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Tigerjagd

Hanns Heinz Ewers.

Sie kommen gerade zurecht!« sagte der Chef des deutschen Kaufhauses, an das ich eine Empfehlung hatte. »Zu dem einzigen Tage im Jahre, an welchem es sich verlohnt, in diesem gottverlassenen Loche zu sein!«

»Was gibt es denn?« fragte ich.

»Wir haben eine Tigerjagd morgen!« antwortete der Graubart, sich vergnügt die Hände reibend. »Zwei starke Tiere und noch ein kleineres!«

Ich erfuhr dann, daß nur selten sich ein solch großes Raubtier in jener Gegend blicken läßt, ein-, höchstens zweimal im Jahre. Dann warten die Honoratioren, Deutsche und Amerikaner, regelmäßig mit der Jagdpartie, bis irgendein großes Schiff im Hafen liegt, um den Kapitän und seine Offiziere einzuladen, denn die Jagd ist hier, so gut wie bei uns, längst zum Sport geworden.

Freilich ist das Tier, welches man drüben Tiger nennt, nicht der eigentliche Tiger. Es ist vielmehr die dritte der großen Katzen, der Jaguar, welcher aber dem asiatischen Tiger an Kraft und Größe nicht viel nachsteht; er mißt von der Schnauze bis zur Schwanzspitze volle sieben Fuß, doch gibt es auch einzelne alte Exemplare, welche dem Königstiger fast an Größe gleichstehen, also bis acht Fuß lang werden.

Unsere Jagdgesellschaft bestand aus vierzehn Herren und einer Dame, alle mit guten Büchsen bewaffnet; dazu gesellten sich einige hundert indianische Treiber. Wir brachen schon vor Tagesanbruch auf, nachdem ein paar Indianer am Abend vorher die Nachricht gebracht hatten, daß sich wenigstens zwei der Tiere, welche sich schon seit Wochen um den Küstenplatz herumtrieben, in einem Rohr- und Mangrovendickicht in der Nähe der Küste aufhielten. Die Jäger nahmen bei Sonnenaufgang in weiter Kette längs des Meeres Aufstellung, während die Indianer in langem Bogen herumzogen, um die mächtigen Katzen uns zuzutreiben. Nachdem ich den mir zugewiesenen Platz eingenommen hatte, stand ich aufmerksam mit der Büchse in der Hand und lugte in das Gestrüpp. Aber es rührte und regte sich nichts. Kolibris umflogen mich und handgroße, tiefschwarze, oder auch rote und hellblau und gelb gestreifte Schmetterlinge spielten um mich her. Ein paarmal flogen schöne weiße Reiher vorbei, auch mächtige Pelikane, aber ich wagte keinen Schuß abzugeben, um nicht das Raubtier, welches ich erwartete, wegzuscheuchen. Nach ein paar Stunden war ich das Stehen satt; ich setzte mich auf einen Baumstumpf, die Büchse über die Knie. Plötzlich hörte ich ein Rascheln und Knacken in den Dornen, ich sprang rasch hoch und riß die Büchse in die Höhe; das Geräusch kam bald näher, gerade auf mich zu. Jeden Augenblick glaubte ich, ein Paar wildfunkelnde, grausame Augen aus den Büschen heraus auf mich starren zu sehen. Aber – leider! – es war nicht der Tiger, es war nur eine tellergroße häßliche Landkrabbe, welche, mit einer toten Maus in den Scheren, ihrem Loch zustrebte. Ich setzte mich wieder nieder, verzehrte mein Frühstück und betrachtete derweil den Boden, auf welchem das Leben nicht weniger rege war als in der Luft. Viele Hunderte von Krabben krochen da herum, mächtige fußlange Burschen und kleine Kerlchen, die nicht größer waren als mein Daumennagel. Häßliche Gattungen waren darunter, deren eine Schere ganz verkümmert, während die andere dafür um so mächtiger ausgebildet und manchmal dreimal so groß war als das Tier selber. Überall im Boden hatten sie Löcher gegraben, kleine und große, jedes Tier hatte sein eigenes Heim, welches es mit aller Kraft gegen jeden Angriff verteidigte.

Rings in dem Dschungel eine tiefe Stille. Nur dicht um mich herum geschäftiges Leben: ein Laufen und Rennen, ein Rauben und Morden auf dem Boden, ein Flattern und Schweben, ein Gaukeln und Spielen in den Lüften. Ich hatte längst meine Büchse gegen einen Stamm gelehnt und gab mich ganz dem Mittagszauber des Urwaldes hin. Durch die Mangrovenstämme zog vom Meer her ein erquickend kühler Wind, hinten sah ich die blauen Fluten, welche die dicht mit Austern bedeckten Wurzeln der Bäume umspülten.

Ein paarmal wurde ich aufgescheucht aus meiner Ruhe, sprang auf und griff nach der Büchse. Aber stets war es ein blinder Lärm, irgendeine Lacerte oder ein Leguan lief durch die Zweige, oder eine Schildkröte kroch durch das Schilf. Hier in dieser fast heiligen Stille schien jedes kleinste Geräusch zehnmal so stark zu tönen.

Die Sonne stand schon recht hoch, als ich in weiter Ferne einen Lärm vernahm, der näher zu kommen schien. Ich stand wieder auf und nahm die Flinte in die Hände. Langsam, ganz allmählich unterschied ich die Laute: ein Schreien und Heulen vieler Stimmen in rhythmischem Tonfall, ein Lärmen von Klappern und Rasseln, ein Schlagen und Stampfen durch das Ried. Kein Zweifel, es waren die Treiber, welche langsam, aber beständig auf meinen Standort zukamen.

Und dann vernahm ich, näher als den Lärm der Treiber, ein Brechen und Schieben im Rohr; manchmal war es, als ob eine schwere Masse plötzlich niederfiele. Eine außerordentliche Aufregung bemächtigte sich meiner; jede Minute erwartete ich, den Tiger vor mir auftauchen zu sehen. Und doch verging noch eine gute halbe Stunde. Ich hob die Büchse an die Schulter und ließ sie wieder fallen, ich lauschte aufmerksam auf jedes Geräusch und schaute so angestrengt durch meinen scharfen Zwicker, daß mich die Augen schmerzten. Und dann, plötzlich, von einer ganz anderen Seite, als ich sie erwartet, stand die Bestie vor mir; gerade am Rand der kleinen Lichtung, nicht zehn Schritte von mir entfernt. Wir sahen uns ins Auge – ich weiß nicht, ob es dem Tiger ebenso erging – aber mich wenigstens überlief eine Gänsehaut. Ich wollte die Büchse hochnehmen – es ging nicht. Ich überlegte mir: schießt du nicht, so geht das Raubtier ruhig an dir vorbei. Schießt du aber und fehlst oder triffst es nicht tödlich, so greift es dich mit Gewißheit an, und es ist sehr ungewiß, ob du mit dem Leben davonkommst. Dann schalt ich mich einen Feigling, biß die Zähne auf die Lippen und versuchte mit Gewalt die Flinte hochzuziehen, um den entscheidenden Schuß abzugeben. Aber die Arme versagten mir den Dienst, sie hingen schwer herab wie Blei; ich war völlig außerstande, sie auch nur einen Zoll zu heben. So blickten wir uns an, ich und der Tiger; es kam mir vor, als hätten wir stundenlang so gestanden, obwohl es kaum eine Minute gedauert haben mag.

Dann ein neuer Lärm in der Ferne – der Tiger drehte ruhig um und sprang mit mächtigem Satz wieder in das Schilf zurück. Ich hörte ihn schwer durch das Rohr brechen.

»Gott sei Dank!« brummte ich unwillkürlich.

Mein Gesicht war in Schweiß gebadet; ich kann wohl sagen, daß es Angstschweiß war. Ich trocknete mich ab und fing von neuem an, mich fürchterlich über mich zu ärgern! So ein Dummkopf, so ein Feigling! Eine solche Gelegenheit mir entgehen zu lassen, die sich vielleicht nie wieder im Leben bot. Mit Recht würde jeder meiner Jagdgefährten mich gründlich auslachen.

Aber die Gelegenheit sollte sehr schnell wiederkommen. Der Lärm der Treiber kam immer näher auf mich zu, und bald hörte ich wieder das Brechen und Streifen durch das Ried, welches aus derselben Richtung wie vorhin gerade auf mich zukam. Blitzartig verstand ich den Zusammenhang: der Jaguar, welcher mich eben besucht hatte, hatte sich den ganzen Morgen ruhig in meiner Nähe aufgehalten, während der, welcher auf mich zugetrieben wurde, ein anderer war.

Dasselbe gespannte Lauschen und Schauen, dieselbe Aufregung. Bald schienen die Geräusche sich wieder zu entfernen, bald kamen sie näher, ich fühlte, daß ich in weitem Halbkreise von den Treibern umgeben war. Und dann endlich stand das zweite Tier vor mir. Ich hatte mir geschworen, daß es nicht so gehen sollte wie das erstemal; im ersten Augenblick riß ich die Büchse hoch und zog den Hahn ab. Leider ohne zu zielen; die Kugel zerfetzte eine Mangrovenwurzel, einen Meter weit von dem Tier entfernt. Aber es war, als ob der Knall mir plötzlich alle Ruhe zurückgegeben hätte. Ich beobachtete ganz kaltblütig, wie sich das Tier zum Sprung anschickte, zielte genau zwischen die Lichter und drückte ab. Und ich war meines Treffers so gewiß, daß ich sogleich die Büchse herabnahm und auf das verendete Tier zuschritt. Ich betrachtete das prachtvolle Raubzeug, als lärmend und schreiend ein paar der Indianer heransprangen. Sie sahen mich und die mächtige Katze und kamen jubelnd und kreischend näher. Plötzlich faßten mich zwei bei den Armen und rissen mich mit Geschrei von dem Jaguar fort.

»Um Gottes willen, Herr!« schrien sie, »das Tier lebt ja noch!«

»Es lebt noch?« rief ich. »Aber keine Spur!«

»Doch, doch!« schrien die Indianer. Und plötzlich sprang einer mit den nackten Füßen auf den Leib des Tieres. Da gab die Bestie ein solch gräßliches, langanhaltendes, tiefes Brüllen von sich, daß es mir heiß und kalt über den Rücken lief und ich vor Schreck meine Büchse fallen ließ – zur großen Freude der Indianer, welche mich herzlich auslachten und über ihren gelungenen Jagdwitz fast außer sich vor Vergnügen waren. Tritt man nämlich einen toten Jaguar auf den Leib – beim Löwen und Tiger ist es ebenso –, so entweicht die Luft aus den Lungen mit einem merkwürdig dumpfen Geräusch durch das Maul, worauf natürlich jeder Neuling hereinfällt.

Bei dem Jagdmahl, das uns unser liebenswürdiger Wirt gab, wurde mir übrigens eine besondere Genugtuung. Er selbst hatte den zweiten Jaguar geschossen, ein deutscher Uhrmacher des Ortes den dritten. Als ich dann mein Abenteuer mit dem ersten Jaguar ehrlich erzählte, lachten die Herren und versicherten mir, daß es fast jedem so gehe, wenn es auch nicht leicht einer zugäbe. In 17 Jahren, erzählte mein Wirt, habe er 48 Tigerjagden veranstaltet, stets mit etwa 8 bis 20 Teilnehmern; 86 Tiger seien dabei geschossen worden. Er selbst habe davon 24 erlegt, nicht weniger wie 54 habe sein Freund, der Uhrmacher, zur Strecke gebracht; der Rest, ganze 8 Stück, käme auf die anderen Teilnehmer zusammen.


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