Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechstes Capitel.
September 1833 bis August 1834.

Ueber den Simplon nach Italien. – Mailand. – Genua. – Reise von Genua nach Carrara. – Pisa. – Florenz und seine Galerien. – Ueber Terni nach.Rom. – Rom – Zweite Beerdigung Raphael's. – Thorwaldsen. – Der Maler (spätere Mönch) Albert Küchler. – Ausflug in die Berge. – Dulcamara und Banditen. – Zweiter Besuch in Tivoli. – Künstlerleben in Rom. – Weihnachtsabend in Rom. – Die öffentliche Meinung daheim über Agnete. – Hertz' Ankunft in Rom. – Ich bekomme Freunde. – Der Carneval. – Reise nach Neapel. – Besuch des Vesuvs. – Pompeji. – Capri. – Ostern in Rom. – Der Maler Blunk. – Montefiascone. – Siena. – Wiensseur. – Malibran. – Venedig. – Verona. – München. – Dr. Birch. – Schelling. – Saphir. – Paßgeschichte. – Salzburg. – Kloster Mölk. – Wien. – Landsleute. – Strauß. – Frau von Weissenthurn. – Grillparzer. – Castelli. – Reise nach Prag. – Ein böhmischer Bücherfreund. – Kopenhagen. – Mein Roman »Der Improvisator« erscheint.


 

Gerade um dieselbe Zeit, aber vierzehn Jahre nachdem ich als ein armer Knabe nach Kopenhagen kam, sollte ich Italien, das Land meiner Sehnsucht und meines Glücks betreten. – Ich reiste durch das Rhonethal über den Simplon. Welch' großartige Natur ringsum! Unser überladener Wagen mit seinem Vorspann von Pferden nahm sich wie eine Fliege auf einem mächtigen Felsblock aus; wir krochen gleichsam auf dem Felswege dahin, der hier auf Befehl Napoleon's durch den Rückgrat der Erde gesprengt worden ist. Die Gletscher glänzten glasgrün gerade über uns; es wurde immer kälter, die Hirtenknaben in Kuhhäuten eingehüllt, gingen an uns vorüber, und in dem Wirthshause war der Ofen geheizt; draußen war es strenger Winter, aber wenige Stunden später rollte der Wagen bergab unter Kastanienbäumen dahin, deren lange grüne Blätter in dem warmen Sonnenschein erglänzten; in Domo d'Orsola bot sich bereits ein Bild Italiens mit seinem Volksleben auf den Straßen und Plätzen dar; der Lago Maggiore leuchtete zwischen den schwarzblauen Bergen hervor; wunderschöne Inseln lagen wie Bouquets auf dem Wasser, aber der Himmel war nicht klar, er zeigte ein Grau wie in Dänemark, erst gegen Abend war dies hinweggeweht, und die Luft glänzte durchsichtig klar, sie schien drei Mal so hoch zu sein wie in der Heimat; die Weintrauben hingen in Guirlanden längs des Weges herab, als sei es ein Festtag; niemals habe ich Italien schöner gesehen.

Der Dom zu Milano war das erste Wunderwerk, welches Italien mir zeigte. Ich sah diesen Marmorfels, den die Kunst zu Bogen, Thürmen und Bildsäulen ausgehöhlt und geformt hat, sich im hellen Mondschein erheben; von seinem Dache sah ich die Alpenkette mit ihren Gletschern und das ganze üppige Lombarden-Land, – Die Porta Sempione , die im Munde des Volkes den Namen Napoleon's führt, stand damals noch unter Arbeit, – In La Scala wurden Opern und Ballets gegeben; Alles wurde besucht und gesehen, aber der Dom zu Mailand blieb doch der Ort, an welchem das Herz hing, dort, während des Rauschens der Kirchenmusik und der Stille der Andacht, war für mich ein erhebender Aufenthalt,

In Gesellschaft zweier Landsleute verließ ich die prächtige Stadt, wir ließen den Veturin durch das Longobarden-Land fahren, welches sich flach wie die grünen Inseln der Heimat, vor uns ausdehnte, aber auch üppig und herrlich wie diese. Die reichen Maisfelder, die schönen Hängeweiden waren etwas Neues, die Berge, über welche wir hinüber sollten, schienen uns dagegen, nachdem wir die Alpen gesehen hatten, klein zu sein. Endlich breiteten Genua und das Meer sich vor uns aus, welches letztere ich nicht gesehen hatte, seit ich Dänemark verließ.

Dieselbe Liebe, die der Bergbewohner zu seinen Bergen hegt, haben wir Dänen unleugbar zu dem Meere, Von meinem Balcon sah ich hinaus über diese neue und doch alte bekannte dunkelblaue Flut, Am Abend machte ich einen Besuch im Theater, das ein mächtiger marmorner Apoll, glänzend weiß wie Schnee, krönte. Es wurde eine neue Oper zum ersten Male, nämlich Donizetti's Elizire d'amore , gegeben, nach derselben folgte ein komisches Ballet » il flauto magico «; beim Klange der Flöte gerieth Alles in's Tanzen, zuletzt selbst der hohe Rath, ja alle die alten Bilder an der Wand des Rathhaussaals, eine Idee, die ich später in die Zauber-Posse » Ole Luköie, der Sandmann«, eingelegt habe Dieses Theaterstück ist in Kopenhagen auf dem Casino-Theater mehr als hundert Male zur Aufführung gelangt. Das gleichnamige Märchen befindet sich im II. Bande Seite 262-272. Der Uebers..

Eine schriftliche Erlaubniß der Admiralität öffnete uns das Arsenal, wo die Galeerensclaven, damals 600 an der Zahl, lebten und arbeiteten. Wir besahen die inneren Gefängnisse, den Schlafsaal mit großen Pritschen längs der Wände; hier hingen eiserne Bügel in Ketten, in welche die Gefangenen geschlagen wurden, wenn sie Abends zur Ruhe gehen mußten. Selbst in dem Krankenzimmer lagen Einzelne in Ketten. Drei Sterbende mit gelbbraunen Gesichtern, gebrochenen Augen, machten auf mich einen erschütternden Eindruck; man mußte diesen auf meinem Gesicht ablesen können, denn einer der Verbrecher betrachtete mich mit einem bösen Blick, ich verstand ihn wol, sei ich doch nur aus Neugier, um ihre Leiden zu sehen, gekommen, und er stieß ein abscheuliches Gelächter aus, indem er sich halb von seinem Lager erhob und recht teuflisch seine bösen Augen auf mich haften ließ. Hier lag, ganz mit Ketten belastet, ein blinder Greis mit silberweißem Haar. Unten im Hofe befanden sich verschiedene Arbeitszimmer; mehrere der Galeerensclaven waren, vielleicht für's ganze Leben, zwei und zwei zusammen gekettet.

Die erste Tagesreise von Genua längs dem Meere gen Süden, der sogenannten Riviera di Levante ist eine der schönsten Touren, die man unternehmen kann. Genua selbst hebt sich auf den Bergen zwischen blaugrünen Olivenwäldern ab. In den Gärten hingen Apfelsinen und Pomeranzen, grasgrüne, glänzende Citronen deuteten auf den Frühling, um die Zeit wo der Nordländer den Winter nahen sieht. Ein schönes Motiv zu einem Bilde folgte noch dem andern; Alles war mir neu und blieb mir unvergeßlich; ich sehe noch die alten Brücken, von Immergrün umrankt, sehe die Kapuziner und eine Schar genuesischer Fischer mit ihren rothen Mützen auf dem üppigen Haar des Weges kommen. Die ganze Küstenstrecke mit ihren schönen Villen und das Meer mit weißen Seglern und rauchenden Dampfschiffen glänzten im Sonnenschein, später tauchten draußen bläulich schimmernde Berge empor; es war Corsica, die Wiege Napoleon's. – An einem alten Thurm saßen unter einem mächtig großen Baum drei alte Frauen mit langem silberweißen Haar über die gelbbraunen Schultern herabwallend und spannen ihre Handspulen. Ungeheure Aloen wuchsen am Wege.

Daß meine Gedanken hier, indem ich einen Lebenslauf erzähle, bei der Natur Italiens weilen, wird man mir vielleicht vorwerfen, ja, man wird vielleicht mit Recht befürchten, daß durch die vielen späteren Reisen diese Blätter in Beschreibungen ausarten werden, allein es wird sich zeigen, daß es in der folgenden Zeit die Menschen waren, zu denen ich in Beziehung trat, die sich am tiefsten bei mir abspiegelten; dagegen waren es bei diesem meinem ersten Besuch in Italien einzig und allein die Natur und die Kunst, die das Ueberwältigende, das eigentlich Erlebte dieser Periode wurden, und deshalb macht dieser Lebensabschnitt ein längeres Verweilen bei den äußeren Eindrücken erklärlich. Ich schwelgte gleichsam in der Naturüppigkeit, welche das Land darbot. Welch' feenhafter Schönheitsabend in Sestri di Levante. Das Wirthshaus liegt dicht am Meere, welches in großen Hohlseen rollte. Der Himmel strahlte in feuerrothen Wolken, die Berge wechselten in starken Farben. Die Bäume selbst bildeten hier gleichsam große Fruchtkörbe, überfüllt mit großen schweren Trauben, welche die Weinranke trug, und plötzlich wechselte die Scene, indem wir in die Berge hinein gelangten. Alles wurde trocken, häßlich und zwar eine lange Strecke. Es war als wenn die Phantasie, als sie Italien zu einem großen wundervollen Garten bildete, gerade auf dieser Strecke all' dessen Unkraut und Abfall hingeworfen hätte; die einzelnen Bäume standen blätterlos. Hier war kein Felsenland und keine Dammerde, nein, Schlamm und Kies und Steinschlacken, – und wiederum, wie durch einen Zauberschlag, lag Alles in hesperischer Herrlichkeit und Schönheit; es war der Golf von Spezia, welcher sich vor uns ausbreitete. Herrliche blaue Berge umschlossen das üppigste, schönste Thal, es schien ein wahres Füllhorn zu sein; die Weintraube hing schwer und saftig um die laubvollen Bäume, Orangen und Oliven schlängelten sich zwischen ihnen hervor, die Ranke wand sich von Baum zu Baum; schwarze blankhäutige Ferkel ohne Borsten sprangen lustig umher, als seien sie Lämmer und brachten den Esel zum Ausschlagen, ungeachtet ein Kapuziner, der sich mit einem kolossalen, grasgrünen Regenschirm gegen die Sonne zu schützen suchte, auf demselben saß.

Gerade am Geburtstage des Herzogs von Modena kamen wir nach Carrara; die Häuser waren mit Guirlanden geschmückt, die Soldaten trugen Myrthenzweige am Chako, und Kanonenschüsse donnerten. Aber es waren die Marmorbrüche, die wir besuchen wollten; sie liegen außerhalb der Stadt, ein kleiner, klarer Fluß dicht am Wege strömt über die glänzenden schneeweißen Marmorblöcke dahin. Es war ein großer Steinbruch mit weißem und grauem Marmor, in welchem sich Crystalle vorfinden. Es schien mir ein verzauberter Berg, in welchem die Götter und Göttinen des Alterthums gebunden in den Steinblöcken saßen und nun eines mächtigen Magiers harrten, eines Thorwaldsen oder Canova, der sie lösen und sie wieder der Welt zurückgeben könne.

All' des Neuen und all' der Schönheit der Natur ungeachtet, waren ich und meine Gesellschaft doch öfter grimmig gegen Italien gestimmt; die Art und Weise des Reisens war hier so verschieden von dem, was wir früher kennen gelernt hatten; höchst lästig war die ewige Prellerei in den Wirthshäusern, das fortwährende Fragen nach Reisepaß, während weniger Tage wurden die Pässe über ein halbes Dutzend Mal nachgesehen und beschrieben, unser Veturin kannte den Weg nicht, wir verfehlten ihn, und statt bei Tage Pisa zu erreichen, kamen wir hier erst in finsterer Nacht an. Nach langer Visitation und vieler Plackerei fuhren wir in die finsteren, laternenlosen Straßen hinein; unsere einzige Beleuchtung war ein großes brennendes Licht, welches unser Kutscher sich an dem Stadtthor gekauft hatte und nun vor sich her hielt. Endlich erreichten wir dann das Ziel: Albergo del Ussaro. Wir waren des Ausruhens bedürftig, hatten so recht ein dolce far niente nöthig, ehe wir hinauszogen, um die Merkwürdigkeiten der Stadt, die Kirche, die Taufkapelle, den Campo-Santo und den schiefen Thurm zu besehen. Gewöhnlich geben die Theatermaler diesen Campo-Santo als Decoration der Klosterhalle in »Robert der Teufel« wieder. In dem Bogengang desselben befinden sich Monumente und Basreliefs, eins dieser ist von Thorwaldsen, es stellt die Genesung des Tobias vor, und der Künstler hat hier in Portraitähnlichkeit sich selbst als den jungen Tobias gegeben. – Der schiefe Thurm war zum Besteigen gerade nicht sehr einladend, wir gingen jedoch hinauf. Er besteht aus einem Cylinder, welcher außen ringsum Colonnen hat, ganz oben ist gar kein Gitterwerk; an der einen Seite, die sich nach dem Meere wendet, wirkt die Seeluft auflösend, das Eisen verwittert, das Gestein verliert seine Festigkeit; das Ganze ist schmutzig gelb. Ich schaute von hier aus über eine flache Gegend nach Livorno. Mit der Eisenbahn ist es jetzt eine nur kurze Fahrt, eine solche war damals noch nicht gebaut, es ging mit dem Veturin, und die Ausbeute schien uns der Reise nicht Werth, unser Führer wußte Nichts und zeigte uns Nichts, was wir zu wissen nicht hätten entbehren können. – Das einzig Schöne, welches wir in Livorno sahen, war ein Sonnenuntergang; die Wolken leuchteten wie Feuerflammen, das Meer erglänzte, die Berge glühten, das war der Rahmen um die schmutzige Stadt, und diese Einfassung war italienische Pracht. – Doch bald entfaltete diese sich in ihrer Kunstherrlichkeit: wir gelangten nach Florenz.

Ich hatte früher kein Auge und keinen Sinn für die Bildhauerkunst gehabt, in der Heimat hatte ich so gut wie Nichts davon gesehen, und in Paris war ich, wie die Mehrzahl, flüchtig schauend, vorübergegangen; kein Gemälde hatte mich noch recht erfüllt und ergriffen; es war in Florenz bei den Besuchen der herrlichen Galerien, in den Kirchen mit ihren Monumenten und Gemälden, wo mein Kunstsinn gleichsam erwachte Andersen hat in dem Märchen »Der Bronce-Eber« im II, Band Seite 464-479 die Eindrücke, welche er in Florenz erfuhr, verwerthet. Wegen der in der nachfolgenden Beschreibung Florenz' vorkommenden Namen und Sehenswürdigkeiten verweise ich auf dieses Märchen. Der Uebers.. Ich stand vor der »mediceischen Venus«, es war mir, als besäße ihr marmornes Auge wirkliche Sehkraft, ich fühlte mich wunderbar andächtig gestimmt und überwältigt, ich vermochte mich nicht loszureißen:

Aus des Meeres Schaum, so weiß, so leicht,
Schön wie nur Göttergedanken,
Erbebt sie sich ewig jung;
Und wenn Alles welkt und stirbt dahin,
Nimmer die Liebe kann sterben,
Ewig die Göttin sie lebt! Wörtlich übersetzt.

Täglich besuchte ich die Galerien, und hier war es stets »die mediceische Venus« und »die Niobegruppe«, die mich am längsten fesselten, – Eine Wahrheit, eine unendliche Schönheit liegt in dieser großen Gruppe; und gerade durch ihre einzelnen, freistehenden Statuen, zwischen welche man hineingeht, befindet man sich gleichsam mitten auf dem Schauplatz selbst. Die versteinerte Mutter breitet ihr Gewand über die letzte noch lebende Tochter aus, man sieht am Kopfe des Kindes, daß der Pfeil kommt, und an der Lage der Hand, daß der Pfeil treffen muß.

Welcher Schatz von herrlichen Bildern, die mir eine neue geistige Welt erschlossen; ich sah Raphael's Madonna del Seggiola und Madonna del Granducca; eine Herrlichkeit nach der andern offenbarte sich; früher hatte ich wol durch Kupferstiche und Gypsabgüsse einen Theil dessen kennen gelernt, was ich hier fand; allein ich hatte keinen großen Eindruck dadurch erlangt, Nichts davon war mir geistig in die Seele übergegangen, ich fühlte mich deshalb wie ein neuer Mensch. – Die bedeutendsten Kirchen wurden besucht, am häufigsten Santa Croce mit ihren mächtigen Marmormonumenten. An dem Sarge Michel Angelo's sitzen Sculptur, Malerkunst und Architektur personificirt. Die Leiche Dante's ruht in Ravenna, aber Santa Croce birgt sein Monument, Italia zeigt auf die colossale Natur des Dichters, während die Poesie an seinem Sarkophag weint. Aus der Hand des Canova steht hier ein Monument für Alfieri, Maske, Lyra und Lorbeerkranz prangen hier, Italien weint am Grabe; weniger großartig sind die Grabmäler Galilei's und Machiavelli's, allein die Stätte selbst ist gleich heilig.

Der Tag der Abreise kam heran, wir wollten über Terni, um die dortigen berühmten Wasserfälle zu sehen, und dann nach Rom. Es wurde eine Reise voll Leiden. Am Tage die sengende Sonne, Abends und Nachts giftige Fliegen und Mücken, außerdem hatten wir einen weniger tüchtigen Veturin und alle die Plagen, die infolge dessen entstehen; uns waren die Phrasen der Bewunderung über die Schönheit und Herrlichkeit Italiens, die ringsum in den Wirthshäusern auf Fenstern und Wänden geschrieben standen, gleichsam eine Travestie; am wenigsten dachte ich damals an die Liebe, mit welcher mein Herz sich später an dieses Land der Schönheit und der Denkmäler anschließen sollte.

Schon in Florenz, als wir in die übrigens gute Kutsche, die der Veturin brachte, eingestiegen waren, begannen unsere Qualen; eine Gestalt, welche wie Hiob aussah, als dieser sich die Haut mit Scherben abkratzte, stellte sich an die Wagenthür, wir schüttelten die Köpfe, als er dieselbe berührte, er begab sich nach der andern Seite des Wagens, dort erhielt er dasselbe Zeichen, sich zu entfernen, und als er wieder herantrat und abgewiesen wurde, stellte sich der Veturin ein und sagte uns, es sei ein vierter Passagier, ein Nobile Edelmann. Der Uebers. aus Rom; das imponirte und wir ließen ihn einsteigen, allein der Schmutz, welcher an Körper und Kleidern dieses Menschen haftete, bestimmten uns, an der ersten Haltestelle dem Veturinen zu erklären, daß wir die Reise nach Rom mit ihm nicht fortsetzen würden, wenn dieser Herr drinnen im Wagen bei uns sitzen solle; nach vielem Gerede und Gestikuliren sahen wir den Nobile zum Kutscher auf den Bock hinaufkriechen. – Es fing stark zu regnen an, es that mir leid um den Armen, allein er war nicht so, daß man mit ihm zusammen in einer Stube, geschweige denn in einem Wagen sein konnte, und so überließen wir es dem Regen, die Wäsche an ihm zu vollziehen. Der Weg war romantisch schön, aber die Sonne war sengend heiß, die Fliegen umschwärmten uns, wir vertheidigten uns mit Myrthenzweigen, die Pferde sahen wie die Aase aus, so überdeckt waren sie mit Fliegenmassen. Wir übernachteten in einem schauderhaften Loch in Levane. Unsern Nobile sah ich dort auf dem Feuerheerd stehen und sich trocknen, während er der Wirthin die Hühner rupfen half, die wir essen sollten, und dabei seinen Zorn über uns ketzerische Engländer ergoß, über welche die Strafe schon kommen würde, und diese traf auch schon in derselben Nacht ein. Wir ließen, um frische Luft zu haben, alle Fenster offen stehen und wurden nun während der Nacht dermaßen im Gesicht und an den Händen von Mücken und Fliegen gestochen, daß die Haut anschwoll und blutete; meine eine Hand zeigte allein sieben und funfzig Stiche; ich fühlte Schmerz und Fieber dabei. –

Am darauffolgenden Tage ging es durch üppig schöne Landschaften mit Olivenwäldern und Trauben über Castiglione weiter; schöne, halbnackte Kinder und Matronen mit silberweißem Haar gingen hier und hüteten rabenschwarze, hautblanke Schweine; an dem See Tracymenes, wo Hannibal kämpfte 207 v. Chr., die Römer besiegend. – Man vergleiche das Märchen »die Galoschen des Glücks« Band III. Seite 33. Der Uebers., sah ich am Wege den ersten freiwachsenden Lorbeerbaum; wir gelangten nun auf päpstliches Gebiet, und nachdem wir am Zollamt die Visitation unserer Pässe und Koffer überstanden hatten, ging es weiter bei dem schönsten Sonnenuntergang. Ich sah eine Farbenpracht, welche ich niemals vergesse, aber das Wirthshaus war schrecklich; der Fußboden war zerbrochen, verkrüppelte Leute lagerten vor der Thür, die Wirthin in einer schmutzigen Blouse, grinsend wie eine abscheuliche Hexe, spuckte jedesmal aus, wenn sie uns ein Gericht Essen gebracht hatte, und ging erst dann wieder zur Thür hinaus.

Ich habe an diesen Ort gedacht, als ich in » Die Galoschen des Glücks« Siehe dies Märchen im III. Bande Seite 1-37. Der Uebers. schilderte, wie unangenehm es auch in » bella Italia« sein kann. Am nächsten Vormittag erreichten wir Perugia, die Stadt, in welcher Raphael in der Lehre bei Perugino stand; wir sahen Bilder des Schülers und des Meisters, betrachteten von der Höhe aus, über die weithin sich ausdehnenden Olivenwälder dieselbe schöne Landschaft, die sich in den Augen Raphael's wie einst in denen des Kaisers Augustus spiegelte, als hier für ihn der Triumphbogen aus Quadersteinen errichtet wurde und noch steht, als sei er erst gestern vollendet. Gegen Abend waren wir in Foligno, das den Anblick einer zusammenstürzenden Stadt darbot. Fast alle Häuser in der Hauptstraße waren durch Balken, welche von Haus zu Haus über die Straße hinweggingen, gestützt. Hier hatte kurz vorher ein Erdbeben stattgefunden, die Häuser zeigten große Mauerrisse, einzelne waren sogar ganz zusammengestürzt. Es begann zu regnen und zu stürmen; im Wirthshause war es gar nicht heimisch und das Essen war für uns, die wir großen Hunger hatten, nicht einmal genießbar.

»Kennst Du das Land!«

sang ein junger Deutscher parodirend, während Wind und Regen die verfallenen Fenster schüttelten. Jetzt kommt am Ende noch ein Erdstoß, dachten wir, und dann fällt die ganze Herrlichkeit zusammen! aber sie fiel nicht, und wir schliefen gut – und am nächsten Nachmittag waren wir bei Terni an den herrlichen Wasserfällen, zwischen Lorbeer und Rosmarin hoch über weitgedehnten Olivenwäldern, wir befanden uns in der ganzen Herrlichkeit Italiens; ein kleiner Fluß stürzt sich vom Felsen herab, das ist das Ganze, aber es ist ein wunderbar schöner Anblick! Der Wasserstaub erhob sich wie Dampf hoch in die Luft; die Sonne beleuchtete Alles mit starken rothen Strahlen, indem sie unterging. Es wurde dann plötzlich finster; es war vollständig Nacht, als ich durch den finsteren Olivenwald, von meiner Gesellschaft getrennt, mit einem jungen lebhaften Amerikaner wanderte, der vom Niagara, von Cooper und den großen Steppen erzählte.

Am folgenden Tage regnete es, der Weg war schlecht, die Umgebungen boten nichts Neues dar; wir fühlten nur Müdigkeit und Beschwerlichkeit; das schmutzige Nepi bot uns ein schmutziges Hotel; nur die Abendwanderung hier, auf welcher mich der Zufall außerhalb der Stadt nach einigen Ruinen führte, wo ein Wasserfall in einen Abgrund hinabbrauste, bot eine schöne Erinnerung, die in den Roman » Der Improvisator« hineingewachsen ist; ich habe hier Antonio zum letzten Male die Gesichtszüge Fulvia's erblicken lassen.

Endlich kam der Tag heran, an welchem wir Rom erreichen sollten; wir rollten im Regenwetter dahin und kamen an dem von Horaz besungenen » Monte Soracte« vorüber und in die Campagna Roms hinein; aber Niemand von uns empfand die Schönheit derselben oder wurde durch die Farben und wunderschönen Wellenlinien der Berge ergriffen; wir dachten nur an das Ziel, an die Ruhe dort, und ich bekenne, daß ich, als wir bei la Storta auf dem Hügel standen, wo diejenigen, die vom Norden kommen, zum ersten Male Rom erblicken, wo der Pilger in Andacht niederkniet, und mancher Tourist uns von seinem Entzücken und seiner Erhebung bei dem Anblick erzählt, – daß ich gleichfalls erfreut war, aber mein Ausruf deutete ganz und gar nicht darauf hin, daß ich ein Dichter sei; als ich zum ersten Male Rom und die Peterskirche erblickte, rief ich laut: »Gott sei Dank! nun können wir bald Etwas zu essen bekommen!«

*

Rom!

Am 18. October Mittags, kam ich nach Rom! nach der Stadt aller Städte der Erde, in welcher ich mich bald heimisch fühlte. Ich kam an dem Tage gerade zeitig genug, um einer der seltensten Begebenheiten, der zweiten Bestattung Raphael's Raphael Sanzio, der größte Meister der neuen Malerkunst, ward in Urbino den 6. April 1483 geboren; er war Perugino's Schüler in Perugia; kam 1504 nach Florenz und ward 1508 von Papst Julius II. nach Rom berufen, wo er den 6. April 1520 starb. Der Uebers. beizuwohnen. – In der Accademia di St. Luca verwahrte man lange Jahre hindurch einen Todtenkopf, welcher als der seinige vorgewiesen wurde, da aber in den letzten Jahren Zweifel an dessen Echtheit erhoben worden war, gab Papst Gregor XVI. Geboren den 18. September 1765 zu Belluno in Venezien, ward 1825 Kardinal und am 2. Februar 1831 Papst. Er gerieth mit der Preußischen Regierung wegen der Civilehe und des Ungehorsams der Bischöfe in Conflikt, starb den 1. Juni 1846. Sein Nachfolger ward Pius IX. Der Uebers. Erlaubniß zur Oeffnung des Grabes im Pantheon, oder, wie dieser Ort jetzt als Kirche genannt wird, Santa Maria della Rotonda : man fand den Todten ganz unverstümmelt. Jetzt sollte die Leiche wieder beigesetzt werden.

Unsere Landsleute verschafften uns Billets zum Feste und bei unserem Eintritt in Rom war somit die Bestattung Raphael's das erste Ereigniß, an welchem wir Theil nahmen. Der Mahagonisarg stand auf einer schwarz überzogenen Estrade, die mit einem goldenen Teppich bedeckt war. Die Priester sangen ein Miserere, der Sarg wurde geöffnet, und die verlesenen Nachrichten in denselben niedergelegt; ein unsichtbarer Chor klang wunderbar schön, während die Procession sich auf einem Rundgang durch die Kirche befand. Die bedeutendsten Künstler und die ganze vornehme Welt nahmen an der Procession Theil; hier sah ich in Rom Thorwaldsen zum ersten Male wieder, welcher wie die Anderen langsam mit seiner Wachskerze dahinschritt. – Der feierliche Eindruck wurde indeß bei mir durch das Unschöne verwischt, daß man, um den Sarg in die schmale Oeffnung hineinzubringen, ihn so hoch aufrecht an dem einen Ende heben mußte, daß die in Ordnung gelegten Gebeine dadurch wieder zusammenfielen; man hörte sie zusammenrutschen.

Ich war also nun in Rom und fühlte mich gar wohl dort; von allen Landsleuten empfing mich der Medailleur Christensen am herzlichsten und mit der jugendlichsten Freude; wir hatten uns früher nicht persönlich begegnet, aber durch meine lyrischen Gedichte war ich ihm lieb geworden; er führte mich sogleich zu Thorwaldsen, welcher an seinem alten Ort in der Via felice wohnte; er saß gerade und arbeitete an seinem Basrelief »Raphael«; dieser auf einer Ruine sitzend, umgeben von Grazien und der Harmonie, zeichnet nach der Natur, die Liebe hält ihm die Tafel, während sie ihm zugleich den Mohn reicht, eine bildliche Anspielung auf den frühen Tod des Künstlers; der Genius mit der Fackel blickt ihn wehmüthig an, und der Sieg hält den Lorbeerkranz über sein Haupt. – Thorwaldsen sprach seine Idee so frisch und lebhaft aus, erzählte von dem Fest des vorhergehenden Tages und von Raphael, Camuccini und Vernet; er zeigte mir eine Menge herrlicher Bilder, die er von noch lebenden Meistern angekauft hatte und die er nach seinem Tode Dänemark schenken wollte. Die schlichte Geradheit, das milde Herzliche bei dem großen Künstler ergriff mich, der ich so sonderbar leicht bewegt wurde, so daß ich ihn fast in Thränen verließ, ungeachtet wir einander nun, wie er sagte, jeden Tag sehen würden. – Von anderen Landsleuten, die sich in schöner und inniger Weise gleich an mich anschlossen, nenne ich Ludwig Bödtcher, von dem wir mehrere schöne Dichtungen über die italienische Natur besitzen; er lebte in Rom als reicher Privatmann, für Kunst, Natur schwärmend, er war schon sozusagen ein Römer geworden, denn er hatte hier viele Jahre gelebt. In ihm fand ich einen Führer von Geist und Kenntniß. Noch ein anderer schloß sich ebenso warm und treu an mich: es war der Maler Küchler, damals noch körperlich und geistig jung und nicht ohne Humor; stets hatte er ein scherzhaftes Wort auf den Lippen. Damals ahnte mir nicht, was jetzt geschehen ist, daß er nämlich sein Leben als Bettelmönch in einem kleinen Kloster in Schlesien beschließen würde. Er, der scherzende, herzensgute und, wie es nur damals schien, geistig frische junge Mann, der die schönen italienischen Bilder malte, in welchen sich stets ein wenig erotische Schelmerei aussprach. Als ich mehrere Jahre später, zum zweiten Male Rom besuchte, war sein Jugendsinn verschwunden, nur vereinzelnd machte die Laune sich ein wenig geltend, und 1841, als ich zum dritten Male Rom sah, war er Katholik geworden, malte nur Altartafeln und fromme Bilder. – Jetzt, wie wir wissen, wurde er vor einigen Jahren von Pio Nono als Bettelmönch eingesegnet und zog als solcher barfuß durch Deutschland nach einem armen Kloster in den preußischen Staaten, nicht mehr der Maler Albert Küchler Er kehrte später nach Rom zurück und lebt dort in einem Kloster – auf dem Aussterbeetat. – Drei Bilder, die er für die katholische Kirche in New-York gemalt hatte, sind im Frühjahr 1878 bei einem Brande dort zerstört worden. Der Uebers., sondern der Franciskaner Pietro di santo Pio. – Gott gebe ihn: hier den Frieden und das Glück, die er, den allgütigen Gott gewiß mißverstehend, auf einen: Irrwege sucht und – finden wird! – Er war während unseres mehrmonatlichen Umgangs ein erheiternder, liebevoller Freund; ich gedenke seiner am liebsten aus dieser ersten Zeit, welche doch, ungeachtet ich in Rom, dem Ziel meiner Wünsche war, auch mir schwere, harte Stunden brachte; allein bevor wir dieselben entrollen, wollen wir einen Blick auf einige schöne Tage mir Bergesluft in der herrlichsten Natur werfen. Es war hier noch wie um die schönste Sommerszeit in der Heimat, und ungeachtet Rom mit all' seiner Herrlichkeit mir neu war, mußte doch das schöne Wetter benutzt werden; es wurde eine Tour in's Gebirge verabredet, Küchler, Blunk Ebenfalls ein dänischer Maler, in den Herzogthümern 1798 geboren, gestorben 1853. Der Uebers., Fearnley und Bödtcher, welche dort wie zu Hause waren, führten uns an; ihre Kenntniß des italienischen Volkes, der Sitten und Gebräuche des Landes, machte nicht allein, daß der Ausflug sich sehr billig gestaltete, sondern daß ich Alles auch so gründlich sah und gleichsam geistig acclimatisirt wurde, wodurch die Mehrzahl der Keime zu Schilderungen aus der italienischen Natur und dem Volksleben, die ich später im » Improvisator« gegeben habe, in mir niedergelegt wurde. Aber damals dachte ich durchaus noch nicht an ein solches Buch, nicht einmal nährte ich den Vorsatz, Reiseschilderungen zu liefern; die Wanderzeit dieser Woche war unbedingt meine glücklichste, meine unvermischt genossene Zeit in diesem herrlichen Lande.

Ueber die Campagna, an den Gräbern des Alterthums, malerischen Wasserleitungen, Gruppen von Hirten und ihren Heerden, ging es nach dem Albanergebirge, dessen blaue Wellenlinien in der durchsichtigen Luft so nahe erschienen; in Frascati, wo nur frühstückten, sah ich zum ersten Male eine wirklich volksthümliche »Osteria« von Bauern und Geistlichen erfüllt. Hühner und Kükel liefen auf dem Fußboden umher, das Feuer flammte auf dem Heerde, und ganz bis an denselben zogen die zerlumpten Knaben unsere Esel, welche wir bestiegen, und die nun in Trab und Schritt, ganz wie es ihnen beliebte, dahinschritten, immer tiefer in's Gebirge hinein, an den Ruinen der Villa Cicero's, dem alten Tusculum, vorüber. Wir besuchten Monte porzio, woselbst sich ein tiefer Brunnen befindet, aus welchem eine solche Resonanz emporsteigt, als sei er der Quell der Töne, die Tontiefe, aus welcher Rossini lachend und jubelnd schöpfte, und wo Bellini seine Thränen vergoß, und nur wehmüthige Melodien über die Welt hinausklangen. Am Abend waren wir wieder in Frascati. Der Mond leuchtete strahlend über die sammetschwarzen Cypressen, welche die Burg Cenci umstehen, wo Beatrice lebte und sich gegen ihren thierischen Vater vertheidigte Sie wurde des Vatermordes beschuldigt und nebst der Mutter und dem Bruder in Rom den 10. September 1599 hingerichtet. Der Uebers.. In meinen » Gesammelten Gedichten« befindet sich von dort unter der Ueberschrift » Italien« ein Gedicht: Beatrice Cenci.

Am frühen Morgen des folgenden Tages stiegen wir zu Fuß die Berge hinan, die Campagna lag unter uns, wir gewahrten das Mittelmeer, bald erreichten wir Grotta ferrata , in deren Kloster Domenichino Einer der hervorragendsten Maler der Bolognesischen Schule, geboren 1851 in Bologna, gestorben in Neapel 1642. Der Uebers. wegen eines Mordes flüchtete, und hier aus Dankbarkeit dem Kloster vier ausgezeichnete Bilder malte. Unser Weg war wie ein Gang durch einen überfüllten Garten, und stets wechselten die Aussichten und die Bilder. Wir gingen über Ariccia nach Genzano, der Stadt des Blumenfestes, und erst am Abend erreichten wir Nemi, wo die großen Platanen und Cacteen an dem Bergesabhang wachsen, der einst ein Krater war, jetzt eine blühende Umzäunung des klaren tiefen Nemisees ist. Wie herrlich hier zu weilen, die Luft Italiens einzuathmen, von dem Fest und dem Volksleben hier erzählen zu hören! Jeder Wandertag war gleichsam ein wunderherrliches Märchen der Natur. Eines Morgens bei grauer Witterung ritten wir auf Eseln längs des Abhangs des Albanersees und kamen dort an einer großen malerischen Höhle vorüber; deren Wände waren mit einem Teppich von dem schönsten Grün bedeckt.

Unser Ziel am nächsten Morgen war das Kloster auf dem Monte Cavo; hier war es ganz herbstlich kalt; der Klostergarten, umzäunt von prächtigen Lorbeerbäumen, erstreckt sich über den Grund und Boden, auf welchem einst der Tempel des Jupiter Stator stand, und auf welchem noch einzelne mächtige Steinblöcke liegen. Eine große, mächtige Wolke barg die größte Strecke der unter uns liegenden Campagna und Rom; aber plötzlich hob die Wolke sich und vor uns lag Rom, die Campagna und die Berge; dicht unter uns sahen wir den Albaner- und Nemisee so klar und blau strahlen wie zwei reizende Mädchenaugen. Welche Abende, welche träumerisch schöne Wanderungen bei Scherz und Gesang in dieser Gebirgsgegend, in dieser frischen Naturfülle! Uns ward es wie vom Zufall vergönnt, mehreren Scenen aus dem Volksleben beizuwohnen, die dort immer seltener werden; wir sahen den getreuen, goldgallonirten Dulcamara Name eines berühmten italienischen Quacksalbers. Der Uebers. selbst von seinem Medicamentenwagen herab, umgeben von wie zur Maskerade ausstaffirter Dienerschaft, seine marktschreierische Rede halten. Wir begegneten Räubern, die an den von Ochsen gezogenen Wagen gefesselt und von Gensd'armen umgeben waren; wir sahen Leichenbestattungen bei welchen die Leiche unbedeckt auf der Bahre lag, die Abendröthe auf den weißen Wangen spielte, und die Knaben mit Papierdüten umherliefen, um das Wachs aufzusammeln, welches von den Kerzen der Mönche tröpfelte. Die Glocken klangen, der Gesang ertönte, die Burschen spielten Morra Ein Spiel mit Holzkugeln. Der Uebers. und die Mädchen tanzten Saltarello Ein nationaler Springtanz. Der Uebers. zum Klange der Tambourinen; so festlich, so schön sah ich niemals später Italien, es waren lebende Bilder des Pignelli; ich sah diese Blätter in voller Urwüchsigkeit.

Wir kehrten wieder nach Rom, nach den erhabenen Kirchen, den herrlichen Galerien und all' den Kunstschätzen zurück, allein die andauernde schöne Sommerzeit, obgleich wir uns im November befanden, lockte uns wieder in's Gebirge, und diesmal nach Tivoli.

Die Morgenstunde begann jedoch Herbstkälte über die Campagna auszuathmen; die Bauern zündeten Flackfeuer an und erwärmten sich an demselben; es begegneten uns reitende Dorfleute in langen Pelzen von schwarzem Schafsfell, als sei es im Lande der Hottentotten; als aber die Sonne hoch hinauf kam, strahlte sie warm; Alles war grün und frisch um Tivoli und die Stadt, oben über den herabstürzenden Gewässern zwischen Olivenwäldern, die mit Bouquets von Cypressen und in rothem Weinlaub prangten. Die großen Wasserfälle stürzten sich gleich weißen Schneemassen in's Grüne hinab; es wurde ein warmer Tag, und wir fühlten Alle die Lust und den Drang, Sturzbäder unter der Fontaine in Villa d'Este zu nehmen. – Hier gedeihen die größten Cypressen Italiens, mächtig wie die des Orients. – In dem finsteren Abend stiegen wir hinab bis an den Fuß des jähen Wasserfalls; unsere Fackeln leuchteten verwirrend in die dichten Lorbeerhecken hinein; die Tiefe nebenan, aus welcher wir das donnernde, stürzende Wasser hörten, schien weit tiefer, weit näher zu sein. Auf ein Signal wurden einige Bund Stroh hoch über uns angezündet und der alte Sibylla-Tempel beleuchtet, der in der zitternden Flamme mit seiner Säulenreihe hervortrat.

Wir kehrten wieder nach Rom zurück, wo das Volksleben sich rührte und zeigte, wie zu Goethe's Zeiten, und wo die Künstler sich so verwandt, so schön an einander schlossen, wie ich es später nirgend wieder gesehen habe.

Skandinaven und Deutsche bildeten einen gemeinsamen Kreis; die Franzosen hatten ihre eigene Akademie, die unter der Leitung Horace Vernet's stand, und bildeten einen eigenen Kreis. Mittags hatte jede Landsmannschaft in der Osteria » Lepre « ihren eigenen Tisch; Abends kamen Schweden, Norweger, Dänen und Deutsche zusammen, und hier traf man noch Größen aus älterer Zeit, darunter namentlich die beiden älteren Landschaftsmaler Reinhard und Koch, so wie auch Thorwaldsen. Reinhard, welcher mit Dichterauge die Natur Italiens aufgefaßt hatte, war an dieses Land festgewachsen, welches er mit »Bavaria« vertauscht hatte; alt und doch so jung, saß er hier mit funkelnden Augen und silberweißem Haar; er lachte, daß es im Saale wiederhallte; eine sammetne Jacke, eine rothe wollene Mütze auf dem Kopfe war das Charakteristische an seiner Kleidung. Thorwaldsen trug einen alten Rock, an welchem der Bajokorden hing, den man erhielt, wenn man in den »festen Stamm« der Versammlung eintrat. – Der Eintretende hatte in der Regel, ein für alle Mal, an einem Abend die ganze Versammlung mit Getränken zu regaliren; dies wurde » Ponte molle« zu machen genannt, und der Eintretende erhielt den Bajokorden, eine Kupfermünze, die stets bei ähnlichen Gelegenheiten im Knopfloch getragen wurde. Es fanden dann große Verkleidung und dramatische Scenen statt; der erwählte General, damals ein junger deutscher Künstler, fand sich in einer Art Militair-Uniform mit Goldpapierstern an der Brust ein, begleitet vom Scharfrichter, der eine Axt und ein Bund Pfeile trug, ein Tigerfell hing ihm über den Rücken herab; darauf kam der Minnesänger, welcher oft zur Guitarre ein improvisirtes Lied von der » Ponte molle« des Abends sang. In früheren Zeiten war es Sitte gewesen, wenn ein Landsmann zum ersten Male nach Rom kam, ihn draußen bei Ponte Aemilius , welche im Volksmunde » Ponte molle« hieß, zu empfangen, und dann in dem Wirthshaus draußen den Becher des Willkommens zu leeren; nun war dies in das Kneipenleben übergegangen, und das Fest des Empfanges fand nun in Rom selbst statt.

Es wurde an die Thür geklopft, in der Art wie es der Commandant in »Don Juan« thut; der erwartete Gast kam, und nun begann ein Duett zwischen dem General im Zimmer und Solo mit Chor draußen vor der Thür. Dem Fremden wurde es darauf einzutreten erlaubt, und war derselbe dann mit einer Art Blouse bekleidet, trug lange Locken und angeklebte große papierne Nägel, dazu noch bemalt und ausstaffirt in der wildesten Weise; das lange Haar und die Nägel wurden ihm nun abgeschnitten, die zerrissene Blouse ihm ausgezogen und er wurde geputzt, um in den Kreis der Anderen zu treten, doch las man ihm zuerst die zehn Gebote des Gesetzes vor, unter welchen eins dahin lautete, daß er den Wein seines Nächsten nicht begehren dürfe, und daß er seinen General lieben und ihm allein dienen solle. Unterdessen wehte über ihm eine große weiße Fahne, auf welcher eine Weinflasche abgebildet war und die Inschrift » Vive la fogliette!« sich befand, ein Wortspiel auf Lafayette. Nun schritt die Prozession, immer mit demselben Lied von »einem Reisenden« um die Tische herum, und dann folgten Lieder in den Sprachen aller Nationen; es wurde eine lustige »Schnitzelbank« zum Besten gegeben, welche mit » Monto Cavo« und »Kleiner Bravo« begann; zuweilen folgte darauf irgend ein verabredeter lustiger Scherz, z. B. daß irgend ein Bauer von der Straße her auf seinem Esel, zur größten Störung, mitten in das Zimmer hineingeritten kam, – oder daß die wirklichen Gensd'armen, nach Verabredung, in's Zimmer brachen und thaten, als wollten sie irgend einen Ehrenmann arretiren, was Verwirrung und lustige Gruppen gab und damit endigte, daß die Soldaten auch ihre Fogliette bekamen.

Weihnachten war unser schönstes Fest; ich habe dasselbe in » Eines Dichters Bazar« erwähnt, allein so festlich, so frisch und licht wie im Jahre 1833 war es kaum jemals später; wir durften an diesem heiligen Abend in der Stadt selbst nicht jubeln und Scherze treiben, wol aber außerhalb, und wir erlangten zur Abhaltung unseres Festes in dem Garten der Villa Borghese ein großes Haus dicht am Amphitheater. Der Blumenmaler Jensen, Medailleur Christensen Beide aus Kopenhagen. Der Uebers. und ich weilten draußen vom frühen Morgen an, und in dem warmen Sonnenschein gingen wir in Hemdsärmeln umher und wanden Kränze und Guirlanden. Unser Weihnachtsbaum war ein großer Orangenbaum mit daran hängenden Früchten; ich war der Glückliche, der den größten Gewinn, einen silbernen Becher mit der Inschrift: » Weihnachtsabend in Rom 1833«, gewann. Jeder der Gäste spendete ein Geschenk, und es war Bedingung, irgend etwas Amüsantes zu wählen, oder es durch Verpackung und Devise dazu zu machen. Ich hatte aus Paris ein paar grelle, gelbe »Vatermörder« mitgebracht, die nur zu einem Carnevals-Scherz zu gebrauchen waren, diese wollte ich verwenden; allein diese Idee nahm eine Wendung, durch welche, wie man sehen wird, der Abend mit Streit und Zorn hätte enden können. Es fiel mir nicht ein, daß irgend eine andere Ansicht als die obwalten könnte, daß Thorwaldsen hier der Bedeutendste sei, und daß ich also ihm vor allen Anderen den Kranz reichen könne. Die »Vatermörder«, welche die Farbe des Neides trugen, kamen also mit zum Scherz; ich wußte nicht, was wir jetzt in » Thorwaldsen's Leben« von Thiele lesen können, daß einmal zwischen Byström Einer der hervorragendsten Bildhauer Schwedens. Der Uebers. und Thorwaldsen ein Streit wegen ihrer gegenseitigen Tüchtigkeit stattgefunden hatte. Byström meinte, Thorwaldsen übertreffe ihn in Basreliefs, aber nicht in Gruppen; Thorwaldsen wurde heftig und rief: »Du magst mir die Hände binden, und ich werde mit meinen Zähnen den Marmor besser beißen, als Du ihn hauen kannst!«

Bei unserm Weihnachtsfest war sowohl Thorwaldsen als Byström zugegen; ich hatte für meinen großen Landsmann einen Kranz gewunden und demselben ein kleines Gedicht beigelegt; das Geschenk war für ihn, aber neben demselben lagen die gelben »Vatermörder«, und die sollte derjenige bekommen, dem zufällig durch das Loos das Päckchen zufiele. Das Loos wollte, daß es Byström bekam, und der Inhalt des Verses an den Gewinner war folgender: »Du kannst den gelben Kragen des Neides behalten, aber den Kranz wirst Du Thorwaldsen reichen!« Augenblicklich entstand große Aufregung über diesen Mangel an Tact oder schlechten Witz, allein bald sah man natürlicherweise ein, daß das Päckchen ganz zufällig in die Hände Byström's gelangt sei, und als man erfuhr, daß ich, dem man keinen solchen Stachel zutraute, der Spender sei, glich die Sache sich aus und die gute Laune kehrte wieder.

Ich hatte ein Lied geschrieben – es war mein erstes eigentliches skandinavisches Lied. In Rom waren die Weihnachten ein natürliches skandinavisches Fest, aber von skandinavischen Sympathien war keine Spur. Als Ueberschrift hatte ich gewählt: »Das Weihnachtslied der Skandinaven in Rom 1833.« Ich hatte in demselben sowol des Königs Frederik des Guten (VI.) von Dänemark erwähnt, als auch des Königs Carl Johan des Weisen von Schweden.

Das Lied war verklungen, es entstand eine Pause, Jeder wollte das Hoch auf seinen König zuerst ausgebracht haben; endlich wurde es vereint ausgebracht. Ich hatte in natürlichem Tact, ohne Gedanken an Politik, gewiß das Richtige gewählt, allein ich bekam bei Tische Vorwürfe »wegen der vielen Könige«, und später schrieb man mir aus Kopenhagen, daß hochstehende Leute es sonderbar gefunden hätten, daß ich, der für dänisches Geld reiste, den schwedischen König besinge. Mir schien es höchst unpassend gewesen zu sein, wenn hier, in einem Kreis von Dänen, Schweden und Norwegern, nicht auch beide Könige, gleich wie die drei Völker, zusammengestellt worden wären; wir waren Nachbarkinder aus dem Norden, und jeder der Gäste war zugleich Wirth. – Allein meine Ansicht war, wie gesagt, damals nicht die der Anderen, das hat sich später sehr zum Vortheil geändert; aber ich bekam meine Schelte – weil ich zu früh und doch zu rechter Zeit, am rechten Ort kam.

Als ich mit Thorwaldsen und einigen Anderen aus der Gesellschaft um Mitternacht das Fest verließ, und wir an das Thor von Rom klopften, war es für mich wie in » Ulysses von Ithaka« Die Abenteuer des Ulysses, des Königs Laërtes von Ithaka Sohn, hat der griechische Dichter in der Odyssee beschrieben. Der Uebers., wo Chilian an das Thor von Troja klopft; » chi è?« wurde gefragt, » Amici!« »Wer da?« – »Freunde!« antworteten wir, und nun wurde eine so kleine Thür geöffnet, daß wir durch dieselbe fast kriechen mußten. – Es war ein herrliches Wetter, wie in einer Sommernacht im Norden. »Das ist anders als in der Heimat!« sagte Thorwaldsen, »der Mantel wird mir ordentlich zu schwer!«

Aus der Heimat empfing ich selten Briefe, und die, welche ich bekam, waren mit wenigen Ausnahmen stets erziehend, kleinlich, unbedachtsam geschrieben; sie mußten mich betrüben, ihre Wirkung auf mich war stets so niederdrückend, daß diejenigen der Landsleute, die ich hier in Rom lieb hatte und mit denen ich umging, stets sagten: »haben Sie nun wieder einen Brief aus der Heimat erhalten? Ich an Ihrer Stelle würde diese Briefe nicht lesen, und ich würde solche Freunde von mir werfen, die nur plagen und peinigen!« Ich hatte es ja nöthig, erzogen zu werden, und man erzog mich, aber hart, unfreundlich; man bedachte nicht, wie schwer das geschriebene, todte Wort sich in's Herz einzugraben vermag. Wenn die Feinde mit Peitschen schlagen, dann schlagen die Freunde mit Scorpionen.

Ueber » Agnete« hatte ich noch nichts gehört; die erste Auslassung über das Gedicht war die eines »guten Freundes.« Sein Urtheil über dasselbe giebt uns ein Bild des Andersen, der ich damals war.

»Du weißt, Deine, ich möchte fast sagen, unnatürliche Empfindsamkeit und Kindlichkeit ist sehr verschieden von meinem Gemüt – – und ich muß Dir sagen, daß ich hier etwas Anderes – andere Ideen und Bilder erwartet hatte, wenigstens einen Charakter wie Henning; kurz gesagt: Agnete scheint mir so ganz und gar Deinen Gedichten ( NB. den besten Deiner Gedichte) ähnlich, obgleich ich gehofft hätte, in Diesem und Jenem Spuren einer geistigen Veränderung als Wirkung der Reife zu sehen; ich habe mit ** hierüber gesprochen, er ist ganz einig mit mir, und da er, der sowol Dein Freund als gewissermaßen auch Dein Mentor ist, Dir darüber Manches geschrieben hat, so werde ich Dich meinerseits mit Rath und Ermahnungen verschonen; – – – Lieber Freund, jage diese Geldsorgen und Gedanken an die Heimat zur Thür hinaus, und ziehe den vollen Nutzen von Deiner Reise! Ein wenig mehr Männlichkeit und Kraft, etwas weniger Kindlichkeit, Ueberspanntheit und Sentimentalität, ein wenig mehr Studiren und auf den Grund gehen – und ich werde Andersen's Freunden zu dessen Heimkehr und Dänemark zu seinem Dichter gratuliren!« –

Dies kam von einem Menschen, den ich lieb hatte, von Einem derjenigen, die meine wahren Freunde waren, jünger an Jahren zwar, aber in glücklichen Verhältnissen und ein tüchtiger Mensch, von Einem derjenigen, welche ihre Ansicht am mildesten aussprechen wollten, da ich ja »so empfindsam, so kindlich sei.« Sonderbar, daß er und andere vernünftige Leute denken könnten, es würde bei mir in » Agnete« eine große Veränderung zu bemerken sein, und zwar durch die Reise entstanden, die, wie früher erwähnt, darin bestand, mit dem Dampfschiff nach Kiel, mit der Diligence nach Paris und später nach der Schweiz zu gehen, von welchem letzteren Ort ich schon nach viermonatlicher Abwesenheit das Gedicht in die Heimat sandte. Das Resultat der Reise konnte sich erst nach Jahr und Tag zeigen, und alsdann brachte ich den » Improvisator«.

Tiefer noch erschütterte mich das, was ein anderer der Freunde Aller Wahrscheinlichkeit nach Eduard Collin. Der Uebers., einer von denen, auf welche ich am meisten bauen konnte, schrieb:

»Ich hege keine Hoffnung, daß Ihnen bei dieser Subscription irgend ein ordentlicher Vortheil zufallen wird. Sie wissen nicht, Andersen, so wie ich und Andere, die es gut mit Ihnen meinen und Sie aufrichtig lieb haben, wie die Leute, – ja fast Alle – es ist entsetzlich mit wie wenigen Ausnahmen – wie die Leute sich äußern: »Hat er nun wieder Etwas zusammengeschmiert?« – ich habe ihn schon längst satt – »es ist immer dasselbe, was er schreibt!« – kurz: es ist unglaublich, wie wenige Freunde Ihre Muse hat. Welches ist der Grund hierzu? Sie schreiben zu viel! Wenn die eine Arbeit unter der Presse ist, sind Sie schon halb fertig mit dem Manuscript zu einer andern; durch diese rasende, diese bedauernswerthe Productivität, setzen Sie Ihre Arbeiten in dem Grade herab, daß zuletzt kein Buchhändler sie, nicht einmal umsonst, haben will. Und deuten Sie nun nicht – Ihrem Briefe nach zu urtheilen – wieder daran, eine Reise zu beschreiben! – (es war der » Improvisator«, den ich in Rom zu schreiben begann) – »wer, glauben Sie, wird ein Buch von mehreren Bänden kaufen, welches Ihre Reise behandelt, eine Reise, welche von Tausenden gemacht worden ist, und zweitausend Augen dürften doch wol kaum so Viel übersehen haben, daß Sie zwei Bände Neues und Interessantes erzählen könnten. Es ist doch im Grunde genommen ein unermesslicher Egoismus von Ihnen, den Leuten ein solches Interesse für Sie zuzutrauen. Die Schuld hieran muss bei Ihnen selbst liegen; denn das Publikum, wenigstens die Recensenten haben wahrlich keine Veranlassung dazu gegeben. Kenne ich Sie recht, Andersen, so werden Sie mir ganz ruhig und mit Selbstzufriedenheit antworten: »Ja! wenn nun aber die Leute meine » Agnete« lesen werden, dann werden sie schon ihre Ansicht ändern, dann werden sie sehen, wie meine Reise zum Bessern gewirkt, mich gereift hat u. s. w.« Dies ist ungefähr der Inhalt Ihres letzten Briefes. Aber Sie irren sich, Andersen, Sie irren sich traurigerweise, » Agnete« ist so ganz des alten Andersen » Agnete«, sowol in den schönen, kindlichen Partien, als in dem, was wir aus seinen früheren Arbeiten kennen; ich war oft dem Weinen nahe über die vielen Bekannten, die ich in »Agnete« antraf und die ich nicht anzutreffen wünschte; in der Regel erstickte der Aerger meine Thränen. Wenn Sie dieses gelesen haben, werden Sie sagen, daß ich unbillig bin u. s. w. Ich will Ihnen deshalb Folgendes mittheilen: Einem Manne, der viel Interesse für Sie hat und für welchen Sie viel Achtung hegen, auf dessen Urtheil Sie sich stets verlassen haben, vertraute ich meine Sorgen wegen der Correctur an, und bat ihn, das Manuscript durchzulesen, eine vorläufige Durchsicht zugleich mit mir vorzunehmen, und erhielt von ihm folgende Antwort: »»Ich hatte mir vorgenommen, den Abend mit Andersens » Agnete« zu verbringen, kann es aber nicht aushalten! Es peinigt mich, von ihm ein so mäßiges Product zu lesen, und ich bitte Sie um Verzeihung: denn es ist mir nicht möglich, bei dem Durchlesen an Berichtigung kleiner Fehler zu denken, wo das, was ich bis jetzt gelesen habe, nur äußerst selten einen Lichtpunkt darbietet. Ist die Rede davon, unserm abwesenden Freunde zu nützen, dann ist weiter nichts zu thun, als das Ganze zurückzuhalten; dies wird, meiner Ansicht nach, ein wahrer Freundschaftsdienst gegen ihn sein. Das Unglück ist, daß Oehlenschläger einst von Paris aus Meisterwerke nach Hause gesandt hat; deshalb ist wahrscheinlich dies über Hals und Kopf zusammengeschmiert worden. Ich sende Ihnen das Manuscript zurück und wasche meine Hände; thun Sie desgleichen! Gevatter zu diesem Kinde gestanden zu haben, würde uns vielleicht einst in der Zeit gereuen.«« – »Daraus werden Sie erstens ersehen, daß das Obenangeführte nicht meine Meinung allein ist; Sie werden leider zeitig genug erfahren, daß dies fast die Meinung Aller ist. Um Gottes Willen, Ihrer Dichterehre wegen, unterlassen Sie während einiger Zeit gänzlich das Schreiben, wenigstens ein halbes Jahr; verbringen Sie die eine Hälfte Ihrer Reisezeit mit Studiren und sich zu amüsiren, und die andere Hälfte in derselben Weise. Damit meine ich nicht, daß Sie Geschichte nach Millot's »Weltgeschichte« studiren sollen, wie Sie Ihrem Briefe nach zu urtheilen, zu thun scheinen, – Sie antworten mir, daß Sie schreiben müssen, um leben zu können, um Geld dazu zu erlangen. Wohlan, das räume ich ein, wie schwer es mir auch wird; aber giebt es eine Zeit, während welcher Sie zu schreiben unterlassen können, so ist es doch gewiß während der zwei, wahrscheinlich einzigen Jahre, wo Sie eine Unterstützung von 600 Rthlr. genießen, obgleich ich wol einsehe, daß Sie nur mit genauer Noth damit auskommen können!«

Dann wird mir mitgetheilt, daß ich keine weitere Unterstützung aus dem Fond erwarten und auch nicht hoffen dürfe, das sogenannte »Lassen'sche Legat« zu erhalten, und endlich schließt der Brief:

»Hiermit endigen die Unannehmlichkeiten. In dem nächsten Brief, welchen Sie von mir erhalten, werde ich mich eines freundlicheren und ruhigeren Tones befleißigen: denn in diesem bin ich etwas gereizt gewesen. Deshalb will ich Ihnen nicht Ausführlicheres über eine Recension Ihrer » Gesammelten Gedichte« mittheilen, die kürzlich in der Monatsschrift gestanden hat, in welcher Sie im Vergleich mit Hertz, Hansen, Holst, Christian Winther, und »Die Liebe am Hofe« Von Paludau-Müller, Schauspiel in 5 Aufzügen. Deutsch von E. Zoller. Leipzig. Reklam. Der Uebers. etwas niederträchtig behandelt werden: dieselbe ist wol von Molbech: sie ist wie gewöhnlich gereizt, aber außerdem auch in seiner Manier witzig. Doch wahrlich. Sie verlieren, auf diese Weise kritisirt zu werden, durchaus nichts!« – Die Kritik rührte wirklich von Molbech her, wie sich später herausstellte.

Man wird begreifen, welchen Schmerz dieser Brief in mir erweckte: jetzt, viele Jahre nachdem Alles sich geklärt hat, und ich selbst dies und alles Andere ruhig betrachte, verstehe ich nun gar zu wol die innige Theilnahme für mich! Man sieht, wie selbst derjenige, der mich am liebsten vertheidigte, von dem allgemeinen Hohn und der Verurtheilung, die sich in der Heimat gegen mich geltend machten, beeinflußt wurde. Dieser Brief überwältigte mich dermaßen, daß ich in meiner Verzweiflung nahe daran war, meinen Gott zu vergessen, ihn und die Menschen aufzugeben. Ich dachte an den Tod in einer Weise, wie ein Christ es nicht thun sollte. Aber, fragt man vielleicht, war nicht ein Einziger da, der schon damals ein freundlicheres, ein ermunterndes Wort von » Agnete«, von der Dichtung sprach, die mir aus dem Herzen geflossen und nicht, wie man schrieb, »über Hals und Kopf zusammengeschmiert« war. Ja, ein Wesen gab es, und das war Frau Lässöe, Nur ein paar Worte von ihr will ich anführen: – – »Ich gestehe, » Agnete« hat zwar nicht großes Glück gemacht, aber daß sie so heruntergerissen werden sollte, wie Sie erfahren haben, das kann nur aus Bosheit geschehen sein. Sie hat große Schönheiten, aber ich glaube, es war ein Fehler, diesen Stoff zu behandeln: ich vermeine auch, daß dies meine Ansicht war, ehe Sie an die Arbeit gingen. » Agnete« ist für uns Dänen ein Schmetterling, der wol angeschaut, aber nicht berührt werden darf. Sie haben ihn selbst so luftig gezeichnet, aber Sie haben ihm zu schwerfällige Umgebungen gegeben und seinen Kreis zu eng zum Entflattern gezogen.«

Erschüttert im Innersten, wie ich von Kummer über das heimatliche Urtheil über mich, über die Verwerfung meines ganzen Wirkens war, kam mir die Nachricht von dem Tode meiner alten Mutter. Collin meldete es mir, und mein erster Ausruf war, »Gott, ich danke Dir! nun hat ihre Noth ein Ende, die ich doch nicht lindern konnte!« Ich weinte, konnte mich aber doch nicht recht an den Gedanken gewöhnen, nun nicht einen einzigen Menschen in der Welt zu haben, der mich infolge der Bande der Natur und des Blutes lieben mußte. Dieser neue Eindruck entlockte mir wieder Thränen: ich weinte mich recht satt, und hatte das Gefühl, daß ihr das Beste geschehen sei; ich würde ja niemals dahin gelangt sein, ihre letzten Tage sorgenfrei und leicht zu machen: sie war in dem frohen Glauben gestorben, daß ich Etwas sei. – Frau Lässöe schrieb mir:

»Es muß hart gewesen sein, unter Fremden eine so traurige Nachricht zu erhalten: – den Tod Ihrer Mutter! – Mit Gottes Hilfe ist sie jetzt an einem besseren Ort, einem Orte, an welchem das Recht des Herzens seinen verdienten Platz bekommt, und dann wird sie sicher, soweit ich sie kannte, wenn auch nicht hoch (das ist ein häßlicher irdischer Ausdruck), so doch gut und sicher stehen, das verdiente ihre Liebe. Friede mit Ihrer Asche! Aber »daß Niemand mehr da ist, der Sie lieb hat«, entspricht nicht der Wahrheit: denn ich habe Sie mütterlich lieb; ich kann nicht anders, als Sie zu meinen Söhnen zählen. Das müssen Sie ertragen!«

Wie segnete ich diese tröstenden, liebevollen Worte, wie hielten sie mich aufrecht in meinem unendlich bittern Leiden: auch die Landsleute waren alle so herzlich, so theilnehmend, doch meist in Betreff des Todes meiner Mutter; das begriffen sie am besten, Unter den am spätesten Eingetroffenen war der Dichter Henrik Hertz, mein strenger Angreifer in den » Briefen eines VerstorbenenCollin hatte mir geschrieben, daß Hertz nach Rom kommen und es ihn freuen würde, wenn wir uns freundlich begegneten. Ich saß im Café Graeco als Hertz den ersten Tag nach seiner Ankunft dort eintrat; er reichte mir freundlich die Hand: ich hatte viele Freude an seinem Umgange, und bald, als er meinen Kummer sah, hörte und verstand, was ich litt, sprach er tröstend und beruhigend zu mir. Er sprach nur von meinen Arbeiten, von seinen Anschauungen, berührte die » Briefe eines Verstorbenen« und – sonderbar genug – bat mich, unbillige Kritik nicht zu Herzen zu nehmen, meinte, daß das romantische Gebiet, auf welches ich mich bewegte, mich zu Ausschweifungen verleite, meinte dagegen, daß meine Schilderungen der Natur, in welchen mein Gemüt sich eigenthümlich offenbarte, sehr gut seien und ihm am meisten angesprochen hätten. Uebrigens glaubte er, es müsse mir zum Trost gereichen, daß wol alle wahren Dichter dieselbe Krisis wie ich durchgemacht hätten, daß andernfalles ihre Arbeiten nicht bekannt geworden wären, und daß ich nach diesem Fegefeuer zur Wahrheits-Erkenntnis: im Reiche der Kunst gelangen würde.

In Thorwaldsen's Gesellschaft hatte Hertz ein paar Tage zuvor daheim bei mir » Agnete« verlesen gehört, und da äußerte er, daß er beim Vorlesen nicht recht die ganze Dichtung sammeln könne, aber die lyrischen Stellen wolgelungen fand und glaubte, daß das, was man zu Hause hier Fehler der Form nenne, darin bestehe, daß die Romanze durch dramatische Behandlung verliere; so habe Oehlenschläger » Aage und Else« in seinem »bleichen Ritter« todt geschlagen. Wol konnte ich dagegen einwenden, daß » Axel und Valborg« doch eine schöne Tragödie sei; aber dieselbe läge auch, ihrer ungeheuren Länge wegen, außerhalb des Gebietes der Romanze, – Thorwaldsen sprach sich hier sehr wenig aus, aber er saß mit klugem, ernstem Gesicht da, während ich las, und hörte aufmerksam zu; begegnete mein Auge dem seinigen, nickte er mir freundlich und ermunternd zu. Er drückte meine Hand, lobte die Harmonie, die Musik im Einzelnen und Ganzen – »und dann klingt es so echt Dänisch«, sagte er, »es ist, als klinge es aus Wald und See der Heimat heraus!«

Hier in Rom lernte ich also Thorwaldsen zuerst kennen. Als ich, ein Knabe noch, im Jahre 1819 nach Kopenhagen kam, war Thorwaldsen gerade dort: es war seine erste Heimkehr nach der Zeit, wo er als armer Künstler fortgezogen war; wir begegneten einander auf der Straße; ich wußte, er sei ein für die Kunst bedeutender Mann; ich betrachtete ihn, grüßte, und er ging vorüber, kehrte aber plötzlich um, kam auf mich zu und sagte: »Wo habe ich Sie früher gesehen? Mir scheint, wir Beide müßten einander kennen!« und ich antwortete dann: »Nein, wir kennen uns gar nicht!« Ich erzählte ihm nun dies hier in Rom, und er lächelte, drückte mir die Hand und sagte: »Ja, ich muß damals ein Gefühl davon gehabt haben, daß wir Freunde werden würden!« Das, was mich in seinem Urtheil über » Agnete« am meisten freute, war seine Aeußerung: »es ist, als klinge es aus Wald und See der Heimat heraus!« Als er eines Tages gewahrte, wie betrübt ich war, umarmte er mich, küßte mich und bat mich, Muth zu fassen, und als ich ihm von dem Schmähgedicht, welches mir nach Paris gesandt worden war und von anderen brieflichen Verurtheilungen erzählte, biß er heftig die Zähne zusammen und sagte in augenblicklichem Zorn: »Ja, ja, ich kenne sie in der Heimat, mir wäre es nicht besser ergangen, wenn ich dort geblieben wäre! Ich hätte vielleicht nicht einmal die Erlaubniß erhalten, eine Modellfigur aufzustellen! Gott sei Dank, daß ich ihrer nicht benöthigt bin! ist man das, dann wissen sie zu plagen und zu peinigen!« und er bat mich Muth zu schöpfen; es würde, es müsse gut werden, und nun erzählte er mir Schattenseiten aus seinem Leben und namentlich aus seiner Jugend, wie man auch ihn daheim in Dänemark gekränkt und verurtheilt hatte.

Der Carneval begann in seiner ganzen Herrlichkeit; seit drei Jahren war es nicht so frei und volksthümlich gewesen, dieses Mal war das Fest wieder mit den Lichtern: » Moccoli« erlaubt worden: ich sah es in Glanz und Pracht, wie ich es im » Improvisator« wiedergegeben habe, aber ich selbst genoß es nicht: meine ganze Laune war zerstört, mein Jugendsinn durch die schweren Wogen, die aus der Heimat kamen, gleichsam hinweggespült.

Unter Carnevals-Jubel und Freude sprach ich meine Stimmung in folgendem Gedicht aus:

Du bist in Rom, der alten Stadt der Welt,
Wo Schätze, Götter aus dem Alterthume hausen,
Du unter Lorbeer schlürfst des Südens Lüfte;
O, sei doch froh! – – – –
Sieh', diese Zeit kehrt niemals wieder!
Doch schmerzerfüllt blick' ich gen Norden hin,
Ein Brief der Freunde! – käme doch ein Brief! –
Doch Böses nicht; – recht überlegtes Böses
Ward mir gesandt, von Freundeslippen,
Wie man mir schrieb!

So schön ist's hier – o, jag' den Traum nicht fort,
O, gönn' ihn mir – er ist ja doch so kurz!
Bald wandre nach der Heimat ich zurück,
Und wenn die Feinde ich auch nicht versöhne,
Sie werden doch die Peitsche legen fort,
Denn ach, die Freunde schlagen mit Scorpionen!

Nach dem Carneval ging die Reise von Rom nach Neapel. Hertz und ich reisten zusammen. In seinem Umgang hatte ich viel gelernt, und ich durfte nun glauben, an ihm einen milderen Richter zu haben als früher.

Ueber das Albanergebirge und die pontinischen Sümpfe, beim schönsten Frühlingswetter, erreichten wir Terracina Terracina, das alte Anxur der Volsker, auf einem hohen, weithin sichtbaren Felsen gelegen, war früher die Grenzstadt des päpstlichen Staates. Sie zählt circa 8000 Einwohner und liegt am Ende der pontinischen Sümpfe, welche sich in einer Breite von 1¼ – 2¼ Meilen von den Albanerbergen bis zum Mittelländischen Meere hinziehen. Die älteste Kunststraße, die Via Apia, im vierten Jahrhundert vor Chr. angelegt, verbindet Rom mit dem Süden. Die Ruinen des vom Ostgothenkönigs Theodorich erbauten Schlosses und die der volskischen Stadt erbeben sich oben auf dem blanken Felsen. Der Uebers., wo die Orangen wachsen, wo die ersten Palmen in den Gärten dicht an der Straße zu sehen sind: die indische Feige breitet ihre schweren Blätter über dem Felsen aus, der die Ruinen der Burg des Theodorich trägt; cyklopische Mauern Cyklopische Mauern sind solche, die aus großen Bruchsteinen, ohne irgend ein Bindungsmittel zusammengesetzt sind. Der Uebers., Lorbeer und Myrte werden hier bald sehr allgemein: der offene Garten Hesperiens Die Griechen benannten Italien so, während die Römer darunter das heutige Spanien verstanden. Der Uebers. zeigte sich von der Villa Cicero's in Mola di Gaeta! Mola di Gaeta, Stadt von 8000 Einwohnern, am Meere reizend gelegen, wird seit der neuen Aera in Italien Formia genannt. Auf der Bergkette, hart am Wasser, liegt die Villa Cicerone, die früher dem König von Neapel gehörte. Im Garten dieser Villa befinden sich die Ruinen einer antiken Villa, die man sehr willkürlich für die des Cicero hält. Bekanntlich ist Cicero im Jahre 43 vor Chr. in der Nähe seines Formianum ermordet worden, ein Thurm auf den Bergen wird als seine Grabstätte bezeichnet. Der Uebers. Ich ging in der warmen Luft unter den großen Citronen- und Orangebäumen, warf die gelbe, glänzende Frucht hinaus in das herrliche blaue Meer, welches im Sonnenglanze strahlte und dessen Wogen sich langsam schaukelten. Wir blieben hier volle vier und zwanzig Stunden und kamen in Neapel an, während der Vesuv in voller Thätigkeit war. Gleich langen Feuer-Wurzeln aus der Rauch-Pinie floß die Lava über den finsteren Berg hinab. Mit Hertz und einigen anderen Nordländern besuchte ich die Eruption; der Weg hinaus führt durch Weingärten und an einsam gelegenen Gebäuden vorüber; gar bald verschwand die Vegetation und nur schilfartige Gewächse gewahrte man hier und dort. Der Abend war unendlich schön.

Zwischen lila Bergen träumet,
Weiß gekleidet, Stadt Neapel,
Wie eine Wolke purpurfarben
Ischia schwimmt dort am dem Meere;

Wie eine Schar von wilden Schwanen
Liegt der Schnee in Bergesklüften.
Schwarz sein Haupt Vesuv erbebt
Mit der rothen Flammenlocke Aus dem Gedicht » Wanderung auf dem Vesuv«, Gedichte, zweiter Theil..

Von der Eremitenhütte Jetzt ein einfaches Wirthshaus am Fuße des Kegels, circa 670 Meter über dem Meere. Der Uebers. ging es zu Fuß in tiefer Asche den Berg hinan; ich war in glückseliger Stimmung, lang laut eine der Melodien Weyse's und war der Erste, welcher hinauf gelangte; der Mond stand plötzlich gerade über dem Krater, aus welchem ein kohlschwarzer Rauch emporstieg, glühende Steine in die Höhe geworfen wurden und fast senkrecht wieder zurückfielen; der Berg zitterte unter uns. Bei jeder Eruption wurde der Mond von Rauch verdeckt, daß es finstere Nacht ward und wir still stehen und uns an die großen Lavablöcke festhalten mußten; allmälig verspürten wir die Wärme, die unter uns emporstieg. Der neue Lavastrom bahnte sich seinen Weg über den Berg nach dem Meere hin; auch wir wollten dahin und mußten zu dem Ende über einen kürzlich erstarrten Lavastrom schreiten; nur die oberste Lage desselben war durch die Luft hart geworden; aus den Spalten, die er geschlagen hatte, glänzte das rothe Feuer hervor: den Führer voran, betraten wir diese Fläche, die uns durch die Stiefelsohlen wärmte; wäre die obere Schicht geborsten, dann wären wir in den Feuerschlamm hinabgesunken. Lautlos schritten wir dahin und erreichten die hingeschleuderten Lavablöcke, an welchen wir eine Menge Fremde antrafen und, wie diese, über den hervorbrechenden, sich hinabwälzenden glühenden Feuerstrom hinausschauten. Ein starker Schwefeldampf stieg empor, die Hitze unter unseren Füßen war kaum auszuhalten, und wir vermochten nur wenige Minuten hier auszuharren; allein der Anblick während derselben war uns für alle Zeiten gleichsam in den Gedanken hineingebrannt. Ringsum sahen wir Feuerschlünde, es sauste aus dem Krater, wie wenn eine mächtige Schar Vögel aus dem Walde auffliegen. Den Kegel selbst konnten wir nicht besteigen, weil fortwährend glühende Steine über ihn hinabregneten. Ungefähr eine Stunde hatten wir zu der kurzen, aber schweren Wanderung den Aschkessel hinan bis an die Stelle gebraucht, wo wir standen; die Niederfahrt währte kaum zehn Minuten. Es war schönes stilles Wetter; die Lava glänzte von dem schwarzen Grunde wie kolossale Sterne; es war beim Mondschein weit heller, als es in der Heimat im Norden an einem grauen Herbsttag Mittags ist. Als wir nach Portici hinabgelangten, waren dort die Häuser verschlossen, kein Mensch zu erblicken und kein Wagen zu bekommen, daher musste die ganze Gesellschaft zu Fuß nach Neapel zurückgehen; dies geschah in schnellerem Marsche, als daß Hertz, der bei der Bergsteigung seinen Fuß gestoßen hatte, mitfolgen konnte; ich blieb deshalb bei ihm. Wir gingen langsam, und bald waren wir Beide ganz allein. Die Häuser mit ihren flachen Dächern glänzten in dem hellen Mondenschein, wir begegneten und sahen keinen Menschen; Hertz sagte, »es sei ihm, als gingen wir in der ausgestorbenen Stadt in »Tausend und Eine Nacht.« Wir sprachen von Poesie und vom – Essen; ja, wir waren gar sehr hungrig; alle Osterien waren geschlossen, wir mußten es aushalten, bis wir Neapel erreichten. Die großen Wellenlinien brachen sich im Mondenschein wie ein blaues Feuer; der Vesuv warf seine Feuersäule empor, die Lava spiegelte sich in einem dunkelrothen Streifen in dem ruhigen Meere. Mehrere Male blieben wir bewundernd stehen, aber stets kehrte unser Gespräch auf die Erlangung einer guten Mahlzeit zurück, das war in der späten Nacht das Bouquet der ganzen Herrlichkeit.

Später wurde Pompeji, Herculanum und die griechischen Tempel bei Pästum besucht; dort sah ich ein armes blindes Mädchen, es steckte in Lumpen, aber es war ein Schönheits-Bild, eine lebendig gewordene Bildsäule, fast noch ein Kind; es staken einige blaue Veilchen in seinem kohlenschwarzen Haar, das war sein einziger Schmuck; es machte einen Eindruck auf mich, als sei es eine Offenbarung aus der Schönheitswelt. Ich vermochte es nicht, dem Mädchen eine Geldspende zu reichen. Ich stand sonderbar ehrerbietig da und beschaute es, als sei es die Göttin des Tempels selbst, auf dessen Stufen es zwischen den wilden Feigen da saß. In Lara Siehe der »Improvisator«, 2. Buch, Capitel VI. Der Uebers. lebt das Andenken an dasselbe.

Es waren schöne Sommertage wie im Norden, und wir befanden uns erst im Monat März. Die See lag gar einladend da, und ich mit Gesellschaft segelten in einem offenen Boot von Salerno nach Amalfi und Capri, woselbst damals einige Jahre vorher die blaue Grotte entdeckt, oder richtiger besucht und nun das Ziel aller Reisenden geworden ist. Das Hexenloch, wie es genannt wurde, war eine wundervolle Grotte der Feen geworden. Ich bin Einer der Ersten, der sie beschrieben hat; Jahre sind seitdem verstrichen, ich habe Italien und Capri wieder besucht, aber Sturm und Wellenschlag haben mich seitdem stets verhindert, diese Herrlichkeit wieder zu sehen, doch, einmal gesehen, wird sie nie vergessen.

Ischia war eine der Inseln, die mich am wenigsten ergriffen; wiederholte Besuche hat sie nicht zu dem Range der Insel des Tiberius, dem holzschuhgeformten Capri erheben können.

*

Malibran war in Neapel, ich hörte sie in » Norma«, » Barbier« und » la prova.« Auch in der Welt der Töne offenbarte Italien mir ein Wunder; ich weinte und lachte, fühlte mich erhoben und mit hingerissen; mitten im Jubel hörte ich auch gegen sie eine Pfeife zischen, eine einzige Pfeife. Lablache trat auf und sang Zampa's Partie in der gleichnamigen Oper, aber unvergesslich blieb er mir als Figaro, unvergeßlich diese Lebendigkeit, diese Fröhlichkeit Luigi Lablache, geb. den 10. December 1794 in Neapel, starb daselbst am 23. Januar 1858. Er war einer der größten Sänger (Bassist) seiner Zeit, trat in den größeren Städten Italiens, in Wien, Paris, London und Petersburg auf und war auch Gesanglehrer der Königin Victoria von England. Der Uebers..

Am zwanzigsten März reisten wir, des Osterfestes wegen wieder nach Rom zurück. Die Berge waren mit Schnee bedeckt, es war mit einem Mal winterlich geworden; wir reisten über Caserta, um das große königliche Schloß dort mit seinen Prachtsälen und Gemälden aus der Zeit Murat's, das Amphitheater bei Capua Caserta war die Sommerresidenz der Könige von Neapel und zeichnet sich durch die Pracht des Schlosses wie durch die Schönheit des Schloßgartens aus. Ist jetzt unbewohnt. – Capua wurde statt der antiken, von Hannibal im 9. Jahrhundert zerstörten, festen Stadt erbaut. Die antike Stadt liegt 5 Kilometer von der neueren Stadt entfernt. Unter ihren Ruinen nimmt das Amphitheater den ersten Platz ein. Es soll das älteste dieser Art Gebäude sein und nach dem Colosseum in Rom das größte. Der Uebers. zu sehen mit seinen unterirdischen Gewölben, den großen Oeffnungen, die zur Maschinerie, zum Auf- und Absteigen benutzt worden waren; Alles wurde gesehen.

Das Osterfest hielt uns in Rom. Bei der Kuppelbeleuchtung wurde ich im Gedränge von meiner Gesellschaft getrennt, die große Volksmasse riß mich mit sich über die Engelsbrücke hinweg; mitten auf derselben fühlte ich mich einer Ohnmacht nahe, ein Schauder ergriff mich, mir schwankten die Füße und wollten mich nicht tragen; die Menschenmenge drängte mich immer weiter, es wurde mir schwarz vor den Augen, ich fühlte, daß ich niedergetreten werden müßte, und nur mit höchster Anspannung geistiger und körperlicher Kraft hielt ich mich aufrecht; es waren schreckliche Stunden, diese leben viel stärker in meinem Gedächtniß, als der Glanz und die Herrlichkeit des Festes.

Ich gelangte indeß über die Brücke und befand mich wohler; das Atelier Blunk's Ein Maler der kopenhagener Schule, ein geborener Schleswiger, geboren 1798, gestorben 1853, von dem sich einige gute Bilder in der königlichen Galerie in Kopenhagen befinden. Der Uebers. lag ganz in der Nähe, und von diesem aus, der Engelsburg gerade gegenüber, sah ich, wie zum Abschied, die herrliche, großartige Giranola, welches alles andere Feuerwerk, das ich je gesehen hatte, übertraf; die Feuersonnen des Julifestes in Paris waren etwas Geringes gegen die flimmernden Feuercascaden Rom's. In der Osteria tranken die Landsleute zum Abschied auf mein Wohl und sangen das Reiselied; Thorwaldsen umarmte mich und sagte, daß wir uns in Dänemark oder – in Rom wiedersehen würden.

Den zweiten April, meinen Geburtstag, feierte ich in Montefiascone, wo ich Est, Est, Est trank Die alte ziemlich hoch gelegene Stadt Montefiascone (circa 2000 Einwohner), liegt an der alten, jetzt wenig besuchten Landstraße zwischen Rom und Siena über Viterbo. In der Kirche S. Flaviano, aus dem 11. Jahrhundert stammend, ruht der Domherr Johannes Fugger aus Augsburg, dessen Grabgewölbe die Inschrift trägt:
Est, Est, Est Propter nimium est,
Joannes de Fuc., D. meus, mortuus est.
Wie es heißt, soll sein Diener, den er zum Weinprobiren vorausgeschickt und aufgegeben hatte, ihm durch das Wort Est die Stelle zu bezeichnen, wo er den besten Wein gefunden, ihm diese Grabschrift gesetzt haben. Hier fand der Herr bei seiner Ankunft drei Est vor und – er kam nicht weiter. Aus diesem Grunde führt noch heute der beste Muskatellerwein den Namen Est. Der Uebers.
. Meine Reisegesellschaft war ein italienisches liebenswürdiges Ehepaar, die junge Frau hatte viel Angst vor Räubern, die Gegend galt als unsicher; die abgebrannten Waldstrecken mit ihren schwarzen Baumstumpfen belebten sie gerade nicht, die Gebirgsstraßen waren eng, mit tiefen schwarzen Höhlen, und bald erhob sich ein Orkan, der so gewaltsam war, daß wir mehrere Stunden in einem kleinen Wirthshaus bei Novella rasten mußten.

Der Sturm brauste, der Regen peitschte, die ganze Scenerie war zu einer Räubergeschichte eingerichtet, allein die Räuber fehlten, und die Geschichte ist die, daß wir Siena Schon zu Zeiten der Gallier eine ansehnliche, dann römische Colonie, wurde im 12. Jahrhundert Freistaat und nahm dann Theil an den Kämpfen der Ghibbelinen gegen die Welfen, und wetteiferte von nun an mit Florenz, sowol im Reichthum als in Liebe zur Kunst, die noch heute den Stolz der alten Stadt ausmacht; denn aus der Sienesischen Malerschule sind viele berühmte Künstler hervorgegangen, wovon die dortige Bildergalerie in dem Instituto delle Belle Arti Zeugniß ablegt. Jetzt zählt Siena, das eben sich jetzt wenig des Fremdenbesuches mehr zu erfreuen hat, über 23,000 Einwohner. Der Uebers. und später Florenz wohlbehalten erreichten, welches letztere mir ja, mit Allem, was es besaß, vom »Bronce-Eber« Siehe das Märchen gleichen Namens in Band II. Seite 464. Der Uebers. bis zu den Kirchen und Galerien, ein alter Bekannter war.

Der Dichter Philippo Berti, welcher das Lustspiel » gli amanti sessagenari « (die zärtlichen Sechziger) geschrieben hat, führte mich zu seinen Freunden unter den bedeutendsten Künstlern; der Bildhauer Bartoloni Lorenzo Bartoloni, 1777 im Toskanischen geboren, starb am 20. Januar 1850 in Florenz als Mitdirector der Academie der Künste. Seine vorzüglichen Arbeiten haben in ganz Europa Verbreitung gefunden. Der Uebers. hatte damals gerade seine »Bacchantin« vollendet, die jetzt im Besitz des Herzogs von Devonshire ist. Ausgestreckt auf ihrem marmornen Kissen liegt das kräftige Weib da, das Tambourin in der Hand, eine Schlange schlingt sich um seinen Arm, und vom Haupte hängen Epheuranken herab. Wir besuchten Santarelli, sahen sein schönes Basrelief mit dem Triumph des Silen's und des Bacchus'.

An dem Director des Cabinet literaire , Wiensseux fand ich einen Mann, welcher sechzehn Jahre früher in Dänemark gewesen war und dort im Hause der Schriftstellerin Frau Brun Frau Brun, deren Werke längst der Vergessenheit anheimgefallen sind, war die Tochter des Bischofs Balle und galt als die feingebildeteste Dame ihrer Zeit, wo Alles, was Kunst und Wissenschaft angehörte, verkehrte. Ja, sogar am Hofe erschien sie, obgleich sie nur einen Kaufmann zum Gatten besaß. Um sie aber hoffähig zu machen, wurde er, halb ruinirt durch ihren Luxus, zum Conferenzrath ernannt. Der Uebers. verkehrt hatte; er kannte Oehlenschläger und Baggesen und sprach von diesen Beiden und von Kopenhagen und dem dortigen Leben. Wenn man in der Fremde ist und von der Heimat gesprochen wird, fühlt man recht, daß man in derselben wurzelt; das Herz hängt an dem Vaterlande; doch Heimweh fühlte ich nicht, hatte dieses auch während der ganzen Reise nicht gefühlt. Ich hegte Angst vor der Zeit der Heimkehr, mir war zu Muthe, als müsse ich dann aus einem schönen Traum zur schweren Wirklichkeit, zum Dulden und Leiden erwachen.

Und heimwärts ging es. Der Frühling begleitete mich, er prangte hier in Florenz mit blühenden Lorbeerbäumen; ringsum war Frühling, aber ich wagte es nicht, diese freiheitlichen Gefühle einzuathmen. Es ging gen Norden, über die Berge nach Bologna. Die Malibran Maria Felicita Malibran, eine der berühmtesten Sängerinnen unseres Jahrhunderts, wurde den 24. März 1808 in Paris geboren, starb infolge eines Sturzes vom Pferde am 23. Sept. 1836. Der Uebers. lang hier; ich wollte Raphael's » heilige Cäcilia« hier sehen und dann, dann weiter im Fluge über Ferrara nach Venedig, der verblichenen Lotusblume des Meeres. Hat man Genua mit seinen Prachtpalästen, Rom mit seinen Denkmälern gesehen und in dem sonnebeleuchteten, lachenden Neapel gewandert, dann wird Venedig ein Stiefkind; und doch ist diese Stadt so eigenthümlich, so von allen anderen Städten Italiens verschieden, daß sie es verdient, gesehen zu werden, aber zuerst, nicht als ein triste vale, indem man Italien verläßt. Als ich den Markusplatz betrat und die im orientalischen Styl erbaute Markuskirche, den märchenhaften Dogenpalast mit seinen finsteren Erinnerungen, Gefängnissen und der Seufzerbrücke beim Tageslicht gewahrte, war mir zu Muthe, als befände ich mich auf dein Wrack eines gespensterhaften Riesenschiffs. Wenn man Venedig sehen will, muß es Abend, Mondschein sein, dann erst ist es, als athme die ganze Stadt auf, die Paläste treten mächtiger und bedeutungsvoller hervor, Venezia, die Königin Adria's, am Tage ein todter Schwan auf dem trüben Gewässer, bekommt dann erst Leben und Schönheit, – Ohne Betrübniß verließ ich Venedig, um eine andere Gräber-Stadt zu erreichen, wo die Scaliger Die Scaliger, ursprünglich ein reiches Adelsgeschlecht in Verona, wurden im 13. Jahrhundert von der Partei der Ghibelinen nach dem Tode des Hohenstaufen zur Herrschaft berufen und regierten als Herzoge fast 125 Jahre, als Verona dann an Venedig kam. Anfangs des 14. Jahrhunderts soll die Liebesgeschichte zwischen Romeo Moutecchi und Julia Capuletti stattgefunden haben. Ein altes Haus in der Via San Sebastiano wird als das der Julia bezeichnet; die Fiction mit dem steinernen Troge, den man als ihren »Sarg« bezeichnet, beruht auf Täuschung. Der Uebers. ruhen und wo der Sarg des Romeo und der Julia steht: Verona. – Weiter reiste ich durch das naturschöne Tyrol, und gar bald lagen die Alpen hinter mir, die ausgedehnte bayerische Hochebene vor mir. Am letzten Maitag kam ich in München an.

*

Bei einem ehrbaren Kammmacher auf dem Carlplatz bekam ich ein Zimmer. Bekannte hatte ich hier keine, aber sie wurden mir bald wie von selbst. Auf der Straße begegnete mir sogleich mein Landsmann Birch Der Schriftsteller Dr. Christian Birch, geboren in Kopenhagen um 1800, gestorben 1868, vermählte sich 1823 mit Charlotte Pfeiffer, geboren in Stuttgart um 1800, starb den 24. August 1868 in Berlin. Die Direction in Zürich führte sie von 1837-1843 und kam 1844 an die königliche Bühne in Berlin. Der Uebers., verheirathet mit der als Schriftstellerin und Schauspielerin bekannten Charlotte Birch-Pfeiffer; sie war derzeit Directrice des Stadttheaters in Zürich, und ich lernte sie somit damals nicht kennen, Birch hatte ich früher und öfter im Hause Siboni's gesehen; er kannte mich und war im hohen Grade aufmerksam und freundlich gegen mich. Wir begegneten uns nun öfter und er war offen und mittheilsam. Der Philosoph Schelling Friedrich Wilhelm Johann Schelling, geboren den 27. Januar 1775 in Würtemberg, 1798 Professor in Jena, dann in Würzburg, 1808 Generalsekretair der Academie der Künste, geadelt, 1827 Professor in München, Director der Academie und Geheimrath, wurde 1841 nach Berlin berufen, wo er Vorlesungen über seine bekannten philosophischen Ansichten hielt. Er starb den 20. Aug. 1854 zu Ragatz in Tyrol. Der Uebers. lebte damals in München; H. C. Oersted hatte mir von ihm erzählt. Noch eine Art Anknüpfungspunkt hatte ich, indem meine Wirthin in Kopenhagen mir erzählt hatte, daß Schelling, während seines Aufenthalts dort, bei ihr gewohnt, und daß das Bett, in welchem ich schlief, das seinige gewesen sei. Ich hatte für München keine Empfehlungsbriefe, hatte also Niemand, der mich bei ihm entführen konnte; ich ging daher ohne weiteres in sein Haus, ließ mich melden und wurde von dem alten Manne, der sich lange mit mir über Italien unterhielt, sehr freundlich empfangen. Ich sprach noch immer nicht fließend Deutsch, es folgte ein Danismus dem andern, aber gerade das interessirte ihn, das dänische Element scheine hindurch, sagte er, es klinge ihm so fremd und doch so alt verwandt. Wolwollend lud er mich in seinen Familienkreis und ließ sich herzlich mit mir ein. Mehrere Jahre darauf, als ich in Deutschland einen Namen errungen hatte, begegneten wir uns in Berlin als alte Freunde wieder.

In meinem Album schrieb er:

Was sich stets und immer hat begeben,
Das allein veraltet nie!

*

Der Aufenthalt in München wurde nach und nach ein recht heimischer, aber nach der wirklichen Heimat, nach Kopenhagen, zeigten die Tage immer mehr; ich bemühte mich, durch strenge Oeconomie Zeit zu gewinnen, weil mich der Gedanke ängstigte, wieder zu Hause fest zu sitzen und die rollenden Wogen über mich hinrauschen lassen zu müssen. Briefe, die ich empfing, theilten mir mit, daß ich als Dichter ganz und gar aufgegeben und aus deren Reihe ausgestrichen sei; die » Monatsschrift für Literatur« hatte das diesbezügliche öffentliche Manifest, von Molbech geschrieben, erlassen. Es waren meine gesammelten Gedichte, die während meiner Abwesenheit erschienen, und die früher, zerstreut in verschiedenen Zeitschriften, großen Beifall gewonnen hatten, die nun, wie auch » Die zwölf Monate des Jahres« als Beweis meines geistigen Todes herangezogen wurden. Ein reisender Freund brachte mir die Monatsschrift, sei es doch gut, meinte er, daß ich dergleichen selbst lese.

Es befand sich in dem Heft ein Artikel über »die neueste dänische Poesie«; ich wurde mit den anderen jungen Dichtern verglichen, nämlich mit F. J. Hansen, H. P. Holst, Christian Winther und Paludan-Müller; als ein Unkraut wurde ich von diesen gesunden Pflanzen gewaltsam gesondert und weggeworfen. Ich will den gütigen Leser mit Proben des Styls und der Kritik Molbech's verschonen, kurz, nie wurde ein Becher so voll der Bitterkeit gereicht, daß er überströmte, und doch hatte derselbe Kritiker, ungefähr zwei, drei Jahre früher, gerade von meinen »Gedichten« geschrieben – daß hier »ein Gepräge vom eigenthümlichen Dichterleben, eine jugendliche Frische« vorhanden sei u. s. w.

Das war das damalige Urtheil, Molbech hatte es vergessen, meine Umgebung ebenfalls; niedergetreten, ausgemerzt war ich aus der Reihe dänischer Dichter; – jedes dieser niedergeschriebenen Worte ging mir wie ein von Rost zerfressenes, stumpfes Messer durch Gemüt und Seele; man wird meine Angst vor der bald bevorstehenden Heimkehr begreifen, verstehen, daß ich sie verschob, und durch die Abwechslung des Reiselebens, so weit thunlich, die Gedanken von meiner Zukunft ableiten ließ, die bald kommen würde; noch einen Monat konnte ich in der Fremde weilen; von München wollte ich über Salzburg nach Wien und von dort endlich heimkehren.

Ich verließ München. Ich hatte Platz in einem »Hauderer« Ein in Süddeutschland gebräuchliches Wort: ein Miethswagen. Zu damaliger Zeit ein leichter, offener Wagen unter einem Verdeck von Leinen oder geflochtenen Weiden. Die Sitze wurden durch Strohsäcke hergestellt. Der Uebers. erhalten; im Wagen befand sich ein lebhafter Mann, der nach Wildbad Gastein wollte; am Stadtthor erschien der Dichter Saphir Der humoristische Schriftsteller Moritz Gottlieb Saphir, geboren den 8. September 1794 in Pest, lernte erst im 13. Lebensjahre lesen und schreiben. Er lebte 1825-1830 in Berlin, dann in München, das er 1834 verließ, um nach Wien zu gehen, wo er am 1. September 1858 starb. Der Uebers., reichte ihm die Hand und machte Witze über »Thorschein« und »Schein der Thoren.« Der Badegast war sehr unterhaltend, bald kam unser Gespräch auf's Theater und auf die letzte Vorstellung von » Götz von Berlichingen«, in welcher Eßlair die Hauptrolle spielte und zu wiederholten Malen hervorgerufen wurde; mir gefiel er nicht, ich sprach dies offen aus und sagte, daß derjenige, der mir von Allen am besten gefallen, der Darsteller des »Selbitz«, nämlich Herr Wespermann sei. – »Ich danke für das Compliment!« rief der Fremde im Wagen, der kein Anderer als Wespermann selbst war; ich hatte ihn nicht erkannt, und meine Freude über das Beisammensein mit dem tüchtigen Künstler brachte ihn mir näher, so daß wir am Schlusse der Reise als Freunde schieden.

Wir erreichten die österreichische Grenze. Mein Reisepaß aus Kopenhagen war in französischer Sprache ausgestellt, der Grenz-Soldat warf einen Blick hinein, fragte nach meinem Namen und ich antwortete: » Hans Christian Andersen.« »So steht es nicht in Ihrem Paß, dort heißen Sie Jean Chrétien Andersen; Sie reisen also unter einem andern Namen als ihrem eigenen?« hieß es nun, und es gab ein Examiniren, das ins Komische fiel; ich allein, der weder Cigarren noch irgend welche Art von Contrebande bei mir führte, mußte meinen Koffer um und umkehren lassen und wurde selbst streng untersucht; alle meine Briefe aus der Heimat durchsah man und fragte mich auf's Gewissen, ob sie irgend Anderes als Familienangelegenheiten enthielten; ferner fragte man, was mein Chapeaubas für ein Ding sei, ich antwortete: ein Gesellschaftshut, »welche Art von Gesellschaft?« fragte man, »doch keine geheime?« mein Epheukranz vom Weihnachtsfeste in Rom schien sehr verdächtig. – »Sind Sie in Paris gewesen?« fragte man. – »Ja!« und nun that man mir zu wissen, daß in Oesterreich Alles sei, wie es sein solle, daß man dort nichts von Revolutionen wissen wolle, und daß man mit Kaiser Franz zufrieden sei; ich versicherte, daß ich das auch sei, daß sie sich vollkommen beruhigen möchten, ich sei ein Feind der Revolutionen und im höchsten Grade ein guter Unterthan; das half Alles nichts. Ich wurde vor allen Anderen auf's Strengste untersucht, und das einzig und allein weil die Kopenhagener Polizei das dänische Hans Christian mit Jean Chretien übersetzt hatte.

In Salzburg in der Nähe der Wohnung, die ich dort hatte, lag ein altes Haus mit Bildern und Inschriften, es hatte dem Doctor Theophrastus Bombastus Paracelsus Er hieß eigentlich Philippus Aureolus Theophrastus von Hohenheim oder kurz Paracelsus genannt Bombastus; geboren den 17. December 1493 in der Schweiz und starb den 24. September 1541 in Salzburg, woselbst sich in der S. Sebastianskirche sein Grabmal befindet. Er wurde berühmt als Arzt durch Wunderkuren und als Chemiker durch die bessere Bereitung der Medicin. Der Uebers. gehört; er war in demselben gestorben. Eine alte Dienerin im Gasthause erzählte, daß auch sie in dem Hause geboren sei und von Paracelsus wußte, daß er ein Mann gewesen, der die Krankheit heilen konnte, welche nur die Vornehmen haben und Podagra genannt wird; aber darüber zürnten ihm alle die anderen Doctoren und gaben ihm Gift ein, aber er merkte es und war klug genug, um es wieder austreiben zu können, schloß sich deshalb ein und befahl seinem Diener, die Thür nicht eher zu öffnen, als wenn er ihn rufen höre; aber der Diener war entsetzlich neugierig, öffnete die Thür vor der Zeit, sein Herr hatte das Gift noch nicht weiter hinauf als bis zum Halse gebracht, und als dann die Thür aufging, stürzte Paracelsus todt um. So lautete die im Volksmunde lebende Erzählung, die mir mitgetheilt wurde. Mir ist Paracelsus stets eine romantisch anziehende Persönlichkeit gewesen, und mußte in einer dänischen Dichtung benutzt werden können, denn sein Wanderleben führte ihn auch nach Dänemark. Wir wissen, daß er als Militairarzt mit den fremden Truppen im Norden war; er wird zu König Christian's II. Zeiten genannt, wo er in Kopenhagen Mutter Sigbrith Siehe die Note Seite 183 Band I. Der Uebers. eine Art Galgenmann in einer Flasche giebt, welcher, wenn die Flasche entzwei geht, mit großem Donnerkrach hinausfliegt.

Armer Paracelsus! Man nannte ihn einen Charlatan, obgleich er ein Genie war, er ging in der Kunst seiner Zeit voraus; aber Jeder, welcher dem Wagen der Zeit vorausschreitet, wird von dessen Pferden zu Boden geworfen und vernichtet.

Ist man in Salzburg, muß man nach Hallein, durch das dortige Salzwerk hindurchrutschen, über den Deckel des salzsiedenden, ungeheuren eisernen Kessels hingehen. Der Wasserfall bei Golling Der Gollinger- oder Schwarzbachfall ist gegen 100 Meter hoch. Der Uebers. braust über die Steinblöcke dahin; aber ich habe den Eindruck davon vergessen und nur ein Kindeslächeln im Gedächtniß behalten. Ich hatte einen ganz kleinen Knaben zum Führer bekommen, er besaß in hohem Grade den Ernst eines Erwachsenen, den einzelne Kinder oft durch die Lebensumstände erlangen; es war eine Verständigkeit, ein ganz eigentümlicher Ernst über den kleinen Kerl verbreitet, kein Lächeln glitt über sein Antlitz; erst als wir dem schäumenden stürzenden Wasser mit seinem Gedröhne gegenüberstanden, erst dann leuchteten seine Augen, da lächelte der Kleine so glückselig, so stolz: »Das ist der Gollingfall!« sagte er. Das Wasser braust und braust noch immer, ich habe es vergessen, aber nicht das Lächeln des Knaben.

Wie hier, so auch an anderen Orten, ist das, was man auffaßt und in der Erinnerung bewahrt, oft Etwas, was Viele für unwesentlich oder zufällig halten; von dem prächtigen Benediktiner-Kloster Mölk an der Donau habe ich, all' seiner Marmorpracht und der erhabenen Aussicht dort ungeachtet, nur eine andauernd frische Erinnerung bewahrt: es ist ein großer, schwarzer, in den Fußboden eingebrannter Fleck. Derselbe stammt aus dem Kriege 1809: die Oesterreicher lagerten auf der nördlichen Donauküste, Napoleon hatte im Kloster Quartier genommen; eine Depesche, die er im Zorn anzündete und hinwarf, hatte ein Loch in den Fußboden gebrannt.

Endlich erblickte ich den Stephansthurm, und bald stand ich in der Kaiserstadt. Um diese Zeit war hier für alle Dänen das Sonnenleitner'sche Haus eine wahre Heimat; hier traf man die Landsleute, und dieses Mal waren hier viele tüchtige Leute, als Capitain Tscherning, die Aerzte Bendz und Thune, der Norwege Schweigaard Anton Tscherning, geboren 1795 in Fredrikswärk auf der Insel Seeland, trat 1813 in's Artilleriekorps und besuchte die Kriegsschulen zu Paris und Metz, wurde 1828 Hauptmann, trat in französische Dienste und kehrte 1841 heim, sich der Politik und der Schriftstellerei widmend. Im März 1848 wurde er Kriegsminister, trat aber im November desselben Jahres zurück und nahm von nun an den Rang eines Oberst ein. Er nahm an den politischen Ereignissen der folgenden Jahre als Volksrepräsentant und als Führer der freisinnigen »Bauernfreunde« Theil, bis er sich wenige Jahre vor seinem Tode in's Privatleben zurückzog und im Jahre 1867 in Kopenhagen starb. –
Bendz und Thune wurden im Laufe der Zeit sehr hervorragende Aerzte; Ersterer starb als Generalstabs-Arzt. –
Anton Martin Schweigaard, geboren in Kragerö am 11. April 1808, schwang sich von niederer Stellung zum Professor der Jurisprudenz und der Staatsökonomie an der Universität Christiania empor. Ebenso war er einer der hervorragendsten Redner des Storthinges, dem er ununterbrochen angehörte, stets alle Anerbieten, in den Staatsrath einzutreten, ausschlagend. Er starb am 1. Februar 1870 vier Tage vor seiner Frau, mit der er gleichzeitig beerdigt wurde. Der Uebers.
; Abends versammelte sich der Kreis. Ich wurzelte hier nicht, weil das Theater mich anzog. Das Burgtheater war ganz vortrefflich, ich sah Anschütz als »Götz von Berlichingen«, Frau von Weissenthurn als » Madame Herb« in »der Amerikaner«, das war ein Spiel! In den Tagen debutirte ein junges Mädchen, das später einen Künstlernamen sich erworben hat: Mathilde Wildauer; ich sah ihr Debut als » Gurli« in » die Indianer in England«. Mehrere von Kotzebue's Stücken wurden hier vortrefflich gegeben. Kotzebue hatte Verstand, aber nicht viel Phantasie: er war der Scribe seiner Zeit; er schrieb undichterische Stücke, aber sein Verstand verlieh ihnen allen einen dichterischen Dialog. In Hitzing sah und hörte ich Strauß, er stand mitten in seinem Orchester, gleichsam das Herz in dem ganzen Walzer-Positiv; es war, als durchströmten ihn die Melodien, seine Augen strahlten, er war hier das Leben und der Leiter, das war deutlich zu sehen. In Hitzing hatte Frau von Weissenthurn ihre Sommerwohnung, hier machte ich die Bekanntschaft dieser interessanten Frau; ich habe später in » Eines Dichters Bazar« eine Art Silhouette von dieser liebenswürdigen, begabten Dame gegeben. Auf der dänischen Bühne sind ihre Lustspiele » Welche von ihnen ist die Braut« und » Das Gut Sternberg« mit vielem Beifall aufgenommen worden. Das jüngere Geschlecht bei uns wird, glaube ich, Johanne von Weissenthurn nicht kennen, sie war die Tochter eines Schauspielers, und schon als kleines Kind betrat sie die Bühne. 1809 spielte sie in Schönbrunn vor Napoleon die » Phädra« und bekam von ihm ein Geschenk von 3000 Francs. In ihrem fünfundzwanzigsten Jahre, durch eine Wette veranlaßt, schrieb sie innerhalb acht Tagen das Trauerspiel » Die Drusen«, später hat sie gegen 60 dramatische Arbeiten geliefert, nach vierzigjähriger Thätigkeit bekam sie vom Kaiser Franz »die goldene Civilehrenmedaille«, die bis dahin noch keine Schauspielerin in Oesterreich erhalten hatte, und diese verschaffte ihr die preußische goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft; im Jahre 1841 verließ sie die Bühne, und starb in Hitzing den 18. Mai 1847. Ihre Schauspiele sind in 14 Bänden erschienen.

In Hitzing in ihrem Landhaus sprachen wir einander zum ersten Male; sie war eine große Bewunderin von Oehlenschläger; »Der Große« nannte sie ihn stets; während er in seinen jüngeren Jahren in Wien gewesen war, hatte sie ihn kennen und schätzen gelernt. Sie konnte mich nicht genug von Italien erzählen hören. Es schien ihr, als machten meine Worte ihr dieses Land anschaulich, sie sei dort mit mir, sagte sie; in mein Album schrieb sie:

Länder hast Du geschaut, erforscht die Tiefen der Menschen!
Doch aus dem eigenen Born schöpfe jetzt Weisheit und Licht.

Hitzing, 6. Juli 1834.
Weissenthurn.

In dem Hause Sonnenleitner's lernte ich Grillparzer Franz Grillparzer, geboren den 15. Januar 1790 in Wien, starb als Reichsrath den 21. Januar 1872. Er schuf seinen Ruf als dramatischer Dichter durch »Die Ahnfrau« (1816). Der Uebers., den Verfasser von » Die Ahnfrau« und » Das goldene Vlies« kennen; auf ehrliche Wiener Art reichte er mir die Hand und begrüßte mich als Dichter mit den Worten:

Gleicher Stamm erkennt sich wieder,
Läg' in Mitten eine Welt;
Gleiche Treue, gleiche Lieder
Nennen Dän' und Teutsche Brüder,
Leugnet's murrend gleich der Belt.

Castelli Ignaz Friedrich Castelli, geboren den 6. Mai 1781 in Wien, gestorben den 5. Februar 1862, hat außer Erzählungen und Schilderungen aus dem österreichischen Volksleben mehr als 100 Theaterstücke geschrieben. Der Uebers. sah ich am häufigsten. Er ist unleugbar der Typus eines echten Wieners, alle die vortrefflichen besonderen Eigenschaften desselben sind bei ihm vereinigt: Gutmüthigkeit, frohe Laune, Treue und Liebe für seinen Kaiser. »Der gute Franz!« sagte er, »ich habe eine Bittschrift, einen kleinen Vers an ihn gerichtet, daß wenn wir Wiener ihm begegnen und ihn grüßen, er es dann bei der kalten Witterung unterlassen wolle, wieder den Hut zu ziehen.« Ich sah alle Schnurrpfeifereien Castelli's, seine Sammlung von Schnupftabakdosen, eine derselben, in der Form einer Schnecke, hat Voltaire gehört; »verbeugen Sie sich und küssen Sie sie!« sagte er. Ich habe in » Nur ein Geiger«, wo Naomi in Wien auftritt, Castelli eine der theilnehmenden Personen sein lassen; den Vers, der das Capitel einleitet, schrieb der Dichter an mich, bevor wir uns trennten.

Es ist eine seltsame Sache:
Ich sprach Deutsch und Dänisch Du,
Und doch verstanden wir uns im Nu.
Ja Freund! im Aug' liegt die Sprache,
Und im Herzen der Schlüssel dazu.

Nachdem ich einen Monat in Wien gewesen war, ging die Reise heimwärts über Prag, und auf derselben fehlte auch die »Poesie des Reiselebens«, wie man zu sagen pflegt, keineswegs, d. h. in der Entfernung gesehen und wol überstanden. Wir waren gewißermaßen im Postwagen zusammengepfercht, der fortwährend stieß und stolperte, aber der Zufall hatte das seinige gethan, um dies zu mildern, und in den Wagen einige komische Personen zusammengebracht. So z. B. hatten wir einen alten Herrn, welcher mit Allem mißvergnügt war, ein Opfer der Prellerei und stets im Nachrechnen begriffen über das, was er ausgegeben hatte.

Bestimmte Plätze waren im Wagen nicht, man mußte sich über die Plätze einigen; die zwei besten wurden uns indeß genommen und zwar von zwei neuen Passagieren, die in Iglau hinzukamen und klüglich einstiegen, während wir Anderen, müde und hungrig, den Abendtisch aufsuchten. Es war eine junge Dame mit ihrem Gatten; er schlief schon, als wir wieder einstiegen, sie wachte für sie Beide und war die Gesprächigkeit selbst, sprach von Kunst und Literatur, von feiner Bildung, von Dichtern, wie man sie lesen und verstehen solle; von Musik und Plastik, von Calderon und Mendelssohn. Zuweilen hielt sie inne, einen Seufzer an den Mann richtend, der seinen Kopf auf ihr ruhen hatte: »hebe Deinen Engelskopf, er zermalmt meine Brust!« sagte sie. Und nun sprach sie von der Bibliothek ihres Vaters und dem Wiedersehen bei ihm, und als ich über böhmische Literatur eine Frage an sie richtete, war sie mit allen tüchtigen Verfassern des Landes bekannt; diese besuchten ihren Vater, in dessen Bibliothek finde sich die ganze neuere Literatur vor u. s. w. – Als der Tag graute, sah ich, daß ich es mit einem blonden Judenpaar zu thun hatte; der Mann erwachte, trank Kaffee und schlief wieder, legte seinen Engelskopf an die Brust der Frau und öffnete nur ein Mal den Mund, um einen uralten Witz zu sagen, dann schlief er, der Engel! Sie fragte uns Alle über Stellung und Verhältnisse aus, und als sie hörte, daß ich Schriftsteller sei, wurde ich ihr gar sehr interessant, aber nicht länger, als bis wir nach gewohnter Weise am Stadtthore Prag's unsere Namen angaben und ein alter, tauber Herr sich dort als »Professor Zimmermann« zu erkennen gab, da rief sie aus: » Zimmermann, über die Einsamkeit! Sind Sie ZimmermannDer Verfasser des hier citirten Buches Johann Georg Ritter v. z., geboren den 8. December 1728 zu Brugg in der Schweiz, starb als Leibarzt in Hannover den 7. October 1795. Das Buch »über die Einsamkeit« erschien 1755. – Der Uebers. Sie dachte nicht daran, daß der Verfasser, den sie meinte, längst todt sei; der Taube wiederholte seinen Namen und nun brach sie in Bedauern darüber aus, daß sie erst in der Stunde der Trennung erfahre, mit wem sie gefahren sei. Ich hatte gesagt, daß ich gleich am folgenden Morgen weiter nach Dresden reisen würde; sie bedauerte dies, weil sie mich sonst eingeladen haben würde, sie bei ihrem Vater zu besuchen, seine Bibliothek zu sehen und vielleicht »einen Geistesverwandten« zu treffen. »Wir wohnen in dem größten Hause am Platze«, sagte sie und zeigte mir dasselbe; ich sah sie und den Mann dort hineingehen, und beim Abschied bekam ich seine Karte. Am folgenden Morgen entschied ich mich, dennoch zwei ganze Tage in Prag zu bleiben, ich würde also auch meine Reisegesellschaft besuchen, die Bibliothek dort mit der böhmischen Literatur sehen können. Ich begab mich nach dem großen Hause, in welches ich das Ehepaar hatte hineingehen sehen. Im Parterregeschoß kannte Niemand die Familie, in der ersten Etage auch nicht; als ich in die zweite Etage gelangte, sprach ich von der großen Bibliothek, welche der Vater besitzen solle, aber nein, Niemand wußte darum! Ich betrat die dritte Etage, aber auch in dieser nicht, und man sagte mir, daß sonst außer den Familien, bei denen ich schon gewesen war, keine im Hause wohne; freilich lebe noch ein alter Jude hier, der ein paar kleine Dachkammern ganz oben inne habe, aber der könne es ja ganz und gar nicht sein; ich ging indeß hinauf; die Wand nach der Treppe hinaus bestand aus einfach gehobelten Brettern, an der niedrigen Thür klebte ein Papierlappen, ich klopfte an, ein alter Mann in einem schmutzigen Schlafrock öffnete die Thür zu einer niedrigen Stube, mitten auf dem Fußboden stand ein großer Waschkorb, angefüllt mit alten Büchern. »Hier wohnt wol nicht diese Familie?« fragte ich, indem ich die Karte vorzeigte. »Mein Gott!« erschallte aus einer kleinen Seitenkammer her: es war die Stimme der Dame, die ich suchte. Ich blickte unwillkürlich nach dort, und in tiefem Negligé, ihr feines, schwarzes seidenes Reisekleid auf den Händen hoch über dem Kopf balancirend, um es anzulegen, stand sie da, und in der Kammer gegenüber gähnte der Mann schläfrig und seinen »Engelskopf« auf die Schulter neigend. Ich blieb erstaunt stehen; die Dame trat ein, das Kleid noch offen im Rücken, die Haube saß lose auf dem Kopfe, hoch erröthend bei der Ueberraschung. »Herr von Andersen!« sagte sie und bat um Entschuldigung, daß Alles in Unordnung sei, die Bibliothek ihres Vaters – sie deutete dabei auf den Waschkorb – so löste sich das ganze Geschwätz vom Reisewagen auf: eine »Dachkammer und ein Sack voller Bücher!«

Von Prag ging es über Teplitz und Dresden heimwärts nach Kopenhagen.

Mit einem gemischten Gefühl stieg ich an's Land und nicht alle meine Thränen waren Freudenthränen. Aber Gott war mit mir.

Eigentlich hatte ich keinen Sinn und kein Auge für Deutschland gehabt; mein Herz hing an Italien, als ein für mich verlorenes Paradies, wohin ich nie wieder zurückkehren würde; mit Schrecken und Angst sah ich den kommenden Zeiten in der Heimat entgegen. Ich trieb gleichsam weiter, immer näher an Kopenhagen. Meine Seele war erfüllt von der Natur und dem Volksleben Italiens, nach diesem Lande allein fühlte ich Heimweh. Es schmolz gleichsam zusammen mit meinem eigenen Ich, und ganz improvisatorisch entstand eine Dichtung, welche immer weiter wuchs, ich mußte sie niederschreiben, ungeachtet ich überzeugt war, daß sie mir mehr Kummer als Freude bereiten würde, wenn mich der Kampf um das Dasein in der Heimat einst zwingen würde, sie drucken zu lassen. Schon in Rom hatte ich die ersten Capitel geschrieben, und später in München hatte ich die Dichtung fortgeführt: es war mein Roman » Der Improvisator«. In einem Briefe, den ich während meines Aufenthalts in Rom erhielt, wurde mir eine Aeußerung von J. L. Heiberg hinterbracht: er betrachtete mich als eine Art »Improvisator«, diese Aeußerung war der Funken, der meinem neuen Gedicht Namen und Person verlieh.

Als ich, ein kleiner Knabe noch, in Odense, eins der ersten Male in's Theater kam, wurden die Vorstellungen, wie ich bereits erzählt habe, dort in deutscher Sprache gegeben. Ich sah » Das Donauweibchen«, das Publikum jubelte Derjenigen zu, die die Hauptrolle ausführte; sie wurde gehuldigt und gefeiert und schien mir das glücklichste Wesen auf Erden zu sein. Als ich später, viele Jahre nachher, besuchsweise nach Odense kam und dort das Spital betrat, sah ich in einem Zimmer, in welchem mehrere armen Wittwen wohnten, und wo ein Bett neben dem andern, ein kleiner Schrank, ein Tisch oder ein Stuhl als das einzige Geräth standen, über einem dieser Betten ein weibliches Portrait in vergoldetem Rahmen hängen, die Figur stellte Lessing's » Emilia Galotti« Gotth. Ephraim Lessing, geboren den 22. Januar 1729 zu Kamenz in der Oberlausitz, lebte mehrfach in Berlin und starb den 15. Februar 1781 als Wolfenbüttel'scher Bibliothekar in Braunschweig. Das Drama »Emilia Galotti« erschien 1772. Der Uebers. dar, wie sie die Rose zerpflückt, aber der Kopf war Portrait. Das Bild war sonderbar abstechend gegen all' die Armuth ringsum: »Wen stellt das vor?« fragte ich. »O«, antwortete eine der alten Frauen, »das ist das Gesicht der deutschen Madame!« und da näherte sich eine hagere, kleine feine Frau mit runzeligen Wangen und in einem armseligen seidenen Kleide, das einstmals schwarz gewesen war: es war die gefeierte Sängerin selber, welche ich als »Das Donauweibchen«, dem damals Alle zujubelten, gesehen hatte. Dies machte auf mich einen unvergeßlichen Eindruck und kehrte oft in meine Erinnerung zurück. In Neapel hörte ich zum ersten Mal die Malibran; ihre Stimme und ihr Spiel standen hoch über Allem, was ich je früher gehört hatte, und doch erinnerte ich mich dabei an meine arme Sängerin im Hospital zu Odense; beide Gestalten schmolzen zusammen zu Annunziata in dem Roman, den ich schrieb; Italien war der Hintergrund des Erlebten und des Gedichteten.

Meine Reise war zu Ende; im August 1834 kam ich nach Dänemark zurück und bald, während eines Besuches bei dem Dichter Ingemann in Sorö, in einer kleinen Giebelkammer zwischen duftenden Linden, mit Aussicht auf See und Wald, beendigte ich den ersten Theil, den letzten Theil schrieb ich in Kopenhagen.

Selbst meine besten Freunde waren nahe daran, mich als Dichter aufzugeben: »Man hatte sich in meinem Talent geirrt!« wie allgemein war diese Redensart nicht geworden. Nahezu hätte ich keinen Verleger für mein Buch bekommen; endlich, aus Güte für mich, wagte es der Buchhändler Reitzel, allein es mußte zur Subscription eingeladen werden und ich selbst mußte mich bemühen, meine Freunde zum subscribiren zu bewegen; in dem Subscriptionsplan wurde gesagt, daß ich die Leser nicht zu einer Beschreibung meiner Reise einlade, sondern ihnen eine Art geistiges Resultat derselben biete. Ich bekam natürlicherweise ein unglaublich geringes Honorar: denn es war ganz und gar keine Aussicht vorhanden, daß das Buch gekauft und gelesen werden würde.

» Dem Conferenzrath Collin und seiner edlen Gattin, an welchen ich Eltern, seinen Kindern, an welchen ich Geschwister gefunden, dem Heim der Heimat, bringe ich hier das Beste, was ich besitze!« So lautete die Zueignung.

Das Buch wurde gelesen, vergriffen und wieder auf's Neue gedruckt; die Kritik schwieg, die Journale sagten nichts, aber von vielen Seiten her hörte ich, daß man Interesse für meine Dichtung gewonnen habe, und daß Viele sich über dieselbe freuten; endlich schrieb der Dichter Carl Bagger, damals Redakteur des »Sonntagsblattes« eine Kritik in demselben, die folgendermaßen anhob:

»›Der Dichter Andersen schreibt jetzt nicht mehr so gut wie früher: er hat sich erschöpft, ja, das habe ich wahrlich lange erwartet!‹ – so ist der Dichter hier und dort in einigen der Kreise der Hauptstadt besprochen worden, gerade vielleicht in denjenigen, in welchen er bei seinem ersten Auftreten am allermeisten gehätschelt und fast vergöttert wurde. Daß er sich aber nicht erschöpft, sondern sich im Gegentheil auf eine früher ungekannte Höhe emporgeschwungen, hat er kürzlich durch seinen » Improvisator« in glänzender Weise an den Tag gelegt.« – –

Man lache mich nun aus, wenn man will, aber es ist dennoch an dem: ich weinte mich aus, ich weinte mich fröhlich und fühlte Dankbarkeit gegen Gott und die Menschen.

*


 << zurück weiter >>