eine angeregte Stimmung. Die humoristische Grundverfassung seines Wesens ging in eine leichte Schwärmerei über, und er begann, vom Wein entbunden, viel von seiner verstorbenen Frau zu reden, was bei einem Witwer im allgemeinen und bei Herrn Gattinger im besonderen immer auf ein gewisses Wohlgefühl schließen läßt. Übrigens tat er es in der taktvollsten Weise, indem er die Vorzüge der Dahingeschiedenen, besonders ihre körperlichen, pries. »Sie war ein sauberes Weiberl!« sagte er abschließend und spendete ihr damit das höchste Lob, das er an Frauen zu vergeben hatte. Wäre Herr Gattinger unter den homerischen Greisen gewesen, die oben auf der Mauerzinne saßen, als die schöne Helena unten vorbeiging, er hätte bestimmt auch nichts anderes gesagt, als: »Ein sauberes Weiberl!«

Infolge dieser sentimentalen Anwandlung des untröstlichen Witwers wurde die Stimmung der Tischgesellschaft vorübergehend etwas ernster, aber nicht zum Nachteil der Gemütlichkeit. Denn die Anhänglichkeit des Handschuhmachers an seine Selige brachte ihn allen Anwesenden menschlich näher. Man fühlte, daß das ein ungemein guter Mann sein müsse, der seiner verstorbenen Ehehälfte noch nach einem halben Jahr beim Heurigen so liebreich gedachte. Und insbesondere Flora schloß sich von diesem Augenblick an dem älteren Manne mit einer gewissen Neigung an, aus einem sehr natürlichen Gefühl heraus; denn welche Frau möchte nicht so betrauert werden?

Übrigens ließ der Handschuhmacher die Schwermut nicht überhand nehmen. Er unterbrach seine zärtlichen Erinnerungen und holte das kalte Fleisch herbei, das er vorsichtshalber im Wagen mitgenommen hatte. Das war eine Überraschung für die anderen, aber keine unangenehme. Man aß das Fleisch vom Papier weg, mit dem Federmesser, und begoß es, da es etwas fett war, mit einem neuen Wein, den Gattinger weislich unter den älteren Jahrgängen wählte. Es war wirklich äußerst gemütlich … Als es schließlich zum Zahlen kam, entstand allerdings eine für Haller etwas peinliche Situation. Er griff nämlich, wie an früheren Sonntagen, in die Tasche, der alte Oberleitner jedoch sagte diesmal nicht: »Laß nur, Laurenz!« wie sonst immer, sondern ließ ihn ruhig zahlen. Entweder er tat dies aus Ranküne, um Laurenz für den zerbrochenen Stock zu strafen oder aber, was wahrscheinlicher, er war der Ansicht, daß ein Mann, der Geld für Praterfahrten hätte, gelegentlich einmal auch seine Schwiegereltern ausführen könne.

Jedenfalls zahlte Laurenz, und da er einmal dabei war und dies der Anstand so zu erfordern schien, auch für Gattinger, den alten Wein und den neuen, alles zusammen. Es machte dies eine ziemlich stattliche Anzahl von Kronen aus, nicht viel weniger als damals die Taxe für den Fiaker und jedenfalls viel zu viel für einen Staatsbeamten, der, auf seinen kargen Gehalt angewiesen, sich keine großen Sprünge erlauben kann. Dennoch war Haller froh, daß er gezahlt hatte, denn es kam ihm jetzt vor, als ob er auch den Wagen, den Gattinger beigestellt, beglichen und gewissermaßen ein Recht erworben hätte, mit seiner Frau darin zu sitzen.

Es war aber, als man die Heimfahrt antrat, schon ziemlich spät und die Nachtluft wehte kühl von den samtschwarzen Bergen herüber. Die Wagendecke kam einem unter diesen Umständen recht sehr zustatten; in jeder Beziehung, fand Herr Gattinger, der neben der hübschen Frau saß.

* * *

 


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