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Anmerkungen des Herausgebers.

Holger Drachmann, geboren 9. Oktober 1846 in Kopenhagen, ursprünglich zum Seedienst bestimmt, dann Studierender der Medizin und endlich Malschüler der Königlichen Kunstakademie in Kopenhagen, aus der er kraft eines nicht unbedeutenden Talents als tüchtiger Marinemaler hervorging. Nach mehrjährigen Auslandreisen in London seßhaft geworden (1871), lebte er hier als Maler, Illustrator und Zeitungskorrespondent, welch letztere Betätigung ihm Gelegenheit bot, sich seiner literarischen Fähigkeiten bewußt zu werden. Die Lösung dieses künstlerischen Konflikts sollte jedoch erst die Rückkehr in die Heimat bringen. Durch Georg Brandes in jene »Revolution der Geister« hineingerissen, »die den Umsturz der alten Anschauungen auf fast sämtlichen Gebieten herbeizuführen und neue Gedanken in Umlauf zu setzen suchte«, ward Drachmann bald aus einem begeisterten Anhänger der neuen Bewegung zum führenden »poetischen Mittelpunkt«. Sein im Jahre 1877 erschienener vaterländischer Skizzenzyklus »Derovre fra Graensen« gewann ihm eine beispiellose Popularität, die Regierung verlieh ihm eine Ehrendotation, und es begann nun jene Periode künstlerischen Schaffens, die – auf dem Gebiet der Novelle – in den 1884 gesammelten »Smaa fortaellinger« einen ihrer Höhepunkte gefunden hat. »Drachmann versteht die dänische Waldlandschaft wie wenig andere«, sagt Georg Brandes sehr treffend, »und eine dänische Küstenlandschaft wie kein anderer. Alles, was zur See gehört, kennt er und vermag er besser zu schildern, als es je einer vor ihm auf dänisch getan hat.« – In diesen Worten ist das Wesen Drachmannscher Kunst und zugleich das Charakteristikum der von uns ausgewählten Skizze »Ein stummer Bericht über einen Schiffbruch« gegeben. Letztere wurde der bei Philipp Reclam jun. (Universalbibliothek Nr. 2478/79) erschienenen Übertragung der »Smaa fortaellinger« entnommen, die I. C. Poestion unter dem Titel »See- und Strandgeschichten« deutsch herausgab.

Selma Lagerlöf, geboren 20. November 1858 auf Mårbacka in Wärmland, nimmt unter den dichtenden Frauen aller Zeiten unzweifelhaft eine führende Stellung ein. Unbeeinflußt von den Königen der Literatur, die ihre skandinavische Heimat hervorgebracht, fand sie bereits in ihrem ersten Werke »Gösta Berlings Saga« (1891) Töne ureigenster Wirkung, die zehn Jahre später in ihrem großen zweiteiligen Bauernroman »Jerusalem« zum unmittelbarsten Ausdruck gelangen sollten. Das Kapitel »Der Untergang L'univers« wurde dem ersten Teil des Romans entnommen, der in deutscher Übertragung von Mathilde Mann im Globusverlag in Berlin erschien.

Charles Sealsfield (Pseudonym für Karl Postl), »der Dichter beider Hemisphären«, geboren 3. März 1793 in Poppitz bei Znaim in Mähren, gestorben 26. Mai 1864 in der Nähe von Solothurn in der Schweiz, von seinen Eltern dem Priesterstande bestimmt, dem er in der Eigenschaft eines Ordenssekretärs des Prager Kreuzherrnstifts bis zum Jahre 1823 angehörte. Unfähig, sich auf die Dauer einem Zwange zu unterwerfen, den Neid und kleinliche Intoleranz seiner Ordensbrüder ihm mehr und mehr verhaßt machten, floh er über die Schweiz und Frankreich nach Amerika, wo er nach einer stürmischen Überfahrt im August des Jahres 1823 ankam. Doch war seines Bleibens auch hier nicht lange. Schon 1826 wieder in Europa, veröffentlichte er zunächst die Früchte seiner Reisen in Form eines Buches über die Vereinigten Staaten, ging dann 1827 zum zweiten Male nach Amerika hinüber und lebte nun als freier Schriftsteller, Zeitungsberichterstatter und politischer Agent abwechselnd in der alten und neuen Welt. Seine exotischen Kulturromane, die mit kurzen Unterbrechungen in den Jahren 1828-1843 erschienen, erregten ungeheures Aufsehen, wurden aber über den Stürmen des Jahres 1848 ebenso rasch wieder vergessen. – Sealsfield dieser unverdienten Vergessenheit zu entreißen, bezweckt eine Neuausgabe seiner Werke, die, von Heinrich Conrad besorgt, in acht Bänden im Verlage von Georg Müller, München erscheint. Das Bruchstück »Der Squall« wurde den »Deutsch-Amerikanischen Wahlverwandtschaften« entnommen.

Edgar Allan Poe, geboren 19. Januar 1809 in Boston, gestorben 7. Oktober 1849 in Baltimore, schuf in einer Zeitspanne von etwas über zwanzig Jahren ein Lebenswerk, das alle jene Nörgler überdauern sollte, deren pharisäisches Spießertum dem Dichter zu Lebzeiten den Ruhmeskranz versagt, den ihm die Nachwelt zuerkannt. Das Interesse der letzteren wurde – wie überall – auch in Deutschland durch eine Reihe Poe-Ausgaben verstärkt, von denen wir besonders auf die in vier Bänden bei Georg Müller, München, verlegte hinweisen. Im Anschluß an diese erscheint in allernächster Zeit der von Bodo Wildberg übertragene Roman E. A. Poes »Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym«, dem die obenstehenden Kapitel entnommen wurden.

Edward Nobles Novelle »Die verschwundene Schute« stammt aus einer Novellensammlung, die unter dem Titel »Die Geheimnisse der Themse« als fünfundsiebzigster Band der Lutzschen Kriminal- und Detektiv-Romane erschienen ist. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern zeichnet Noble das Mündungsgebiet eines großen Stroms. Wunderbare Dinge sind hinter den Dunstschleiern verborgen, die den lehmfarbenen Fluß mit seinem unaufhörlich regen Schiffsverkehr fast beständig verhüllen. Das Verbrechen, das hier zwischen Tau und Tage spielt, erinnert unwillkürlich an die geheimnisvolle Explosion im Hafen von Havanna, der am 15. Februar 1898 das vereinigte Staaten-Panzerschiff »Maine« zum Opfer fiel.

Claude Farrère (Pseudonym für Bargon), geboren 27. April 1876 in Lyon, ist wie Pierre Loti französischer Marineoffizier. Schon sein Erstlingswerk » Fumée d'Opium« ließ erkennen, daß er nicht gesonnen sei, althergebrachte Pfade zu wandeln. »Wie Hoffmann die Seele des Alkohols entdeckte, Poe die des Laudanums, so fand Claude Farrère des Opiums opalene Seele.« Und er gestaltete sie in jenen wundervollen Novellen, die, deutsch unter dem Titel »Opium« von Hanns Heinz Ewers herausgegeben, 1911 bei Georg Müller, München, erschienen sind. Die Novelle »Der Cyklon« wurde diesem Bande entnommen.

Friedrich Gerstäcker, geboren 10. Mai 1816 in Hamburg, gestorben 31. Mai 1872 in Braunschweig, wie Charles Sealsfield Verfasser exotischer Romane, deren charakteristisches Signum die auf mehreren Weltreisen erworbenen detaillierten Milieukenntnisse des Verfassers sind. Die Novelle »Die Dschunke« wurde dem 1858 in Leipzig erschienenen Bande »Blauwasser« entnommen.

Pierre Mille, geb. 1864 in Choisy le Roi, von Hause aus Jurist, seit 1895 Weltreisender von Profession. Bald im Sudan oder am Senegal, dann wieder am Kongo, Niger, in Tunis, Algier, Marokko oder Tonkin und Anam, ist er der typische Schilderer des kolonialen Frankreichs. Die Novelle »Die Tauben« wurde dem in deutscher Übertragung von Maria Ewers aus'm Weerth bei Georg Müller, München, erschienenen Bande »Marianne Übersee« entnommen.

Karl Hans Strobl, geboren 18. Januar 1877 zu Iglau in Mähren, begann seine literarische Laufbahn mit den Novellensammlungen »Aus Gründen und Abgründen«, »Und sieh, so erwarte ich Dich« (1901), lenkte jedoch erst mit dem 1902 erschienenen Roman »Die Vaclavbude« die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich, die, stetig anwachsend, das Erscheinen des großen zweibändigen Romans »Eleagabal Kuperus (Georg Müller, München 1910) zu einem Erfolg ersten Ranges gestaltete. Die Novelle »Der Leuchtturm von Skudesnaes« wurde dem bei Georg Müller verlegten Novellenbande »Die knöcherne Hand« entnommen.

Pierre Loti (Pseudonym für Julien Viaud), geboren 14. Januar 1850 in Rochefort, befuhr in feiner Eigenschaft als französischer Marineoffizier fast alle Meere der tropischen Welt und machte im Jahre 1883 den Feldzug in Tonkin mit. Er brachte als erster jene charakteristische Note in die französische Literatur, die wir bei Pierre Mille und Farrère erwähnten: Die künstlerische Gestaltung der Eindrücke des im Ausland reisenden Franzosen. »Japan, Indien, der Orient, – alle Farben leuchten auf seiner Palette.« Und doch ist es gerade das Mutterland, das ihm zu dem ergreifenden Eindruck verhalf, den sein Roman » Les Pêcheurs d'Islande« in allen Kreisen der gebildeten Welt hervorrief. – Die von uns ausgewählten Kapitel der »Islandfischer« bilden den fünften Teil des Buches, das in deutscher Übertragung bei Gustav Kiepenheuer in Weimar erschien.

Alphonse Daudet, geboren 13. Mai 1840 in Nîmes, gestorben 16. Dezember 1897 in Paris, der berühmte Verfasser des 1868 erschienenen autobiographischen Romans » Le petit Chose, histoire d'un enfant«, dem ein Jahr später die nicht minder bekannten » Lettres de mon moulin« folgten. Die Novelle »Der Todeskampf der Semillante« wurde der bei Philipp Reclam jun. (Universalbibliothek Nr. 3227/28) erschienenen deutschen Übertragung der » Lettres de mon moulin« entnommen, die Professor Dr. H. Th. Kühne besorgte.

Wilhelm Hauff, geboren 29. November 1802 in Stuttgart, gestorben daselbst 18. November 1827, gehört zu jenen Frühverblichenen, deren kurzes Leben um so unvergänglicheren Ruhm bedeutet. Mit vierundzwanzig Jahren veröffentlicht er seinen ersten Märchenalmanach (1826), der im Verein mit den beiden Märchenalmanachen für die Jahre 1827 und 1828 die Grundlage zu den drei Rahmenerzählungen bildet, die unter dem Titel »Die Karawane«, »Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven« und »Das Wirtshaus im Spessart« eine über die Schranken der Nationalität hinausgehende Beliebtheit erlangt haben. Die schottländische Sage »Die Höhle von Steenfoll« steht an vierter Stelle der in die Geschichte vom »Wirtshaus im Spessart« verflochtenen Erzählungen. Eine vollständige Ausgabe der Märchen von Wilhelm Hauff erschien mit Illustrationen von Alfred Kubin und Einbandzeichnung von Paul Renner im Verlage von Georg Müller, München 1911.

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