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Eilftes Capitel.
Von 1840 bis 1844.

Jenny Lind. – Reise nach Norddeutschland. – Breitenburg. – Goethe s Familie. – Weimar. – Der Geburtstag des Großherzogs Carl Friedrich. – Kanzler Müller. – Kammerherr Bieulieu de Marconnay. – Der jetzt regierende Großherzog Carl Alexander und Gemahlin. – Eckermann. – Frau von Groß (Amalie Winter). – Der jetzige Erbgroßherzog Carl August und mein Gedicht an ihn. – Leipzig. – Robert und Clara Schumann. – Frau Frege. – Dresden. – Der Maler Dahl. – Vogel von Vogelstein. – Baronesse Decken. – Retsch. – Familie Serre in Maxen. – J. G. Kohl († October 1878 in Bremen). – Gräfin Ida Hahn-Hahn. – Berlin. – Savigny. – Bettina. – Brentano. – Prinz August von Württemberg. – Prof. Weiß. – Henrik Steffens. – Tieck. – König Friedrich Wilhelm IV. und Königin Elisabeth. – Dr. Hermann Kletke. – Graf Moltke-Hvidtfeldt auf Glorup. – Einladung des Königs Christian VIII. und der Königin Caroline Amalie auf Föhr. – Reise dahin. – Aufnahme in Wyck. – Die Prinzessinnen von Augustenburg. – Graf Rantzau. – General von Ewald. – Die Hallingen. – Die Insel Oland. – Der Prinz von Roer. – Des Königs Leutseligkeit. – Die Herzogin von Augustenburg. – Mein Besuch auf Alsen. – Kellermann.


 

An diesen Zeitpunkt knüpft sich eine Freundschaft von großer geistiger Bedeutung. Früher hatte ich bereits Gelegenheit, einige Personen aus dem öffentlichen Leben zu erwähnen, die auf mich als Dichter einen Einfluß ausgeübt haben; aber keine Persönlichkeit war es in so edler Bedeutung für mich, als die Person, zu der ich mich jetzt wenden will, durch die ich gleichsam mein eigenes Ich mehr vergessen, das Heilige der Kunst fühlen und die Mission, welche mir Gott als Dichter verliehen, erkennen lernte.

Ich greife bis zum Jahre 1840 zurück. Eines Tages sah ich in dem Hotel, in welchem ich in Kopenhagen wohnte, auf der Fremdentafel den Namen: Fräulein Jenny Lind Diese berühmte Sängerin ist in Stockholm geboren am 6. October 1821. Nachdem sie dort unter Berg's und Lindblad's Leitung Gesang studirt hatte, kam sie nach Paris zu Garcia. Sie bereiste später Deutschland, Frankreich, England und Amerika, überall als dramatische Sängerin Furore machend. 1852 vermälte sie sich mit dem Componisten und Pianisten Otto Goldschmidt und lebt seitdem abwechselnd in England und in Dresden. Der Uebers. aus Schweden verzeichnet. Ich wußte schon damals, daß sie Stockholms erste Sängerin war; ich war in demselben Jahre in dem Nachbarlande gewesen, hatte dort Ehre und Wohlwollen genossen und ich glaubte daher, daß es nicht unpassend sei, der jungen Künstlerin meine Aufwartung zu machen. Sie war damals außerhalb Schweden gänzlich unbekannt, ja, ich darf sogar annehmen, daß in Kopenhagen selbst nur sehr Wenige ihren Namen kannten. Sie empfing mich höflich, aber doch etwas fremd, fast kalt. Sie befände sich, sagte sie, auf Reisen im südlichen Theil Schwedens mit ihrem Vater und sei für ein paar Tage nach Kopenhagen gekommen, um diese Stadt zu sehen. Wir trennten uns wieder fremd, wie wir gewesen waren, und ich hatte den Eindruck einer ganz gewöhnlichen Persönlichkeit empfangen, der bald wieder verlöscht sein würde.

Im Herbst 1843 kam Jenny Lind wieder nach Kopenhagen. Mein Freund, der Balletmeister Bournonville, dessen liebenswürdige Gattin die Tochter eines schwedischen Predigers und die Freundin Jenny Lind's war, erzählte mir, daß Fräulein Lind in der Stadt anwesend sei und sich meiner sehr freundlich erinnere, daß sie jetzt meine Schriften gelesen habe, und es ihr Vergnügen machen würde, mich zu sehen. Bournonville bat mich, mit ihm zu ihr zu gehen und dann in Gemeinschaft mit ihm meine Ueberredungskunst in Anwendung zu bringen, um sie zu einigen Gastrollen auf dem königlichen Theater zu veranlassen. Ich würde, sagte er, ganz entzückt von ihrem Gesange sein.

Wir kamen zu Jenny Lind, und nicht mehr als Fremder wurde ich jetzt von ihr empfangen; denn sie reichte mir herzlich die Hand, sprach über meine Schriften und von Frederika Bremer, ebenfalls ihre theilnehmende Freundin. Die Rede kam bald auf das Auftreten in Kopenhagen, und Jenny Lind äußerte eine große Angst davor. »Außerhalb Schwedens habe ich noch niemals gesungen«, sagte sie; »in meiner Heimat sind Alle so mild und nachsichtig gegen mich, und wenn ich jetzt in Kopenhagen auftreten und ausgepfiffen werden würde! – O nein, ich darf es nicht wagen!« – Ich sagte, daß ich natürlicherweise ihren Gesang nicht beurtheilen könne, da ich ihn noch nicht gehört, auch nicht wisse, wie ihr dramatisches Spiel sei; aber ich sei überzeugt, daß so wie im Augenblick die Stimmung in Kopenhagen sei, sie, wenn sie auch nur im Besitz einer einigermaßen guten Stimme und ein wenig dramatischen Talents sei, gewiß Glück machen würde; ich vermeinte, daß sie es wagen dürfe.

Bournonville's Ueberredung verschaffte den Kopenhagenern einen der größten Genüsse, die sie je gehabt hatten; denn Jenny Lind trat als » Alice« in » Robert der Teufel« auf. Es war eine Offenbarung im Reiche der Kunst! Die jugendlich frische, schöne Stimme drang in Aller Herzen! Hier war Wahrheit und Natur und Alles erhielt Klarheit und Bedeutung.

An einem der darauffolgenden Tage sang Jenny Lind in einem Concert ihre schwedischen Lieder. Es war etwas so Eigenthümliches, so Hinreißendes, daß man nicht an den Concertsaal dachte, sondern die Volksmelodien übten ihre Macht aus, weil sie von einer so reinen Weiblichkeit, mit dem unsterblichen Gepräge des Genies getragen wurden.

Es herrschte großes Entzücken in Kopenhagen. Daß viele vornehme Kreise es versäumten, Jenny Lind zu hören, welche noch keinen Ruf besaß, um die italienische Oper, welche gerade in der Mode war, zu besuchen, war ja ganz menschlich; aber große Begeisterung erweckte sie bei Allen, die sie hörten. Jenny Lind wurde die erste Künstlerin, der die dänischen Studenten eine Serenade brachten. Vom Hotel zog sie in Bournonville's Heim, wo sie gleich einer lieben Verwandten und Freundin in der Familie lebte. Mit den beiden Gatten hatte sie sich an einem Nachmittag zu dem berühmten Instructeur Nielsen und seiner Gattin, Beide damals ein beliebtes und echtes Künstlerpaar, begeben. Hier an dem dämmernden Abend wurde sie durch Fackelschein und Gesang überrascht. Einer dieser Gesänge war von F. L. Höedt Höedt, ursprünglich Jurist, ging aus Liebe zur Kunst zur königlichen Bühne und debutirte als »Hamlet« mit enthusiastischem Erfolge. Unzufrieden mit der Verwaltung, trat er zurück und nahm die Stellung eines Instrukteurs beim Theater an; allein – pecuniär unabhängig gestellt – zog er sich mit dem Titel eines Professors in's Privatleben zurück. Der Uebers., der andere von mir gedichtet worden. – Sie sprach ihren Dank dadurch aus, daß sie wieder ein paar ihrer schönen Lieder sang, und ich sah, wie sie dann in einen der finstersten Winkel des Zimmers eilte und ihrem erregten Gemüt durch Thränen Luft machte. »Ja, ja!« sagte sie, »ich will arbeiten, ich will streben! Ich will tüchtiger werden, als ich bin, wenn ich wieder nach Kopenhagen komme!«

Auf der Bühne war sie die große Künstlerin, die ihre ganze Umgebung überstrahlte; daheim in ihrem Zimmer war sie ein verschämtes junges Mädchen mit dem Gemüt und der Frömmigkeit eines vollkommnen Kindes. Ihr Auftreten in Kopenhagen machte Epoche in der Geschichte der Oper. Ihr Auftreten und ihre Persönlichkeit zeigten mir die Kunst in all' ihrer Heiligkeit. Ich hatte eine ihrer Vestalinnen gesehen.

Sie reiste nach Stockholm zurück, und von dort schrieb mir Frederika Bremer kurz darauf Folgendes über sie: »Ueber Jenny Lind als Künstlerin sind wir vollkommen einig; sie steht so hoch als irgend eine Künstlerin unserer Zeit zu stehen vermag. Aber Sie kennen sie doch nicht hinlänglich in ihrer vollen Bedeutung. Sprechen Sie einmal mit ihr über ihre Kunst, und Sie werden ihren Verstand begreifen, ihr Gesicht vor Begeisterung strahlen sehen; sprechen Sie dann mit ihr über Gott und die Heiligkeit der Religion, und Sie werden Thränen in den unschuldigen Augen gewahren. Sie ist groß als Künstlerin, aber viel größer als Mensch!

Das Jahr darauf befand ich mich in Berlin. Eines Tages, als der Componist Meyerbeer Giacomo Meyerbeer – ursprünglich Jacob Meyer Beer, ein Bruder des Dichters Michel Beer, geboren den 5. Sept. 1794 in Berlin, gestorben den 2. Mai 1864 in Paris, begraben in seiner Vaterstadt, ein Schüler Zelter's und Vogler's in Darmstadt, ging 1815 nach Italien und 1824 nach Paris, 1842 wurde er General-Musikdirektor in Preußen und lebte abwechselnd in Berlin und Paris. Seine zahlreichen Opern gehören jetzt noch zum festen Repertoire. Der Uebers. mich besuchte, sprachen wir auch von Jenny Lind; er hatte sie die schwedischen Lieder singen hören und war darüber erstaunt. »Aber wie spielt sie, wie spricht sie eine Replik?« fragte er mich. Und ich sprach mein Entzücken darüber aus, beschrieb ihm ein paar Züge aus ihrer » Alice«, und er sagte mir, daß es vielleicht möglich sein werde, sie nach Berlin zu bringen, daß aber die Unterhandlungen darüber noch schwebten. – Es ist hinlänglich bekannt, daß sie dort auftrat, das Publikum in Erstaunen setzte und Alles entzückte und in Deutschland zuerst einen europäischen Namen erlangte.

Im Herbst 1845 kam sie wieder nach Kopenhagen, und der Enthusiasmus war unglaublich und allgemein. Die Glorie des Rufes bringt es ja mit sich, daß das Genie Allen anschaulich wird. Das Volk bivouaquirte förmlich außerhalb des Theaters, um ein einziges Billet zu erlangen, und Ähnliches wiederholte sich in allen Städten Europas und Amerikas. Jenny Lind trat bei uns auf und erschien selbst ihren früheren Bewunderern größer als je, denn man erhielt Gelegenheit, sie in mehreren und verschiedenen Partien zu sehen. Ihre » Norma« ist plastisch! Jede Stellung könnte das schönste Modell für einen Bildhauer abgeben; was Manchen ein tief durchdachtes Studium zu sein schien, war hier die Eingebung des Augenblicks und kein studirtes Spiel, stets neu und stets wahr. – Ich habe die Malibran, die Grisi, die Schröder-Devrient Wegen der Malibran siehe Seite 158 d. B. – Die dramatische Sängerin Giulietta Grisi ist am 28. Juli 1811 in Mailand geboren und den 28. November 1869 in Berlin gestorben. Sie feierte in Paris und London, wo sie abwechselnd auftrat, wie in Amerika (1854/55) große Triumphe. 1856 vermälte sie sich mit dem ebenfalls berühmten Sänger Mario. – Wilhelmine Schröder, geboren den 6. December 1804 in Hamburg, trat, 14 Jahre alt, bereits als Schauspielerin auf und bald daraus auch als dramatische Sängerin. 1823 vermälte sie sich mit dem berühmten Schauspieler Carl Devrient, der damals in Berlin engagirt war. Beide gingen dann nach Dresden. 1828 trennte sie sich von Devrient und verließ Dresden im Jahre 1847, um sich mit einem Herrn von Bock in Lifland zu verheiraten. Sie starb in Coburg am 26. Januar 1860. Der Uebers. als Norma gesehen, und obwol genial und ergreifend jede dieser Künstlerinnen dieselbe darzustellen wußte, so hat Jenny Lind mich doch am meisten erfüllt und entzückt; denn ihre Auffassung war ergreifend und wahr. – Norma ist keine rasende Italienerin, sie ist das gekränkte Weib, das Weib, welches Herz genug besitzt, um sich für eine unschuldige Nebenbuhlerin aufzuopfern; das Weib, bei dem in der Heftigkeit des Augenblicks der Gedanke entstehen kann, die Kinder eines treulosen Geliebten zu tödten, aber, sobald sie in die Augen der Unschuldigen schaut, entwaffnet ist. »Norma, Du heilige Priesterin!« singt der Chor, und diese »heilige Priesterin« hat Jenny Lind aufgefaßt und uns in dem Gesang » casta diva!« gezeigt.

In Kopenhagen führte Jenny Lind alle ihre Partien in schwedischer Sprache aus, die übrigen Mitwirkenden gaben ihre Rolle in dänischer Sprache, und die beiden verwandten Sprachen schmolzen hübsch zusammen; man fühlte durchaus nichts, was stören könnte, selbst in der » Tochter des Regiments«, in welcher Oper sehr viel Dialog ist, bekam das Schwedische etwas Charakteristisches, etwas, das ihr reizend stand. Und welches Spiel! Ja, das Wort selbst ist ein Widerspruch, denn es war Natur! Etwas Wahreres ist niemals über die Bretter gegangen! Sie zeigte so ganz das echte Naturkind, wie es im Lager aufgewachsen ist, doch der angeborene Reiz, der angeborene Adel zeigte sich in jeder ihrer Bewegungen. Die » Tochter des Regiments« und » die Nachtwandlerin« sind gewiß Jenny Lind's unübertreffliche Partien. Keine andere Sängerin wird man neben sie stellen können. Man lacht, man weint; es ist gleichsam ein Kirchgang, denn man wird ein besserer Mensch! Man fühlt die Gottheit in der Kunst; wo Gott Angesicht zu Angesicht vor uns steht, dort ist eine heilige Kirche.

»In Jahrhunderten«, sagte Mendelssohn zu mir, als wir über Jenny Lind sprachen, »wird keine Persönlichkeit wie die ihrige mehr geboren werden!« Und seine Worte sind auch meine Ueberzeugung. Man fühlt bei ihrem Hervortreten auf die Bühne, daß man uns den heiligen Trank in einem reinen Gefäß reicht.

»Sie würde eine Darstellerin meiner Walborg sein!« brach Oehlenschläger mit leuchtenden Augen aus, und schrieb ein schönes, tief gefühltes Gedicht an sie.

Thorwaldsen erkannte die Glorie des Genies bei ihr schon bei ihrem ersten Auftreten, und als ich damals im Parquet sie einander vorstellte, beugte er sich hinab und küßte ihre Hand; sie wurde wie von Purpur übergossen und wollte wiederum die seine küssen. Ich stand als erschreckter Zeuge dabei; denn sie kannten das Publikum nicht: dieses besitzt mehr Kritik als Gemüt.

Niemand vermag Jenny Lind's Größe auf der Bühne zu verwischen außer ihre eigene Persönlichkeit daheim; ein kluges, ein kindliches Gemüt übte hier seine wunderbare Macht; sie war glücklich, nicht mehr gleichsam der Welt anzugehören! Ein friedliches, einsames Heim war damals das Ziel aller ihrer Gedanken, und dennoch liebte sie mit ihrer ganzen Seele die Kunst, fühlte ihre Mission in derselben und war bereit, derselben zu folgen. Ein edles, frommes Gemüt wie das ihrige wird nicht durch Huldigungen verdorben! –

Ein einziges Mal hörte ich sie das Bewußtsein ihres Talents und die Freude darüber aussprechen, es war während ihres letzten Aufenthalts in Kopenhagen. Fast jeden Abend trat sie in der Oper und im Ballet auf, denn jede Stunde war sie so zu sagen besetzt; da hörte sie von dem Verein zur Rettung verwahrloster Kinder, von dem Wirken und den Fortschritten dieses Vereins, obgleich die Mittel desselben noch sehr gering waren. Ich war einer Derjenigen, der mit ihr darüber sprach. »Habe ich denn nicht einen einzigen freien Abend«, sagte sie, »um eine Vorstellung zu Gunsten dieses Vereins geben zu können? Aber in diesem Falle müssen doppelte Preise gezahlt werden!« – Das war etwas, was bisher beim königlichen Theater selbst bei ihrem Auftreten außer Acht gelassen war. Eine Vorstellung wurde gegeben; sie trat in Scenen aus dem » Freischütz« und » Lucia di Lammermoor« auf. In der letzteren Rolle war sie so mächtig ergreifend, daß selbst Walter Scott kaum in seinen Gedanken ein schöneres, treueres Bild der unglücklichen Lucia gesehen haben dürfte. Eine bedeutende Einnahme wurde durch diese Vorstellung erreicht. Ich nannte ihr die Summe, sagte ihr, daß durch dieselbe nunmehr den Armen während einiger Jahre geholfen sei. Da leuchtete ihr Gesicht, Thränen standen in ihren Augen. »Es ist doch herrlich, so singen zu können!« brach sie aus.

Ich schätzte sie mit dem vollen Gemüt eines Bruders, war glücklich eine solche Seele zu kennen und zu verstehen. Während ihres ganzen Aufenthalts sah ich sie täglich, da sie in Bournonville's Haus wohnte, wo ich meine freie Zeit zu verbringen pflegte. Vor ihrer Abreise gab sie im Hotel Royal ein großes Abschiedsmahl, wozu alle die, wie sie sagte, welche ihr Dienste geleistet hatten, eingeladen waren, und ich glaube, alle, außer mir, erhielten eine kleine Erinnerungsgabe von ihr. Bournonville überreichte sie einen silbernen Becher mit der Aufschrift: »Dem Balletmeister Bournonville, der sich mir gleich einem Vater gezeigt hat in Dänemark, meinem zweiten Vaterland.« In den Worten des Dankes von Seiten Bournonville's sprach er scherzhaft aus, daß jetzt alle Dänen seine Kinder würden sein wollen, um Jenny Lind's Brüder zu werden! – »Das würde für mich doch zu viel werden!« antwortete sie scherzend; »ich will daher Einen für sie Alle als meinen Bruder erwählen. – Wollen Sie, Andersen, mein Bruder sein?« Und sie näherte sich mir, stieß mit dem vollen Champagnerglas an; die Brüderschaft wurde getrunken. Sie verließ Kopenhagen. Die Brieftaube flog oftmals zwischen uns hin und her. Sie war mir unendlich theuer – und wir begegneten uns wieder, wie die folgenden Blätter erzählen werden. In Deutschland und in England sahen wir uns. – Man könnte eine Dichtung darüber schreiben, ein Buch des Herzens, natürlich meine ich das meinige, und das darf ich aussprechen: daß erst durch Jenny Lind ich die Heiligkeit der Kunst verstanden habe; durch sie habe ich gelernt, daß man sich im Dienste des Höchsten selbst vergessen muß! Kein Buch, keine Person hat besser und veredelnder auf mich als Dichter eingewirkt als Jenny Lind, es ist daher natürlich, daß ich so lange und so lebhaft bei der Erinnerung an sie verweile.

*

Die glückliche Erfahrung habe ich gemacht, daß, nachdem die Kunst und das Leben mir klarer geworden sind und je mehr Sonnenschein von außen in meine Brust einströmte, Ruhe und Ueberzeugung meine Seele durchdrangen. Eine solche Ruhe läßt sich sehr wol mit dem wechselvollen Leben auf Reisen vereinen, denn:

Reisen heißt Leben!

Im Sommer 1844 besuchte ich wieder Nord-Deutschland. Eine geistreiche, liebenswürdige Familie in Oldenburg, der vormalige Minister von Eisendecher und seine Gattin hatten mich gebeten, einige Zeit in ihrem Hause zuzubringen. Graf Rantzau-Breitenburg wiederholte in seinen Briefen, wie willkommen ich ihm und seiner Gemalin sein würde. Es wurde zwar keine meiner längsten Reisen, allein immerhin die interessanteste. Ich sah das reiche Marschland in seiner ganzen Sommerfülle; die Kühe mit den Glocken um den Hals weideten in dem hohen Grase wie in den Thälern der Schweiz, Alles war hier eine Idylle. Das Schloß Breitenburg selbst liegt mitten im Walde an der Stör, bevor der Fluß an Itzehoe vorüberfließt. Die Dampfschifffahrt von hier nach Hamburg verleiht dem kleinen Fluß Leben. Die Stelle selbst ist in der Umgebung sehr malerisch und im Schlosse war es heimisch und gut. Hier konnte ich mich den Studien und dem Dichten ganz ergeben; ich war frei wie der Vogel in der Luft, und hier war für mich gesorgt wie für einen lieben Verwandten, der sich als Gast im Hause befindet.

Mit dem Grafen Rantzau machte ich mehrere interessante Ausflüge und lernte dabei die holsteinische Natur kennen. Graf Rantzau's Gesundheitszustand hatte indessen sehr gelitten; es war der letzte Sommer, den er erlebte. Ebenso war es das letzte Mal, daß ich nach dem freundlichen Breitenburg kommen sollte. Er selbst hatte ein Vorgefühl seines nahen Todes. Eines Tages, als wir uns im Garten begegneten, ergriff er meine Hand, drückte sie herzlich, sprach seine Freude über die Anerkennung, die mir im Auslande als Dichter zu Theil werde und seine Freundschaft für mich aus und sagte endlich: »Ja, mein junger Freund, Gott weiß es, aber ich habe den gewissen Glauben, daß es in diesem Jahre das letzte Mal ist, daß wir uns hier zusammen befinden. Meine Zeit ist bald abgelaufen!« Er blickte mich dabei mit so ernsten Blicken an, daß es mich tief ergriff; ich hatte kein Wort der Erwiderung. Wir befanden uns gerade in der Nähe der Kapelle. Er öffnete eine Pforte zwischen einigen dichten Hecken, und wir standen in einem kleinen Garten mit einem grasbewachsenen Grabe, vor welchem sich eine Bank befand. »Hier werden Sie mich finden, wenn Sie das nächste Mal nach Breitenburg kommen!« sagte er. Und seine traurigen Worte bewahrheiteten sich; er starb im Winter darauf in Wiesbaden, und ich verlor einen Freund, einen Beschützer, ein edles, vortreffliches Herz.

Als ich im Jahre 1831 zum ersten Mal in Deutschland reiste und den Harz und die sächsische Schweiz besuchte, lebte Goethe Johann Wolfgang Goethe, geboren den 28. August 1749 in Frankfurt a. M., gestorben den 22. März 1832 in Weimar. Es dürfte wol überflüssig erscheinen, hier auf das Leben und Wirken des großen Dichters näher einzugehen, da das gewiß jedem Deutschen bekannt ist. Hervorheben will ich nur, daß Goethe am 7. Nov. 1775 auf Einladung des Herzogs Carl August zum ersten Male nach Weimar kam, und dann von 1776 an seinen Wohnsitz dort aufschlug. Den 10. November 1782 wurde er in den Adelstand erhoben und 1815 wurde er, nachdem er die Stufenleiter der Beamtenlaufbahn, wenn auch sehr schnell, durchlaufen hatte, zum ersten Staatsminister ernannt, ein Amt, das er erst nach dem Tode seines großherzoglichen Freundes niederlegte. Er wurde in der Fürstengruft beigesetzt und ihm zu Ehren Statuen in Frankfurt a. M. (von Schwanthaler) und in Weimar (von Rietschel) errichtet. In Goethe's Vaterhause in Frankfurt befindet sich jetzt der Sitz des » Freien Deutschen Hochstifts« für Wissenschaften, Künste und allgemeine Bildung, dessen Obmann der rühmlichst bekannte Naturforscher Dr. G. H. O. Volger ist. Der Uebers. noch. Es war mein innigster Wunsch, ihn zu sehen. Vom Harz aus hatte ich es nicht weit nach Weimar, allein ich hatte keinen Empfehlungsbrief an ihn. Damals war von mir noch keine Zeile übersetzt. Viele hatten mir Goethe als einen sehr vornehmen Mann beschrieben. Ob er mich wol empfangen würde? Ich bezweifelte dies und beschloß daher, erst dann nach Weimar zu gehen, wenn ich eine Arbeit geliefert haben würde, die meinen Namen in Deutschland einzuführen vermochte. – Dies gelang mir durch den » Improvisator« – aber da war Goethe schon todt.

Seine Schwiegertochter, Frau von Goethe, geborene Pogwisch Ottilie von Goethe, geborene Freiin von Pogwisch, war mit Goethe's einzigem Sohn, dem Kammerherr und Geh. Kammerrath Julius August Walther v. Goethe (geboren 1791, gestorben den 27. October 1830 in Rom) verheiratet. – Ihr ältester Sohn Walther Wolfgang v. Goethe, großherzoglicher Kammerherr, lebt in Weimar der Musik. Der Uebers., hatte ich später auf der Heimreise von Constantinopel bei Mendelssohn in Leipzig kennen gelernt; sie war, wie sie mir erzählte, meinetwegen mit der Eisenbahn von Dresden hierhergefahren, und mit großer Herzlichkeit kam diese geistvolle, allgemein hochgeehrte Dame mir entgegen. Sie erzählte mir noch, daß ihr Sohn Walther bereits seit mehreren Jahren mein Freund sei, daß er als Knabe ein ganzes Drama aus meinem Roman » Der Improvisator« gemacht habe und daß dieses Stück in Goethe's Hause gespielt worden sei, daß Walther eine Zeit lang ganz von dem Gedanken erfüllt gewesen sei, nach Kopenhagen zu reisen, um mich zu besuchen. Ein dänischer Reisender, den er in der sächsischen Schweiz getroffen habe, hätte ihm sogar einen Brief an mich mitgegeben, aber nicht weiter entzückt von mir gesprochen und sei eben sehr erstaunt gewesen über die Bedeutung, die der junge Goethe mir als dänischem Dichter beigelegt habe.

In Weimar hatte ich also jetzt Freunde! Eine wunderbare Neigung trieb mich, diese Stadt zu sehen, wo Goethe, Schiller, Wieland und Herder Johann Christoph Friedrich Schiller, neben Goethe der hervorragendste Dichter Deutschlands, ist am 10. November 1759 in Marbach in Würtemberg geboren. Er studirte zuerst Jurisprudenz, dann Medicin; er war dann Regimentsarzt in Stuttgart; aber des strengen Dienstes überdrüssig entfloh er, und nach vielen Widerwärtigkeiten kam er 1787 nach Weimar. Er wurde dann Professor in Jena, ward aber dann von Krankheit heimgesucht und hatte mit großen Nahrungssorgen zu kämpfen. König Frederik VI. von Dänemark bewilligte Schiller (1791) auf seines Ministers, Grafen Ernst Heinrich Schimmelmann, (geboren in Dresden 1747, gestorben den 9. Febr. 1831 in Kopenhagen) Empfehlung auf 3 Jahre eine Unterstützung von 1000 Thalern jährlich und verlieh ihm später noch ein Privilegium zum Schutze seiner Schriften gegen Nachdruck. Im Juli 1794 schloß er innige Freundschaft mit Goethe und siedelte 1799 nach Weimar über. 1802 wurde er in den Adelstand erhoben. 1804 verfiel er wieder in Krankheit, siechte allmählig hin und starb am 9. Mai 1805 in Weimar. Sein 100jähriger Geburtstag wurde überall in Deutschland gefeiert und eine Stiftung, die seinen Namen trägt, zur Unterstützung hilfsbedürftiger deutscher Schriftsteller gegründet, die in Dresden ihren Hauptsitz hat. In Stuttgart (von Thorwaldsen), Weimar (von Rietschel), Berlin (von Begas), Frankfurt, München u. s. w. hat man ihm Statuen errichtet. –
Der Dichter Christoph Martin Wieland, geb. den 5. Sept. 1733 bei Biberach, studirte in Tübingen. 1760 Kanzleidirector in Biberach. 1769 ging er nach Erfurt als Professor und Regierungsrath und wurde 1772 nach Weimar als Prinzenerzieher berufen, und starb daselbst den 20. Januar 1813. In Weimar hat man ihm ein Denkmal (von Gasser) errichtet. –
Der Dichter Johann Gottfried Herder, geb. den 25. Aug. 1744 in Mohringen in Ostpreußen, studirte in Königsberg, ging dann nach Riga und kam 1770 nach Straßburg, wo er Freundschaft mit Goethe schloß. 1775 wurde er nach Weimar als Hofprediger berufen und ward schließlich 1801 Präsident des Oberconsistoriums und vom Kurfürsten von Baiern in den Adelstand erhoben. Er starb am 18. December 1803. Auch ihm hat man in der Nähe der Kirche, wo er so lange segensreich wirkte, 1850 ein Denkmal errichtet. Der Uebers.
gelebt hatten, und von wo so viel Licht über die Welt ausgeströmt war. Ich gelangte in das kleine Land, das durch Luther Der deutsche Kirchenreformator Martin Luther ist geboren in Eisleben den 10. November 1483 und daselbst gestorben den 18. Februar 1546. Um ihn gegen die päpstliche Gewalt zu schützen, wurde er, als er am 18. April 1521 vom Reichstag in Worms, wo er sich vertheidigte, heimkehrte, von seinen Freunden, unter dem Schutz des Markgrafen von Sachsen nach der Wartburg gebracht. Der Uebers., durch das Sängerfest auf der Wartburg Die Wartburg, die in der Geschichte Thüringens eine große Rolle spielt, ist bei Eisenach auf einem hohen Berge gelegen, die ganze Gegend dominirend. Sie wurde von Ludwig dem Springer 1070-1080 in der Gestalt erbaut, wie wir solche in Bd. II. S. 280 brachten. Durch den jetzt regierenden Großherzog Carl Alexander ist die Burg vollkommen wieder restaurirt worden und ist heute noch mit Recht das Ziel aller Touristen von nah und fern. Der Uebers., durch edle und große Erinnerungen geheiligt ist. Am 24. Juni, am Geburtstag des jetzt regierenden Großherzogs kam ich nach dieser freundlichen Stadt. Alles deutete auf ein Fest, das stattfinden sollte, und im Theater, wo eine neue Oper gegeben wurde, empfing man den jungen Fürsten, den damaligen Erbgroßherzog mit wahrem Jubel. Am allerwenigsten dachte ich damals daran, wie fest mir all' das Herrliche und Schöne, das ich hier vor mir sah, an's Herz wachsen würde, wie viele zukünftige Freunde hier rings um mich saßen, wie lieb mir diese Stadt werden sollte, ja, in Deutschland meine zweite Heimat!

An Goethe's würdigen Freund, den alten Kanzler Müller Friedrich Müller, geboren den 13. April 1779 in Franken, studirte in Göttingen, kam 1801 nach Weimar, wo er in Staatsdienste eintrat. Während der Kriegsjahre 1806/13 wirkte er auf hervorragende Weise bei Napoleon für seinen Fürsten und das Land, wofür er 1807 in den Adelstand erhoben und schließlich 1815 zum Kanzler ernannt wurde. Er starb den 21. October 1849. Der Uebers. empfohlen, fand ich bei ihm den herzlichsten Empfang. Bei meinem ersten Besuche hier traf ich zufälligerweise den Kammerherrn Beaulieu de Marconnay, den ich bereits von Oldenburg her kannte. Er war kurz zuvor in Weimar angestellt worden und lebte unverheiratet; er lud mich ein, doch lieber bei ihm als in einem Hotel zu wohnen, und wenige Stunden darauf war ich reizend bei ihm einlogirt.

Es giebt Menschen, bei denen, um sie kennen und lieben zu lernen, es nicht vieler Tage bedarf, so kam es auch, daß ich während dieser Tage in Beaulieu einen Freund, und wie ich glaube, für alle Zeit gewonnen. Er führte mich in alle die besten Häuser und Familien ein. Der liebenswürdige Kanzler Müller nahm sich ebenso meiner herzlich an, und ich, der ich mich bei meiner Ankunft ganz verlassen glaubte, indem Frau von Goethe und ihr Sohn zur Zeit in Wien waren, stand nunmehr bekannt und wolaufgenommen in allen Kreisen in Weimar da.

Der damals regierende Großherzog und die Großherzogin Der Großherzog Carl Friedrich, Sohn des Großherzogs (seit 1815) Carl August, des Freundes Goethe's, geboren den 2. Februar 1783 in Weimar, folgte seinem Vater, unter welchem Weimars Blüthezeit, 1828 in der Regierung, die schon lange durch ihre liberale Richtung sich auszeichnete. Er verstand es, den Handel, den Ackerbau, das Gewerbe und den Verkehr im Lande zu beleben. Er schloß seine segensreiche Wirksamkeit am 8. Juli 1853. Seine Gemalin war die Großfürstin Maria Paulowna, Tochter des Kaisers Paul I. von Rußland. Der Uebers. empfingen mich mit einer Gnade und Herzlichkeit, die einen tiefen Eindruck auf mich machten. Nachdem ich vorgestellt war, wurde ich zur Tafel angesagt, und bald darauf vom Erbgroßherzog und seiner Gemalin, einer geborenen Prinzessin der Niederlande Der damalige Erbgroßherzog, der jetzt regierende Großherzog Carl Alexander ist am 24. Juli 1818 in Weimar geboren und folgte seinem Vater, dem Großherzog Carl Friedrich am 8. Juli 1853 in der Regierung. Er ist gleich seinem Großvater ein Freund und Beschützer der Wissenschaften und Künste, wie des gemäßigten Fortschritts. Jetzt ist Weimar wieder ein bevorzugter Aufenthalt für Künstler und Schriftsteller geworden, die der Großherzog in höchster Leutseligkeit oft bei sich empfängt. Er restaurirte die Wartburg, die er oft besucht. Er vermälte sich den 8. October 1842 mit der Prinzessin Wilhelmine Marie Sophie, geboren den 8. April 1824, einer Schwester des Königs Wilhelm II. und des Prinzen Heinrich der Niederlande. Gerade während der Tage, in welchen ich diesen Bogen schreibe, feiert der hohe Herr sein 25jähriges Regierungsjubiläum, von seinem treuen Volke hoch gefeiert und verehrt. Der Uebers. eingeladen. Sie hielten sich damals auf dem Jagdschlosse Ettersburg Das Schloß Ettersburg, etwa 2 Meilen von Weimar, auf dem 470 Meter hohen Ettersberg, einem Ausläufer des Thüringer Waldes, gelegen. Früher stand hier ein altes Schloß, dem Landgrafen von Thüringen gehörend, und im 16. Jahrhundert wurde das seiner Zeit daselbst errichtete Augustinerkloster aufgehoben. Das jetzige Schloß, ein Lieblingsaufenthalt des Großherzoglichen Paares wurde 1706 erbaut und soll viele alterthümliche Möbel enthalten. Das Dorf gleichen Namens enthält circa 250 Einwohner. Der Uebers. auf, das ziemlich hoch in einem ausgedehnten Walde belegen ist.

Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Ich fuhr mit dem Kanzler Müller und Goethe's Biographen Eckermann Johann Peter Eckermann, geboren 1792 in Hannöversch-Winsen, machte den Befreiungskrieg mit, studirte dann und wurde 1823 Goethe's Sekretair in Weimar. 1832 wurde er Bibliothekar der Frau Großherzogin, wurde Hofrath und starb in Weimar den 3. December 1854. Der Uebers. dort hinaus. Ein Stückchen vom Schlosse entfernt hielt der Wagen an; ein junger Mann mit einem offenen Antlitz und prächtigen, milden Augen hielt uns an und sprach mit uns. »Bringen Sie Andersen mit?« fragte er. Und da er sehr erfreut schien, mich zu sehen, drückte ich seine Hand auf's Innigste. »Das ist herrlich, daß Sie kommen!« sagte er. »Ich werde bald oben bei Ihnen sein!«

»Wer war der junge Herr?« fragte ich, als wir weiter fuhren. »Das war der Erbgroßherzog!« erwiderte der Kanzler Müller. Ich war also bereits vorgestellt.

Auf dem Schlosse trafen wir bald zusammen. Hier war es so heimisch gut; milde Augen, Freude und Heiterkeit gewahrte man überall Bei einem Besuche Andersen's auf dem Schlosse Ettersburg – so erzählte der kürzlich verstorbene Commandant der Wartburg, Herr Oberst v. Arnswald, ein Freund des Großherzogs – während des Herbstes, wo gerade zur Erntezeit ungewöhnlich viele Fliegen und Mücken die Bewohner des Schlosses heimsuchten, stellte man zur Abwehr, wo man es immer vermochte, sogenannte »Leimruthen« auf. Eines Tages, nach der Tafel, unterhielt sich die Frau Erbgroßherzogin mit Andersen, der verlegen sich immer mehr zurückzog und endlich mit seinem langen, blonden Haar an mehreren Leimruthen hängen blieb. Diese Situation, so komisch sie immerhin sein mochte, war für Andersen schrecklich, und was er auch immer thun mochte, er konnte sich von den Ruthen nicht befreien. Es blieb ihm also nichts übrig, als sich – die Ruthen haltend – zu entfernen und sich draußen von den Lakaien das Haar schneiden zu lassen. Hernach hat er natürlich selbst über diese unangenehme Berührung herzlich in diesem Kreise gelacht. Der Uebers..

Nach der Tafel gingen das herzogliche Paar und alle Gäste in das Dorf, das dicht am Schlosse gelegen ist, hinaus. Die jungen Leute der Stadt und der nächsten Umgebung hatten sich hier versammelt, um den Geburtstag des theuern Erbgroßherzogs, der jetzt nach Ettersburg zurückgekehrt war, zu feiern. Maststangen, mit Tüchern und flatternden Gewändern bekleidet, hatte man aufgerichtet; die Violinen erklangen und der Tanz ging lustig unter dem großen Lindenbaum. Es war gleichsam ein Sonntagsglanz über das Ganze verbreitet, eine Zufriedenheit, ein Glück. Das junge, neuvermählte Fürstenpaar schien durch wahre, innige Neigung verbunden zu sein.

Soll man an einem Hofe sich während längerer Zeit glücklich fühlen, da muß der Stern vor dem Herzen vergessen werden, das hinter demselben schlägt. Eins der edelsten, besten, das je schlug, besitzt Carl Alexander von Sachsen-Weimar! Jahre und Tage, frohe und ernste Zeiten haben mir das Glück vergönnt, diesen meinen Glauben zu stärken. Ich kam während dieses meines ersten Aufenthalts bereits mehrmals nach dem schönen Ettersburg. Im Park hier, von wo man den Harz in blautönenden Tinten gewahrt, zeigte mir der Erbgroßherzog einen alten Baum, in dessen Stamm Goethe, Schiller und Wieland ihre Namen eingeschnitten hatten; ja, Jupiter hatte den seinigen hinzufügen wollen, sein Donnerkeil hatte einen der Zweige gespalten.

Die geistreiche Frau v. Groß Amalie Freiherrin v. Groß, geborne v. Seebach, geboren 1803 in Weimar, verkehrte von Jugend an im Hause Goethe's. Ihre literarische Thätigkeit war keine geringe. Der Uebers. (als Schriftstellerin bekannt unter dem Namen Amalie Winter), der liebenswürdige alte Kanzler Müller, der uns Goethe's Zeit lebhaft aufzurollen wußte und uns dessen Faust mit leuchtenden Commentaren entwickelte, der kindlich gesinnte, treue Eckermann gehörten zu dem Kreise auf Schloß Ettersburg, wo die Abende gleich einem geistreichen Traume entschwanden. Wechselweise las Jeder etwas vor; auch ich wagte es hier zum ersten Male in deutscher Sprache eins meiner Märchen: » der standhafte Zinnsoldat Siehe Band II. Seite 254. Der Uebers. vorzulesen.

Erbgroßherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Kanzler Müller führte mich in »die Fürstengruft«, wo der Großherzog Carl August neben seiner herrlichen Gemalin, nicht zwischen Schiller und Göthe, beigesetzt ist, wie ich glaubte, als ich schrieb: »der Fürst hat sich eine Regenbogen-Glorie geschaffen, indem er hier zwischen der Sonne und dem brausenden Wasserfall ruht.« Dicht neben den Sarkophagen, die Carl August und Gemalin umschließen, das edle Fürstenpaar, welches das Große verstand und zu schätzen wußte, ruhen die unsterblichen Freunde. Vergilbte Lorbeerkränze lagen auf den einfachen braunen Särgen, deren ganze Pracht in den unsterblichen Namen » Goethe und Schiller« besteht. Im Leben gingen der Fürst und die Dichter neben einander, im Tode ruht ihr Staub unter demselben Gewölbe. Ein solcher Ort verwischt sich nicht aus den Gedanken, sondern hier hält man ein stilles Gebet, dessen Inhalt nur Gott allein erfährt!

Vor meiner Abreise schrieb ich in ein Album an den kleinen Prinzen Carl August: Der Erbgroßherzog Carl August ist geboren am 31. Juli 1844 und vermält am 26. August 1873 mit der Prinzessin Pauline, Tochter des Prinzen Hermann von Sachsen-Weimar-Eisenach, geboren den 25. Juli 1852. Das hier angeführte Gedicht war in dänischer Sprache abgefaßt. Der Uebers.

( Weimar.)

Im Thüringerwald, da liegt ein Schloß,
Dem Herzen theuer für immer,
Ein traulich Heim, das goldig umfloß
Des häuslichen Lebens Schimmer.
Wol leuchten Marmor und Farbenpracht,
Doch einem Gemach nur von allen,
Dem soll als der höchsten Herzensmacht
Thronkammer mein Lied erschallen.

Die Fürstin, die Mutter, unschuldshold
Mit dem Söhnlein sprang, das im Spiele
Im Nacken ihr ritt, und als Reiter wollt'
Durchaus im Galopp nur zum Ziele.
So reizend, so mild, so mutterfroh
Sah nimmer ein Lächeln ich wieder,
Und was sie im Herzen sich dachte so,
Das preisen der Engel Lieder.

Du freundliches Kind mit den Augen blau
Und den lächelnden Lippen, es leben
Vom Vater in Dir – was blickst Du so schlau –
Sein offener Sinn und sein Streben.
Ein strahlendes Feuer der Wissenschaft
Wird zünden Dir ewige Kerzen,
Und die Natur, wie mit Zauberkraft,
Ein Märchen, Dir öffnen die Herzen.

O Thüringerwald! Du hast einen Klang,
Eine Welt von Stimmen und Tönen,
Wo Luther sprach und wo Goethe sang,
Ist das Reich des Wahren und Schönen.
Dem edlen Geschlecht bis zum letzten Sproß
Mag Gott voll Huld sich zeigen.
Im Thüringerwald, da steht ein Schloß,
Dem sind die Herzen zu eigen.

Als ich Weimar verließ, da war es mir, als hätte ich schon früher lange Zeit in dieser Stadt gelebt, als wäre es ein liebes Heim, von dem ich mich trennen sollte. Als ich aus dem Thor hinaus und über die Brücke neben der Wassermühle dahin fuhr und noch einmal auf die Stadt und das Schloß zurückblickte, ergriff meine Seele eine tiefe Wehmuth; es war mir, als schließe ein schöner Abschnitt meines Lebens hiermit ab. Ich vermeinte, indem ich Weimar verließ, daß mir der Rest der Reise keine Blumen mehr zu bieten habe. Wie oft ist nicht die Brieftaube nach dieser Stadt geflogen und noch öfter der Gedanke! Von Weimar, der Dichterstadt, ist Sonnenschein in mein Dichterleben hineingeströmt!

In Leipzig, wohin ich nun gelangte, harrte mein ein schöner, echt poetischer Abend bei Robert Schumann. Der geniale Componist hatte im Jahre vorher mich durch die Ehre überrascht, mir seine Musik zu vier meiner Gedichte, die Chamisso in's Deutsche übersetzt hatte, zu dediciren. Diese wurden hier des Abends von Frau Frege Livia Frege, geborne Gerhard, geboren 1818, ging 1833 zum Theater und trat zuerst in ihrer Vaterstadt als jugendliche Sängerin auf, kam dann 1835 nach Berlin und verheiratete sich 1836 mit Dr. Frege, aus der reichen Leipziger Banquierfamilie. Der Uebers. gesungen, deren seelenvoller Gesang viele Tausende erfreut und entzückt hat. Clara Schumann accompagnirte und nur Componist und Dichter waren Zuhörer. Ein kleines festliches Mahl und gegenseitiger Austausch von Ideen ließen uns den Abend viel zu kurz erscheinen.

In einem Brief von Robert Schumann, im April 1844, rief er jenen für mich so schönen Abend in meine Erinnerung zurück:

»– Ein Zusammentreffen, wie das an jenem Abend, wo Sie bei uns waren – Dichter, Sängerin, Spielerin und Componist zusammen –, wird es sobald wiederkommen? Kennen Sie ›das Schifflein‹ von Uhland:

»– Wann treffen wir
An einem Ort uns wieder –?«

Jener Abend wird mir unvergeßlich sein.«

In Dresden fand ich alte Freunde mit jugendlichem Sinn; meinen genialen Halblandsmann, den Norweger Dahl Johann Christian Clausen Dahl, geboren am 24. Februar 1788 in Bergen, gestorben in Dresden, wo er seit 1821 Professor der Kunstakademie war, am 14. October 1857. Der Uebers., der es versteht, auf der Leinwand rauschende Wasserfälle brausen und Birken, wie in den Thälern Norwegens, wachsen zu lassen. Vogel von Vogelstein Carl Christian Vogel von Vogelstein, geboren am 26. Juni 1788 in Dresden, starb in München am 11. März 1858. Er war als Portraitmaler berühmt und war zur Zeit, als Andersen in Dresden war, Professor an der Kunstakademie. Der Uebers., der mich dadurch ehrte, daß er mich zeichnete und mein Bild in die königliche Portraitsammlung aufnahm. Der Theater-Intendant Lüttichau gab mir jeden Abend einen Platz in der Directionsloge, und bei der hochgeehrten Frau Baronesse Decken, einer der ersten Damen in Dresdens ersten Kreisen, wurde ich empfangen, wie nur ein Sohn von einer Mutter empfangen wird, und in dieser Erkenntniß bin ich später stets in ihr Haus und ihren lieblichen Kinderkreis zurückgekehrt.

Wie doch die Welt licht und schön ist! Wie gut die Menschen sind! Es ist wahrlich eine Lust zu leben! Das fühlte und erkannte ich hier. –

Beaulieu's jüngerer Bruder Edmond, Offizier in der Armee, kam eines Tages von Tharant, wo er einige Sommermonate verbracht hatte, nach Dresden; auf seine Einladung folgte ich ihm dorthin und verbrachte glückliche Tage in der milden Bergnatur.

Ueberall knüpfte ich neue Bekanntschaften an. Man sah nur meine guten Seiten und hatte mich lieb. Von dem berühmten, genialen Zeichner Retzsch Moritz Retzsch, geboren den 9. December 1779 in Dresden, gestorben den 11. Juni 1857, war Professor der Kunstakademie. Der Uebers., der die kühnen Umrisse zu Goethe und Shakespeare ausgeführt hatte, wurde ich bei der Baronesse von Decken eingeführt. Hinaus gen Meißen, zwischen den niedrigen Weinbergen, idyllisch schön gelegen, hatte Retzsch seine heimische, freundliche Wohnung aufgeschlagen. Jedes Jahr schenkte er seiner Frau an ihrem Geburtstage eine neue Zeichnung und stets eine seiner besten. Die Sammlung ist während einer Reihe von Jahren zu einem reichen Album angewachsen, das sie, wenn er früher als seine Frau stirbt, herausgeben und daraus eine Einnahme erzielen soll. Unter den vielen herrlichen Ideen der Sammlung ergriff mich eine ganz besonders, es war » Die Flucht nach Aegypten«. Es war Nacht; Alles schlief auf diesem Bilde, Maria, Joseph, Bäume und Büsche, selbst der Esel, der sie trug, nur das Jesuskind mit offenem, runden Gesicht wachte und leuchtete über das Ganze. Für eins meiner Märchen, das ich ihm erzählte, schenkte er mir eine schöne Zeichnung: ein junges Mädchen, das sich hinter der Maske eines alten Weibes verbirgt. So soll die ewig junge Seele mit blühender Schönheit hinter der alten Maske des Märchens hervorgucken. Retzsch's Bilder sind gedankenanregende Figuren, getragen von Schönheit und Genialität.

Bei Major Serre und seiner liebenswürdigen Frau genoß ich das deutsche Landleben auf ihrem reichen Besitzthum in Maxen Ein Dorf an der Elbe bei Pirna mit über 700 Einwohnern. Hier fand am 21. November 1759 ein bedeutender Kampf zwischen den Preußen unter General Fink und den Oesterreichern unter General Daun statt. Der Uebers. neben der sächsischen Schweiz. Hier sind Steinbrüche, Kalköfen, und große Betriebsamkeit und Wirksamkeit herrscht hier, aber ebenso große Gastfreiheit, und die Liebenswürdigkeit dieser beiden Personen hat stets einen Kreis von interessanten, geistvollen Persönlichkeiten um sich versammelt. Ich blieb hier über acht Tage, lernte Kohl, Johann Georg Kohl, geboren den 28. April 1808 in Bremen, machte sich besonders als Reiseschriftsteller seiner Zeit einen Namen. Er lebt in seiner Vaterstadt. Der Uebers. welcher die anschaulichen, lebensvoll geschilderten Reisen geschrieben hat, kennen. Ebenso befand sich hier die Schriftstellerin, Gräfin Ida Hahn-Hahn, Gräfin Ida Maria Louise Gustava Hahn, geboren den 22. Juni 1803 auf dem Gute Tressow in Mecklenburg-Schwerin. 1826 verheiratete sie sich mit ihrem Vetter, dem Grafen Friedrich Wilhelm Adolf Hahn zu Basedow, wurde 1831 geschieden und machte nunmehr in Europa und dem Orient große Reisen, lebte abwechselnd in Greifswald, Berlin und Dresden. 1850 wurde sie katholisch und 1852 Nonne. Ihre Schriften sind sehr zahlreich und wurden einst von der Damenwelt viel gelesen. Der Uebers. deren Romane und Reisebeschreibungen damals sehr viel gelesen wurden. Sie ist später durch ihren Uebergang zum Katholicismus und ihr Buch » von Babylon nach Jerusalem« (1850) wieder in der Erinnerung des Publikums aufgetaucht; ihr Vater ist, wie man erzählt, durch seine, unbegrenzte Liebe für das Schauspiel bekannt geworden, so daß er fast stets von seinen Gütern fern lebte und seiner Schauspielergesellschaft überall hin folgte. Ida verheiratete sich mit ihrem Vetter, dem reichen Grafen Hahn-Basedow; allein sie ließen sich bald wieder scheiden, und von der Zeit an trat sie mit Gedichten, Romanen und Reisebeschreibungen auf. Es ist oft genug das hervorragend aristokratische Element in ihren Romanen und die hervortretende Vornehmheit getadelt und besprochen worden; man hat ihre Persönlichkeit derselben Fehler beschuldigt, aber diesen Eindruck machte sie durchaus nicht auf mich. Während der Zeit, die wir in Maxen zusammen verlebten, offenbarte sie oftmals eine wahre Weiblichkeit, Gemütlichkeit und im Ganzen genommen eine Natur, die vollkommen Vertrauen einflößte. Sie reiste und wohnte stets mit Baron Bystram, einem höchst liebenswürdigen Mann in einem und demselben Hause zusammen; Alle erklärten es laut als ihre Ueberzeugung, daß die Beiden verheiratet seien und als solche wurden sie auch in allen und selbst in den allerhöchsten Gesellschaften aufgenommen. Als ich einmal nach der Ursache, weshalb ihre Verheiratung verheimlicht werde, fragte, führte man die Wahrscheinlichkeit an, daß wenn sie sich verheiratete, sie ihre große Pension, die sie jetzt von ihrem früheren Gatten beziehe, verlieren würde und ohne diese Summe vermöge sie nicht zu leben.

Ida Hahn-Hahn ist als Schriftstellerin hart und höhnend angegriffen worden; ihr Hervortreten als schreibende Nonne, oder wenn man will, als katholisch propagandirende Frau enthält viel Unwahres und Ungesundes, aber eine edle Natur besitzt sie und sie ist eine selten begabte Frau, schade, daß die Gaben, die sie von Gott erhielt, nicht hier auf Erden die Blüten und Früchte trugen, welche sie vielleicht unter anderen Verhältnissen getragen haben würde. Gegen mich war sie theilnehmend und liebenswürdig; nur durch das dunkle Glas in » Nur ein Geiger« und durch die Märchenwelt betrachtete sie mich als Dichter, und das hat sie in der nachstehenden Strophe, die sie an einem frühen Morgen an mich schrieb, ausgesprochen:

Andersen!
Solch' ein Gewimmel von Elfen und Feen,
Blumen und Genien im fröhlichen Scherz,
Aber darüber viel – geistiges Wehen,
Aber darunter ein – trauriges Herz.

Ida Hahn-Hahn.
Dresden, den 14. Juli 1844.

Wo man gut aufgenommen wird, da weilt man gern. Ich fühlte mich glücklich auf dieser kleinen Reise in Deutschland und ich überzeugte mich, daß ich da kein Fremder mehr sei. Man schätzte das Herzliche und Naturwahre in meinen Schriften, und wie vortrefflich und nachahmenswerth die Formenschönheit auch sein mag, wie imponirend die reflectirende Klugheit in dieser Welt ist, das Herz und die Natur bleiben dennoch durch die Jahre hindurch unverändert dieselben und werden von Allen am besten verstanden.

Den Heimweg legte ich über Berlin zurück, wo ich seit mehreren Jahren nicht gewesen war. Aber der liebenswürdigste meiner dortigen Freunde, Chamisso, war todt;

»Der wilde Schwan flog weit fort in die Welt
Und legte sein Haupt in der Wilden Schoß«,

war entflohen in eine schönere Welt. Ich sah seine Kinder, die nun ohne Vater und Mutter dastanden. An der mich umgebenden Jugend gewahrte ich, daß ich selbst älter wurde, denn in meinem Innern fühlte ich es nicht. Chamisso's Söhne, die ich das letzte Mal noch als Knaben mit bloßem Halse in dem kleinen Garten spielen sah, traten mir jetzt mit Helm und Säbel entgegen: sie waren bereits Offiziere im preußischen Dienst. Ich fühlte einen Augenblick, wie die Jahre dahin rollen, wie Alles der Veränderung unterworfen ist und Alles, was man liebt hier auf Erden, verliert; nur bei Gott finden wir Trost dafür.

Ein neuer Familienkreis war mir geöffnet worden; es war bei dem Minister Savigny. Friedrich Carl von Savigny, geboren in Frankfurt a. M. am 21. Februar 1779, gestorben den 25. Oktober 1861, ward 1810 Professor der Jurisprudenz in Berlin, 1817 Staatsrath, 1842 Justizminister und trat im März 1848 zurück. Als Kenner des Römischen Rechtes war er berühmt. Der Uebers. Ich fand hier den herzlichsten Empfang und lernte die geniale, eigenthümlich begabte Frau von Arnim Elisabeth von Arnim, geborene Brentano – verheiratet mit dem Dichter Ludwig Archim v. A. (geb. den 26. Juni 1781 in Berlin, gestorben den 21. Januar 1831 in Berlin), gewöhnlich nur Bettina genannt, wurde in Frankfurt a. M. den 4. April 1785 geboren und starb den 20. Januar 1859 in Berlin. Sie gehörte zu den begabtesten und excentrischsten Frauen ihrer Zeit und wandte sich schließlich sogar den socialistischen Bewegungen zu. Ihre Tochter Gisela, vermählt mit Hermann Grimm, gab 1857/63 3 Bände Dramen heraus. Der Uebers. oder, um sie bei ihrem bekannten Namen zu nennen: Bettina, Goethe's Bettina, kennen. Sie und Frau von Savigny sind Schwestern von Clemens Brentano. Der Dichter Clemens Brentano, geboren den 8. September 1778 in Frankfurt a. M., gestorben in Aschaffenburg den 28. Juli 1842, gab in Gemeinschaft mit seinem Schwager Arnim 1806-1808 die gesammelten Volksmärchen »des Knaben Wunderhorn« heraus. Der Uebers. Zuerst lernte ich Bettina's schöne und geistvolle Töchter kennen, – die jüngste derselben hat das poetische Märchen » des Mondkönigs Tochter« geschrieben; sie führte mich im Salon der Mutter zu: »Nun, was sagst Du zu ihm?« lautete ihre Frage. Bettina betrachtete mich, ließ ihre Hand über mein Gesicht gleiten: »Passable!« sagte sie, entfernte sich bald, kam aber, originell, wie sie war und im höchsten Grade liebenswürdig, zu mir zurück. Das einstündige Gespräch mit Bettina, während welcher sie das Wort führte, war so reich, so interessant, daß ich stumm dieser Beredsamkeit, diesem Feuerwerk von Ideen lauschte.

Als die Gesellschaft des Abends aufbrach, ließ sie ihren Wagen leer heimfahren. Wir gingen miteinander »Unter den Linden«; der Prinz von Württemberg Friedrich August Eberhard, Prinz von Würtemberg, geboren 1813, ist ein Sohn des Herzogs Paul von Würtemberg und der Prinzessin Charlotte von Attenburg, lebt in Berlin als General der Cavallerie und Commandeur des 1. Garde-Corps. Der Uebers. hatte ihr den Arm gereicht, und ich ging mit den jungen Mädchen. An Meinhardt's Hotel, wo ich wohnte, blieben wir stehen. Bettina stellte sich auf die Treppe, legte in militärischer Weise die Hand an die Stirn und sagte: »Gute Nacht, Kamerad! Schlafen Sie wohl.« – Als ich sie ein paar Tage später in ihrem Heim besuchte, zeigte sie sich ganz anders, freilich hier ebenso geistvoll, aber nicht oberflächlich scherzend, sondern tief und herzlich erschien sie mir.

Die Welt kennt ihre Bücher, aber eins ihrer Talente dürfte weniger bekannt sein: es ist ihre Genialität im Zeichnen, das heißt, es ist wieder die Idee hier, die uns überrascht. So hatte sie in einer Skizze wiedergegeben, was sich kürzlich ereignet hatte: Ein junger Mann war durch Weingeist getödtet worden. Halbnackt ließ sie ihn in das Gewölbe hinabsteigen, wo rundum die Weinfässer gleich Ungeheuern lagen; Bacchanten und Bacchantinnen tanzten herbei, ergriffen ihr Opfer und tödteten es. Ich weiß, daß Thorwaldsen, dem sie einst alle ihre Zeichnungen vorlegte, im höchsten Grade überrascht war.

»Da haben Sie mein letztes Buch, lieber Andersen!« schrieb sie vorn in » Brentano's Frühlingskranz« und gab es mir mit auf die Reise.

Es thut so wohl draußen in der Fremde, wenn man ein Hans findet, wo, wenn man es betritt, die Augen gleich Festlampen leuchten, ein Haus, wo man in ein stilles, glückliches Familienleben hineinblickt, und ein solches Haus fand ich bei dem Professor Weiß, Christian Samuel Weiß, geboren den 26. Februar 1780 in Leipzig, studirte Naturwissenschaften, wurde 1810 Professor der Mineralogie in Berlin und starb im Oktober 1856 zu Eger. Der Uebers. bei dem mich ein Brief von H. C. Oersted einführte; es waren liebe, herzliche Menschen.

Doch wie viele soll ich von neuen Bekanntschaften, die ich schloß, und von älteren, die ich erneuerte, nennen? Ich traf Cornelius von Rom, Schelling von München, meinen norwegischen Landsmann Steffens, Henrik Steffens, geboren den 2. Mai 1773 in Stavanger in Norwegen, gestorben den 13. Februar 1845 in Berlin, war Dichter, Naturforscher und Philosoph. 1811 wurde er Professor der Physik in Breslau, nahm Theil an den Befreiungskämpfen und kam 1831 in Folge Berufung nach Berlin. Seine Novellen waren seiner Zeit sehr beliebt. Der Uebers. Tieck von Dresden wieder. Letzteren hatte ich seit meinem Ausflug nach Deutschland nicht wieder gesehen; er war sehr verändert, aber die klugen Augen waren dieselben, der Händedruck war derselbe; ich fühlte, ich war ihm lieb und werth. Ich mußte ihn in Potsdam besuchen, wo er sehr hübsch und reich eingerichtet war. Beim Mittagsmahl lernte ich seinen Bruder, den Bildhauer, kennen. Ich erfuhr hier, wie gnädig und gut der König und die Königin von Preußen Friedrich Wilhelm IV., gehörenden 15. October 1795, gestorben den 2. Januar 1861, nachdem er wegen Krankheit seinem Bruder Wilhelm, dem Prinzen von Preußen (Kaiser Wilhelm) am 7. Oct. 1858 die Leitung der Regierung übertragen hatte. Er bestieg den Thron am 7. Juni 1840 und hatte sich 1823 mit der Prinzessin Elisabeth von Baiern vermählt. Der Uebers. mir seien, daß sie meinen Roman » Nur ein Geiger« gelesen, der sie angesprochen, und daß sie Tieck nach mir befragt hatten. Die Majestäten waren gerade in dieser Zeit verreist. Ich war am Abend vor ihrer Abreise nach Berlin gekommen, als das abscheuliche Attentat gegen den König Andersen meint hier das schändliche Attentat des ehemaligen Bürgermeisters Tschech am 26. Juli 1844; das zweite Attentat, das des Sefeloge fand am 22. Mai 1850 statt. Der Uebers. verübt worden war.

Im letzten Augenblick der Abreise erklang als ein Gruß der deutschen Freunde an mich ein Gesang, eine Dichtung; sie war von dem kindlich gesinnten, volksthümlichen Dichter Kletke, Dr. Hermann Kletke, geboren 14. März 1813 in Breslau, seit 1867 Chefredakteur der allbekannten und vielverbreiteten »Vossischen Zeitung« in Berlin, in deren Redaktion er 1849 eintrat. Kletke, der vornehmlich für die Jugend schrieb, und lyrische Gedichte heraus gab, ist gegenwärtig der Nestor der Berliner Schriftstellerwelt. Der Uebers. der mich bereits ein Jahr vorher durch die Widmung des zweiten Theils seiner » deutschen Märchen« geehrt hatte, während der erste Theil Tieck dedicirt war. Ich bewahre diesen mir geschenkten Gesang als Erinnerungsblume an Berlin.

An
H. C. Andersen.

Dir haben liebliche Elfen zur Nacht
Ihr schönstes Lied gesungen;
Der Berg, der Strom und die Waldespracht
Sind Dir in Lust erklungen.

Wie schimmert die goldne Märchenwelt!
Paläste, marmorne, steigen
Aus dunklem Grunde – am Königszelt
Tanzen die Elfen den Reigen.

Du bist der Zauberer, der sie ruft,
Dir müssen sie alle dienen;
Du bist ihr König, in Wald und Kluft,
In Gold- und Silberminen.

Ich stehe von fern und lausche bang
In die duftige Welt der Träume,
Kaum daß ein leiser Sehnsuchtsklang
Durchzittert die rauschenden Bäume.

Und weht zu Dir solch einsamer Klang,
Mit den Blättern, sturmgetrieben,
So nimm es als einen deutschen Dank
Von Herzen, die Dich lieben!

Ueber Stettin ging es in stürmischem Wetter nach Kopenhagen. Lebensfroh sah ich alle meine Lieben und reiste wieder auf einige Tage zum Grafen Moltke-Hvidtfeldt auf der Insel Fyen, um auf dem Gute Glorup noch einige schöne Sommertage zu verbringen. Hier erhielt ich einen Brief vom Grafen Rantzau-Breitenburg, der mit dem König Christian VIII. und der Königin Caroline Amalie König Christian VIII., geboren den 18. September 1786, gestorben den 18. Januar 1848, war Statthalter in Norwegen und wurde 1814 zum König von Norwegen ausgerufen, verzichtete jedoch in der Convention zu Moss. Er succedirte seinem Vetter dem König Frederik VI. 1839 und erließ am 8. Juli 1846 den unglückseligen »offenen Brief«, der die Erbfolge ordnen sollte, infolge dessen aber der Aufruhr in den Herzogthümern 1848, gleich nach seinem Tode, ausbrach. Er vermählte sich zum zweiten Male mit der Königin Caroline Amalie, einer geborenen Prinzessin von Augustenburg und Schwester des Herzogs gleichen Namens, der sich 1848 an die Spitze des Aufruhrs gegen Dänemark stellte. Sie ist geboren am 28. Juni 1796 und lebt in Kopenhagen. Der Uebers. sich im Bade auf der Insel Föhr Die Insel Föhr liegt an der Westküste Schleswigs in der Nordsee, ist 1½ Meilen groß und zählt gegen 5000 Einwohner. Der Hauptort Wyck ist ein sehr besuchter Badeort, wohin man jetzt mittelst der Bahn nach Husum oder Tondern und von dort mit dem Dampfschiff gelangt. Der Uebers. befand. – Er hatte dem Könige von meinem schönen Aufenthalt in Deutschland und dem höchst gnädigen Empfange, den ich am Hofe in Weimar gehabt hatte, erzählt, und da das Königspar auch mir freundlich gesonnen war, wollte es mir ebenfalls einige lichte, abwechselnde Tage in ihrer Umgebung auf der eigenthümlichen Insel verschaffen. Es war Rantzau übertragen worden, mir eine allgemeine Einladung zugehen zu lassen.

Die fremde Natur dort auf den niedrigen Hallingen, die Biernatzki Johann Christoph Biernatzki, geboren in Elmshorn in Holstein am 17. October 1795, machte sich namentlich durch seine naturwahren Schilderungen des Lebens und der Verhältnisse der Westküste Schleswigs einen Namen. Er hatte reiche Gelegenheit zur Beobachtung, da er lange als Prediger in Friedrichsstadt fungirte. Er starb daselbst am 11. Mai 1840, 8 Bände gesammelte Schriften hinterlassend. Der Uebers. so anschaulich in seinen Novellen beschrieben hat, wie auch Amrom mit seinen Sanddünen, habe ich versucht, in dem Roman » die beiden Baronessen«, in dem Buch, dessen beste und eigenthümlichste Naturschilderung durch die Einladung des Königs und der Königin hervorgerufen wurde, zu malen. Ich war sehr glücklich über die Gnade, die man mir erwies und freute mich, wieder mit dem lieben, humanen Grafen Rantzau-Breitenburg zusammen zu treffen. Leider war es das letzte Mal, daß wir uns in diesem Leben sahen.

Das Herrenhaus auf Clorup.

Es waren gerade fünfundzwanzig Jahre verflossen, seit ich als Knabe allein und hilflos nach Kopenhagen reiste; gerade den fünfundzwanzigsten Jahrestag sollte ich auf diese Weise feiern, daß ich diesen Tag bei meinem Könige und der Königin zubringen durfte. Die ganze Umgebung, die Menschen und die Natur spiegelten sich unvergeßlich in meiner Seele ab; ich fühlte mich gleichsam auf einen Höhepunkt geführt, von wo ich klarer über die fünfundzwanzig Jahre mit all' dem Glück und der Freude, die sich während derselben für mich entfaltet hatten, zurückschauen und nun gewahren konnte, wie sich Alles zu meinem Besten gestaltet hatte. Die Wirklichkeit übertrifft oft die schönsten Träume!

Ich reiste von Fyen nach Flensburg, dessen Wälder und Hügel mit dem malerischen Fjorde ich zum ersten Mal erblickte; ebenfalls zum ersten Male machte ich die langsame Fahrt über die Haide, wo man nur die Wolken fliegen sieht. Einförmig ging es in dem tiefen Sand, einförmig pfiff ein einzelner Vogel in dem Haidekraut; es war zum Einschlafen, und doch wurde es noch immer langsamer und beschwerlicher, ja, fast halsbrechend als die Haide aufhörte und das durch Regen aufgeweichte Marschland erreicht wurde. Ein fortwährender Regen hatte die Wiesen und Kornfelder in einen großen See verwandelt; die Deiche waren wie Moorgrund; die Pferde sanken tief ein und an mehreren Stellen mußte der leichte Wagen von Bauern unterstützt werden, um nicht auf die niedrigen Häuser unterhalb der Deiche hinabzurollen. Jede Meile erforderte mehrere Stunden; endlich erreichte ich Dagebüll Ein Flecken an der Westküste, Föhr gegenüber. Der Uebers. und vor mir lag die Nordsee mit ihren Inseln längs der Küste, die selbst ein Deich ist, künstlich gemacht, meilenweit mit Weidengeflecht belegt, an welchem sich die Wellen brechen.

Ich traf zur Flutzeit ein, der Wind war sehr günstig, und kaum war eine Stunde vergangen, als wir Föhr erreichten, das nach einer solchen Reise ein wahres Feenland zu sein schien. Das Dorf Wyck, das größte der Inseln, wo sich die Seebäder befinden, hat ein vollkommen holländisches Gepräge; alle Häuser haben nur eine Etage mit Strohdach und einen Giebel nach der Straße zu; das Ganze sah daher kleinlich aus, aber die vielen Fremden während der Badezeit, der ganze königliche Hof mit Allem, was sich daran schließt, verbreitete eine Lebhaftigkeit, eine Sonntagsfestlichkeit, die besonders in der Hauptstraße pulsirte. Fast in jedem Hause waren Fremde einquartiert, aus allen Fenstern zu ebener Erde und in den Giebeln guckten Bekannte heraus, die dänische Flagge wehte überall, die Musik erklang, es war, als käme ich zu einem Feste.

Die Matrosen vom Schiffe trugen meine Reiseeffecten in das Bade-Hotel. Nicht fern von der Landungsstelle, in der Nähe eines einstöckigen Hauses, in welchem das Königspaar wohnte, sah ich in einem aus Planken erbauten Hause an den offenen Fenstern Damen sich bewegen; sie blickten hinaus und riefen: » Andersen! Willkommen! Willkommen!« Die Matrosen verbeugten sich tief, nahmen ihre Mütze ab; ich war ihnen bis dahin ein unbekannter Gast gewesen, denn sie schlossen auf ihre Weise auf meinen Stand und Rang. Erst jetzt schien ich ihnen eine Person von Bedeutung zu sein, denn die mir Willkommen zurufenden Damen waren die jungen Prinzessinnen von Augustenburg und ihre Mutter, die Herzogin Die Herzogin von Augustenburg ist eine geborene Gräfin Danneskjold-Samsö. (Siehe S. 254 d. B.) Eine Schwester war an den Bruder des Herzogs, den sogenannten Prinzen von Röer verheiratet. Der Uebers..

Ich hatte in meinem Hotel gerade meinen Platz an der Table d'hôte eingenommen und war als neuer Gast Gegenstand der Neugierde geworden, als ein königlicher Lakai erschien und mich zur königlichen Tafel, welche bereits begonnen hatte, einlud; den König und die Königin hatte von meiner Ankunft gehört und ein Platz bei ihnen harrte meiner.

»Jetzt werden Sie erst recht interessant!« sagte mir ein Landsmann, der auch am Tische im Hotel saß. Auf Befehl der königlichen Herrschaften war für Wohnung für mich gesorgt worden. Die Frühstückszeit, Mittags und Abends brachte ich während meines ganzen Aufenthaltes daselbst in Gesellschaft der hohen Herrschaften und des Grafen Rantzau-Breitenburg zu. Es waren herrliche, lichte, dichterische Tage, die niemals auf ähnliche Weise wiederkehrten.

Es thut so wohl, edle Menschen sich offenbaren zu sehen, wo man sonst nur Königsmantel und Purpur gewahrt. Wenige Menschen können in ihrem Privatleben liebenswürdiger sein, als das damals regierende dänische Königspaar,

Abends las ich gewöhnlich ein paar Märchen vor; » die Nachtigall« und » der Schweinehirt« Siehe Band II, Seite 218 u. 225. Der Uebers. schienen dem Könige die beiden liebsten zu sein, und ich mußte sie daher mehrere Abende wiederholen.

Mein Talent zum Improvisiren trat wieder hervor, indem eines Abends einer der Hofkavaliere im Scherz eine Art Gedankenreim vor den jungen Prinzessinen von Augustenburg hersagte; ich stand dicht daneben und fügte scherzend hinzu: »Sie sprechen Ihre Verse nicht richtig, ich kenne sie besser; Sie müssen sagen:« – Und nun machte ich schnell ein Impromptu, Man scherzte, man lachte, man hörte es drinnen im Zimmer, wo der König am Spieltisch saß; er fragte, was es gäbe und ich wiederholte mein Impromptu. Ich hatte ein anderes hinzugefügt. Da wollten Sie Alle improvisiren und ich sollte ihnen helfen; ich versuchte es, nachdem ich die Idee jedes Einzelnen aufgefaßt hatte, – »Habe ich denn ganz allein kein Gedicht gemacht?« fragte General von Ewald Generalmajor Carl von Ewald, geboren in Cassel den 1. März 1789, Sohn des berühmten Generals Johann von Ewald (geb. 1744, gest. 1813), der zuerst in hessische, dann in dänische Dienste trat und lange in Holstein und Schleswig in Garnison lag. Carl trat 1802 als Kadett in die Artillerieschule ein, wurde 1805 Lieutenant und machte als solcher den französischen Feldzug mit. 1813 war er Stabscommandeur der 2. Brigade und 1816/18 befand er sich in Frankreich bei den dänischen Occupationstruppen. Seine hervorragende wissenschaftliche Bildung und sein Interesse für die Literatur verschaffte ihm bald selbst im Frieden die ehrenvollsten Stellungen bei Hofe und als Redakteur eines militairwissenschaftlichen Blattes. 1822 wurde er beim Prinzen Fredrik (späteren Könige Fredrik VII.) als Gouverneur angestellt und 1826 Adjutant beim König und begleitete dann den Prinzen von 1826/28 auf seinen Reisen in der Schweiz und Italien. Er avancirte fortwährend, getragen von der Gunst seiner Könige. 1839 wurde er bald nach Christian VIII. Thronbesteigung Generaladjutant und 1842 Generalmajor und nahm nach des Königs Tode 1848 seinen Abschied; er lebte zurückgezogen dann in Kopenhagen, den Studien ergeben und starb im März 1866. – Einer seiner Söhne Herman Frederik hat sich in der dänischen Literatur als begabter Dichter (Romane, Novellen) einen anerkannten Ruf erworben. Der Uebers., der mit dem Könige Karten spielte. »Wollen Sie mir nicht eins meiner besten Gedichte vordeklamiren?« – » Ewald's Gedichte kennt der König und das ganze Land!« erwiderte ich und suchte auf diese Weise der Aufforderung zu entgehen. Da sagte die Königin Caroline Amalie: »Erinnern Sie sich nicht, was ich gedacht und gefühlt habe?« – »Ja, Majestät, ich habe es aufgeschrieben, bewahre es und werde morgen die Abschrift bringen.« – »Sie erinnern sich gewiß dessen!« wiederholte sie. – Man drang in mich und ich improvisirte nachfolgende Strophe: Wörtlich übersetzt. Der Uebers.

Gebet.

Er, der im Sturm ist unser feste Burg,
Deß Sonnenlicht zerstreut des Lebens Schatten,
Er stärke des Königs Herz in jedem Leid,
Er verleih' Dänemark stets Glück und Frieden!
Er hefte den Siegeskranz an unsere Fahnen,
An die Liebe, an jeden edlen Willen;
Wenn alle Reiche stehn vor dem jüngsten Tag,
Mög' Dänemark stehn im Meere gleich der Lilie!

Ich machte in des Königs und der Königin Gefolge die Tour nach den großen Hallingen mit, diesen Grasrunen im Meere, welche von einem versunkenen Lande sprechen; die mächtigen Wogen haben das Festland in Inseln verwandelt und diese wieder zerrissen und Menschen und Orte begraben. Von Jahr zu Jahr werden Stücke abgerissen, und gewiß ist, daß nach kaum fünfzig Jahren das Meer hier herrschen wird. Die Hallingen sind jetzt nurnoch flache Inseln mit einem dunklen, scharfen Grün bekleidet, wo einige Schafheerden grasen. Steigt das Meer, werden diese auf den Boden des Hauses hinaufgetrieben; die Wogen wälzen sich über das kleine Land, das meilenweit von der Küste entfernt liegt.

Biernatzki hat in seinen Erzählungen diese Natur vortrefflich geschildert. Hier an Ort und Stelle las ich seine Schilderungen; sie waren so treu, so wahr, sie scheinen fast Stücke meiner eigenen Aufzeichnungen dessen zu sein, was ich hier vor Augen hatte. Es besser oder wahrer zu machen, ist nicht gut möglich, daß ich indessen in meinem Roman » die beiden Baronessen« dieselben Orte und dieselbe Natur gezeichnet habe, ist nur als ein Nachtrag, als dieselbe Naturwiederspiegelung bei einem andern Dichter zu betrachten.

Die Insel Oland Eine der flachen Inseln der Nordsee an Schleswigs Westküste. Der Uebers., welche wir besuchten, besitzt nur einen kleinen Ort; die Häuser stehen dicht neben einander, als wollten sich auch diese in der Noth aneinander schließen; sie sind alle auf einer Balkenunterlage errichtet und haben kleine Fenster wie in den Schiffskajüten; in den mit Holz bekleideten Stuben sitzen halbe Jahre lang die Frauen und Töchter einsam an ihrem Spinnrads. Hier befindet sich stets eine kleine Büchersammlung; ich fand deutsche, französische und friesische Bücher. Und während sie hier drinnen lesen und arbeiten, steigt oft das Meer rund um die Häuser, die dann wie kleine hingeworfene Wracks aussehen. Oftmals während der Nacht treibt ein Schiff dorthin, stößt auf eine Sandbank und strandet. Während der Sturmflut im Jahre 1825 wurden Häuser und Menschen hinweggespült; halbnackt saßen sie während vieler Tage und Nächte auf den Dächern, bis diese versanken. Kein Mensch von Föhr oder dem Festlande vermochte ihnen Hilfe zu bringen. Der Kirchhof war halb hinweggespült; die Särge und Leichen befinden sich jetzt in der Brandung, es ist ein erschütternder Anblick! Und dennoch lieben die Bewohner der Hallingen ihr kleines Heim; sie vermögen nicht auf dem Festlande zu verbleiben, sie werden von Heimweh zurückgetrieben.

Mit den königlichen Herrschaften besuchte ich die Insel. Das Dampfschiff, das uns dahin führte, mußte weit davon liegen bleiben, nur ein paar Boote führten uns an's Land. Ich hatte mich bescheiden weit zurückgehalten, daß ich beinahe mit dem letzten Boote nicht mitkommen konnte und erreichte auf diese Weise Oland, als der König wieder zurückkehrte. »Nun, erst jetzt kommen Sie?« fragte er freundlich. »Aber beeilen Sie sich nicht; sehen Sie sich recht um und lassen Sie das Boot nur warten! Besehen Sie den alten Kirchhof und treten Sie in das Haus dort. Sie werden eine schöne junge Frau vorfinden!« – Alle männlichen Bewohner befanden sich gerade auf der Seefahrt nach Grönland und Holland, nur Mädchen und Frauen empfingen uns. Der einzige Mann auf der Insel war kürzlich vom Krankenlager aufgestanden. Vor der Kirche hatten sie eine Ehrenpforte von Blumen, die sie von Föhr hatten holen müssen, errichtet, aber dieselbe war so klein und niedrig, daß man um dieselbe, herum gehen mußte; man sah jedoch den guten Willen. Den einzigen Baum der Insel, einen Rosenstock hatten sie abgeschnitten, um denselben über eine sumpfige Stelle zu legen, wo die Königin gehen sollte. Das rührte die gute Königin tief.

Schön sind die Mädchen und rein orientalisch gekleidet; sie halten sich auch mit den Griechen verwandt. Die Gesichter sind fast halb verhüllt und unter dem leinenen Kopftuch tragen sie einen rothen griechischen Fez, um den die Haarflechte gewunden ist.

Ich sah den Friedhof, sah die schöne Frau in ihrem Hause, und als ich wieder das Dampfschiff erreichte, ging es zur Tafel. Als diese beendet war und unsere Fahrt zwischen einem Archipelagus von Inseln hindurchführte, wurde, bei einem herrlichen Sonnenuntergang, das Schiffsdeck schleunigst zu einem Tanzsaal hergerichtet. Alt und Jung tanzte; die Lakaien bewegten sich mit Erfrischungen zwischen den Tanzenden; die Matrosen standen auf dem Radkasten und lotheten und riefen in einförmigen Tönen, wie viel Fuß tiefes Wasser man habe; der Mond ging rund und groß auf, die Sanddünen auf Amrom schienen sich gleich einer schneebedeckten Alpenkette zu erheben.

Diese öden Sanddünen besuchte ich später. Der König besuchte dieselben aus Veranlassung einer Jagd auf Kaninchen, welche zu Tausenden die Insel erfüllten, und zwar nur wenige Jahre, nachdem der Adam und die Eva dieses Geschlechts dorthin gelangt waren, die beiden einzigen von einem gestrandeten Schiff.

Der Prinz von Noer Prinz Christian von Augustenburg, nach seinem Gute schlechtweg Nöer benannt, ist ein Bruder des Herzogs von A. Unter seinem Schwager, König Christian VIII,, war er Statthalter in den Herzogthümern. Er überrumpelte die Besatzung von Rendsburg am 23. März 1848 und proklamirte die Lostrennung von Dänemark. Sein Sohn ist mit einer Tochter der Königin Victoria vermählt und lebt in England. Der Uebers. war außer mir der Einzige, der an der Jagd nicht theilnahm. Wir Beide wanderten zwischen den Dünen umher, bei deren Anblick man unwillkürlich an die Aschenspitze des Vesuv denken mußte; auch hier versinkt man bei jedem Schritt; der struppige Sandhalm ( Elymus arenarius) vermag die lose Lage des Sandes nicht zusammenzuhalten. Die Sonne brannte zwischen den weißen Sandbänken, und unsere Wanderung glich der in dem Sande der Wüsten Afrikas, In den Thälern zwischen den Dünen wuchs eine Art Rosen, und das Haidekraut blühte, während andere Stellen von aller Vegetation entblößt waren, und dicht daneben, in dem nassen Sande, hatten die Wogen ihre Merkmale hinterlassen; das Meer hatte bei seinem Zurücktreten seltsame Hieroglyphen dort geschrieben.

Der Prinz und ich saßen auf einer der höchsten Dünen, es war während der Ebbezeit; wir blickten erstaunt über die Nordsee hinaus; sie war während der Ebbe wol über eine Meile zurückgetreten, und die Schiffe lagen gleich todten Fischen da und harrten der Flut. Einzelne Matrosen gingen weit hinaus auf den Sandboden, als bewegliche schwarze Punkte erschienen sie uns. Wo das Meer selbst noch still die weiße Sandfläche berührte, erhob sich eine lange Bank, von der » der dänische Lootse« Ein von der dänischen Regierung herausgegebenes Handbuch für Seeleute. Der Uebers. berichtet. Wir erblickten den dort errichteten hohen Balkenthurm, welcher den Gestrandeten eine Zufluchtsstätte gewährt, und wo für sie eine Tonne mit Wasser und ein Korb mit Brod und Branntwein liegt, so daß sie doch während einiger Tage mitten in dem empörten Meer das Leben zu fristen vermögen, bis ihnen Hilfe zu bringen möglich wird.

Amrom Amrom ist ebenfalls eine kleine Insel in der Nordsee. Der Uebers. und Föhr schienen vollkommen landfest geworden zu sein, denn von der einen Insel zur andern fuhren die Leute über den nassen Meeresboden. Wir gewahrten eine ganze Reihe von Wagen, und sie erschienen auf dem weißen Sande und gegen den blauen Horizont mehr als doppelt so groß; es war gleichsam, als ob sie durch die Luft glitten. – Aber rundum im Sande zeigten sich gleich Fäden in einem Netz schmale Wasserstreifen; es war, als ob sie an den Sandboden festhielten, das dem Meere gehörte und bald von diesem überspielt werden sollte.

Von einer solchen Natur zurückzukehren zu einer königlichen Tafel, einem schönen Hofconcert und den kleinen Bällen eines Badesalons, im Mondschein auf der mit Badegästen gefüllten Promenade, einem Boulevard im Kleinen, zu gehen, hatte wahrlich etwas Märchenhaftes, seltsam Abwechselndes.

Rantzau-Breitenburg wußte, welche Bedeutung der 6. September für mich hatte, daß nämlich gerade, wie bereits gesagt, es der Tag war, an dem ich vor 20 Jahren zum ersten Mal nach Kopenhagen kam. Als ich Mittags bei der königlichen Tafel saß, rollte sich in meinen Gedanken mein ganzes Leben vor mir auf: ich mußte alle meine Kraft sammeln, mit nicht in Thränen auszubrechen. Es giebt Augenblicke voller Dankbarkeit, in welcher wir gleichsam den Drang fühlen, Gott in unser Herz zu schließen. Wie tief fühlte ich nicht meine Nichtigkeit, und daß Alles, Alles von ihm kam!

Nach der Tafel beglückwünschten die Majestäten mich – gnädig ist ein armes Wort – herzlich, theilnehmend. – Der König beglückwünschte mich, daß ich nun Alles überstanden und überwunden hatte, befragte mich über mein erstes Auftreten, und ich erzählte ihm ein paar charakteristische Züge aus jener Zeit. Im Laufe des Gesprächs fragte er mich, ob ich denn nichts Gewisses jährlich bekäme, ich nannte ihn: die Summe: 200 Speziesthaler. In jetziger dänischer Währung 800 Kronen oder 900 Reichsmark. Der Uebers.

»Das ist nicht viel!« brach er aus.

»Aber ich brauche auch nicht viel!« antwortete ich, »und meine Schriften bringen mir auch etwas ein!«

Der König ging theilnehmend auf mein Leben und Wirken ein. »Sie sollten es nunmehr ein wenig besser als früher haben!« waren seine Worte, und er beendigte das Gespräch auf folgende Weise: »Kann ich Ihnen jemals nützlich sein, indem ich Ihre literarische Wirksamkeit befördere, dann kommen Sie zu mir!«

Abends beim Hofconcert erzählte der König dieses Gespräch. Mein Herz war tief bewegt.

Später kamen einige Herren, welche die mir gegenüber gethane Aeußerung des Königs gehört hatten, und warfen mir vor, daß ich nicht klug gehandelt und diesen für mich günstigen Augenblick unbenutzt hätte vorübergehen lassen. »Der König legte es Ihnen ja förmlich in den Mund, daß Sie sich von ihm etwas mehr zum Leben erbitten sollten: er sagte ja selbst ganz deutlich, daß das, was sie bis jetzt erhalten, zu wenig sei, und daß sie es jetzt besser und bequemer haben müssten.«

»Wie konnte ich«, antwortete ich ihnen, »in einem Augenblick, wo man mich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, als Gast behandelte, in dem Augenblick, wo der König und die Königin so theilnehmend, so herzlich gegen mich waren, wie konnte ich da ein freundlich hingeworfenes Wort ergreifen und mir dasselbe zunutze machen? Es ist vielleicht nicht klug, daß ich mich so benahm, aber ich vermag nicht anders zu handeln. Findet der König, daß ich einer größeren Summe bedarf, als ich bisher hatte, so wird er sie mir auch von selbst geben!«

Der 6. September war mir also ein Festtag, und außer unserm Könige waren es die deutschen Badegäste, welche mir an diesem Tage Beweise ihrer Theilnahme gaben. Im Saale des Badehotels beim Mittagstisch, während ich an der Tafel des Königs saß, brachten sie ein Lebehoch auf den dänischen Dichter aus, dessen Schriften sie aus ihrer Heimat kannten und den sie jetzt selbst kennen gelernt hatten. Einer meiner Landsleute erhob sich und dankte in meinem Namen für die Ehrenbezeigung.

Zu viel der Ehre kann leicht einen Menschen verderben, ihn eitel machen – aber nein, man wird dadurch nicht verdorben, wird nicht eitel: so Etwas thut dem Herzen wol, es läutert den Gedanken, und man fühlt das Bedürfnis; und das Wollen, dessen würdig zu werden.

Bei der Abschiedsaudienz schenkte die Königin mir zur Erinnerung an diese Tage auf Föhr einen kostbaren Ring. Der König sprach sich wieder so wolwollend, edel und theilnehmend aus. – Mit meinem ganzen Herzen schloß ich mich an die erhabenen beiden königlichen Personen an.

Die Herzogin von Augustenburg, die ich täglich sah und mit der ich in dem königlichen Heim sprach, lud mich auf das Gnädigste und Herzlichste ein, meinen Heimweg über Augustenburg Das ehemalige Residenzschloß des Herzogs von Augustenburg auf der Insel Alsen in der Ostsee. Der Uebers. zu nehmen und dort einige Tage zu verweilen. Selbst der König und die Königin wiederholten diese Einladung.

Ich reiste also von Föhr nach Alsen, gewiß eine der schönsten Inseln der Ostsee. Das ganze Land gleicht einem blühenden Garten; die üppigen Korn- und Kleefelder sind eingehegt von Nußsträuchern und wilden Rosen; neben den Bauernhäusern erstrecken sich abwechselnd große Aepfelgärten, Felder und Hügel. Bald gewahrt man das offene Meer mit den waldbestandenen Höhen in Angeln Der Name einer Landschaft an der Ostsee zwischen dem Flensburger Fjord und der Schlei, wegen ihrer Fruchtbarkeit und Viehzucht bekannt; circa 15 Meilen groß und mit 55.000 Einwohnern. Der Uebers., bald den schmalen, einem Fluß gleichenden kleinen Belt, und von dem schönen Schloß erstreckt sich der Garten hinab an den buchtenvollen Fjord. Ich fand den herzlichsten Empfang in einem schönen Familienleben. Man sprach nur dänisch und mit echt dänischer Zunge. Nicht ein Gedanke an die kommenden bösen finsteren Zeiten, die Hereinbrechen sollten, wurden in mir wach. Ganze vierzehn Tage unter Abwechselung von Wagenfahrten und Fußwanderungen in der reichen Natur blieb ich dort und begann an dem Roman » die beiden Baronessen« zu arbeiten. Behagliche Abende verbrachte ich, die meisten bei Musik. Der Cellist Kellermann Christian Laurentz Kellermann, geboren in Randers den 27. Januar 1817. Er wurde in Wien erzogen und besuchte das dortige Conservatorium und bereits 1836 trat er in Pest als Cellist auf. Er machte große Kunstreisen in Europa. Nach Kopenhagen zurückgekehrt, ereilte ihn 1866 der Tod. Der Uebers. hielt sich während mehrerer Tage hier auf und spielte seine weichen, wogenden Phantasien, »Romanesca« und Alpenmelodien.

Der Geburtstag der Herzogin wurde gefeiert. Die »Liedertafel« brachte einen Fackelzug. Auf dem Schlosse war Ball und Festlichkeit. Die augustenburgischen Wettrennen, welche man stets hiemit in Verbindung brachte und drei Tage dauerten, hatten in Schloß und Stadt eine Menge Menschen versammelt, fast der ganze holsteinische Adel befand sich hier. Bei der Tafel erhob sich der Herzog und sprach über die Bedeutung der dänischen Literatur der Gegenwart, über die Tüchtigkeit und Gesundheit, welche sich in derselben gegenüber der neuen deutschen Literatur zeige, und nahm dabei Veranlassung, auf mich, den anwesenden dänischen Dichter, ein Hoch auszubringen.

Ich sah damals auf Augustenburg nur freundliche, frohe Menschen, ein glückliches Familienleben, fand Alles so dänisch, und es schien, als ruhe ein Geist des Friedens über diese herrliche Stätte – und das war im Herbst 1844. – Wie bald sah ich Alles anders werden!

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