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Flora war schließlich froh, als es ihr gelungen war, einen Fiaker ausfindig zu machen, der die Fuhre für zwanzig Kronen »und ein Trinkgeld« übernahm. Es war kein Grabenfiaker natürlich; keiner von denen, die, Künstler in ihrem Berufe, sich auch wie Künstler bezahlen lassen; die im großkarierten englischen Sakkoanzug mit schmalrandigem Kavaliershut zigarettenrauchend neben ihren edel gebauten Fahrzeugen lehnen, von Zeit zu Zeit das Feuer der bandagierten Russen mit einem kleinen Klaps liebevoll anfachen, an ihren Geschirren nesteln, das Zaumzeug höher schnallen, die Elastizität der Gummizüge prüfen und bei alldem auf einen Prinzen zu warten scheinen, der ihre Gaben zu würdigen und zu belohnen weiß, während sie den unerwünschten Werbungen aller minderen Fahrgäste, die sich ihrer etwa bemächtigen wollen, ein eisiges »Bin b'stellt!« entgegensetzen … Kein solcher war Floras Fiaker, aber auch keiner von den ganz billigen und schäbigen Mietkarren, wie man ihnen in der Vorstadt und vor den Nachtlokalen begegnet, mit rumpelnden Radreifen ohne Gummibezug, abgetriebenen Gäulen und Kutschern, die wie Räuber aussehen. Flora, obzwar sie nur zweimal in ihrem Leben in einem Fiaker gefahren war, verstand sich als eine Wienerin recht gut auf Wagen und Pferde und wußte zu wählen. Sie sah sich das Gespann von allen Seiten an, bevor sie an den Kutscher herantrat, aber da ihr vorweg nur die schmucken gefielen, wurde sie alsbald durch den exorbitanten Preis wieder zurückgeschreckt. Die anderen dagegen, die billigen, hatten Pferde, die Köpfe und Knie hängen ließen, schon auf dem Standplatz auf allen vier Beinen rasteten und deren jämmerlich kantiges Hinterteil durch tiefgreifende Sorgenfalten entstellt war. Am Ende fand sie dann doch das Richtige, ein Zeug, das nicht zu armselig, aber auch nicht zu vornehm war, und einen Kutscher, der, ohne geckenhaft gekleidet zu sein, doch einen anständigen Hemdkragen und ein vertrauenerweckendes, gut bürgerliches Exterieur hatte. Er war nicht mehr ganz jung, Ende der Vierzig etwa, beleibt, der Schnurrbart Pfeffer und Salz, und er roch, während er sprach, ein wenig nach Wein. Aber er war leutselig, heiter, und er ließ mit sich reden. Erst verlangte er dreißig Kronen, schließlich begnügte er sich mit zwanzig: »Weil's Sö san, gnä Frau,« wie er mit einer galanten Wendung betonte. Flora hatte das angenehme Gefühl, ihm zu gefallen, und wahrscheinlich geschah es deshalb, daß er sich mit dem Dreifachen der Taxe begnügte. Aber ein Trinkgeld bedang er sich trotzdem. Flora schloß ein kompliziertes Abkommen mit ihm, demzufolge eine Angabe von fünf Kronen, die sie ihm im voraus einhändigte, im Falle als schlechtes Wetter eintreten würde, verfallen sollte; andernfalls sollte ihm der Betrag als Trinkgeld bleiben. Als das vereinbart war, schrieb er sich ihre Adresse auf und verabschiedete sich gnädig; ja sogar, trotz ihrer kurzen Bekanntschaft, mit einer Spur von Herzlichkeit.

Nachdem sie sich nun einen Wagen gesichert hatte, begann eine andere Sorge: die Ausrüstung. Denn selbstverständlich verlangte die kostbare Umrahmung einer Praterfahrt auch nach einer besonderen Toilette. Zu Floras Ausstattung, so reichhaltig sie für ihre Zeit und die Verhältnisse, in denen sie lebte, gewesen, war doch für derartige Möglichkeiten nicht vorgesorgt. Sie mußte daher alles erst für den gegebenen Zweck zusammenstellen, Herrichten oder neu anschaffen. Ein Paar ausgeschnittener Tanzschuhe hatte sie glücklicherweise noch aus ihrer Mädchenzeit, und da sie seither kaum mehr auf Bällen gewesen war, waren sie zwar etwas steif und brüchig geworden, aber im großen und ganzen noch recht verwendbar. Nur verlangten diese ausgeschnittenen Lackschuhe nach durchbrochenen Strümpfen. Flora, die keine besaß, schaffte sich ein neues Paar an, weil es doch nur vier Kronen kostete und man es überdies auch bei anderen Gelegenheiten verwenden konnte. Sie betrachtete das sozusagen als Investition, da sich dadurch der Toilettenfundus vergrößerte; ebenso auch die Bluse, eine Krawatte aus Gaze und die siebenknöpfligen weißen Glacéhandschuhe. Eine Jacke, die von einem alten Kostüm herstammte, konnte, wenn man den Halsbesatz änderte und eine kleine Spitzenapplikation vornahm, im Wagen ganz gut den Eindruck eines neuen Kostüms hervorbringen, da die Decke doch ohnehin alles übrige verhüllte. Hingegen fehlte Flora unbedingt ein Schleier und ein entsprechender Hut. Was den Schleier betraf, so besaß sie zwar einen, den man mit einiger Geschicklichkeit so binden konnte, daß man die Löcher nicht sah; allein er hatte sechseckige, wabenförmige Öffnungen, während man in jüngster Zeit solche trug, die ganz eng genetzt und mit flechtenartigen Applikationen verziert waren, wodurch das dahinter befindliche Gesicht wie von einem bösartigen Ausschlag entstellt aussah. Flora schaffte sich eiligst einen solchen Lepraschleier an; allerdings war er entsprechend teuer, der Meter sechs Kronen; aber da der Kommis versicherte, daß diese Art von Schleiern eine große Zukunft hätte und noch stark im Preise steigen würde, war es eigentlich nur eine gute Kapitalsanlage.

Schwieriger war der Hut zu beschaffen. Flora verbrachte seinetwegen einige schlaflose Nächte und sah schließlich ein, daß sie, ohne ihre Existenz zu riskieren, sich keinen kaufen konnte. Anderseits aber mußte sie einen haben, denn mit dem ihrigen konnte sie sich nicht im Wagen zeigen. Sie entschloß sich, um das Geld für den Hut zu ersparen, zu einem kleinen Charakteropfer.

Flora hatte eine ehemalige Schulfreundin, die, gleichfalls an einen Staatsbeamten verheiratet, einen leichtfertigen Lebenswandel führte und im Sommer aufs Land ging; weshalb Laurenz seiner Frau schon vor Jahren den Umgang mit dieser Person verboten hatte, obwohl der damalige Verehrer der Frau Mizzi -- so hieß die Freundin -- ein guter Freund seines Hofrates war. Frau Haller richtete sich danach und ging nicht mehr zu Mizzi, die sie, stolz und empfindlich, wie die Gefallenen sind, auch nicht mehr einlud. In ihrer derzeitigen Verlegenheit aber erinnerte sie sich der alten Verbindung und besuchte die ehemalige Freundin, die in der Belvederegasse im zweiten Stock vier regelmäßige Zimmer bewohnte. Eine Magd öffnete ihr und führte sie in eine Art Salon mit Plüschvorhängen, in dem mehrere Fauteuils standen. Alsbald erschien Mizzi, schön wie eine Odaliske, in einem rosa Schlafrock und mit koketten grünen Pantöffelchen. Der Aufbau ihres braunen Haares verriet die kundige Hand einer Friseurin, in ihren rosigen Ohren schimmerten zwei kleine Brillanten, und das Gesicht roch nach einem feinen Puder. Sie begrüßte die Jugendgenossin mit einem kleinen Vogelschrei, wie ihn Frauen, wenn sie angenehm überrascht werden, auszustoßen pflegen, küßte sie und führte sie gleich in ihr Schlafzimmer. Erfreut setzte sie sich zu ihr auf ein galant aussehendes, zart geblümtes Kanapee, das quer vor den beiden Betten stand, ergriff die Hände der Freundin und erkundigte sich nach ihren Verhältnissen; was die ihrigen betraf, so konnte sie gottlob nicht klagen. »Mein Mann verdient jetzt viel mehr,« sagte sie fröhlich und mit einer gewissen Genugtuung, und Flora hörte es mit Neid, obwohl sie wußte, daß sein Gehalt kleiner war als derjenige Laurenz'. Dann bot ihr Mizzi Näschereien an, öffnete ihre Kasten und zeigte ihr die Kleider und Hüte, die sie besaß. Darauf hatte Flora gerechnet, denn sie kannte diese Eigenschaft ihrer Freundin, die ihre Schätze gern anschauen ließ. Sie bewunderte alles, auch was ihr geschmacklos oder gewagt erschien, staunte über die billigen Preise und pries die Geschicklichkeit und Findigkeit der jungen Frau, die aus nichts etwas machte. Dabei setzte sie probeweise einen von Mizzis Hüten auf und trat damit vor den Spiegel. Er stand ihr vorzüglich zu Gesicht, wie Mizzi neidlos zugab, indem sie ihr gleichzeitig den Hut wegnahm und ihn selbst aufsetzte. Es war eine schwarze Samtform, weit ausladend und mit einer Pleureuse geziert. Mizzi hatte ihn erst unlängst bekommen -- von ihrer Schwiegermutter, wie sie der Freundin verriet. Flora lächelte und sagte: »So eine Schwiegermutter könnt' ich brauchen.« Sie setzte sich wieder auf das geblümte Kanapee und beichtete der jungen Frau ihre Verlegenheit: daß sie zu einer Praterfahrt geladen wäre, aber keinen Hut besäße, mit dem man sich im Wagen zeigen könne. Anderseits aber wäre es doch schade, sich einen für die einmalige Veranlassung zu kaufen. Frau Mizzi, anstatt direkt zu antworten, fragte zunächst: »Von wem hast du denn den Wagen?« Flora sagte: »Ein befreundeter Fuhrwerksbesitzer schickt ihn uns, weil mein Geburtstag ist … Aus irgendeinem Grunde schämte sie sich, einzugestehen, daß Haller den Wagen bezahlte; es schien ihr unwahrscheinlich, wie eine Lüge, und sie log, um nicht den Anschein zu erwecken, daß sie lüge. Aber die Freundin lächelte bloß über den galanten Fuhrwerksbesitzer und, den Hut vorsichtshalber auf dem Kopf behaltend, sagte sie, in ihren grünen Pantöffelchen und dem rosa Schlafrock vor dem Spiegel stehend, scharfsinnig und unverstellt, wie Frauen in solchen Dingen sind: »Ich werd' dir was sagen, liebes Kind, den Hut leih' ich dir nicht, der ist mir zu schön und übrigens ist er auch zu elegant für dich. Aber einen vorjährigen, der auch ganz hübsch ist, kannst haben.« Flora wehrte schamhaft ab, indessen ließ Mizzi den vorjährigen von der Küchenmagd, die an Nachmittagen eine Jungfer war, eiligst herbeischaffen. Es war eine havannabraune Strohform, im Umriß einer Malerpalette, launisch gekrümmt und gebogen und mit einem falschen Reiher geschmückt. Mit dem schwarzen Samthut ließ sich dieser da natürlich nicht im Entferntesten vergleichen, aber Flora war ihrer Freundin doch sehr dankbar, daß sie ihn ihr für den einen Nachmittag lieh. Mizzi tat es herzlich gerne, da sie bemerkte, daß der Hut der anderen gar nicht besonders zu Gesicht stand. Sie sagte großmütig: »Du kannst ihn auch ein paar Tag' länger behalten.« Flora küßte sie dankbar. Nachher auf der Treppe wischte sie sich den Mund ab.

Zwei Tage später kam ein Brief von Mizzi, in dem diese ihre Freundin bat, wenn jemand fragen sollte, so möge sie sagen, sie wäre Donnerstag nachmittag bei ihr gewesen. Der jemand und der Donnerstag waren unterstrichen. Flora, die einsah, daß das die Entschädigung für den geliehenen Hut sei, widersetzte sich nicht. Im Gegenteil, sie trug ihn jetzt nur desto freier und selbstbewußter, weil sie ihn gewissermaßen bezahlt hatte; und übrigens fragte sie niemand.

Ihre Garderobe war nunmehr vollständig, aber diejenige ihres Gatten bedurfte dringend einer entsprechenden Aufbesserung, und das kostete gleichfalls Geld und noch mehr Mühe. Laurenz Haller hielt sich für schön genug, um sich vernachlässigen zu dürfen. Er besaß einen jener Van Dyck-Köpfe, denen man häufiger in der subalternen Beamtenwelt als unter Künstlern begegnet: einen keilförmig zugespitzten blonden Vollbart und dichtes lockiges Haupthaar, daß er, der größeren Wirkung wegen und auch aus Sparsamkeit, nur höchst selten und ziemlich unregelmäßig der Schere des Friseurs preisgab. Aber von diesen natürlichen Gaben abgesehen, die durch einen stattlichen Wuchs kräftig hervorgehoben wurden, sah er durchaus nicht wie ein Van Dyck aus. Im Gegensätze zu diesem zärtlichen und etwas verweichlichten Maler war seine Toilette vielmehr von denkbar größter Einfachheit. Auf dem lockigen Haupte trug er im Winter immer denselben Kalabreser, im Sommer stets den gleichen falschen Panama für drei Kronen, und seine Kleider, die wie von einem Nagel herunterhingen, verrieten die Gewohnheiten und die Anatomie seines Körpers: die Knie und Ellbogen waren durchgebogen, der rechte Unterarm, den er beim Schreiben auflegte, war betrüblich abgewetzt, die Weste machte die gleichen Falten wie der Bauch, und die rechte Hosentasche, in der er Portemonnaie und Schlüssel trug, drohte beständig zu reißen, riß jedoch nie … Es war wahrhaftig keine Kleinigkeit, aus diesem Material einen Dandy zu schaffen; Flora unterzog sich der selbstgestellten Aufgabe mit Mühe und Verständnis und erreichte das Mögliche, zunächst, daß Laurenz sich die Haare schneiden ließ; dann aber auch, daß er seinen Zylinder, der glücklicherweise alt genug war, um seine Form wieder der modernen zu nähern, frisch einfassen und aufbügeln ließ. Um das durchzusetzen, mußte sie allerdings eine kleine List anwenden. Sie wies darauf hin, daß er für den Fall seiner Ernennung zum Oberrevidenten keinen Zylinder besäße, mit dem er sich beim Sektionschef bedanken könnte. Der Revident schaute betroffen auf, als seine Frau diesen Grund ins Treffen führte. Überflüssig, den Weibern etwas zu verheimlichen, dachte er: sie bringen doch alles heraus; und schickte den Zylinder noch am selben Tag zum Hutmacher.

Zu weiteren Anschaffungen war er nun freilich nicht zu bewegen; im besonderen weigerte er sich, Handschuhe zu kaufen und einen anderen als seinen gewöhnlichen Weichselstock, mit dem er auf die Rax und ins Büro ging, in den Wagen zu nehmen. Flora behalf sich, indem sie ihrem Vater einen seiner respektablen Spazierstöcke heimlich ausführte. Und was die Handschuhe betraf, die sie für unumgänglich hielt, so konnte Laurenz auch, da er sie doch ohnehin nicht anzog, ein älteres und schon abgenutztes Paar von den ihrigen in die Hand nehmen. Wenn er sie in einer Weise gegen den Stock hielt, daß nur oben die Finger herausschauten und die Knöpfe unten versteckt waren, so konnte im Vorüberfahren auch das schärfste Auge unmöglich bemerken, daß es Damenhandschuhe waren.

Am Vorabend ihres Geburtstages waren wie vor einer großen Schlacht alle Zurüstungen beendet. Laurenz schaute ihr, die Hände in den Hosentaschen und ironisch aus seinem Meerschaumspitz rauchend, sichtlich amüsiert zu, wie sie die einzelnen Ausrüstungegegenstände vor dem Schlafengehen im Speisezimmer auf dem Diwan aneinanderreihte. »Und wenn's morgen regnet?« fragte er. »Dann ist's eben nichts!« versetzte sie zuversichtlich und heiter. Seine letzte Hoffnung war, daß es regnen würde. Er trat an das offene Fenster und blickte in die Nacht hinaus; der Himmel war umwölkt, kein Stern zu sehen. Mit freundlichen Erwartungen ging er zu Bett. Indessen, als er am nächsten Morgen erwachte, empfing ihn der herrlichste Maitag, der eine ungewöhnlich schöne Praterfahrt verhieß.

 

Der Wagen war für halb vier Uhr bestellt, und pünktlich auf die Minute stand Flora mit ihrem Mann drunten beim Haustor, um von den vereinbarten zwei Stunden ja nichts zu verlieren. Da sie längere Zeit warten mußten und den Grund nicht verschwiegen, verbreitete sich blitzschnell im Hause die Neuigkeit, daß Laurenz Haller mit seiner Frau in den Prater fahre. Man vermutete einen Treffer; einige sprachen von einer Erbschaft.

Endlich, um vier Uhr, kam der Wagen. Der Kutscher entschuldigte sein verspätetes Erscheinen damit, daß es so weit in die Quellengasse wäre. Indem er sich nicht die Mühe nahm, einen anderen Grund zu erfinden, ließ er durchblicken, daß es Leuten, die in der Quellengasse wohnten, nicht zustünde, einen Fiaker zu bemühen.

Er war zornig, weil er bei dem herrlichen Wetter seine Gaben hätte besser verwerten können. Aus Indignation hatte er sich einen kleinen Rausch angetrunken und überdies seine schlechtesten Pferde eingespannt. Es waren zwei milchweiße Mähren, bejahrt und so mager, daß man an ihren Hüftknochen je einen Hut aufhängen konnte. Nachher, als sie in Bewegung waren, traten noch andere Nachteile zutage: das Handpferd fiel vorne auf, während der Sattlige blind war; des Weges ungewiß und von der Willkür seines Begleiters abhängig, verdrehte das arme Tier ängstlich seinen mageren Hals und hielt den Kopf hoch in die Luft hinauf wie eine Giraffe.

Zur Rede gestellt, warum er nicht mit denselben Pferden gekommen wäre, mit denen man ihn ausgenommen hätte, gab der Fiaker mürrisch zur Antwort: »Weil's eh die ganze Nacht eing'spannt waren,« und dagegen war natürlich nichts zu sagen. Allein er hatte auch keine Blumen an den Peitschenstiel gebunden, und die Art, wie er den steifen Hut in den Nacken schob, verriet ebenso wie der flatternde Schlips, daß er diese ganze Fuhre nicht ernst nahm.

Verstimmt saß Flora im Wagen; Laurenz mit zornig gerunzelten Brauen neben ihr. Sie hatten unmittelbar vor dem Fortgehen einen Streit mit dem Mädchen gehabt, das sich weigerte, bei den Kindern zu bleiben und, als man es dazu zwingen wollte, eine Lohnerhöhung verlangte. Laurenz, der, im Amt ein Sklave, zu Hause gern seine Autorität zeigte, geriet außer sich und wollte das Mädchen auf der Stelle davonjagen; aber Flora, die für ihre Praterfahrt fürchtete, schlich sich unvermerkt in die Küche und versprach der Weinenden vom Ersten an einen Gulden mehr; worauf diese schluchzend zwei verlangte.

Während man die Favoritenstraße hinunter, zwischen den kreischenden Elektrischen und den allerhand Wagen hindurchfuhr, blieb die Stimmung unverändert. Flora betrachtete ihren Mann von der Seite, und sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ein wenig lächerlich aussah, im altmodischen Bratenrock, den ausgeliehenen Spazierstock mit den Handschuhen krampfhaft steif in der viel zu großen roten Hand haltend, und auf dem Kopfe den frischgebügelten Zylinder, der ihm zu klein war und im Fahren wackelte. Übrigens nahm er ihn mehrmals ab, da er ihn beengte und auf sein überaus empfindliches Haar drückte. Und er versicherte, indem er sich mit der Hand über die Stirn wischte, wiederholt, daß die reichen Leute Idioten wären, wenn sie sich an einem solchen Tag einen Glanzhut aufstülpten.

Flora seufzte und blickte zu dem vergißmeinnichtblauen Himmel empor. Sie dachte an jene anderen, die verantwortungslosen Praterfahrten ihrer Jugend, und eine Ahnung beschlich sie, daß sich derlei in späteren Jahren nicht ungestraft wiederholen lasse.

Indessen näherte man sich dem Prater, und die Stimmung wurde etwas freier. Schon begegnete man geschmückten Wagen, die in der gleichen Richtung fuhren. Automobilen, Fiakern, auch einem Einspänner, in dem eine ganze Familie Platz genommen hatte. Als Flora seiner ansichtig ward, überkam sie eine Art von Standesbewußtsein: obwohl die Pferde alt und schäbig waren, fuhr sie doch immerhin mit zweien. Sie setzte sich bequemer in »ihrem« Wagen zurecht und bat Laurenz, den Spazierstock etwas legerer zu fassen; auch könne er die Handschuhe ganz gut zur Abwechslung einmal in die Linke nehmen. Er tat es und behielt sie hinfort in der linken Hand; wie ein Büschel Gras oder wie ein Pinsel hingen sie, die Finger nach abwärts, in seiner geballten Faust seitlich beim Wagen heraus.

Nun bog man in die Prinzenallee ein, die mit roten Kastanien bepflanzt ist. An den Rändern des Reitweges und in den Radspuren lagen zu vielen Tausenden die abgefallenen Blüten, jede ein kleiner roter Stern mit einem weißen Herzen. Dennoch war das mailiche Grün der Bäume noch reich mit Scharlach durchwirkt, und sie dufteten im Vorüberfahren wie Bukette.

Der Verkehr wurde immer lebhafter, je mehr man sich der Hauptallee näherte und diente immer ausschließlicher dem Vergnügen. Es gab nun keine Elektrische mehr, keine Passanten, nur noch Spaziergänger, die größtenteils in der gleichen Richtung strebten wie die sich immer dichter schließende, bewegliche Kette der Fuhrwerke. Die Sehnsucht der jungen Frau im Wagen fühlte sich hier eins mit der von Tausenden.

Endlich erblickte man die hohen, wolkigen Wipfel der Nobelallee und hörte das wohllautende Brausen, das der vorüberflutende Wagenstrom hervorbrachte. Floras Herz schlug stürmisch gleich dem eines Firmlings, und am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte vor Vergnügen in die Hände geklatscht wie das kleine Mädchen im Wagen nebenan, das sie mit seinen kornblumenblauen Augen und den fliegenden blonden Haaren an ihre eigene Kindheit gemahnte. Indessen bezwang sie sich und blieb sitzen. Der Wagen fuhr im Schritt und war, umringt von den anderen, die dasselbe Ziel verfolgten, wiederholt zum Stehenbleiben gezwungen. Schließlich gab ein berittener Sicherheitswachmann mit einer Feldherrngeste die Bahn frei. Ein einziges Fuhrwerk sperrte noch den Weg: Ein Viersitzer, in dem eine englische Nurse mit drei weißgekleideten Babies saß, von denen jedes einen farbigen Luftballon hielt. Zuletzt aber bog auch diese friedliche Kutsche, an einer ihr entgegenfahrenden herrschaftlichen Equipage knapp vorüberstreifend, in die Hauptallee ab. Nichts hinderte den Hallerischen Fiaker in das fröhliche Gewühl einzutreten. Der Kutscher schlug das lahme Pferd mit der Peitsche über die Ohren, der Kopf des Blinden wurde emporgerissen, und schon warf sich das also ermunterte Gespann, einen eleganten Bogen beschreibend, in das flutende Gedränge wie der Schwimmer in den Strom.

Laurenz Haller atmete auf. Er hatte anläßlich der Stauung in der Prinzenallee bereits ernste Schwierigkeiten befürchtet und sich mit der Frage beschäftigt, ob man dem Kutscher auch dann die volle Gebühr bezahlen müsse, wenn es, wegen Überfüllung, unmöglich wäre, in die Hauptallee einzudringen. Immer wieder lehnte er den Spazierstock seines Schwiegervaters an das Knie seiner Frau und kontrollierte, mit der Uhr in der Hand, den Ablauf der Zeit, die ihm noch nie so kostbar gewesen wie heute. Eine Taxe von fünfzehn Kronen zugrunde gelegt -- daß sie zwanzig Kronen betrug, hatte ihm Flora verheimlicht -- reduzierte er im Geiste diesen Betrag ebensowohl auf den Kilometer als auf die Viertelstunde; und er seufzte, denn das Ergebnis überstieg jeden ihm geläufigen Frachtsatz.

Jetzt aber, als der Wagen in ein flotteres Tempo fiel und ihn die linde und riechende Luft der Hauptallee umschmeichelte, steckte er seinen Chronometer ein und überließ sich wollüstig den Verführungen der ihm aufgedrungenen Lustfahrt. Er bedauerte von Herzen, daß er seiner Frau ein so kostspieliges Geburtstagsgeschenk hatte machen müssen; aber da es nun einmal geschehen war, wollte er, als ein ökonomischer Gatte, nach Möglichkeit auch selbst davon profitieren.

Zum Unterschied von Flora jedoch, die Jugenderfahrungen hatte, fuhr der Revident der Staatsbahnen zum erstenmal in seinem Leben in einem offenen Fiaker spazieren. Man sah es ihm an. Weit in die Kissen zurückgelehnt, den linken Arm opulent auf den Rand der Equipage gelagert, die Beine sybaritisch ausgestreckt, behandelte er den Wagen, als ob er ein Kanapee, ein Bett oder ein Klubfauteuil wäre, und suchte durch häufigen Wechsel der Stellung den größtmöglichen Vorteil aus seiner Benutzung zu ziehen. Vorübergehend dachte er sogar daran, den Notsitz aufzustellen, um die Füße darauf zu lagern, und nur ein erschrockener Seitenblick seiner Frau hielt ihn davon ab. Er begnügte sich damit, die Beine übereinander zu schlagen, eine Zigarre anzuzünden und das abgebrannte Zündholz einem vorüberfahrenden Herrn ins Gesicht zu schleudern.

Wie den Wagen, behandelte er auch die ganze Hauptallee, als ob sie sein Eigentum wäre. Für ihn war dieses festliche Spalier uralter Kastanienbäume, die alle über den saftgrünen Galarock einen weißen Spitzenmantel geschlagen hatten und ihm im Vorbeifahren Reverenz erwiesen; für ihn strömte dieser breite Fluß von Equipagen, den ein Wald von Peitschenstielen überragte, in nicht endenwollender Fülle, rhythmisch bewegt, zum Lusthaus hinunter und wieder zurück; für ihn schlang der Himmel sein zartblaues Band in die weißgrünen Kronen der Bäume; für ihn schien die linde Frühlingssonne und warf spielende Kringel in den braunen Schatten der Alleen; für ihn taten sich zwischen den dunklen Stämmen zu beiden Seiten unerwartete und reizende Prospekte auf in eine liebliche Landschaft; silbergraue und smaragdgrüne Auen tauchten auf, spiegelige Wässer, bunte Kähne und träumende, lachende Insassen darin. Aber sie träumten und lachten für ihn.

Ganz besonders aber fühlte er sich Herr über den mondänen Fahrdamm mit seiner vorüberschillernden Eleganz: die Tausende von Fiakern, Unnumerierten und Equipagen mit ihrer beweglichen Menschenfracht; die Kabriolette, Phaetone und der von herrschaftlicher Hand wie von einem Thron herab regierte Viererzug; die effektvolle Mailcoach, hoch und schwankend wie ein Erntewagen; der rumpelnde Landauer; das lautlos wie auf Filzsohlen vorüberschleichende Elektromobil mit dem Zittergreis hinter der geschliffenen Scheibe; die schneehaarige Fürstin mit dem violett geschminkten Mund und der violetten Livree auf dem Kutschbock; die Kinder mit den hübschen Luftballonen; die Lebedame mit dem trunkenen Lächeln und den über den Rand der Equipage zurückwallenden Federn ihres Riesenhutes; die drei geschmeidigen Ulanenoffiziere, die en bouquet in einem federleichten Wagen sitzen, der wie ein abgeschnellter Pfeil mitten durch das Gedränge schießt; die beiden eleganten Frauen, die in dem dunkelblauen Coupé wie in einer Loge lehnen, plaudern, grüßen und im Vorbeigleiten eine Duftfurche in der Luft zurücklassen; die Aristokraten, die Juden, die Sportleute, Kavaliere, Defraudanten und Lebemänner, Hochstapler, Künstler und Spießer: All dieses schwankende, rollende, auf- und niedertauchende Menschenmaterial, das Personal der Praterfahrten, war seinetwegen ausgerückt, um seine Lust zu erhöhen: Sein war das Lächeln der Frauen, der Hochmut der Herren, der Ehrgeiz der Kutscher, der Atem der Bäume; sein die niederschwebende Blüte, die ihm in den Schoß fiel, und sogar die Schaumflocke des vorüberstiebenden Russenpaares, die an der Wagendecke hängen blieb. Er beschnupperte sie zärtlich, bevor er sie mit nonchalanter Geste aus dem Wagen schlenkerte.

Flora betrachtete ihn bei all dem von der Seite. Sie sah, unter dem Druck der ungewöhnlichen Situation, alle schlimmen plebejischen Instinkte aus seiner Seele hervorkriechen, sich an der Oberfläche breit machen. Und zum ersten Male, seitdem sie verheiratet war, schämte sie sich ihres Mannes.

Sie selbst saß bescheiden, beinahe ein wenig gedrückt, in ihrer Wagenecke, ohne rechten Mut sich anzulehnen, als wäre sie eingeladen und nicht in der Lage, sich zu revanchieren. Der sie umbrandende Luxus, dessen Emanation ihren Mann berauschte, benahm ihr den Atem, prackte sie nieder. Sie kam sich jämmerlich ärmlich und häßlich vor zwischen diesen pfauenhaft geschmückten Frauen. Und erst der forschende Blick eines eleganten Herrn, der, vorüberfahrend, von ihrer jungen Anmut angezogen, die Applikationen des Schleiers durchdrang und ihr feines blondes Profil enträtselte, gab ihr einen Teil des entschwundenen Selbstgefühls zurück.

Von da an ließ auch sie diese lang ersehnte Praterfahrt auf sich wirken. Sie blätterte mit neugierglänzenden Augen, die allmählich zu sehen begannen, in dem beweglichen Modejournal, das sich verführerisch vor ihren Blicken entrollte. Allein sie kam zu keiner ruhigen Betrachtung, da Laurenz sie fortwährend störte.

»Schau nur! Schau! Die Frau von Kugl!« schrie er eben, sie in die Seite stoßend und mit ausgestrecktem Spazierstock in einen vor ihnen fahrenden Wagen weisend. Er hatte nämlich in dem sie umbrandenden Menschengewühl das bekannte Gesicht einer alten Dame entdeckt, ein Umstand, der ihn in eine maßlose Aufregung versetzte. Flora lächelte, ohne die Besinnung zu verlieren. Denn die Frau von Kugl, Hausbesitzerin am Neubau, war nur eine oberflächliche Bekannte ihrer Eltern, zu der man in einer ganz beiläufigen Relation stand. Trotzdem schien es Laurenz zu kränken, daß er seinen vorbereiteten Gruß nicht anbringen konnte. Die Kalesche der Frau von Kugl fuhr in demselben Tempo wie der Hallersche Fiaker, und sie hatte offenbar keine Ahnung, daß knapp hinter ihr Bekannte waren. Übrigens gelang es dem Revidenten schließlich doch, zu grüßen: der Wagen der alten Dame geriet in eine Stauung, der des Ehepaares Haller glitt seitlich vor, und in diesem Augenblick rief Laurenz triumphierend sein »Küß' die Hand, Frau von Kugl!« hinüber. Dabei schwenkte er den frischgebügelten Zylinder so lebhaft hin und her, als ob er damit einen vorüberfliegenden Kohlweißling einzufangen gedächte, und stieß, da er den Spazierstock in derselben Hand hielt, den vor ihm sitzenden Kutscher wiederholt in den Rücken. Die Matrone schaute sich verwundert um und erwiderte, als sie den Ursprung des Zurufes erfaßt hatte, den wohlgemeinten Gruß mit gebührender Freundlichkeit. Nun winkte auch Flora, und gleichzeitig blieb der Wagen der alten Dame, durch das Gedränge aufgehalten, stehen. Laurenz wollte aussteigen, sie zu Fuß begrüßen gehen und war böse, als es ihm Flora nicht erlaubte. Er behauptete, daß die alte Frau eine förmliche Begrüßung erwartet und daß es sich auch gehört hätte.

Alsbald fand sich für ihn ein anderer Grund, sich aufzuregen. Der Kutscher hatte sich in einem beschaulichen Trab dem Lusthaus genähert, das als ein luftiges Tempelchen den frühlingshellen Prospekt der blütenbesteckten Allee nach rückwärts abschloß; er zog eine Schlinge herum und, auf der anderen Seite der Hauptallee zurückfahrend, ließ er, einer alten Tradition gemäß, die Zügel nach und seine Pferde in Schritt fallen. Aber das war keineswegs nach Laurenz Hallers Geschmack; er zahlte den nach seinem Gefühl exorbitanten Betrag von fünfzehn Kronen nicht für ein so bequemes Tempo, und »Trabi« gebot er. Der Wagenlenker ignorierte diesen Befehl, worauf ihn der Revident mit der Spitze seines Stockes im Rücken berührte und abermals, diesmal mit erhobener Stimme, »Trab!« kommandiert. Der Fiaker, ohne auf die Berechtigung dieses Wunsches näher einzugehen, wandte sich bloß um und sagte mürrisch: »Sie, Herr! Stoßen S' mich nicht immer mit Ihrem Stock!« Laurenz Haller aber stand im Wagen auf: »Trab sollen Sie fahren!« brüllte er, im Gefühl der fünfzehn Kronen. Nun fand sich der Rosselenker doch veranlaßt, eine direkte Antwort zu geben, und: »Da wird Schritt g'fahren!« brummte er. Der Revident, der nicht wußte, daß sich jener damit auf einen geheiligten Brauch berief, fand diese Entgegnung ungehörig: »Und ich sag' Ihnen, da wird Trab gefahren!« versetzte er zornig. Der Fiaker schaute ihn von oben herab mitleidig an. »Aber geh'n S',« sagte er gutmütig: »Das verstehen Sie ja nit!« »Was?« schrie Haller, gänzlich außer sich, und fuhr wie ein gereizter Stier mit dem Kopf auf ihn los: »Sie wollen mich belehren? Ich bin Staatsbeamter!« Der Fiaker fiel bei dieser Mitteilung keineswegs vom Kutschbock: »Und wann Sie zehnmal Staatsbeamter sein …« Er unterbrach sich und fügte, da Haller noch immer wie ein griechischer Wagenlenker aufrecht in der Kutsche stand, warnend hinzu: »Übrigens setzen S' sich nieder, sonst fallen S' mir noch aus'm Wagen heraus -- Herr Staatsbeamter!« Laurenz Haller, durch diese unzeitgemäße Fürsorge eher beleidigt, setzte sich mit nichten, obwohl ihn auch seine Frau fortwährend an den Rockschößen nach rückwärts zog; er hatte, aufstehend, die Wagendecke heruntergestreift, und man sah jetzt, daß, was sie trug, kein komplettes Kostüm war. Aber der Revident war nicht mehr aufzuhalten; seine Autorität war engagiert, er mußte recht behalten. Als daher der unfolgsame Fiaker trotz aller Mahnungen nicht Trab fuhr, gebot er ihm kurzerhand, stehen zu bleiben. Er wollte aussteigen, einen Wachmann holen, den Widerspenstigen durch die Behörde zwingen lassen. Und schon hatte er einen Fuß auf dem Wagentritt, als dem Kutscher plötzlich die Geduld riß und er mit einem wütenden Peitschenhieb die Pferde in eine schärfere Gangart versetzte. Laurenz Haller verlor das Gleichgewicht, fiel nach rückwärts, glücklicherweise in den Wagen. Aber der Stock entglitt seinen Händen und geriet zwischen die Räder einer nachfahrenden Equipage. Als er ihn unter den hämischen Blicken seines Fiakers dort hervorzog, war die elfenbeinerne Krücke mitten entzwei.

Geknickt saß jetzt der Revident im Wagen, der sich vom Lusthaus entfernend gegen den Praterstern zu rollte. Man sah die geschmacklose Tegetthoffsäule, das schmale Dreieck des Stefansdomes und dahinter, in bläulicher Ferne, die Ausläufer des Gebirges, dessen höchster Punkt, die Habsburgwarte, wie das Korn eines Gewehrlaufes die Visierlinie der Hauptallee bestimmte. Laurenz aber hatte keinen Blick für diesen Prospekt. Ihn beschäftigte die Frage, ob man den Stock reparieren oder das Unglück dem Schwiegervater freimütig eingestehen sollte. Verstimmt wie er war, sah er das Treiben rundherum wie durch einen Flor an. Da kam seine Bekannte, die Frau von Kugl, zum zweitenmal an ihnen vorbei und grüßte freundlich, ein Beweis, daß sie nicht beleidigt war. Haller war sehr froh darüber; und um sie völlig zu versöhnen kniete er sich flugs in die Polsterung des Wagens und knüpfte so, in zwangloser Haltung, den zerbrochenen Spazierstock in der Hand, über zwei, drei andere Wagen hinweg, ein kleines Gespräch an.

Eine weitere Genugtuung wartete auf das Ehepaar beim dritten Kaffeehaus. Dort saß nämlich, weithin sichtbar durch den effektvollen roten Sonnenschirm, den ihr der Onkel erst unlängst geschenkt hatte, breit aufgepflanzt die Tant' Mali, das elegante Gewühl jenseits des Zaunes mit neidischen Blicken durchlöchernd. Sie bemerkte ihre Nichte nicht, da sie in keiner Weise gefaßt war, sie hier zu bemerken, und unter anderen Umständen hätte wohl auch Haller weggeschaut, weil man die Praterfahrt vor der Familie geheim halten wollte. Aber der Zwischenfall mit dem Spazierstock ließ dies ohnehin unmöglich erscheinen. Der Revident gönnte sich daher wenigstens den Triumph eines Grußes. Gleichzeitig beschloß er, den Stock nicht reparieren zu lassen, sondern den Schaden reumütig zu bekennen. Damit würde er zwar den Zorn des Herrn Oberleitner erregen; indes, sein Zorn war billiger.

Auch Flora nickte im Fahren zu ihrer Tante hinüber, ganz leicht und unbefangen, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, aus einem zweispännigen Wagen Familienmitgliedern zuzunicken. Aber gerade diese Unbefangenheit empörte die Tante. Auch ihr, die bereits in reiferen Jahren stand, war, wie der jugendliche Sonnenschirm bewies, nichts Menschliches fremd. Eine derartige Vergnügungssucht jedoch schien ihr unentschuldbar. Sie beschloß, den Verkehr mit der entarteten Nichte einzustellen und begann, nach Frauenart, damit, daß sie der sich Umwendenden eine Kußhand zuwarf.

Mittlerweile war es fünf Uhr geworden, die Sonnenstrahlen fielen schräger, und Flora schlug vor, in die Krieau zu fahren. Laurenz Haller erschrak: Eine Jause? Noch dazu an einem so nobeln Ort, wo man, weiß Gott, wieviel für einen Kaffee verlangte? Die junge Frau jedoch, auf diesen Einwand gefaßt, entkräftigte ihn und entwickelte ihren Kriegsplan: Bei dem heutigen Wetter und Andrang wäre es wohl völlig ausgeschlossen, daß man in der Krieau noch einen Platz bekäme. Man könne daher getrost hinfahren, um sich das berühmte Etablissement aus der Nähe zu besehen und es nach einer Viertelstunde, ohne etwas verzehrt zu haben, wieder verlassen. Und, um die Redlichkeit ihrer Absicht noch zu erhärten, fügte sie hinzu, daß sie, ihrerseits, nicht die geringste Lust auf einen Kaffee hätte.

Also fuhr man in die Krieau und schaute sich auch dort die schöne Welt an, die an bunten Tischen unter dem leuchtend-grünen Blätterdach wie in einem geräumigen Zelt plaudernd beisammen saß, Kaffee schlürfte und, nach Wiener Art, über die Ankommenden und Wegfahrenden neugierig medisierte. Das Abenteuer verlief programmgemäß, da glücklicherweise kein Platz frei war und die vorüberschießenden Kellnerinnen froh waren, wenn man nichts bei ihnen bestellte. Flora jedoch fand, daß sie es sich genußreicher vorgestellt hätte, den reichen Leuten bei ihren Festen zuzuschauen; bereits nach wenigen Minuten verlor sie die Lust daran und bat Laurenz, den Wagen, den man unvorsichtigerweise weggeschickt hatte, wieder holen zu lassen. Der Revident machte sich, um das Trinkgeld für den Ausrufer zu ersparen, selbst auf den Weg, nachdem er seiner Frau einen Platz angewiesen hatte, wo sie auf ihn warten sollte. Diese Sparsamkeit jedoch bekam ihm übel; denn mit der Örtlichkeit und den Tücken eines Wiener Kutschers nur wenig vertraut, verbrachte er geraume Zeit, bevor er seinen Fiaker in dem Gewühle ausfindig machte. Und dann brauchte der noch weitere zehn Minuten, um vorzufahren.

Als Haller schließlich nach einer halben Stunde wieder vor der Meierei anlangte, fand er seine Frau nicht dort, wo er sie verlassen hatte und nicht allein. Sie saß an einem kleinen Tisch und trank Kaffee, wobei ihr ein stutzerhaft gekleideter Herr mit grauem Zylinder und ebensolchen Gamaschen Gesellschaft leistete. Er mußte dies auf eine amüsante Weise tun, denn als Laurenz näher kam, lachte Flora eben hellauf. Der Revident wußte natürlich nicht, worüber; allein es verstimmte ihn.

Argwöhnisch trat er an den Tisch heran, Flora wurde ernst und stellte vor. »Herr Leopold Gattinger,« sagte sie, mit einer artigen Handbewegung auf den älteren Herrn weisend, der sich höflich erhoben hatte. Laurenz gab durch einen fragenden Blick zu verstehen, daß ihm der Name Gattinger wenig sagte; worauf sie noch hinzufügte: »Ein alter Freund der Familie.« Nun erst behauptete der Revident, der Lebensart hatte, daß es ihn freue. Der Herr Gattinger aber lüpfte seinen perlgrauen Zylinder und versicherte, es wäre ihm ein ganz außerordentliches Vergnügen.

Der Freund der Familie Oberleitner war ein galanter Fünfziger, stattlich, gepflegt, mit einem Gesicht, so rot wie Minium und einem eisengrauen Schnurrbart, den er aus Koketterie nicht färbte. Seines Zeichens Handschuhmacher, Inhaber einer protokollierten Firma und im Gremium sehr angesehen, verriet er trotz alledem in seinen kulanten Gesichtszügen keineswegs die Spuren überragender geistiger Begabung. Ja man hätte ihn vielleicht sogar für ziemlich beschränkt halten können, wenn nicht ein gewisses Zwinkern gewesen wäre, das, vom linken Augenwinkel ausgehend, in bestimmten Fristen auf seinem Antlitz wetterleuchtete und diesem den Schein einer Malice aufprägte, von der man erst bei näherer Bekanntschaft erfuhr, daß sie nicht vorhanden war.

Infolge dieser glücklichen Gabe, im richtigen Augenblick und manchmal auch im unrichtigen zwinkern zu können, galt Gattinger in seinem Kreise für einen ausgezeichneten Gesellschafter und verfluchten Kerl.

Er erwies sich als solcher, indem er sofort zwinkernd von der Witterung zu reden begann und den übergroßen Andrang in der Krieau beklagte. Laurenz hörte höflich zu, während seine Frau ihren Kaffee austrank, und rief dann, in einem schicklichen Augenblick: »Zahlen!« Sofort flüchteten sämtliche Kellnerinnen wie gejagt aus seiner Nähe. Der Revident, der die größte Eile hatte, wollte einer nachsetzen; Gattinger jedoch hielt ihn am Arme fest. »Bitte, das mir zu überlassen, Herr von Haller!« sagte er fein. »O nein, bitte, Herr von Gattinger,« erwiderte dieser, jenem den Adel prompt zurückgebend: »Wie kämen denn Sie dazu?« Und er förderte entschlossen sein Portemonnaie zutage, das, wie das Portemonnaie der Armen zumeist, sehr groß war. Indessen, der Handschuhmacher ließ nicht locker: Er hätte den Kaffee bestellt, er müßte ihn bezahlen. Schließlich, als er sah, daß der Revident nicht zu überzeugen war, meinte er kavaliermäßig: »Können sich ja nächsten Sonntag revanchieren, Herr Revident,« und er gab seine Absicht kund, mit seinem alten Freund Oberleitner einen längst geplanten Ausflug zu unternehmen. »Vielleicht, daß auch die Herrschaften …?« schloß er zwinkernd, mit einem fragenden Blick auf Hallers Frau, die eben die Applikationen ihres Schleiers über den gesättigten Mund wieder herunterrollte: »Wär' mir eine Ehre …« Laurenz verbeugte sich geschmeichelt, legte aber nichtsdestoweniger einen Gulden auf den Tisch: »Also, dann bitte Herr von Gattinger, einstweilen für mich zu bezahlen.« Gattinger sah ein, daß er es mit einem Charakter zu tun habe. Er nahm das Geld, zwinkerte und half der jungen Frau tatkräftig beim Einsteigen.

Etwas später, als sie aus dem Prater draußen waren, sagte Laurenz plötzlich:

»Ist der Herr Gattinger verheiratet?«

Flora schaute ihn verwundert an.

»Nein -- verwitwet,« sagte sie: »Seit einem halben Jahr. Hast denn nicht den Flor gesehen?«

Nach einer Pause ergänzte sie in der Richtung seiner Gedanken:

»Übrigens hat er schon erwachsene Kinder.«

Aber Laurenz Haller zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte, daß das nichts beweise.

* * *

 


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