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Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym

Von Edgar Allan Poe

Erstes Kapitel

Mein Name ist Artur Gordon Pym. Mein Vater war ein ehrsamer Seewarenhändler in Nantucket, meiner Geburtsstadt. Mein Großvater mütterlicherseits war ein beliebter Rechtsanwalt. Er hatte in allem Glück; seine Spekulationen in der Neuen Bank zu Edgarton, wie sie sich damals nannte, waren von großem Erfolg begleitet. So war es ihm möglich gewesen, eine tüchtige Summe Geldes zurückzulegen. Er liebte mich, wie ich annehmen möchte, herzlicher als irgendeinen anderen Menschen auf der Welt, und ich wurde allgemein als sein Erbe angesehen. Als ich fast sechs Jahre zählte, schickte er mich zu einem alten Herrn Ricketts in die Schule, einem einarmigen und exzentrischen Manne, den jeder in Neu-Bedford kennen dürfte. Ich blieb in dieser Schule bis zu meinem sechzehnten Jahre, um dann die Akademie des Herrn Ronald aufzusuchen, die auf der Höhe über der Stadt lag. Hier befreundete ich mich mit dem Sohne des Herrn Barnard, eines Kapitäns, der gewöhnlich im Dienste der Firma Lloyd und Vredenburgh segelte; Herr Barnard ist in Bedford ebenfalls wohlbekannt und hat, wie ich glaube, in Edgarton viele Verwandte. Sein Sohn hieß Augustus und war nahezu um zwei Jahre älter als ich. Er hatte eine Walfängerfahrt an Bord des »John Donaldson« mit seinem Vater gemacht und redete von nichts anderem, als von seinen Erlebnissen im Stillen Ozean. Ich begleitete ihn oft nach Hause und blieb den Rest des Tages, manchmal die Nacht hindurch bei ihm. Wir schliefen in einem Bette, und er pflegte mich bis zum Morgengrauen wach zu erhalten, indem er mir Geschichten von den Eingeborenen der Insel Tinian und von anderen Orten erzählte, die er besucht hatte. Mit der Zeit konnte ich es nicht vermeiden, von seinen Erzählungen gepackt zu werden, und allmählich wuchs mein Wunsch, zur See zu gehen, ins Ungeheuere. Ich besaß ein Segelboot »Ariel«, das ungefähr fünfundsiebzig Dollar wert war. Es hatte ein Halbdeck, eine Art Kambüse, und war wie eine Schaluppe getakelt; seinen Tonnengehalt weiß ich nicht mehr anzugeben, aber es konnte ohne Schwierigkeiten zehn Personen fassen. In diesem Boote wagten wir einige der tollsten Streiche, die je unternommen worden sind, und wenn ich jetzt daran denke, erscheint es mir höchst wunderbar, daß ich heute noch am Leben bin.

Ich will eines dieser Abenteuer berichten, bevor ich zu einer längeren und bedeutsameren Erzählung übergehe. Eines Abends hatte Herr Barnard Gesellschaft, und sowohl Augustus als ich waren gegen Ende des Festes nicht wenig angeheitert. Wie gewöhnlich teilte ich, anstatt nach Hause zu gehen, meines Freundes Lager. Er schlief, wie mir schien, sehr sanft ein (die Gesellschaft war gegen ein Uhr aufgebrochen), ohne vorher ein Wort über seinen Lieblingsgegenstand fallen zu lassen. Wir mochten eine halbe Stunde im Bett gelegen haben, und ich wollte gerade hinüberdämmern, als er plötzlich in die Höhe fuhr und einen entsetzlichen Eid schwor, daß er keinem Artur Pym zuliebe da liegen und schlafen würde, solange eine so herrliche Brise aus Südwest wehe. Ich war in meinem Leben noch nie so erstaunt gewesen, da ich ja seine Absicht nicht kannte und der Meinung war, die Weine und Liköre hätten ihn um seinen Verstand gebracht. Jetzt aber sprach er ganz ruhig, indem er sagte, er sei keineswegs, wie ich dächte, betrunken; vielmehr sei er noch nie so nüchtern gewesen. Er habe nur keine Lust, fügte er hinzu, diese schöne Nacht wie ein Hund zu verschlafen, und sei entschlossen, aufzustehen und sich im Boote zu vergnügen. Was mich besessen hat, kann ich kaum sagen; aber er war noch nicht fertig mit seiner Rede, als ich mich von Erregung und Verlangen durchglüht fühlte und seinen wahnsinnigen Einfall als einen der köstlichsten und vernünftigsten Gedanken pries. Das Wetter war nahezu stürmisch, und wir standen tief im Oktober. Trotzdem machte ich in einer Art Ekstase einen Satz aus dem Bette und erklärte ihm, ich sei gerade so tapfer wie er und gerade so willig, einen tollen Streich zu wagen, wie irgendein Augustus Barnard in Nantucket.

Wir schlüpften eilends in unsere Kleider und liefen zum Boote hinab. Es lag an der alten verfallenen Werft nahe dem Holzhof von Pankey & Co. und schlug sich an den rauhen Pfählen fast zuschanden. Augustus stieg hinein und schöpfte das Boot aus, es war zur Hälfte voll Wasser. Sobald dies getan war, hißten wir Großsegel und Klüver, richteten sie nach dem Winde und stießen mutig vom Lande ab.

Der Wind blies, wie ich schon gesagt habe, kräftig aus Südwest. Die Nacht war sehr klar und sehr kalt. Augustus hatte sich ans Steuer gesetzt, ich stand am Maste auf dem Halbverdeck. Wir flogen in raschem Tempo dahin, keiner von uns hatte seit der Abfahrt eine Silbe gesprochen. Nun fragte ich meinen Begleiter, wohin er zu steuern gedenke und wann er glaube, daß wir wieder zurück sein könnten. Er pfiff eine Weile vor sich hin und gab dann widerhaarig Antwort: » Ich steche in See; du kannst ja nach Hause gehen, wenn du es für passend erachtest.« Ich blickte ihn an und erkannte sofort, daß er trotz seiner angenommenen Gleichgültigkeit sehr erregt war. Deutlich konnte ich ihn im Mondenscheine sehen; sein Gesicht war blässer als ein Marmorbild, seine Hand zitterte so heftig, daß er kaum das Steuer halten konnte. Ich nahm wahr, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei, und mich befiel eine ernste Besorgnis. Damals verstand ich nicht viel von der Kunst, ein Fahrzeug zu lenken, ich war völlig auf die seemännische Geschicklichkeit meines Freundes angewiesen. Dazu kam, daß der Wind mit einem Male zugenommen hatte und wir rasch auf die Luvseite des Landes gelangten; doch schämte ich mich, irgendwelche Furchtsamkeit zu zeigen, und hielt fast eine halbe Stunde ein entschlossenes Schweigen aufrecht. Endlich konnte ich's nicht länger ertragen und äußerte zu Augustus, es wäre wohl am besten, wir kehrten um. Wieder dauerte es eine Minute, bis er antwortete oder überhaupt von meinem Winke Notiz nahm: »Allmählich,« sprach er endlich, »wir haben Zeit – allmählich – nach Hause.« Solche Erwiderung kam mir nicht unerwartet, aber in ihrem Tone lag etwas, das mich mit einem Gefühl nicht zu beschreibenden Grauens erfüllte. Wieder betrachtete ich aufmerksam den Sprecher. Seine Lippen waren vollkommen blutlos, und seine Knie schlugen so heftig aneinander, daß er kaum zu stehen vermochte. »Um Gottes willen, Augustus,« schrie ich jetzt in tiefer Herzensangst, »was fehlt dir? – was ist los? – was willst du beginnen?« »Los,« stotterte er, scheinbar höchst verwundert, indem er zugleich das Steuer fahren ließ und nach vorne auf den Schiffsboden fiel, »los? … nichts ist los, Lieber … wir fahren heim … wie du siehst!« Da flammte die Wahrheit vor meinen Augen auf: ich stürzte mich auf ihn und richtete ihn in die Höhe. Er war betrunken, viehisch betrunken; er konnte weder stehen noch sprechen noch sehen. Seine Augen waren ganz verglast; als ich ihn in meiner Verzweiflung losließ, kollerte er wie ein Klotz in das auf dem Grunde des Bootes angesammelte Wasser, aus dem ich ihn eben gezogen hatte. Es war klar, daß er im Verlaufe des Abends weit mehr getrunken hatte als ich dachte, daß sein Benehmen im Bette die Folge eines gesteigerten Rausches gewesen, eines Rauschzustandes, der gleich dem Wahnsinn seinem Opfer nicht selten die Haltung eines völlig Gesunden und Vernünftigen leiht. Die Kühle der Nachtluft hatte indessen ihre Wirkung nicht verfehlt, die erkünstelte Geistesstärke gab ihrem Einflusse nach, und eine verworrene Vorstellung von der Gefährlichkeit unserer Lage beschleunigte die Katastrophe. Er war jetzt gänzlich bewußtlos, und es war nicht anzunehmen, daß er in den nächsten Stunden die Herrschaft über seine Sinne wiedergewinnen würde.

Es ist kaum möglich zu schildern, wie tief ich erschreckt war. Die Dünste des Weins waren verraucht, ich war doppelt furchtsam und unfähig, einen Entschluß zu fassen. Ich wußte, daß ich keine Ahnung hatte, wie man ein Boot steuert, und daß ein wütender Wind und die rückflutende Ebbe uns ins Verderben jagten. Hinter uns drohte das Wetter; wir hatten keinen Kompaß, keine Nahrungsmittel, und es war gewiß, daß wir bei unserem jetzigen Kurse das Land vor der ersten Morgenhelle aus den Augen verloren haben würden. Diese Gedanken nebst einem Heere anderer, die nicht minder entsetzlich waren, rasten mit betäubender Geschwindigkeit durch meinen Kopf, und einige Augenblicke lang war ich zu sehr gelähmt, um irgendeine Anstrengung machen zu können. Das Boot flog mit furchtbarer Schnelle durch das Wasser hin, rollte vor dem Winde, ohne daß ein Segel gerefft war; der Bug verschwand vollständig unter dem Schaum der Wellen. Ein Gotteswunder, daß es nicht umschlug; Augustus hatte ja das Steuer losgelassen, und ich war zu aufgeregt, um selbst danach zu langen. Glücklicherweise jedoch hielt es den Kurs ein, und nach und nach gewann ich einen Teil meiner Geistesgegenwart zurück. Der Wind war noch immer am Anschwellen, und so oft wir uns vom Vorwärtstauchen erhoben, fegte die See von rückwärts über Deck und überflutete uns mit Wasser. Auch war mir ein jedes Glied so benommen, daß ich fast gar keine Empfindung mehr hatte. Endlich stürzte ich mit dem Mute der Verzweiflung nach dem Großsegel und versuchte es zu reffen. Wie zu erwarten, sauste es über den Bug, tränkte sich schwer voll Wasser und riß dadurch den Mast kurzweg über Bord. Dieser Zufall allein rettete mich vor augenblicklichem Untergang. Nur unterm Stagsegel fahrend, schoß ich vor dem Winde hin, mußte mächtige Sturzseen aushalten, war aber von unmittelbarer Todesgefahr befreit.

Ich saß am Steuer und atmete mit größerer Leichtigkeit, da ich sah, daß uns noch eine Hoffnung auf endliche Rettung blieb. Augustus lag noch bewußtlos auf dem Boden des Schiffes; und da ihm die Gefahr des Ertrinkens drohte (das Wasser stand an der Stelle fast einen Fuß hoch), brachte ich's zuwege, ihn teilweise aufzurichten und im Sitzen zu erhalten, indem ich ihn mit einem Tau umwand und dieses an einem Ringe auf dem Halbdeck festmachte. Nachdem ich so alles, meinem elenden Zustande zum Trotz, aufs beste gerichtet hatte, empfahl ich mich Gott und war entschlossen, was mir auch geschehen möge, mit allem Mannesmute, über den ich gebot, zu ertragen.

Kaum hatte ich diesen Entschluß gewonnen, als plötzlich ein lautes und langes Schreien oder Heulen, das aus den Kehlen von tausend Teufeln zu kommen schien, die ganze Atmosphäre rings um das Boot und über ihm zu erfüllen begann. Nie in meinem Leben werde ich die bohrende Qual des Entsetzens vergessen, das ich in diesem Augenblicke empfand. Das Haar stand mir zu Berge, ich fühlte, wie das Blut in meinen Adern erstarrte, mein Herz hörte ganz und gar auf zu schlagen, und ohne ein einziges Mal meine Augen zu erheben, auf daß ich die Ursache meines Bangens kennen lernte, purzelte ich kopfüber und ohne Bewußtsein auf den Körper meines Freundes.

Als ich ins Leben zurückkehrte, fand ich mich in der Kajüte eines großen Walfischfängers (des »Penguin«), der nach Nantucket segelte. Mehrere Menschen beugten sich über mich, und Augustus, bleicher als der Tod, war eifrig bestrebt, mir die Hände zu wärmen. Wie ich die Augen öffnete, riefen die Äußerungen seines Dankes, seiner Freude abwechselnd Lachen und Weinen bei den Anwesenden hervor. Das Geheimnis unserer Rettung war bald enthüllt. Der Walfänger hatte uns überrannt; er lavierte mit so viel Segeln, als er zu setzen wagte, auf Nantucket zu, sein Kurs stand somit in rechtem Winkel zu unserm. Mehrere Leute lugten vorn aus, aber sie bemerkten unsere Schaluppe erst, als es schon zu spät war, den Zusammenstoß zu vermeiden; ihre Warnungsrufe hatten mich in jene fürchterliche Angst getrieben. Das gewaltige Schiff übersegelte uns, so erzählte man mir, mit einer Leichtigkeit, als ob es über eine Feder hingeglitten wäre, und ohne nur im geringsten in seinem Laufe aufgehalten zu werden. Vom Verdeck der Schaluppe ertönte kein Schrei; man hörte nur im Toben von Wind und Wellen etwas wie einen leisen schlürfenden Laut, als die gebrechliche Barke vor dem Versinken sich am Kiel ihres Zerstörers rieb; das war alles. Der Kapitän (E. T. V. Block von Neulondon) hielt unser entmastetes Boot für weiter nichts als ein treibendes Wrack und wollte ohne nähere Untersuchung der Angelegenheit seine Fahrt fortsetzen. Glücklicherweise vermochten zwei Leute vom Ausguck einen Schwur darauf zu leisten, daß sie einen Menschen am Steuer gesehen, den man vielleicht noch retten könnte. Man erörterte die Sache, Block ärgerte sich und rief nach einer Weile, er brauche nicht auf Eierschalen zu passen, das Schiff sollte nicht wegen solcher Dummheiten seinen Kurs ändern, und wenn einer übersegelt würde, wär's seine Schuld – er möge ersaufen und verdammt sein. Henderson, der Obersteuermann, griff jetzt den Gegenstand auf, er und die Mannschaft waren redlich entrüstet über die herzlosen Worte des Kapitäns. Jener nahm sich kein Blatt vor den Mund, da er sich von den Leuten unterstützt wußte; er erklärte dem Schiffer, er verdiene gehängt zu werden; er, Henderson, werde auf die Gefahr hin, ein gleiches Schicksal zu erdulden, seinem Befehle ungehorsam sein. Er stelzte achter, schob Block (der sehr blaß wurde und keine Antwort gab) beiseite, ergriff das Steuer und gab den Befehl: »Hart am Lee!« Die Leute flogen an ihre Posten, und das Manöver gelang vortrefflich. All das hatte bald fünf Minuten gewährt, man mochte es kaum für möglich halten, daß jetzt noch einer gerettet werden könnte. Dennoch wurden Augustus und ich geborgen; und unsere Rettung scheint durch zwei jener unfaßlichen Glückszufälle herbeigeführt zu sein, die von den Weisen und Frommen einem besonderen Eingreifen der Vorsehung zugeschrieben werden.

Henderson ließ die Jolle herab und sprang mit den beiden, die mich zuerst am Steuer erblickt hatten, hinein. Sie waren eben aus dem Lee des Schiffes (der Mond schien noch mit hellem Lichte), als dieses lange und kräftig anluvte und Henderson im selben Moment seiner Mannschaft zurief, sie solle rückwärts rudern. Immer wiederholte er ungeduldig den Ruf: »Rückwärts! Rückwärts!« Die Leute folgten so rasch als möglich dem Befehl, aber inzwischen war das Schiff vollkommen mit dem Kopfe im Wind, trotz aller Anstrengungen der Bemannung, die Segelfläche zu verringern. Obwohl es ein höchst gefährliches Beginnen war, packte Henderson die Hauptkette, sobald sie in seinen Bereich kam. Ein neuer Stoß brachte die Steuerbordseite des Fahrzeugs fast bis zum Kiel übers Wasser hinaus, und nun erkannte man den Grund seiner Besorgnis. Ein menschlicher Körper hing auf eigentümliche Art an dem glatten und leuchtenden Schiffsboden (der »Penguin« war vollständig mit Kupfer belegt) und schlug mit jeder Bewegung des Schiffsleibes heftig dagegen an. Nach mehreren fruchtlosen Versuchen, während das Schiff hin- und herstieß und das Boot überflutet zu werden drohte, wurde ich aus dieser gefährlichen Lage befreit und an Bord gebracht. Einer der Schiffsnägel war durch das Kupfer gedrungen, an diesem hatte ich mich gefangen, als ich unter dem Rumpf dahinglitt. Der Nagel hatte den Kragen meiner grünleinenen Jacke und meinen Nacken durchbohrt, sich zwischen zwei Sehnen durchgedrängt und war unter dem linken Ohre wieder hervorgekommen. Man legte mich ins Bett, obwohl das Leben aus mir geschwunden schien. Es gab keinen Wundarzt an Bord. Doch erwies mir der Kapitän jede Aufmerksamkeit – gewiß, um in den Augen der Mannschaft sein früheres abscheuliches Benehmen wieder gutzumachen.

Inzwischen war Henderson wieder vom Schiffe abgestoßen, obgleich der Wind sich zum Orkan gesteigert hatte. Nach einigen Minuten bemerkte er einige Trümmer unseres Bootes, und bald darauf versicherte einer der Leute, er höre in den Zwischenpausen des Sturmes Hilferufe. Trotz wiederholter Signale, durch die Block sie zur Rückkehr aufforderte, suchten die braven Seeleute rastlos weiter. Es ist kaum zu glauben, daß solch schwache Jolle auch nur für einen Augenblick der drohenden Zerstörung entging. Doch war sie für den Walfang gebaut und, glaub' ich, mit Luftkästen versehen, wie man sie bei den Rettungsbooten findet, die an der Küste von Wales in Gebrauch sind.

Nach längerem vergeblichen Suchen beschloß man endlich an Bord zurückzukehren. Kaum war dies ausgesprochen, als von einem dunklen Gegenstande, der eilig vorüberschwamm, ein matter Ruf nach Hilfe ertönte. Man holte jenen rasch ein. Es war das Halbdeck des »Ariel«. Nahe bei ihm schien Augustus in Todesnöten zu schweben. Er war durch ein Tau mit dem schwimmenden Deck verbunden. Dieses Tau hatte ich, wie erinnerlich sein dürfte, ihm selbst umgelegt und an einem Ringe befestigt; und offenbar war dies die Ursache seiner Rettung. Der »Ariel« war leicht gebaut, und im Untergehen brach er auseinander; das Verdeck der Kambüse wurde durch die hereinrasende Flut hoch gehoben, und Augustus entging so einem grauenvollen Tode.

Es dauerte mehr als eine Stunde, bevor er von sich zu erzählen oder den Unfall, der dem Boote widerfahren war, zu begreifen vermochte. Endlich kam er völlig zum Bewußtsein und sprach viel von dem, was er auf den Wellen empfunden hatte. Als er zuerst von seinem Rausch erwachte, fand er sich unter der Oberfläche, wurde mit unfaßbarer Schnelligkeit herum gewirbelt und fühlte einen Strick, der mehrfach um seinen Hals gewunden war. Einen Augenblick später schoß er nach oben, sein Kopf schlug gegen etwas Hartes, und er wurde abermals bewußtlos. Als er noch einmal zu sich kam, war er im Besitze seiner Vernunft; doch war diese noch arg umwölkt und verworren. Er wußte jetzt, daß ein Unfall sich ereignet hatte und daß er im Meere schwamm, obwohl sein Mund frei war und er ohne viele Mühe Atem schöpfen konnte. Wahrscheinlich trieb das Halbdeck um diese Zeit vor dem heftigen Winde, und er wurde, auf dem Rücken liegend, von jenem geschleppt. Natürlich hätte er nicht lange in dieser Lage verharren können und wäre jedenfalls zuletzt ertrunken. Eine mächtige See schleuderte ihn über das Deck; hier hielt er sich fest, von Zeit zu Zeit nach Hilfe schreiend. Gerade vor seiner Entdeckung durch Herrn Henderson hatte er, gänzlich erschöpft, die Trümmer losgelassen und sich in sein Schicksal ergeben. Während er um sein Leben kämpfte, entschwand ihm jegliche auch noch so blasse Erinnerung an den »Ariel« und die Ursachen seines Unheils. Ein bestimmtes Gefühl des Schreckens, der Verzweiflung hielt alle seine Sinne umfaßt. Als man ihn endlich bergen konnte, verließ ihn die Fähigkeit zu denken, und er kam, wie erwähnt, erst nach einer Stunde dazu, seinen Zustand zu erkennen. Was mich anbetrifft, so wurde ich am Rande des Grabes (nachdem jedes andere Mittel während dreieinhalb Stunden umsonst versucht worden war) durch eine gründliche Abreibung mit in heißem Öl gebadeten Flanell gerettet. Diese Kur hatte Augustus vorgeschlagen. Die Wunde am Nacken erwies sich trotz ihres garstigen Aussehens als ungefährlich, und ich erholte mich rasch von ihren Wirkungen.

Der »Penguin« lief um neun Uhr morgens in den Hafen ein, nachdem er noch einen heftigen Sturm, wie man ihn an unserer Küste selten antrifft, glücklich bestanden hatte. Augustus und ich erschienen zum Frühstück bei Barnard; erfreulicherweise wurde dieses, wegen des Festes vom Abend vorher, etwas spät aufgetragen. Die mit am Tische saßen, waren zu müde, um unser klägliches Aussehen zu bemerken; ernsterer Beachtung wäre es freilich nicht entgangen. Aber Schuljungen können in der Verstellung Wunderbares leisten, und ich glaube in der Tat, daß kein einziger unserer Freunde in Nantucket die leiseste Ahnung hatte, die von einigen Seeleuten in der Stadt berichtete Schauermär von einem Fahrzeug mit dreißig oder vierzig Menschen, das sie auf dem Meere übersegelt hätten, habe auch nur die geringste Beziehung zum »Ariel«, meinem Gefährten oder mir selbst. Wir beide haben seitdem oftmals die Angelegenheit besprochen, jedoch niemals, ohne zu schaudern. In einem unserer Gespräche gestand mir Augustus ganz offen, daß er noch nie in seinem Leben ein so marterndes Gefühl der Verzweiflung empfunden habe, als da er an Bord unseres kleinen Bootes erkannte, daß er vollständig bezecht und unter dem Einflusse dieses Rausches die Besinnung zu verlieren im Begriffe war.

Zweites Kapitel

Wo es sich um Vorliebe und Abneigung handelt, sind wir niemals imstande, aus den einfachsten Tatsachen Schlüsse zu ziehen. Man sollte denken, daß ein Ereignis wie das oben geschilderte meine keimende Leidenschaft für das Meer vollkommen zerstört haben müßte. Ganz im Gegenteil: ich empfand noch nie ein so brennendes Verlangen nach den wilden Abenteuern eines Seemannslebens, wie in der Woche, die auf unsere wundersame Errettung folgte. Dieser kurze Zeitraum erwies sich lang genug, um alle Schatten jenes gefährlichen Erlebnisses zu verscheuchen und alle angenehmen, aufregenden, farbenglühenden Momente, all das Malerische ins hellste Licht zu stellen. Meine Gespräche mit Augustus wurden immer häufiger und immer reicher an Interesse. Er hatte eine Art, seine Ozeangeschichten (von denen gewiß mehr als die Hälfte erlogen war) zu erzählen, die wohl angetan war, auf einen Menschen mit meinem begeisterungsfähigen Gemüt und meiner düsteren doch dabei feurigen Einbildungskraft Eindruck zu machen. Es ist merkwürdig genug, daß er mich am lebhaftesten für das Leben der Seeleute einzunehmen vermochte, wenn er ihre entsetzlichsten Augenblicke, ihre Leiden, ihre Verzweiflung schilderte. Für die freundliche Seite des Gemäldes hatte ich nicht viel übrig. Ich träumte von Schiffbruch und Hungersnot, von Tod oder Gefangenschaft unter barbarischen Horden, von einem Dasein voll von Trauer und Tränen, verbracht auf grauen und öden Felsen in einem unbekannten, unerreichten Weltmeer. Solche Visionen und Wünsche (denn Wünsche waren es) sind, wie man mir seitdem versichert hat, dem ganzen weitverbreiteten Geschlecht melancholischer junger Leute gemeinsam; zu der Zeit jedoch, von der ich rede, hielt ich sie für prophetische Einblicke in ein Schicksal, das zu erfüllen ich mich gewissermaßen verpflichtet fühlte. Augustus ging vollkommen auf meine Gemütsverfassung ein. In der Tat ist es wahrscheinlich, daß aus unserem engen Verkehr zum Teil eine Vertauschung unserer Charaktere sich ergeben hatte.

Etwa achtzehn Monate nach dem Untergange des »Ariel« war die Firma Lloyd und Vredenburgh (ein Haus, das, wie ich glaube, irdendwie mit den Herren Enderby in Liverpool Zusammenhängt) damit beschäftigt, die Brigg »Grampus« für eine Walfängerfahrt auszubessern und herzurichten. Ich weiß kaum, warum sie anderen und besseren Schiffen der Firma vorgezogen wurde; war sie doch ein alter Kasten und nach allen Verbesserungen eben zur Not seetüchtig; aber so geschah es. Herr Barnard sollte sie befehligen, Augustus ihn begleiten. Während die Brigg ausgerüstet wurde, legte er mir oft nahe, welche vortreffliche Gelegenheit sich mir jetzt biete, meiner Reisesehnsucht zu frönen. Er fand in mir durchaus keinen unwilligen Zuhörer, aber die Sache ließ sich nicht so glatt erledigen. Mein Vater widerstrebte zwar nicht mit Entschiedenheit, aber meine Mutter bekam bei der bloßen Erwähnung des Planes Krämpfe, und was das Schlimmste war, mein Großvater schwor, mich zu enterben, spräche ich ihm noch ein einziges Mal von dem Gegenstand. Aber diese Schwierigkeiten setzten mein Verlangen nicht matt, vielmehr wurde die Flamme meiner Wünsche noch stärker angefacht. Ich beschloß, auf jede Gefahr hin zu reisen, und nachdem ich Augustus meinen Entschluß mitgeteilt hatte, bedachten wir einen Plan zu seiner Ausführung. Inzwischen sprach ich zu keinem meiner Verwandten ein Wort in bezug auf die Reise, und da ich mich auffällig mit meinen laufenden Studien beschäftigte, wähnten alle, ich hätte meine Absicht aufgegeben. Ich habe seither oft mein damaliges Verhalten mit Mißvergnügen und Erstaunen betrachtet. Die arge Heuchelei, die ich zur Förderung meines Unternehmens übte – eine Heuchelei, die lange Zeit hindurch jedes Wort, jede Handlung meines Lebens beherrschte –, sie kann mir nur erträglich geworden sein durch die wilde, brennende Sehnsucht, mit der ich der Erfüllung meiner lang gehegten Reiseträume entgegensah.

Indem ich meinen betrügerischen Plan verfolgte, mußte ich natürlicherweise das meiste den Händen meines Freundes überlassen, der den größten Teil des Tages an Bord des »Grampus« tätig war, wo er verschiedene Vorkehrungen in der Kajüte an seines Vaters Stelle überwachte. Am Abend jedoch hatten wir regelmäßig eine Besprechung und ergötzten uns an unseren Hoffnungen. Fast ein Monat war auf diese Weise verstrichen, ohne daß wir auf einen Plan gekommen wären, der Erfolg versprochen hätte; da teilte er mir plötzlich mit, alles Nötige sei von ihm vorbereitet. In Neu-Bedford lebte ein Verwandter von mir, ein Herr Roß, in dessen Hause ich zuweilen einige Wochen zu verbringen pflegte. Die Brigg sollte Mitte Juni segeln (es war im Jahre 1827), und wir kamen überein, daß ein oder zwei Tage, bevor sie in See stach, mein Vater eine Zeile von Herrn Roß erhalten sollte, mit der Einladung, wieder ein paar Wochen mit seinen Söhnen Robert und Emmet bei ihm zuzubringen. Augustus übernahm es, dieses Brieflein zu erdichten und richtig abliefern zu lassen. Nachdem ich dann scheinbar nach Neu-Bedford abgereist, sollte ich mich bei meinem Genossen melden, der mir dann ein Versteck an Bord des »Grampus« besorgen wollte. Dieses Versteck, versicherte er mir, würde für eine Reihe von Tagen, während derer ich mich nicht zeigen dürfte, ein ausreichend bequemer Aufenthalt sein. Sobald das Schiff so weit gelangt wäre, daß man an eine Umkehr um meinetwillen nicht denken könnte, sollte ich an allen Bequemlichkeiten der Kabine teilnehmen dürfen, und was seinen Vater beträfe, so würde der nur herzlich lachen über den gelungenen Spaß. Man würde genug Schiffen begegnen, die einen Brief an meine Eltern mitnehmen könnten, durch den sie die nötige Aufklärung über mein Abenteuer erhalten würden.

Endlich kam die Mitte des Juni heran, und alles war reif zur Ausführung. Der Brief war geschrieben und abgegeben, und am Montag früh verließ ich das Elternhaus, wie man meinte, an Bord des Bedforder Packboots. Statt dessen eilte ich zu Augustus, der mich an einer Straßenecke erwartete. Ursprünglich sollte ich bis zum Anbruch der Nacht aus dem Wege bleiben und dann an Bord schlüpfen; aber ein dichter Nebel begünstigte uns, so daß wir einig wurden, daß ich sogleich versteckt werden sollte. Augustus ging voran zum Kai, ich folgte, in einen dicken Seemannsmantel gehüllt. Als wir um die zweite Ecke bogen, gleich hinter dem Brunnen des Herrn Edmund, wer stand da plötzlich vor mir und sah mir gerade in die Augen? Mein Großvater, der alte Herr Peterson. »Hol' mich der Kuckuck, Gordon,« sagte er nach einer langen Pause, »wie, wie? – wessen schmutzigen Mantel hast du denn an?« In der Bedrängnis des Augenblickes gab ich mir den Anschein, gekränkt und verwundert zu sein, und redete dabei in den brummigsten Baßtönen: »Mein Herr, Sie scheinen sich zu irren; erstens heiße ich nicht Goddin, und dann: wie kannst du oller Lump minen Äwerrock schmutzig heiten?« Ich konnte um alles in der Welt kaum eine tolle Lache zurückhalten, als der alte Herr bei dieser strammen Abfertigung ein paar Schritte zurückfuhr, erst bleich, dann puterrot wurde, seine Brille hob und senkte, um zuletzt mit erhobenem Regenschirm Sturm auf mich zu laufen. Doch hielt er mit einem Male an, als ob ihm plötzlich etwas eingefallen sei; dann machte er kehrt und hinkte die Straße hinunter, indem er vor Wut bebte und zwischen den Zähnen murmelte: »Geht nicht – neue Brille – dacht', es wäre Gordon – gottverdammtes unnützes Matrosengesindel!«

Nachdem wir so knapp der Gefahr entronnen, rückten wir mit größerer Umsicht vor und erreichten in Sicherheit unser Ziel. An Bord waren nur ein oder zwei Leute, und die waren mit irgendeiner Arbeit am Vorderkastell beschäftigt. Kapitän Barnard hatte, wie wir wußten, bei Lloyd und Vredenburgh zu tun und würde bis in den späten Abend hinein dort verweilen, so daß wir in der Beziehung wenig zu fürchten hatten. Augustus erkletterte das Schiff zuerst, ich folgte nach, ohne daß die arbeitenden Matrosen unser ansichtig wurden. Wir begaben uns nach der Kajüte und fanden sie leer. Sie war aufs bequemste ausgestattet, wie man das bei Walfängern selten findet. Es gab vier schöne Staatskabinen, mit breiten und bequemen Kojen. Ferner bemerkte ich einen großen Ofen, und den Boden deckte ein kostbarer dicker Teppich. Die Höhe betrug volle sieben Fuß, kurz, alles war viel weiträumiger und angenehmer, als ich es mir gedacht hatte. Doch Augustus ließ mir nicht viel Zeit zur Umschau; er bestand darauf, daß ich mich eilends verbergen müsse. Er führte mich in seine eigene Kabine, die auf der Steuerbordseite und nahe an der Scheidewand lag. Sobald wir drinnen waren, schloß er die Tür und schob den Riegel davor. Ich glaubte noch nie ein so schmuckes Zimmerchen gesehen zu haben. Es war zehn Fuß lang und besaß nur eine Koje, aber diese war, wie gesagt, bequem und geräumig. Dicht an der Scheidewand war ein Raum, vier Fuß im Geviert, mit einem Tisch, einem Stuhl und einem hängenden Büchergestell, das zumeist See- und Reiseliteratur enthielt. Das Zimmer hatte noch andere Annehmlichkeiten aufzuweisen; am wenigsten möchte ich eine Art Eisschrank vergessen, in dem mir Augustus allerhand gute Sachen zum Essen und Trinken zeigte.

Jetzt drückte er auf einen bestimmten Punkt des Teppichs innerhalb des eben geschilderten Raumes, indem er mich wissen ließ, daß ein Teil des Fußbodens, etwa sechzehn Quadratzoll, sauber herausgeschnitten und wieder eingefügt worden war. Auf seinen Druck erhob sich dieser Teil und ließ einen seiner Finger durch die Spalte. So hob er allmählich die Falltür, die am Teppich befestigt war, in die Höhe, und ich sah, daß sie in den achtern Kielraum führte. Nun entzündete er eine kleine Kerze mit einem Phosphorstreichholz, setzte das Licht in eine Blendlaterne und stieg in die Öffnung hinab, indem er mich aufforderte, ihm zu folgen. Ick tat es; er verschloß die Falltür von unten vermittelst eines Nagels, wobei der Teppich oben seine gewöhnliche Lage wieder einnahm und die Luke den Blicken entzogen war.

Die Kerze leuchtete so schwach, daß ich nur mit der größten Mühe den Weg durch die wirre Masse von Gerümpel, in der ich mich befand, einhalten konnte. Jedoch nach und nach wurden meine Augen mit dem Dunkel vertraut, und ich kam mit geringer Mühe vorwärts, indem ich mich an die Rockschöße meines Freundes klammerte. Er brachte mich endlich, nachdem wir unzähligen engen Durchgängen gefolgt waren, vor einen mit Eisen beschlagenen Koffer von der Art, wie man sie wohl benutzt, um Porzellan zu verwahren. Er war bald vier Fuß hoch und über sechs Fuß lang, jedoch äußerst schmal. Zwei große leere Ölfässer waren auf ihn gerollt, und darüber waren Strohmatten bis zur Decke emporgetürmt. Ringsherum keilte sich ein Chaos jeder Gattung von Schiffsgerät ineinander, dazu eine bunte Menge von Körben, Fässern, Ballen, so daß es mir wie ein Wunder erschien, daß wir überhaupt zu diesem Koffer durchgedrungen waren. Später entdeckte ich, daß Augustus die Gegenstände absichtlich so verstaut hatte, damit ich vollständig im Verborgenen bleiben könnte; in seiner Arbeit hatte ihn nur ein einziger Mann unterstützt, und dieser sollte nicht an der Seereise teilnehmen.

Mein Begleiter zeigte mir jetzt, daß eine Querseite des Koffers sich nach Wunsch entfernen lasse. Er schob sie weg und enthüllte das Innere, dessen Anblick mir nicht wenig Spaß machte. Den Boden bedeckte eine Matratze, die aus einer der Kojen in der Kajüte stammte. Was nur irgend an nützlichen Gegenständen in einen so engen Raum zu pferchen ging, war darin enthalten, und zugleich war es mir vergönnt, darin zu sitzen oder ausgestreckt zu liegen. Unter anderen Dingen fanden sich einige Bücher, drei Bettdecken, ein großer Krug voll Wasser, eine Tonne Schiffszwieback, drei oder vier riesige Bologneser Würste, ein gewaltiger Schinken, eine kalte Hammelkeule und ein halbes Dutzend Flaschen mit stärkenden Getränken. Ich ergriff sofort Besitz von meiner kleinen Wohnung, gewiß mit einem Gefühl tieferer Befriedigung, als ein Monarch beim Einzuge in einen neuen Palast empfindet. Augustus erklärte mir nun, wie man das offene Ende des Koffers verschließen könne, und indem er die Kerze bis zum Verdeck emporhob, wies er mir ein Stück dunkelgefärbter Takelleine, das sich, wie er sagte, von meinem Versteck durch alle Windungen im Gerümpel bis zu dem Nagel hinzog, der unterhalb jener Falltür in die Decke des Kielraumes eingeschlagen war. Vermittelst dieser Leine könnte ich im Falle eines unerwarteten Ereignisses ohne seine Hilfe den Weg zurückfinden. Dann verabschiedete er sich, nachdem er mir die Laterne sowie einen reichen Vorrat an Kerzen und Streichhölzern zurückgelassen und mir versprochen hatte, mich so häufig zu besuchen, als es ihm irgend möglich sei. Das war am siebzehnten Juni.

Wenn meine Rechnung zutrifft, blieb ich drei Tage und drei Nächte in diesem Versteck, ohne es überhaupt zu verlassen, außer daß ich ein paarmal die Glieder zu recken versuchte, indem ich mich zwischen zwei Körben, gerade gegenüber der Öffnung, aufrecht hinstellte. Während dieser ganzen Zeit kam mir Augustus nicht zu Gesicht; aber das beunruhigte mich kaum, denn die Brigg mußte jeden Augenblick in See stechen, und in diesem Getriebe fand er nicht so leicht eine Gelegenheit, zu mir hinunterzukommen. Endlich hörte ich die Falltür auf- und zugehen und bald darauf die leise Frage, wie ich mich befände und ob ich etwas brauchte. »Nichts,« erwiderte ich, »ich befinde mich sehr wohl. Wann segeln wir?« »Die Brigg wird in weniger als einer halben Stunde die Anker lichten,« gab er mir zur Antwort. »Ich kam es dir zu sagen, damit du dich nicht über meine Abwesenheit beunruhigst. Ich werde eine Zeitlang, vielleicht durch drei oder vier Tage, nicht herunterkommen können. Oben geht alles am Schnürchen. Nachdem ich die Falltür zugemacht habe, mußt du die Leine entlang kriechen bis zu der Stelle, wo der Nagel eingetrieben ist, da du ja Tag und Nacht nicht unterscheiden kannst. Wie lange denkst du wohl, daß du begraben bist? Nur drei Tage; heute haben wir den Zwanzigsten. Ich würde die Uhr hierher bringen, aber ich fürchte vermißt zu werden.« Nach diesen Worten stieg er wieder hinauf. Etwa eine Stunde nach seinem Verschwinden fühlte ich deutlich, wie das Schiff sich bewegte, und ich wünschte mir Glück zum endlichen guten Beginnen der Fahrt. Ich beschloß, mir so wenig Sorgen als möglich zu machen und die Entwicklung der Dinge abzuwarten, bis ich in die Lage kam, meinen Koffer mit einer geräumigen, wenn auch kaum bequemeren Kabine zu vertauschen. Mein erster Gedanke war die Uhr. Ich ließ das Licht brennen und tastete mich durch ungezählte Windungen, von denen einige mich nach langem Fortkriechen wieder in die Nähe meines früheren Standortes brachten. Schließlich erreichte ich den Nagel, bemächtigte mich der Uhr und kehrte in Sicherheit mit ihr zurück. Nun sah ich die Bücher durch, mit denen man mich so vorsorglich versehen hatte, und wählte die Expedition von Lewis und Clarke nach der Mündung des Columbiaflusses. Damit unterhielt ich mich eine Zeitlang, bis ich müde wurde, die Kerze mit großer Sorgfalt auslöschte und bald in einen gesunden Schlaf verfiel.

Als ich erwachte, fühlte ich eine sonderbare Verwirrung in mir, und einige Zeit ging hin, ehe ich alle die verschiedenen Umstände meiner Lage mir ins Gedächtnis zurückrufen konnte. Allmählich jedoch fielen sie mir wieder ein. Ich machte Licht und sah nach der Uhr; doch sie war abgelaufen, und ich konnte daher nicht erfahren, wie lange ich geschlafen hatte. Meine Glieder waren furchtbar steif, und ich mußte mich, um sie zu beleben, abermals zwischen die Körbe stellen. Auf einmal empfand ich einen geradezu rasenden Hunger; ich entsann mich des kalten Hammelfleisches, von dem ich vor dem Schlafengehen mit großem Appetit gegessen hatte. Wie erstaunte ich, als ich entdeckte, daß es in völlige Fäulnis übergegangen war! Diese Tatsache beunruhigte mich entsetzlich; denn ich brachte sie in Zusammenhang mit meinem verworrenen Erwachen und begann zu vermuten, ich müßte unmäßig lange geschlafen haben. Die schlechte Luft im Kielraum mochte etwas damit zu tun haben; sie konnte auf die Dauer Ursache der schlimmsten Wirkungen sein. Mein Kopf schmerzte mich furchtbar; ich schien nur mit Mühe Atem zu schöpfen; kurz, eine Unmenge düsterer Empfindungen bedrückte mich. Doch durfte ich es nicht wagen, durch Öffnen der Falltür oder sonstwie Aufsehen zu erregen, und nachdem ich die Uhr aufgezogen hatte, suchte ich mich in Geduld zu fassen, so gut es eben ging.

Während der endlosen vierundzwanzig Stunden, die nun folgten, kam niemand mir zu Hilfe, und ich sah mich veranlaßt, Augustus der gröbsten Rücksichtslosigkeit anzuklagen. Was mich besonders erschreckte, war, daß in meinem Kruge das Wasser auf etwa eine halbe Pinte zurückgegangen war, und daß ich an starkem Durst litt, da ich nach dem Verluste meiner Hammelkeule reichlich viel Bologneser Wurst gegessen hatte. Eine gewaltige Unruhe befiel mich, ich konnte mich nicht länger durch die Lektüre meiner Bücher zerstreuen. Auch überwältigte mich ein Verlangen nach Schlaf, aber ich zitterte bei dem Gedanken, ihm nachzugeben, falls ein verderblicher Einfluß, ähnlich dem des Kohlengases, in der stickigen Luft des Kielraums sich bemerkbar machen sollte. Inzwischen belehrte mich das Stampfen der Brigg, daß wir schon weit auf dem Ozean waren, und ein dumpfer, summender Laut, der wie aus ungeheurer Ferne kam, überzeugte mich, daß da draußen eine nicht alltägliche Kühlung wehte. Ich konnte für Augustus' Abwesenheit keinen Grund ausfindig machen. Wir waren gewiß weit genug auf unserer Reise gekommen, um mein Versteck unnötig erscheinen zu lassen. Vielleicht war ihm ein Unfall zugestoßen, aber das war ja kein Grund, mich so lange eingesperrt zu halten, es sei denn, er sei plötzlich gestorben oder über Bord gestürzt, und bei dieser Vorstellung konnte ich nicht mit irgendwelcher Geduld verweilen. Es war möglich, daß wir konträren Wind gehabt und in der Nähe von Nantucket waren. Allein wenn das der Fall gewesen wäre, so hätte die Brigg wiederholt wenden müssen; und da sie beständig nach Backbord neigte, mußte sie die ganze Zeit über vor einer starken Brise am Steuerbord gesegelt sein. Übrigens, falls wir noch in der Nähe der Insel waren, hätte Augustus ja mich besuchen und von diesem Umstande unterrichten können. Indem ich so über die Schwierigkeiten meiner einsamen und freudlosen Lage nachdachte, beschloß ich, noch einmal vierundzwanzig Stunden auszuharren, und wenn dann noch keine Hilfe käme, die Falltür aufzusuchen, um entweder mit meinem Freunde zu verhandeln oder wenigstens etwas frische Luft und Wasser aus seiner Kabine zu erhalten. Während ich noch so im Nachdenken war, fiel ich allen meinen Anstrengungen zum Trotz in einen Zustand tiefen Schlafes, der eher einer Betäubung glich. Meine Träume waren von der fürchterlichsten Art. Jeglichem Unheil, jedem Entsetzen wurde ich zur Beute. Zwischen anderen Schrecknissen wurde ich von Dämonen, deren Aussehen ebenso gespenstig als blutdürstig war, unter ungeheuren Kissen erstickt. Gigantische Schlangen umwanden mich und sahen mich dabei mit ihren schauerlichen, glühenden Augen an. Dann dehnten sich Wüsten vor mir aus, ohne Grenzen, namenlos öde und voll feierlichen Grausens. Endlos hohe Baumstämme, grau und ohne Laub, erhoben sich in unendlicher Folge, so weit der Blick zu reichen vermochte. Ihre Wurzeln verbargen sich in weiten Morästen, deren trübselige Gewässer in tiefster Schwärze bewegungslos und vollkommen entsetzenerregend vor mir lagen. Und die seltsamen Bäume schienen mit menschlichem Leben begabt, und indem sie ihre dürren Astgerippe wie Arme bewegten, flehten sie im Tone gräßlichster Angst und Verzweiflung die schweigenden Wasser um Erbarmen an. Dann wandelte sich die Szene; ich stand, nackend und allein, inmitten des brennenden Sandmeers der Sahara. Zu meinen Füßen kauerte ein grimmer tropischer Löwe. Auf einmal öffneten sich seine wilden Augen, und sie fielen sogleich auf mich. Mit einem krampfhaften Ruck richtete er sich auf und entblößte seine scheußlichen Zähne. Im nächsten Augenblicke barst sein roter Schlund in einem Gebrüll, das dem Donner des Firmamentes glich, und ich stürzte mit Ungestüm auf den Boden hin. Ich erstickte einen Krampf des Entsetzens und erkannte endlich, daß ich halb wach war. So schien mein Traum denn mehr als ein Traum zu sein. Jetzt wenigstens war ich wieder Herrscher über meine Sinne. Die Tatzen eines riesenhaften, eines wirklichen Ungeheuers drückten schwer auf meiner Brust, sein heißer Atem fauchte in mein Ohr, seine weißen, grauenhaften Reißzähne schimmerten vor meinen Augen in der Finsternis.

Ich konnte mich nicht bewegen, konnte nicht sprechen, hingen auch tausend Leben von der Regung eines Gliedes, vom Aussprechen einer Silbe ab. Das Tier, welcher Art es auch sein mochte, blieb in seiner Stellung, ohne sogleich zur Gewalt überzugehen, während ich vollkommen hilflos und, wie ich glaubte, sterbend unter seinen Pranken lag. Die Kräfte des Leibes und der Seele verließen mich – mit einem Worte, ich war daran, zugrunde zu gehen vor namenlosem Entsetzen. Mein Hirn wirbelte, mir wurde totenübel, meine Sehkraft schwand, selbst die glotzenden Augäpfel über mir begannen zu verblassen. Mit einer letzten heftigen Anstrengung hauchte ich ein kurzes Gebet und machte mich bereit zu sterben. Der Klang meiner Stimme schien all die schlummernde Wut des Geschöpfes wachzurufen. Es stürzte sich der Länge nach über meinen Körper; aber wie erstaunte ich, als es, unter langgedehntem, leisem Winseln, mit dem größten Eifer und allen Zeichen grenzenloser Freude und Zärtlichkeit mir Gesicht und Hände zu lecken sich anschickte! Ich war verwirrt, verloren in Verwunderung; aber ich konnte mich über das eigenartige Winseln meines Neufundländers »Tiger«, über die wunderliche Manier, in der er mich zu liebkosen pflegte, nicht einen Augenblick täuschen. Er war es. Das Blut raste mir nach den Schläfen. Mit betäubender Gewalt überlief mich die Empfindung, gerettet, von neuem Leben erfüllt zu sein. Rasch erhob ich mich von der Matratze, warf mich an den Hals meines treuen Gesellen und befreite meine Brust vom langen Drucke durch eine Flut der leidenschaftlichsten Tränen.

Wie schon zuvor in einem ähnlichen Falle waren meine Begriffe in einem Zustande größter Unklarheit und Verwirrung. Lange Zeit konnte ich keinen Gedanken mit dem andern verknüpfen; aber nach und nach, obwohl sehr langsam, kehrte mir die Denkkraft wieder, und ich vermochte mancherlei Umstände ins Gedächtnis zurückzurufen. Tigers Anwesenheit konnte ich mir nicht erklären; und nachdem ich mir über die Ursache seines Erscheinens vergeblich den Kopf zerbrochen hatte, mußte ich mich mit der Freude begnügen, daß er hier war, meine traurige Einsamkeit zu teilen, mich durch seine Liebkosungen zu trösten. Die meisten Menschen lieben ihre Hunde; aber meine Zärtlichkeit für Tiger war nichts Alltägliches; und in der Tat erwies sich kein Geschöpf je solcher Neigung würdiger. Sieben Jahre lang war er mein unzertrennlicher Gefährte gewesen, und oft schon hatte er die edlen Eigenschaften bewährt, die wir am Hunde schätzen. Als er ganz klein war, hatte ich ihn einem kleinen Nantucketer Bösewicht entrissen, der ihn am Stricke ins Wasser schleppen wollte; und drei Jahre später belohnte mich der erwachsene Hund, indem er mich vor dem Knittel eines Straßenräubers bewahrte.

Die Uhr war wiederum abgelaufen; doch das wunderte mich nicht im geringsten, da ich aus dem sonderbaren Zustande meiner leiblichen Empfindungen die Gewißheit schöpfte, daß ich abermals sehr lange geschlafen hatte; wie lange, konnte ich natürlich nicht sagen. Ich brannte im Fieber, der Durst war nahezu unerträglich. Ich durchsuchte den Koffer mit der Hand nach dem geringen Wasservorrat, der mir noch übrig geblieben war, denn ich hatte kein Licht, die Kerze war ausgebrannt, und die Phosphorhölzer konnte ich nicht finden. Leider war der Krug leer, da Tiger ohne Zweifel, der Versuchung nachgebend, ihn ausgetrunken hatte; den Rest des Schöpsenfleisches hatte er ebenfalls gefressen, denn der Knochen lag, sauber abgenagt, nahe der Öffnung des Koffers. Jenes verdorbene Fleisch konnte ich wohl entbehren, aber mein Herz erbebte bei dem Gedanken an das Wasser. Ich war von solcher Schwäche, daß ich wie in einem kalten Fieber bei der kleinsten Bewegung oder Anstrengung von Schauern gerüttelt wurde; dazu kam noch, daß die Brigg heftig stampfte und rollte, so daß die Ölfässer auf meinem Koffer jeden Augenblick herunterzufallen und den Aus- oder Eingang zu versperren drohten. Auch litt ich furchtbar an der Seekrankheit. All dies bewog mich, auf jede Gefahr hin die Falltür aufzusuchen und sofortige Hilfe zu erlangen, bevor mir jede Fähigkeit dazu schwinden würde. Nachdem dieser Entschluß gefaßt war, fühlte ich wieder nach der Phosphorschachtel und den Kerzen. Erstere fand ich nach einiger Bemühung; die Kerzen aber fand ich nicht so bald, wie ich gehofft hatte, denn ich entsann mich nicht genau des Ortes, an den ich sie gelegt, und so gab ich das Suchen vorläufig auf, befahl Tiger Ruhe an und begann sogleich meine Reise nach der Falltür.

Bei diesem Versuche kam meine jammervolle Schwäche mehr denn je an den Tag. Mit der äußersten Mühe nur konnte ich kriechend den Weg zurücklegen, und wiederholt brach ich vollständig zusammen; dann fiel ich aufs Gesicht und verharrte minutenlang in einem Zustande, der an Bewußtlosigkeit grenzte. Doch kämpfte ich mich langsam weiter, in der steten Furcht, ich könnte inmitten dieses Chaos von Gerümpel in Ohnmacht sinken, was unbedingt zu meinem Tode führen mußte. Endlich machte ich mit aller Gewalt einen Vorstoß und schlug mit der Stirn heftig gegen die scharfe Ecke eines Eisenkorbes. Nur wenige Augenblicke betäubte mich dieser Zufall; doch zu meiner unaussprechlichen Betrübnis zeigte es sich, daß die schlingernde Bewegung des Schiffes den Korb derart über meinen Weg geworfen hatte, daß der Durchgang vollkommen versperrt war. Mit der furchtbarsten Anstrengung konnte ich ihn keinen Zollbreit fortbewegen, da er zwischen Koffern und Schiffsgerät fest eingekeilt war. Ich mußte daher, trotz meiner Schwäche, entweder der Führung durch die Leine entraten oder das Hindernis zu übersteigen suchen. Jene erste Möglichkeit bot zuviel Schwierigkeiten und Schrecken, als daß ich ohne Schauder daran hätte denken können. Wagte ich das in meinem gegenwärtigen Zustande, so würde ich unbedingt die Richtung verlieren und auf elende Weise in den trostlosen und ekelhaften Irrgängen des Kielraums zugrunde gehen. Daher nahm ich ohne Zögern alle Kraft, allen Mut, die mir noch geblieben waren, zusammen, um so gut als irgend möglich über den Korb hinwegzuklimmen.

In dieser Absicht richtete ich mich auf und fand das Unternehmen noch schwieriger, als meine Furcht es mir gezeigt hatte. Auf jeder Seite des Engpasses stieg eine wahre Mauer verschiedenartigen schweren Gerümpels in die Höhe, daß der kleinste Fehltritt, den ich tat, auf meinen Kopf herabstürzen konnte; oder es würde, geschah dies nicht, der Pfad durch die fallenden Massen so blockiert werden, daß ich nicht wieder zurückzugelangen imstande wäre. Der Korb war länglich und ungeschlacht, ich hätte nicht darauf Fuß fassen können. Umsonst strebte ich den Deckel zu erreichen, in der Hoffnung, mich hinaufzuschwingen, wäre mir das gelungen, so hätte meine Kraft gewiß nicht ausgereicht, um mich hinüberzuziehen, und daß es mir mißriet, war jedenfalls das beste. Endlich, bei einem verzweifelten Versuche, das Ding hochzuheben, fühlte ich ein starkes Beben an der mir zunächstliegenden Seite. Ich steckte die Hand hinein und fand, daß eines der Bretter an der von den eisernen Reifen umspannten Kiste sich gelockert hatte. Mit meinem Taschenmesser, das ich zum Glück bei mir hatte, gelang es mir nach harter Arbeit, das Brett loszumachen; ich kroch durch die Öffnung und entdeckte zu meiner großen Freude, daß auf der anderen Seite keine Planken seien; mit einem Worte: es fehlte der Deckel, ich hatte mich durch den Boden durchgezwängt. Jetzt hatte ich keine Schwierigkeiten mehr zu überwinden, bis ich jenen Nagel an der Falltür erreichte. Mit klopfendem Herzen stand ich aufrecht, sanft drückte ich gegen die Tür. Sie hob sich nicht so rasch, wie ich gehofft, und ich drückte etwas entschiedener, noch immer fürchtend, in der Kabine einen andern zu finden als Augustus. Doch zu meiner Verwunderung blieb die Tür unbewegt, und ich fing an besorgt zu werden; denn früher war sie fast von selbst aufgegangen. Ich stieß heftig zu – sie blieb fest; mit aller meiner Kraft – sie gab noch immer nicht nach; wütend, rasend, verzweifelnd – sie trotzte meinen äußersten Anstrengungen, und es war klar, daß entweder das Loch entdeckt und zugenagelt oder eine ungeheure Last daraufgewälzt worden war, an deren Entfernung man nicht denken konnte.

Ich empfand tiefstes Grauen, tiefste Entmutigung. Umsonst versuchte ich für dieses Begraben meiner Person einen Grund zu ersinnen. Ich konnte nicht länger folgerichtig denken, warf mich zu Boden und ergab mich ohne Widerstand den düstersten Vorstellungen, in denen entsetzliche Todesarten: Durst, Hunger, Ersticken, vorzeitiges Begräbnis als die hauptsächlichsten Schrecknisse auf mich eindrängten. Zuletzt gewann ich einen Teil meiner Geistesgegenwart zurück. Ich stand auf und griff mit meinen Fingern nach den Fugen der Falltür. Dann untersuchte ich sie genau, ob nicht etwa Licht hindurch schiene, aber es war keines wahrzunehmen. Dann zwängte ich mein Messer hindurch, bis ich auf Widerstand stieß. Ich kratzte an dem Hindernis und fand, daß es eine feste, eiserne Masse war; sie fühlte sich durch die Schneide wellig an, ich schloß daher auf ein Kettenkabel. Die einzige Möglichkeit war jetzt, nach meinem Koffer zurückzutappen und dort entweder meinem traurigen Geschicke zu unterliegen oder mich soweit zu beruhigen, daß ich einen Rettungsversuch bedenken konnte. Nach unsäglichen Schwierigkeiten gelang es mir, den Weg zurückzumachen. Völlig erschöpft sank ich auf die Matratze, und Tiger streckte sich in ganzer Länge neben mir aus, als wollte er durch seine Liebkosungen mich trösten und zu tapferem Ertragen meines Unglücks ermutigen.

Die Seltsamkeit seines Verhaltens erzwang schließlich meine Aufmerksamkeit. Nachdem er eine Weile mir Gesicht und Hände beleckt, hörte er plötzlich damit auf und ließ ein leises Winseln vernehmen. Dann streckte ich meine Hand nach ihm aus, und stets fand ich ihn mit aufgehobenen Pfoten auf dem Rücken liegen. Die häufige Wiederholung dieses Benehmens erschien sonderbar, und ich konnte keine Ursache dafür finden. Da der Hund sehr betrübt schien, schloß ich daraus, er habe eine Verletzung erlitten; ich untersuchte seine Pfoten, fand aber keine Spur einer Wunde. Dann hielt ich ihn für hungrig und reichte ihm ein großes Stück Schinken; er fraß es gierig, begann aber sogleich wieder sein wunderliches Tun. Nun meinte ich, er leide gleich mir unter den Qualen des Durstes, und wollte schon diese Vermutung als richtig annehmen, als mir beifiel, daß ich ja bis jetzt nur seine Pfoten untersucht hatte, daß er möglicherweise am Körper oder am Kopf verwundet sein konnte. Letzteren befühlte ich sorgsam, fand aber nichts. Als ich ihm jedoch mit der Hand über den Rücken strich, bemerkte ich eine leichte Erhebung der Haare, die sich quer über jenen hinzog. Mit dem Finger nachtastend, entdeckte ich eine Schnur, die sich um den Leib des Hundes wickelte. Bei näherer Untersuchung kam ich auf einen Streifen, der nach meinem Gefühle ein Stück Briefpapier schien, das vermittels der Schnur unmittelbar unter der linken Schulter des Tieres befestigt war.

Drittes Kapitel

Sogleich kam mir der Gedanke, das Papier sei ein Brief von Augustus; irgendein unvorhergesehener Zufall habe ihn gehindert, mich aus meinem Kerker zu befreien, und so habe er diesen Weg gewählt, um mich über den Stand der Dinge zu unterrichten, vor Eifer bebend ging ich nochmals auf die Suche nach den Phosphorhölzchen und Kerzen. Wohl eine Stunde lang forschte ich vergeblich nach den fehlenden Gegenständen; es war eine fruchtlose, ärgerliche Jagd; noch nie, gewiß, hat es einen so qualvollen Zustand von Besorgnis und Spannung gegeben. Endlich, endlich, während ich meinen Kopf dicht am Ballast nahe der Öffnung des Koffers hatte, bemerkte ich in der Richtung des Matrosenlogis ein schwaches glimmendes Leuchten. Höchst überrascht trachtete ich mich ihm zu nähern, da es nur wenige Schritte von mir entfernt schien. Kaum hatte ich in dieser Absicht eine Bewegung gemacht, da verlor ich den Schimmer völlig aus den Augen, und ich mußte, um ihn wieder zu Gesicht zu bekommen, mich am Koffer hinfühlen bis an meinen früheren Standort. Indem ich jetzt meinen Kopf vorsichtig hin und her wandte, entdeckte ich, daß ich mich dem Lichte nähern konnte, wenn ich langsam und behutsam in entgegengesetzter Richtung ging. Auf einmal hatte ich's vor mir (nachdem ich mich durch unzählige Windungen durchgefochten) und erkannte, daß es von einigen Bruchstücken meiner Streichhölzer ausging, die in einem leeren, auf die Seite gerollten Fasse lagen. Wie kamen sie nur an diesen Ort? Meine Hand erfaßte zwei oder drei Stückchen Kerzenwachs, die der Hund benagt zu haben schien. Sofort war mir klar, daß er meinen Kerzenvorrat aufgefressen hatte, und mir blieb keine Hoffnung mehr, Augustus' Mitteilungen jemals lesen zu können! Die geringen Wachsreste waren so arg mit anderem Zeug vermengt, daß ich daran verzweifelte, mich ihrer noch zu bedienen, und sie dort liegen ließ. Das bißchen Phosphor sammelte ich so gut als ich konnte und kehrte damit unter vielen Schwierigkeiten zu meinem Koffer zurück, wo Tiger die ganze Zeit über geblieben war.

Was noch tun? Ich konnte es nicht sagen. Der Kielraum war von so tiefer Finsternis erfüllt, daß ich meine Hand nicht zu sehen vermochte, selbst wenn ich sie mir dicht vor die Augen hielt. Den weißen Papierstreifen konnte ich knapp wahrnehmen, doch nicht, wenn ich gerade auf ihn blickte; ich mußte die äußeren Teile der Netzhaut gegen ihn kehren; das heißt, ihn schief ansehen, bevor er einigermaßen sichtbar wurde. Man möge sich somit denken, wie dunkel mein Gefängnis war, und der Brief meines Freundes (falls es ein Brief von ihm war) schien mich nur in ärgste Trübsal stürzen zu wollen, indem er mein geschwächtes und aufgeregtes Gemüt noch mehr und ohne Zweck beunruhigte. Umsonst sann mein Hirn auf tausend unsinnige Arten, Licht zu schaffen, Mittel, wie sie ein Mensch im Opiumtraume erdenken würde, wenn jedes abwechselnd als das vernünftigste und das tollste erscheint, gerade wie die Fähigkeiten des logischen Denkens und der Einbildung wechselnd aufflackern, indem eine die andere verdrängt. Schließlich tauchte ein Gedanke auf, der mir verständig erschien, und ich wunderte mich mit Recht, daß ich ihn nicht schon vorher gefunden hatte. Ich legte den Streifen auf den Rücken eines Buches und sammelte auf ihm die Reste der Phosphorhölzer. Dann verrieb ich rasch und stetig das Ganze mit der Fläche meiner Hand. Augenblicklich verbreitete sich ein klares Licht über das Blatt; und wäre etwas Geschriebenes darauf gewesen, ich hätte es sicher ohne Mühe lesen können. Doch stand keine Silbe darauf – ich blickte auf ein trostloses weißes Blatt, die Beleuchtung verging binnen weniger Sekunden, und mit ihr erstarb der Mut in meiner Seele.

Ich sagte schon mehr als einmal, daß mein Geist seit langem in einer Verfassung war, die an Schwachsinn grenzte. Gewiß gab es Zwischenräume völliger Vernünftigkeit, mitunter sogar, wenn auch selten, eine Anwandlung von Energie. Tagelang hatte ich ja die nahezu verpestete Luft des Kielraums geatmet, des Kielraums in einem Walfängerschiff! Und mein Wasservorrat war dürftig gewesen. Die letzten vierzehn oder fünfzehn Stunden hatte ich ohne Wasser und Schlaf auskommen müssen. Aufregende gesalzene Speisen waren meine hauptsächlichste, seit dem Verluste der Hammelkeule meine einzige Kost gewesen, wenn man den Schiffszwieback ausnimmt; und der nützte mir nichts, da er zu hart war für meinen geschwollenen und ausgedörrten Schlund. Ich fieberte sehr heftig, ich war überhaupt bedenklich krank. So möge es sich erklären, daß viel elende Stunden voller Mutlosigkeit vergingen, bevor es mir einfiel, daß ich ja nur eine Seite des Blattes untersucht hatte! Ich will es nicht versuchen, meine Wut zu schildern (denn ich glaube, daß Zorn das vorherrschende Gefühl war), als die furchtbare Dummheit, die ich begangen, sich plötzlich vor meinem Bewußtsein aufhellte. Der Fehler selbst wäre unbedeutend gewesen, hätte nicht meine eigene Torheit und Übereilung das Gegenteil bewirkt; in meiner Enttäuschung hatte ich das Papier in Stücke zerrissen und verstreut, der Himmel mochte wissen wohin.

Tigers Klugheit rettete mich aus der ärgsten Not. Nach langem Herumsuchen hatte ich ein Fetzchen des Briefes gefunden; ich hielt es dem Hund unter die Nase und trachtete ihm beizubringen, daß er den Rest holen müsse. Zu meiner Verwunderung (denn ich hatte ihn keines der üblichen Kunststückchen gelehrt) schien er sofort auf meine Absicht einzugehen und fand nach einigem Schnüffeln bald einen größeren Teil des Briefes. Den brachte er mir, machte eine Pause, rieb seine Nase an meiner Hand und schien auf Beifall zu warten. Ich streichelte ihm den Kopf, und sogleich machte er sich wieder auf die Suche. Nach einigen Minuten kam er mit einem großen Streifen zurück; das Blatt war nun vollständig, denn ich hatte es offenbar nur in drei Teile zerrissen. Glücklicherweise fand ich bald die Phosphorreste, da ein ungewisser Schimmer noch von ihnen ausging. Mein Mißgeschick hatte mich gelehrt, vorsichtig zu sein, und ich nahm mir jetzt die Zeit zur Überlegung. Wahrscheinlich standen Worte auf der noch nicht untersuchten Seite des Blattes, aber welche war das? Ein Zusammensetzen der Teile erlaubte keinen Schluß in dieser Hinsicht, obgleich ich überzeugt war, daß die Worte (falls solche vorhanden waren) alle auf einer Seite und in richtiger Verbindung stehen müßten. Den zweifelhaften Punkt aufzuklären, das war die allernotwendigste Forderung; denn der noch übrige Phosphor hätte für einen dritten Versuch nicht ausgereicht, wieder legte ich das Papier auf ein Buch und saß einige Minuten in tiefem Nachdenken über die Sache. Zuletzt fiel es mir bei, die beschriebene Seite könnte sich einem feinen Tastsinn durch eine gewisse Unebenheit der Oberfläche verraten. Ich beschloß, die Probe zu machen, und strich mit dem Finger sehr sorgfältig über die Seite, die sich zuerst darbot. Jedoch war nichts wahrzunehmen. Ich drehte das Blatt um. Abermals ließ ich den Zeigefinger vorsichtig darübergehen und bemerkte bald, daß ihm ein leichter Schimmer nachzufolgen schien. Dieser kam, das wußte ich, von einigen winzigen Teilchen des Phosphors her, mit dem ich vorher das Papier bedeckt hatte. Nur auf der unteren Seite konnte also die Schrift (falls es eine solche gab) sich befinden. Wieder kehrte ich das Blatt um, behandelte es in gleicher Art; wie früher zeigte sich das Leuchten, und jetzt erschienen mehrere Zeilen in einer großen Handschrift, und zwar mit roter Tinte geschrieben. Der Schimmer war stark genug, verschwand aber augenblicklich. Dennoch hätte ich Zeit gehabt, die drei Sätze durchzulesen, denn drei waren es, wäre ich nicht so furchtbar aufgeregt gewesen. In meiner Hast, alles auf einmal lesen zu wollen, erfaßte ich nur die Schlußworte, und diese lauteten also:

»Blut – wenn Dir Dein Leben lieb ist, bleib stille liegen.« Hätte ich den vollständigen Inhalt der Mitteilung, die ganze Bedeutung der Mahnung meines Freundes in mich aufnehmen können, so hätte die Enthüllung von Geschehnissen voll unerhörten Unheils mich nicht mit einem Zehnteil jenes peinigenden und dabei rätselreichen Grauens füllen können, das dies Bruchstück einer Warnung in mein Gemüt pflanzte. »Blut« noch dazu, dies Wort vor allen Worten, – zu jeder Zeit so gesättigt mit Geheimnissen, Schrecknissen und Leiden – wie erschien es jetzt so dreifach bedeutsam, wie schwer und kalt (losgelöst von irgendwelchen vorangeschickten Worten, die es näher bestimmen oder klarmachen könnten), fiel diese unsichere Silbe, inmitten der tiefen Finsternis meines Kerkers, in die geheimsten Abgründe meiner Seele!

Augustus hatte wohl einen triftigen Grund, zu wünschen, daß ich verborgen bliebe, und ich erdichtete tausend Vermutungen, welcher es wohl sein könnte; aber ich vermochte keine befriedigende Lösung des Rätsels auszudenken. Kurz vor meiner letzten Reise nach der Falltür und bevor meine Aufmerksamkeit durch Tigers wunderliches Benehmen abgelenkt worden war, hatte ich beschlossen, mich um jeden Preis den Leuten auf Deck bemerkbar zu machen oder, falls mir das nicht sogleich gelingen sollte, mir einen Weg durch das Gerümpel zu bahnen. Daß ich ziemlich sicher war, mein Ziel so oder so zu erreichen, hatte mir den zum Ertragen meiner übeln Lage notwendigen Mut (den ich sonst nicht besessen haben würde) eingeflößt. Die paar Worte, die ich hatte lesen können, sie hatten mir jene letzte Zuversicht geraubt, und zum ersten Male empfand ich all das Grauenhafte meines Loses. In einem Ausbruch der Verzweiflung warf ich mich wieder auf die Matratze; dort lag ich wohl einen Tag und eine Nacht, in einer Art Betäubung, die nur durch kurze Augenblicke der Vernunft und des Rückerinnerns unterbrochen wurde.

Endlich erhob ich mich noch einmal und sann den Schrecknissen nach, die mich umgaben. Weitere vierundzwanzig Stunden ohne Wasser zu leben, würde mir unmöglich sein, während der ersten Zeit meiner Gefangenschaft hatte ich von den geistigen Getränken, mit denen mich Augustus versehen, freien Gebrauch gemacht; jetzt aber verschlimmerten sie nur das Fieber, ohne den Durst im geringsten zu löschen. Ich hatte nur noch eine Viertelpinte übrig, und das war eine Art starken Pfirsichschnapses, gegen den mein Magen sich auflehnte. Die Würste waren völlig aufgezehrt, vom Schinken war nur ein kleines Stückchen Haut übrig, und der Schiffszwieback war bis auf einige Krumen von Tiger gefressen worden. Dazu kam noch, daß mein Kopfschmerz sich beständig verschlimmerte, und mit ihm eine Gattung Delirium, die mich mehr oder weniger seit jenem ersten Einschlafen besessen hatte. Durch einige Stunden schon hatte ich nur ganz mühsam atmen können, und jetzt war jeder Versuch mit einem höchst niederdrückenden krampfhaften Vorgang in der Brust verbunden. Allein es gab noch eine andere, von diesen hier sehr verschiedene Ursache für meine Beunruhigung, deren folternde Schrecken es in der Tat vermocht hatten, mich aus meinem stumpfsinnigen Brüten zu reißen. Diese Ursache fand sich in dem Benehmen meines Hundes.

Ich bemerkte zuerst eine Veränderung in seinem Gehaben, während ich zum letzten Male jenes Blatt mit Phosphor einrieb. Er stieß dabei mit einem leichten Knurren die Nase gegen meine Hand; aber ich war in diesem Moment zu aufgeregt, um dem Umstande große Beachtung zu schenken. Dann warf ich mich, wie man sich erinnern dürfte, auf die Matratze und versank in eine Art von Lethargie. Auf einmal ward ich eines sonderbaren Zischens inne, das dicht an meinem Ohr erklang, und ich entdeckte, daß es von Tiger herrührte, der, offenbar im Zustande größter Erregung, keuchte und schnaufte, indes seine Augen wild in der Finsternis erglühten. Ich sprach zu ihm, er antwortete mit einem leisen Murren und blieb dann still. Bald verfiel ich wieder in meine Dumpfheit, um auf die gleiche Weise wie vorhin erweckt zu werden. Dies wiederholte sich drei- oder viermal, bis zuletzt sein Benehmen mich mit einer solchen Furcht erfüllte, daß ich völlig zum Bewußtsein kam. Er lag jetzt an der Koffertür, knurrte fürchterlich, obwohl in etwas gedämpftem Ton, und knirschte mit den Zähnen, als schüttelte ihn ein Krampf. Ohne Zweifel hatten der Mangel an Wasser und die geschlossene Luft im Kielraum ihn toll gemacht, und ich wußte nicht, was mit ihm anfangen. Ihn zu töten, war mir ein unerträglicher Gedanke, und doch schien es für meine Sicherheit der einzige Weg. Ich konnte deutlich wahrnehmen, wie seine Augen mit dem Ausdruck tödlichsten Hasses auf mir ruhten, und jede Sekunde erwartete ich seinen Angriff. Endlich konnte ich in dieser furchtbaren Lage nicht länger verharren; ich entschloß mich, auf jede Gefahr hin meinen Winkel zu verlassen und ihn abzutun, falls sein Widerstand dies nötig machen sollte. Ich mußte gerade über ihn hinweg; und er schien meine Absicht schon zu spüren, erhob sich (wie ich aus der veränderten Stellung seiner Augen erkannte) auf den Vorderpranken, zeigte seine starken Zähne, die weißlich durchs Dunkel blinkten. Ich nahm den Rest der Schwarte und die Flasche mit dem Schnaps, verbarg sie an meinem Leibe, ebenso das lange Tranchiermesser, das Augustus mir gelassen hatte, hüllte mich dann so fest als möglich in meinen Mantel und unternahm einen Vorstoß gegen die Öffnung des Koffers. Kaum war ich so weit, da flog schon der Hund mit einem lauten Knurren an meinen Hals. Die ganze Wucht seines Körpers traf mich an der rechten Schulter, und ich stürzte heftig nach links hin, während das wütende Tier über mich hinwegfuhr. Ich war auf mein Knie gefallen, mein Kopf begrub sich in den Decken, und diese schützten mich gegen einen zweiten rasenden Ansturm, währenddessen ich seine scharfen Zähne durch die Wolle hindurch an meinem Nacken fühlte; doch konnten sie zum Glück nicht durch die Falten dringen. Ich lag jetzt unter dem Tiere, die nächsten Augenblicke würden mich völlig in seine Gewalt bringen. Die Verzweiflung gab mir Stärke; ich erhob mich mutig, schüttelte ihn mit aller Gewalt von mir ab und schleppte die Decke von der Matratze mit mir fort. Diese warf ich ihm nun über, und bevor er sich herauswickeln konnte, war ich durch die Tür und hatte sie alsbald so verschlossen, daß er mich nicht verfolgen konnte. Doch hatte ich während dieses Kampfes das Stück Schwarte losgelassen und sah jetzt meinen ganzen Vorrat auf das Fläschchen Schnaps beschränkt. Als ich dies bedachte, wandelte mich eine Art Verkehrtheit an, wie sie etwa ein verdorbenes Kind unter ähnlichen Umständen beeinflussen mag; ich hob die Flasche an die Lippen, leerte sie bis auf den letzten Tropfen und schleuderte sie dann wütend auf den Boden hin.

Kaum war der Widerhall dieses Kraches verklungen, da hörte ich, wie eine eifrige, aber gedämpfte Stimme meinen Namen aussprach, sie kam aus der Richtung des Matrosenlogis. Es war so unerwartet, die Gemütsbewegung, die der Laut hervorrief, war so heftig, daß ich außerstande war zu antworten. Die Fähigkeit zu sprechen ließ mich gänzlich im Stiche, und in einer tödlichen Angst, mein Freund könnte mich für tot halten und umkehren, ohne mich erreicht zu haben, stand ich zwischen den Körben bei der Koffertür, bebte konvulsivisch und rang nach Worten. Hätte eine Silbe über tausend Welten zu entscheiden gehabt, ich hätte nicht vermocht, sie auszusprechen. Jetzt war eine leise Regung im Gerümpel, etwas mehr in der Nähe meines Standorts. Der Schall nahm ab, er wurde noch leiser, er verhallte schon! Kann ich jemals vergessen, was ich in jenem Augenblick empfand? Er war im Begriffe zu gehen – er, mein Freund, mein Genosse, von dem ich das Recht hatte, viel, sehr viel zu verlangen; er ging – er würde mich verlassen – er war fort! Er würde mich hier lassen, auf daß ich elend zugrunde ginge, daß ich in dem scheußlichsten, ekelhaftesten Kerker verfaulte; und ein Wort, nur eine kleine Silbe würde mich retten, aber diese Silbe auszusprechen war mir versagt! Ich fühlte, dessen bin ich gewiß, zehntausendfach die Ängste der letzten Stunde. Mein Hirn gab nach, und ich stürzte in tödlichem Übelsein über den Koffer.

Bei meinem Falle wurde das Messer aus meinem Hosengürtel herausgeschüttelt und sprang klirrend auf den Fußboden. Nie hat die süßeste Musik meinen Ohren so hold geschmeichelt! In der höchsten Spannung horchte ich auf, ob das Geräusch eine Wirkung auf Augustus hervorgebracht hatte, denn nur er konnte meinen Namen gerufen haben. Minutenlang war alles still. Endlich hörte ich ihn das Wort »Artur« wiederholen, in leisem Tone und wie mit bangem Zögern. Die neubelebte Hoffnung löste mir noch einmal die Zunge, und jetzt schrie ich mit aller Macht meiner Kehle: »Augustus! O Augustus!« »Pst! Um Gottes willen, verhalte dich ruhig!« erwiderte er mit vor Erregung zitternder Stimme; »gleich bin ich bei dir, ich muß erst meinen Weg durch den Kielraum finden.« Lange hörte ich ihn sich im Gerümpel bewegen, und jeder Augenblick schien eine Ewigkeit zu sein. Endlich, endlich fühlte ich seine Hand auf meiner Schulter, und zugleich setzte er eine Flasche Wasser an meinen Mund. Nur jene, die plötzlich dem Rachen des Grabes entrissen werden, oder jene, die so unerträgliche Durstesqualen kennen gelernt, wie ich sie unter den schwersten Umständen in meinem traurigen Kerker zu erdulden hatte, nur sie vermögen sich einen Begriff von dem unaussprechlichen Glücksgefühle zu machen, den ein langer Zug dieser kostbarsten aller irdischen Herrlichkeiten mir gewährte.

Sobald ich meinen Durst einigermaßen gestillt, zog Augustus drei oder vier gekochte Kartoffeln aus seiner Tasche, die ich mit der größten Gier hinabschlang. Er hatte ein Licht in einer Blendlaterne bei sich, und die gütigen Strahlen schenkten kaum geringeren Trost als Essen und Trinken. Aber ich verlangte mit Ungeduld zu erfahren, was ihn so lange ferngehalten haben konnte, und alsbald begann er mir alles zu berichten, was sich während meiner Gefangenschaft an Bord zugetragen hatte.

Viertes Kapitel

Wie ich vermutete, war die Brigg ungefähr eine Stunde, nachdem er mir die Uhr dagelassen hatte, in See gestochen. Das war am zwanzigsten Juni. Man wird sich entsinnen, daß ich drei Tage lang im Kielraum gewesen war, und während dieser Zeit gab es an Bord solch ein Durcheinander und Herumlaufen, besonders in der Kajüte und den Staatskabinen, daß er keine Gelegenheit gefunden hatte, mich zu besuchen, ohne das Geheimnis der Falltür aufs Spiel zu setzen. Als er nun endlich kam, versicherte ich ihm, alles gehe so gut als irgend möglich; und darum empfand er die beiden folgenden Tage keine Besorgnis um meinetwillen, obwohl er immer auf der Lauer lag, ob sich nicht Gelegenheit böte, hinabzusteigen. Erst am vierten Tage fand er sie. In der Zwischenzeit hatte er sich schon öfters entschlossen, seinem Vater alles anzuvertrauen und mich sofort an Deck holen zu lassen; aber wir waren noch nicht sehr weit von Nantucket entfernt, und nach mehreren Äußerungen, die dem Kapitän entschlüpften, erschien es zweifelhaft, ob er nicht umkehren würde, sobald er meine Anwesenheit erführe. Außerdem, erzählte mir Augustus, konnte er nach reiflichem Nachdenken sich nicht recht vorstellen, daß ich mich in unmittelbarer Not befände, oder daß ich in solchem Falle zögern würde, mich an der Falltür bemerkbar zu machen. Nachdem er so alles in Betracht gezogen, beschloß er, mich unten zu lassen, bis er in die Lage käme, mich unbemerkt aufzusuchen. Das geschah, wie schon erwähnt, erst am vierten Tage nach Überbringung der Uhr und am siebenten nach meinem Einzuge in den Kielraum. Dann stieg er hinunter, ohne Wasser oder Vorräte mitzunehmen, indem er mich vor allem an die Falltür rufen wollte, um mich dann von der Kabine aus zu verproviantieren. Er hörte mich sehr laut schnarchen, mußte also annehmen, ich schliefe. Nach meinen Berechnungen war dies der Schlummer, in den ich nach Abholung der Uhr gesunken war; er mußte somit mindestens drei ganze Tage und Nächte gedauert haben. Neuerdings bin ich durch eigene Erfahrung und die Versicherungen anderer mit den starken, einschläfernden Wirkungen bekannt geworden, die der Ausdünstung alten, engverwahrten Fischtrans eigen sind; und wenn ich mich des Zustandes erinnere, in dem der Kielraum sich befand, und bedenke, wie lange die Brigg als Walfänger gedient hatte, bin ich manchmal geneigt, mich zu wundern, daß ich überhaupt wieder erwachte.

Augustus rief mich zuerst leise und ohne die Falltür zu schließen, aber ich gab keine Antwort. Nun schloß er die Klappe und sprach lauter, zuletzt mit sehr starker Stimme: ich schnarchte weiter. Was sollte er beginnen? Um durch das Gerümpel zu mir durchzudringen, bedurfte er einiger Zeit, und inzwischen konnte seine Abwesenheit von Kapitän Barnard bemerkt werden, da dieser ihn jeden Augenblick zum Ordnen und Abschreiben von gewissen Geschäftspapieren nötig hatte. Er entschloß sich somit hinaufzugehen und eine andere Gelegenheit abzuwarten. Dieser Entschluß ward ihm um so leichter, als mein Schlummer äußerst friedlicher Natur schien und er nicht annehmen konnte, meine Gefangenschaft habe mir irgend geschadet. Eben war er mit sich einig geworden, als seine Aufmerksamkeit durch eine ungewöhnliche Unruhe gefesselt wurde, die von der Kajüte auszugehen schien. Er sprang durch die Falltür, schloß sie zu und öffnete weit die Tür der Kajüte. Kaum hatte er einen Fuß über die Schwelle gesetzt, so blitzte ein Pistolenlauf vor seinen Augen, und zugleich schlug ihn ein Hebebaum zu Boden.

Eine kräftige Hand, die seinen Hals fest umklammerte, bannte ihn an den Fußboden der Kajüte; aber was um ihn her vorging, konnte er deutlich wahrnehmen. Sein Vater, an Händen und Füßen gebunden, lag auf den Stufen der Kajütentreppe, mit dem Kopfe nach unten und einer tiefen Stirnwunde, aus der das Blut ununterbrochen hervorströmte. Er sprach kein Wort und rang offenbar mit dem Tode. Über ihm stand der Unterschiffer, betrachtete ihn mit teuflischem Hohne und durchsuchte ruhig seine Taschen, denen er alsbald einen Schnappsack und ein Chronometer entnahm. Sieben von der Mannschaft, darunter der Koch, ein Neger, durchstöberten die Backbordkabinen nach Waffen und waren bald mit Musketen und Munitionen versehen. Neben Augustus und seinem Vater befanden sich im ganzen neun Kerle in der Kajüte, der Abschaum der Bemannung. Die Schurken gingen jetzt aufs Deck und schleppten meinen Freund mit sich, nachdem sie ihm die Arme auf dem Rücken zusammengebunden. Sie begaben sich flugs nach dem Vorderkastell, dessen Luke verschlossen war; zwei von den Meuterern hielten dort mit den Äxten Wacht; ebenso war es mit der Hauptluke bestellt. Der Unterschiffer rief mit lauter Stimme: »Hört ihr da unten? Macht, daß ihr raufkommt, einer nach dem andern – hört ihr? Und daß mir keiner aufmuckst!« Es dauerte einige Minuten, bis sie zum Vorschein kamen; endlich stieg ein Engländer, der sich als Neuangeworbener eingeschifft hatte, herauf, kläglich weinend und den Maat aufs demütigste beschwörend, er möge ihm das Leben schenken. Die einzige Antwort war ein Axthieb über die Stirne. Der arme Teufel stürzte ohne einen Seufzer auf das Verdeck hin, und der schwarze Koch hob ihn wie ein Kind in die Höhe und schleuderte ihn in das Meer.

Die Menschen drunten hatten den Krach und den Fall ins Wasser gehört, und weder Drohungen noch Versprechen vermochten sie auf das Verdeck zu locken. Sie versuchten alsdann einen allgemeinen Ansturm, und es schien einen Augenblick, als würde die Brigg zurückerobert werden. Doch gelang es den Meuterern schließlich, das Vorderkastell zu schließen, ehe mehr als sechs ihrer Gegner heraufgestiegen waren. Diese sechs sahen sich einer großen Mehrzahl gegenüber und waren ohne Waffen; sie ergaben sich daher nach kurzem Kampfe. Der Unterschiffer gab ihnen freundliche Worte, jedenfalls in der Absicht, die noch unter Deck Befindlichen zum Nachgeben zu veranlassen, denn sie konnten ohne Mühe alles, was oben gesprochen wurde, verstehen. Der Erfolg sprach ebensosehr für seine Schlauheit wie für seine höllische Niedertracht. Alle, die noch im Vorderkastell waren, erklärten sich zur Übergabe bereit; dann stiegen sie einer nach dem andern herauf, man band sie und warf sie samt den ersten sechs auf den Rücken; es waren im ganzen siebenundzwanzig Personen, die nicht an der Meuterei teilgenommen hatten.

Eine unsagbar scheußliche Schlächterei folgte. Die gefesselten Matrosen wurden an das Fallreep geschleppt. Hier stand der Koch mit einer Axt und schlug jedes der Opfer auf den Kopf, während es von den Meuterern über die Reling gehalten wurde. In dieser Art starben ihrer zweiundzwanzig, und Augustus verzweifelte an seinem Leben; er erwartete jeden Moment an die Reihe zu kommen. Aber entweder waren die Schurken müde oder es ekelte sie ihre blutige Arbeit; die vier Übriggebliebenen erhielten samt meinem Freunde eine Galgenfrist, während die ganze Mordbande ein Saufgelage abhielt, das bis zum Untergange der Sonne währte. Nun stritten sie sich wegen des Schicksals der Überlebenden, die nur vier Schritte entfernt lagen und jedes Wort mit anhören mußten. Einige der Meuterer schien der Branntwein zu besänftigen, denn mehrere Stimmen wurden laut, man möge die Gefangenen freilassen unter der Bedingung, daß sie sich der Meuterei nachträglich anschließen sollten. Der schwarze Koch aber, der in jeder Hinsicht ein vollkommener Satan war und mindestens ebensoviel Einfluß wie der Maat, wenn nicht größeren besaß, wollte auf keinen derartigen Vorschlag hören und stand wiederholt auf, um seine Tätigkeit am Fallreep fortzusetzen. Zum Glücke war er so von Trunkenheit übermannt, daß die weniger Blutdürstigen ihn leicht zurückhalten konnten; unter diesen war ein Leinenführer, der Dirk Peters hieß. Er war der Sohn einer Indianerin aus dem Stamme der Upsarokas, die in den Wildnissen der schwarzen Berge leben, nahe der Quelle des Missouri. Sein Vater war, glaube ich, ein Pelzhändler, oder wenigstens stand er irgendwie in Beziehung zu den indianischen Händlerposten am Lewisflusse. Peters hatte das grimmigste Aussehen, das ich je an einem Menschen wahrgenommen. Er war von kleiner Figur, nicht mehr als vier Fuß acht Zoll hoch, aber von herkulischem Körperbau. Besonders die Hände waren so furchtbar dick und breit, daß sie kaum Menschenhänden glichen. Seine Arme und Beine waren auf wunderliche Art gebogen, so daß sie scheinbar gar keine Beweglichkeit besaßen. Auch sein Kopf war unförmlich, nämlich von riesiger Größe, mit einer Vertiefung am Schädel, wie man sie bei den meisten Negern findet, und völlig kahl. Um diesen Mangel, der keine Folge des Alters war, zu verbergen, pflegte er eine Perücke aus irgendwelchem haarigen Zeug – gelegentlich vom Fell eines spanischen Hundes oder amerikanischen Graubären – zu tragen. Zur erwähnten Zeit trug er ein Stück Bärenfell auf dem Kopfe, und es erhöhte nicht wenig die Wildheit seines Gesichtes, das den Typus der Upsarokas hatte. Der Mund zog sich fast von einem Ohr zum andern, die Lippen waren dünn und schienen gleich einigen anderen Teilen seines Körpers unbeweglich, so daß der herrschende Ausdruck seiner Züge stets derselbe blieb. Seine Zähne waren lang und standen weit vor, so daß sie niemals von den Lippen verdeckt wurden. Auf den ersten Blick schien dieser Mensch sich in Lachkrämpfen zu winden, auf den zweiten aber mußte man sich sagen, daß seine Lustigkeit nur die eines Teufels sein könne. Unter den Seeleuten Nantuckets waren mancherlei Geschichten über dieses sonderbare Wesen im Umlauf. Diese Anekdoten bewiesen die wunderbare Stärke, über die er in erregtem Zustande verfügte, und einige von ihnen ließen einen Zweifel übrig, ob er bei gesundem Verstande sei. Aber an Bord des »Grampus« wurde er, zur Zeit der Meuterei, offenbar mehr als komische Figur betrachtet. Ich erzählte so ausführlich von Dirk Peters, weil er trotz seines furchtbaren Aussehens der eigentliche Retter meines Freundes wurde, und weil ich ihn im Laufe meiner Erzählung noch öfters erwähnen muß – dieser Erzählung, die, wie ich hier vorausschicken möchte, Ereignisse berichtet, die außerhalb aller menschlichen Erfahrung zu stehen scheinen und daher auch so schwer zu glauben sind, daß ich jede Hoffnung aufgebe, man werde meine Mitteilungen für wahr halten, dabei aber der Zeit und dem Fortschritte der Wissenschaft vertraue, die gewiß die wichtigsten und unwahrscheinlichsten meiner Erlebnisse als wirklich erweisen werden.

Nach vieler Unschlüssigkeit und drei oder vier heftigen Streitigkeiten wurde zuletzt beschlossen, daß alle Gefangenen (außer Augustus, den Peters mit scherzenden Worten als seinen Schreiber beanspruchte) in einem der kleinen Fangboote ausgesetzt werden sollten. Der Maat ging nach der Kajüte, um zu sehen, ob Kapitän Barnard noch lebe; bald erschienen die beiden wieder, der Kapitän bleich wie der Tod, aber etwas erholt von seiner Verwundung. Mit einer Stimme, die kaum zu artikulieren vermochte, flehte er sie an, ihn nicht auszusetzen, sondern zu ihrer Pflicht zurückzukehren, und versprach sie auszuschiffen, wo sie wollten, und keine Schritte zu ihrer gerichtlichen Verfolgung zu unternehmen. Er sprach völlig in den Wind. Zwei Halunken packten ihn bei den Armen und stießen ihn über die Reling ins Boot, das inzwischen herabgelassen worden war. Die vier Leute, die noch auf Deck lagen, wurden losgebunden; man befahl ihnen, dem Kapitän zu folgen, was sie nicht ohne Widerstand taten, während Augustus noch in seiner peinlichen Lage verblieb, obwohl er bat und flehte, man möchte ihm nur die Gnade gewähren, von seinem Vater Abschied nehmen zu dürfen. Eine Handvoll Zwieback und ein Krug Wasser wurden herabgereicht, aber weder Mast, Segel, Ruder noch Kompaß. Das Boot wurde eine Minute lang geschleppt, während die Meuterer sich abermals besprachen; dann wurde das Tau zerschnitten. Die Nacht war hereingebrochen, man sah nicht Mond noch Sterne, die See ging in bösen, kurzen Stößen, obgleich der Wind nicht eben kräftig blies. Das Boot war sofort außer Sicht; für die armen Dulder war wenig zu hoffen. Dies ereignete sich in dreiunddreißig Grad dreißig Minuten nördlicher Breite, einundsechzig Grad zwanzig Minuten westlicher Länge, daher in nicht allzugroßer Entfernung von den Bermudasinseln. Somit tröstete sich Augustus in dem Gedanken, das Boot könne entweder Land erreichen oder ihm nahe genug kommen, um von Küstenschiffern gesichtet zu werden.

Die Brigg ging jetzt unter allen ihren Segeln und setzte ihren ursprünglichen Kurs nach Südwesten fort, da die Meuterer einen Piratenstreich vorhatten; soviel man verstand, wollten sie irgendein Schiff auf seinem Wege von den Kapverdi-Inseln nach Portorico abfangen. Um Augustus kümmerte man sich nicht, er wurde losgebunden und durfte frei umhergehen, nur die Kajüte war ihm verboten. Dirk Peters behandelte ihn mit einiger Freundlichkeit und rettete ihn einmal sogar vor der Brutalität des Kochs. Seine Lage war noch recht kitzlich, denn die Leute waren fortwährend betrunken, und man konnte sich nicht auf die Dauer auf ihre gute Laune verlassen. Doch behauptete er, die Sorge um mich sei das Traurigste an seiner Lage gewesen; und in der Tat hatte ich niemals Ursache, an der Aufrichtigkeit seiner Freundschaft zu zweifeln. Mehr als einmal war er entschlossen, die Meuterer mit dem Geheimnis meiner Anwesenheit vertraut zu machen, aber die Erinnerung an die Scheußlichkeiten, deren Zeuge er gewesen war, und die Hoffnung, mir bald Hilfe bringen zu können, hielten ihn davon ab. Aus letzterem Grunde lag er beständig auf der Lauer, aber trotz der größten Wachsamkeit vergingen drei Tage nach dem Aussetzen des Bootes, bevor sich eine Gelegenheit darbot. Endlich, in der Nacht des dritten Tages, kam eine schwere Bö aus Osten, und alle mußten heran, um die Segel zu reffen. Während des Durcheinanders, das nun erfolgte, gelangte er unbeobachtet in seine Kabine. Mit Entsetzen und Schmerz nahm er wahr, daß letztere zu einem Aufbewahrungsort für allerhand Vorräte und Werkzeuge gemacht worden war, und daß mehrere Faden alten Kabels, die unter der Treppe verstaut gewesen, hierher geschleppt worden waren und nun gerade auf der Falltür lagen! Das Kabel unbemerkt zu entfernen, war unmöglich, und er eilte wieder aufs Verdeck. Sobald er dort erschien, packte ihn der Maat an der Kehle, fragte ihn, was er denn da unten zu suchen habe, und wollte ihn über Backbord in die See schleudern, als ihm das Leben abermals durch Dirk Peters gerettet wurde. Augustus bekam Handschellen an, und seine Füße wurden fest zusammengebunden. Er wurde dann ins Matrosenlogis gebracht und in eine der unteren Kojen nahe der Scheidewand des Vorderkastells gelegt, mit der Versicherung, daß er keinen Fuß mehr auf Deck setzen werde, »solange die Brigg eine Brigg sei«. Das war die Ausdrucksweise des Kochs, der ihn in die Koje warf; was er eigentlich damit meinte, ist schwer zu sagen. Der ganze Vorfall sollte aber, wie man gleich sehen wird, der Anlaß zu meiner endgültigen Erlösung werden.

Fünftes Kapitel

Einige Minuten gab sich Augustus der Verzweiflung hin; er hatte keine Hoffnung mehr, die Koje lebendig verlassen zu dürfen. Er kam jetzt zu dem Entschlusse, dem ersten, der herunterkäme, von meiner Lage Mitteilung zu machen, da er es für besser hielt, daß ich mein Glück bei den Meuterern versuchte, als daß ich im Kielraum vor Durst zugrunde ging; zehn Tage war ich nun schon dort gefangen, und mein Krug Wasser hatte kaum für vier gereicht. Dies bedenkend, verfiel er plötzlich auf die Idee, daß es nicht unmöglich sein würde, mit mir durch den Hauptkielraum in Verkehr zu treten. Unter anderen Umständen hätten ihn die Schwierigkeiten, die Gefahren des Unternehmens von solchem Wagnis abgehalten; aber jetzt schien ihm sein Leben kaum einen Schuß Pulver wert, und somit wendete er sich mit allen Kräften seines Geistes der großen Aufgabe zu.

Die Handschellen boten das erste Hindernis. Wie sich ihrer entledigen? Erst hielt er es für undurchführbar; aber bei näherem Zusehen erkannte er, daß man die Eisen mit geringer Anstrengung oder Unbequemlichkeit abstreifen konnte, indem man die Hände durchdrückte; diese Art von Fessel erfüllt bei jungen Leuten, deren Knochen leicht nachgeben, ganz und gar nicht ihren Zweck. Nun löste er die Bande an seinen Füßen, ließ aber den Strick hängen, so daß er zur Not wieder befestigt werden konnte, falls jemand herunterkam; und dann untersuchte er die Scheidewand. Sie bestand hier aus zolldickem weichen Fichtenholz, durch das er sich ohne viel Mühe einen Weg würde bahnen können. Da hörte er eine Stimme am Eingang des Vorderkastells, und er hatte gerade Zeit, seine Rechte in die Handschelle zu zwängen (die Linke war noch nicht frei) und den Strick oberflächlich um seine Knöchel zu winden, da kam Dirk Peters herab, begleitet von Tiger, der sofort in die Koje sprang und sich niederlegte. Den Hund hatte Augustus an Bord gebracht, weil er meine Zuneigung für das Tier kannte und mir damit eine große Freude zu machen gedachte. Er holte ihn von unserem Hause weg, gleich nachdem er mich im Kielraum versteckt hatte, vergaß aber, als er mir die Uhr mitbrachte, etwas davon zu erwähnen. Seit der Meuterei hatte er ihn nirgends erblickt und war daher überzeugt, daß die Schurken ihn über Bord geworfen hätten. Er war jedoch in ein Loch unter dem Fangboot gekrochen, aus dem er später nicht heraus konnte, denn er vermochte sich nicht darin umzudrehen. Peters ließ ihn schließlich heraus, und mit einer Gutmütigkeit, die mein Freund wohl zu schätzen wußte, hatte er ihm das Tier jetzt als Gefährten ins Vorderkastell gebracht, zugleich mit etwas Salzfleisch, Kartoffeln und einer Kanne Wasser; dann ging er an Deck mit dem Versprechen, am nächsten Tage wieder etwas Eßbares mitzubringen.

Sobald er fort war, befreite Augustus Hände und Füße von ihren Fesseln. Dann kehrte er die Matratze um, nahm sein Taschenmesser (die Halunken hatten es nicht der Mühe wert gefunden, ihn zu untersuchen), und begann eine Planke der Scheidewand in möglichster Nähe der Koje anzubohren. Er wählte diese Stelle, damit er im Falle plötzlicher Unterbrechung seine Arbeit mit der Matratze verdecken könnte. An diesem Tage erfolgte jedoch keine weitere Störung, und als der Abend kam, war die Planke völlig entzwei. Es muß hier erwähnt werden, daß keiner von der Mannschaft im Vorderkastell schlief, da jene seit der Meuterei ausschließlich in der Kajüte hausten, wo man sich an den Weinen und Vorräten des Kapitäns gütlich tat; um die Führung des Schiffes kümmerte man sich so wenig als möglich. Diese Umstände waren unser Glück; anders hätte mich Augustus nie erreichen können. Gegen Tagesanbruch beendete er die zweite Durchschneidung des Brettes, die sich ungefähr einen Fuß über dem ersten Einschnitt befand, und machte so die Öffnung groß genug, um nach der Kuhbrücke vordringen zu können. Von dort aus begab er sich ohne viele Schwierigkeiten nach der unteren Hauptluke, obwohl er, um dorthin zu gelangen, Berge von Tranfässern, die sich fast bis ans Oberdeck hinauftürmten, überklettern mußte; kaum war zwischen beiden Platz für seinen Körper vorhanden. Als er die Luke erreicht hatte, entdeckte er, daß Tiger ihm gefolgt war. Es war jetzt zu spät, um vor Tag zu mir zu gelangen, da die größten Hindernisse in dem unteren Kielraum zu suchen waren. Er beschloß somit umzukehren und bis zum nächsten Abend zu warten. In diesem Gedanken öffnete er ein wenig die untere Luke, um bei seiner Rückkehr nicht mehr Aufenthalt als nötig zu haben. Kaum hatte er das getan, als Tiger an die schmale Öffnung sprang, eifrig schnüffelte, dann ein langgedehntes Winseln hören ließ und ruhelos mit seinen Pfoten daran kratzte. Offenbar ahnte, wußte er, daß ich mich im Kielraum befand, und Augustus hielt es für möglich, daß er sich bis zu mir durchdrängen würde. Jetzt kam er auf den Einfall, den Brief zu schreiben, ich sollte ja um keinen Preis selbständig einen Versuch zu meiner Befreiung unternehmen, und wer weiß, ob er am nächsten Tage schon seine Absicht ausführen konnte! Die Folge zeigte, wie glücklich dieser Einfall war; denn ohne den Brief wäre ich gewiß auf irgendeinen verzweifelten Ausweg verfallen, die Mannschaft zu alarmieren, und unser beider Leben wäre wahrscheinlich verloren gewesen.

Wie sollte er sich das zum Schreiben Nötige verschaffen? Aus einem alten Zahnstocher wurde bald eine Feder; er schrieb nur nach dem Gefühl, denn im Zwischendeck war's pechfinster. Papier bot das rückwärtige Blatt eines Briefes, eines Duplikats jener gefälschten Einladung des Herrn Roß. Er schnitt sich dann in den Finger, gerade über'm Nagel, wo das Blut reichlich hervorzuquellen pflegt. Das war seine Tinte, und jetzt schrieb er im Dunkeln, so gut als es ging, jene Mitteilung an mich. Es war darin gesagt, daß eine Meuterei stattgefunden habe, daß der Kapitän ausgesetzt worden sei, daß ich bald Hilfe erwarten könne, was Lebensmittel anbetreffe; aber keinerlei Störung hervorbringen möge. Die Schlußworte lauteten: »Ich habe dies mit Blut geschrieben – bleib stille liegen, wenn Dir Dein Leben lieb ist.«

Dieser Papierstreifen wurde am Hunde befestigt; der sprang durch die Luke. Augustus gelangte, so gut als es ging, nach dem Vorderkastell, und er hatte keinen Grund, anzunehmen, daß einer von den Leuten inzwischen unten gewesen war. Um das Loch in der Wand zu verbergen, steckte er sein Messer ins Holz und hing seine Jacke daran auf. Dann legte er sich selbst wieder in Fesseln.

Alles das war kaum getan, als Dirk Peters herunterkam, stark bezecht, jedoch in bester Laune, und mit Vorräten für meines Freundes leibliches Wohl. Jene bestanden in einem Dutzend gerösteter großer irischer Kartoffeln und einem Eimer Wasser. Er saß eine Weile auf einer Kiste nächst der Koje und sprach offenherzig über den Maat und die Zustände an Bord des Schiffes. Sein Benehmen war launisch, um nicht zu sagen grotesk. Einmal war Augustus durch sein Verhalten sehr beunruhigt. Endlich begab er sich wieder aufs Verdeck, indem er murmelte, er werde dem Gefangenen morgen ein gutes Essen bringen. Während des Tages kamen zwei Harpuniere, begleitet vom Koch; alle drei waren nahezu im letzten Stadium der Trunkenheit. Gleich Peters sprachen sie ohne Rückhalt über ihre Pläne. Sie schienen untereinander uneins in bezug auf den Kurs, der eingehalten werden sollte; einig waren sie nur in einem Punkt, nämlich bezüglich des Angriffes auf das Schiff von den Kapverdi-Inseln, das stündlich erwartet wurde. Die Meuterei schien nicht allein der Beute wegen in Szene gesetzt worden zu sein; ein persönlicher Groll des Unterschiffers gegen Kapitän Barnard schien den hauptsächlichen Anstoß gegeben zu haben. Jetzt gab es offenbar zwei Parteien, die des Unterschiffers und die des Kochs. Jener wollte das erste geeignete Schiff besetzen und es an irgendwelchem westindischen Eiland auf Seeräuberei einrichten. Doch die Gegenpartei, der auch Dirk angehörte, war stärker; sie wollten den ursprünglichen Kurs nach dem südlichen Teile des Stillen Ozeans beibehalten, dort entweder Walfische fangen oder etwas anderes beginnen, je nach den Umständen. Peters hatte oftmals diese Gegend besucht, und seine Vorstellungen waren von großem Gewicht bei den Meuterern, die zwischen Gewinn und Vergnügen unklar hin und her schwankten. Er betonte, welch eine neue, abwechslungsreiche Welt sich auf den zahllosen Inseln der Südsee finde, welche vollkommene Sicherheit, welche ungezügelte Freiheit man dort genießen könne, wie üppig das Leben, wie angenehm das Klima, wie wollüstig schön die Frauen seien. Noch war nichts Bestimmtes abgemacht; aber die Schilderungen des Halbblutes hatten sich der glühenden Einbildungskraft der Seeleute bemächtigt, und es war mehr als wahrscheinlich, daß sein Vorschlag durchgehen würde.

Nach einer Stunde entfernten sich die drei Männer, und während dieses Tages betrat niemand weiter das Vorderkastell. Augustus lag bis zum Abend still. Dann streifte er Strick und Schellen ab und machte sich an sein Vorhaben. In einer der Kojen fand er eine Flasche, füllte diese mit Wasser und seine Taschen mit kalten Kartoffeln. Zu seiner Freude entdeckte er auch eine Laterne mit einem Stückchen Talgkerze darin. Als es ganz dunkel war, kroch er durch das Loch in der Scheidewand, nachdem er die Vorsicht gehabt hatte, der Koje das Ansehen zu geben, als schliefe hier einer. Nachdem er hindurch war, hing er seine Jacke wie vorhin an seinem Messer auf; das fehlende Stückchen Planke fügte er vorläufig nicht wieder ein. Er war jetzt im Zwischendeck und arbeitete sich wie gestern zwischen den Tranfässern und dem oberen Verdeck nach der Hauptluke hin. Hier zündete er ein Licht an und stieg hinunter, indem er nur mit der größten Mühe zwischen den festen Verstauungen des Kielraums vorwärts drang. Bald beunruhigten ihn der unerträgliche Geruch und die Stickigkeit der Luft. Er konnte es kaum für möglich halten, daß ich meine Einsperrung so lange hätte überleben können. Er rief mich wiederholt beim Namen, aber ich antwortete nicht, und seine Befürchtungen schienen zur Wahrheit zu werden. Die Brigg stampfte heftig, und der Lärm war so groß, daß ein leiser Ton, wie mein Atmen oder Schnarchen, nicht vernehmbar gewesen wäre. Er öffnete die Blendlaterne und hielt sie, so oft sich Gelegenheit ergab, so hoch als möglich, damit ich, falls ich lebte, das Herannahen der Hilfe zu erkennen vermöchte. Noch immer war von mir nichts zu vernehmen, und die Vermutung, ich sei tot, gestaltete sich ihm allmählich zur Gewißheit. Trotzdem beschloß er, einen Weg zu meinem Koffer zu erzwingen. Eine Zeitlang rückte er im jämmerlichsten Zustande der Besorgnis weiter, bis er endlich den Durchgang vollkommen verstopft fand und einsah, daß er auf diesem Wege sein Ziel nicht erreichen werde. Seine Gefühle überwältigten ihn, er warf sich verzweifelnd unter das Gerümpel und weinte wie ein Kind. In diesem Moment hörte er den Krach, den ich durchs Wegwerfen meiner Flasche erzeugt hatte. Auf diesem so geringfügigen Vorkommnis beruhte, wie es scheint, mein Schicksal. Das aber habe ich erst nach vielen Jahren erkannt. Natürliche Scham und ein Bedauern seiner Schwäche verhinderten Augustus, mir sofort zu beichten, was er mir später in schrankenlosem Vertrauen enthüllte. Er hatte angesichts unüberwindlicher Hindernisse seinen Versuch, zu mir durchzudringen, bereits aufgegeben und beschlossen, ins Vorderkastell zurückzukehren. Man sollte ihn nicht gänzlich verdammen, ohne die quälenden Umstände, die ihn hemmten, in Betracht zu ziehen. Die Nacht war am Schwinden; seine Abwesenheit konnte entdeckt werden; ja, das mußte der Fall sein, wenn er nicht bei Tagesanbruch in seiner Koje war. Seine Kerze verflackerte bereits; es würde sehr schwer sein, im Dunkeln den Weg zur Luke wiederzufinden. Dann hatte er auch alle Ursache, mich für tot zu halten, was aber hätte es mir genützt, wenn er ohne Zweck einer Welt von Mühen begegnet wäre? Ich war jetzt elf Tage und Nächte unten; ich hatte kein Wasser außer dem in jenem Kruge enthaltenen und würde schwerlich damit gespart haben, da ich Grund hatte, auf baldige Erlösung zu hoffen. Auch mußte ihm, der aus der verhältnismäßig freien Luft des Matrosenlogis kam, die Atmosphäre im Kielraum geradezu giftig und viel unerträglicher erscheinen, als ich sie beim Beziehen des Raumes empfunden hatte; waren doch die Luken vorher durch Monate offen gewesen. Rechnet man noch hinzu die eben erlebten Szenen voll Blutvergießens und Schreckens, seine Einschließung, seine schlechte Ernährung, sein knappes Entrinnen aus Lebensgefahr und die fragliche Sicherheit, in der er sich noch befand – lauter Umstände, die wohl geeignet sind, jede Willenskraft zu brechen –, so wird es dem Leser leicht fallen, sein scheinbares Versagen eher mit Betrübnis als mit Entrüstung zu betrachten.

Deutlich hörte er den Krach von der Flasche, aber er war nicht sicher, ob der Laut aus dem Kielraum gekommen war. Der Zweifel genügte ihm jedoch, um ihn zur Fortsetzung seiner Bemühungen anzuspornen. Er kletterte fast bis zum Zwischendeck empor und rief dann so kräftig als möglich meinen Namen, indem er ein Nachlassen im Gestampfe des Schiffes sich zunutze machte, ohne für den Augenblick daran zu denken, daß man ihn oben hören könne. Der Ruf erreichte mich, wie man weiß; aber die entsetzliche Aufregung nahm mir jede Fähigkeit, zu antworten. Nun hielt er seine schlimmsten Besorgnisse für begründet und machte sich, ohne Zeit zu verlieren, auf den Rückweg. In der Eile warf er ein paar Kisten um; das war der Lärm, den ich hörte. Dann fiel mein Messer zu Boden, und das machte ihn stutzig. Sogleich kehrte er um, erklomm abermals die verstauten Kisten und rief in einer Pause des Sturmes laut meinen Namen. Diesmal war es mir möglich, ihm Antwort zu geben. Hoch erfreut über die Entdeckung, daß ich noch am Leben war, entschloß er sich jetzt, jeder Schwierigkeit Trotz zu bieten. Er entwand sich dem Gerümpel, das ihn gehemmt hatte, fand endlich einen besseren Durchgang und erreichte in einem Zustande völliger Erschöpfung mein Versteck.

Sechstes Kapitel

Jetzt berichtete mir Augustus nur die wichtigsten seiner Erlebnisse. Erst später füllte er die Erzählung mit Einzelheiten aus. Er fürchtete, vermißt zu werden, und ich war in wilder Ungeduld, endlich mein schreckliches Gefängnis verlassen zu dürfen. Wir entschlossen uns, sofort nach dem Loch in der Scheidewand unsern Weg zu nehmen; dort sollte ich vorläufig bleiben, während er sich erkunden ging. Tiger im Koffer zu lassen, war uns ein unerträglicher Gedanke; doch was sollten wir sonst mit ihm beginnen? Er schien jetzt ganz ruhig, und selbst wenn wir das Ohr an die Kofferwand legten, konnten wir nicht seinen Atem hören; ich war daher überzeugt, daß er tot sei, und entschloß mich, die Tür zu öffnen. Er lag lang ausgestreckt, in tiefer Betäubung; doch lebte er noch. Es war keine Zeit zu verlieren, und doch konnte ich mich nicht dazu bewegen, das Tier im Stiche zu lassen, das mir zweimal das Leben gerettet hatte. Ein Versuch zu seiner Erhaltung mußte gemacht werden; wir schleppten ihn daher, so gut wir konnten, freilich unter unsagbaren Schwierigkeiten und todmüde. Augustus mußte wiederholt mit dem schweren Hunde im Arm über Hindernisse hinwegklettern, was ich in meiner Schwäche niemals gekonnt hätte. Endlich kamen wir beim Loche an; Augustus kroch hindurch, Tiger wurde nachgeschoben. Alles war in Ordnung, und wir dankten Gott für unsere Errettung aus der unmittelbarsten Gefahr. Vorläufig sollte ich nahe der Öffnung bleiben, durch die mein Freund mir Lebensmittel zustecken sollte und an der ich eine verhältnismäßig reine Luft atmen konnte.

Um einige Stellen meines Berichtes, an denen ich von der Verstauung sprach, näher zu erklären, muß ich hervorheben, daß diese so wichtige Pflicht von Kapitän Barnard in einer Weise geübt worden war, die geradezu fahrlässig genannt werden mußte; er war keineswegs der vorsichtige und erfahrene Seemann, den sein Dienst gebieterisch zu erfordern schien. Eine richtige Verstauung kann nicht fürsorglich genug betrieben werden; viele der schlimmsten Unfälle sind die Folge von Unaufmerksamkeit oder Unwissenheit in dieser Beziehung. Küstenfahrer, die oft und in großer Eile ihre Ladung einnehmen, fallen am häufigsten einem Mangel an Aufmerksamkeit bei der Verstauung zum Opfer. Die Hauptsache ist, daß selbst beim ärgsten Schlingern oder Stampfen des Schiffes die Ladung und der Ballast ihre Lage nicht verändern dürfen. Auf den meisten Schiffen verstaut man die Ladung vermittels einer Schraube. Der Zweck dieser Methode ist, mehr Platz im Kielraum zu gewinnen.

Die Verstauung an Bord des »Grampus« war eine gar elende Leistung, wenn man das überhaupt Verstauung nennen konnte: Tranfässer und Schiffsgerät achtlos durcheinanderzumengen. (Die meisten Walfänger sind mit eisernen Tranbehältern versehen; warum sie dem »Grampus« fehlten, habe ich nie ermitteln können.) Den Zustand im Kielraum habe ich schon beschrieben; im Zwischendeck war gerade Raum für meinen Körper, wie ich schon gesagt habe, wenn ich mich zwischen die Tranfässer und das Oberdeck zwängte; um die Hauptluke herum war Platz gelassen, und in der Verstauung gab es sonst noch etliche Lücken. Bei dem Loche, das Augustus herausgesägt hatte, war Raum für ein ganzes Faß; und hier nahm ich vorläufig eine ziemlich bequeme Stellung ein.

Als mein Freund glücklich in seiner Koje lag und seine Fesseln wieder an Händen und Füßen hatte, war es heller Tag geworden. Wir waren mit genauer Not davongekommen; denn kaum hatte er alles in Ordnung gebracht, als der Maat, Dirk Peters und der Koch herabkamen. Sie sprachen eine Zeitlang über das Schiff von den Kapverden, nach dessen Erscheinung sie ein lebhaftes Verlangen trugen. Endlich kam der Koch zu Augustus' Koje und setzte sich an den Kopf des Bettes. Ich konnte jedes Wort aus meinem Verstecke hören und erwartete jeden Augenblick, daß der Neger sich an die über der Öffnung hängende Matrosenjacke lehnen würde; dann wäre alles entdeckt worden, und wahrscheinlich hätte man uns umgebracht. Doch blieb uns das Glück treu; denn so oft er auch, wenn das Schiff sich stark bewegte, an die Jacke rührte, so war sein Druck niemals stark genug, um eine Entdeckung herbeizuführen. Die Jacke war unten an der Scheidewand befestigt, so daß sie das Loch nicht durch Hin- und Herschlenkern offenbaren konnte. Die ganze Zeit über lag Tiger am Fußende der Koje, und er schien einen Teil seiner Vernunft wiedergewonnen zu haben, denn ich sah ihn zuweilen die Augen öffnen und einen langen Atemzug tun.

Nach einigen Minuten ging der Maat mit dem Koch hinauf, und sobald sie fort waren, nahm Dirk Peters den Platz ein, auf dem jener gesessen hatte. Er ließ sich mit Augustus in eine gemütliche Unterhaltung ein, und wir erkannten jetzt, daß seine Trunkenheit erheuchelt war. Er antwortete offenherzig auf alle Fragen meines Freundes, sagte ihm, er zweifle nicht daran, daß man seinen Vater aufgefunden habe, da an jenem Tage nicht weniger als sechs Segel kurz vor Sonnenuntergang gesichtet worden seien, und er sprach ihm auch sonst tröstlich zu, was mir ebenso überraschend als erfreulich war. In der Tat fing ich an zu hoffen, daß wir mit Peters' Hilfe uns der Brigg wieder bemächtigen könnten, und teilte diesen Gedanken meinem Freunde so bald als möglich mit. Er hielt die Sache nicht für unmöglich, betonte aber, daß man sehr behutsam vorgehen müsse, da das Benehmen des Halbbluts möglicherweise nur einer Laune entsprungen sei; es war auch wirklich schwer zu sagen, ob er überhaupt bei Verstande war. Peters ging bald an Deck und kehrte erst gegen Mittag zurück; er brachte Augustus einen reichlichen Vorrat von gesalzenem Rindfleisch und Pudding, an denen ich mir später ebenfalls gütlich tat. Niemand anderes kam während des Tages ins Vorderkastell; abends kroch ich in Augustus' Koje und schlief dort süß und tief bis Tagesanbruch; da hörte er ein Geräusch auf dem Verdeck, er weckte mich, und ich eilte in mein Versteck zurück. Als es völlig Tag war, fanden wir, daß Tiger sich fast gänzlich erholt hatte; er gab kein Zeichen von Wasserscheu, trank vielmehr, was wir ihm boten, mit sichtlichem Behagen. Während des Tages gewann er alle seine Kräfte und seinen guten Appetit zurück. Ohne Zweifel stand sein wunderliches Benehmen in keiner Beziehung zur Hundswut, es war vielmehr eine Folge der schädlichen Luft des Kielraums. Ich freute mich herzlich, daß ich darauf bestanden hatte, ihn mitzunehmen. Dieser Tag war der dreißigste Juni, der dreizehnte Tag nach der Abfahrt des »Grampus« von Nantucket.

Am zweiten Juli kam der Maat herunter, besoffen wie gewöhnlich und in ausgezeichneter Laune. Er trat in die Koje meines Freundes, gab ihm einen Klaps auf den Rücken und fragte ihn, ob er sich würde zu benehmen wissen, falls er frei würde, und ob er verspräche, die Kajüte nicht mehr zu betreten. Natürlich antwortete Augustus mit Ja, worauf der Halunke ihn losband, nachdem er ihn genötigt hatte, Rum aus einer Flasche zu trinken, die er aus seiner Rocktasche zog. Nun stiegen beide hinauf, und während drei Stunden bekam ich Augustus nicht zu Gesicht. Dann kam er mit der guten Nachricht, daß er auf der Brigg frei umhergehen dürfe, nur achter dürfe er sich nicht blicken lassen, und daß er wie bisher im Vorderkastell schlafen müsse. Er brachte mir auch ein gutes Essen und einen reichlichen Vorrat an Wasser. Die Brigg kreuzte noch in Erwartung des Schiffes von den Kapverden, und ein Segel war in Sicht, das für jenes gehalten wurde. Da sich in den nun folgenden Tagen nichts von Bedeutung ereignete, will ich hier in Tagebuchform so kurz als möglich darüber berichten.

Den 3. Juli. Augustus besorgte mir drei wollene Decken, so daß ich mir in meinem Versteck ein bequemes Lager einrichten konnte. Niemand außer ihm besuchte das Vorderkastell. Tiger machte sich's in der Koje dicht bei der Öffnung bequem und schlief sich gründlich aus, als ob er sich noch nicht ganz von seinem Unwohlsein erholt hätte. Gegen Abend warf sich eine Bö auf das Schiff, bevor man die Leinwand verringern konnte, so daß es beinahe gekentert wäre. Der Anprall hörte sofort wieder auf, und abgesehen von einem Riß im Vortoppsegel erlitt die Brigg keinen Schaden. Peters behandelte Augustus mit steter Freundlichkeit und unterhielt sich lange Zeit mit ihm über den Stillen Ozean und die Inseln, die er in dieser Gegend besucht hatte. Er fragte ihn, ob er nicht mit den Meuterern eine Art Entdeckungs- und Vergnügungsreise in jene Gegenden machen wolle, und fügte hinzu, die Leute gingen allmählich auf die Absichten des Unterschiffers ein. Augustus hielt es für angezeigt, darauf zu erwidern, daß er gern solche abenteuerliche Fahrt unternehmen würde, da sich nichts Besseres tun lasse, und daß alles und jedes einem Seeräuberleben vorzuziehen sei.

Den 4. Juli. Das in Sicht gelangte Schiff erwies sich als eine kleine Brigg, die von Liverpool kam; man ließ sie unbelästigt ihres Weges ziehen. Augustus hielt sich tagsüber an Deck auf, um möglichst viel über die Absichten der Meuterer zu erfahren. Sie stritten oft und heftig miteinander; einmal wurde ein Harpunier, Jim Bonner, über Bord geworfen. Die Partei des Maats fing an, die Oberhand zu gewinnen. Jim Bonner gehörte zur Partei des Kochs, zu der auch Peters zählte.

Den 5. Juli. Gegen Tagesanbruch kam eine steife Brise von Westen, die mittags zu einem Sturm anschwoll, so daß die Brigg nur mehr unter Schnausegel und Focksegel laufen konnte. Beim Reffen des Vortoppsegels stürzte Simms, ein gewöhnlicher Matrose und ebenfalls von der Partei des Schiffskochs, über Bord; er war stark bezecht und ertrank, ohne daß irgend jemand einen Versuch zu seiner Rettung gemacht hätte. Jetzt zählte die Bemannung des Schiffes dreizehn Personen, nämlich: Dirk Peters, Symour, den schwarzen Koch, Jones, Greely, Hartman Rogers und William Allen von der Partei des Kochs; der Maat, dessen Namen ich nie gehört habe, Absalom Hicks, Wilson, John Hunt und Richard Parker von der Partei des Maats; dazu Augustus und mich selbst.

Den 6. Juli. Der Sturm dauerte den ganzen Tag, er blies in schweren Böen; dazu regnete es, durch die Fugen der Brigg drang eine Menge Wasser ein, und die Pumpen waren in ununterbrochener Tätigkeit; auch Augustus mußte mithelfen. In der Dämmerung kam ein stattliches Schiff nahe an uns vorüber; man bemerkte es erst, als es in Rufweite war. Wahrscheinlich war es jenes, dem die Meuterer auflauerten. Der Maat rief es an, aber das Heulen des Sturmes verschlang die Antwort. Um elf brach sich eine See mitschiffs über dem Verdeck, riß einen großen Teil der Backbordreling weg und tat noch weiteren Schaden. Gegen Morgen ließ das Unwetter nach, und bei Sonnenaufgang wehte nur noch ein schwacher Wind.

Den 7. Juli. Eine starke Dünung herrschte den ganzen Tag hindurch; die Brigg schlingerte entsetzlich, und im Kielraum rollten, wie ich wohl vernehmen konnte, viele Gegenstände von ihren Plätzen. Ich litt furchtbar unter der Seekrankheit. Peters hatte eine lange Unterredung mit Augustus und erzählte ihm, daß zwei von den Leuten, Greely und Allen, zum Maat übergegangen waren und sich bereit erklärten, Seeräuber zu werden. Er richtete verschiedene Fragen an Augustus, die letzterem damals unverständlich waren. Während der Abendzeit machte sich ein Leck im Schiffe mehr und mehr bemerkbar; man konnte nicht viel dagegen unternehmen, da es durch die schlechte Kalfaterung der Brigg verursacht wurde. Wir stopften die Öffnungen am Bug mit Segelgarn; das half ein wenig, und das Leck war für den Augenblick unschädlich gemacht.

Den 8. Juli. Eine leichte Brise wehte um Sonnenaufgang aus dem Osten; der Schiffer ließ unsere Brigg einen südwestlichen Kurs nehmen, da er in Verfolgung seiner Seeräuberpläne eine der Inseln Westindiens anzulaufen gedachte. Peters und der Koch erhoben – wenigstens in Gegenwart meines Freundes – keinerlei Einspruch. Der Angriff auf jenes kapverdische Schiff war aufgegeben worden; das Leck wurde dadurch unterdrückt, daß man alle dreiviertel Stunden an die Pumpen ging. Während des Tages wurden zwei kleine Schuner angesprochen.

Den 9. Juli. Herrliches Wetter. Alle waren mit Ausbesserung der Schäden beschäftigt, die jene Sturzsee erzeugt hatte. Peters hatte abermals eine lange Besprechung mit Augustus; er sprach sich deutlicher aus, als er bisher getan. Er äußerte nichts, um ihn zu den Ansichten des Maats zu bekehren, und deutete sogar die Frage an, ob er in diesem Falle auf seine Hilfe rechnen könne. Ohne Zögern antwortete Augustus mit Ja. Darauf bemerkte Peters, er werde die andern Leute von seiner Partei ausholen, und ging seiner Wege. Während dieses Tages hatte Augustus weiter keine Gelegenheit, unter vier Augen mit ihm zu reden.

Siebentes Kapitel

Den 10. Juli. Sprachen eine Brigg von Rio an, die nach Norfolk fuhr. Das Wetter dunstig, mit leichtem, unsicherem Wind von Osten. Heute starb Hartman Rogers, nachdem er schon am achten durch den Genuß eines Glases Grog einen Krampfanfall erlitten. Er gehörte zur Partei des Kochs, und Peters hatte zu ihm das größte Vertrauen. Er sagte zu Augustus, der Schiffer habe Rogers vergiftet, und er müsse sich in acht nehmen, sonst käme er an die Reihe. Jetzt waren außer Peters selbst nur mehr Jones und der Koch von seiner Partei; die andere zählte fünf Mitglieder. Er hatte mit Jones darüber gesprochen, ob man nicht dem Maat das Schiffskommando entreißen könnte; aber der Vorschlag wurde kühl aufgenommen, daher ließ er ihn fallen und sagte auch dem Koch kein Wort. Diese Vorsicht war sein Glück, denn am Nachmittag ging der Koch förmlich zur Partei des Schiffers über; Jones aber suchte Streit mit Peters und drohte, dessen Plan den Machthabern zu enthüllen. Jetzt war keine Zeit zu verlieren; Peters erklärte sich bereit und fest entschlossen, das Schiff um jeden Preis zu nehmen, falls Augustus ihm beistehen wolle. Mein Freund versicherte ihn sofort seiner Bereitwilligkeit und hielt nun die Gelegenheit für günstig, meine Anwesenheit an Bord zu verraten. Das Erstaunen und die Freude des Mestizen waren groß, da er sich auf Jones nicht mehr verlassen konnte und ihn schon zur Partei des Maats zu rechnen Ursache hatte. Sofort gingen sie unter Deck, Augustus rief mich beim Namen und machte mich mit Peters bekannt. Wir einigten uns dahin, das Schiff bei der ersten günstigen Gelegenheit zurückzuerobern, und ließen Jones völlig beiseite. Im Falle des Gelingens würden wir die Brigg nach dem nächstgelegenen Hafen steuern und dort abliefern. Da sein Anhang ihn im Stiche gelassen, gab Peters den Plan, nach dem Stillen Ozean zu segeln, auf, denn ohne Mannschaft ließ sich solch ein Unternehmen nicht durchführen, und er rechnete darauf, bei der Verhandlung entweder wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen zu werden (er behauptete feierlich, in einer Geistesstörung zur Teilnahme an der Meuterei verleitet worden zu sein) oder, falls er verurteilt würde, auf Grund unserer Darstellung begnadigt zu werden. Unsere Besprechung wurde durch den Befehl: Alle Mann an Deck! Segel reffen! unterbrochen, und ich allein blieb im Vorderkastell zurück.

Wie gewöhnlich, war die Mannschaft bis auf den letzten betrunken, und bevor man ordentlich ans Reffen gehen konnte, hatte eine heftige Bö das Schiff vornüber gelegt; doch gelang es, die Brigg aufzurichten, nachdem sie eine Menge Wassers eingenommen hatte; kaum war alles in Ordnung, da kam eine zweite Bö und noch eine, aber es geschah kein Schaden. Ein Sturm schien sich vorzubereiten, und in der Tat blies er bald in großer Wut aus Norden und Westen. Man machte alles so fest als möglich, und wir legten bei, wie gewöhnlich, unter gerefften Focksegeln. Die Nacht kam heran, der Sturm nahm an Heftigkeit zu, die See ging auffallend hoch. Peters kam nun mit Augustus ins Vorderkastell, und wir nahmen unsere Beratungen wieder auf.

Wir waren darin einig, daß keine Gelegenheit für die Ausübung unseres Vorhabens günstiger sein könne als die gegenwärtige, da ein Angriff in diesem Augenblicke unmöglich erwartet würde. Man brauchte, bis wieder gutes Wetter eintrat, nicht zu manövrieren; dann könnten wir im Falle des Gelingens einen oder zwei von den Leuten befreien, damit sie uns hülfen, das Schiff in den Hafen zu bringen. Die Hauptschwierigkeit lag in der großen Ungleichheit der Streitkräfte. Wir waren unser nur drei, die Kajüte zählte neun Mann. Alle Waffen waren in ihrem Besitz, außer ein paar kleinen Pistolen, die Peters an seinem Leibe versteckt hatte, und dem großen Seemannsmesser, das er stets im Hosengürtel trug. Aus gewissen Anzeichen – zum Beispiel, daß Äxte und Handspeichen nicht an ihrem gewöhnlichen Orte lagen – schlossen wir auf einen Verdacht von seiten des Maats, wenigstens auf Peters, und daß jener keine Gelegenheit vorübergehen lassen würde, sich des letzteren zu entledigen. Was wir beschlossen hatten, das mußte bald getan werden, soviel war uns klar. Doch waren wir so sehr im Nachteil, daß wir nur mit der größten Behutsamkeit vorgehen durften.

Peters schlug vor, wir sollten an Deck gehen, dort wollte er ein Gespräch mit der Wache (Allen) beginnen und ihn dann ohne Umstände über Bord werfen; dann sollten Augustus und ich herankommen, uns mit irgendwelchen Waffen versehen und dann im Sturm den Eingang der Kajüte besetzen, ehe an Widerstand zu denken war. Dem widersprach ich, denn ich konnte nicht glauben, daß der Maat, ein verdammt schlauer Kerl in allen Dingen, die nichts mit seinem Aberglauben zu tun hatten, sich so leicht überfallen ließe. Die Tatsache, daß eine Wache auf dem Verdeck war, genügte schon als Beweis für sein Mißtrauen; denn auf Schiffen ohne Disziplin ist dergleichen nicht üblich, sobald das Schiff beigelegt hat. Da ich mich zumeist an Leser wende, die nie auf der See gewesen sind, möchte ich hier die Lage eines Fahrzeuges unter derartigen Umständen näher beschreiben. »Beilegen« ist eine Maßnahme, zu der man zu verschiedenen Zwecken und auf verschiedene Art seine Zuflucht nimmt. Bei leidlichem Wetter handelt es sich oft nur darum, das Schiff aufzuhalten, etwa um auf ein anderes Schiff zu warten, oder zu ähnlichem Zweck. Fährt das Schiff mit vollen Segeln, so pflegt man einen Teil der Segel zu brassen, so daß sie der Wind back legt und das Schiff stehen bleibt. Aber gegenwärtig handelt es sich um das Beilegen während eines Sturmes. Das geschieht, wenn der Wind voraus ist und seine Heftigkeit eine größere Segellast nicht ohne Gefahr des Kenterns gestattet; manchmal sogar bei gutem Winde, wenn die See zu hoch geht. Läßt man ein Schiff bei stark bewegter See vor dem Winde treiben, so kann es leicht zuviel Wasser über den Stern bekommen, zuweilen auch durch das starke Tauchen des Vorderteils. Dies Manöver wird daher nur im Notfalle angewendet. Leckt das Schiff, so läßt man es oft in der ärgsten See vor dem Winde treiben, denn es könnten sonst seine Fugen durch den lebhaften Widerstand erweitert werden, und da ist das Treibenlassen immer noch ratsamer. Häufig wird's auch nötig, ein Schiff treiben zu lassen, wenn entweder der Sturm so entsetzlich ist, daß er die Segel zerreißen würde, oder wenn infolge von Fehlern in der Konstruktion oder aus anderen Gründen der Kopf des Schiffes nicht gegen den Wind gerichtet werden kann.

Schiffe, die sich in einem Sturme befinden, werden je nach ihrem Bau auf verschiedene Art beigelegt. Manche liegen am besten unter Focksegel; dieses wird, glaube ich, am häufigsten benutzt. Große mit Raaen getakelte Schiffe haben zu jenem Zwecke besondere Sturmsegel. Manchmal wird der Klüver allein angewendet, manchmal Klüver und Focksegel oder ein doppelt gerefftes Focksegel, nicht selten gebraucht man auch die Achtersegel. Am brauchbarsten erweist sich häufig das Vortoppsegel. Der »Grampus« legte gewöhnlich unter gerefftem Focksegel bei.

Soll ein Schiff beilegen, so bringt man den Kopf gewöhnlich so nahe an den Wind, daß er die Segel füllt, wenn sie diagonal über dem Schiffskörper liegen. Nun wendet sich der Bug wenige Grade von der Windrichtung, und die dem Sturm zugewendete Seite des Bugs empfängt den Anprall der Wogen. In dieser Stellung kann ein tüchtiges Schiff einen sehr schweren Sturm aushalten, ohne einen Tropfen Wasser zu bekommen, und ohne daß die Mannschaft sich weiter darum zu kümmern braucht. Das Steuer wird gewöhnlich befestigt, aber das ist vollkommen überflüssig, abgesehen von dem Lärm, den das lose Steuer vollführt, denn das Ruder hat auf das Schiff keinen Einfluß, sobald dieses beiliegt. Es ist sogar besser, wenn man das Steuer nicht allzu fest anbindet, denn eine schwere See kann leicht das Ruder abbrechen, sobald das Steuer keinen Spielraum hat. Solange das Segel hält, bleibt ein gut gebautes Schiff in seiner Lage und trotzt, als wäre es ein lebendiges und vernünftiges Geschöpf, jeglichem Andrang der Wellen. Sollte aber der Wind in seiner Heftigkeit das Segel zerreißen (unter gewöhnlichen Verhältnissen gehört dazu ein wahrer Orkan), dann ist unmittelbare Gefahr vorhanden. Das Schiff fällt vom Winde ab und kehrt der See die Flanke zu; dann ist es ihr auf Gnade und Ungnade ausgeliefert; die einzige Hilfe besteht dann darin, daß man es ruhig vom Winde treiben läßt, bis es möglich ist, ein anderes Segel zu setzen. Manche Schiffe können überhaupt nicht beilegen; solche dürfte man jedoch dem Meere niemals anvertrauen.

Nun war es dem Maat nie eingefallen, unter den geschilderten Umständen eine Wache aufs Deck zu stellen; daß er es jetzt tat, daß ferner die Äxte und Hebebäume fehlten, überzeugte uns völlig von der Wachsamkeit der Mannschaft und der Unmöglichkeit, den Petersschen Anschlag auszuführen. Etwas aber mußte geschehen, und das mit so wenig Verzug als möglich, da nicht daran zu zweifeln war, daß Peters, einmal im Verdacht, bei der ersten Gelegenheit beiseite geschafft würde, und eine solche würde nach dem Abflauen des Sturmes entweder gefunden oder hervorgerufen werden.

Augustus schlug nun vor, daß Peters unter irgendwelchem Vorwand das Kettenkabel von der Falltür entfernen sollte, worauf wir vielleicht einen unerwarteten Angriff vom Kielraum her unternehmen könnten; aber nach kurzem Nachdenken mußten wir uns sagen, daß die stampfende und stoßende Bewegung des Schiffes einen solchen Versuch vollkommen aussichtslos mache.

Es war eine glückliche Eingebung, daß mir der Gedanke aufstieg, ob man nicht auf die abergläubische Furcht und das schlechte Gewissen des Maats einwirken könnte. Man wird sich erinnern, daß einer von den Leuten, Rogers, am Morgen gestorben war, nachdem er offenbar vergifteten Grog getrunken. Peters wenigstens hielt an dieser Anschauung fest, für die er unerschütterliche Gründe hatte; diese wollte er uns jedoch nicht sagen, was wiederum mit seinem sonstigen wunderlichen Wesen in Zusammenhang gebracht werden muß. Ob er nun bessere Gründe hatte als wir, um den Maat zu verdächtigen, bleibe dahingestellt; wir pflichteten seinem Verdachte bei und beschlossen, in diesem Sinne zu handeln.

Rogers war um elf Uhr vormittags unter heftigen Krämpfen verschieden, und sein Körper bot wenige Minuten nach dem Eintritte des Todes eines der grausigsten und widerwärtigsten Schauspiele, deren ich mich überhaupt entsinnen kann. Der Magen war unförmlich aufgeschwollen, wie der eines Ertrunkenen, der lange im Wasser gelegen hat. Das gleiche war mit den Händen der Fall, während das Gesicht eingeschrumpft, runzelig und von kalkweißer Farbe war, die nur durch zwei oder drei hochrote Flecke belebt wurde, die an jene gemahnten, welche die Gesichtsrose erzeugt; einer dieser Flecke zog sich über das ganze Gesicht und bedeckte ein Auge wie mit einem Bande von rotem Sammet. In diesem greulichen Zustande war der Leichnam mittags aus der Kajüte heraufgebracht worden, um über Bord geworfen zu werden, als der Maat, der ihn jetzt zum ersten Male sah, entweder von Gewissensbissen heimgesucht oder von der Furchtbarkeit des Anblicks erschreckt, Befehl erteilte, den Toten in eine Hängematte zu nähen und die gewöhnlichen Zeremonien eines Begräbnisses zur See abzuhalten. Nachdem er dies angeordnet, stieg er hinunter, als wolle er den ferneren Anblick seines Opfers meiden. Während man sich anschickte, seinen Befehl auszuführen, begann der Sturm mit aller Wut zu toben, und die Leute mußten von ihrem Vorhaben abstehen. Der Leichnam blieb sich selbst überlassen und wurde in die Speigaten an Backbord geschwemmt, wo er noch zur Stunde, von der ich spreche, mit den rasenden Stößen der Brigg hin und her kollerte.

Nachdem wir über unsern Plan einig geworden, gingen wir so rasch als möglich an die Ausführung; Peters ging an Deck und wurde, wie er es vorhergesehen hatte, sofort von Allen angeredet, der mehr zur Bewachung des Vorderkastells als zu irgendeinem andern Zwecke dort postiert zu sein schien. Das Los dieses Halunken war schnell entschieden: denn Peters, der sich ihm nachlässig, als ob er ihn ansprechen wollte, genähert hatte, packte ihn an der Kehle und schleuderte ihn über Bord, bevor er einen einzigen Schrei auszustoßen vermochte. Dann rief er uns herauf. Unsere erste Maßnahme war, nach etwas zu suchen, das einer Waffe glich; dabei mußten wir die größte Vorsicht üben, denn es war unmöglich, auch nur einen Augenblick auf dem Verdeck zu stehen, sobald man sich nicht festhielt, und heftige Sturzseen brachen bei jedem Tauchen des Schiffes über dieses herein. Auch war es unerläßlich, daß wir uns beeilten, denn jede Minute konnte der Maat den Befehl zum Pumpen geben, da die Brigg sich offenbar immer stärker mit Wasser füllte. Nach einigem Suchen glaubten wir nichts Passenderes finden zu können als die Griffe der Pumpen; Augustus nahm einen, ich den andern. Nun beraubten wir den Leichnam seines Hemdes und warfen ihn ins Meer. Peters und ich gingen hinunter, Augustus hielt Wache auf dem Verdeck, und zwar gerade dort, wo Allen gestanden, und mit dem Rücken gegen den Kajüteneingang, so daß, falls einer von der Bande herauskäme, er denken mußte, es sei der ausgestellte Posten.

Sobald ich unten war, begann ich mich als Rogers Geist zu verkleiden. Das Hemd kam uns sehr zustatten; es war von merkwürdigem Schnitt und Aussehen, eine Art Weiberhemd, das der Tote über seinen Kleidern getragen hatte. Es war von blauem Baumwollenzeug, mit breiten weißen Streifen. Ich zog es über und versah mich dann mit einem falschen Magen, in Nachahmung der gräßlichen Verunstaltung des aufgedunsenen Leichnams. Das geschah durch Vollstopfen mit Bettüchern; dann zog ich ein paar weißwollene Handschuhe an und füllte sie mit den ersten besten Fetzen, die ich finden konnte. Peters schminkte mich sodann, indem er mir das Gesicht zuerst tüchtig mit Kalk einrieb und dann mit Blut, das er einer Schnittwunde am Finger entnahm, vollklexte. Der Streifen über dem Auge wurde nicht vergessen und machte einen höchst schauerlichen Eindruck.

Achtes Kapitel

Als ich mich in einem Stückchen Spiegel beim matten Scheine einer Art Blendlaterne betrachtete, erfüllte mich mein Aussehen mit einem Gefühl dumpfen Grauens, denn ich mußte der grausen Wirklichkeit gedenken, die ich verkörperte. Mich erfaßte ein heftiges Beben, ich konnte mich kaum entschließen, meine Rolle weiterzuspielen. Doch es war nötig, mit Entschiedenheit vorzugehen, Peters und ich begaben uns an Deck.

Wir fanden alles ruhig, hielten uns dicht an die Reling und schlichen uns nach dem Eingang der Kajüte. Der war nur teilweise geschlossen; man hatte ein plötzliches Zuschieben durch Einpflanzen von Holzklötzen auf der obersten Stufe zu verhindern getrachtet. Es war nicht schwer, einen Einblick in das Innere zu gewinnen, welch ein Glück, daß wir nicht versucht hatten, sie zu überrumpeln, denn sie waren offenbar darauf gefaßt. Nur einer schlief; er lag gerade am Fuße der Treppe, eine Muskete neben ihm. Die übrigen saßen auf Matratzen, die man aus den Kojen genommen und auf den Boden geworfen hatte. Sie waren in ernstem Gespräche begriffen, und obwohl sie, wie aus zwei leeren Krügen und einigen herumliegenden Zinnbechern zu schließen war, ein Saufgelage abgehalten hatten, schienen sie doch nicht so betrunken wie gewöhnlich. Alle besaßen Messer, einer oder zwei hatten Pistolen, und eine Menge Musketen lagen nahebei in einer Koje.

Wir lauschten eine Zeitlang ihrem Gespräch, ehe wir einen bestimmten Entschluß faßten; denn wir waren noch nicht völlig im klaren, wir hatten eben nur vor, ihrem Widerstande durch die Erscheinung von Rogers Geist zu begegnen. Sie besprachen ihre Seeräuberpläne; wir konnten bloß aufschnappen, daß sie sich mit der Mannschaft eines Schuners »Horniß« vereinigen und wenn möglich den Schuner selbst in ihre Hände bekommen wollten; doch war dies nur als Vorspiel zu einem größeren Unternehmen, dessen Einzelheiten uns allen entgingen, gedacht.

Einer der Leute sprach von Peters, worauf der Maat ihm eine leise, für uns unverständliche Antwort gab und dann laut hinzufügte, er könne nicht recht verstehen, weshalb der stets mit dem Kapitänsbengel im Vorderkastell stecke, und nach seiner Meinung sollten die beiden über Bord, je eher, desto besser. Darauf erfolgte keine Antwort, doch konnten wir wohl bemerken, daß die Andeutung bei der ganzen Bande, besonders aber bei Jones, lebhaftes Verständnis fand. Eine große Aufregung bemächtigte sich meiner, die um so stärker war, als ich sehen mußte, daß weder Augustus noch Peters einen Entschluß zu fassen imstande waren. Doch beschloß ich bei mir, mein Leben so teuer als möglich zu verkaufen und mich nicht durch einen Anfall von Verzagtheit überwältigen zu lassen.

Das entsetzliche Geräusch des im Takelwerk heulenden Sturmes und der über Deck hinspülenden See ließen uns nur in kurzen Pausen verstehen, was dort unten gesprochen wurde. So hörten wir einmal deutlich, wie der Maat zu einem der Leute sagte, er möge nach vorn gehen und die verdammten Tölpel in die Kajüte beordern, wo er ein Auge auf sie haben konnte, denn er wolle an Bord der Brigg keine Geheimbündelei dulden. Zu unserm Glück stampfte das Schiff in diesem Augenblicke so heftig, daß sein Befehl nicht sofort zur Ausführung gelangen konnte. Der Koch stand von seiner Matte auf, um uns zu holen, da warf ihn ein fürchterlicher Stoß, von dem ich erwartete, er würde die Masten entwurzeln, kopfüber gegen eine der Kabinentüren an Backbord, sprengte diese auf und rief noch weiter Verwirrung hervor. Glücklicherweise wurde keiner von unserer Partei aus seiner Stellung geschleudert, und wir hatten Zeit, uns rasch ins Vorderkastell zurückzuziehen und einen eiligen Kriegsplan zu schmieden, bevor der Bote erschien oder vielmehr den Kopf zur Kajütenluke herausstreckte, denn er kam nicht an Deck. Von hier konnte er nicht wahrnehmen, daß Allen fehlte, und er brüllte daher diesem, wie er glauben mußte, die Befehle des Schiffers zu. »Wohl, wohl!« rief Peters mit verstellter Stimme, und der Koch ging sofort unter Deck, ohne zu ahnen, daß etwas nicht in Ordnung sei.

Jetzt begaben sich meine Gefährten kühnlich nach der Kajüte. Peters schloß die Tür in der Art, wie er sie vorgefunden hatte. Der Maat empfing ihn mit erheuchelter Freundlichkeit und sagte Augustus, da er sich letzthin so gut geführt hätte, dürfe er von nun an in der Kajüte wohnen und in Zukunft einer der ihrigen sein. Dann füllte er einen Becher halb mit Rum und drängte ihn meinem Freunde auf. All dies hörte und sah ich, denn ich folgte meinen Genossen zur Kajütentür und nahm dort meinen früheren Posten ein. Ich hatte zwei Pumpengriffe mitgebracht, einen versteckte ich nahe dem Eingang, damit er im Notfalle bei der Hand sei.

Ich trachtete jetzt, alles, was drinnen vorging, möglichst gut zu beobachten, und suchte meine Nerven möglichst zu stählen, da ich bereit sein mußte, auf ein verabredetes Zeichen von Peters mich hinunterzubegeben, mitten unter die Meuterer. Jener verstand es, das Gespräch alsbald auf die blutigen Taten, die während der Meuterei geschehen waren, zu bringen, und verführte die Leute allmählich dazu, von tausend abergläubischen Vorstellungen zu reden, die unter den Seeleuten verbreitet sind. Ich hörte nicht ein jedes Wort, das er sagte, aber ich las die Wirkung des Gespräches aus den Gesichtern der Anwesenden. Der Maat war offenbar stark erregt, und als einer den schrecklichen Anblick erwähnte, den Rogers Leiche geboten, da schien er einer Ohnmacht nahe zu sein. Peters fragte ihn jetzt, ob es nicht besser wäre, den Toten über Bord zu werfen; ihn in den Speigaten herumzappeln zu sehen, sei doch zu graulich. Da rang der Schurke förmlich nach Atem und wendete den Kopf langsam nach den Gefährten um, als flehe er, einer von ihnen möge doch hinaufgehen und das Werk vollbringen. Aber keiner rührte sich, und es war klar, daß die ganze Gesellschaft im höchsten Grade nervös erregt war. Jetzt gab Peters das Zeichen. Sofort stieß ich die Türe auf, stieg, ohne eine Silbe zu sprechen, die Treppe hinunter und stand aufrecht inmitten der Bande.

Über die furchtbare Wirkung dieses plötzlichen Erscheinens darf man sich nicht wundern, wenn man alle Umstände in Betracht zieht. Gewöhnlich bleibt in einem solchen Falle ein leise glimmender Zweifel im Gemüte des Zuschauers, ob denn das Geschaute auch wirklich sei; eine schwache Hoffnung, daß er das Opfer einer Neckerei sei, daß die Erscheinung nicht wirklich ein Gast aus dem alten Reiche der Schatten. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, solch blasser Zweifel sei mit jeder derartigen Heimsuchung verknüpft, und das vernichtende Grauen, das zuweilen erzeugt wird, sei sogar in den qualvollsten Fällen mehr eine Art ahnenden Schauderns vor der Möglichkeit einer tatsächlichen Erscheinung, als die Furcht wirklichen Aberglaubens. Aber in dem Falle, von dem ich hier berichte, wird man wohl einsehen, daß in den Gemütern der Meuterer nicht der Schatten eines Grundes für irgendwelchen Zweifel sein konnte, Rogers Erscheinung sei in der Tat sein neubelebter, abscheuerregender Leichnam oder das gespenstige Abbild davon. Die vereinsamte Lage des Schiffes, seine Unzugänglichkeit infolge des Orkans, sie schränkten die Möglichkeiten eines Betruges in so enge Grenzen ein, daß die Meuterer meinten, jene sofort übersehen zu können. Sie waren jetzt vierundzwanzig Tage auf See gewesen, ohne eine andere Verbindung mit irgendeinem Schiffe außer einem kurzen Gespräch durchs Rohr. Auch war die ganze Mannschaft – wenigstens alle, deren Anwesenheit an Bord den Meuterern bekannt war – in der Kajüte versammelt, mit Ausnahme des als Wache hingestellten Allen, dessen Riesengestalt (er maß sechs Fuß und sechs Zoll) ihren Augen zu vertraut war, als daß sie nur einen Augenblick geglaubt hätten, er sei der Darsteller des Geistes. Man denke sich dazu die schreckeinflößende Gewalt des Sturmes, den Einfluß der von Peters in Fluß gebrachten Unterhaltung, den tiefen Eindruck, den die Scheußlichkeit des wirklichen Leichnams am Morgen auf die Phantasie der Leute gemacht hatte, die vortreffliche Verkörperung, die ich ihm angedeihen ließ, die unsichere und flackernde Beleuchtung, in der sie mich erblickten, wie der Schein der Kajütenlampe, die heftig hin und her schwankte, wechselnd und unbestimmt auf meine Gestalt fiel – so wird sich niemand wundern, daß die Wirkung noch alle unsere Erwartungen übertraf. Der Maat sprang von seiner Matratze auf und fiel dann, ohne eine Silbe zu stammeln, auf den Boden der Kajüte. Er war tot, und seine Leiche wurde wie ein Klotz durch das schwere Stampfen des Schiffes nach Lee gerollt. Von den sieben Übrigbleibenden gewannen zunächst nur drei ihre Geistesgegenwart wieder. Die vier andern saßen eine Zeitlang, als wären sie festgewurzelt – die beklagenswertesten Opfer des Grauens und völliger Verzweiflung, die ich je gesehen habe. Widerstand erfuhren wir nur vom Koch, von John Hunt und Richard Parker; aber sie verteidigten sich auf matte und unentschlossene Art. Jene beiden schoß Peters sofort über den Haufen, und ich schmetterte Parker durch einen Kopfhieb mit dem Griff der Pumpe zu Boden. Inzwischen ergriff Augustus eine der herumliegenden Musketen und schoß einen anderen Meuterer, Wilson, durch die Brust. Jetzt waren nur noch drei übrig; aber sie hatten sich endlich aus ihrer Lethargie aufgerafft; vielleicht fing es ihnen zu dämmern an: man hat uns genasführt; denn sie kämpften mit großer Entschlossenheit und Wut, und ohne Peters unerhörte Muskelkraft wären sie wohl noch Sieger geblieben. Diese drei Leute waren: Jones, Greely und Absalon Hicks. Jones hatte Augustus niedergeworfen, ihm mehrere Stiche in den linken Arm versetzt, und er hätte ihn ohne Zweifel rasch abgetan, da weder Peters noch ich von unsern Gegnern loskommen konnten, wäre nicht ein Freund, auf dessen Beistand wir gar nicht rechneten, uns rechtzeitig zu Hilfe gekommen. Dieser Freund war kein anderer als Tiger. Mit einem dumpfen Geknurre kam er in die Kajüte gesprungen, gerade in dem Augenblicke, der für Augustus die höchste Gefahr enthielt, warf sich auf Jones und hatte ihn sofort zu Boden gestreckt. Mein Freund war jedoch zu schwer verletzt, um uns irgendwelchen Beistand zu leisten, und mich hinderte meine Verkleidung an kräftigem Einschreiten. Der Hund wollte nicht von Jones Kehle ablassen; Peters war den beiden Übrigbleibenden ein mehr als ebenbürtiger Gegner und wäre wohl schneller mit ihnen fertig geworden, hätte ihm nicht der enge Raum und das furchtbare Stampfen der Brigg Hindernisse bereitet. Jetzt war es ihm möglich, einen schweren Stuhl zu packen; es lagen mehrere davon auf dem Boden herum. Mit diesem schlug er dem Greely, der eben seine Muskete auf mich abfeuern wollte, den Hirnkasten ein, und da ihn gleich darauf das Rollen des Schiffes mit Hicks in Berührung brachte, umfaßte er dessen Hals und erdrosselte ihn augenblicklich, allein vermittels seiner ungeheuren Stärke. So waren wir in viel kürzerer Zeit, als meine Schilderung in Anspruch nahm, die Herren der Brigg geworden.

Bild: Wilhelm Thöny

Von allen unseren Gegnern war nur noch Richard Parker am Leben. Diesen Menschen hatte ich, wie man sich erinnern wird, zu Anfang des Kampfes mit dem Pumpengriff niedergehauen. Er lag, ohne sich zu rühren, an der Tür der zertrümmerten Kabine; als Peters ihn mit dem Fuße anrührte, tat er den Mund auf und flehte um Gnade. Sein Kopf war nur leicht verwundet, und er hatte sonst keine Verletzung erlitten, da ihn der Schlag nur betäubt hatte. Er stand auf, und wir banden ihm vorläufig die Hände auf dem Rücken zusammen. Der Hund lag noch knurrend auf Jones, aber bei näherer Untersuchung ergab sich, daß dieser tot war; aus einer tiefen Wunde am Halse, die ihm offenbar das Tier mit seinen scharfen Zähnen geschlagen, strömte Blut.

Es mochte jetzt ein Uhr morgens sein, und noch immer blies der Sturm mit aller Macht. Die Brigg arbeitete mit größerer Anstrengung als gewöhnlich, und es erschien unerläßlich, etwas zu ihrer Erleichterung zu unternehmen. Mit jedem Stoß nach Lee kam eine Sturzsee über sie; gar manche von diesen hatte während des Handgemenges die Kajüte zum Teil überschwemmt, da ich beim Hinuntersteigen die Luke offen gelassen hatte. Die Reling an Backbord war völlig verschwunden, ebenso die Kambüse und die Jolle vom Heck. Das Ächzen und Arbeiten des Hauptmastes ließ vermuten, daß er nahezu gespalten war. Um im achtern Kielraum mehr verstauen zu können, hatte man seinen Hiel im Zwischendeck eingestaffelt, ein sehr verwerflicher Brauch, dem unwissende Schiffsbauer zuweilen huldigen, so daß er in unmittelbarer Gefahr war, aus seiner Spur zu weichen. Aber die Krone unseres Mißgeschickes war, daß wir nicht weniger als sieben Fuß Wasser im Pumpenpott vorfanden.

Wir ließen die Toten in der Kajüte liegen und begaben uns sofort ans Pumpen; natürlich wurde Parker befreit und mußte uns bei unserer Arbeit unterstützen. Meines Freundes Arm wurde so gut als möglich verbunden, und er tat, was er konnte; aber das war nicht viel. Doch fanden wir, daß wir das Leck eben am Wachsen verhindern konnten, wenn wir eine Pumpe in steter Tätigkeit erhielten. Da wir nur unserer vier waren, bedeutete das harte Arbeit; aber wir trachteten unsern Mut aufrechtzuerhalten und blickten mit Sehnsucht der Dämmerung entgegen, bei deren Licht wir die Brigg durch Kappen des Hauptmastes zu erleichtern gedachten.

Auf diese Art verging eine Nacht voll schrecklicher Angst und Ermüdung, und als der Tag endlich dämmerte, hatte der Sturm nicht im geringsten abgenommen, noch waren irgendwelche Anzeichen seines baldigen Nachlassens vorhanden. Nun schleiften wir die Leichname aufs Verdeck und warfen sie über Bord. Unsere nächste Sorge war, den Großmast loszuwerden. Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, griff Peters den Mast an (er hatte Äxte in der Kajüte gefunden), während wir andern an den Stagen und Taljereepen standen. Als die Brigg wieder mächtig nach Lee rollte, wurde Befehl gegeben, die Reepe auf der Sturmseite durchzuschneiden, und die ganze Masse Holzes und Takelwerkes purzelte in die See, ohne die Brigg im geringsten zu beschädigen. Jetzt fanden wir, daß sie nicht mehr so schwer arbeitete wie zuvor; aber unsere Lage war noch immer sehr heikel, und trotz der größten Anstrengungen vermochten wir mit Hilfe beider Pumpen das Leck nicht zu schwächen. Der geringe Beistand, den Augustus uns gewähren konnte, kam tatsächlich nicht in Betracht. Um unsere Not noch zu mehren, warf sich eine schwere See von der Windseite auf das Schiff und drehte es um einige Striche vom Winde ab, und ehe die Brigg ihre Richtung zurückerlangen konnte, brach sich eine zweite Sturzsee mit voller Wucht über ihr und warf sie heftig auf die Seite. Jetzt rutschte der ganze Ballast nach Lee, die Verstauung hatte sich längst in Willkür aufgelöst, und einen Augenblick dachten wir, nichts könne uns vor dem Kentern bewahren. Doch alsbald richteten wir uns teilweise auf; immerhin blieb jedoch der Ballast an Backbord, so daß wir zu stark auf die Seite neigten, um an den Gebrauch der Pumpen denken zu dürfen, mit denen wir überhaupt nicht viel hätten an fangen können, da unsere Hände durch die fürchterliche Arbeit wie geschunden waren und auf abscheuliche Art zu bluten begannen.

Gegen Parkers Rat machten wir uns jetzt daran, auch den Fockmast zu kappen, und brachten dies endlich nach großer Mühe zustande. Beim Sturze über Bord nahm der zerstörte Mast auch das Bugspriet mit, so daß wir uns jetzt nur noch auf einem Rumpfe befanden.

Bis dahin hatten wir Ursache uns zu freuen, daß unser Langboot nicht mitgegangen war und keinerlei Schaden durch die furchtbaren Sturzseen erlitten hatte. Aber die Freude war nicht von langer Dauer; denn nach dem Verluste des Fockmastes samt dem Focksegel, der die Brigg noch einigermaßen aufgehalten hatte, stürzten jetzt die Seen ohne jedes Hindernis über uns hinweg, und in fünf Minuten war das Deck vom Stern bis zum Buge klargefegt, und sogar das Gangspill in Trümmer geschlagen. Ein jämmerlicherer Zustand ließ sich kaum erträumen.

Um die Mittagszeit schien der Sturm nachlassen zu wollen; aber das war nur ein Wahn, denn nach wenigen ruhigen Minuten raste er mit verdoppelter Gewalt. Von vier Uhr nachmittags ab war's unmöglich aufrecht zu bleiben, und als die Nacht über uns hereinsank, hatte ich kaum den Schatten einer Hoffnung, daß die Brigg sich bis zum Morgen zusammenhalten könne.

Um Mitternacht waren wir sehr tief im Wasser; es stand jetzt schon im Zwischendeck. Bald darauf ging das Ruder fort; die See, die es wegriß, hob das Achterteil des Schiffes völlig aus dem Wasser, gegen das es beim Zurückstürzen mit einem Prall anschlug, als wäre es auf den Strand geworfen worden, wir hatten alle auf das stramme Standhalten des Ruders gerechnet, denn es war so stark befestigt, wie ich es niemals an einem Steuerruder wahrgenommen habe. Eine Reihe von eisernen Haken begleitete den Hauptbalken, eine gleiche Reihe den Hintersteven. Durch diese Haken lief eine sehr dicke Stange aus Schmiedeeisen; das Ruder hielt sich somit fest an dem Steven und bewegte sich zugleich frei an der Eisenstange. Die ungeheuere Gewalt der See, die es abriß, kann man sich vielleicht ausmalen, wenn ich sage, daß die Eisen am Hintersteven vollständig aus dem starken Holze herausgezogen wurden.

Wir hatten kaum Zeit, nach diesem grauenhaften Stoße Atem zu schöpfen, da brach eine der gewaltigsten Wogen, die ich je gesehen habe, geradeswegs über uns herein, fegte den Kajütenzugang weg, drang durch die Luken und füllte das Schiff bis zum Rande mit Wasser.

Neuntes Kapitel

Glücklicherweise hatten wir kurz vor Anbruch der Nacht alle vier uns an die Überreste des Gangspills angebunden, indem wir auf diese Art so flach als möglich auf dem Verdeck lagen. Nur diese Maßregel rettete uns vor dem Tode, wir waren alle mehr oder weniger betäubt durch die ungeheuere Wasserlast, die sich auf uns gewälzt hatte und erst von uns abflutete, als wir nahezu erschöpft waren. Sobald ich atmen konnte, rief ich nach meinen Gefährten. Nur Augustus gab eine Antwort, und die hieß: »Mit uns ist es zu Ende, möge sich Gott unserer Seelen erbarmen!« Nach und nach erhielten die übrigen ihre Sprache zurück; sie suchten uns Mut einzuflößen, da noch Hoffnung vorhanden sei, denn es sei nach der Art der Ladung unmöglich, daß die Brigg unterginge, und beinahe sicher, daß der Sturm am Morgen abflauen würde. Diese Worte belebten mich aufs neue; denn, es mag ja sonderbar erscheinen, ich hatte bisher völlig übersehen, daß ein mit leeren Tranfässern beladenes Schiff nicht sinken könne, gerade das Untergehen hatte mir als unmittelbarste Gefahr vor Augen gestanden. Als mich nun neue Hoffnung erfüllte, eilte ich, nach Kräften die Fesseln, die mich ans Gangspill banden, zu verstärken, und sah bald meine Kameraden in gleicher Absicht beschäftigt. Die Nacht war so finster als nur möglich, das entsetzliche Kreischen, die tosende Verwirrung um uns her spotteten jeder Beschreibung. Unser Verdeck lag in Meereshöhe; besser gesagt, es umringte uns ein hochgetürmter Schaumkamm, von dem jeden Augenblick ein Teil auf uns herabströmte. Es ist nicht zu viel behauptet: unsere Köpfe waren kaum zwei bis drei Sekunden richtig außer Wasser. Obwohl wir dicht beisammen lagen, so konnte doch keiner den andern sehen, noch irgendeinen Teil des Schiffes wahrnehmen, auf dem wir so toll herumgewirbelt wurden, von Zeit zu Zeit riefen wir einander zu, indem wir auf diese Weise die Hoffnung zu erfrischen, den Mut zu stärken und denen Trost zu spenden suchten, die seiner am meisten bedurften. Der Schwächezustand meines Freundes erweckte unser aller Teilnahme; da er mit seinem zerfleischten Arm sich schwerlich sehr fest hatte anschnallen können, erwarteten wir jeden Moment, ihn über Bord gehen zu sehen; doch war es unmöglich, ihm irgendwie Beistand zu leisten. Zum Glück war seine Lage etwas mehr gesichert als die der übrigen; sein Oberkörper lag unter einem Teil des zerschmetterten Gangspills, und so wurde die Heftigkeit der Seen, die sich über ihn ergossen, in etwas gemindert. In einer anderen Lage als dieser, in die ihn, nachdem er dem Ärgsten ausgesetzt gewesen, der Zufall gebracht hatte, hätte er ohne Zweifel den neuen Tag nicht erlebt. Infolge der starken Neigung der Brigg konnten wir nicht so leicht heruntergeschwemmt werden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Der Hiel war, wie ich schon sagte, an Backbord, und das halbe Verdeck lag beständig unter Wasser. Daher hielt die Schiffswand die über Steuerbord hereinbrechenden Seen auf, so daß sie uns nur geteilt erreichten, während wir flach auf unsern Gesichtern lagen; und die über Backbord kommenden Seen waren nicht imstande, uns aus unserer Fesselung herauszuspülen.

In dieser schaudervollen Lage blieben wir bis zum Anbruch des Tages, der uns die Schrecknisse um uns her aufs deutlichste zeigte. Die Brigg war nur noch ein Stück Holz, ein Spiel der übermütigen Wellen; der Sturm schien eher noch zu wachsen, es war ein vollständiger Orkan, und es schien auf Erden keine Rettung mehr geben zu wollen.

Mehrere Stunden lang klammerten wir uns schweigend fest, jeden Augenblick gewärtig, daß entweder unsere Riemen und Seile zerreißen, die Reste des Gangspills über Bord gehen würden, oder daß eine der titanischen Seen, die uns auf allen Seiten umbrüllten, den Rumpf so tief unter Wasser drücken möchte, daß wir vor seinem Wiederauftauchen ertrunken wären. Durch die Gnade Gottes wurden wir jedoch vor diesen unmittelbar drohenden Schrecken bewahrt, und gegen Mittag stärkte uns der Schein der lieben Sonne. Bald darauf empfanden wir ein merkliches Nachlassen des Sturmes, und jetzt endlich, das erstemal seit dem vorangegangenen Abend, tat Augustus den Mund auf; er fragte Peters, der ihm zunächst lag, ob er glaube, daß Rettung noch möglich sei. Zuerst erfolgte keine Antwort, wir alle dachten schon, der Mestize sei ertrunken; plötzlich aber begann er zu unserer großen Freude zu sprechen, obwohl in sehr mattem Tone: er habe furchtbare Schmerzen, die Fessel schneide ihm gerade in den Magen ein, und wenn er sie nicht lockern könnte, müßte er sterben, denn es sei ihm unmöglich, seine Qualen länger zu ertragen. Das betrübte uns sehr; denn es war völlig unnütz, an eine Hilfeleistung zu denken, solange die Seen in dieser Stärke über uns hinweggingen, wir beschworen ihn, seine Leiden heldenmütig zu ertragen, und versprachen, ihm bei der ersten Gelegenheit Erleichterung zu verschaffen. Er antwortete, es werde bald zu spät sein; daß alles vorüber sein werde, bevor wir ihm helfen könnten; er stöhnte noch eine Zeitlang und lag dann einige Minuten stille, so daß wir annahmen, er sei tot.

Als der Abend herannahte, war die See so stark gefallen, daß innerhalb etwa fünf Minuten immer nur eine Welle von der Windseite her den Rumpf überspülte, und der Sturm hatte nachgelassen, obgleich er noch immer scharf genug blies. Seit mehreren Stunden hatte ich keinen meiner Gefährten sprechen hören, und ich rief jetzt nach Augustus. Er antwortete mit so schwacher Stimme, daß ich ihn nicht verstehen konnte. Dann redete ich Peters und Parker an; keiner von beiden gab mir eine Antwort.

Kurze Zeit nachher verfiel ich in eine Art Bewußtlosigkeit; die lieblichsten Bilder erstanden in meiner Phantasie: windbewegte Baumkronen, wogende Felder reifenden Getreides, Aufzüge von anmutigen Tänzerinnen, Reitertruppen und andere Gebilde. Ich erinnere mich jetzt, daß in allem, was ich erblickte, der leitende Gedanke Bewegung war. So träumte ich niemals von einem festwurzelnden Gegenstande, von einem Hause oder Berge oder dergleichen, sondern Windmühlen, Schiffe, große Vögel, Luftballons, Reiter, Wagen, die wahnsinnig schnell fuhren, und ähnliche bewegliche Dinge zogen in endloser Folge an mir vorüber. Als ich aus diesem Zustande erwachte, mochte die Sonne nach meinem Ermessen etwa seit vier Stunden aufgegangen sein. Es kostete mich viele Mühe, die verschiedenen Umstände, die mit meiner Lage verknüpft waren, ins Gedächtnis zurückzurufen, und ich blieb eine Zeitlang der festen Meinung, daß ich mich noch im Kielraum der Brigg befände, und daß mein Nachbar Parker der Hund Tiger sei.

Als ich endlich vollkommen im Besitz meiner Sinne war, fand ich, daß der Wind nur mehr als gemäßigte Brise wehte und die See viel ruhiger geworden war; nur mittschiffs spülte sie noch übers Deck hin. Mein linker Arm war von den Fesseln losgekommen und hatte mehrere Verletzungen am Ellbogen erlitten; mein rechter war gleichfalls eingeschlafen, Hand und Gelenke waren geschwollen vom Drucke des Seils, das sich mir um die Schulter geschlungen hatte. Ein anderes Tau, das meine Hüften umfaßte, hatte sich so fest zusammengezogen, daß ich große Schmerzen litt. Ich sah mich nach meinen Gefährten um; Peters lebte noch, obwohl eine dicke Leine so gewaltsam um seinen Körper gewickelt war, daß seine Gestalt wie in zwei Hälften zerschnitten schien. Als ich mich rührte, machte er eine matte Bewegung und deutete nach dem Strick. Augustus gab kein Lebenszeichen und war unter den Splittern des Gangspills nahezu krummgebogen. Parker sprach zu mir und fragte, ob ich nicht Kraft genug besäße, ihn aus seiner Lage zu befreien; wenn ich mich dazu aufraffen könnte, ihn loszubinden, dann wäre noch Rettung möglich, sonst müßten wir alle zugrunde gehen. Ich bat ihn Mut zu schöpfen, ich würde versuchen ihn zu befreien. In meiner Hosentasche fand ich mein Messer, und nach mehreren vergeblichen Versuchen klappte ich es endlich auf. Dann gelang es mir, mit meiner Rechten die Linke loszubinden, und nachher schnitt ich die übrigen Taue durch, die mich noch hielten. Als ich aber versuchte, mich vom Fleck zu bewegen, ließen mich meine Füße völlig im Stich; ich konnte nicht aufstehen, konnte auch meine rechte Hand nicht weiter rühren. Ich sagte dies Parker; er riet mir, ein paar Minuten stillzuliegen, indem ich mich mit der Linken am Gangspill festhielte. So begann das Blut bald wieder zu kreisen, die Betäubung wich; ich konnte erst ein Bein bewegen, dann das andere; bald darauf erhielt ich den Gebrauch des rechten Armes zurück. Ich kroch nun vorsichtig auf Parker zu, und bald hatte ich alle seine Fesseln durchschnitten; binnen kurzem erhielt auch er teilweise den Gebrauch seiner Glieder. Jetzt eilten wir, Peters von seiner Leine zu befreien. Sie hatte den Gürtel seiner wollenen Beinkleider samt zwei Hemden durchgerieben und die Weichen verwundet, die nach Entfernung des Strickes reichlich zu bluten begannen. Doch schien er sofort erleichtert, sprach ein paar Worte und bewegte sich viel weniger mühsam als Parker und ich; das hing offenbar mit dem Abfließen des Blutes zusammen.

Wir wagten kaum zu hoffen, daß Augustus sich erholen würde, da er gar kein Lebenszeichen gab; doch als wir ihn erreicht hatten, sahen wir, daß er nur infolge des Blutverlustes ohnmächtig war, indem das Wasser den Verband von seinem wunden Arme heruntergerissen hatte; die Taue, die ihn hielten, waren nicht eng genug angezogen, um seinen Tod zu verursachen, wir banden ihn los, räumten die Trümmer des Gangspills fort und brachten ihn an eine trockene Stelle auf der Luvseite, legten den Kopf etwas tiefer als den Körper und rieben ihm emsig die Glieder. In einer halben Stunde ungefähr kam er zu sich, obgleich er erst am nächsten Morgen in der Lage war, uns zu erkennen und Sprechversuche zu machen. Als wir alle vier der Bande ledig waren, brach schon tiefe Nacht herein, und Wolken zogen am Himmel auf, so daß wir in tödlichster Angst einem neuen Sturm entgegensahen, von dem uns keine Macht der Welt hätte retten können, erschöpft, wie wir jetzt waren. Zum Glück blieb das Wetter über Nacht ziemlich gut, die See beruhigte sich immer mehr und mehr, so daß wir aufs neue zu hoffen begannen. Eine sanfte Brise wehte noch aus Nordwest, aber die Luft war nicht zu kalt. Augustus wurde auf der Luvseite behutsam angeschnallt, so daß er nicht beim Schlingern der Brigg über Bord fallen konnte; denn er war noch zu schwach, um sich irgendwie festzuklammern. Für uns bestand keine solche Notwendigkeit, wir saßen dicht beisammen, unterstützten einander mit Hilfe der zerrissenen Taue am Gangspill und berieten darüber, wie wir aus unserer entsetzlichen Lage entrinnen sollten. Es tat uns wohl, unsere Kleider ausziehen und ausringen zu können. Wir fühlten sie hernach sehr warm und angenehm auf unsern Leibern und fanden uns dadurch nicht wenig gestärkt. Wir entledigten Augustus seiner Sachen, behandelten sie ebenso, und auch er empfand es als eine Wohltat.

Jetzt litten wir hauptsächlich an Hunger und Durst, und unseren Herzen entsank der Mut, wenn wir daran dachten, wie wir diese Bedürfnisse befriedigen sollten, und wir bedauerten fast, daß wir den minder schrecklichen Gefahren des Meeres entgangen waren. Wir trachteten jedoch, uns mit der Hoffnung zu trösten, daß irgendein Schiff uns bald auflesen würde, und ermutigten einander, die künftigen Übel mit männlicher Fassung zu tragen.

Endlich dämmerte der Morgen des vierzehnten Juli, und das Wetter blieb noch immer klar und lieblich, mit einer beständigen, aber sehr leichten Brise aus Nordwest. Die See war jetzt spiegelglatt, und da aus irgendeinem Grunde, der uns verborgen blieb, das Schiff nicht mehr so stark auf der Seite lag, war das Verdeck ziemlich trocken, und wir konnten uns frei darauf bewegen. Wir waren jetzt mehr als drei Tage und drei Nächte ohne Nahrung, ohne einen Trunk, und es wurde höchste Zeit, zu versuchen, ob man etwas von unten heraufschaffen könne. Die Brigg war voll des Wassers; darum schritten wir mutlos und ohne die Erwartung, irgend etwas auftreiben zu können, an unser Werk. Wir machten uns eine Art Schleppnetz, indem wir ein paar Nägel aus der Kajütenluke in zwei Stücke Holz eintrieben. Diese banden wir aneinander, befestigten sie an ein Tauende und schleppten sie hin und her in der schwachen Hoffnung, auf diese Art könne irgendein eßbarer Gegenstand daran hängen bleiben. Wir brachten mit dieser Arbeit den größten Teil des Morgens erfolglos hin und fischten nur ein paar Bettücher auf, die leicht an den Nägeln haften mußten. In der Tat, unser Werkzeug war so plump, daß wir den Mißerfolg voraussehen konnten.

Dann suchten wir das Vorderkastell ab, doch gleichfalls ohne etwas zu finden, und wir waren am Verzweifeln, als Peters vorschlug, daß wir an seinem Leibe ein Tau festmachen und ihn in der Kajüte tauchen lassen möchten. Neu erwachende Hoffnung begrüßte diesen Vorschlag mit Entzücken. Sogleich zog er sich bis auf die Beinkleider aus. Ein starkes Seil wurde vorsichtig um die Mitte seines Körpers gelegt und so über seine Schultern gezogen, daß es nicht gleiten konnte. Das Unternehmen war ebenso schwierig als gefährlich; denn wir konnten kaum erwarten, was Rechtes in der Kajüte zu finden, und dann mußte der Taucher, nachdem er ins Wasser herabgelassen war, nach rechts abschwenken und zehn oder zwölf Fuß weit in einem engen Gange bis zur Vorratskammer dringen und ebenso zurückkehren, ohne Atem geschöpft zu haben.

Alles war bereit; Peters stieg in die Kajüte hinab, bis ihm auf der Treppe das Wasser ans Kinn reichte. Dann tauchte er mit dem Kopfe voran, indem er sich nach rechts wandte, um die Vorratskammer zu erreichen. Jedoch das erstemal mißglückte es ihm vollständig. Nach weniger als einer halben Minute riß er heftig an der Leine, und sofort zogen wir ihn, der Verabredung gemäß, in die Höhe, leider so unvorsichtig, daß er sich auf schmerzhafte Weise an der Treppe stieß. Er hatte nichts mitgebracht, hatte nur ein kleines Stück in den Gang vordringen können, da er sich dagegen wehren mußte, mit dem Deck in unsanfte Berührung zu kommen. Er war vollkommen entkräftet und mußte fünfzehn Minuten ausruhen, ehe er einen neuen Tauchversuch unternehmen konnte.

Der zweite Versuch fiel noch übler aus; denn er blieb, ohne ein Zeichen zu geben, so lange unter Wasser, daß wir, um seine Sicherheit besorgt, ihn ohne ein solches herauszogen. Er war am Ersticken und hatte, wie er erzählte, wiederholt am Tau gerissen, ohne daß wir es fühlten, wahrscheinlich, weil ein Teil davon sich am Treppengeländer verfangen hatte. Dies Geländer war ein so großes Hindernis, daß wir vor allem an seine Beseitigung gehen mußten, wir wendeten Gewalt an, indem wir alle vier so tief als möglich ins Wasser stiegen und mit vereinter Kraft die Balustrade abbrachen.

Der dritte Versuch mißlang wie die beiden ersten, und es war uns jetzt klar, daß auf diese Art nichts auszurichten sei, wenn der Taucher sich nicht durch ein Gewicht während seiner Nachforschungen auf dem Fußboden der Kajüte erhalten könne. Endlich entdeckten wir nach langem vergeblichen Suchen zu unserer größten Freude, daß eine der vorderen Ketten so locker war, daß wir sie ohne Mühe losreißen konnten. Peters befestigte die Kette behutsam an seinen Füßen, dann stieg er zum vierten Male hinunter, und diesmal gelang es ihm, bis zur Türe der Stewardskabine zu kommen. Doch zu seiner unsagbaren Betrübnis fand er sie versperrt und mußte umkehren, ohne eingedrungen zu sein, da er mit der größten Anstrengung höchstens noch eine Minute unter Wasser zu bleiben vermochte. Nun waren unsere Aussichten düster genug, und weder Augustus noch ich enthielten uns bitterer Tränen, als wir bedachten, welch ein Heer von Schwierigkeiten uns umgab, wie gering die Wahrscheinlichkeit endgültiger Rettung war. Aber diese Schwäche war nicht von langer Dauer, wir warfen uns auf die Knie und flehten Gott um Hilfe an in den vielen Gefahren, die uns umdrohten; wir erhoben uns mit erneuter Hoffnung und gestärkten Herzens, um zu überlegen, was sterbliche Kräfte noch zu unserer Erlösung vollbringen könnten.

Zehntes Kapitel

Bald darauf ereignete sich ein Zwischenfall, der mir tiefere Erregung, größere Fülle des äußersten Entzückens wie des ärgsten Entsetzens enthalten zu haben deucht, als irgendeine der tausend Zufälligkeiten, die mich nachher in neun langen Jahren heimsuchten – diesen Jahren, in denen Geschehnisse der überraschendsten, der unerhörtesten und unbegreiflichsten Art einander förmlich drängten. Wir lagen nahe der Kajütentreppe auf dem Deck und besprachen die Möglichkeit, trotz allem nach der Vorratskammer zu gelangen, als mein Blick auf mein Gegenüber fiel, auf Augustus: er war blaß wie der Tod, und seine Lippen bebten auf eine seltsame und unverständliche Weise. Tief beunruhigt redete ich ihn an; doch gab er keine Antwort, und ich fing an zu glauben, er sei plötzlich erkrankt, als ich seine Augen wahrnahm, die offenbar auf einen hinter mir befindlichen Gegenstand starrten. Ich wandte mich um, und niemals werde ich die Seligkeit vergessen, die jedes Teilchen meines Körpers zu durchzittern schien, als ich eine große Brigg in einer Entfernung von wenigen Seemeilen auf uns zusegeln sah. Ich sprang in die Höhe, als wäre mein Herz von einer Kugel getroffen worden; ich streckte meine Arme in der Richtung des Schiffes aus und stand so, unbeweglich, ohne eine Silbe hervorstammeln zu können. Peters und Parker waren ebenso ergriffen, doch auf verschiedene Art: jener tanzte wie ein Toller auf dem Verdeck herum, indem er die wahnsinnigsten Rodomontaden, vermengt mit Geheul und Flüchen, von sich gab; dieser brach in Tränen aus und weinte eine ganze Zeitlang gleich einem Kinde.

Das Schiff war eine große Zwitterbrigg von niederländischer Bauart, schwarz bemalt, mit protzig vergoldeter Bugzier. Sie mußte viel böses Wetter überstanden haben, und der Sturm, der für uns so verhängnisvoll gewesen, mochte auch sie arg gezaust haben, denn ihr Fockmast fehlte und am Steuerbord war sie arg beschädigt. Sie war, als wir sie zuerst erblickten, wie ich wohl schon sagte, an zwei Meilen entfernt und kam im Winde auf uns zu. Die Brise war gelind, und wir wunderten uns sehr, daß sie nur wenige Segel aufgesetzt hatte; natürlich kam sie langsam vorwärts, und unsere Ungeduld steigerte sich bis zum Fieber. Trotz unserer Erregung entging uns nicht das ungeschickte Manövrieren des fremden Schiffs. Es fiel so stark ab, daß wir es für unmöglich hielten, von ihm aus gesichtet zu werden. Dann glaubten wir wieder, man habe unsere Brigg gesehen, aber niemand an Bord bemerkt, und wolle nun durch den Wind wenden und einen anderen Kurs einschlagen. Da brüllten wir nun jedesmal mit aller Kraft unserer Lungen, worauf der Fremde seine Absicht zu ändern und auf uns zuzuhalten schien, und dieses sonderbare Manöver wiederholte sich zwei- oder dreimal, so daß wir endlich nur eine Erklärung dafür fanden: der Steuermann mußte betrunken sein.

Wir bemerkten niemand auf ihrem Verdeck, bis die Brigg etwa eine Viertelmeile entfernt war. Da erblickten wir drei Seeleute, nach ihrer Tracht Holländer. Zwei lagen auf ein paar Segeln am Vorderkastell, der dritte schien, nahe dem Bugspriet über Steuerbord gelehnt, uns mit lebhafter Neugier zu betrachten. Es war ein großer, dicker Mensch; seine Haut war von sehr dunkler Färbung. Er schien uns zur Geduld zu ermahnen, indem er uns auf lustige, aber wunderliche Weise zunickte und dabei fortwährend lachte, so daß man seine blendendweißen Zähne sehen konnte. Als sein Schiff näher kam, fiel ihm die rote Flanellmütze, die er aufgehabt, vom Kopfe herab ins Wasser, ohne daß er sich darum zu kümmern schien; er fuhr fort zu lächeln und uns zuzunicken. Ich berichte diese Umstände ganz genau und schildere sie, das muß betont werden, geradeso, wie sie uns erschienen.

Langsam und mit größerer Stetigkeit als zuvor kam die Brigg heran und – ich kann nicht ohne Erregung von diesem Erlebnis sprechen – unsere Herzen hoben sich in stürmischer Freude, und wir strömten unsere Seelen aus in Jubelrufen, in Dankgebeten an Gott, da wir so völlig, so ganz wider Erwarten, so wunderbar errettet werden sollten! Mit einem Male und vollkommen plötzlich wehte über das Wasser von jenem fremden Schiffe, das jetzt dicht an unserm Kurse war, ein Geruch, ein Gestank, für den die Welt keinen Namen hat – höllisch, atemraubend, unerträglich, unfaßlich. Ich war am Ersticken, und da ich mich nach meinen Gefährten umsah, merkte ich, daß sie bleicher als Marmor dreinschauten. Aber jetzt blieb uns keine Zeit zu Fragen und Vermutungen; fünfzig Fuß von uns war die Brigg entfernt, und ihre Absicht schien es, uns am Heck anzulaufen, so daß wir, ohne ein Boot auszusetzen, an Bord gehen könnten, wir stürzten achter; da fiel sie plötzlich weit, um fünf oder sechs Strich von ihrem Kurse ab, und als sie im Abstande von etwa zwanzig Fuß unter unserem Stern vorbeizog, konnten wir ihr Verdeck voll überblicken. Werde ich jemals das dreimal gräßliche Entsetzen dieses Schauspiels vergessen? Fünfundzwanzig oder dreißig menschliche Körper, darunter einige Frauen, lagen zwischen Heck und Gallion verstreut im grauenhaftesten Zustande der Verwesung, wir erkannten, daß auf dem unseligen Schiffe keine Seele am Leben war! Dennoch konnten wir uns nicht enthalten, die Toten um Hilfe anzurufen! Ja, laut und lange flehten wir diese schweigsamen und ekelerregenden Gestalten an, sie möchten dableiben, sie möchten uns nicht im Stiche lassen, daß wir ihnen gleich würden; sie möchten uns aufnehmen in ihre wackere Gesellschaft! Wir waren rasend vor Entsetzen und Verzweiflung, vollkommen wahnsinnig durch die Qual der allerschmerzlichsten Enttäuschung.

Als unser erstes lautes Schreckensgeschrei losbrach, da war es, als antwortete etwas aus der Gegend des Bugsprits, ein Ton, so ähnlich dem Rufe einer Menschenstimme, daß die feinsten Ohren dadurch erschreckt und getäuscht werden mußten. In diesem Augenblicke brachte ein erneutes Abfallen des fremden Schiffes die Gegend des Vorderkastells in Sicht, und in einem Augenblick erkannten wir die Ursache dieses Lautes. Noch immer lehnte sich die große, dicke Gestalt über die Brüstung, noch immer nickte sie hin und her, aber ihr Gesicht war von uns abgewendet. Die Arme hingen über die Reling herab, die Handflächen waren nach außen gewendet. Die Knie fingen sich in einem starken, vom Bugspriet achterwärts ausgereckten Tau. Auf dem Rücken des Mannes, von dem ein Teil des Hemdes heruntergerissen war, saß eine riesige Seemöwe, die sich an dem scheußlichen Fleisch gütlich tat; ihr Schnabel, ihre Fänge waren tief hineingegraben, ihr weißes Gefieder war über und über mit Blut bespritzt. Als die Brigg sich weiterbewegte, so daß wir sichtbar wurden, zog der Vogel mit offenbarer Mühe seinen blutroten Kopf aus dem Fleische, betrachtete uns alle mit einem stumpfsinnigen Ausdruck, erhob sich dann schwerfällig von dem Leichnam, auf dem er geschwelgt hatte, flog gerade über unser Verdeck hin und blieb da eine Weile schweben, mit einem Stücke blutgetränkter leberartiger Substanz im Schnabel. Der schaudervolle Bissen plumpste endlich mit plötzlichem Aufklatschen unmittelbar vor Parkers Füße. Gott verzeih es mir, aber jetzt zuckte zum ersten Male ein Gedanke durch mein Hirn, ein Gedanke, den ich nicht nennen will, und ich fühlte, wie ich einen Schritt auf den blutigen Fetzen zu tat. Ich blickte auf, und Augustus' Augen begegneten den meinen mit einer grausigen Bedeutung, die mir zugleich meine Vernunft wiedergab. Ich sprang eilends vor und schleuderte mit einem tiefen Schauder den scheußlichen Gegenstand ins Meer.

Der Leichnam, dem er angehörte, war, da er auf dem Tau ruhte, durch die Anstrengungen des im Fleische wühlenden Tieres leicht hin und her geschaukelt worden, und diese Bewegung hatte in uns die Meinung erzeugt, das Ding sei etwas Lebendiges. Als die Möwe ihre Last davon weghob, schwang es sich herum und fiel halb über Bord, so daß sein Gesicht vollkommen sichtbar wurde. Noch nie habe ich so Entsetzliches, so Fürchterliches gesehen! Die Augen fehlten, ebenso alles Fleisch um den Mund, so daß man die entblößten Zähne sah. Das also war das Lächeln gewesen, das Hoffnung in uns erweckt hatte! Das … doch ich will lieber schweigen. Die Brigg zog, wie gesagt, unter unserm Stern vorüber und hielt langsam, aber stetig auf Lee. Mit ihr und ihrer grauenvollen Besatzung entflohen alle die heiteren Traumgesichte, die uns Erlösung, Seligkeit vorgespiegelt hatten. Wie sie bedächtig vorbeizog, hätten wir sie vielleicht anborden können, wäre nicht jedes Vermögen des Leibes und der Seele durch unsere plötzliche Enttäuschung und die Furchtbarkeit des Anblicks lahmgelegt gewesen. Wir hatten geschaut, empfunden, aber wir vermochten nicht eher zu denken, zu handeln, bevor es, ach! zu spät war. Wie sehr unsere Fassungskraft durch jenes Ereignis gelitten hatte, möge man aus dieser Tatsache folgern: als die Brigg schon so weit von uns trieb, daß man nur noch die Hälfte ihres Rumpfes sehen konnte, wurde in allem Ernste der Vorschlag erwogen, sie durch Schwimmen wieder einzuholen.

Bild: Wilhelm Thöny

Ich habe seitdem vergebens danach getrachtet, irgendeinen Einblick in das grauenhafte Geheimnis zu erhalten, das um das Schicksal jenes fremden Schiffes schwebte. Sein Bau und allgemeines Aussehen machten es, wie ich schon sagte, wahrscheinlich, daß es ein holländisches Kauffahrteischiff war, und die Tracht der Mannschaft unterstützte diese Ansicht, wir hätten leicht seinen Namen am Stern lesen und andere Beobachtungen anstellen können, aber die tiefgehende Erregung des Augenblickes raubte uns den Sinn für alle diese Fragen. Aus der safrangelben Farbe der noch nicht völlig verwesten Leichen schlossen wir auf einen Untergang der gesamten Bemannung durch das Gelbe Fieber oder irgendeine andere giftige Krankheit derselben furchtbaren Art. War dies der Fall (und ein anderer dünkt mir kaum möglich), so muß, nach der Lage der Körper zu urteilen, der Tod mit entsetzlicher und überwältigender Plötzlichkeit über sie gekommen sein, anders als es selbst bei den tödlichsten Epidemien gewöhnlich zu geschehen pflegt. Vielleicht war durch Zufall Gift in ihre Vorräte geraten, oder sie hatten von irgendeinem unbekannten giftigen Fisch oder Seevogel gegessen; jedoch ist es vollkommen unnütz, Mutmaßungen zu hegen, wo alles auf immer in das Dunkel eines erschreckenden und unergründlichen Geheimnisses gehüllt erscheint.

Elftes Kapitel

Wir verbrachten den Rest des Tages in einer Art stumpfen Hinbrütens, sahen dem entschwindenden Schiffe nach, bis die Finsternis es unseren Blicken entzog und uns einigermaßen die Besinnung zurückgab. Die Qualen des Hungers und des Durstes kamen nun wieder und ließen alle übrigen Sorgen und Betrachtungen klein erscheinen. Bis zum Morgen aber war nichts zu tun, wir trachteten also ein wenig auszuruhen, so gut als es eben ging. Mir gelang das über alle Erwartung, ich schlief, bis meine Gefährten, die minder glücklich gewesen waren, mich bei Tagesanbruch weckten, um mich an neuen Versuchen, etwas von den Vorräten im Schiffsraum zu erobern, teilnehmen zu lassen.

Jetzt herrschte eine große Windstille; die See war glatter, denn ich sie je gesehen, das Wetter warm und angenehm. Die Brigg war außer Sicht. Wir begannen damit, daß wir abermals eine der Ketten abrissen und beide an Peters Füßen befestigten; er machte wiederum Versuche, die Tür der Vorratskammer zu erreichen, indem er es für möglich hielt, sie aufzubrechen; und dafür war in der Tat eine Möglichkeit vorhanden, da der Schiffsrumpf jetzt stärker aufgerichtet war.

Es gelang ihm die Tür zu erreichen; dort löste er eine der Ketten vom Fuß und suchte damit den Eingang zu erzwingen, was aber trotz aller Anstrengungen ohne Erfolg blieb, da das Holz fester war, als wir gedacht hatten. Der lange Aufenthalt unter Wasser hatte ihn vollkommen erschöpft; es war unbedingt nötig, daß ein anderer seinen Platz einnähme. Parker meldete sich freiwillig, konnte jedoch nach drei fruchtlosen Versuchen nicht einmal bis zur Türe gelangen. Augustus mit seinem wunden Arm war natürlich ausgeschlossen, da er die Tür, auch wenn er sie erreichte, nicht hätte aufsperren können, und so wurde die Aufgabe mir übertragen. Peters hatte eine der Ketten im Gange gelassen, und beim Tauchen erkannte ich, daß ich nicht die Kraft besaß, mich unten im Gleichgewicht zu erhalten. Ich beschloß daher, zunächst nur die andere Kette zurückzuerobern. Indem ich den Boden befühlte, stieß ich auf etwas Hartes, das ich sofort erfaßte, obwohl ich keine Zeit hatte, die Natur des Gegenstandes festzustellen. Es war eine Flasche, und man kann sich unsere Freude ausmalen, wenn ich sage, daß sie mit Portwein gefüllt war. Wir dankten Gott für diese zeitgemäße und ermutigende Hilfe, öffneten den Kork mit meinem Taschenmesser und taten ein jeder einen bescheidenen Schluck. Die Wärme, die Kraft, die Belebung, die wir daraus schöpften, spendeten uns unermeßlichen Trost. Dann korkten wir die Flasche sorgfältig zu und hingen sie vermittels eines Taschentuches so auf, daß sie nicht zerbrochen werden konnte.

Eine Weile ruhten wir nach dieser glücklichen Entdeckung, und dann stieg ich abermals hinab und fand nun die Kette, mit der ich sogleich emportauchte. Dann befestigte ich sie an mir und tauchte ein drittes Mal, bis ich überzeugt war, daß in dieser Lage keine Macht der Welt die Tür der Vorratskammer aufzubrechen vermöchte. Verzweifelnd kehrte ich um.

Jetzt schien kein Raum mehr für irgendwelche Hoffnung, und ich sah in den Zügen meiner Gefährten, daß sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten. Der Wein hatte offenbar eine Art Delirium in ihnen erzeugt, vor dem ich vielleicht durch mein Untertauchen bewahrt geblieben. Sie redeten ohne Zusammenhang und von Dingen, die mit unserer Lage nichts zu tun hatten; Peters fragte mich wiederholt über Nantucket aus. Auch Augustus kam, wie ich mich erinnere, mit ernster Miene auf mich zu und bat mich, ihm einen Taschenkamm zu leihen, da sein Haar voller Fischschuppen sei, die er heraus haben wolle, bevor er an Land ginge. Parker erschien mir etwas vernünftiger; er riet mir, aufs Geratewohl in die Kajüte zu tauchen und das erste beste mit heraufzubringen. Ich stimmte zu, und nach einer Minute brachte ich einen kleinen Lederkoffer herauf, der Kapitän Barnard gehört hatte. Man öffnete ihn sofort in der Hoffnung, etwas zum Trinken oder Essen darin zu finden. Jedoch wir fanden nichts außer einem paar Rasiermesser und zwei Leinenhemden. Wieder tauchte ich und kam unverrichteter Dinge zurück. Wie mein Kopf über Wasser war, hörte ich auf dem Verdeck einen Krach und bemerkte alsbald, daß die Undankbaren meine Abwesenheit benutzt hatten, um den Rest des Weines auszutrinken; bei dem Versuche, die Flasche unbemerkt an ihren Platz zu hängen, war sie ihnen zerschellt. Ich machte ihnen Vorwürfe über ihre Herzlosigkeit. Augustus brach in Tränen aus. Die andern versuchten, die Sache als einen Spaß hinzustellen, und lachten – möge ich nie wieder solch Lachen sehen; die Verzerrung ihrer Gesichter war geradezu fürchterlich. In der Tat schienen ihre leeren Mägen eine heftige Wirkung des Weines begünstigt zu haben; sie waren im höchsten Grade berauscht. Mit größter Not veranlaßte ich sie zum Liegen, worauf sie bald in einen schweren Schlaf sanken, der von lautem, röchelndem Atmen begleitet war.

Ich war jetzt so gut wie allein an Bord der Brigg, und meine Betrachtungen waren, das läßt sich wohl denken, von der bängsten und düstersten Art. Keine Aussicht bot sich mir außer einem langsamen Hungertode oder im besten Fall der Vernichtung durch den ersten Sturm, der sich erheben würde; denn in unserm gegenwärtigen Zustande durften wir nicht hoffen, einen neuen Anprall zu überleben.

Unerträglich fast war der nagende Hunger, den ich jetzt empfand, und ich fühlte mich fähig, zu seiner Befriedigung alles und jedes zu tun. Mit dem Messer schnitt ich ein Stückchen vom Lederkoffer ab und versuchte es zu essen; aber es war mir unmöglich, auch nur einen Bissen hinabzuwürgen, obwohl mir schien, das Kauen und Ausspucken kleiner Teilchen gewähre mir Erleichterung. Gegen Abend erwachten meine Genossen, einer nach dem andern, ein jeder in einem unbeschreiblichen Zustande von Schwäche und Grausen, der eine Folge des Weingenusses war. Der Rausch war entflohen, sie zitterten wie im heftigsten Schüttelfrost, sie schrien jämmerlich nach Wasser. Ihr Zustand ergriff mich auf die schmerzlichste Art, zugleich aber freute ich mich, daß eine Reihe günstiger Umstände mich vor übermäßigem Weintrinken bewahrt hatte; denn sonst hätte ich ihre höchst traurige, höchst quälende Verfassung teilen müssen. Doch beunruhigte und erschreckte mich ihr Benehmen nicht wenig; sie waren, trat nicht eine unvorhergesehene Glückswendung ein, außerstande, mich in der Arbeit für unsere gemeinsame Sicherheit zu unterstützen.

Ich hatte den Gedanken noch nicht völlig aufgegeben, etwas dort unten aufzugabeln; aber der Versuch konnte nicht wiederholt werden, so lange keiner von ihnen sich genug beherrschte, um mir durch Halten des Taues beizustehen. Parker schien etwas mehr bei Sinnen als die übrigen; ich bemühte mich nach Kräften, ihn aufzurütteln. Auf die Wirkung eines tüchtigen Seebades vertrauend, befestigte ich um seinen Körper ein Tau und führte ihn dann (er ließ alles ruhig und gleichgültig mit sich geschehen) zum Eingang der Kajüte, stieß ihn hinein und zog ihn sofort wieder heraus. Ich hatte alle Ursache, mich zu diesem Einfall zu beglückwünschen; denn er zeigte sich belebt und erfrischt und fragte mich in ganz vernünftigem Tone, weshalb ich ihn denn so behandelt hätte. Nachdem ich ihm meine Absicht erklärt hatte, dankte er mir herzlich, sagte, das Eintauchen habe ihm wohl getan, und sprach dann ganz verständig über unsere Lage. Wir beschlossen dann, Augustus und Peters auf gleiche Weise zu behandeln, taten es sofort, und auch sie fühlten sich durch die Berührung mit dem kalten Element belebt. Der Einfall war eine Frucht meiner Lektüre; ich hatte einmal in ärztlichen Büchern über die gute Wirkung einer Dusche auf Patienten gelesen, die unter » mania a potu« litten.

Nun konnte ich den Gefährten das Seil übergeben; ich tauchte noch drei-, viermal in der Kajüte, obwohl es jetzt ganz finster war und eine sanfte, doch lange Dünung von Norden her den Rumpf erschütterte. So brachte ich allmählich herauf: zwei Klappmesser, einen großen leeren Krug und eine Decke; doch war nichts Eßbares dabei. Ich setzte meine Versuche bis zur gänzlichen Erschöpfung fort, fand aber weiter nichts. Während der Nacht beschäftigten sich Peters und Parker in der gleichen Art; aber es wurde nichts gefunden, und so gaben wir denn verzweifelnd diese Bestrebungen auf, da wir uns vergebens unserer letzten Kräfte beraubten.

Den Rest der Nacht verbrachten wir in einem Zustande der tiefsten leiblichen und seelischen Todesangst. Endlich dämmerte der Morgen des sechzehnten, und wir blickten uns eifrig in der Runde nach Hilfe um, aber ohne Erfolg. Die See war noch glatt, nur, wie gestern, mit einer langen Dünung von Norden her. Seit sechs Tagen hatten wir nichts genossen außer jener Flasche Portwein, und es war klar, daß wir nicht mehr lange aushalten konnten, falls nicht irgend etwas zu erlangen wäre. Nie sah ich so ausgemergelte menschliche Wesen, wie Peters und Augustus es jetzt waren. Wären sie mir auf dem Lande begegnet, nie und nimmer hätte ich sie erkannt. Der Charakter ihrer Züge war so vollständig umgewandelt, daß ich kaum zu glauben vermochte, sie seien dieselben Menschen, in deren Gesellschaft ich vor ein paar Tagen gewesen war. Obgleich furchtbar heruntergekommen und so schwach, daß er seinen Kopf kaum von der Brust aufheben konnte, war Parker doch nicht so völlig verelendet wie die beiden andern. Er litt mit großer Geduld, klagte gar nicht und suchte uns noch auf jede Art mit Hoffnung zu erfüllen. Was mich anbetrifft, so litt ich trotz meines Übelbefindens am Anfang der Reise und meiner jederzeit gebrechlichen Natur weniger als alle übrigen, hatte nicht viel an Umfang verloren und behielt in überraschendem Grade meine geistigen Fähigkeiten, während die andern völlig verblödet, in eine zweite Kindheit eingetreten zu sein schienen, indem sie dumm lächelten, freundlich grinsten und nur die albernsten Plattheiten zu äußern imstande waren. Zuzeiten lebten sie jedoch plötzlich auf, als ob das Bewußtsein ihres Zustandes sie beseelte, sprangen in einer Anwandlung von Kraft auf ihre Füße, sprachen eine Weile vernünftig, zugleich freilich mit bitterster Hoffnungslosigkeit von unseren Aussichten. Doch ist es möglich, daß ich mich gleich ihnen über meinen Zustand täuschte, daß ich, ohne es zu wissen, dieselben Torheiten und Kindereien beging wie sie; das ist eine Angelegenheit, über die sich nichts Bestimmtes sagen läßt.

Gegen Mittag erklärte Parker, er sähe Land über Backbord, und mit knapper Not konnte ich ihn davon abhalten, sogleich in die See zu springen und hinzuschwimmen. Peters und Augustus beachteten ihn nicht; sie waren in dumpfes Brüten versunken. Ich blickte in die angedeutete Richtung und sah nicht die blasseste Spur einer Küste, auch wußte ich nur zu gut, wie weit entfernt von jedem Lande wir uns befinden mußten. Lange währte es, bis ich Parker von seiner Täuschung überzeugt hatte. Dann brach er in eine Flut von Tränen aus, heulte wie ein Kind unter lautem Schluchzen und Schreien, bis er endlich vor Entkräftung einschlief.

Peters und Augustus machten nun ein paar vergebliche Versuche, etwas von jenem Leder hinunterzuschlucken. Ich riet ihnen das Kauen und Ausspeien an; doch waren sie bereits zu schwachsinnig, um meinem Rate folgen zu können. Ich setzte das Kauen fort, und es verschaffte mir einige Erleichterung; meine größte Sehnsucht aber ging nach Wasser, und nur die Erinnerung an die gräßlichen Folgen, die andern in ähnlicher Lage aus dem Genusse von Seewasser erwachsen waren, hielt mich von letzterem ab.

So ging der Tag dahin; da entdeckte ich auf einmal ein Segel im Osten, über Backbord. Ein großes Schiff schien es zu sein, und es kreuzte nahezu unsern Kurs in der Entfernung von etwa zwölf oder fünfzehn Meilen. Keiner meiner Gefährten hatte es gesehen, und ich hütete mich, sie darauf aufmerksam zu machen, falls wir abermals enttäuscht werden sollten. Als es näher kam, sah ich deutlich, daß es auf uns zu hielt, die leichten Segel vom Winde geschwellt. Ich konnte jetzt nicht länger an mich halten, ich wies meinen Leidensgenossen das Schiff. Sie sprangen abermals in die Höhe, ergaben sich abermals den ausgelassensten Freudenbezeugungen, weinten, lachten auf trottelhafte Art, machten Luftsprünge, stampften das Verdeck, rissen sich die Haare aus, beteten und fluchten abwechselnd. Ihr Benehmen und die scheinbar gewisse Aussicht auf Rettung ergriff mich so sehr, daß ich mich nicht enthalten konnte, an ihrem Wahnwitz teilzunehmen; so drückte denn auch ich meinen leidenschaftlichen Dank, meine Begeisterung dadurch aus, daß ich mich auf dem Verdeck herumwälzte, in die Hände klatschte, brüllte und mich überhaupt wie ein Toller betrug, bis ich auf einmal wieder in alle Tiefen des Jammers stürzte; denn das Schiff kehrte uns jetzt den Stern zu und steuerte in einer Richtung, die der vorigen ganz entgegengesetzt war.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich meine armen Gefährten davon überzeugt hatte, daß unsere Hoffnung abermals getäuscht worden sei. Sie antworteten auf alle meine Versicherungen, indem sie mich groß ansahen, als wären sie nicht geneigt, derartigen Verleumdungen Glauben zu schenken. Am schmerzlichsten ergriff mich Augustus' Verhalten. Trotz aller meiner Beweise fürs Gegenteil bestand er auf der Anschauung, das Schiff nähere sich in fliegender Eile, und begann sich bereitzuhalten, drüben an Bord zu gehen. Vorüberschwimmenden Seetang bezeichnete er hartnäckig als das erwartete Boot und schickte sich an, darauf Fuß zu fassen, wobei er in der herzzerreißendsten Weise heulte und schrie, während ich ihn mit aller Kraft daran hindern mußte, sich ins Meer zu werfen.

Allmählich wurden wir ruhiger; lange blickten wir dem Schiffe nach, bis es endlich in den Nebeln der Ferne verschwand; denn das Wetter wurde dunstig, eine leichte Brise erhob sich. Als das Schiff gänzlich unsichtbar geworden war, wendete sich Parker plötzlich zu mir mit einem Ausdruck im Gesicht, der mich schaudern machte. Er hatte eine Sicherheit der Haltung, die ihm zuvor nicht eigen war, und ehe er noch die Lippen geöffnet hatte, sagte mir mein Herz, was er sprechen würde. In wenigen Worten machte er den Vorschlag, einer von uns möge sterben, um die andern am Leben zu erhalten.

Zwölftes Kapitel

Ich hatte schon eine Zeitlang an die Möglichkeit gedacht, daß wir zu diesem letzten grauenvollen Schlusse gelangen würden, und war im stillen entschlossen, lieber den Tod in welcher Form immer zu erleiden, als unter irgendwie gearteten Umständen ein solches Mittel gelten zu lassen. Die Entsetzlichkeit meiner Hungerqualen änderte nichts an der Festigkeit dieses Vorsatzes, weder Peters noch Augustus hatten diesen Vorschlag vernommen. Daher nahm ich Parker beiseite, und indem ich innerlich zu Gott flehte, er möge mich in meinem Vorhaben stärken, suchte ich ihn von seinem gräßlichen Plane abzubringen. Ich rang lange Zeit mit ihm, bat und beschwor ihn, bei allem, was ihm heilig sei, bedrängte ihn mit jeglichem Beweggründe, den die Lage mir eingab, er möchte den Gedanken aufgeben und den andern nichts davon sagen.

Er hörte alles an, ohne eine Widerlegung zu versuchen, und schon begann ich zu hoffen, daß er mir nachgeben würde. Aber als ich fertig war, sagte er: er wisse sehr gut, daß ich recht habe, daß die Zuflucht zu solchem Greuel das furchtbarste sei, wozu sich ein Mensch entschließen könnte; aber jetzt habe er so lange geduldet, als die menschliche Natur es zulasse; es sei unnütz, daß alle zugrunde gingen, wenn es möglich und wahrscheinlich sei, daß der Tod des einen die andern retten werde; ich möchte mir nur keine Mühe mehr geben, ihn von seiner Absicht zu bekehren, sein Entschluß habe schon vor dem Erscheinen des Schiffes festgestanden, und nur das Insichtkommen des letzteren habe ihn daran gehindert, seine Absicht schon früher kundzutun.

Jetzt bat ich ihn, er möge den Plan wenigstens aufschieben, es könne noch immer irgendein Schiff uns zu Hilfe kommen; wiederum kam ich mit jedem Beweisgrund, von dem ich dachte, er würde auf seine rauhe Natur von Einfluß sein. Er erwiderte, er habe nicht eher gesprochen, als bis er nicht mehr anders konnte; eine längere Existenz ohne Nahrung sei unmöglich, am nächsten Tage würde, wenigstens was ihn beträfe, der Vorschlag zu spät kommen.

Da ihn gar nichts von dem, was ich in sanftem Tone vorgebracht, zu rühren vermochte, schlug ich jetzt einen andern Weg ein; ich sagte ihm, er müsse sehen, daß ich weniger als die übrigen gelitten, daß meine Gesundheit und Kraft größer sei als die ihre, kurz und gut, daß ich Gewalt anwenden würde, falls es nötig sei, und ihn, sollte er jenen seine blutigen Kannibalengedanken enthüllen, ohne Zögern ins Meer werfen würde. Darauf packte er mich beim Halse, zog sein Messer und versuchte es mir wiederholt in den Magen zu stoßen; nur seine außerordentliche Schwäche verhinderte ihn an der Ausführung dieser Gewalttat. Nun flammte aber mein Zorn hoch auf, ich drängte ihn an die Brüstung, mit der festen Absicht. ihn über Bord zu stoßen. Doch rettete ihn die Dazwischenkunft von Dirk Peters, der uns trennte und fragte, was denn los sei. Ehe ich Parker daran hindern konnte, hatte er schon den Grund des Zerwürfnisses mitgeteilt.

Die Wirkung seiner Worte war noch weit entsetzlicher, als ich es geträumt hatte. Sowohl Augustus wie auch Peters, die offenbar längst im stillen den gleichen Schreckensgedanken gehegt hatten, gaben Parker recht und bestanden auf sofortiger Ausführung seines Vorschlages. Ich hatte erwartet, wenigstens einer von beiden würde Überlegung genug besitzen, um mir den Widerstand gegen die schrecklichen Pläne Parkers leichter zu machen; und mit Hilfe des einen oder andern hätte ich auch keine Furcht davor gehabt, daß mein Versuch, dagegen aufzutreten, zuschanden würde. Da ich in dieser Hinsicht enttäuscht war, wurde es höchste Zeit, an die eigene Sicherheit zu denken, denn ein fernerer Widerstand meinerseits konnte die Rasenden veranlassen, mir in der bevorstehenden Tragödie keine ehrliche Behandlung zuzubilligen.

Ich erklärte nun meine Zustimmung und bat nur um eine Stunde Aufschub, damit der Nebel Zeit habe, sich aufzulösen; dann wäre es ja nicht unmöglich, daß wir das Schiff wieder erblicken würden. Sie gingen nach längerem Hin und Her darauf ein, und wie ich vermutet hatte, denn die Brise hatte sich verstärkt, hob sich der Nebel, ehe die Stunde um war; es war kein Schiff zu sehen, wir machten uns bereit, Lose zu ziehen.

Nur mit tiefem Widerstreben verweile ich bei der greulichen Szene, die nun folgen mußte; spätere Ereignisse haben sie nicht im entferntesten aus meiner Erinnerung zu löschen vermocht, und das herbe Gedächtnis an sie wird mir jeden zukünftigen Augenblick meines Lebens vergällen. Ich will daher so rasch als möglich über diese Vorkommnisse hinwegeilen. Die einzige Methode, die wir anwenden konnten, war das Ziehen von Strohhalmen. Diese wurden durch Holzsplitter ersetzt, und ich sollte sie in der Hand halten. Ich zog mich an ein Ende des Rumpfes zurück, während meine unseligen Gefährten mir schweigend am anderen Ende den Rücken zukehrten. Während ich die Lose ordnete, erduldete ich die allerbitterste Seelenangst. In den meisten Lagen des Lebens fühlt der Mensch ein Interesse an der Erhaltung seines Ich; jenes wächst mit der Gefährdung des letzteren. Jetzt aber, da mich die schweigsame, ernste und entscheidende Natur meiner Aufgabe (so verschieden vom Kampfe gegen tobenden Sturm oder Hungersqualen) an die geringen Möglichkeiten denken ließ, die mich vom grauenvollsten Tode schieden – einem Tode zu allergrauenvollstem Zweck – da zerstob jedes Titelchen der Energie, die mich bisher aufrechterhalten, wie Federn vorm Winde, und ich fiel der jämmerlichsten, verächtlichsten Furcht zur Beute. Ich konnte anfangs nicht einmal die Kraft aufbieten, die Holzsplitter zu zerreißen und anzupassen; meine Finger versagten rundwegs den Dienst, meine Knie schlugen aneinander. Tausend wahnwitzige Pläne, die mein Teilnehmen an der scheußlichen Lotterie vereiteln sollten, schossen mir durch den Sinn. Ich wollte mich vor meinen Gefährten auf die Knie werfen und sie anflehen, mir diese Notwendigkeit zu erlassen, wollte mich plötzlich auf sie stürzen und einen von ihnen töten, um so die Entscheidung durchs Los überflüssig zu machen; kurz, alles wollte ich eher, als das mir Übertragene durchführen. Endlich, nachdem ich lange Zeit auf diese Unsinnigkeiten verschwendet hatte, rief mich Parkers Stimme zur Besinnung zurück; er drang in mich, ihn und die andern rasch aus ihrer gräßlichen Ungewißheit zu erlösen. Selbst dann konnte ich nicht gleich die Splitter in Ordnung legen, sondern überdachte bei mir jegliche Art von List, durch die ich einen meiner Leidensgefährten verleiten könnte, den kurzen Splitter zu ziehen; denn es war ausgemacht, daß, wer das kürzeste der vier Hölzer zog, für die Erhaltung der übrigen sterben sollte. Möge mich meiner Herzlosigkeit wegen verdammen, wer sich noch nie in einer solchen Lage befunden hat!

Endlich war kein Aufschub mehr möglich, und ich schwankte nach dem Vorderkastell, indes mir mein Herz mit seinem Klopfen die Brust aufzusprengen drohte. Ich streckte die Hand mit den Splittern meinen Gefährten entgegen; Peters zog sofort. Er war frei – seiner wenigstens war nicht der kürzeste; eine Wahrscheinlichkeit mehr gegen mein Davonkommen! Ich nahm alle Kraft zusammen und gab die Lose an Augustus weiter. Er zog ebenfalls rasch, er war ebenfalls befreit; und jetzt waren die Möglichkeiten des Lebens oder Sterbens für mich gleich groß. In diesem Augenblicke durchwühlte die Wut eines Tigers meine Seele, und ich empfand gegen dieses arme Mitgeschöpf, Parker, den tiefsten, teuflischsten Haß. Aber dies Gefühl währte nicht lange, und mit einem krampfhaften Schauder und geschlossenen Augen hielt ich ihm die noch übrigen Splitter hin. Volle fünf Minuten dauerte es, bevor er sich entschließen konnte, zu ziehen, und während dieser ganzen Zeit voll herzzerreißender Spannung öffnete ich die Augen nicht. Mit einem Male war eins der beiden Lose schnell aus meiner Hand gezogen. Die Entscheidung war da, doch wußte ich noch nicht, ob sie für oder gegen mich gefallen. Keiner sprach, und ich wagte es nicht, mich selbst zu überzeugen … Endlich nahm Peters meine Hand und zwang mich, aufzuschauen, und sofort erkannte ich an Parkers Antlitz, daß ich frei, daß er der verurteilte war. Ich rang nach Atem und stürzte bewußtlos aufs Deck hin.

Ich kam rechtzeitig zu mir, um noch die Vollendung der Tragödie durch den Tod dessen zu schauen, der sie am eifrigsten ins Werk gesetzt hatte. Er wehrte sich nicht im geringsten; Peters durchbohrte ihn von rückwärts, und er fiel tot zu Boden. Ich darf nicht bei dem grausen Mahle verweilen, das nun erfolgte. Dergleichen läßt sich träumen, aber von dem höllischen Entsetzen der Wirklichkeit vermögen Worte keine Vorstellung zu geben! Genug! Wir lebten davon vier nie aus dem Gedächtnis wegzulöschende Tage, vom siebzehnten bis zum zwanzigsten des Monats.

Am neunzehnten kam ein scharfer Regenguß, der etwa eine Viertelstunde dauerte; wir fingen uns etwas Regenwasser in einem Bettuch, das wir gleich nach dem Sturme in der Kajüte aufgefischt hatten. Es mochte nicht mehr als eine halbe Gallone ausmachen; aber schon diese magere Ausbeute erfüllte uns mit Hoffnung und Kraft.

Am einundzwanzigsten waren wir wieder in äußerster Not. Das Wetter blieb warm und schön; zuweilen gab es Nebel oder leichte Brisen, meist aus Norden und Westen.

Am zweiundzwanzigsten saßen wir eben dicht aneinandergedrängt, unsere klägliche Lage trauervoll bedenkend, da zuckte ein Gedanke durch meinen Sinn, der einen Schimmer leuchtender Hoffnung barg. Ich erinnerte mich, daß nach dem Kappen des Fockmastes Peters mir eine Axt übergeben hatte, die ich an einen sicheren Ort legen sollte, und daß, wenige Minuten bevor die letzte schwere See das Schiff überschwemmte, ich diese Axt in eine der Backbordkojen im Vorderkastell gebracht haben mußte. Jetzt schien es mir möglich, daß wir vermittels dieser Axt das Deck über der Vorratskammer aufbrechen und uns so bequem mit Nahrung versehen könnten.

Meine Gefährten brachen in ein mattes Freudengeschrei aus und eilten alle nach dem Vorderkastell. Hier hinabzutauchen war noch schwerer als das Hinabsteigen in die Kajüte, da die Öffnung viel kleiner war; denn man wird sich erinnern, daß die ganze Einfassung der Kajütenluke fortgerissen worden war; diese hier jedoch, eine einfache Luke von drei Fuß Durchmesser, war unverletzt geblieben. Doch zögerte ich nicht, am Seile befestigt, hinabzusteigen; ich tauchte mit den Füßen voran, erreichte die Koje und fand sofort die Axt. Ein Jubel und Triumph sondergleichen begrüßte mich, und diese rasche Auffindung wurde als eine Vorbedeutung angesehen, die unsere Rettung zu weissagen schien.

Nun hackten wir mit aller Macht neu belebten Hoffens auf das Deck los; Peters und ich wechselten ab, Augustus konnte seines Armes wegen nicht mittun. Aber da wir noch so schwach waren, daß wir ohne Unterstützung kaum aufrecht stehen konnten, und alle ein oder zwei Minuten ausruhen mußten, würde es offenbar Stunden dauern, ehe ein genügend großes Loch vorhanden wäre. Doch wir ließen uns den Mut nicht rauben. Nachdem wir die ganze Nacht beim Schein des Mondes gearbeitet, erreichten wir unsern Zweck, als der Morgen des dreiundzwanzigsten zu dämmern begann.

Peters erbot sich jetzt hinabzusteigen; und bald kehrte er mit einem kleinen Topfe zurück, der zu unserer großen Freude mit Oliven gefüllt war. Wir verteilten sie untereinander, verschlangen sie mit heißer Gier und ließen ihn dann wieder hinab. Diesmal übertraf das Ergebnis alle unsere Erwartungen; Peters kam sofort wieder, beladen mit einem großen Schinken und einer Flasche Madeira, von diesem trank jeder nur einen Schluck, da wir noch der Folgen jenes übermäßigen Genusses von Portwein eingedenk waren. Der Schinken war bis auf zwei Pfund am Knochen ungenießbar, das Salzwasser hatte ihn verdorben. Wir teilten uns in den eßbaren Rest. Peters und Augustus, die ihr Verlangen nicht bezähmen konnten, schluckten ihren Anteil sogleich hinunter; ich war vorsichtiger, dachte an die drohende Strafe des Durstes und aß nur ein weniges. Nun ruhten wir ein Weilchen von unsern entsetzlich mühevollen Anstrengungen aus.

Mittags erneuerten wir, etwas gestärkt und erfrischt, unsere Versuche, Proviant aufzutreiben. Peters und ich tauchten abwechselnd und mit mehr oder weniger Erfolg bis Sonnenuntergang. In dieser Zeit waren wir so glücklich, vier kleine Töpfe mit Oliven, noch einen Schinken, nahezu drei Gallonen ausgezeichneten Kapweins und, was für uns der vollkommenste Fund war, eine kleine Schildkröte von der Galopager Art heraufzubringen; mehrere von diesen hatte Kapitän Barnard vor der Ausfahrt vom Schoner »Mary Pitts« übernommen, der gerade von der Seehundsjagd im Stillen Ozean heimkehrte.

Diese Art Schildkröten befinden sich zumeist auf den Galopagosinseln, die in der Tat nach den Tieren benannt sind; denn » galopago« bedeutet im Spanischen eine Süßwasser-Schildkröte. Gewisse Eigentümlichkeiten in bezug auf Größe und Fortbewegung haben ihnen den Namen »Elefantenschildkröte« verschafft. Oft sind sie von fabelhaftem Umfang. Ich habe welche gesehen, die tausendzweihundert bis tausendfünfhundert Pfund schwer waren. Ihr Aussehen ist sonderbar, eigentlich geradezu widerlich. Sie schreiten langsam, gemessen, schwerfällig, und tragen den Leib etwa einen Fuß überm Erdboden. Sie haben sehr lange und schlanke Hälse, die gewöhnlich bis zu zwei Fuß messen; ich selbst habe eine erlegt, die vom Kopf bis zur Schulter einen Abstand von drei Fuß zehn Zoll aufwies. Der Kopf ähnelt auf merkwürdige Weise dem Haupt einer Schlange. Sie können unglaublich lange ohne Nahrung bestehen; man weiß von Schildkröten, die zwei Jahre ohne jegliches Futter im Kielraum eines Schiffes gelebt haben und nach Ablauf dieser Zeit noch ebenso fett und wohlauf waren, als man sie hineingesetzt hatte. In einer Beziehung gemahnen diese wunderlichen Tiere an das Dromedar oder Kamel der Wüste. Sie haben an der Halswurzel einen Sack, der beständig einen Vorrat frischen Wassers birgt. Man hat welche getötet, die ein Jahr lang gehungert hatten, und hat in ihren Säcken an drei Gallonen frischen süßen Wassers gefunden. Sie leben hauptsächlich von wilder Petersilie und Sellerie, auch von Portulak, Seekraut und Stachelbirnen; bei letzterem Gewächs gedeihen sie vorzüglich, man findet es in Menge an den Hängen jener Küsten, die das Tier zu bewohnen pflegt. Diese Schildkröten bieten eine treffliche und sehr nahrhafte Kost und haben ohne Zweifel Tausenden von Seeleuten das Leben gefristet, die als Walfischfänger oder in ähnlichen Berufen den Stillen Ozean befahren.

Die von uns im Vorratsraume gefangene war nur von mäßiger Größe; sie mochte an siebzig Pfund schwer sein. Sie war ein Weibchen, in vortrefflichem Zustande, außerordentlich fett und führte über ein Quart frischen süßen Wassers in ihrem Sacke. Das war ein wahrer Schatz; so fielen wir denn einmütig auf die Knie und dankten Gott für also rechtzeitige Hilfe.

Es kostete viele Mühe, das Tier durch die Luke zu bringen, da es sich ingrimmig wehrte und eine furchtbare Kraft besaß. Schon war sie daran, Peters Griff zu entschlüpfen und ins Wasser zurückzuplumpsen, als Augustus ihm ein Tau mit einer Schlinge um den Hals warf und es so in der Schwebe hielt, bis ich zu Peters hinuntergesprungen war und diesem geholfen hatte, die Last herauszuheben.

Das Wasser füllten wir sorgfältig aus dem Säckchen in den Krug, der, wie man sich entsinnen wird, aus der Kajüte heraufgebracht worden war. Dann tranken wir jeder ein bestimmtes Maß und beschlossen, uns, solange der Vorrat währte, täglich auf ein solches zu beschränken.

Die letzten Tage war das Wetter trocken und angenehm gewesen; das Bettzeug aus der Kajüte war, ebenso wie unsere Kleider, durch und durch getrocknet, und so verging uns diese Nacht (die des dreiundzwanzigsten) in verhältnismäßigem Wohlbefinden. Nachdem wir ein reichliches Abendbrot: Schinken und Oliven mit einem kleinen Guß Wein, genossen hatten, erfreuten wir uns einer sanften Ruhe. Unsere Vorräte befestigten wir an den Trümmern des Gangspills, damit nicht im Falle eines Wetterumschlages etwas davon über Bord gespült würde. Die Schildkröte, die wir solange als möglich am Leben erhalten wollten, warfen wir auf den Rücken und fesselten sie außerdem mit entsprechender Vorsicht.

Dreizehntes Kapitel

Den 24. Juli. Dieser Morgen fand uns an Leib und Seele wunderbar gekräftigt. Trotz der gefahrvollen Lage, in der wir uns noch befanden, ohne Kenntnis der Position, obwohl jedenfalls weit von jedem Lande entfernt, ohne Vorräte für eine längere Zeit als etwa vierzehn Tage, selbst wenn wir uns aufs peinlichste beschränkten, fast ohne Trinkwasser, herumgetrieben als ein Spiel von Wind und Wellen auf einem elenden Wrack –, betrachteten wir dennoch unsere gegenwärtigen Beschwerden als gewöhnliche, alltägliche Übel, wenn wir sie mit den unsagbaren Schrecknissen, die hinter uns lagen, verglichen. So sehr hängt der Begriff des Wohl- oder Übelbefindens von den Umständen ab, an denen man sie mißt.

Nach Sonnenaufgang schickten wir uns an, die Vorratskammer weiter zu durchfischen, als ein starker Schauer herankam, von Blitzen begleitet; sofort machten wir uns daran, vermittels des Bettuches, wie schon neulich, Wasser einzusammeln. Wir besaßen kein anderes Mittel, den Regen abzufangen, als dies; man breitete das Tuch aus und belastete es mit einem Kettenringe. So floß das Wasser in die Mitte und wurde in den Krug durchgeseiht. Kaum hatten wir ihn auf diese Art nahezu vollgefüllt, da brach eine mächtige Bö von Norden her auf uns ein; wir mußten aufhören, da der Hulk wieder mächtig zu stampfen begann. Wir eilten nach vorn, banden uns am Gangspill fest und warteten der Ereignisse mit einer Ruhe des Gemüts, die wir unter diesen Umständen nicht für möglich gehalten hätten. Mittags hatte sich der Wind zu einer strammen Brise angefrischt, nachts war's schon ein harter Sturm, den eine gewaltige schwere Dünung begleitete. Jetzt aber waren wir in der Kunst des Festbindens erfahren und ertrugen die trübselige Nacht in leidlicher Sicherheit, obwohl uns die See bis auf die Haut durchnäßte, und wir beständig fürchteten, herabgespült zu werden. Glücklicherweise war das Wetter so warm, daß uns das Wasser beinahe wohltat.

Den 25. Juli. Diesen Morgen hatte sich der Sturm zu einer gewöhnlichen Zehnknotenbrise abgeschwächt, und die See war soviel ruhiger geworden, daß wir uns auf Deck trocken halten konnten. Zu unserer Betrübnis aber waren trotz aller Vorsichtsmaßregeln zwei Oliventöpfe und der ganze Schinken über Bord gegangen. Wir beschlossen, die Schildkröte noch nicht zu schlachten, und frühstückten ein jeder nur ein paar Oliven und etwas Wasser; dieses mischten wir halb und halb mit Wein und fanden die Mischung sehr kräftigend und anregend, ohne die üblen Folgen des Portweingenusses. Die See war noch zu rauh, um neue Tauchversuche im Hulk zu ermöglichen. Während des Tages wurden verschiedene Gegenstände, die für uns augenblicklich ohne Wert waren, aus der Kajüte heraus und sogleich über Bord gespült. Auch bemerkten wir, daß der Hulk sich stärker denn je auf die Seite neigte, so daß wir nicht darauf stehen konnten, ohne angebunden zu sein. Somit verbrachten wir einen betrüblichen und ungemütlichen Tag. Mittags schien die Sonne fast senkrecht über uns zu stehen, und wir zweifelten nicht daran, daß wir durch eine lange Reihe von Nord- und Nordwestwinden in die Nähe des Gleichers getrieben worden waren. Gegen Abend sahen wir mehrere Haifische; die Unverschämtheit, mit der ein ungeheures Exemplar sich uns näherte, versetzte uns in nicht geringen Schrecken. Als einmal das Verdeck sehr weit unter Wasser geriet, schwamm das Untier tatsächlich auf uns zu, zappelte eine Weile über der Kajütenluke und schlug mit dem Schwanze nach Dirk Peters. Zu unserer großen Erleichterung wälzte eine schwere See das Tier über Bord. Bei mäßigem Wetter hätten wir es leicht fangen können.

Den 26. Juli. Diesen Morgen beschlossen wir, da der Wind fühlbar nachgelassen und die See sich etwas beruhigt hatte, unsere Bemühungen in der Vorratskammer zu erneuern. Nach vieler und harter Arbeit, die den ganzen Tag in Anspruch nahm, sahen wir ein, daß hier nichts mehr zu erwarten sei, denn die Zwischendeckwände waren in der Nacht eingedrückt und der Inhalt in den Kielraum geschwemmt worden. Man kann sich denken, daß diese Entdeckung uns mit Verzweiflung erfüllte.

Den 27. Juli. Die See fast völlig glatt, dazu ein leichter Wind, immer von Norden und Westen. Nachmittags brach die Sonne glühend durch; wir machten uns ans Trocknen unserer Kleider. Ein Seebad erfrischte uns außerordentlich; doch war dabei die größte Vorsicht angezeigt, denn mehrere Haifische hatten während des Tages die Brigg umschwommen.

Den 28. Juli. Noch immer gutes Wetter. Die Brigg liegt so stark auf der Seite, daß wir in steter Furcht sind, sie möchte kentern. Wir suchten uns auf dies äußerste vorzubereiten, banden Schildkröte, Wasserkrug und Oliventöpfe möglichst auf der Windseite fest, und zwar außerhalb des Hulks. Die See immerfort sehr glatt; fast gar kein Wind.

Den 29. Juli. Das Wetter bleibt sich gleich. Augustus' wunder Arm fängt an abzusterben. Er klagt über Schläfrigkeit und gräßlichen Durst, hat aber keine großen Schmerzen. Man konnte ihm höchstens die Wunden mit etwas Essig (aus den Oliven) einreiben, und das schien ihm wenig zu nützen. Wir taten alles mögliche für seine Bequemlichkeit und gaben ihm die dreifache Ration Wasser.

Den 30. Juli. Ein entsetzlich heißer Tag, ohne Wind. Ein riesiger Hai verweilte den ganzen Vormittag in der Nähe des Hulks. Wir machten ein paar vergebliche Versuche, ihn mittels einer Schlinge zu fangen. Augustus ging es viel schlechter; er leidet nicht allein unter den Folgen seiner Wunden, sondern noch mehr durch ungenügende, ungesunde Ernährung. Er betete ununterbrochen, Gott möge ihn von seinen Leiden erlösen; er will nichts als sterben. Abends aßen wir die letzten Oliven und fanden das Wasser im Kruge so faulig, daß wir es ohne Wein nicht hätten genießen können. Morgen soll die Schildkröte geschlachtet werden.

Den 31. Juli. Nach einer Nacht voll von furchtbarer Angst und Ermüdung, infolge der Lage des Hulks, begaben wir uns ans Schlachten und Aufschneiden der Schildkröte. Sie erwies sich als kleiner, als wir vermutet hatten, doch in gutem Zustande – etwa zehn Pfund Fleisch waren an ihr. Wir schnitten es der guten Erhaltung wegen in kleine Stückchen und füllten damit unsere drei Olivenkrüge und die Weinflasche, worauf wir den Essig nachgossen. Wir wollten uns auf etwa vier Unzen täglich beschränken; dann meinten wir, dreizehn Tage auszukommen. Ein kräftiger Regenguß mit Blitz und Donner kam um die Dämmerung über uns, war aber von so kurzer Dauer, daß wir nur eine halbe Pinte Wasser faßten. Diese bekam nach allgemeinem Beschluß Augustus für sich allein; er schien sich jetzt seinem Ende zu nähern. Er trank das Wasser aus dem Tuch, wie es aufgefangen wurde (wir hielten jenes über den Liegenden, so daß es ihm in den Mund rinnen mußte) – denn wir hatten jetzt kein Gefäß mehr, wollten wir nicht das Fäßchen Wein oder den Wasserkrug leeren. Wäre der Guß von Dauer gewesen, wir hätten eins von beiden getan.

Dem Kranken schien der Trunk wenigstens Linderung zu gewähren. Sein Arm war vom Gelenk bis zur Schulter vollständig schwarz, seine Füße waren kalt wie Eis. Jeden Augenblick erwarteten wir, er werde den letzten Atemzug tun. Er war entsetzlich abgemagert, so daß er wohl von hundertsiebenundzwanzig Pfund, die er in Nantucket wog, auf höchstens vierzig oder fünfzig herabgekommen schien. Seine Augen waren so tief eingesunken, daß man sie kaum noch sah, und die Haut seiner Wangen hatte sich so gelockert, daß er ohne große Anstrengungen nicht kauen und selbst Flüssiges kaum hinabschlucken konnte.

Den 1. August. Noch immer ruhiges Wetter, die Sonne drückend heiß. Wir litten furchtbar an Durst; das Wasser im Kruge ist gänzlich verfault und voll Gewürm. Dennoch tranken wir etwas davon, vermischt mit Wein; aber unserm Durst half das wenig. Die Seebäder erquickten uns schon mehr; doch konnten wir sie nur in langen Zwischenräumen genießen, wegen der beständigen Nähe der Haifische. Augustus noch zu retten, gaben wir jede Hoffnung auf; er lag im Sterben. Wir waren außerstande, seine furchtbaren Qualen zu lindern. Um zwölf Uhr verschied er nach heftigen Krämpfen, nachdem er schon mehrere Stunden nicht mehr gesprochen hatte. Sein Tod erfüllte uns mit trüben Vorahnungen und bedrückte unsere Gemüter so sehr, daß wir den ganzen Tag über regungslos neben der Leiche saßen und nur flüsternd miteinander verkehrten. Erst einige Zeit nach Anbruch der Nacht faßten wir Mut, den Toten über Bord zu werfen. Der Leichnam war grauenhaft anzusehen und schon so stark verwest, daß ein Bein sich ablöste, als Peters ihn in die Höhe hob. Als diese Masse Fäulnis über Bord glitt, zeigte uns ihr phosphorisches Leuchten mit erschreckender Deutlichkeit sieben oder acht große Haie; und als sie die Beute zwischen sich in Stücke rissen, hatte man das Zuschnappen ihrer scheußlichen Zähne meilenweit hören können. Wir erbebten im Innersten vor diesem schaudervollen Ton.

Den 2. August. Dasselbe beunruhigend stille und heiße Wetter. Die Dämmerung fand uns kläglich bedrückt, körperlich entkräftet. Das Wasser des Kruges war nur mehr eine sulzige Masse, in der Würmer von haarsträubender Häßlichkeit ihr Wesen trieben. Wir warfen es weg und wuschen den Krug sorgfältig in der See, nachdem wir etwas Essig hineingeschüttet. Der Durst war kaum noch zu ertragen. Wein bot seinen Flammen nur noch neue Nahrung und erregte uns zu wahnsinniger Trunkenheit. Nachher mengten wir ihn mit Seewasser, aber das verursachte uns heftiges Würgen, so daß wir es nie mehr wagten. Den ganzen Tag hindurch sehnten wir uns vergeblich nach einem Bade; der Hulk war jetzt von Haien förmlich belagert – gewiß denselben Ungeheuern, die unsern armen Freund verzehrt hatten und jeden Augenblick eines ähnlichen Bissens gewärtig waren. Dieser Umstand war uns besonders entsetzlich, und die bedrückendsten Vorgefühle gewannen Leben in uns. Wie hatten uns die Bäder erfrischt, und von dieser Wohltat so grauenvoll abgeschnitten zu sein, war mehr als wir ertragen konnten. Auch waren wir nicht frei von unmittelbarer Gefährdung, denn ein Ausgleiten, ein falscher Tritt konnten uns in den Bereich dieser gefräßigen Fische bringen, die oft gerade auf uns loskamen, indem sie auf der Leeseite heranschwammen. Schreien und Armschwenken schien sie in keiner Weise zu stören. Sogar als Peters den größten mit einer Art Axt getroffen und arg verwundet hatte, gab er seine Versuche, zu uns einzudringen, noch immer nicht auf. Im Dämmern zog eine Wolke auf, aber sie ging an uns vorüber, ohne sich in Regen aufzulösen. Unsere Durstesqualen sind von nun an nicht mehr zu beschreiben. Wir verbrachten die Nacht ohne Schlaf, teils wegen des Durstes, teils aus Furcht vor den Haien.

Den 3. August. Keine Aussicht auf Rettung. Die Brigg neigt sich immer stärker auf die Seite; wir konnten auf dem Verdeck nicht länger stehen. Trachteten Wein und Schildkrötenfleisch zu sichern, falls wir kentern sollten. Holten zwei lange Nägel von vorn, schlugen sie luvwärts in den Schiffsleib, wenige Fuß überm Wasser; das ist nicht sehr weit vom Kiel, da wir fast ganz auf der Seite liegen. Hier banden wir unsere Vorräte an, da sie hier sicherer waren als am Vorderteil. Litten Höllenqualen durch den Durst; ans Baden war nicht zu denken, die Haifische verlassen uns keinen Augenblick. Schlaf unmöglich.

Den 4. August. Kurz vor Tagesanbruch merkten wir, daß der Hulk am Kentern war, und machten uns aufs äußerte gefaßt. Zuerst war die Bewegung langsam und stetig, wir konnten gut nach der Windseite klettern, denn die Taue hingen noch von den Nägeln herab. Aber wir hatten nicht genug mit der Beschleunigung des Falles gerechnet, denn plötzlich konnten wir mit der heftigen Drehung nicht mehr Schritt halten, und ehe wir uns irgendwie besinnen konnten, waren wir mit wütender Gewalt ins Meer geschleudert und zappelten fadentief unter der Oberfläche, gerade unter der ungeheuren Masse des Hulks.

Im Versinken hatte ich das Tau loslassen müssen, und da ich völlig unter dem Schiffe und meine Kraft nahezu erschöpft war, kämpfte ich kaum noch um mein Leben, war vielmehr gefaßt, in wenigen Sekunden zu sterben. Aber auch darin täuschte ich mich, da ich das natürliche Zurückschnellen des Hulks nach Luv nicht in Betracht gezogen hatte. Durch das Zurückrollen des Schiffes entstand ein Druck nach oben, der mich noch heftiger in die Höhe hob, als ich vorhin untergetaucht war. Als ich auftauchte, schwamm ich etwa zwanzig Ellen vom Hulk entfernt. Er lag mit dem Kiel nach oben, schaukelte entsetzlich von einer Seite auf die andere, und die See ringsum war voll von mächtigen Wirbeln. Peters war nicht zu sehen. Ein Tranfaß schwamm noch an mir vorüber, und verschiedene andere Gegenstände von der Brigg waren auf dem Wasser verstreut.

Mein größter Schrecken waren die Haie, die, wie ich wußte, sich ganz in der Nähe aufhielten. Um sie möglichst abzuschrecken, machte ich ein großes Geplätscher und erzeugte eine Unmenge Schaumes, während ich auf den Hulk zuschwamm. Diesem einfachen Auskunftsmittel verdanke ich ohne Zweifel meine Erhaltung; denn gerade vor dem Kentern der Brigg war die See ringsherum mit diesen Untieren so bevölkert, daß ich während des Schwimmens sie tatsächlich gestreift haben muß. Durch ungeheuren Glückszufall erreichte ich in Sicherheit das Schiff; doch war ich so ermattet, daß ich ohne Peters' rechtzeitige Hilfe niemals hinaufgelangt wäre. Der erschien jetzt zu meiner großen Freude (er hatte den Kiel von der Gegenseite erklettert) und warf mir das Ende eines Taues zu – eines von denen, die wir an den Nägeln befestigt hatten.

Kaum waren wir knapp solcher Gefahr entronnen, da wurde unsere Aufmerksamkeit auf eine noch schlimmere gerichtet – auf die unmittelbar drohende Gefahr des Verhungerns. Trotz alles mühevollen Befestigens waren unsere Vorräte über Bord geschwemmt; da gaben wir uns beide ohne Rückhalt unserer Verzweiflung hin, weinten laut gleich Kindern, und keiner versuchte den andern zu trösten. Solche Schwäche kann sich keiner vorstellen, und jedem, der nicht in ähnlicher Lage war, muß sie unnatürlich erscheinen. Aber wir waren so entmündigt, so aus allen Zusammenhängen gerissen durch Schrecken und Entbehrung, daß wir kaum noch als vernünftige Wesen gelten konnten. In späteren Gefahren, die ebenso groß waren, wenn nicht größer, erduldete ich tapfer alle Übel meiner Lage, und Peters zeigte eine stoische Denkart, die ebenso unglaublich schien wie seine gegenwärtige Kindischheit und Schwäche; der Unterschied lag im Zustande unseres Geistes.

Das Kentern der Brigg hätte trotz des Verlustes von Wein und Schildkrötenfleisch unsere Lage nicht beklagenswerter gemacht, als sie zuvor schon war, wären nicht unsere Regenfänger, die Bettücher, und der Krug, unser Wasserbewahrer, verschwunden gewesen; denn die ganze Unterseite war vom Kiel bis drei Fuß innerhalb der Kniehölzer dicht mit großen Schiffsmuscheln bedeckt, die eine köstliche und nahrhafte Speise boten. So war der Unfall in doppelter Hinsicht zu einer Wohltat geworden, obwohl wir ihn so gefürchtet hatten: er hatte uns Vorräte erschlossen, die für mehr als einen Monat reichen würden; und unsere körperliche Lage war um vieles bequemer geworden, da wir weit sicherer und mehr im Gleichgewichte waren als zuvor.

Doch die Wasserfrage machte uns für alle Vorzüge dieser Wandlung der Verhältnisse völlig blind. Wir zogen unsere Hemden aus, um uns einen etwaigen Schauer sogleich zunutze machen zu können. Wir wollten sie wie jene Tücher brauchen; das Ergebnis würde freilich viel geringer sein, unter den günstigsten Umständen höchstens eine Viertelpinte auf einmal. Keine Spur von einer Wolke! Die Marter des Durstes kaum noch zu ertragen! In der Nacht war Peters ein Stündchen unruhigen Schlafes vergönnt, aber meine furchtbaren Qualen erlaubten mir nicht einen Augenblick erlösenden Schlummers.

Den 5. August. Eine sanfte Brise erhob sich und trieb uns durch eine große Menge Seetangs, in dem wir glücklicherweise elf kleine Krabben fanden, die uns ein paar köstliche Mahlzeiten verschafften. Ihre Schalen waren so dünn, daß wir sie essen konnten, und sie machten uns nicht so durstig wie die Kielmuscheln. Im Seetang waren keine Haifische, so wagten wir denn zu baden und blieben mehrere Stunden im Wasser; während dieser Zeit ließ unser Durst erheblich nach. Wir waren sehr erfrischt; die Nacht war etwas besser, wir konnten beide ein wenig schlafen.

Den 6. August. An diesem Tage ward uns die Gnade eines andauernden Regengusses zuteil, der vom Mittag bis in die Nacht währte. Wir vermißten aufs schmerzlichste unser Fäßchen und unsern Krug, denn wir hätten eines von ihnen füllen können, vielleicht beide. So löschten wir unsern brennenden Durst, indem wir die wassergetränkten Hemden ausrangen, wobei die willkommene Flüssigkeit uns in den Hals lief. Auf diese Art brachten wir den Tag hin.

Den 7. August. Gerade bei Tagesanbruch erspähten wir beide zu gleicher Zeit im Osten ein Segel, das offenbar auf uns zuhielt! Ein langgedehnter Freudenruf begrüßte den glorreichen Anblick, und sofort begannen wir, alle uns möglichen Zeichen zu machen, indem wir unsere Hemden in der Luft flattern ließen und so hoch sprangen, als es unser elender Zustand gestattete, ja sogar mit aller Kraft unserer Lungen »Schiff ahoi!« riefen, obwohl es an fünfzehn Meilen entfernt war. Doch immer näher kam es unserm Wrack, und wir fühlten: hält es nur den jetzigen Kurs ein, so muß es endlich so nahe kommen, daß man unserer ansichtig werden kann. Eine halbe Stunde, nachdem wir es wahrgenommen hatten, konnten wir deutlich die Menschen auf dem Verdeck sehen. Es war ein länglicher, niedriger, etwas liederlich aussehender Schuner mit einem schwarzen Ball im Vordertoppsegel und, wie es schien, mit vollzähliger Bemannung. Nun packte uns die Angst, denn es war kaum möglich, daß man uns nicht bemerkte, und wir bebten bei dem Gedanken, man könnte uns hier zugrunde gehen lassen – denn so unglaublich es sich anhören mag, es ist solche teuflische und barbarische Handlungsweise durchaus nichts Seltenes, und Geschöpfe, die sich zum Menschengeschlechte zählten, haben sich ihrer mehr als einmal schuldig gemacht. In diesem Augenblicke jedoch sahen wir uns durch die Gnade Gottes aufs herrlichste enttäuscht, denn mit einem Male gab es eine Bewegung auf dem Deck des fremden Schiffes, das alsbald die britische Flagge hißte und, unter Preßwind segelnd, gerade auf uns zuhielt. In einer halben Stunde waren wir in seiner Kajüte. Es war die »Jane Guy« von Liverpool, Kapitän Guy, zum Zwecke des Handels und Robbenfangs unterwegs nach der Südsee und dem Stillen Ozean.


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