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9. Erdwurm.

Zu Distelfeld im Fichtelberge lebte ein ehrlicher Bauersmann, Kunz Bartold genannt, der hatte eine Frau, die hieß Kathrine Hüllmanns und war eine recht christliche und fromme Frau. Diese guten Leute hatten viele liebe Kinder; aber das liebste von allen war ihnen ein kleines Mädchen, das in der Taufe den Namen Eva Maria empfangen hatte. Denn die kleine Eva war ein gar frommes, stilles und sinniges Kind, das fleißigste in der Schule und das andächtigste in der Kirche und gut und freundlich und gehorsam gegen alle Menschen; besonders gab es den Armen gern und bat die Mutter immer, wenn sie etwas auszuteilen hatte, daß sie ihr die Spende überließe. Sonst war das Kind bei aller seiner Freundlichkeit sehr in sich gekehrt und von stiller, verschwiegener Natur, sprach nicht viel, war gern allein und liebte sehr die Einsamkeit im Garten, im Felde und in den grünen Wäldern. Der liebe Gott, der jedem Menschen so seine eigenen Anlagen und Triebe mitgibt auf die Welt, hatte diesem Kinde eine große Liebe für die Natur und ein leichtes und helles Verständnis der Dinge mitgegeben, so daß sie, was kluge Leute kaum halb aussprachen und nur so leicht hinwinkten, schon begriff und vieles verstand und im Spielen lernte, was ihr kein Mensch erklärt noch gelehrt hatte. Die Leute pflegen sich über solche helle Kinder zu wundern; einige nennen sie Sonntagskinder, weil sie alles sehen und verstehen können; andere, schlimmer, meinen wohl gar, es gehe nicht mit rechten Dingen zu bei ihnen. Und ist doch alles natürlich und kommt von Gott her, daß die einen viel wissen und leicht lernen und die andern dumm sind und nichts lernen. Die kleine Eva kannte, als sie zehn Jahre alt war, schon die meisten Tiere, Vögel, Blumen und Bäume und ging mit ihnen so unschuldig und vertraut und sicher um, als hätte sie schon ein paar hundert Jahre mit ihnen gelebt. Aber fast ein noch größeres Wohlgefallen als an diesen hatte sie an bunten Steinen und Gewürmen und konnte sich gewaltig freuen, wenn sie ein buntes Steinchen fand, und mit Marienwürmchen, Goldkäfern, Gottespferdchen, Schmetterlingen und Laubfröschen konnte sie oft tagelang spielen, ohne daß ihr die Zeit dabei lang ward. Sie ging nun ins elfte Jahr und mußte ihrer Mutter Kühe im Walde hüten. Da sammelte sie sich immer eine Menge buntes Geflügel und Gestein, und wann sie des Abends heimkam, hatte sie die Taschen gewöhnlich voll Steine und Schächtelchen und Binsenkörbchen, die sie sich selbst flocht, voll Käfer, Schmetterlinge und Laubfrösche, mit welchen sie und die andern Kinder dann spielten. Wegen dieser Liebe zu den bunten Steinchen und Käferchen wühlte sie viel in der Erde, wälzte Steine und Holzblöcke um, riß die Rinde von den Bäumen, und die Leute, die das sahen, und die eigenen Eltern nannten die kleine Eva deswegen im Scherz Erdwurm. Aus diesem Scherz ward aber ein solcher Ernst, daß sie künftig nicht mehr Eva sondern Erdwurm bei allen Leuten hieß.

Nun begab es sich einmal, als Erdwürmchen im Frühlinge ihres zwölften Jahres ihre Kühe und Kälber in den Wald trieb und mit ihrem Hündchen hinterdrein trabend ein Liedlein sang, daß ihr eine alte Frau begegnete, die fast nackt war und gar bleich und elend aussah. Diese jammerte über Kälte, und es war der Monat April, und da ist es in den Waldbergen oft noch recht kalt. Das konnte Erdwürmchen nicht lange anhören; sie mußte ihr Röckchen ausziehen und es der alten Frau umhängen, welche wegging und ihr zurief: »Schönen Dank, mein Kind! Das soll dir nicht unvergolten bleiben.« Erdwürmchen ging nun den ganzen Tag im bloßen Hemde und fror selbst sehr und ward obendrein des Abends von der Mutter tüchtig ausgescholten, daß sie mehr weggegeben hatte, als sie durfte; denn die Mutter war auch nicht so reich, daß sie ihren Kindern immer neue Kleider zumessen lassen konnte. Als nun die Sonnengicht Mitsommerszeit. gekommen und die Tage am längsten waren, da hatte sich Erdwürmchen einmal im Walde gebadet. Als sie nun aus dem Bache stieg und hinter einem Dornbusch, wo sie sich entkleidet hatte, ihre Kleider suchte, fand sie statt deren, welche sie suchte, die allernettesten neuen Kleider, als wären sie eben vom Schneider gekommen, und ein blankes Mützchen und ein Paar neue Schuh. Dies letzte verwunderte sie am meisten, denn im Sommer trugen sie und ihre Geschwister keine Schuh, sondern mußten barfuß laufen. Sie zog aber alles an und probierte auch die Schuhe an und freuete sich recht kindisch, und in der Freude rief sie aus: »O wer mag mir das wohl geschenkt haben?«

»Das hab' ich getan,« schallte es hinter den Büschen, und bald sah sie eine alte Frau kommen, dieselbe, der sie im Frühlinge ihr Röckchen gegeben hatte, und die alte Frau trat freundlich vor sie und fragte sie: »Erdwürmchen, kennst du mich nicht mehr?« Und Erdwürmchen sprach: »Jawohl, du bist ja die arme alte Frau, die hier im Frühlinge so fror und in zerrissenen Kleidern ging, und nun hast du so schöne Kleider an!« »Ja, so geht's, mein Kind,« sagte die alte Frau; »heute reich und morgen arm. Ich habe dir dafür, daß du ein so barmherziges Kind warst, die neuen Kleider gebracht, und wenn du noch etwas wünschest, so sage es, ich will dir's gewähren.« Und Erdwürmchen bedachte sich nicht lange und sprach: »O laß den schönen, großen, blanken Käfer alle Tage zu mir kommen und mit mir spielen, den ich hier nur einmal im Walde gesehen habe; haschen habe ich ihn aber nicht können!« »Das glaub' ich wohl, denn er ist ein verzweifelt kluger Gast,« sagte die alte Frau; »er soll kommen. Und nun adjes, mein Kind!« Und die alte Frau küßte sie, nahm ihren Stock und ging weg.

Und als sie kaum weg war, säuselte es Summ! Summ! Summ! durch die Bäume, und ein großer, glänzender Käfer kam geflogen und setzte sich neben Erdwürmchen hin, und seine Flügeldecken sahen aus wie lauteres Gold, und seine zwei hellen Augen funkelten wie Diamanten. Erdwürmchen hatte seine herzinnige Freude an dem Käfer und spielte den ganzen Tag mit ihm; und als sie ihre Herde zu Hause trieb, da nahm er auch seine Flügel und flog weg. Und auf dieselbe Weise, wie er heute getan, kam er jeden Tag, so oft sie im Walde war, und flog immer auch weg, wann sie wegging. Und Erdwürmchen spielte und flüsterte mit ihm, als wäre es ein Mensch gewesen; sie erzählte auch den andern Hirten, die sie zuweilen mit dem Käfer trafen, er sei ihr kleiner Waldbräutigam und verstehe alles, was sie ihm sage; er bringe ihr auch schöne und blanke Sachen zum Spielen und Äpfel und Nüsse, wann sie hungere. Die andern Kinder hörten das so an und lachten und glaubten es nicht; aber den goldenen Käfer mochten sie gern leiden. Ich weiß auch nicht, ob das wahr war, oder ob Erdwürmchen den Kindern zum Scherze solche Fabeln erzählte; aber das ist gewiß, daß die beide sehr viel voneinander hielten, und daß der Käfer den andern Frühling wiederkam, sobald Erdwürmchen ihre Kühe in den Wald trieb, und daß sie in der alten Freundschaft miteinander lebten und umgingen. Da lernte Erdwürmchen nun auch, daß es ein ganz seltener Käfer war und mehr konnte, als andere gemeine Käfer können.

Einst saß sie nach ihrer Gewohnheit mit ihm unter einer grünen Eiche und spielte mit ihm und mit andern bunten Würmchen und Käferchen im Grase. Da flog ihr eines der schönsten und buntesten Marienwürmchen auf und schwang seine kleinen Flügel, und in einem Hui war es über die Eiche hinaus. Und Erdwürmchen sah ihm sehnsüchtig nach und rief: »O wer doch auch so fliegen könnte und sich in der leichten Luft über die Bäume hinwiegen!« Und Goldkäferchen, der diese Worte hörte, flüsterte ihr leise zu: »Erdwürmchen, möchtest du das?« Und sie sagte: »Ja, für mein Leben gern!«

Und es währte nicht eine Sekunde, so kam der allerniedlichste Wagen aus der Luft herunter und senkte sich vor Erdwürmchen zur Erde herab, als spräche er: »Erdwürmchen, willst du, so steige ein!« Das Wägelchen war von dem allerweißesten Elfenbein leicht und sauber gearbeitet, und es waren viele tausend niedliche und bunte Vögelein und Blümlein drein geschnitzelt und darauf gemalt. Es war groß genug, daß ein kleines Mädchen bequem darin sitzen konnte, und ward von sechs himmelblauen Gottspferdchen gezogen.

Erdwürmchen stand vor dem zierlichen Wägelchen und verwunderte sich und schlug in die Hände, daß es so schön war. Goldkäferchen machte sich hinzu und sagte: »Nun steige ein, Erdwürmchen, und kutschiere dich durch die Luft, wenn du Lust hast!« Erdwürmchen stand da, zitternd und bebend vor Freude, Furcht und Verlangen; doch mußte sie laut lachen, als Goldkäferchen diese letzten Worte sprach, und sagte: »Was soll ich einsteigen? Die kleinen, magern Rappen werden mich wohl weit ziehen!« »Steig du nur ein,« sprach Goldkäferchen wieder, »ich will der Kutscher sein.« Und mit diesen Worten schwang er sich auf den Bock. Da lachte Erdwürmchen wieder und setzte sich ein, zum Spaße, meinte sie, denn dies Gespann würde sie doch nicht von der Erde aufziehen.

Aber siehe! Goldkäferchen faßte die Zügel, nahm das goldene Peitschchen, aus feinsten Sonnenstrahlen geflochten, und klatschte, daß es durch den Wald klang; und die sechs geflügelten Rappen zogen an, und hui! ging es in die Höhe und über die höchsten Buchen und Eichen fort, daß es sausete. Erdwürmchen hatte gar nicht geglaubt, daß es Ernst sei; auch hatte sie ihren Wunsch, einmal so durch die Lüfte zu fliegen, nur so leicht hingesagt, wie Menschen, wenn sie Vögel oder Schmetterlinge sich in den Lüften wiegen sehen, wohl sprechen: »O wer doch einmal so fliegen und durch die leichten Lüfte segeln dürfte!« Nun hätte sie gern Halt! Halt! geschrien, aber sie hatte keine Zeit dazu; denn es ging gar zu geschwind, und sie hatte genug zu tun, sich an der Lehne des Wagens festzuhalten, damit sie in der Angst nicht herausflöge. Als sie aber zuletzt sah, daß keine Gefahr dabei war, da ließ sie sich die Fahrt gefallen, die immer über den Wald hin ging, wohl zwei Meilen weit und dann wieder zurück. Und als das Wägelchen hingekommen ist, wo ihre Kühe und Kälber weideten, hat Goldkäferchen es sanft abwärts gelenkt, und so sind sie auf derselben Stelle wieder niedergekommen, wo sie aufgefahren waren.

Diese Fahrten hat Erdwürmchen oft gemacht und sich inniglich ergötzt, daß sie in dem elfenbeinernen Wagen mit dem leichten Gespann der Gottspferde geschwinder als die geschwindesten Vögel fliegen konnte, so daß sie da oben oft Tauben und Falken und andere Schnellflieger gegriffen hat. Sie ist auch zuweilen des Nachts ausgefahren, wann Goldkäferchen, ihr Kutscher, sie zu solcher Spazierfahrt einlud; sie hat sich dann leise und heimlich aus dem Bette geschlichen, wann die andern im Hause alle schliefen, und diese Fahrten bei Mond- und Sternenschein deuchten ihr die allerlustigsten. Aber nie hat sie der Mutter etwas davon merken lassen, sie hat dies überhaupt heimlich gehalten; nur das hat sie erzählt, daß die alte Frau ihr die schönen neuen Kleider geschenkt hat für das Röckchen, das sie ihr im Frühlinge gegeben.

Erdwürmchen war nun fünfzehn Jahre alt und begann ein großes Mädchen zu werden; sie hütete aber noch immer das Vieh im Walde. Nun sammelte sie, wann Goldkäferchen gerade nicht bei ihr war (er kam schon viel seltener), die andern Knaben und Mädchen, welche auch Hirten waren, häufig um sich herum und erzählte ihnen Geschichten, denn deren wußte sie eine Menge von ihrer Mutter, welche die Winterabende in der Spinnstube immer mit Erzählungen zu kürzen pflegte. Eines Tages hatte sie eine sehr traurige Geschichte erzählt, wie ein schöner junger Prinz im Kampfe mit dem Drachen auf den Tod verwundet war und beim Sterben seiner Herzallerliebsten vorsang:

Ade! Es muß geschieden sein!
Reich mir ein Gläslein kühlen Wein,
Reich mir ein weißes Semmelein!
Ade!
Den kühlen Wein, das Semmelein!
Ade! Ade!
Mir tut mein Herz so weh!

Ade! Es muß geschieden sein!
Ade du heller Sonnenschein!
Und Mondenschein und Sternenschein!
Ade!
Du Sonnenschein und Sternenschein!
Ade! Ade!
Mir tut mein Herz so weh!

Ade, es muß geschieden sein!
O weine nicht, Feinsliebelein!
Es muß von dir geschieden sein!
Ade!
Es muß, es muß geschieden sein!
Ade! Ade!
Mir tut mein Herz so weh!

Diese Geschichte war ihr so aufs Herz gefallen, daß sie sie gar nicht aus dem Sinn schlagen konnte und immer für sich singen mußte:

Ade! Es muß geschieden sein!
O weine nicht, Feinsliebelein!

Und dabei liefen ihr die hellen Tränen wie brennende Ströme aus den Augen. Als sie so in traurigen Gedanken unter der grünen Eiche saß, wo sie gewöhnlich zu sitzen und zu spielen pflegte, kam mit einem Male Goldkäferchen hergeschwirrt, der einige Tage nicht dagewesen war, und flüsterte ihr zu: »Erdwürmchen, willst du luftfahren? Es ist heute der schönste Regenbogen am Himmel, und den wollen wir recht nah besehen; aber komm und mache dich gleich fertig!« Sie sagte ja, und der Wagen kam, und sie stieg ein, und Goldkäferchen nahm seine goldene Peitsche und klatschte auf die Pferde.

Und die Pferde brauseten im sausenden Galopp davon, so geschwind, geschwind, daß Erdwürmchen Himmel, Erde und Meer kaum voneinander unterscheiden konnte und von dem schönen, versprochenen Regenbogen gar nichts sah. Der mutwillige Kutscher knallte und klatschte in einem fort, und die Gottspferde wieherten und brenschten schnaubten., und die Luft ging so gewaltig, als wenn Sturmwinde bliesen; Goldkäferchen aber klatschte und sang immer mit heller Stimme drein: » O weine nicht, Feinsliebelein! Es muß, es muß geschieden sein!« Das arme Erdwürmchen aber hatte nichts anderes zu tun, als sich nur festzuhalten; denn jetzt kam ihr die Fahrt wirklich so vor, als sollte alles auseinanderfliegen und sie durch die weite leere Luft so fortgewirbelt werden. So sauste der Wagen fort, und ihr fehlte selbst der Atem, zu fragen, bis der Wagen mit einem Male anfing, sich zu senken und in einer unbekannten Gegend zur Erde kam. Als Erdwürmchen fühlte, daß es nicht mehr flog mit ihr, wollte sie Goldkäferchen fragen: »Wo sind wir?« Aber in demselben Hui waren Wagen, Kutscher und Pferde weg, und sie hat sie seit der Stunde in ihrem Leben nicht wieder gesehen.

Es war schon dunkel, die Sonne war lange unter, und der Mond und die Sterne standen hell am Himmel. Da hätte Erdwürmchen Ade! Ade! singen mögen, aber ihr war der Gesang jetzt knapp geworden, und sie saß im stillen Leide, rang ihre Hände und weinte bitterlich. Dann seufzete sie tief und rief einmal über das andere aus: »O ich gottloses Mädchen! Die Mutter hat mich oft gescholten, daß ich soviel mit den Würmern spielte; nun sehe ich wohl, was das für bunte Schelme sind. Warte nur, Goldkäferchen! Wenn du mal wiederkommst, sollst du's kriegen! O wenn ich nur einen Menschen fände, der mir den Weg nach Hause wiese!« Sie fing nun an, durch die Büsche fortzugehen; aber sie war von dem geschwinden Fluge so müd' geworden, daß sie kaum hundert Schritt gegangen war, so setzte sie sich unter einen Baum nieder und schlief ein und schlief da bis an den hellen Morgen. Das arme Kind meinte, sie sei nahe bei ihres Vaters Hause; aber sie war in der dreistündigen Fahrt über fünfzig Meilen weit durch die Luft gereist. Schlafe wohl und träume wohl, liebes Erdwürmchen!

Als Erdwürmchen erwachte, stand die Sonne schon hell am Himmel. Sie sah sich mit großen Augen um, denn das von gestern war ihr alles wie ein Traum. Sie hatte auch die ganze Nacht nichts anderes geträumt als von der sausenden Reise, wo sie, wie ihr deuchte, dreimal aus dem Wagen stürzte und immer wieder hereingebracht ward, von brennenden Häusern, von Krieg und Geschrei und von allerlei Not und Angst. Mit diesen Gedanken wachte sie auf und sah nun wohl, daß sie in einer unbekannten Gegend war und fern von ihres Vaters Hause. Denn sie erblickte ringsumher himmelhohe Berge, deren oberste Spitzen mit Schnee bedeckt waren. Und als sie das sah, weinte sie bitterlich und brach in die Worte aus: »O du erzbösewichtisches Goldkäferchen! Hier komme ich nimmer wieder heraus; ich sehe Vater und Mutter nimmer wieder, denn wie soll ich über diesen hohen Schnee kommen?« Mehr konnte sie vor Traurigkeit nicht sagen; doch ging sie gedankenlos fort. Sie kam bald an einen kleinen Baumgarten, wo Äpfel, Birnen und Pflaumen die Fülle an den Bäumen hingen. Sie ging hin und brach sich davon und aß, denn sie war sehr hungerig. Als sie sich gesättigt hatte, ging sie weiter fort durch die Bäume und hörte einen Hahn krähen und einen Hund bellen. Und da ward sie ganz froh und fiel mit dem Angesicht auf die Erde, faltete ihre Hände und betete ein frommes Morgengebet und sprach: »Gott sei gelobt, daß ich wieder zu Menschen komme!« Und als sie um einen kleinen Busch herumgekommen war, da sah sie hinter dem Busche ein kleines strohenes Häuschen stehen und ging gerade auf das Häuschen zu.

Und ehe sie noch an das Häuschen kam, sprang ein buntes Hündchen auf sie zu und wedelte lustig mit dem Schwanze und bellte und brummte nicht, und dann kam ein schneeweißes Mieskätzchen und strich sich den Pelz an ihrem Knie glatt und knurrte behaglich, wie die Katzen im Wohlgefallen tun. Und diese beiden begleiteten sie. Vor der Türe des Hauses saß ein altes Mütterchen im weißen Kopfe an einem Spinnrade und spann und sang mit heller Stimme: » Wach auf, mein Herz, und singe!« und ließ sich nicht stören, daß Erdwürmchen kam, und Erdwürmchen stimmte ein und sang mit, bis das Lied zu Ende war, und freute sich, daß sie zu frommen Leuten gekommen war. Darauf stand die alte Frau von ihrem Spinnrade auf und reichte dem Erdwürmchen die Hand und hieß sie freundlich willkommen. Als sie aber dem Kinde ins Gesicht sah, rief sie: »Herrje! Erdwürmchen, bist du es? Wie in aller Welt kommst du hieher?« Erdwürmchen wunderte sich nicht wenig, als sie sich mit ihrem Namen anreden hörte, sah die alte Frau genau an und erkannte nun bald, daß es dieselbe alte Frau war, die ihr, als sie badete, einst die schönen neuen Kleider hinter den Dornbusch hingelegt hatte. Und sie antwortete ihr vergnügt: »Ja, Mutter, ich bin Erdwürmchen; aber wie ich herkomme, das weiß ich nicht; das weiß ich aber wohl, daß dein Goldkäferchen ein Erzlügner ist; er hat mir etwas vorgegaukelt von einem wunderschönen Regenbogen, und so ist er im sausenden Galopp durch die Luft mit mir davongefahren, daß mir Hören und Sehen dabei vergangen ist, und so bin ich endlich hier wieder auf die Erde herabgekommen, und da hat er mich sitzen lassen. Nun ist es nur gut, daß ich dich hier treffe. Du kannst mir wohl den Weg durch die Berge zu Vater und Mutter zeigen; denn die werden sehr traurig sein, daß ich gestern abend nicht zu Hause gekommen bin, und werden glauben, daß mich Räuber gestohlen oder Wölfe und Untiere gefressen haben.«

Die alte Frau antwortete ihr: »Sei mir hier willkommen, Erdwürmchen! Deine Eltern wohnen sehr weit von hier, und ich kann dich nun nicht hinbringen. Denn alle Straßen sind unsicher, und es ist Krieg, und gestern sind fremde Soldaten bei euch in Distelfeld eingerückt. Und schelte nicht so sehr auf Goldkäferchen; es hat dich deswegen weggebracht. Deinen armen Eltern hättest du doch nicht helfen können; dir und deiner Ehre aber hätte leicht ein Leides geschehen können. Darum gib dich nur drein und bleib hier bei mir! Wir wohnen hier abweges im Walde; hier bist du sicher, und über diese Schneeberge kommt kein Feind. Wann es dort wieder ruhig ist, will ich dich schon nach Hause bringen.« Und Erdwürmchen gab sich drein und blieb; im stillen aber weinte sie manches Tränchen in ihrem Kämmerlein und im einsamen Walde, daß sie so weit weg war von Hause. Doch ging es ihr sonst recht gut.

Es war dies ein kleines Bauergütchen, das ganz einsam im Walde lag und etwas Feld, einen Garten, eine Wiese und des Holzes genug hatte; auch waren in Bächen und Teichen Forellen und Karpfen. Hier wohnte die Alte mit ihrem alten Manne, der wohl noch älter war als sie, und mit einem Knechte, der auch nicht mehr jung war, und die drei bestellten und bestritten die ganze Wirtschaft. Nun kam Erdwürmchen noch dazu und half ihnen. Sie hatten zwei Ochsen, zwei Pferde, acht Kühe, zwanzig Schafe und Ziegen, viele Hühner und Enten auf dem Hofe und Obst im Garten und Korn im Felde und lebten recht gut und vergnügt. Auch waren es christliche, fromme Leute, und in ihrem Leben hat Erdwürmchen nicht soviel in der Bibel und im Gesangbuche gelesen als hier. Den Sommer waren alle fleißig, daß sie das Haus und die Scheunen vollschafften für den Winter; den Herbst und Winter droschen die Männer Korn und fällten und fuhren Holz aus dem Walde; Mütterchen aber und Erdwürmchen, wann sie das Vieh und die Küche besorgt hatten, saßen am Spinnrocken und spannen und erzählten einander Geschichten oder sangen geistliche Lieder. Erdwürmchen hat nachher oft erzählt, die Jahre, die sie hier verlebt habe, seien die vergnügteste Zeit ihres Lebens gewesen.

So waren hier fünf Sommer vergangen, und die Zeit war Erdwürmchen gewiß nicht lange geworden; da kam die alte Frau eines Morgens zu Erdwürmchen in ihr Kämmerchen und sprach: »Liebes Erdwürmchen, nun ist es Zeit, daß du von hier reisest und wieder zu deinen lieben Eltern kommst. Es ist arg hergegangen in Distelfeld und im ganzen Frankenlande; jetzt aber ist der Krieg vorbei, es ist wieder Friede, und nun ist es billig, daß du wieder zu den Deinigen ziehest und den Eltern die Sorge vergeltest, die sie in deiner Kindheit um dich gehabt haben. Siehe, ich habe dich hieher holen lassen, nicht daß ich dich bloß bei mir hätte (denn ich habe dich sehr lieb, das weißt du wohl), sondern daß du sicher wärest vor der Wildheit und Wüstheit des Krieges; und wenn ich dich gleich gern behielte, so muß ich dich doch deinen Eltern wiedergeben, denn das andere wäre Sünde. Du hast wohl gemerkt, daß ich allerlei Künste kann, und das ist wahr; aber ich bin eine von den Frauen, welche die sie kennen die Holden heißen, und ich gebrauche meine Künste nie zum Bösen. Darum erschrick nur nicht vor mir und habe mich in einem guten Andenken: ich bin eine von denen, die sie die guten weisen Frauen nennen, und habe mein Leben darauf gewendet, tolle Geschichten in kluge und Verkehrtes in Rechtes zu verwandeln. Und nun, liebes Kind, mache dich fertig, suche deine Sachen zusammen und packe deine Kleider und dein Leinzeug ein; denn morgen fahren wir ab.«

Und Erdwürmchen tat mit allem Fleiß, wie ihr befohlen war, und setzte sich dann einsam hin und weinte, daß sie die alte Frau verlassen sollte, die ihr soviel Liebes getan hatte in so manchem lieben Jahr. Und den andern Morgen hielt der Wagen mit den zwei Pferden vor der Türe, und sie setzte sich nebst der alten Frau darauf, und der alte Knecht war ihr Kutscher. Und sie waren sechs Tage gefahren, und den siebenten Tag kamen sie in das Kirchdorf, wo die Leute aus Distelfeld in die Kirche gehen. Da ließ die alte Frau an der Schenke halten und sprach zu Erdwürmchen: »Nun will ich Lebewohl zu dir sagen, mein Kind; weiter fahre ich nicht, und nun will ich wieder zu Hause. Gott segne dich und behüte dich und behalte dich treu und sicher auf seinem Wege, so wird es dir wohlgehen hier und dort.« Und sie hieß den Knecht die Laden und Kisten abpacken, worin Erdwürmchens Kleider und Leinzeug waren, und gab ihr dann noch einen Beutel in die Hand und sagte: »Da, mein Kind! Das soll dein Brautschatz sein; dafür kannst du dir ein Bauergütchen kaufen!« Und dann fuhr sie weg, und Erdwürmchen ließ sich von dem Schenkwirt nach Distelfeld fahren, wo ihre Eltern wohnten.

Als sie auf die Distelfelder Mark kamen, da verwunderte sie sich, daß sie so wenige Häuser sah und von diesen einige ganz neu schienen, und sie sprach zu dem Fuhrmann: »Aber ist denn dies Distelfeld?« »Ja, freilich ist das Distelfeld,« antwortete er; »aber es ist nicht mehr das alte Distelfeld; das ist im Kriege meist abgebrannt, und sie fangen nun an und bauen wieder einige neue Häuser.« Erdwürmchen erschrak sehr, und sie dachte an ihre Eltern und Geschwister, und ihr war sehr bange im Herzen; aber sie mochte den Mann nicht fragen. Und sie fuhren in das Dorf hinein, und sie sah Brandstellen, ungeheure Bäume und Balken hin und her liegend, zerbrochene Zäune und niedergerissene Mauern, bis sie an ihres Vaters Haus gelangte. Das war auch nicht mehr das alte sondern ein neues, das sie schon wieder aufgebaut hatten. Da fand sie ihre beiden Eltern gottlob! noch am Leben, die waren sehr arm geworden aber doch noch nicht mutlos, denn es waren fromme Leute, die Gott fürchteten. Ihre Geschwister lebten auch noch bis auf einen Bruder, der im Kriege geblieben war. Ihre beiden Schwestern, welche älter waren als sie, hatten schon Männer, die in andern Dörfern wohnten. Und sie erzählte ihren Eltern, wie es ihr wunderbar ergangen, und wo sie so lange gewesen war, und sagte ihnen viel Freundliches und Liebes und tröstete sie aus Gottes Wort und sprach: »Gott kann helfen, und ich will auch helfen und kann auch helfen!« Und mit diesen Worten öffnete sie den Beutel, welchen ihre alte Pflegemutter ihr beim Abschiede in die Hand getan hatte, und es waren fünfhundert blanke Dukaten darin; in den Kisten aber war das schönste Leinzeug, das sie zum Teil mit gesponnen und gebleicht, und das die gute, alte weise Frau ihr zum Brautschatz mitgegeben hatte.

Und Erdwürmchen hat sich bald einen wackern jungen Bauer zum Mann genommen und in Distelfeld gewohnt und als eine fromme und christliche Frau gelebt. Und Gott hat ihren Fleiß und ihre Frömmigkeit gesegnet, daß sie ihren Eltern und vielen Menschen hat Gutes tun können. Ihre Kinder hat sie fleißig in Gottes Wort unterwiesen und frühe zur Kirche und Schule gehalten; aber sie hat nicht gelitten, daß sie viel in Waldeseinsamkeit lebten oder nächtlich und mitternächtlich herumwandelten. Denn sie pflegte zu sagen: »Es ist nicht gut, daß der Mensch sich zu sehr an die Kreaturen hängt und mit Steinen und Würmern und allerlei Tieren zuviele Gemeinschaft hat. Mancher ist dadurch verwirrt und närrisch geworden und in böse Hände geraten. Ich danke Gott jede Stunde, daß er mich in meiner Jugend bewahrt hat. Denn das ist das Sicherste, daß der Mensch sich an Gottes Wort hält und nicht zuviel fragt, was in Bäumen und Bergen steckt, und wovon die Würmer und Vogel, ja die Blumen und Blätter zu flüstern und zu sprechen wissen. Das hat manchen auf schlimme Abwege gebracht, und wohin hätte es mich Ärmste nicht bringen können, wäre Gott nicht so gnädig gewesen?«



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