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Die verschwundene Schute

Von Edward Noble

I.

Eine sonderbare Geschichte war es, über die sich die Bewohner der unteren Themseufer, diese alten amphibienartigen »Wassermänner«, tagelang mit Kopfschütteln unterhielten. Den wahren Zusammenhang erfuhren nur wenige. Daß ich ihn kenne, verdanke ich einer intimen Freundschaft mit Stanley Geskin.

Wir waren Freunde seit einer Reihe von Jahren. Als Knaben waren wir Schiffskameraden gewesen und hatten während unserer harten fünfjährigen seemännischen Lehrzeit Freud und Leid redlich miteinander geteilt und so manches Abenteuer zusammen bestanden. Die ruhige Sicherheit und die unbeugsame Energie seines Charakters hatte ich aber erst in einer dunklen stürmischen Nacht auf dem Chinesischen Meere erkannt.

Niedergekauert im Schatten der Nagelbank am Großmast hatten wir beieinander gesessen und ganz zufällig dabei die Einzelheiten einer Verschwörung belauscht, die nichts weniger als eine regelrechte Meuterei der Mannschaft mit allen eine solche stets begleitenden entsetzlichen Nebenumständen zum Ziel hatte. Geskin war nur ein Knabe; aber im Augenblick hatte er die Situation erfaßt. Ich mußte mich heimlich nach achtern schleichen, während er sich erhob und sich, anscheinend ganz unbefangen, den Verschwörern näherte.

Wenn wir in unserem Versteck geblieben wären, würde eine Entdeckung unvermeidlich gewesen sein, und wahrscheinlich würden die ertappten Meuterer uns auf der Stelle umgebracht haben. Dadurch, daß mein Freund sich ihnen anschloß, wurden wir gerettet. Mit Freuden begrüßten die Leute den intelligenten Knaben als Bundesgenossen, war er doch als »Achtergast« ein sehr schätzbares Mitglied der Verschwörung. Geskin wußte nun den Ausbruch der Meuterei sehr geschickt zu verzögern, bis es den Schiffsoffizieren gelungen war, die Rädelsführer in Eisen zu legen und so den geplanten Aufstand im Keime zu ersticken.

Zwischen jenem Tage und heute liegt ein langer Zwischenraum. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Geskin und ich trennten uns. Einmal trafen wir uns in San Jago in Chile, einmal in Indien, zweimal in Australien. Unsere jetzige erneute Kameradschaft ist das Ergebnis einer jener seltenen Fügungen des Schicksals, über die der Mensch so gut wie gar keine Macht hat.

Ich war des Seefahrens müde geworden, und da ich es nicht nötig hatte, weiteren Mammon aufzuhäufen, kehrte ich zurück in die Heimat meiner Kindheit – nach London. Um die Verbindung mit dem alten Vater Ozean nicht gänzlich abzubrechen, kaufte ich mir eine kleine Segeljacht. Ich war im Begriff, mein neues Fahrzeug von Medway nach seinem Ankerplatz auf der Themse zu bringen. Da traf ich meinen alten Freund nach langen Jahren zum erstenmal wieder.

Mein Schiffer hatte die Stärke der Flutströmung unterschätzt und war mit einer Boje in Kollision geraten. Eifrig arbeiteten wir, um Segel zu bergen und unser Fahrzeug wieder frei zu bekommen. Da hörte ich in nächster Nähe das Zischen des Schaums am Bug eines schnellfahrenden Schiffes.

Ich schaute auf. Mit großer Schnelligkeit näherte sich uns eine schmucke, elegante Dampfjacht. In der Hoffnung, die Aufmerksamkeit ihrer Besatzung zu erregen, winkte ich mit der Hand. Aber meine Besorgnis war überflüssig. Man hatte uns bereits gesehen und kam uns zu Hilfe. Einige Minuten später schleppte uns der kleine Dampfer in die Mitte des Stromes, und wir befanden uns wieder mitten im sicheren Fahrwasser. Jetzt rief ich den Schiffer an. Er ließ seine Maschine langsam gehen, und ich ließ mich an Bord rudern.

»Ich möchte Ihnen meinen Dank abstatten,« sagte ich, indem ich ihm einen Sovereign in die Hand drückte, »daß Sie uns so prompt aus der Klemme geholfen haben. Hoffentlich werden Sie mir nicht abschlagen, ein Glas auf meine Gesundheit zu trinken?«

»Ne, Herr,« entgegnete er lächelnd. »So wat schlägt Joe Dismal niemals nich ab. Aber eigentlich hat mein Chef den Gelben verdient. Der hat Sie zuerst in Sicht bekommen.«

»Aha,« sagte ich. »Ihr Reeder ist also an Bord; darf ich ihm vielleicht meine Aufwartung machen? Ich möchte ihm gerne danken. Wie heißt der Herr denn?«

»Kappen Geskin.«

»Kapitän Geskin!« rief ich aus. »Doch nicht Stanley Geskin?«

Etwas erstaunt musterte mich der Schiffer.

»Kann sein,« erwiderte er, »daß er so heißt. Hier ist er man bloß als Kappen Geskin bekannt. Aber da kommt er – da können Sie ja selber sehen, ob er der Herr is, den Sie meinen.«

Ich wandte mich um und erblickte einen hochgewachsenen Mann mit glattrasiertem Gesicht und scharfen Zügen. Mit ausgestreckter Hand kam er auf mich zu.

»Ah, Ralston,« rief er. »Ich dachte mir doch gleich, daß ich die Stimme kennen muß. Wo kommst du denn auf einmal her? Die Welt wird wirklich alle Tage kleinstädtischer. Aber komm hinunter, alter Freund, komm hinunter!«

So traf ich nach zehn Jahren wieder einmal mit meinem Freunde zusammen und erfuhr, daß auch er schon seit einiger Zeit die Seefahrt an den Nagel gehängt hatte und jetzt ein hübsches, an der unteren Themse gelegenes Grundstück besaß. Bald darauf entschloß ich mich, gleichfalls in dieser Gegend meinen Bungalow zu bauen und darin die wohlverdiente Ruhe nach einem stürmischen Leben zu genießen. Teilweise bestimmte mich der Wunsch dazu, in der Nähe des Freundes zu bleiben. Auch wollte ich nicht allzuweit vom Schauplatz meines ehemaligen Berufes entfernt sein. Und hier hatte ich das ganze mit der Schiffahrt verbundene Leben und Treiben, alles, was der Seemann so gerne sieht und hört, in unmittelbarer Nähe. Hier, an den Gewässern der Themse, wo der lehmfarbene Strom sich zur weiten dunstigen Seebucht erweitert, in deren Mitte die sichere Fahrstraße gekennzeichnet wird durch zahlreiche Bojen und Feuerschiffe – hier erneuerte ich die alte Freundschaft mit dem feuchten Element. Ganze Tage und Nächte brachte ich auf dem Wasser zu, und dabei entdeckte ich allerlei Geheimnisse. Wunderbare Dinge sind es, die sich hinter dem Dunstschleier verbergen, der diese Gegend mit ihrem nebelhaften Schatten und dem unaufhörlichen regen Schiffsverkehr, weit stromabwärts bis zum Norefeuer fast beständig verhüllt.

Eine Zeitlang war ich so beschäftigt, mein neues Heim einzurichten und die »Elsie«, meine bescheidene Zehntonnen-Yawl, unter verschiedenen Witterungsverhältnissen zu probieren, daß ich von Geskins Tun und Treiben nur wenig bemerkte.

Aber als der Winter herannahte, überdachte ich mein Boot und folgte mancher Einladung meines Freundes, ihn auf seinen Fahrten an Bord der »Vigilante« zu begleiten.

Dann erst entdeckte ich Geskins Beschäftigung. Sie bestand darin, daß er mit dem ihm eigentümlichen Scharfsinn und Takt die Geheimnisse dieses berüchtigten Flußgebiets zu erforschen und den sie verhüllenden Schleier zu lüften strebte. Aber ein volles Jahr war bereits vergangen, ehe ich zum erstenmal Gelegenheit hatte, ihn auf einem seiner abenteuerlichen Ausflüge zu begleiten, von denen er, wie ich bemerkt hatte, oft abgespannt und niedergeschlagen zurückkehrte.

Es war gegen acht Uhr abends an einem rauhen, dunklen Dezembertage. Eben hatte ich einen eilig abgefaßten Kartenbrief von meinem Freunde erhalten, der darin enthaltenen Aufforderung folgend mein Haus verlassen und befand mich nun auf dem Wege zu der auf dem Molenkopf befindlichen Signalstation. Ein eisiger Nordost fegte von der Essexer Marsch her über den Strom. Die Erde krachte unter meinen Schritten; denn der früh eingetretene Frost war für diese Zeit des Jahres schon recht stark. Ich war froh, als ich endlich die schützende Behausung erreicht hatte und in dem warmen Zimmer meines Freundes saß.

»Ah, Ralston,« rief er, mir die Hand schüttelnd. »Freut mich, daß du gekommen bist. Ich fürchtete schon, das Wetter würde dich abhalten. Nun lege aber zunächst mal ab und stecke dir eine Pfeife an. Ich werde uns unterdessen einen Toddy mischen.«

»Du wirst doch heute abend nicht mehr den Fluß hinuntergehen,« meinte ich, indem ich seiner Aufforderung folgte. »Hol mich der Teufel! Das würde bei diesem Wetter entschieden nicht sehr verlockend sein.«

»Gerade aus diesem Grunde muß ich es,« erwiderte er.

»Was gibt es denn?«

»Ich hatte heute nachmittag ein Telegramm, und das hat mir Stoff zum Nachdenken geliefert.«

»Hol der Teufel das Telegramm!« sagte ich. »Wenn ich an deiner Stelle wäre –«

Ich hatte keine Zeit, zu vollenden, was ich sagen wollte. Denn in demselben Augenblick wurde stark an die Tür geklopft, und gleich darauf trat ein großer Mann mit harten, verwitterten Gesichtszügen ein. Als er uns beide erblickte, blieb er in der halb geöffneten Tür stehen und drehte seine Mütze nervös zwischen den Fingern hin und her.

»Kappen Geskin?« fragte er und blickte zweifelhaft von meinem Freunde auf mich. »Ick hew 'n Telegramm von mien Reeder un sall mi Kappen Geskin vörstellen.«

Geskin stöhnte.

»Kommen Sie rein, mein Mann – kommen Sie rein und zeigen Sie her,« rief er. »Und dann können Sie auch die Tür zumachen.«

Der Mann tat, wie ihm geheißen, legte vorsichtig seine Mütze auf den Fußboden und blieb dann stehen. Offenbar erwartete er, daß ich mich entfernen sollte.

Geskin bemerkte das und erhob sich, um mich zurückzuhalten. Dann setzte er dem Manne auseinander, daß er selber, falls die betreffende Angelegenheit geheimzuhalten sei, sich für meine Diskretion verbürge.

»Na, wenn dat so is,« sagte der Mann. »Da is dat Telegramm, Herr Kaptein. Ick will man hoffen, dat Sie die Sache bestroppen werden; denn ick für meine Person muß ick man sagen – ick steh davor wie der Ochs vorm Berge. Un ohne die Schut mag ick meinen Reeder nich wieder vor Augen kommen. Ne, lieber nich – für kein Geld nich!«

Er reichte das Telegramm über den Tisch, während er sprach. Mein Freund las es und gab es mir. Es lautete:

 

Langton. Postlagernd. Riverton.

Sofort Kapitän Geskin aufsuchen. Sachlage erklären und bitten, gütigst unser Interesse zu vertreten. Komme selber morgen früh.

Lyric.

 

»Wer ist Lyric?« fragte Geskin, indem er sich über den Tisch beugte und sein Notizbuch heranzog.

»Telegrammadresse von meine Reeder – Gebrüder Thompson Nr. 55 Fenchurch-Street Ost-City.«

»Kenne ich – und wer sind Sie?«

»Walter Langton, Herr Kaptein, Kappen von de ›Buccaneer‹.«

»Schön.«

Geskin ergriff das Londoner Adreßbuch und überzeugte sich, schnell die Seiten umblätternd, von der Wahrheit des Gesagten.

»Ich sehe,« sagte er. »Schuten-, Leichter- und Bugsierboot-Reederei. Red Lion Wharf. Nun, mein Mann, was haben Sie zu erzählen? Kollision gehabt mit irgendeinem Fahrzeug stromabwärts kommend, oder hat ein Dampfer das Malheur angerichtet?«

»Ne, Herr Kaptein. Dat nich, un dar annere auch nich. Die Sach' ist ganz einfach die: de Schut is verswunnen.«

»Verschwunden!« rief Geskin ungläubig. »Unsinn, Mann! Wo haben Sie denn geankert, als Sie stromabwärts kamen?«

»Überhaupt nich, Herr Kaptein! Ick will verdammt sein, wenn dat nich die reine Wahrheit is, wat ick Ihnen erzählen tu. Sie is weg – futsch – un ick komm mir gerade so vor, wie so'n richtiges Mondkalb.«

»Das letztere glaub' ich Ihnen,« meinte Geskin und betrachtete den Mann aufmerksam. »Und das spricht zu Ihren Gunsten. Es gibt wenige unter Ihren Kollegen, die das zugestehen würden. Die meisten lassen sich lieber für Schelme als für Dummköpfe halten. Nun aber beachten Sie gefälligst meine Fragen und antworten Sie so klar und deutlich, wie es Ihnen möglich ist. Sie waren also Schiffer dieser Schute? Wie alt ist das Fahrzeug?«

»Fünf Jahre im nächsten April.«

»Größe?«

»Hundertundzehn Tons Kohlen hatten wir geladen. Dat war vergangenen Sommer nach Margate. Auf dem Strom können wir sagen hundertundzwanzig.«

»Hm,« meinte Geskin nachdenklich, indem er den Mann mit halb geschlossenen Augen beobachtete, »das ist es nicht.« Laut fuhr er fort: »Warten Sie mal. Wo haben Sie geladen?«

»Sholters Bollwerk.«

»Zement also, he? Auf Rechnung der Reeder?«

»Ne, Herr Kaptein, gechartert.«

»Von wem?«

»Herr Isaksohn. Querstraße von Fenchurchstreet.«

»Aha!« Geskin machte sich eilig ein paar Notizen. Dann wandte er sich wieder zu dem Schiffer. »Ich danke Ihnen,« sagte er. »Nun setzen Sie sich mal auf den Stuhl dort und spinnen uns Ihr ganzes Garn ab.«

»Wo sall ick anfangen?«

»Wo Sie wollen.«

»Na, Herr Kaptein, es war also so. Nächsten Dienstag werden es vier Wochen, daß ick mich verheiratet hab, und sobald wir querab von Sholters Bollwerk ankerten, wollt ick natürlich gern nach Haus zu meiner Frau. Ick frag also den Vormann, wann wir längsseit kämen, und der sagt mir, zwei Tage müßten wir lauern, bis daß wir an die Reih' kämen, un dat wär übermorgen. Na, ick mach ja nu Radau, wie dat meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit is von wegen dat ick so lang warten soll. Damit wird aber nix nich geändert, un ick hält auch ebensogut dat Maul halten können. Un so sag ick denn zu meinem Steuermann: ›Du paßt mir gut auf die Schut und pumpst sie mir immer ordentlich lenz. Ick geh jetzt nach Haus un komm übermorgen wieder an Bord. Dann wollen wir die Schut längsseit bringen‹ Ick bin dann auch richtig zu rechter Zeit wieder da, noch 'ne halbe Stund' vor Hochwasser. Und – hol mich der Deuwel – da liegt die Schut mitten auf dem Strom un is voll beladen. Ick ruf nach dem Steuermann, daß er mich an Bord setzen soll. Aber kein Steuermann is zu sehen. Dat war ungefähr um vier Uhr nachmittags letzten Donnerstag. Ick nehm mir also 'ne Boot, die da am Bollwerk liegen tät, spring rein un wrigg an Bord.

Da is de Schut, alles seeklar verschalkt, und rund um die Luken so 'ne Streifen von Zementstaub, als ob sie man eben erst mit Laden fertig geworden wär. ›Donnerkiel!‹ sag ick. ›Dat is ja verdeuwelt fix gegangen!‹ Aber wie man so sagt, dat wären ja allens Eier in meinen Korb. Es is nahe an Hochwasser und der Wind frei ein von Nordnordwest. Da können wir gleich lossegeln. Sag ick also zu mir selber: Du mußt schnell noch mal an Land und Mary telegraphieren – dat is nämlich meine Frau – daß sie mich treffen tut bei ihrer Mutter in Grenton. Denn sehen Sie, meine Herren, wir hatten abgemacht, daß sie so 'n paar Reisen mit mir an Bord mitreisen sollt, und nu, wo dat so fix gegangen war mit die Ladung, da wär sie zu spät gekommen ohne dem Telegramm. Ick also eins, zwei, drei an Land, schick meine Depesche ab und bin in fünf Minuten wieder an Bord.

Dann erst stieg ich runter in die Kajüt. Es kam mir doch sonderbar vor, daß der Steuermann nich zu sehen war. Und – hol mich der Deuwel – da liegt er, betrunken wie 'n Fürst, lang ausgestreckt auf dem Sofa.

Mir war, als ob ich den Wind mit einmal von vorne kriegte. Jack Sedgeley war immer ein nüchterner, solider Junge gewesen, und ick hatte ihn schon 'ne ganze Zeit als Steuermann an Bord. Aber so was war noch niemals nich passiert. Ne, ick glaub', ick hab' ihm so 'ne zwei bis drei Eimer Wasser über'n Kopp gegossen. Da kam er denn zur Besinnung und gab mir meine Orders. Un denn machten wir Anker auf und segelten los.«

»Na hören Sie mal, Herr Kaptein,« fuhr der Schiffer fort und klopfte mit wichtiger Miene mit dem Zeigefinger der Rechten auf die flache Linke, »wir kommen also bis nach Long Reach und ankern. Der Steuermann war jetzt ganz nüchtern. Nur so'n dicken Kopp hatt' er, als ob ihm die Mütz zu klein geworden wär. Es war beinahe elf Uhr, als wir ankerten. Ein bißchen Brise stand noch von Nordnordwest, aber nich so stark, daß die Schut hätt' treiben können. Ick geb ihr fünfundzwanzig Faden, wir machen dat Topsegel fest und lassen dat Großsegel in den Geitauen hängen. Dann geh ick an Land und will meine Frau abholen. Un dat wär dar letztemal, Herr Kaptein, daß ick den ›Buccaneer‹ mit meinen Augen gesehen hab.« –

Der Schiffer hielt inne und schaute gespannt zu Geskin hinüber. Dieser hatte sich während der Erzählung von Zeit zu Zeit einige Notizen gemacht. Plötzlich blickte er auf.

»Und was haben Sie seit heute morgen getan?« fragte er.

»Gesucht hab ick sie überall, Herr Kaptein. Ick konnt mir nich entschließen, an die Reeder zu telegraphieren, nich eher als bis heut nachmittag.«

»Zwanzig Stunden verloren,« brummte Geskin. »Ralston,« fuhr er fort, sich zu mir wendend, »willst du mich begleiten? Sonst, fürchte ich, werde ich dir für heute gute Nacht sagen müssen.«

Ich versicherte, daß mich die Sache ungeheuer interessierte, und daß ich ihn mit Vergnügen begleiten würde, falls er meinte, daß ich mich irgendwie nützlich machen konnte.

»Danke,« erwiderte er herzlich. »Deine Gesellschaft wird mir sehr angenehm sein. Wir müssen sofort aufbrechen. – Langton, gehen Sie bitte hinaus und sagen meinem Schiffer, daß er sich bereit halten soll, in zehn Minuten loszudampfen. Dann kommen Sie zurück und bringen diese Depeschen so schnell wie möglich zum Telegraphenamte.«

Zwanzig Minuten später hatten wir uns auf der »Vigilante« eingeschifft, und ich befand mich mit meinem Freunde auf der ersten unserer vielen gemeinschaftlichen Fahrten auf den düsteren Gewässern des geheimnisvollen Stromes. Der Wind war eisig. Die Nacht war ungewöhnlich dunkel. Während wir aus dem Gewirr der vor Anker liegenden Schiffe in das freie Fahrwasser hinausglitten, ging Geskin zu dem mitschiffs hinter einem Schauerkleid stehenden Schiffer hinüber und erteilte ihm seine Instruktionen.

»Steuern Sie für Long Reach,« sagte er, »und lassen Sie mich wissen, sobald wir soweit sind. – Komm, Ralston! Ich denke, unten wird es wohl etwas wärmer und gemütlicher sein.«

Bereitwillig folgte ich ihm in die Kajüte, wo ein kleiner eiserner Ofen eine behagliche Wärme ausströmte.

»Ich habe mich auf eine Nacht gefaßt gemacht,« sagte mein Freund und warf seinen Überrock ab. »Ich weiß niemals vorher, wie lange ich unterwegs sein werde, wenn ich eine solche Fahrt unternehme. Ein glücklicher Zufall, daß ich die Dampf-Barkasse bereit hielt. Sonst würde der ›Buccaneer‹ noch weitere zwölf Stunden Vorsprung gehabt haben.« – »Das sind ein paar hübsche Pistolen, nicht wahr?« fuhr er fort, indem er eine Schublade öffnete. »Wie gefallen sie dir?«

»Sehr schöne Waffen,« erwiderte ich, eine davon in die Hand nehmend; »aber was willst du jetzt damit?«

»Nach dem, was ich erfahren habe,« antwortete er, »halte ich es für gut, daß man auf alles vorbereitet ist. Siehst du,« fuhr er fort, mein erstauntes Gesicht bemerkend, »dies ist ein ungewöhnlicher Fall. Der ›Buccaneer‹ soll nicht der Versicherung wegen verloren gehen. Dazu ist das Fahrzeug viel zu gut. Auf die Art sucht man nur alte Rattenfallen loszuwerden. Außerdem sind Thompsons anständige Leute. Die lassen sich auf solche Gaunerstreiche nicht ein. Herr Isaksohn würde es vielleicht tun. Aber der ist kürzlich erst mit 'nem blauen Auge davongekommen und vermeidet auch wohl lieber ein derartiges Risiko. Nun, der ›Buceaneer‹ ist einfach gestohlen; aber wir werden ihn uns wiederholen. Ich habe rund um die ganze Küste telegraphiert, damit die verschwundene Schute nötigenfalls angehalten wird.«

»Du hast irgendeinen bestimmten Verdacht?« fragte ich aufs Geratewohl.

»Den habe ich allerdings,« versetzte er mit auffallendem Ernst. »Aber um ihn zu beweisen, wird wohl einige Zeit erforderlich sein. Sieh hier,« fuhr er fort und warf einen vorsichtigen Blick rings um die Kajüte. »Heute nachmittag erhielt ich dieses Telegramm von der Londoner Polizeidirektion. Gleichlautende Depeschen sind an alle Küstenstationen hier geschickt.«

Das Telegramm lautete:

Highflyer tostit graupus festio Paris mondet Coston zobrit.

»Was heißt dieses Kauderwelsch in eine verständliche Sprache übersetzt?« fragte ich.

»Es heißt,« versetzte Geskin langsam: »Dynamit-Anarchisten-Bande polizeilicher Überwachung entschlüpft. Augenblicklicher Aufenthalt unbekannt. Wahrscheinlich auf dem Wege nach Paris mit unbekanntem Schiff. Bitte um jede nur mögliche Unterstützung behufs Entdeckung.«

»Guter Gott!« rief ich. »Und damit bringst du den verschwundenen ›Buccaneer‹ in Verbindung?«

»Ich halte einen Zusammenhang für sehr wahrscheinlich,« erwiderte Geskin entschieden. »Jedenfalls ist es eine Spur, die verfolgt zu werden verdient.«

»Aber«, wandte ich ein, »in diesem Fall würden die Leute doch ein gewöhnliches, regelmäßig laufendes Passagierschiff vorziehen, statt einen so auffälligen Weg zu wählen.«

»Hier auf der Themse passieren die unwahrscheinlichsten Dinge, mein lieber Ralston. Verlaß dich drauf, wenn du den Fluß erst so genau kennst wie ich, wirst du weniger skeptisch sein. Zehn Jahre hier unter dem Flußvolk haben mir eine Einsicht in seine Methoden verschafft, die ich mir fern von dieser Gegend nicht im Laufe meines ganzen Lebens hätte aneignen können. Ich kenne meine Leute und möchte mit Bestimmtheit behaupten: Wenn sich unter dieser Bande auch nur ein einziger von der Flußbrüderschaft befindet, dann will ich ein ganzes Schwein wetten gegen einen Schinkenknochen, er wird den ›stillen Weg‹ wählen. Für die Flußleute gibt es nur einen stillen Weg. Das ist ihr Fluß, die schnellfließende, geheimnisvolle Themse.«

Geskin lehnte sich in das Sofa zurück und rauchte schweigend seine Pfeife. Ich dachte darüber nach, was er gesagt hatte, und beobachtete aufmerksam sein kühn geschnittenes, intelligentes Gesicht. Erst als mein Freund sich plötzlich erhob, um an Deck zu gehen, fuhr ich aus meinem Brüten auf.

Die schnelle, rauschende Strömung des Wassers längsseit des Fahrzeuges hatte merklich abgenommen. Die »Vigilante« ging »langsam«. Als wir die Treppe hinaufgestiegen waren, sahen wir in unserer unmittelbaren Nähe eine ganze Anzahl von Schuten vor Anker liegen.

»Nun, Langton,« rief Geskin. »Bringen Sie uns längsseit von demjenigen Kahn, der Ihnen zunächst lag, als Sie hier ankerten.«

»Dat wird die ›Swift‹ sein, Herr Kaptein, da liegt sie, gerade am End von dem Bollwerk.«

»Rufen Sie sie an!«

»Swift ahoy!«

Gleich darauf waren wir längsseit. In der Kajütskapp stand der Schiffer, unwillig über die späte Störung.

»Haben Sie was von dem ›Buccaneer‹ gesehen?« rief Geskin.

»Buccaneer!« brüllte der Schiffer ärgerlich zurück. »Hol der Deuwel die ›Buccaneer‹! Jeder fragt nach ihr. Die is schon lange gesegelt.«

»Rauf oder runter?«

»Na, runter natürlich. Wonach sollt sie wohl rauf gehen?«

»Weshalb nicht?«

»Na, mit 'ner Herrengesellschaft an Bord, die auf die Entenjagd will!«

»Richtig!« sagte Geskin. »Das hatte ich vergessen. – Volle Kraft vorwärts, Dismal! Laufen Sie nach Cliff Creek; wir wollen sehen, was wir dort ausfindig machen können. – Na, weshalb zum Donnerwetter konnten Sie das nicht längst gefragt haben, Langton?« wandte er sich an den Schutenschiffer, während die Barkasse von neuem mit voller Fahrt das Wasser durchschnitt und den Schaum am Bug emporsprudeln ließ. »Darüber haben wir nun wieder 'ne Stunde verloren.«

»Es war niemand an Bord von der ›Swift‹, als ick heut nachmittag längsseit war, Herr Kaptein.«

»Nein, wenn man einen von der Gesellschaft mal braucht, ist niemals wer an Bord.« Geskin drehte sich kurz um und ging hinunter. Offenbar war er sehr beunruhigt. Bald erhob er sich und ging an Deck, bald stand er in der Kajütskapp und beobachtete die Fahrt, die wir machten. Und dann ging er wieder hinunter in die Kajüte und warf sich der Länge nach auf das Sofa. So vergingen die Stunden bis nahe vor Mitternacht. Wir waren vor Cliff Creek angelangt, kreuzten mit langsamer Fahrt zwischen den Schuten, suchten den »Buccaneer« und stellten Fragen. Aber wir erfuhren nichts Neues. Meistens wurde uns nur mit Flüchen geantwortet. Endlich kamen wir an das vor der Mündung des Kanals liegende Stationsschiff der Küstenwache. Langsam dampften wir darauf zu; da ertönte ein heiserer Ruf durch die stille Nacht und forderte uns auf, längsseit zu kommen.

»Wir haben eben einen Mann aufgefischt,« rief der wachhabende Offizier, als wir unter das Fallreep glitten. »Er ist halb erfroren und völlig bewußtlos. Wenn Sie raufgehen, könnten Sie ihn vielleicht ärztlicher Behandlung übergeben.«

Statt zu antworten, sprang Geskin an Bord.

»Wo ist er?« fragte er.

Die beiden Schiffer und ich folgten ihm ins Zwischendeck. Dort stand er bereits am Ofen und hatte sich über eine lang ausgestreckte, an Deck liegende menschliche Gestalt gebeugt. Zwei Männer waren damit beschäftigt, die Hände des Bewußtlosen zu reiben. Seine Augen waren geschlossen, das Gesicht blaß und starr vor Kälte.

Plötzlich schob Langton sich ungestüm an mir vorüber.

»Mein Gott!« schrie er. »Dat is ja mein Steuermann.«

»Der Steuermann vom ›Buccaneer‹?« fragte Geskin scharf.

»Jawohl, Herr Kaptein, dat is Jack Sedgeley, wenigstens war er es.«

»Der Mann muß so schnell wie möglich zu sich gebracht werden!« rief mein Freund und beugte sich wieder über die regungslose Gestalt. »Die ganze Sache liegt in seinen Händen.«

II.

Es war nahe an ein Uhr morgens und fast Hochwasser. Da erwachte Sedgeley endlich aus seiner Ohnmacht. Geskin flößte ihm einen kleinen Schluck Kognak ein, und plötzlich fuhr er aus seiner liegenden Stellung empor.

»Ick hab ja gar nix gehört, meine Herren. Ick bin ja ganz still. Ick sag kein Wort nich, was? – O mein Gott, ick dacht, ick wär noch an Bord von de ›Buccaneer‹.«

»Beruhigen Sie sich, mein Junge,« sagte Geskin ruhig. »Sie sind unter Freunden. Erzählen Sie uns nun mal, wie es gekommen ist, daß Sie mit Ihrem Boot weggetrieben sind.«

Einen Augenblick schaute der junge Mann argwöhnisch umher. Dann aber, als er auch Langton neben sich stehen sah, erwiderte er:

»Ick wär abgeschnitten, abgekappt. Wenn Sie mir fragen tun, wie dat passiert is, dat is die Wahrheit. Woso ick dat wissen tu? Na, ick hab doch Augen in'n Kopp. Un wenn ick 'ne Fanglein' einhol, kann ick doch sehn, dat sie gekappt is. Na, mit einmal trieb ick achteran. Un kreischen tat ick natürlich wie so 'ne angeschossene Möw'. Ob sie geantwortet haben? Ja, antworten täten sie. Sie lachten – dat wär ihre Antwort.«

»Aber weshalb haben die Leute Sie denn treiben lassen?«

»Weil sie auf die Entenjagd wollten,« rief Sedgeley, und seine Stimme bebte vor Empörung. »Ne schöne Entenjagd mag dat sein. Herr, die Sache is so. Diese Herren kamen an Bord am Bollwerk und bereden mich, sie wegzustauen. Sie wollten 'ne Partie den Fluß hinunter machen, und dat wär ja auch nix Böses. Erst gaben sie mir zu trinken, bis ick dreiviertel durch den Wind gedreht wär, und dann wollt ick mir auch gern den Gelben verdienen, den sie mir versprochen hatten, und so kam es. Ick staute sie weg, und wir gingen los. Dann kommen wir zu Anker, und der Schiffer geht an Land. Kaum is er weg, da hör ick, wie sie an die Luken kloppen. Ick laß sie also raus, und nu hatt ick gar nix mehr zu sagen. Sie wollten Anker auf und weiter gehen, und ick wollt natürlich nich. Aber – mein Gott – wat konnt ick machen, einer gegen drei? Wir laufen nu also runter ohne den Schiffer bis nach Hope Point. Da ankern wir. Auf die Entenjagd wollten sie, aber den ganzen Lag wird keine einzige Ent' geschossen. Ick fing nu an, mir zu wundern, wat se wohl eigentlich wollten.

Um zehn Uhr abends Anker auf, und nu, denk ick, nu geht's wieder retour mit der Flut. Aber is nich. Da weht 'n frischer Wind von Nordost, und sie wollten weiter runter segeln. Ick steh nu am Ruder, und die anderen sitzen unten und wärmen sich die Füß am Kajütenofen und unterhalten sich. Ick laß also dat Ruder los und steck den Kopp in die Kajütskapp und hör zu, wat sie sich erzählen. Die Nacht is dunkel und nich viel Schiffahrt unterwegs.

»Mit diesem Wind«, sagte der eine Kerl, den sie Ned nennen, »sollten wir gegen drei oder vier Uhr rum sein bis nach dem Medway.«

»Mondschein is doch nich, was?« fragte der andere große Kerl, der wohl der Anführer war von dieser Jagdpartie.

»Keine Spur nich,« sagte der andere, »wir können längsseit kommen, unser Feuerwerk anlegen und ganz bequem mit dem Boot wieder zurückschlippen, ohne daß wir gesehen werden. Ehe sie losgeht, sind wir schon den halben Weg quer übers Wasser. Und dann werden wir die Sache schon so einrichten, daß sie keine Spur von uns finden; ebensowenig wie von dem ›Sultan‹, wenn er erst in die Luft geflogen ist.«

»Herr du mein Gott!« sag ick. »Also den ›Sultan‹ wollt ihr in die Luft sprengen? Dat is ja 'ne nette Jagdpartie. Nu halt dich man klar, mein Jung'.«

Ick überleg mir die Sache. Na, da kann nix anders mehr helfen; ick muß die Schut auf 'n Strand setzen. Ick dreh also das Ruder hart über und steuer gerad auf das Ufer los. Aber da kommt die Gesellschaft auch schon an Deck. Ick hatt knapp noch so viel Zeit, das Ruder wieder mittschiffs zu drehen, da kommen sie raus aus der Kajütskapp, einer nach dem andern. Der große Kerl fängt an, die Fangleine von unserem Boot einzuholen. Sagt er zu seinem Freund:

»Spring rein, Ned,« sagt er, »und sieh nach, ob die Boot in Ordnung is; wir werden sie gleich brauchen.«

Ned geht also über die Reling, bleibt vielleicht eine Minute in dem Boot und klettert dann wieder an Deck.

»Da is Wasser drin,« sagt er, »ich hab ganz nasse Füße bekommen.«

»Oh,« meint der lange Kerl. »Dat is ja eklich. – Hier, mein Jung,« sagt er zu mir, »spring rein und schöpp sie aus. Sie is halb voll.«

Ick steig denn nu also in das Boot und fang an zu schöppen. Da mit einmal wird die Fangleine gekappt, un wie ick nach den Riemen such, da sind sie weg. Nix in dem Boot zum Rudern und – im Boden ein Loch, das vorher auch nich da war. Da merk ick natürlich, daß sie mir in 'ne Falle gelockt haben. Ehe ick dat Loch mit meinen Rockärmel zustoppen konnt', da sprudelt mir das Wasser schon bis an die Knie. Nix in Sicht. Am anderen Quarter schleppten sie 'ne Jolle. Sie hätten mich also ganz gut wieder an Bord holen können. Aber statt dessen ließen sie mich Sea Reach rauf treiben, so daß ich entweder erfrieren oder ersaufen konnt'!«

»Der ›Sultan‹ ist doch auf dem Medway stationiert, nicht wahr?« fragte Geskin, als der Steuermann mit seiner Erzählung zu Ende war.

»Jawohl, Herr Kapitän,« erwiderte ein Mann von der Küstenwache. »Er ist das Flaggschiff der Nore-Division.«

»Hatten Ihre Passagiere irgend welches Gepäck bei sich?« fragte Geskin, sich wieder zu dem Steuermann wendend.

»Ja, sie hatten Säcke bei sich, Herr Kaptein, lederne Säcke.«

»Können Sie vielleicht einen Mann entbehren, Herr Leutnant?«

»Zwei, Herr Kapitän, wenn Sie haben wollen.«

»Dann bitte ich, sie sofort in meine Barkasse zu beordern. Je eher wir wieder unterwegs sind, desto besser.«

Die Nacht war unheimlich düster, als wir endlich unsere Fahrt fortsetzten. Kein einziger Stern war sichtbar. Der Wind hatte beträchtlich nachgelassen, und als wir Hope Point passiert hatten, warfen wir eine lange Linie schäumgekrönter kleiner Wellen zurück, die sich weit hinter uns den Strom hinaufzog und in der Dunkelheit phosphoreszierend funkelte. Hier und dort schien das zitternde Licht einer Laterne durch den über dem Wasser lagernden Dunstschleier, die Lage irgendeines in der Ferne vor Anker liegenden Schiffes angebend. Jetzt lag die letzte lange Windung der Themse vor uns und verlor sich im Dunkel des Horizonts.

Was suchten wir nur? Welche düstere Tragödie mochte es sein, die sich jetzt ihrer Vollendung näherte? Die Kette hatte sich geschlossen. Glied für Glied hatten die Hände meines Freundes zusammengefügt. Auch dem schwerfälligsten unter uns mußte es jetzt klar sein, daß die »Vigilante« ihre äußerste Schnelligkeit entwickeln mußte, wenn wir die geplante Teufelei verhindern wollten. Schiffe passierten uns, die nach London hinaufgingen. Einige ließen bereits ihre Leuchtsignale steigen für den in der Ferne auf sie wartenden Lotsen. Ab und zu kreuzte ein verschwommener, aus Segeln und Spieren bestehender Schatten unseren Kurs und verschwand lautlos im Nebel. Dann ließ eine Sirene ihren langgezogenen, unheimlich klingenden Warnungsruf ertönen, und hinter uns kam es heran wie eine hochragende, schwimmende Burg. Es war ein riesiger Postdampfer, der noch spät London verlassen hatte und nun mit seinen hell erleuchteten Fenstern und strahlenden Signallaternen der offenen See zueilte.

Erst unmittelbar hinter uns gierte das mächtige Schiff weit ab, einem Druck des Ruders gehorchend, um uns nicht überzulaufen. Die See schwoll und rollte unter uns hinweg, als der Koloß rauschend an uns vorüberstürmte. Dann war wieder alles still. Wir waren allein mit unserer pulsierenden Maschine, eine Pygmäe im Kielwasser des Riesen.

»Ich würde wer weiß was darum geben, wenn wir ebensoviel Fahrt machen könnten wie dieser Geselle,« sagte Geskin, als wir beide nebeneinander standen und in die Nacht hinausschauten.

»Hoffentlich kommen wir zur Zeit,« entgegnete ich.

»Das hoffe ich auch,« erwiderte er.

»Das letztemal sprengten sie einen transatlantischen Dampfer in die Luft – erinnerst du dich noch?«

»Ich dachte eben daran.«

»Es ist eine verteufelte Geschichte, Geskin.«

»Ja,« antwortete er langsam. »Es erinnert mich an Bret Hartes Verse, kennst du sie?

Schlaf' ich, ist's ein Traum?
Kann es Wahrheit sein?
Fassen kann ich's kaum –
Oder ist's nur Schein?«

Er schwieg. – Ohne ein weiteres Wort gingen wir an Deck auf und nieder, bis wir querab vom Jenkin waren. Dann rief er Langton zu sich heran.

»Können Sie uns durch den Swatch lotsen?« fragte er. »Wir sparen eine Stunde, wenn Sie's können.«

»Jawohl, Herr Kaptein. Dat können Sie mir getrost überlassen. So 'nen zwölf Fuß Peilstock wird Dismal wohl an Bord haben, weiter brauch ick nix.«

Bald hatten wir die Spitboje umdampft und fuhren mit schneller Fahrt den Medway hinauf. Querab vom Grain Fort ging die Maschine langsam. Alle Mann hatten sich im Bug versammelt und mühten sich ab, den »Buccaneer« in der Dunkelheit zu erspähen. Bei dem flauen Winde mußten wir die Schute überholt haben, ehe sie ankerte.

Plötzlich rief Langton, der an Steuerbord stand, mit heiserer Stimme:

»Halt, Herr Kaptein! Etwas Backbord. Dort liegt sie. Lassen Sie langsam gehen!«

Vorsichtig schlichen wir uns heran, bis wir deutlich eine große, ruhig vor Anker liegende Schute erkennen konnten. Langton hatte sich nicht geirrt. Es war der »Buccaneer«.

Schweigend und mit der größten Behutsamkeit machten wir unter dem Heck fest und krochen an Bord. Die Kajütskapp war zugeschoben. Das Fahrzeug schien verlassen zu sein.

»Himmel!« rief Langton. »Wir sind zu spät gekommen!«

»Ruhig, Mann!« versetzte Geskin scharf. »Kein Geräusch! Machen Sie alles klar, um gleich wieder vorwärts zu gehen!«

Einer von den Küstenwächtern hatte indessen leise die Kappe zurückgeschoben und stieg mit einer Blendlaterne in der Hand in die Kajüte hinab. Geskin folgte ihm auf dem Fuße. Die Stufen der Kajütentreppe waren mit einer dunklen klebrigen Masse bedeckt und dabei so glatt wie Glas. Unten angekommen, stolperte Geskin über etwas. Der Küstenwächter öffnete die Blende seiner Laterne.

»O Gott!« schrie er. »Wer ist das?«

Lang ausgestreckt auf dem Deck der Kajüte lag die Leiche eines Mannes, dessen Kehle von einem Ohr zum anderen durchschnitten war.

Einen Augenblick waren wir alle vor Schreck wie versteinert. Dann erhob der Steuermann der Schute, Jack Sedgeley, seine Stimme und rief entsetzt:

»Herr du mein Jesus! Das ist ja der große Kerl, der mich in das Boot geschickt hat.«

Wieder herrschte allgemeines Schweigen, und jetzt hörten wir deutlich das Plätschern von Wasser im Schiffsraum. Wir suchten, und nach einer Weile entdeckten wir, daß die Schute angebohrt war.

Sofort befahl Geskin dem Schiffer und dem Steuermann an Bord zu bleiben, den Anker zu lichten und das Fahrzeug auf den Strand zu setzen. Wir anderen vier verfügten uns schleunigst wieder zurück an Bord der »Vigilante«.

Im Scheine des Maschinenraumoberlichtes entdeckten wir gegenseitig auf unseren bleichen Gesichtern den Eindruck des eben gesehenen grausigen Schauspiels. Wir waren zu spät gekommen, um den ersten Akt des unheimlichen Dramas zu verhindern. Würde es uns ebenso gehen mit dem letzten? Schweigend spähten wir alle voraus in die Dunkelheit. Alle unsere Sinne konzentrierten sich im Gehör. Niemand sprach ein Wort, bis Geskin herantrat. Er allein schien unbewegt. Sein Gesichtsausdruck war ernst, kalt und leidenschaftslos.

»Sie haben Streit miteinander gehabt,« sagte er. »Jetzt haben wir sie ganz sicher. – Lassen Sie alle Laternen wegnehmen, Dismal, und dann halbe Kraft vorwärts gehen!«

Die Nacht war immer noch dunkel und sternenlos. Die Laternen der vor Anker liegenden Schiffe warfen lange, zitternde Lichtstreifen über die weite Wasserfläche bis dicht an die Barkasse heran. Totenstille lag über dem glitzernden Strom. Jetzt erblickten wir in weiter Ferne die schattenrißartig am Horizont sich abzeichnende Flotte, und zwischen ihr und uns mußte irgendwo die Jolle des »Buccaneer« schwimmen mit ihrer furchtbaren Ladung. Über den Inhalt der Ledersäcke hatte keiner von uns irgendwelche Zweifel mehr.

Langsam, fast unhörbar glitten wir auf die großen Panzerschiffe zu. Selbst das Plätschern des Wassers am Bug war verstummt. Unsere Fahrt erinnerte mich an den grimmen Fährmann des Styx, der die Seelen der Toten in die Unterwelt befördert.

Jetzt waren wir beinahe querab von der Flotte, und Geskin gab das Signal, die Maschine zu stoppen. Er lag ausgestreckt auf dem Rahmen des Oberlichts und spähte voraus.

»Still!« flüsterte er. »Ich denke, ich kann dort hinter der Boje etwas sehen. Beuge dich über die Reling, Ralston, und halte dein Ohr dicht an die Oberfläche des Wassers.«

Ich gehorchte.

»Ich kann die Ruderschläge eines Bootes hören,« berichtete ich von meinem Lauscherposten. »Still! Jetzt hören sie auf!«

»Sie können uns nicht sehen,« flüsterte Geskin. »Wir sind an der dunkelsten Stelle des Horizonts. Sie lassen sich jetzt von der Ebbe treiben bis zur Flotte. Vorwärts, Dismal, so langsam wie möglich! Nur ab und zu ein paar Umdrehungen. Wir müssen bis dicht unter den ›Sultan‹ herankriechen.«

Ich weiß nicht, ein wie langer Zeitraum folgte. Es mögen nur ein paar Minuten, es kann auch eine halbe Stunde gewesen sein. Da lagen wir unter dem Fallreep des Panzerschiffes.

Wie eine Felswand erhob sich über uns die Seite des riesigen Schiffes mit seinen drohenden Stückpforten. Ich hatte den dunklen Punkt rechts voraus gespannt beobachtet und war damit beschäftigt, zu kalkulieren, ob wir wohl zuerst am Platze sein würden. Daher hatte ich nicht eher gemerkt, wie nahe wir schon waren, als bis wir tatsächlich stoppten und mein Freund die Fallreeptreppe hinaufstürmte.

Einige Minuten warteten wir in tiefem Schweigen. Vorne auf der Back bemerkten wir den auf- und abwandernden Posten. Sonst war keine Menschenseele an Deck sichtbar. Dann kam Geskin die Treppe wieder hinunter. Ein Offizier begleitete ihn.

»Dismal,« flüsterte er. »Lassen Sie sich leise achteraus treiben und bleiben Sie unterm Heck liegen. Ralston, komm hier herauf mit mir. – Herr Leutnant, wenn Sie jetzt gütigst die von mir vorgeschlagenen Anordnungen treffen wollten, werden wir diese Teufelskerle auf frischer Tat ertappen.«

Dann legten wir uns alle auf dem Deck des Schiffes im Schatten einer Pforte nieder und hielten Ausguck.

Wir hatten nur kurze Zeit zu warten.

In der Ferne, gerade neben dem Lichtstreifen, den die Ankerlaterne des »Sultan« über das Wasser warf, trieb ein Boot mit der trägen Ebbströmung auf uns zu. Keine Spur von Leben war darauf bemerkbar. Dem Anscheine nach hätte es ein leeres, fortgetriebenes Boot sein können, und kein Posten auf einem Kriegsschiff würde sich die Mühe genommen haben, es anzurufen. Aber wir wußten, wo es herkam, und warteten gespannt auf seine Ankunft. Still trieb es längsseit. Der Posten auf der Back setzte sein langweiliges Aufundabmarschieren ruhig fort. Er hatte seine Instruktionen erhalten. Jetzt reichte ein Arm mit einem Bootshaken über den Dollbord des Bootes. Sie hatten die Backspiere gehakt und ließen sich achteraus treiben.

Immer weiter glitt das Boot nach achtern, bis es unmittelbar unter einer geöffneten Pforte liegen blieb. Sofort führte der Offizier uns in das Batteriedeck. Dicht neben der Großluke stand eine Abteilung Matrosen und Seesoldaten. Eilig gingen wir vorüber bis zu der betreffenden Pforte. Dort, gerade unter der Mündung des Geschützes, stand ein großer schwarzer Ledersack von ähnlicher Form wie der Kleidersack eines Matrosen. Wir näherten uns und vernahmen den rhythmischen Schlag eines Uhrwerks. Unsere Herzen klopften hörbar.

»Das verdammte Ding ist gestellt,« murrte der Leutnant. »Über Bord damit!«

»Halt!« rief Geskin im Flüsterton. »Jetzt gleich wird es noch nicht losgehen. Erlauben Sie!«

Er beugte sich nieder, steckte hastig eine Leine an den Stropp des Sackes und fierte das schwarze Ding vorsichtig hinunter in das Wasser. Die Leine schwirrte wie eine Saite, als die Ebbströmung den Sack erfaßte. Im selben Augenblick ertönten überall die Bootsmannspfeifen. Klar bei Steuerbord-Kutter! Fier weg! Geskin richtete sich auf. Er hielt das Ende der Leine in der Hand.

»Das ist besorgt,« erklärte er. »Jetzt wollen wir an Deck gehen.«

Schon bei dem ersten Alarm hatten die Leute in der Jolle die Fangleine gekappt und zu den Riemen gegriffen. Als wir nach achtern liefen, sahen wir sie mit aller Macht an uns vorüberrudern, von der Ebbströmung begünstigt.

»Barkaß ans Fallreep, Dismal!« schrie Geskin. »Schnell, mein Sohn!«

»Halt, das Boot!« brüllte der Leutnant. »Halt oder wir schießen!«

Ein höhnisches Lachen war die Antwort, und während wir auf der Fallreepplattform standen und uns bemühten, mit unseren Blicken die Dunkelheit zu durchdringen, blitzte hoch oben auf der Brücke des Panzerschiffes ein elektrischer Scheinwerfer auf. Mitten in dem blendend hellen Lichtkegel bemerkten wir das fliehende Boot. Einen Augenblick nur sahen wir es. Dann hörten wir in der stillen Nacht plötzlich das Geräusch eines dumpfen Stoßes und einen gellenden Schrei des Entsetzens: »Springt; ums Leben!«

Fast gleichzeitig zuckte eine strahlende Flammensäule durch die Finsternis, und eine furchtbare Detonation erschütterte die Luft. Nur einen Augenblick sahen wir die Jolle und zwei Gestalten darin in der tageshellen Beleuchtung. Einer mühte sich ab, etwas über Bord zu werfen. Der andere sprang kopfüber in den Strom. Dann war alles still wie zuvor. Nur das Geplätscher von ins Wasser fallenden Trümmern hörte man noch.

Mehrere Minuten stunden wir alle da wie versteinert. Niemand konnte wissen, was im nächsten Augenblick geschehen mochte. Die stille Nacht, das herrenlose treibende Boot, der Todesschrei des Mannes, der den Tod vor Augen sich noch bemüht hatte, den Kameraden zu retten. Alles das wirkte geradezu nervenerschütternd. Niemand sprach ein Wort, bis Geskin das Schweigen brach.

»Sie sind gegen die Boje gelaufen,« sagte er. Offenbar hatten sie noch mehr Höllenmaschinen im Boot, und der Stoß hat die Explosion verursacht.

Bild: Wilhelm Thöny

Als wir uns endlich etwas gefaßt hatten, bliesen die Hornisten »alle Mann auf Stationen«; die Matrosen schwangen Boote aus und fierten sie zu Wasser. Nach allen Seiten hin warfen die Scheinwerfer ihre Lichtkegel über die dunkle See. Das Deck der »Vigilante« schwärmte von Blaujacken, und bald überzeugten wir uns, daß Geskin mit seiner Vermutung das Rechte getroffen habe.

In der blinden Hast ihrer Flucht hatten die Verbrecher eine Kollision mit einer Boje gehabt, in deren Seite jetzt ein großes Loch klaffte. Das Wasser war rings umher mit Wrackstücken bedeckt. Bootshaken, Riemen, zerbrochene Planken trieben auf den Wellen. Schließlich fanden wir auch die verstümmelten Leichen der Männer, die es versucht hatten, sich durch Tauchen zu retten.

Eine Weile kreuzten wir noch im Kreise herum und suchten die dunkle Wasserfläche ab. Dann gingen wir an Bord des »Sultans«. Aus den Papieren, die wir einer der aufgefundenen Leichen abgenommen hatten, ging hervor, daß die Toten zwei Brüder gewesen waren. Beide hatte das rächende Schicksal ereilt bei dem Versuch, gewisse, namhaft gemachte Schiffe von der Flotte Ihrer Majestät in die Luft zu sprengen. Die Elenden hatten im Auftrage eines in London residierenden Anarchistenklubs gehandelt.

So bald werde ich jene kalte, graue Morgendämmerung nicht vergessen. Am Horizont stand eine schwere Wolkenbank, die an ihrem unteren Rande von einem zarten, rosaroten Streifen besäumt wurde. Ebensowenig werde ich das vor uns liegende Bild vergessen. Hier eine Gruppe von Offizieren, dort Haufen von schweigenden, ernstblickenden Matrosen. Das Deck mit triefenden Wrackstücken bedeckt, und als Mittelpunkt des Ganzen die Überreste der beiden Elenden, deren teuflischer Plan so unheimlich nahe vor seiner Ausführung erst vereitelt wurde. Wir zitterten in der rauhen Morgenluft.

Bild: Wilhelm Thöny

An dieser Stelle: Der Zyklon. Von Claude Farrère. ©: 31.12.2027.



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