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Fünftes Capitel.
April bis September 1833.

Hamburg. – Der Dichter Kruse. – Cassel. – Spohr. – Frankfurt. – Der Rhein. – Ankunft in Paris. – Die italienische Oper. – Adolph Nourrit. – Fräulein Mars. – Landsleute. – Versailles. – Paul Duport, der Vaudeville-Dichter. – Cherubini. – Heinrich Heine. – Victor Hugo. – Briefe aus der Heimat. – Die Enthüllung der Napoleonssäule auf dem Vendômeplatz. – Louis Philipp. – Der Dichter P. A. Heiberg. – Etatsrath Brönsted. – Reise nach der Schweiz. – Purari in Genf. – Schloß Chillon. – Le Locle. – Mein Heim daselbst. – Meine Dichtung »Agnete und der Meermann«. – Abreise von Le Locle


 

In Hamburg lebte der dänische Dichter Lars Kruse Lars (Lauritz) Kruse wurde 1780 in Kopenhagen geboren; er war Professor an der Universität und ging, nachdem er pensionirt worden, nach Deutschland, lebte aber meist in Hamburg, wo er 1838 starb. Er redigirte »Die Hamburger Biene« und gab viele Novellen und Erzählungen in deutscher Sprache heraus. Der Uebers., der Verfasser der Tragödien » Ezzelin«, » Die Wittwe«, » Das Kloster«, die ich auf der königlichen Bühne in Kopenhagen gesehen hatte; sein Roman » Sieben Jahre« war ein vielgelesenes Buch; die deutschen Musenalmanachs brachten alljährlich seine Erzählungen. Jetzt ist er dort wie hier so ziemlich vergessen. Ich fand an ihm einen freundlichen, wolwollenden Mann, er sprach zu mir von seiner Liebe zur Heimat und in mein Album schrieb er:

Bleib' der Natur und bleib' der Wahrheit treu,
Bewahr' die Seele rein und fröhlich stets das Herz,
Bleib' Dänisch, wo der Dänen Sprache nicht mehr tönt,
Und Europäisch, wenn in Dänemark einst zurück Wörtlich übersetzt..

Hamburg, 25. April 1833.
L. Kruse.

Das war der erste Dichtergruß, der mir auf fremdem Boden zu Theil ward, und derselbe haftete deshalb lange in meinem Gedächtniß; der nächste recht lebendige Reiseeindruck war der Anblick eines Namens in halb verwischten Buchstaben, es war in Cassel; dort an einer Straßenecke schimmerte durch die übermalte Farbe der Name Napoleon hindurch, den die Straße oder der Platz früher getragen hatte; dies ergriff mich mehr als all' die Pracht auf Wilhelmshöhe mit ihren künstlichen Ruinen und Gewässern. Napoleon war ja der Held meiner Kindheit, meines Herzens.

Hier in Cassel sah ich zum ersten Male Spohr Der berühmte Componist Ludwig Spohr, 1784 den 5. Sept. in Braunschweig geboren, war Hofkapellmeister in Cassel und starb daselbst den 22. October 1859. Der Uebers. und wurde von ihm freundlich empfangen. Er richtete viele Fragen an mich über die Musik und die Componisten in Dänemark; von den Compositionen Weyse's und Kuhlau's waren ihn einige bekannt. Ein kleines Thema aus »Der Rabe«, welches Hartmann Siehe die Note Band I. Seite 209. Der Uebers. in mein Album geschrieben hatte, sprach ihn besonders an, und ich weiß, daß er mehrere Jahre später einen Briefwechsel mit Hartmann einleitete und, zwar ohne daß es gelang, das Seinige dazu that, »den Raben« auf die Casseler Bühne zu bringen. Er fragte, welche von seinen Arbeiten auf der Kopenhagener Bühne gegeben wurden, ich mußte antworten, gar keine, und muß leider auch jetzt dasselbe sagen. Seine Oper » Zamire und Azor« schien ihm besonders am Herzen zu liegen und dieselbe empfahl er zur Aufführung. Von dänischer Literatur kannte er nur Weniges von Baggesen, Oehlenschläger und Kruse. Er spendete übrigens meinem Vaterlande große Anerkennung für das viele geistig Tüchtige, welches hier auf einem kleinen Fleck sich entfaltete. Thorwaldsen zollte er seine höchste Bewunderung. – Als wir uns trennten, beschlich mich der betrübende Gedanke, daß ich dem alten Meister der Tonkunst wohl für immer Lebewohl gesagt habe, aber viele Jahre später in London trafen wir uns als alte Freunde wieder, aber davon später.

Heutzutage reist man schnell durch Deutschland nach Paris, aber so war es im Jahre 1833 nicht; es gab damals keine Eisenbahnen, es ging daher langsam vorwärts. Nach dieser Reise-Prosa war es mir ein ganzes Stück Poesie nach Frankfurt, dem Geburtsort Goethe's, dem Jugendheim der Rothschild's zu gelangen, woselbst die Mutter der mächtigen Söhne, im frommen Glauben, des Glückes ihrer Kinder wegen, das kleine Haus in der Judengasse nicht verließ, in welchem sie die glücklichen Söhne geboren und erzogen hatte. Die gothischen, alten Giebelhäuser, das mittelalterliche Rathhaus bildeten für mich ein ganzes Bilderbuch. Der Componist Aloys Schmitt Geboren zu Erlenbach a. M. 1789, lebte in Frankfurt und starb daselbst den 25. Juli 1866. Er war seiner Zeit auch als Klavier-Virtuose bekannt. Der Uebers., dessen Oper »Valeria« bekannt ist, war der Erste im Auslande, der mich bat, ihm einen Operntext zu schreiben; denn meine kleineren Gedichte, welche Chamisso übersetzt hatte, gaben ihm die Ueberzeugung, wie er sich ausdrückte, daß ich der Dichter sei, dessen er bedurfte.

Ich sah den Rhein! Die Ufer desselben nehmen sich am wenigsten gut aus zur Frühlingszeit, die Weinstöcke lehnen sich dann niedrig an die Burgruinen. Ich hatte mir das Ganze weit großartiger gedacht, das, was ich sah, stand unter der Erwartung, die ich gehegt hatte, und wie es mir erging, so geht es gewiß Vielen, die hierher kommen. Der schönste Punkt ist unleugbar der Loreley bei St. Goar. Die Donau hat mehr romantische Ufer, selbst die Rhone hat Punkte, welche die des Rheins übertreffen; der beste Schmuck des Rheins ist sein Sagenkreis! Sage und Sang, die herrlichen Lieder, welche die deutschen Dichter von dem meeresgrünen, prächtigen Strome gesungen haben, ist dessen beste Schönheit.

Vom Rhein fuhr ich über Saarbrücken und durch die Champagne nach Paris; ich schaute so unaufhaltsam nach dieser »Stadt der Städte«, wie ich sie damals nannte, hinaus, fragte so oft, ob wir sie noch nicht bald erreichen würden, daß ich zuletzt das Fragen aufgab und nun über den Boulevard selbst fuhr, bevor ich noch wußte, daß ich die mächtige Stadt erreicht hatte.

Ich habe in dem Obigen sämmtliche Reise-Eindrücke von Kopenhagen nach Paris erzählt, so wenig ich auch aus dieser fliegenden Fahrt zu erfassen vermochte, und doch gab es daheim Menschen, die schon aus diesen wenigen Reisetagen eine Entwickelung bei mir erwarteten, die nicht bedachten, daß wenn auch der Vorhang aufgegangen ist, man doch nicht sofort das Bild in sich aufgenommen hat.

Ich war also nun in Paris, aber ermüdet und schläfrig. Selbst für ein Obdach zu sorgen, wäre eine Anstrengung gewesen; endlich befand ich mich in der Rue Thomas, Hôtel de Lille, in der Nähe vom Palais royal; die erste und liebste Herrlichkeit, die ich anstrebte und fand, war in's Bett zu gelangen, um zu schlafen; allein lange sollte ich mich dort nicht der Ruhe erfreuen, ein fürchterlicher Lärm weckte mich. Alles ringsum war wie beleuchtet, ich stürzte an das Fenster; gegenüber in der engen Gasse lag ein großes Gebäude, eine große Menschenmenge stürmte dort die Treppen hinab, draußen wurde laut gerufen und geschrien; es lärmte, rollte und flimmerte, und ich, der ich noch halb im Schlafe mich befand, glaubte natürlicherweise, ganz Paris sei in Aufruhr; ich klingelte und fragte den eintretenden Kellner: »was ist das?« » C'est le tonnerre!« sagte er, » le tonnerre!« sagte das Mädchen, und als sie an meiner erstaunten Miene bemerkten, daß ich sie nicht verstand, ließen sie die Zunge rollen » tonnerre – re – rrrr!« und zeigten mir, wie es blitzte, und unterdeß krachte und lärmte es. Ein Gewitter war es, und das Haus gegenüber war das Vaudeville-Theater, in welchem die Vorstellung gerade zu Ende war und die Leute die Treppe hinabstürzten. Das war mein erstes Erwachen in Paris.

Nun sollte ich die Herrlichkeiten der Stadt sehen!

Die italienische Oper war bereits geschlossen, allein die große Oper glänzte mit reichen Kräften, Md. Damoreau und Adolph Nourrit sangen; er stand damals in seiner vollen Kraft und war der Liebling der Pariser; ihn, der in den Julitagen so tapfer gekämpft und bei den Barrikaden die vaterländischen Lieder so seelenvoll gesungen hatte, daß sich die Begeisterung der Kämpfenden steigerte, ihn hörte ich, und Alle jubelten ihm entgegen. Ich hörte ihn als Gustav III. in der Oper » Der Maskenball.« Diese Oper erfüllte damals Alle. Die Wittwe des wirklichen Ankerström lebte hier als alte Frau; sie gab in einem der gelesensten Journale die Erklärung ab, daß das Liebesverhältniß, in welches Scribe sie zu dem König Gustav stellt, ganz und gar falsch sei, daß sie den König nur ein einziges Mal gesehen habe.

Im Théatre français sah ich die Tragödie » Les enfants d'Edouard;« die alte Mademoiselle Mars spielte die Mutter der jungen Söhne, und obwol ich nur wenig von der französischen Sprache verstand, wurde nur durch ihr Spiel Alles verständlich, so daß mir die Thränen in die Augen traten; ein schöneres weibliches Organ habe ich weder früher noch später gehört. Während der ersten Jahre meines Aufenthaltes in Kopenhagen trat dort noch auf der dänischen Bühne das damals hoch gefeierte Fräulein Astrup auf, bei welcher die Kopenhagener namentlich eine ewige Jugend bewunderten und ganz besonders hervorhoben; ich sah sie mit den Gefühlen der Pietät, sie trat in der Tragödie » Selim, Prinz von Algier« auf, in welcher sie die Mutter gab; allein mir war sie nur eine alte, sehr geschnürte Jungfer, steif wie ein Stock, mit einem unangenehm schnarrenden Organ, das Spiel konnte ich nicht beurtheilen. In Paris, bei Mademoiselle Mars sah ich die wahre Jugend, sie bestand nicht in Schnürleib und forcirtes Sich-Brüsten, hier waren jugendliche Bewegungen, Musik der Stimme, ich verstand sofort, daß ich hier einer wahren Künstlerin gegenüber stand.

Wir waren den Sommer mehrere Dänen in Paris beisammen; wir wohnten in einem und demselben Hotel, besuchten zusammen Restaurant, Caffee, Theater; immer wurde die Sprache der lieben Heimat gesprochen, und namentlich theilten wir einander mit, was die Briefe eines Jeden meldeten; das war recht herzlich und angenehm, aber es ist nicht die rechte Art und Weise, im Auslande zu leben. Damals gefiel es mir aber sehr. Alles wurde gesehen und mußte gesehen werden, deshalb hatte man ja die Heimat verlassen.

Ich war auf dieser meiner ersten Reise fortwährend wie die Anderen in Bewegung, sah und sah, aber das Meiste ist wieder aus dem Gedächtniß verwischt. Das mächtige Versailles mit den reichen Sälen und großen Bildern wurde bei mir gleich wieder durch Trianon verdrängt; mit frommem, heiligem Gefühl betrat ich das Schlafzimmer Napoleon's, Alles stand noch da wie bei seinen Lebzeiten. In dem Garten des Klein-Trianon besuchte ich den Meierhof, wo Maria Antoinette, als Bauermädchen gekleidet, die Milchkammer und Alles, was dazu gehörte, besorgt hatte; von hier nahm ich eine Caprifolium-Blume, die sich an das Zimmer-Fenster der unglücklichen Königin hinaufrankte; von dem mächtigen Versailles wurde, des Contrastes wegen, ein kleines Gänseblümchen entnommen.

Von berühmten Personen in Paris sah, oder richtiger, sprach ich nur wenige; einer dieser, zu dem ich durch einen Brief von unserem Balletmeister Bournonville August Bournonville ist in Kopenhagen am 21. Aug. 1805 von französischen Eltern geboren. Sein Vater war einer der berühmtesten Tänzer seiner Zeit. August Bournonville hat in seiner Wirksamkeit als Tänzer und Balletmeister an der königlichen Bühne Großes geleistet. Er kann mit vollem Recht den Anspruch auf den Titel eines »Balletdichters« machen, denn seine Compositionen enthalten oftmals mehr dramatischen Stoff als hundert Dramen. Er hat sich auch als genialer Schriftsteller in der dänischen Literatur einen Namen gemacht. Der Uebers. Zutritt bekam, war der Vaudeville-Dichter Paul Duport; sein Drama, » Der Quäker und die Tänzerin«, war auf dem Repertoir des Kopenhagener Theaters, es war vortrefflich gespielt worden und hatte großes Glück gemacht; dies zu hören, erfreute den alten Mann sehr und durch die Mittheilung hiervon, so wie durch den Brief, den ich ihm brachte, schien ich ihm ein willkommener Gast zu sein; indeß entstand gleich eine recht komische Scene zwischen uns, ich sprach schlecht französisch, er meinte deutsch sprechen zu können, aber so wie er es aussprach, wurde es nur ganz unverständlich; nun glaubte er, dies liege in der Wahl der Worte und holte daher ein deutsches Wörterbuch hervor; dieses blieb nun auf seinem Schooß liegen und er suchte in demselben die Worte auf, aber mit Wörterbuch zu reden, geht etwas langsam und paßte so wenig für einen Franzosen wie für mich.

Ein anderer Besuch war bei Cherubini Luigi Maria Cherubini, geboren den 8. September 1760 in Florenz, starb als Direktor des Musik-Conservatoriums in Paris am 16. März 1842; Er hat viele Opern, wovon wenige heute noch gegeben werden, und Requiem componirt. Der Uebers., zu dem ich eigentlich im Auftrag Weyse's gesandt war. Der alte Mann ähnelte sehr den Portraits, die ich von ihm gesehen hatte; er saß an seinem Clavier und hatte auf jeder Schulter eine Katze sitzen. Von Weyse hatte er nie etwas gehört, nicht einmal dessen Namen, und er bat mich, ihm etwas über die mitgebrachte Musik zu sagen; von dänischen Componisten kannte er nur Claus Schall, welcher Musik zu den Balletten Galeotti's geschrieben hat; er hatte einige Zeit mit Schall zusammen gelebt, derselbe interessirte ihn. Weyse hörte nie etwas von Cherubini und ich sah ihn auch nicht wieder.

Eines Tages trat ich in » Europe literaire «, eine Lesehalle ein, in welche mich Paul Duport eingeführt hatte; dort trat ein kleiner Mann von israelitischem Aeußeren freundlich auf mich zu. »Ich höre, daß Sie ein Däne sind«, sagte er, »ich bin ein Deutscher; Dänen und Deutsche sind Brüder, deshalb reiche ich Ihnen die Hand!«

Ich fragte nach seinem Namen und er sagte » Heinrich Heine

Es war also der Dichter, der mich kürzlich in der jungen exotischen Periode meines Lebens so ganz erfüllt, so ganz meine Gefühle und Stimmungen ausgesungen hatte. Niemand wollte ich lieber sehen und treffen, als ihn; und dieses Alles sagte ich ihm.

»Das sind Redensarten«, sagte er lächelnd, »hätten Sie sich, wie Sie sagen, für mich interessirt, dann hätten Sie mich besucht!«

»Das wagte ich nicht!« antwortete ich; »Sie haben so viel Sinn für das Komische und würden es komisch gefunden haben, wenn ich, ein Ihnen ganz unbekannter Dichter aus dem wenig bekannten Dänemark zu Ihnen gekommen wäre und mich selbst als dänischen Poeten vorgestellt hätte; ich weiß auch, daß ich mich linkisch betragen haben würde, und hätten Sie dann gelacht oder vielleicht gar darüber gespöttelt, dann würde dies, gerade weil ich Sie so hoch stelle, mich unendlich betrübt haben, und ich wollte lieber die Freude einbüßen, Sie zu sehen«

Meine Worte machten einen guten Eindruck auf ihn, er war besonders freundlich und liebenswürdig; gleich Tags darauf besuchte er mich im Hôtel Vivienne , wo ich wohnte. Wir begegneten uns öfter, spazierten einige Mal auf dem Boulevard zusammen, allein ich hatte damals noch kein rechtes Vertrauen zu ihm, empfand auch nicht die herzlichere Annäherung, die er mir später, nach Jahren, bei einer darauffolgenden Begegnung zeigte, nachdem er den » Improvisator« und einige meiner Märchen kennen gelernt hatte; nun, beim Abschied, als ich von Paris nach Italien reiste, schrieb er mir:

 

»Ich möchte Ihnen schon, werthester College, einige Verse hier auf's Papier kritzeln, aber ich kann heute kaum leidlich in Prosa schreiben.

Leben Sie wohl und heiter. Amüsiren Sie sich recht hübsch in Italien; lernen Sie recht gut Deutsch in Deutschland, und schreiben Sie dann in Dänemark auf Deutsch, was Sie in Italien gefühlt haben. Das wäre mir das Erfreulichste.

Paris, 10. August 1833.
H. Heine

Das erste französische Buch, welches ich in der Original-Sprache in Paris zu lesen versuchte, war Victor Hugo's Roman » Notre Dame «; ich konnte dort die Kirche selbst und die ganze Scenerie der Dichtung täglich besuchen; ich war von diesen effectvollen Schilderungen, diesen dramatischen Charakteren erfüllt, und was lag somit näher, als den Dichter zu besuchen; er wohnte in einem Eckhaus des Place royal; die Zimmer waren altmodisch und ringsum in denselben hingen Kupferstiche, Holzschnitte und Gemälde mit » Notre dame«; er selbst war im Schlafrock, Unterbeinkleider und eleganten Morgenstiefeln, als er mich empfing, und als ich beim Abschied ihn, den gewiß von Reisenden geplagten Dichter, seinen Namen auf ein Papier für mich zu schreiben bat, erfüllte er auch meinen Wunsch, schrieb aber den Namen dermaßen am oberen Rande des Papiers, daß mir sofort der Gedanke kam: er kennt Dich nicht und ist vorsichtig, damit nicht Platz für eine einzige Zeile oberhalb seines Namens übrig sein soll, unter welcher alsdann sein Name als Unterschrift stehen würde, und dies machte einen üblen Eindruck auf mich. Erst bei einem späteren Aufenthalt in Paris lernte ich den Dichter besser kennen, doch hiervon später.

Während der ganzen Reise nach Paris und des ersten Monats dort, erhielt ich kein Wort aus der Heimat. Niemand schrieb an mich. Vergeblich fragte ich auf der Post nach Briefen; vermochten meine Freunde mir vielleicht nichts Erfreuliches aus der Heimat zu melden, mißgönnte man mir noch immer die Reiseunterstützung, die mir meine vielen Atteste verschafft hatten? Dies lastete schwer auf meinem Herzen. Endlich kam aber ein Brief an; derselbe war freilich theuer, aber er war so prächtig groß, mein Herz klopfte in Freude und Sehnsucht nach dem Inhalt: es war der erste Brief aus der Heimat; ich öffnete denselben, allein nicht ein geschriebenes Wort erblickte ich, nur eine gedruckte Zeitung mit einem Schmähgedicht über mich »Kjöbenhavnsposten«, herausgegeben von A. P. Liunge. Montag den 13. Mai 1833.:

Ein Lebewohl an Andersen! Wörtlich übersetzt.

»Du also willst von Dän'mark fort«,
Wo doch so Viele mit Dir kos'ten,
Bevor Du rechten Grund gelegt,
Noch recht nicht aus dem Ei gekrochen.
»Der Sohn soll von der Heimat nicht
Hinaus in fremde Länder gehen«,
Bevor die Muttersprach' er kann
Und etwas mehr dazu verstehen.

Ist auch nicht recht, daß Du verläßt
Das kleine Dän'mark, wo der Blätter,
Die Du mit Versen fast bemalt,
Man immerhin sich noch entsinnet.
War es doch Deine größte Lust,
Den Leuten diese vorzulesen,
Wer soll jetzt lauschen Deinem Sang? –
O, Du wirst schon zurück Dich sehnen.

Entsinnst Du Dich, wie manchen Sang
Du aus der Tasche zogst und last ihn
Auf Straßen, Plätzen allenthalben
In Wind und Wetter selbstzufrieden –?
Und weißt Du noch wie manchen Thee,
Du wäss'riger zu machen halfest,
Wenn Deinen Raben, eins, zwei, drei,
Du plappertest, daß Gott erbarm!

Und Du willst fort vom dän'schen Land?
So 'was ist noch nicht da gewesen!
Ich wette, man in Bälde schickt
Dich mit Protest zu uns zurück.
Verstehst kein Deutsch, auch Dänisch nicht,
Vom Englisch noch weit weniger weißt Du,
Und der Franzose gar wird denken,
Der Bengel kann die Zung' nicht lenken.«
u. s. w. u. s. w.

Dies wurde mir gedruckt gesandt, gewiß vom Verfasser selbst; es kam unfrankirt den langen Weg von Kopenhagen nach Paris. Das war der erste Gruß, den ich aus der Heimat bekam! Ich war tief erschüttert, betrübt bis in's Herz hinein, es war blutig boshaft! Ich habe später nie erfahren, wer der Verfasser war, seine Verse scheinen aber aus einer geübten Feder geflossen zu sein; vielleicht war er Einer derjenigen, die mich später »Freund« nannten und mir die Hand drückten. Die Menschen haben böse Gedanken, ich habe auch die meinigen!

In Paris blieb ich bis nach dem Julifeste; dasselbe hatte damals noch seine Frische, und ich war am ersten Festtage Augenzeuge der Enthüllung der Napoleonssäule auf dem Vendôme-Platz. Am Abend vorher, während die Arbeiter noch mit derselben beschäftigt waren und die Statue von Teppichen verhüllt war, die Leute in Gruppen auf dem Platze standen, wo auch ich mich befand, trat eine wunderliche, hagere, alte Frau auf mich zu und sagte lachend mit einem Ausdruck von Wahnsinn zu mir: » Dort haben sie ihn hinaufgesetzt! Morgen reißen sie ihn wieder hinunter, ha, ha, ha! ich kenne die FranzosenVon mir als eine Prophezeiung, die sich im Laufe der Zeit erfüllte, gesperrt geschrieben. Der Uebers. Unheimlich gestimmt verließ ich den Platz. Tags darauf saß ich unter der Volksmenge, hoch oben auf einer Tribüne an der Ecke. Louis Philipp mit seinen Söhnen und Generalen waren zugegen, die Bürgergarde zog einher mit Musik und hatten Blumensträuße in den Gewehrläufen; es wurde Hurrah gerufen, aber auch manch zorniges » à bas les forts!« Unter König Louis Philipp, zu welcher Zeit Thiers Minister war, wurden die Pariser Befestigungen angelegt, die im Kriege 1870/71 die erste Probe bestehen sollten. Der Uebers. Im Hôtel de Ville fand ein Volksball im großen Style statt; alle Stände waren dort, vom Königshause bis zu den Fischweibern herab. Das Gedränge war so groß, daß Louis Philipp mit Gemahlin nur mühsam die für sie bestimmten Plätze erreichten, und was einen unheimlichen Eindruck auf mich machte, war, daß das Orchester, gerade als die königliche Familie eintrat, die Tanzmusik aus der Oper »Gustav III.« in der Scene spielte, in welcher König Gustav erschossen wird; ich glaubte, im Antlitz der Königin Amalie einen ähnlichen Eindruck wie den, welchen ich empfand, zu lesen; sie war todtenblaß und klammerte sich fest an Louis Philipp an, der mit jovialem Lächeln nach allen Seiten grüßte und mehreren Personen die Hand reichte. Der Herzog von Orleans, ein junger, blühender, höchst einnehmender Mann, tanzte mit einem ärmlich gekleideten Mädchen, gewiß einem aus den niedrigsten Ständen. Mehrere Tage hindurch dauerte das Fest und die Herrlichkeit; Abends brannten Trauerflammen auf den Gräbern der Gefallenen, die mit Immortellenkränzen geschmückt waren; Tourniere in Böten fanden auf der Seine statt, allerlei Lustbarleiten im Champs d'Elysée. Alle Theater in Paris waren geöffnet und zwar mitten am Tage; es wurden Vorstellungen vor offenen Thüren gegeben, Jeder konnte kommen und gehen, wie er wollte; mitten in Tragödie und Oper stürzte plötzlich das Volk hinein, » la Parisienne« und » allons enfants!« singend; Abends flammten Raketen und Feuersonnen in der Luft; es war große Illumination, in ihrem Strahlenglanz sah man die Kirchen und öffentlichen Gebäude. So endete mein erster Pariser Besuch, die Finale konnte nicht glänzender und festlicher sein, als sie war.

Was mein Französisch betraf, so hatte ich während des dreimonatlichen Aufenthaltes in Paris keine großen Fortschritte gemacht; denn, wie gesagt, wir Dänen waren zu viel beisammen; ich fühlte indeß, daß es nothwendig sei, etwas mehr von dieser Sprache zu lernen, und beschloß deshalb einige Zeit in einer Pension in der Schweiz zu verleben, wo ich genöthigt war, nur französisch zu sprechen, allein ein solcher Aufenthalt, sagte man, würde theuer sein.

Nach dem Pariser Aufenthalt würde die Einsamkeit im Gebirge mir gerade doppelt angenehm sein; ich wünschte dort in Ruhe eine Dichtung zu vollenden, die mich erfüllte. Der Reiseplan wurde somit entworfen, die Reise sollte über Genf und Lausanne nach der kleinen Stadt Le Locle im Juragebirge gehen.

Unter den Landsleuten, die ich in Paris verließ, befanden sich zwei, die zu den berühmten Männern Dänemarks gehörten; Beide waren mir freundlich und herzlich entgegengekommen; ich muß einige Augenblicke bei diesen Beiden verweilen; der Eine war Verfasser der »Vonner und Vanner«, der » Laterna magica«, der Dichter Peter Andreas Heiberg Geboren den 16. November 1758 in Vordingborg, wurde 1830 wegen seiner freiheitlichen Gesinnung, die sich in allen seinen Schriften aussprach, des Landes verwiesen und fand in Paris ein Asyl, wo er den 31. April 1841 starb. Der Uebers., welcher in einer Zeit, gar verschieden von der unserigen, aus Dänemark verwiesen worden war und Paris als seine neue Heimat gewählt hatte; seine Geschichte ist allen Dänen bekannt. Ich suchte ihn auf. Er wohnte in einem der kleinen Hotels und war ein alter, fast blinder Mann. Sein Sohn, Johann Ludwig Heiberg Siehe Seite 69 dieses Bandes. Der Uebers., unser jetziger Theaterdirector, hatte damals kürzlich Johanna Louise Pätges Geboren in Kopenhagen am 22. November 1812 von deutsch geborenen Eltern. Johanna kam früh in die Tanzschule und zeigte hier entschieden dramatisches Talent und bereits am 14. Mai 1823-11 Jahre alt – trat sie m Oehlenschlägers »Correggio« als Giovanni auf und ihr Glück war gemacht. 16 Jahr alt übernahm sie die Rolle einer Weltdame und schuf von nun an Meisterwerke der Darstellungskunst. Es würde uns hier zu weit führen, ihr auf ihrer Künstlerbahn zu folgen und von ihren Triumphen zu berichten. Bald nach dem Tode ihres Mannes wurde sie Instruktice am königlichen Theater und zog sich nach einigen Jahren ganz von der Bühne zurück, und lebt geachtet und geehrt in ihrer Vaterstadt. Der Uebers., Dänemarks, ja, man darf gewiß sagen, eine der gefeiertsten und geschätzten Schauspielerinnen des Zeitalters geheirathet; der alte Heiberg interessirte sich lebhaft dafür, über sie zu hören, allein ich hörte heraus, daß er noch in altmodischen, vielleicht parisischen Anschauungen von Bühnenkünstlerinnen lebte. Was ihm am meisten zuwider sei, sagte er, war, daß die Frau seines Sohnes von einem Theaterdirector commandirt werden solle; es schien, als betrachtete er einen, solchen als einen Tyrann; indeß sei er erfreut von mir und, wie er sagte, von allen Dänen zu erfahren, daß sie eine höchst respectable Frau und ein wirkliches Talent sei. Schade, daß er niemals ihr Genie, ihre Bedeutung für die dänische Bühne, ihren hohen geistigen Rang kennen lernte! Er fühlte sich übrigens einsam, und es war ein trauriger Anblick, ihn, halb erblindet, sich durch die bekannten Bogengänge des Palais Royal helfen zu sehen. Bei meiner Abreise schrieb er in meinem Album:

»Empfangen Sie den freundschaftlichen Abschiedsgruß eines blinden Mannes!

Paris, 10. August 1833.
P. A. Heiberg.«

Mein zweiter berühmter Landsmann war Etatsrath Bröndsted, den ich oberflächlich in dem Hause des Admirals Wulff hatte kennen gelernt; er kam von London nach Paris, und hier las er » Des Jahres zwölf Monate«; er hatte früher nichts von mir gelesen; meine Verse sprachen ihn an, er wurde mir gut und war mir ein geistreicher Lenker und Umgangsfreund. Eines Morgens, kurz vor meiner Abreise, gab er mir das nachstehende Gedicht, welches er für mich geschrieben hatte: In wörtlicher Uebersetzung.

»Meinen Dank für der Monde schön Gedicht!
Ich sehe, daß der liebe Heimat Taube fand
Ein nordisch Amalthea-Horn so reich,
Wo sich der Heimat Himmel wölbet.
Jetzt fliegt begeistert sie nach Roma hin,
In Alba, Nemis Spiegeln sich zu schauen,
Sich an des Aetnariesen Flammen zu erheben:
Und wenn mit Lust wir wieder sie begrüßen,
Wenn sie in Mnemosynes Hain geschlummert,
Wenn sie des Südens Licht und Feuer hat gefunden,
Dann bringt den Lorbeerkranz sie, Freund, für Dich!

Paris, im Hochsommer 1833.
Bröndsted

Mehrere Tage und Nächte dauerte die Reise, eingezwängt in der übervollen Diligence. Die kleinen Märchen des Reiselebens entrollten sich, während wir vorwärts rollten; einige sind in der Erinnerung haften geblieben, und von diesen werde ich eins niederschreiben.

Wir waren aus dem flachen Frankreich in's Juragebirge gelangt; hier in einem kleinen Dorfe, es war spät am Abend, und ich der einzige Passagier im Wagen, ließ der Conducteur zwei junge Pächtertöchter zu mir einsteigen. »Ließen wir sie nicht mit uns fahren«, sagte er, »dann hätten sie so spät noch über zwei Stunden öden Weges zu gehen!« Es entstand ein Flüstern, ein unterdrücktes Lachen und Neugier ihrerseits; sie wußten, daß ein Herr im Wagen sei, aber sehen konnten sie mich nicht; endlich faßten sie Muth und fragten, ob ich ein Franzose sei, und als sie erfuhren, daß ich aus Dänemark, wußten sie Bescheid. Dänemark sei Norvège, entsannen sie sich aus der Geographie; Copenhague konnten sie nicht aussprechen, sondern sagten stets Corporal, und nun gingen sie weiter und fragten, ob ich jung oder alt sei, ob verheirathet, und wie ich aussehe; ich drückte mich in die finstere Ecke und gab ihnen eine Beschreibung, so ideal ich es vermochte, und sie verstanden den Scherz, und als ich dann nach ihrem Aeußeren fragte, schilderten sie sich als wahre Schönheiten. Sie baten eindringlichst, ich möchte ihnen aus der nächsten Station mein Gesicht zeigen, ich ließ mich darauf nicht ein und sie stiegen aus, jede das Gesicht mit dem Taschentuch verhüllt, lachend und lustig reichten sie mir die Hand; sie waren sehr jung, die Figuren schön. Als ein lachendes Bild aus meinem Reiseleben stehen die zwei unbekannten, nie gesehenen, lustigen Mädchen.

Der Weg führte längs tiefer Abgründe, die Bauernhäuser dort unten erschienen so klein als seien sie Spielzeug, die Wälder als Kartoffeläcker; plötzlich öffnete sich zwischen zwei Felsen eine Aussicht nach – ja, mir erschien es wie ein Nebelspiel, wie schwimmende Wellenberge – es waren die Alpen mit dem Montblanc, die ich zum ersten Male sah; der Weg führte abwärts, immer an den Abgrund hin, es war, als flögen wir hinab durch die Luft, Alles sahen wir in der Vogelperspective; es stieg ein starker Rauch empor, ich glaubte, derselbe käme aus einem Kohlenmeiler, allein es war eine Wolke, die sich zu uns emporhob, und als sie über uns stand, lag vor uns Genf und der Genfersee, die ganze Alpenkette, der untere Theil im bläulichen Nebel, die obersten Gebirgsformen scharf und finster; die Gletscher glänzten im Sonnenglanze; es war Sonntag-Morgen, eine heilige Sonntags-Andacht erfüllte meine Brust hier in der großen Kirche der Natur.

In Genf, wußte ich, lebte der alte Purari mit seiner Familie, welcher als Emigrant nach Kopenhagen gekommen war und sich dort längere Zeit aufgehalten hatte; alle Dänen waren bei ihm gern gesehene Gäste; ich fragte auf der Straße einen Mann nach dem Hans Purari's, derselbe war gerade einer seiner Freunde und führte mich gleich zu den herzlichen freundlichen Menschen. Die Töchter sprachen Dänisch, nur von Dänemark, von Henrik Hertz Der in Deutschland namentlich durch sein Drama »König René's Tochter« allgemein bekannte Dichter, geboren den 25. Aug. 1798 in Kopenhagen, starb daselbst am 26. April 1870. Von seinen Werken habe ich übersetzt »Tonietta«, Lustspiel in 4 Aufzügen (Kopenhagen 1850) und »Einquartirung« in 1 Act ist im Mai 1878 im Stadttheater in Berlin zum ersten Male zur Aufführung gelangt. Der Uebers., welcher ein Schüler Purari's gewesen war, und von dem besonderen Glück und dem Aufsehen, welches den »Briefen eines Verstorbenen« ( Gjengangerbrevene) zu Theil geworden waren, wurde gesprochen. Purari erzählte von seinem Aufenthalt in Kopenhagen, wo er sich durch Handel mit Eisenwaaren und durch Unterrichtgeben im Französischen ernährt hatte.

Ueber Lausanne und Vevey erreichte ich Chillon, das alte malerische Mord-Schloß, für welches schon Byron's Gedicht » The prisoner of Chillon« mein Interesse im Voraus erweckt hatte Auch König Oscar II. von Schweden hat in seinen (von mir übersetzten) Gedichten, Berlin 1876, dies Schloß besungen. Der Uebers.. Die ganze Gegend hier machte auf mich den Eindruck des Südens, ungeachtet die Berge Savoyens, die vor mir lagen, im Schnee erglänzten; aber unten an dem tiefen grünen See, wo das Schloß lag, erstreckten sich Weinfelder und Maisacker, prächtige alte Kastanien warfen ihren Schatten, und einzelne derselben lugten in reicher Fülle mit den Zweigen weit über den See hinaus. Ich trat über die Zugbrücke in den düsteren Hofraum, sah oben in der Mauer die schmalen Oeffnungen, von welchen herab ehemals siedendes Oel und Wasser über die Angreifer gegossen wurde. Drinnen in den Kammern waren Fallluken, die, wenn sie betreten wurden, umkippten und das unglückliche Opfer in den tiefen See stürzen oder auf Eisenspitzen spießen ließen, die unter denselben sich in dem Felsen befanden. Im Keller verrosten jetzt die eisernen Ringe, an welche die Ketten der Gefangenen befestigt gewesen waren; ein flacher Stein war ihre Schlafstelle gewesen. In eine der Säulen hatte Byron im Jahre 1826 seinen Namen eingehauen; die Frau, die mich herumführte, erzählte, daß sie den Mann nicht gekannt habe und ihn daran hätte verhindern wollen, es aber nicht gekonnt hätte, und nun sähen alle Menschen diese Buchstaben an, denn »es war eine ungewöhnliche Person, dieser Herr!« sagte sie und nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe.

Von Chillon nach dem Juragebirge ging es immer aufwärts, und ich erreichte mein neues Heim, die kleine Uhrmacherstadt Le Locle Seinen Aufenthalt im Schweizer Hochgebirge hat der Dichter in seinem spannenden Märchen »Die Eisjungfrau« Band II. Seite 311 bis 377 verwerthet. Der Uebers..

Dieselbe liegt hoch auf dem Jura in einem Thal, welches zur Zeit der Vorwelt ein See gewesen sein muß, man findet hier noch Versteinerungen von Fischen; oft liegen die Wolken unter dieser Höhe. Hier war eine Ruhe, eine Stille verbreitet zwischen den dunklen Tannen, das Gras war so frisch grün und ringsum glänzten aus demselben die saftigen, violetgefärbten Crocus. Die Bauernhäuser waren weiß und nett und alle voll Uhren, welche die Leute hier verarbeiten; die Vogelbeerbäume mit ihren rothen Büscheln erinnerten an die Bilder in der Fibel – und die Beeren selbst waren schön roth und erinnerten an die Heimat. Le Locle selbst ist eine recht ansehnliche Stadt. Und hier war es, wo ich ein liebes Heim bei guten, lieben Menschen fand, bei der Familie Honriet; der Mann war der Schwager unseres verstorbenen tüchtigen Uhrmachers Urban Jürgensen in Kopenhagen. Gleich einem lieben Verwandten wurde ich empfangen, hier war nicht die Rede davon, daß ich in Pension irgendwo sein solle, wo ich bezahlen konnte, »es ist eine Einladung!« sagten Mann und Frau, sie drückten mir freundlich die Hände, die Kinder, selbst die kleinen, schlossen sich bald an mich an, gerade wir wurden gute Freunde. In der Familie waren zwei prächtige alte Tanten, Rosalie und Lydia; es wurde mir eine gute Uebung im Französischen, ihnen von Dänemark, von ihrer lieben Schwester dort zu erzählen, die sie nicht wieder gesehen hatten, seitdem dieselbe ganz jung mit ihrem Manne davonzog. Man sprach hier oben nur Französisch, verstand nur Französisch, und ich sprach es schlecht, aber man verstand mich doch und ich sie. Wir befanden uns im Monat August, aber es wurde schon Morgens und Abends eingeheizt, an einzelnen Tagen fiel Schnee, aber ich wußte, daß es unterhalb der Juraberge noch warmer, prächtiger Sommer sei, und daß ich in ein paar Stunden in dieselben hinabgelangen könnte. Hier war Abends eine fast feierliche Ruhe über die Natur verbreitet, und drüben von der französischen Grenze her, jenseits des Flusses tönten die Abendglocken zu uns herauf. Eine Strecke von der Stadt lag ein einzelnes Haus, weiß angestrichen und freundlich; wenn man hineintrat und durch zwei Keller hinabstieg befand man sich an einem der Oberwelt unsichtbaren Fluß; welcher durch den Berg floß und hier die Räder einer Mühle trieb. Ich besuchte öfter diesen Ort und auch den weiter liegenden Doubfall. In dem Roman »O. T.« ist das Andenken an diesen Ort, an den ganzen schönen Aufenthalt in Le Locle niedergelegt.

Auf der Reise vom Hause und während meines ganzen Aufenthaltes in Paris erfüllte mich die Idee einer neuen Dichtung, und je nachdem sie immer fester in den Gedanken wuchs, je nachdem alle Einzelheiten sich klärten, hoffte ich durch diese Arbeit meine Feinde zu gewinnen und von diesen als ein wahrer Dichter anerkannt zu werden. Ich wollte das alte Volkslied von » Agnate und dem Meermann« behandeln. In Paris vollendete ich den ersten Theil, in Le Locle den zweiten Theil, und beide mit einem Vorwort, wurden von hier aus in die Heimat gesandt; ich würde dieses letztere jetzt nicht so abgefaßt haben und auch die Behandlung von Agnate würde jetzt eine andere als damals geworden sein; das Vorwort charakterisirt mich um jene Zeit:

 

»Schon als Kind ergriff mich das alte Lied von › Agnate und dem Meermann‹, dessen doppelte Welt: die Erde und das Meer; älter geworden, erblickte ich darin das große Lebensbild mit dem nie befriedigten Sehnen des Herzens, dessen wunderliches Trachten nach einem neuen, einem andern Sein. Das alte Lied aus der Heimat erklang vor meinem Ohr inmitten des lebensfrischen Paris, es begleitete mich auf dem lustigen Boulevard und unter den Kunstschätzen des Louvre. Das Kind wuchs unter meinem Herzen, bevor ich es selbst recht wußte.

Weit von Paris, hoch oben auf den Jurabergen, in einer nordischen Natur, zwischen schwarzen, todesstillen Tannenwäldern ist Agnate geboren, aber sie ist dänisch an Seele und Gemüth. Ich sende das liebe Kind in mein Vaterland, wo es heimisch ist. Empfanget sie freundlich, sie bringt Euch Allen meinen Gruß; draußen wird jeder Däne uns ein Freund, ein Bruder, sie geht also zu Verwandten und Freunden.

Der Schnee fällt an mein Fenster, schwere Winterwolken lagern auf dem Walde, aber unterhalb der Berge ist Sommer, sind Trauben und Mais. Morgen fliege ich über die Alpen nach Italien hinab: vielleicht träumt mir dort ein schöner Traum, den sende ich dann meinem Dänemark; denn der Sohn muß ja der Mutter seine Träume erzählen. Lebet wohl!

Le Locle im Juragebirge, den 14, September 1833.
H. C. Andersen

Meine Dichtung erreichte Kopenhagen, wurde gedruckt und herausgegeben, man lachte über die Vorrede, über die Tirade von Agnate: »das Kind wuchs unter meinem Herzen, bevor ich es selbst recht wußte!« Das Buch wurde kalt aufgenommen, und es hieß, daß ich, um Oehlenschläger zu ähneln, der, als er auf Reisen war, Meisterwerke nach der Heimat gesandt hatte, nun auch unglücklicherweise ihm nachahmen wolle. Zur selben Zeit als Agnate erschien, gab Fr. Paludan-Müller gerade sein » Amor und Psyche« heraus, eine Dichtung, die Alle hinriß und erfüllte. Die Schwächen in meinem Buche wurden hierdurch gleichsam mehr empfunden; es wurde in der »Monatsschrift für Literatur« besprochen, aber belobt wurde es nicht. Auch auf H. C. Oersted übte das Gedicht nicht die Wirkung aus, die ich damals vorausgesetzt hatte; in einem längeren, freundschaftlichen Schreiben vom 8. März 1834, welches ich in Italien von ihm erhielt, sprach er sich offen gegen mich darüber aus, was ich damals zwar nicht, aber jahrelang darnach als berechtigt erkannte Siehe Beilage II..

Meine Dichtung » Agnate« mit allen ihren Fehlern war doch ein Schritt vorwärts; meine rein subjective Dichternatur strebte hier sich objectiv zu entfalten; ich befand mich in einer Uebergangsperiode, und dieses Gedicht schloß gleichsam mein rein lyrisches Stadium ab. Nach Jahren sprach die Kritik sich anders anerkennend aus und sagte, wenn dieses Gedicht auch bei seinem Erscheinen geringere Aufmerksamkeit erweckte als frühere weniger vollkommene Arbeiten, so klinge die Poesie hier tiefer, voller, in kräftigeren Tönen. Daß es später mit Kürzungen und einzelnen Veränderungen auf die Bühne gebracht wurde, war ein Versuch, bei einer Sommervorstellung der Schauspieler volles Haus zu machen, wie man in der Theatersprache zu sagen pflegt. Es wurde ein paar Mal gegeben; ich befand mich auch damals im Auslande; aber ungeachtet Frau Heiberg, wie man gesagt hat, die Rolle Agnate's genial und rührend gab, und Niels Gade Niels Wilhelm Gade, geboren in Kopenhagen den 22.Oktober 1817 ist als hervorragender Componist auch in Deutschland bekannt, seine Schöpfungen werden überall aufgeführt, wo man Sinn für klassische Musik hat. Während der Jahre 1844-1846 war er Direktor der Concerte im Gewandhause zu Leipzig und seitdem lebt er in seiner Vaterstadt, wo er Dirigent des Musikvereins ist. Der Uebers. eine wunderschöne Musik zu den einzelnen Liedern und Chören componirt hatte, verschwand es dennoch bald wieder von der Bühne.

Während Agnate nach dem Norden ging, wanderte ich Tags daraus nach dem Süden, nach Italien, wo gleichsam ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnen sollte.

Meine Abreise von den lieben Menschen in Le Locle rief förmlich Trauer im Hause hervor; die Kinder weinten, waren wir doch Freunde geworden, ungeachtet ich ihr Patois nicht verstand; sie schrien es mir laut in die Ohren hinein und zwar in dem Glauben, daß ich taub sein müsse, wenn ich sie nicht sogleich verstehe. Selbst die Dienstleute reichten mir mit Thränen die Hand, und die alten Tanten hatten mir wollene Hand-Muffchen gestrickt zum Schutz gegen die Kälte über den Simplon.

Für mich beschließt » Agnate« und der Aufenthalt in Le Locle einen Abschnitt meines Dichterlebens.

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