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IV. Das junge Ehepaar in Bagrowo

Nach dem Dankgottesdienste, welchen der Schwiegervater und die Schwiegertochter mit inbrünstigem Gebet begleitet hatten, küßten alle das Kreuz. Der Priester besprengte die Neuvermählten und die übrigen Anwesenden mit Weihwasser; dann ging das Umarmen und Küssen wieder los, mit den üblichen Redensarten untermischt: »Ich bitte um Liebe und Freundschaft.« »Ich empfehle mich Ihrem verwandtschaftlichen Wohlwollen.« Das sagten natürlich diejenigen, die die junge Frau noch nicht kannten. Stepan Michailowitsch schwieg. Er blickte nur mit Liebe in das glühende Antlitz, in die tränenglänzenden Augen Sofja Nikolajewnas, lauschte jedem ihrer Worte, beobachtete jede ihrer Bewegungen. Endlich nahm er die Schwiegertochter bei der Hand, führte sie in den Salon, setzte sich aufs Sofa und ließ die Neuvermählten neben sich Platz nehmen. Arina Wasiljewna ließ sich am andern Ende des Sofas, ihrem Sohne zur Seite, nieder. Die Töchter des Hauses und ihre Männer setzten sich im Kreise um diese Gruppe herum. Ich muß bemerken, daß Stepan Michailowitsch sich nie im Salon aufhielt und ihn nur in ungewöhnlichen Fällen, und auch dann nur auf kurze Zeit, betrat. Im ganzen Hause hatte er nur sein eigenes Zimmer gern und die schlicht aus Balken und Brettern gezimmerte Freitreppe vor der Haustür. Er hatte sich an diese Räume so gewöhnt, daß er sich im Salon unbehaglich, gleichsam nicht zu Hause fühlte. Für dieses Mal jedoch überwand er seinen Widerwillen und knüpfte mit Sofja Nikolajewna ein freundliches Gespräch an. Vor allem erkundigte er sich nach der Gesundheit seines lieben Gevatters Nikolai Fjodorowitsch, drückte sein herzliches Bedauern aus, als er hörte, daß der Kranke mit jedem Tage schwächer werde, und fügte hinzu, daß er seine teuren Gäste nicht zu lange in Bagrowo aufhalten werde. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß die junge Frau im Reden nicht zurückblieb und sich nicht nur fein, sondern auch zuvorkommend und herzlich benahm. Arina Wasiljewna, von Natur gutmütig, folgte dem Beispiele ihres Mannes, soweit sie es vermochte, und soweit sie es in Gegenwart ihrer Töchter wagte. Aksinja Stepanowna hatte beim ersten Blicke ihre Schwägerin liebgewonnen und betrug sich freundlich gegen sie. Die übrigen schwiegen; es war aber nicht schwer, aus ihren Blicken ihre Gedanken zu erraten. Nach Verlauf einer halben Stunde flüsterte die junge Frau ihrem Manne etwas ins Ohr, der eilig aufstand und in das für sie vorbereitete Schlafgemach ging, das sich neben dem Salon befand. Stepan Michailowitsch stutzte; doch wußte Sofja Nikolajewna ihn durch ein so lebhaftes Gespräch zu beschäftigen, daß er abgelenkt wurde und sehr erstaunt war, als kurz darauf beide Türflügel sich öffneten und Alexei Stepanowitsch hereintrat, ein großes silbernes Präsentierbrett tragend, das mit Hochzeitsgeschenken so beladen war, daß es sich unter der Last bog. Sofja Nikolajewna stand behende auf, nahm ein Stück des feinsten englischen Tuches und eine Jacke aus Silberstoff, reich mit Goldfäden gestickt, von dem Brette und reichte beides ihrem Schwiegervater mit dem Bemerken, daß letztere ihre eigene Arbeit sei, was auch vollkommen der Wahrheit entsprach. Stepan Michailowitsch warf zwar seinem Sohne, der noch immer mit dem Präsentierbrette dastand, einen schiefen Blick zu, nahm aber die Geschenke freundlich an und küßte sein Schwiegertöchterchen. Arina Wasiljewna bekam ein seidenes Kopftuch, ganz mit Gold durchwirkt, und ein großes Stück reichen chinesischen Seidenstoffes, der auch damals eine Seltenheit war. Die Schwägerinnen erhielten jede ebenfalls ein Stück Seidenzeug, die Schwäger jeder ein Stück englisches Tuch; natürlich waren diese letzteren Geschenke von etwas geringerem Werte. Es erfolgte ein allgemeines Aufstehen, Küssen, Händeküssen, Sichverneigen und Danken. Die Türe zum Saale knackte unter dem Andrange der neugierigen Zuschauer und Zuschauerinnen; durch die Tür des Schlafzimmers aber guckten furchtsam die fettigen Köpfe der Dienstmädchen, während das übrige Hofgesinde sich nicht in das reich verzierte Zimmer der Neuvermählten wagte. Im Saale entstand Lärm. Die Diener konnten die Menge nicht hinausdrängen, die sie verhinderte, den Tisch zu decken. Stepan Michailowitsch erriet, was vorging, stand auf, trat an die Türe und säuberte mit einem Blicke und dem leise gesprochenen Worte: »Hinaus!« den Saal.

Das Mittagsmahl hatte den gewöhnlichen Verlauf. Die Neuvermählten saßen nebeneinander, zwischen Vater und Mutter. Die Menge der Gerichte war groß, eins fetter und schwerer als das andere. Der Koch Stepan hatte Zimmet, Pfeffer und Gewürznelken und besonders Butter nicht gespart. Der Schwiegervater nötigte freundlich sein neues Töchterchen zum Essen, und das Töchterchen aß, zu Gott flehend, daß sie davon nicht am andern Tage sterben möge. Gesprochen wurde wenig, teils weil das Essen keine Zeit dazu ließ, teils weil niemand Talent zur Unterhaltung besaß und alle mehr oder weniger befangen waren. Dazu kam, daß Erlykin, wenn er nüchtern war, an einer außerordentlichen Wortkargheit litt, die ihm den Ruf eines sehr gescheiten Mannes verschafft hatte, und daß Karatajew es nicht wagte, in Gegenwart seines Schwiegervaters ungefragt den Mund aufzutun, und sich meist mit der Wiederholung der letzten Worte jemandes begnügte, z. B. »Die Heuernte wäre sehr schön ausgefallen, wenn nicht der Regen dazwischen gekommen wäre,« – »wenn nicht der Regen dazwischen gekommen wäre,« wiederholte Karatajew. »Der Roggen hat gut geblüht, aber unerwartet ist ein Frost eingetreten,« – »ist ein Frost eingetreten,« fügte Karatajew schleunig hinzu. Solche Wiederholungen kamen oft recht ungeschickt heraus. Die Alten hatten vergessen, aus Ufa Champagner kommen zu lassen, und auf die Gesundheit des jungen Ehepaars wurde ein drei Jahre alter Erdbeerlikör getrunken, dick wie Öl und im ganzen Zimmer den herrlichsten Erdbeergeruch verbreitend. Wanka Masan, nach Teer riechende Stiefel an den Füßen und mit einem neuen Rocke angetan, der ihm das Ansehen eines kostümierten Tanzbären gab, präsentierte allen nach der Reihe dasselbe weißgeblümte Glas mit einer blauen Spirale im Inneren des Fußes. Als dann die jungen Eheleute für die Glückwünsche danken mußten, war es freilich Sofja Nikolajewna nicht sehr angenehm, aus dem Glase zu trinken, das soeben die fetten Lippen Karatajews berührt hatten. Allein sie zauderte nicht und wollte sogar aus Höflichkeit das ganze Glas austrinken. Doch hielt sie der Schwiegervater davon ab, indem er sagte: »Trink nicht alles aus, liebes Töchterchen, es würde deinem Köpfchen schaden: dieser Likör ist süß und wohlschmeckend, aber stark, und du bist nicht daran gewöhnt.« Sofja Nikolajewna versicherte, daß ein so köstliches Getränk ihr nicht schaden könne, und bat um Erlaubnis, noch ein Schlückchen zu tun, und der Alte hielt ihr scherzend das Glas, während sie noch einmal daran nippte.

Der ganzen Familie war es klar, daß Stepan Michailowitsch mit seiner Schwiegertochter zufrieden war, und daß alles, was sie redete, ihm gefiel. Dasselbe sah auch Sofja Nikolajewna selbst, obgleich sie zu ihrem Staunen bemerkt hatte, daß der Schwiegervater zweimal für einen Augenblick durch etwas unangenehm berührt zu sein schien. Übrigens war sie während der Tafel oft seinem ausdrucksvollen Blick begegnet, der freundlich auf sie gerichtet war. Endlich war das lange und nur für Sofja Nikolajewna ermüdende ländliche Festmahl zu Ende, das sie nach Kräften durch heitere Gespräche zu beleben gesucht hatte. Man erhob sich von den Stühlen. Dem alten Stepan Michailowitsch wurde von seinem Sohne und von seinen Töchtern die Hand geküßt. Dasselbe wollte auch Sofja Nikolajewna tun; aber der Alte entzog ihr seine Hand und umarmte und küßte sie. Dieses Zurückziehen der Hand geschah schon zum zweiten Male, und ihrer leicht erregbaren Natur folgend, sagte Sofja Nikolajewna lebhaft und zärtlich: »Warum geben Sie mir nicht Ihre Hand, Väterchen? Ich bin doch auch Ihre Tochter und möchte sie auch mit Liebe und Ehrfurcht küssen« Aufmerksam und ernsthaft sah der Alte seine Schwiegertochter an und erwiderte freundlich: »Ich habe dich herzlich lieb; aber nur leibliche Kinder dürfen dem Vater die Hand küssen. Ich bin kein Pope Den Popen wird beim Empfang des Segens die Hand geküßt. (Anmerkung des Übersetzers S. R.)

Wieder begab man sich in den Salon und nahm dort wie vorher Platz. Aksiutka brachte den Kaffee, den der Alte nicht mochte, und der nur bei sehr feierlichen Gelegenheiten serviert wurde, der aber ein Lieblingsgetränk der ganzen Familie war. Nach dem Kaffee stand Stepan Michailowitsch auf und sagte: »Nun wäre es Zeit, sich tüchtig auszuruhen, und auch unsere teueren Gäste werden wohl von der Reise müde sein.« Darauf ging er in seine Stube, wohin ihn Sohn und Schwiegertochter geleiteten. »Hier ist mein Nest, Töchterchen,« sagte heiter der Alte. »Setze dich, wenn du hierbleiben willst! Nur ausnahmsweise habe ich mit euch im Salon gesessen, noch dazu mit diesem Kumt beladen« (er wies auf das Halstuch). »Alexei weiß es. Künftig aber bitte ich diejenigen, die mir Gesellschaft leisten wollen, hierherzukommen.« Er küßte die Schwiegertochter, reichte dem Sohne die Hand zum Küssen und entließ sie, worauf er sich entkleidete und sich hinlegte, um von den außerordentlichen Gemütsbewegungen und körperlichen Anstrengungen des Tages auszuruhen. Ein tiefer Schlaf überwältigte ihn auf der Stelle, und bald ertönte sein kräftiges Schnarchen, das den Bettvorhang, den eben Masan über seinem alten Herrn geschlossen hatte, in gleichmäßige Bewegung versetzte.

Dem Beispiele des Hausherrn folgten auch die andern Mitglieder der Familie. Die Schwiegersöhne, denen man es ansah, daß sie tüchtig gegessen hatten (Karatajew hatte augenscheinlich auch tüchtig getrunken), begaben sich auf den Heuboden im Pferdestall, um dort auszuruhen. Die Töchter versammelten sich bei der Mutter, die ihr besonderes Schlafgemach hatte. Hier aber begann ein so eifriges Flüstern und Kritisieren, daß keine der Damen an diesem Nachmittage zum Schlafen kommen konnte. Was da nicht alles der armen Sofja Nikolajewna aufgebürdet wurde! Wie die Schwägerinnen sie zerfetzten! Das entschiedene Wohlwollen Stepan Michailowitschs gegen die Schwiegertochter brachte die ganze Familie in Wut. Nur eine gute Seele, Aksinja Stepanowna Nagatkina, versuchte, sie zu verteidigen; aber es gelang ihr so wenig, daß sie sogar aus dem Zimmer gejagt und für immer aus dem geheimen Familienrate ausgeschlossen wurde; zugleich ward zu ihrem früheren Spitznamen »liebe Einfalt« ein neuer höchst beleidigender hinzugefügt, den sie bis in ihr spätes Alter behielt. Aber trotzdem und trotz aller Verfolgungen von seiten der Familie hörte sie nie auf, ihre liebe Schwägerin zu verteidigen.

Das junge Ehepaar zog sich in sein festlich geziertes Zimmer zurück. Sofja Nikolajewna packte mit Hilfe ihres Mädchens, der flinken, schwarzäugigen Parascha, die Koffer und Kistchen aus, deren die englische Kutsche eine gewaltige Menge mitgeführt hatte, Parascha kannte schon das ganze Hofgesinde, wußte auch die Greise und Matronen aus dem Dorfe zu nennen, die besonders beschenkt werden mußten, und Sofja Nikolajewna, die einen reichen Vorrat an verschiedenen Kleinigkeiten mitgebracht hatte, bestimmte die Geschenke, die ein jedes empfangen sollte, dabei Alter und Verdienst und das Ansehen in Erwägung ziehend, das die Leute bei den Herrschaften genossen. Die jungen Eheleute fühlten sich nicht im mindesten müde und ruhebedürftig. Sofja Nikolajewna vertauschte ihr reiches Kleid gegen ein einfacheres, und es ihrer Parascha überlassend, das Auspacken und die Einrichtung des Zimmers zu Ende zu bringen, ging sie trotz der Wärme mit ihrem Manne spazieren, der ihr seine Lieblingsplätze zeigen wollte: das Birkenwäldchen, die mit eben ergrünenden Linden bestandene Insel, die klaren Fluten des sie umströmenden Flusses. Und wie schön war es dort in dieser Jahreszeit, wo die Frische des Frühlings sich mit der Wärme des Sommers vereinigte! Der leidenschaftlich verliebte, noch von seinem Glück berauschte Alexei Stepanowitsch war unangenehm berührt, als Sofja Nikolajewna, ohne sich an dem Wäldchen und der Insel zu freuen, ohne sogar sonderlich Notiz davon zu nehmen, sich neben ihm im Schatten, am Ufer des schnellfließenden Flusses niederließ und sogleich mit ihm ein Gespräch anknüpfte über die Familie, über den Empfang, der ihnen zuteil geworden war, über ihre Sympathie für den Schwiegervater und darüber, daß dieser auch sie liebgewonnen habe, was ihr beim ersten Blicke klar geworden sei; daß sie auch wohl der Schwiegermutter gefallen haben würde, wenn diese nicht gleichsam fürchtete, ihr näherzutreten; daß Aksinja Stepanowna am wohlwollendsten scheine, daß aber auch sie nicht ganz unbefangen sei. »Ich sehe und verstehe alles,« fügte sie hinzu; »ich merke, woher hier die Aufregung rührt. Mir ist kein Wort, kein Blick entgangen; ich weiß, was ich zu erwarten habe. Möge es Gott deinen Schwestern Jelisaweta und Alexandra Stepanowna verzeihen!« Aber Alexei Stepanowitsch hörte nur zerstreut auf ihre Reden: der Schatten war so labend unter den Zweigen, die ihr zartes Grün zu dem Wasser neigten, der Fluß eilte so sanft murmelnd einher, belebt von schnell vorbeihuschenden Fischen, seine Sofja Nikolajewna, seine angebetete Frau, saß neben ihm und hatte den einen Arm um ihn geschlungen – mein Gott! wer könnte da noch an etwas denken, Anklagen erheben, unzufrieden sein? Da kann man das Gesprochene kaum hören, geschweige denn verstehen – und Alexei Stepanowitsch hörte und verstand entschieden gar nichts von dem, was seine junge Frau redete. Ihm war so wohl, so süß zumute, daß er schweigend in sich selbst versank, alles vergessend, was um ihn vorging. Sofja Nikolajewna fuhr fort zu sprechen, sprach mit Wärme, mit Leidenschaft – und mußte endlich bemerken, daß ihr Mann auf sie nicht hörte, daß er beinahe schlief. Sie stand hastig auf, und es begann eine jener peinlichen Szenen, jener Konflikte des gegenseitigen Mißverstehens, wie sie schon früher ein paarmal vorgekommen waren, aber noch nie in so schroffer Weise. Alles früher Gesagte wurde wiederholt, nur in stärkeren Worten, und die leidenschaftliche Rede unterbrachen Tränen und bittere Vorwürfe der Gleichgültigkeit. Der bestürzte Alexei Stepanowitsch, der wie aus allen Himmeln gefallen, wie aus einem süßen Traume aufgerüttelt war, dachte seine Frau zu beruhigen, indem er ihr versicherte, daß alles in Ordnung und vortrefflich sei, daß sie sich mit Hirngespinsten quäle, daß alle sie lieb hätten, wie es ja auch anders undenkbar sei. Aber trotz des herzlichen Zuredens, trotz der unendlichen Liebe, die in den Blicken, in der Stimme Alexei Stepanowitschs zum Ausdruck kam, konnte Sofja Nikolajewna bei all ihrem Geiste und Gefühle ihren Mann nicht verstehen und fand in seinen Worten nur einen neuen Beweis seiner Gleichgültigkeit, seiner Kälte! Die Erörterungen darüber wurden immer heftiger, und ich weiß nicht, wie weit sie geführt hätten, wenn nicht Alexei Stepanowitsch das Dienstmädchen seiner Schwester Tatjana erblickt hätte, das auf sie beide zulief, und erratend, daß der Vater erwacht sei, und daß man sie suche, seine Frau darauf aufmerksam gemacht hätte; sogleich faßte sich Sofja Nikolajewna, ergriff ihren Mann bei der Hand und eilte mit ihm nach Hause; aber verwirrt und traurig folgte ihr Alexei Stepanowitsch.

In Bagrowo waren zum voraus Vorrichtungen getroffen worden, um am Tage der Ankunft des jungen Paares Hofgesinde und Bauern zu bewirten, auch die fremden Leute, die etwa kommen würden. Zum voraus war die nötige Quantität Hausbier gebraut und ein paar Dutzend Eimer Branntwein vorgerichtet worden. Als sich Stepan Michailowitsch nachmittags zur Ruhe legte, fragte er: »Sind viele da aus Noikino und Kiwazkoje?« und Masan berichtete, daß alle da seien, auch die Alten und die Kinder. Stepan Michailowitsch lächelte und sagte: »Nun, so wollen wir sie bewirten. Sage der Schaffnerin Fedosja und dem Haushalter Peter, sie sollen alles bereithalten!« Stepan Michailowitsch schlief nicht lange, erwachte aber in noch heiterer Stimmung, als er sie beim Einschlafen gehabt hatte. »Ist alles bereit?« waren seine ersten Worte. »Schon längst,« war die Antwort. Der Alte kleidete sich eilig an, und zwar zog er nicht mehr das lästige Paradekostüm, sondern seinen lieben wollenen Schlafrock an und ging hinaus auf die Freitreppe, um selbst die Bewirtung zu leiten. Im weiten, grünen Hofraume, den kein Zaun von der Straße trennte, waren bretterne Tische aufgeschlagen, auf denen Bierfässer und Branntweinfäßchen standen, dazwischen große Haufen von Weizenbroten. Das Hofgesinde bildete eine besondere Gruppe in der Nähe; weiter entfernt stand die große Menge der Bauern, noch weiter die noch viel größere Menge der zusammengelaufenen Mordwinen beiderlei Geschlechts. Stepan Michailowitsch sah sich alles mit schnellem Blicke an, überzeugte sich, daß alles in Ordnung sei, und begab sich wieder auf seine Freitreppe. Soeben wollte er seine Familie fragen, die sich unterdessen um ihn versammelt hatte, wo die Neuvermählten blieben, als Sofja Nikolajewna mit ihrem Manne erschien. Der Alte begegnete der Schwiegertochter mit verdoppelter Freundlichkeit und benahm sich gegen sie so natürlich wie gegen eine Tochter. »Nun, Alexei,« sagte er, »nimm deine Frau bei der Hand und geh mit ihr das Hofgesinde und die Bauern zu begrüßen: die Leute wollen ja alle ihre junge Herrin sehen und ihr die Hand küssen. Kommt!« Er eröffnete den Zug; ihm folgte Alexei Stepanowitsch, seine Frau bei der Hand führend. In einiger Entfernung schloß sich Arina Wasiljewna mit ihren Töchtern und Schwiegersöhnen an. Nur mit Mühe konnten die Töchter des Hauses (mit Ausnahme von Aksinja Stepanowna) ihren Ärger verbergen. Die wachsenden Aufmerksamkeiten Stepan Michailowitschs, der feierliche Eintritt der verhaßten Sofja Nikolajewna in den Rang der jüngeren Hausfrau, ihre Schönheit und Eleganz, ihre Gewandtheit im Betragen und im Reden, ihre respektvolle, hinreißende Liebenswürdigkeit gegen den Schwiegervater – alles reizte, alles verletzte ihre neidischen Gemüter. Sie fühlten sich zurückgesetzt, verdrängt aus ihrer Stellung im väterlichen Hause. »Von uns ist weiter nichts mehr zu sagen,« flüsterte Alexandra Stepanowna; »wir sind abgeschnittene Zweige; aber Tanja kann ich nicht ohne Tränen ansehen. Was hat sie von nun an im Hause zu bedeuten? Sie ist nichts als eine Magd Sofja Nikolajewnas; und auch Sie, liebe Mutter, wird jetzt niemand mehr respektieren. Alle werden sich an die neue Herrin halten.« Ihre Stimme zitterte, und Tränen zeigten sich in ihren großen, sich hin und her drehenden Augen. Unterdessen hatte sich Stepan Michailowitsch dem Hofgesinde genähert und rief auch seine Bauern mit den Worten herbei: »Warum steht ihr nicht beisammen? Seid ihr nicht die Kinder ein und derselben Mutter? Da habt ihr sie,« fuhr er fort, »eure junge Herrin, den jungen Herrn kennt ihr schon lange. Dienet ihnen, wenn die Zeit dazu kommen wird, so treu und eifrig, wie ihr mir und Arina Wasiljewna gedient habt! Sie dagegen werden gegen euch freundlich und gnädig sein.« Alle warfen sich vor dem jungen Ehepaare nieder. Die junge Frau stand betroffen da und wußte gar nicht, was sie anfangen sollte. Sie war an solche Auftritte nicht gewöhnt. Ihre Verwirrung bemerkend, sagte der Schwiegervater: »Das schadet nichts, wenn sie sich verbeugen; die Köpfe werden ihnen davon nicht abfallen. Nun, küßt der jungen Herrin die Hand, und laßt es euch dann schmecken!« Alle erhoben sich und traten zu Sofja Nikolajewna heran. Sie sah sich um: die flinke Parascha und der zu ihrer Mitgift gehörige Diener Fjodor standen schon da mit den vorbereiteten Geschenken. Auf einen Wink ihrer Herrin reichten sie ihr behende einen Kasten und ein Bündel voll allerhand Sachen. Noch nicht gewohnt, die Hand zum Küssen zu reichen und zugleich unbeweglich wie eine Bildsäule dazustehen, begann Sofja Nikolajewna alle Leute dabei zu küssen, was sich beim Empfang des Geschenks aus ihrer Hand wiederholte; doch mischte sich bald Stepan Michailowitsch drein, der berechnete, daß es auf diese Weise vor der Zeit des Abendbrotes nicht zum Teetrinken kommen werde. »Du kannst ja nicht alle, und nun gar zweimal, küssen, Schwiegertöchterchen,« sagte er. »Es sind ihrer zu viele. Küsse die Greise und die alten Mütterchen, das laß ich mir gefallen; die übrigen haben an deiner Hand genug.« Trotz dieser Verkürzung und Vereinfachung dauerte die langweilige, lästige Zeremonie doch sehr lange. Stepan Michailowitsch verzögerte selbst die Sache manchmal durch seine Lebhaftigkeit, indem er die Leute bei Namen nannte und ihre besonderen Verdienste erwähnte. Viele alte Weiber und Greise sprachen einfache Worte voll Hingebung und Liebe, manche weinten sogar, und alle sahen der neuen Herrin freudig und wohlwollend ins Gesicht. Sofja Nikolajewna war tief erschüttert. »Warum sind diese guten Leute so bereit, mich zu lieben, warum haben mich sogar einige schon liebgewonnen?« dachte sie. »Wodurch habe ich ihre Liebe verdient?« Endlich, nachdem alle, jung und alt, der jungen Herrin die Hände geküßt und viele auch von ihr geküßt worden waren, alle aber dabei reiche Geschenke bekommen hatten, nahm Stepan Michailowitsch Sofja Nikolajewna bei der Hand und trat mit ihr vor das Gedränge der Mordwinen. »Guten Tag, Nachbarsleute!« rief er ihnen heiter und freundlich zu; »es freut mich, daß ihr gekommen seid. Da ist eure neue Nachbarin. Habt sie lieb! Ich bitte auch euch, auf ihre Gesundheit zu trinken und mit meiner Bewirtung fürlieb zu nehmen.« Laute und freudige Ausrufe tönten ihm zur Antwort: »Schönen Dank, Stepan Michailowitsch! Gott sei Dank! Was er deinem Alexei für ein schönes Weib gegeben hat! Wie schön, wie schön. Das kommt, weil du so ein guter Mensch bist, Stepan Michailowitsch!«

Das Gelage begann. Stepan Michailowitsch begab sich, von der ganzen Familie begleitet, auf sein Lieblingsplätzchen, die Freitreppe. Er spürte, daß die Zeit des Tees, den man sonst immer um sechs Uhr trank, längst vergangen sei. Und in der Tat war es schon längst sieben; schon fing der lange Schatten des Hauses an, mehr nach Süden zu gehen, und berührte die Vorratskammer und den Pferdestall. Schon längst kochte und zischte auf dem großen Tische, dicht neben der Freitreppe, die Teemaschine, und Aksjutka stand wartend daneben. Alle nahmen um den Tisch Platz. Nur Stepan Michailowitsch konnte sich nicht von der Freitreppe trennen und setzte sich auf sein Lieblingsplätzchen, nachdem er seine treue Friesdecke darüber ausgebreitet hatte. Des Abends pflegte Tanja den Tee einzuschenken, wobei ihr Aksjutka nur behilflich war. Sofja Nikolajewna bat um Erlaubnis, sich zu dem Schwiegervater auf die Stufen setzen zu dürfen, was dieser mit sichtbarem Vergnügen gestattete. Die Schwiegertochter sprang behende vom Tische auf, die halbgeleerte Tasse in der Hand, und ließ sich augenblicklich neben dem Alten nieder. Dieser empfing sie mit Liebkosungen und ließ gleich für sie eine andere Decke bringen, damit sie ihr Kleid nicht beschmutze. Es entspann sich unter ihnen ein lebhaftes, heiteres Gespräch. Am Teetisch wechselte man unterdessen boshafte Blicke und flüsterte sogar boshafte Bemerkungen, ohne auf die Anwesenheit des jungen Mannes zu achten. Er konnte nicht umhin, es gewahr zu werden, und dem ohnehin verstimmten Alexei wurde vollends unbehaglich und traurig zumute. Da ertönte die laute Stimme des Alten: »Komm zu uns, Alexei! Hier ist es gemütlicher.« Alexei fuhr zusammen, setzte sich zum Vater und schien heiterer zu werden. Nach dem Tee blieb man an denselben Plätzen sitzen und plauderte bis zum Abendessen, das an diesem Tage ebenfalls später als gewöhnlich, nach neun Uhr, aufgetragen wurde. Dazwischen hörte man die lauten Lieder und das heitere Gelächter der vergnügten Menge, das weit in der sich allmählich verdunkelnden Umgegend widerhallte. Nach dem Abendessen verteilte sich sogleich die Gesellschaft. Ein jeder kroch in seine Höhle, wie Stepan Michailowitsch zu sagen pflegte. Als Sofja Nikolajewna von dem Alten Abschied nahm, bat sie ihn, ihr für die Nacht seinen Segen zu geben und sie zu bekreuzen, und der Schwiegervater tat es gern und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit.

Die Schwiegermutter und die älteste Schwägerin, Frau Nagatkina, geleiteten das junge Ehepaar nach seinem Schlafzimmer und blieben ein Weilchen da. Alexei Stefanowitsch gab darauf seinerseits der Mutter und der Schwester das Geleit. Sofja Nikolajewna eilte, ihr Dienstmädchen zu entlassen, und setzte sich an eins der offenen Fenster, die nach dem Fluß herausgingen, der ganz nahe zwischen Weiden und Erlen dahinfloß. Die Nacht war prächtig; die Abendröte schickte sich an, als wollte sie gar nicht erlöschen, in die Morgenröte überzugehen. Die Frische des nahen Wassers und der Wohlgeruch der jungen Baumblätter drang in das Zimmer mit den schmetternden Liedern der Nachtigallen. Doch ganz andere Gegenstände beschäftigten den Geist Sofja Nikolajewnas. Als eine kluge Frau hatte sie zum voraus gewußt, was sie in der Familie ihres Mannes erwartete, und hatte sich danach ihren Plan gemacht. Aber bei dem beständigen Leben in der Stadt hatte sie keine klare Vorstellung von dem Leben der weniger reichen Gutsbesitzer gehabt, deren Landsitze in den entlegenen Gegenden der großen Provinz zerstreut waren. Sie hatte freilich nichts Schönes erwartet; aber die Wirklichkeit war viel schlimmer, als sie es sich gedacht hatte. Alles mißfiel ihr; alles machte auf sie einen widrigen Eindruck: das Haus, der Garten, das Wäldchen, die Insel. Sie war an die prächtigen Aussichten gewöhnt, die das bergige Ufer der Bjelaja bei Ufa bietet, und das Dörfchen im Tale, das hölzerne, durch Zeit und Unwetter dunkel gewordene Haus, der Teich mit seinen sumpfigen Ufern, das ewige Geklapper der Stampfmühle, das alles fand sie geradezu häßlich. Auch die Leute konnten ihr nicht gefallen, von der Familie bis auf die Bauernkinder, mit einziger Ausnahme Stepan Michailowitschs. Wenn er nicht dagewesen wäre, hätte sie sich geradezu der Verzweiflung ergeben. Sie war ihm mit einer vorgefaßten guten Meinung entgegengetreten; im ersten Augenblicke hatte das ziemlich rauhe Äußere des Schwiegervaters sie zurückgeschreckt; bald jedoch hatte sie in seinem verständigen Blicke und in seinem gutmütigen Lächeln gelesen und aus seiner Stimme herausgehört, daß dieser alte Mann viel Gefühl habe, daß er ihr von Herzen zugetan sei, daß er bereit sei, sie liebzugewinnen, und sie sicher liebgewinnen werde. Sie wußte schon früher, daß ihre ganze Hoffnung auf dem Schwiegervater beruhe, und hatte schon damals den festen Entschluß gefaßt, seine Neigung zu gewinnen; nun aber hatte sie ihn wirklich selbst liebgewonnen, und die Berechnungen der Vernunft fielen mit dem Drange des Herzens zusammen. In dieser Hinsicht war Sofja Nikolajewna mit sich selbst zufrieden, sie sah recht wohl, daß sie sich ihrem Ziele schnell näherte. Dagegen quälte sie der Gedanke, daß sie in einem Augenblicke der Aufwallung ihren guten Mann gekränkt habe; sie erwartete ihn mit der größten Ungeduld, aber er wollte gar nicht zurückkommen. Wenn sie nur gewußt hätte, wo er sich befand, so wäre Sofja Nikolajewna schon längst zu ihm geeilt. Sie fühlte das Bedürfnis, ihm um den Hals zu fallen, ihm weinend zu sagen: »Verzeih mir!« und durch einen Strom zärtlicher Worte und Liebkosungen die letzten Spuren der Unzufriedenheit aus seiner Seele zu vertilgen. Doch Alexei Stepanowitsch kehrte nicht zurück. Die wohltätigen Augenblicke der Reue, der enthusiastischen Liebe, des Dranges, alles Geschehene wieder gutzumachen, vergingen umsonst. Ein solcher Aufschwung der Gefühle kann nicht lange dauern, und nach einigen Minuten regte sich bei Sofja Nikolajewna die Verwunderung und bald darauf der Unwille über das lange Ausbleiben ihres Mannes. Endlich erschien er, befangen und traurig, und statt sich ihm um den Hals zu werfen und zu sagen: »Verzeih mir!« rief Sofja Nikolajewna mit bewegter und etwas gereizter Stimme ihm, als er kaum über die Schwelle getreten war, entgegen: »Um Gottes willen, wo bleibst du? Warum läßt du mich so allein? Ich habe eine wahre Qual ausgestanden, zwei ganze Stunden auf dich gewartet!« – »Ich habe kaum eine Viertelstunde bei der Mutter und den Schwestern gesessen,« erwiderte Alexei Stepanowitsch sanft und traurig. – »Und sie haben von mir Schlechtes gesagt, mich verklagt, verleumdet, und du hast ihnen geglaubt? Warum siehst du so niedergeschlagen, so traurig aus?« Sofja Nikolajewnas Gesicht drückte eine heftige Aufregung aus, und ihre schönen Augen füllten sich mit Tränen. Ihr junger Gatte geriet in Unruhe, sogar in Angst. Die Tränen erschreckten ihn. »Sonitschka,« sagte er, »beruhige dich; niemand hat dich verklagt; und wer sollte dazu Veranlassung finden? Du hast niemandem etwas zuleide getan.« Alexei Stepanowitsch sprach nicht ganz wahr. Offen hatte niemand über seine Frau geklagt, niemand ihr etwas Schlechtes nachgesagt; aber man hatte ihm durch Anspielungen und Andeutungen klar zu verstehen gegeben, daß seine Frau sich bei dem Schwiegervater als dem einzigen mit der Absicht einschmeichle, die übrigen Mitglieder der Familie demütigen zu können, daß man ihre Ränke durchschaue, und daß mit der Zeit auch Alexei Stepanowitsch diese merken werde, wenn er erst werde ihr Sklave geworden sein. Alexei Stepanowitsch schenkte diesen Einflüsterungen keinen Glauben; allein die beklommene Stimmung, in der er sich seit dem Gespräche auf der Insel befand, wurde dadurch noch verstärkt, und sein gutes Herz war schwer bedrückt. Er antwortete nur: »Das verfängt bei mir nicht, liebe Mutter,« und verließ das Zimmer, aber er kehrte nicht sogleich zu seiner Frau zurück, sondern ging eine Zeitlang im leeren, dunklen Saale auf und ab; er blickte durch die sieben geöffneten Fenster hinaus nach dem in der Dunkelheit schlummernden Krähenwäldchen, nach den Gebüschen am Ufer, dem Schauplatze seiner Kinderspiele; er horchte dem Schlagen der Nachtigall, dem Geräusche der Mühle, dem Geschrei der Nachtvögel. Ihm wurde besser zumute, und er trat ins Schlafzimmer, keineswegs auf den Auftritt gefaßt, der ihn dort erwartete. Übrigens besann sich Sofja Nikolajewna bald; die Reue erwachte wieder in ihrem Herzen, wenn auch nicht mit der früheren Energie; sie veränderte den Ton ihrer Rede, wandte sich liebevoll und bedauernd zu ihrem Manne, bat ihn unter Liebkosungen um Verzeihung, sprach mit aufrichtiger Wärme aus, wie glücklich sie sich fühle, der Sympathie seines Vaters versichert zu sein, beschwor ihn, gegen sie vollkommen aufrichtig zu sein, bewies ihm überzeugend die Notwendigkeit der gegenseitigen Offenherzigkeit, – und das weiche Herz ihres Mannes öffnete sich; er war gerührt, beruhigt und sagte ihr manches, was er beschlossen hatte ihr nie zu sagen, um nicht seine Frau mit seiner Familie zu entzweien. Nachdem er auf diese Weise sein Herz erleichtert hatte, legte er sich zu Bette und schlief sogleich ein. Sofja Nikolajewna dagegen blieb noch lange wach und mit ernsthaften Gedanken beschäftigt. Endlich erinnerte sie sich, daß sie am andern Morgen früh aufstehen müsse, da sie die Absicht hatte, ihren Schwiegervater bei Sonnenaufgang auf der Freitreppe zu besuchen, lange vor dem Erscheinen der Familie, um dem Alten ein Vergnügen zu machen und mit ihm ungestört reden zu können; sie versuchte einzuschlafen und schlief auch wirklich ein, freilich sehr spät und mit großer Mühe.

Mit dem ersten Sonnenstrahl erwachte Sofja Nikolajewna. Sie hatte wenig geschlafen; doch stand sie frisch und munter auf. Sie kleidete sich behende an, küßte ihren Mann, sagte ihm, daß sie zum Alten gehe, und daß er noch ein paar Stündchen schlafen könne, und eilte zum Schwiegervater. Stepan Michailowitsch hatte ein wenig länger geschlafen als gewöhnlich, und war eben erst auf die Freitreppe hinausgetreten. Der Morgen, der herrliche, festliche Maimorgen in seiner vollen Frühlingspracht, mit dem freudigen, tausendstimmigen Chore aller lebenden Wesen, mit den langen Schatten, in die sich die duftige Kühle der Nacht vor den triumphierenden Strahlen der Sonne zurückzog, das alles wirkte auf Sofja Nikolajewna belebend, obgleich der Genuß der Naturschönheiten ihr bisher ziemlich fremd gewesen war. Das Erscheinen der Schwiegertochter versetzte den Alten in ein freudiges Staunen. Ihr frisches Gesicht, ihre glänzenden Augen, die sorgsame Frisur, der elegante Morgenanzug zeigten, daß man nicht etwa die Schwiegertochter geweckt habe, damit sie sich eilig und verschlafen anziehe und ihren Schwiegervater begrüße. Stepan Michailowitsch liebte die lebhaften, frischen, gescheiten Leute. Alle diese Eigenschaften fand er an Sofja Nikolajewna und hatte seine Freude daran. »Warum bist du so früh aufgestanden?« sagte er, seine Schwiegertochter umarmend. »Du hast nicht ausgeschlafen. Du bist daran nicht gewöhnt! Du wirst Kopfschmerzen bekommen!« – »Nein, Vater,« entgegnete Sofja Nikolajewna, den Alten mit inniger Zärtlichkeit umarmend. »Ich bin daran gewöhnt, früh aufzustehen; von Kindheit an habe ich viel Sorgen und Geschäfte gehabt. Ich hatte für eine ganze Familie und einen kranken Vater zu sorgen. Erst in der letzten Zeit habe ich mich verwöhnt und angefangen, später aufzustehen. Aber heute bin ich früh aufgewacht. Alexei« (der Alte runzelte die Stirn) »hat mir gesagt, daß Sie schon längst aufgestanden seien, und ich bin in der Hoffnung gekommen, daß Sie mich nicht wegschicken, sondern mir gestatten werden, Ihnen den Tee zu bereiten.« Diese einfachen Worte waren mit einer solchen Wärme, mit so innigem Gefühle gesprochen, daß der Alte gerührt war, Sofja Nikolajewna auf die Stirn küßte und erwiderte: »Nun, wenn dem so ist, so habe Dank, liebes Töchterchen! Wir wollen jetzt mit Muße zusammen plaudern, und du wirst mir den Tee bereiten.« Aksjutka stellte schon die Teemaschine auf den Tisch. Stepan Michailowitsch befahl, niemanden zu wecken, und Sofja Nikolajewna begann, den Tee zu bereiten. Sie machte das alles geschickt und anmutig, als wenn sie sich ihr Leben lang darin geübt hätte. Mit Vergnügen betrachtete der Alte die schöne junge Frau, die so wenig den ihn umgebenden Frauenzimmern glich, der alles, was sie angriff, glatt von der Hand ging. Alles war genau so, wie er es liebte, d. h. der Tee war stark; die Teekanne, mit einer Serviette bedeckt, war auf die Teemaschine gestellt worden; die Tasse war bis zum Rande voll, und Sofja Nikolajewna reichte sie ihm, ohne daß ein Tropfen auf die Untertasse floß; das aromatische Getränk war so heiß, daß es die Lippen verbrannte. »Du bist ja eine Zauberin,« sagte der angenehm überraschte Alte, die Tasse nehmend und den Tee kostend. »Du kennst schon alle meine Eigenheiten. Wenn du auch gegen deinen Mann so aufmerksam sein wirst, so wird er ein gutes Leben haben.« Gewöhnlich trank der Alte seinen Tee allein, und erst wenn er damit fertig war, begann die Familie zu trinken; nun aber befahl er seiner Schwiegertochter, als er die zweite Tasse aus ihrer Hand empfing, sich auch eine einzuschenken und sich neben ihm niederzulassen. »Nie habe ich mehr als zwei Tassen getrunken, heute aber habe ich Lust zu einer dritten,« sagte er mit seiner freundlichsten Stimme; »nie hat mir der Tee so wohl geschmeckt.« In der Tat besorgte Sofja Nikolajewna alles mit so liebevoller Aufmerksamkeit, daß die Wirkung davon auf ein so empfängliches Gemüt wie das des Alten nicht ausbleiben konnte und ihm ganz ausnehmend wohl und heiter zu Mute wurde. Er nötigte seine Schwiegertochter, noch eine Tasse zu trinken und einen der hausbackenen Kringel zu essen, ein Gebäck, durch das die Bagrowschen Backöfen lange Zeit berühmt waren. Das Teegeschirr wurde fortgeschafft. Es entspann sich das lebhafteste, traulichste, freundschaftlichste Gespräch. Sofja Nikolajewna überließ sich ganz ihrem warmen Gefühle, ihrer hinreißenden Liebenswürdigkeit und gewann vollkommen das Herz Stepan Michailowitschs. Mitten im angenehmen Gespräche fragte er: »Und was macht dein Mann? Schläft er noch?« – »Alexei war aufgewacht, als ich aufstand,« erwiderte Sofja Nikolajewna lebhaft; »ich habe ihn aber angewiesen, noch weiterzuschlafen.« Der Alte zog die Augenbrauen stark zusammen und schwieg ein Weilchen. »Hör mal, liebes Schwiegertöchterchen,« sagte er darauf, ohne Zorn, aber mit Würde, »du bist so gescheit, daß ich dir die Wahrheit ohne Umschweife sagen kann. Ich liebe es nicht, etwas auf dem Herzen zu behalten. Willst du meine Worte beachten, so ist es gut. Willst du es nicht, so steht dir auch das frei; du bist nicht meine leibliche Tochter. Es gefällt mir nicht, daß du deinen Mann Alexei nennst. Du könntest doch auch seinen Vatersnamen hinzufügen; du bist nicht seine Mutter und nicht sein Vater. Du würdest doch auch einen Diener schlechthin Alexei nennen. Eine Frau muß ihrem Manne Achtung erweisen, wenn sie will, daß er auch von andern Achtung genieße. Es hat mir auch nicht gefallen, daß du ihn gestern weggeschickt hast, um die Geschenke zu holen, und daß er mit dem Präsentierbrette dagestanden hat wie ein Diener. Nun hast du eben wieder gesagt, du habest ihn angewiesen, noch weiterzuschlafen. Eine Frau muß nie dem Mann eine Anweisung erteilen; das führt zu nichts Gutem. Vielleicht ist es bei euch in der Stadt so Sitte; aber nach unseren alten ländlichen Sitten taugt das nichts.« Mit Ehrfurcht hörte Sofja Nikolajewna zu. »Ich danke Ihnen, Vater,« sagte sie mit so inniger, so tiefbewegter Stimme, daß jedes ihrer Worte dem Alten ins Herz drang, »ich danke Ihnen, daß Sie mir nicht verschwiegen haben, was Ihnen an mir mißfiel. Ich werde nicht nur mit Freuden Ihren Willen erfüllen; ich sehe auch selbst ein, daß ich unrecht hatte. Ich bin noch jung, Vater. Es ist niemand um mich gewesen, der mich hätte belehren können. Mein Vater ist seit sechs Jahren bettlägerig. Diese Art des Umgangs mit dem Manne habe ich andern Frauen abgelernt. Aber in Zukunft soll nie mehr Ähnliches geschehen, auch wenn niemand zugegen ist. Vater!« fuhr sie fort, und große Tränen perlten aus ihren Augen, »ich bin Ihnen zugetan wie eine leibliche Tochter; behandeln Sie mich immer als eine solche! Tadeln Sie mich, schelten Sie mich, wenn ich etwas Unrechtes tue, und verzeihen Sie mir dann; aber behalten Sie keinen Unwillen gegen mich in Ihrem Herzen! Bei meiner Jugend, bei meinem raschen Blute kann ich jeden Augenblick einen falschen Schritt tun; erinnern Sie sich, daß ich in einer fremden Familie alleinstehe, niemanden kenne, von niemand gekannt bin; verlassen Sie mich nicht!« Sie warf sich ihrem Schwiegervater um den Hals, dessen Augen sich auch mit Tränen gefüllt hatten; sie umarmte ihn wie eine zärtliche Tochter, sie küßte seine Brust, seine Hände. Der Schwiegervater entzog sie ihr diesmal nicht und sagte: »Nun wohlan, so sei es!« Stepan Michailowitsch hatte, wie wir schon wissen, einen sicheren Instinkt. Das Böse stieß ihn unfehlbar zurück, das Gute zog ihn unfehlbar an. Beim ersten Blicke hatte ihm die Schwiegertochter gefallen; nun hatte er sie vollständig erkannt, gewürdigt und für immer liebgewonnen. Manche Prüfungen mußte dieses Gefühl in der Folge bestehen; doch wankte es nicht bis zu seiner Sterbestunde.

Bald erschien Alexei Stepanowitsch und nach ihm die ganze Familie. Die Töchter hatten der Mutter schon längst zugeredet, zum Vater hinauszugehen; aber sie hatte es nicht gewagt, weil der Befehl Stepan Michailowitschs, niemanden zu wecken, dem Verbot gleichkam, vor ihm zu erscheinen. Auch jetzt war sie nur erschienen, weil der Alte seinem Masan befohlen hatte, alle herbeizurufen. Sofja Nikolajewnas Gesicht zeigte keine Spuren von Tränen mehr, und sie kam der Schwiegermutter und den Schwägerinnen mit besonderer Aufmerksamkeit und Freundlichkeit entgegen. Auch an Stepan Michailowitsch war nichts Besonderes zu merken; aber Sofja Nikolajewnas strahlende Freudigkeit fiel gleich den beiden mittleren Schwägerinnen auf, die mit Schrecken errieten, welche Bewandtnis es damit hatte. – Stepan Michailowitsch dekretierte, daß die Neuvermählten allen Verwandten nach der Reihe ihren Besuch abstatten sollten, und zwar nach der Altersordnung. Demzufolge wurde beschlossen, am anderen Tage zu Aksinja Stepanowna Nagatkina zu fahren, die am selbigen Tage nachmittags sich nach Hause begab, um alles vorzubereiten; mit ihr fuhr Jelisaweta Stepanowna, um ihr in den wirtschaftlichen Anordnungen für den Empfang des jungen Paares zum Mittagessen behilflich zu sein. Das Nagatkinsche Gut war fünfzig Werst entfernt. Die guten Bagrowschen Pferde konnten diese Strecke leicht zurücklegen, ohne auszuruhen, und die Abfahrt wurde auf sechs Uhr morgens bestimmt.

Stepan Michailowitsch verbarg keineswegs seine Zuneigung zu der Schwiegertochter. Er trennte sich nicht von ihr und ward der Gespräche mit ihr nie müde: bald befragte er sie über ihre Familienangelegenheiten, bald ließ er sie von ihrem Leben in der Stadt erzählen; er hörte aufmerksam und teilnahmvoll zu und gab nicht selten in kurzen Worten ein treffendes Urteil über das Gehörte ab. Sofja Nikolajewna nahm seine gewichtigen Bemerkungen eifrig entgegen und zeigte deutlich, daß es nicht eine erheuchelte Zustimmung, sondern eine richtige Würdigung seiner Worte war. Stepan Michailowitsch seinerseits machte Sofja Nikolajewna mit den gegenwärtigen und früheren Verhältnissen ihrer neuen Familie bekannt. Er erzählte alles so gewissenhaft und einfach, mit so viel Aufrichtigkeit und Wärme, daß Sofja Nikolajewna, die einzige, die solches voll zu würdigen verstand, ganz entzückt war. Sie war nie einem Manne dieses Schlages begegnet. Ihr Vater war ein geistreicher, zartfühlender Greis, von leicht erregbarem Gemüte von reinem, uneigennützigem Charakter, aber schwach, in den Anstandsformen der damaligen Zeit befangen, ein glatter, schmiegsamer Beamter, der sich vom Kanzleischreiber bis zur Würde eines Vizestatthalters emporgearbeitet hatte. Hier dagegen lernte sie einen Mann kennen, der zwar ungebildet und rauh in seinen Formen und, wie man sagte, schrecklich im Zorne war, aber verständig, gutmütig, wahrheitsliebend, unerschütterlich in seinem sittlichen Urteil, einen Mann, der nicht nur immer rechtschaffen handelte, sondern auch immer nur die Wahrheit sagte. Und diese Züge vereinigten sich in der lebhaften Phantasie der edlen jungen Frau zu einem Ideale männlicher Würde, das ihr neu war, das ihr höher schien als alles bisher Gekannte. Und welches Glück: dieser Mann war ihr Schwiegervater! Von ihm hing ihre Stellung in der neuen Familie, vielleicht gar ihr Glück in der Ehe ab!

Das Mittagessen war viel heiterer als am vorigen Tage. Die junge Frau saß wieder zwischen ihrem Schwiegervater und ihrem Manne; Arina Wasiljewna aber hatte ihren gewöhnlichen Platz, ihrem Manne gegenüber, eingenommen. Gleich nach dem Mittagessen fuhren Aksinja und Jelisaweta Stepanowna nach Nagatkino. Als der Alte sich wie gewöhnlich zur Ruhe begab, sagte er zu seiner Frau: »Nun, Arischa, Gott hat uns, wie es scheint, eine prächtige Schwiegertochter gegeben, es wäre eine Sünde, sie nicht liebzuhaben.« – »So ist es in der Tat, Stepan Michailowitsch,« erwiderte Arina Wasiljewna; »wenn dir Sofja Nikolajewna recht ist, so ist sie es mir ebenfalls.« Der Alte machte ein schiefes Gesicht, schwieg aber still. Die Alte entfernte sich schnell, um weitere Erörterungen zu vermeiden, und um ihren Töchtern die bedeutsamen Worte des Vaters mitzuteilen, die von dem Augenblicke an als ein Gesetz zu betrachten waren, das wenigstens nicht offen gebrochen werden durfte.

Obgleich Sofja Nikolajewna in der letzten Nacht wenig geschlafen hatte, wollte sie doch am Nachmittage nicht ruhen. Sie begleitete ihren Mann wieder auf einem Spaziergange und ging, wie er es wünschte, mit ihm in den alten Birkenhain und den Fluß entlang. Diesmal fanden keine unerquicklichen Auftritte statt. Von freudigem Vertrauen auf die Zukunft und von Liebe und Bewunderung für ihren Schwiegervater erfüllt, versuchte sie es, ihrem Manne die Gefühle mitzuteilen, die ihre erregte Seele beschäftigten. Wie es leidenschaftlichen, enthusiastischen Leuten geht, übertrug sie einen Teil der Eigenschaften, die sie an ihrem Schwiegervater entzückt hatten, auf ihren schönen jungen Freund und liebte ihn in diesem Augenblicke zärtlicher als jemals. Mit freudigem Staunen hörte Alexei Stepanowitsch die lebhaften Reden seiner schönen Frau an und dachte bei sich: »Gott sei Dank, daß der Vater und sie einander so wohl gefallen; jetzt wird alles gut gehen.« Er küßte seiner Frau die Hände, wiederholte, daß er der glücklichste der Sterblichen sei, daß er ein Juwel besitze, das in der ganzen Welt nicht seinesgleichen habe, und vor dem jeder sich beugen müsse. Übrigens konnte er seine Frau nicht vollkommen verstehen, konnte die Feinheit nicht würdigen, mit der sie die edlen Eigenschaften Stepan Michailowitschs auffaßte; er blieb bei seiner früheren Meinung, daß sein Vater ein Mann sei, vor dem alle Respekt und sogar Furcht haben müßten. Aber diesmal merkte Sofja Nikolajewna nichts davon. Sie sprach selbst die Empfindungen ihres Mannes aus, indem sie alles schön fand, auch den holperigen Hain, auch den tiefen Fluß; sogar von ihren Schwägerinnen sprach sie in einem wohlwollenden Tone.

Gleich nach seinem Erwachen vom Mittagsschlafe ließ Stepan Michailowitsch die Schwiegertochter und ihren Mann, sowie auch die übrigen Mitglieder der Familie zu sich rufen. Seit langer Zeit hatte man ihn nicht so freudig und freundlich gesehen. War es, daß ihm der Schlaf besonders gut bekommen oder daß ihm im Herzen besonders wohl war, jedenfalls mußte ein jeder bemerken, daß der alte Herr ganz ausnehmend heiter und zufrieden aussah. Nach der letzten Äußerung des Vaters hatte Alexandra Stepanowna sich gezwungen, wohlwollender zu scheinen, und Arina Wasiljewna und Tanja waren mit Vergnügen freundlicher und gesprächiger geworden; auf ein Zeichen Alexandra Stepanownas begann auch Karatajew, dreister die letzten Worte jeder fremden Rede nachzusprechen, auch wenn sie nicht an ihn gerichtet war; nur der General beharrte in seinem tieffinnigen Schweigen. Der ganze Familienkreis war außerordentlich gemütlich und gesprächig geworden. Der Alte bekam Lust, den Tee früher als gewöhnlich zu trinken, natürlich im Schatten des Hauses, neben der Freitreppe, und der Schwiegertochter wurde das ausschließliche Recht verliehen, abends den Tee einzugießen. Tanja trat ihr gern dieses Amt ab. Nach dem Tee befahl Stepan Michailowitsch, zwei Wagen anzuspannen, ließ die Schwiegertochter an seiner Seite sitzen und fuhr mit der ganzen Familie nach der Mühle. Man wird sich erinnern, daß die Mühle eine Liebhaberei meines Großvaters war, der sich darauf ganz vortrefflich verstand. Seine Mühlsteine und seine Stampfmühle arbeiteten ganz ausgezeichnet, wenn auch das Mühlengebäude unscheinbar und nachlässig mit Schilf gedeckt war. Er liebte es, die innere Einrichtung seiner Mühle zu zeigen, und hatte ein besonderes Vergnügen daran, seiner Schwiegertochter alle Einzelheiten des Mechanismus zu erläutern. Er freute sich an ihrer völligen Unwissenheit, an ihrer Neugier, ja manchmal an ihrer Angst, wenn er plötzlich einen starken Wasserstrom auf alle vier Gänge leitete, wenn alles umher sich zu bewegen, zu knarren und zu klappern begann und die Mühlsteine sich schnell drehten, brummten und tönten und der Fußboden wankte und alles erzitterte und in einer Mehlwolke verschwand. Für Sofja Nikolajewna war das alles neu, aber nicht sonderlich angenehm. Allein ihrem Schwiegervater zu Gefallen nahm sie Anteil an allem, fragte nach allem und fand alles schön. Der Schwiegervater hatte daran eine wahre Freude, er hielt die Schwiegertochter lange in der Mühle auf, und als er mit ihr auf den Mühldamm heraustrat, wo der junge Ehemann und die beiden Schwägerinnen sich mit Angeln beschäftigten, wurden sie von einem allgemeinen Gelächter empfangen. Sowohl der Alte als die junge Frau waren über und über mit Mehl bedeckt. Stepan Michailowitsch, der daran gewöhnt war, hatte es sich zum Teil an der Tür abgeschüttelt und abgewischt; aber er mußte selbst lachen, als er seine Schwiegertochter ansah, die gar nicht ahnte, daß sie so gründlich gepudert sei. Natürlich lachte und scherzte sie selbst darüber am meisten, als sie es gewahr wurde, und bedauerte nur, daß kein Spiegel da war und sie nicht in ihm sehen konnte, ob sie hübsch zum Balle geputzt sei. Da die andern ganz in das Angeln vertieft waren, nahm der Alte seine junge Müllerin, wie er sie an diesem ganzen Abend nannte, und fuhr sie um den Teich, über die Brücke, längs aller Ausbuchtungen der Wasserfläche und wieder zurück über den Mühldamm zu dem Stauwasser, wo die Fischer angelten, die behäbige Arina Wasiljewna aber ruhig dasaß und auf deren Tun hinblickte. Überall, wo der Wagen fuhr, war es feucht und schmutzig. Es war kaum möglich, über die schlechte Holzbrücke zu fahren; noch schwieriger war es, über den weichen Mist des Dammes zu kommen; das alles mißfiel der jungen Frau im höchsten Grade; doch konnte es Stepan Michailowitsch natürlich nicht bemerken, der den Schmutz und die Tümpel nicht sah, der den üblen Geruch des stehenden Wassers und des mistigen Dammes nicht spürte. Alles hatte er ja selbst eingerichtet, alles schien ihm recht. Die Sonne ging unter, es wurde feucht; man begab sich fröhlich nach Hause, die Angler mit Beute beladen: mit schönen Barschen, Rotfedern und kleinen Döbeln. An der Freitreppe erwartete den Hausherrn der Verwalter, um mit ihm über wirtschaftliche Angelegenheiten zu sprechen. Die junge Frau brachte ihren Anzug in Ordnung. Unterdessen wurden die Fische gekocht und in saurem Rahm gebraten, die größten Barsche aber in ihrer eigenen Schuppenhaut gebacken, und alles wurde beim Abendessen höchst schmackhaft gefunden.

So verging der zweite Tag; man trennte sich frühzeitig, da am andern Morgen die jungen Eheleute früh aufstehen und zu Besuch fahren mußten. Sobald Alexandra Stepanowna sich mit der Mutter und der jüngeren Schwester allein sah, warf sie die lästige Maske ab und ließ ihrer lange verschlossenen Wut und ihrer giftigen Zunge den Lauf. Sie sah ein, daß alles verloren war, daß der Alte die Schwiegertochter von Herzen liebgewonnen hatte, daß ihre Prophezeiungen sich erfüllten und daß die glatte Intrigantin den Vater behext hatte. Nun blieb nichts mehr übrig, als das junge Ehepaar sobald als möglich nach Ufa abzuschieben und dann neue Machinationen zu unternehmen. Arina Wasiljewna und Tatjana wurden bei dieser Gelegenheit wegen ihrer zu großen Freundlichkeit ausgescholten. »Wenn ich nicht aufgepaßt hätte,« meinte Alexandra Stepanowna, »so hätte diese Modedame, diese bettelhafte Kosakenenkelin auch euch betört.«

Am andern Morgen punkt sechs Uhr fuhren die Neuvermählten nach Nagatkino, in ihrer mit sechs feurigen, zu Hause gezogenen Pferden bespannten englischen Kutsche. Sofja Nikolajewna hatte noch Zeit gehabt, ihrem Schwiegervater den Tee einzuschenken, und er hatte sie mit den herzlichsten Liebkosungen entlassen, ja sie sogar für die Fahrt bekreuzt, da die Neuvermählten außer dem Hause übernachten sollten. Der Weg lief anfangs den Fluß entlang abwärts, durchschnitt ihn dann und zog sich bergauf nach der Kreisstadt Buguruslan. Ohne hier zu halten, fuhren unsere Reisenden auf einer Brücke über den Großen Kinel und rollten dann lustig dahin an seinem Wiesenufer, dem Sommerpfade folgend, der sich durch das hohe Steppengras zog, ohne in irgendeinem Dorfe einzukehren; die Pferde liefen einen munteren Trab, zehn Werst in der Stunde. Alexei Stepanowitsch war seit langer Zeit nicht auf dieser Seite des Kinel gewesen. Die grüne, blühende, duftende Steppe versetzte ihn in Entzücken. Alle Augenblicke flogen vor dem Wagen aufgescheuchte Trappen auf, und die Kronschnepfen begleiteten ihn, indem sie über ihm kreisten und sich niedersetzten, bis er wieder nahekam, und die Luft mit ihren klangvollen Trillern erfüllten. Alexei Stepanowitsch bedauerte, seine Flinte nicht mitgenommen zu haben. Die wunderbar belebte, tausendstimmige Steppe, damals so reich an Wild von allen Arten, zerstreute ihn so sehr oder, richtiger gesagt, nahm dermaßen seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, daß er völlig teilnahmlos das verständige Gespräch seiner Frau anhörte, ja zum Teil nichts davon hörte. Bald bemerkte sie die Unaufmerksamkeit ihres Mannes und wurde still, dann verstimmt und knüpfte endlich eine Unterhaltung mit Parascha an, die mit in der Kutsche saß. Nachdem man über eine flache Anhöhe gekommen war, fuhr man gegen zwölf Uhr an Aksinja Stepanownas kleinem Landhause vor, das noch weniger als das Bagrowsche einem städtischen Wohnhause glich. Es stand auf dem flachen Ufer des Kleinen Kinel, vom Flusse bloß durch einen Gemüsegarten getrennt, wo für den Augenblick nur ein paar Sonnenblumen und die weißen geschälten Stäbe zum Stützen der Zuckererbsen die Blicke auf sich zogen. Ich erinnere mich nicht ohne Teilnahme dieses ärmlichen, einsamen Wohnsitzes, den ich zehn Jahre später zum ersten Male erblickte, und kann mir denken, daß er Alexei Stepanowitsch zusagte und seiner Frau entschieden mißfiel. Ein kahler, öder Ort, im vollsten Sonnenlichte, an einem flachen Ufer, ringsum die ebene Steppe mit den Bobaklöchern Der Bobak ist eine Art Murmeltier. (Anmerkung des Übersetzers H. R.), kein Baum, kein Busch, ein ruhiger, tiefer Fluß, mit Schilf und Rohr umsäumt: wem könnte das gefallen? Nichts Hübsches, Prächtiges, Malerisches! Aber Alexei Stepanowitsch hatte diesen Ort so lieb, daß er ihn sogar seinem Bagrowo vorzog. Ich pflichte ihm darin nicht bei, habe aber ebenfalls das stille Häuschen am Ufer des Kinel liebgewonnen, die klaren Fluten und wogenden Schilfmassen des Flusses, die grüne Steppe weit umher, sogar die Fähre, in die man fast unmittelbar aus der Haustür stieg, um über den Kinel nach dem andern Ufer zu fahren, wo eine noch ödere Steppe ihren Anfang nahm, die sich gen Süden in scheinbar unermeßliche Weiten verlor.

Die Hausfrau mit ihren beiden Knaben und dem zweijährigen Töchterchen, mit Jelisaweta Stepanowna und deren Manne empfing die teuren Gäste vor der Türe. Trotz des ärmlichen Aussehens des Landhäuschens war im Innern alles sauber und ordentlich, viel ordentlicher und sauberer als in Stepan Michailowitschs Hause. Überhaupt zeichnete sich der Haushalt der »lieben Einfalt«, wie die Schwestern sie nannten, trotz ihres Witwentums, trotz der kleinen Kinder, durch eine wohltuende Ordnung und Ruhe aus, die das Walten eines zarten Frauensinnes verriet. Ich habe schon gesagt, daß Aksinja Stepanowna sehr gutherzig war und ihre Schwägerin innig liebgewonnen hatte; darum war es auch kein Wunder, daß sie als gastfreundliche Wirtin die Neuvermählten aufs herzlichste empfing. Das hatte man in Bagrowo vorausgesehen und ihr demzufolge Jelisaweta Stepanowna mitgegeben, damit diese kraft ihrer geistigen und gesellschaftlichen Überlegenheit (sie war Generalin) den freundschaftlichen Eifer der gutmütigen Aksinja Stepanowna zügele; aber die gute Seele ließ sich durch die kluge und listige Generalin nicht irremachen und antwortete kurz und einfach auf ihre zudringlichen Ermahnungen: »Ihr andern könnt bei euch handeln, wie ihr wollt, könnt Sofja Nikolajewna schmähen und hassen, ich aber bin mit ihrem Betragen vollkommen zufrieden. Ich habe von ihr nur Gutes und Liebes erfahren; darum will ich auch, daß sie und mein Bruder mit meinem Empfange zufrieden seien.« Sie handelte auch danach, und das mit wahrer Freude und Liebe; sie bemühte sich um die junge Frau mit der sorgsamsten Aufmerksamkeit und bewirtete die Neuvermählten mit der herzlichsten Freundlichkeit. Dagegen verhielt sich die stolze Jelisaweta Stepanowna viel trockener und kälter als in Bagrowo, ebenso ihr Mann, der übrigens gegen Abend so völlig betrunken war, daß er in das leere Badehäuschen gesperrt werden mußte. Sofja Nikolajewna aber kehrte sich nicht im mindesten daran und war ganz ausnehmend liebenswürdig gegen die Hausfrau und deren kleine Kinder. Nach Mittag ruhte man ein wenig aus, machte dann eine kurze Fahrt auf dem Kinel, stieg am andern Ufer aus und kehrte wieder heim. Darauf trank man Tee dicht am Wasser; man schlug der Schwägerin vor, ihr Glück im Angeln zu versuchen; sie erwiderte aber, daß sie diese Beschäftigung nicht leiden könne und sich viel lieber mit den Schwestern unterhalte. Alexei Stepanowitsch dagegen, höchst erfreut über das gute Einvernehmen seiner ältesten Schwester und seiner Frau, ergab sich ruhig seinem Lieblingsvergnügen, mit dem auch das ganze Gesinde sich und seine jungen Herren amüsierte. Bis zum Abendessen saß er am Kinel mitten im Schilf und fing mehrere von den großen Bleien, die im stillen Kinel besonders häufig waren. Es wurde beschlossen, am andern Tage wiederum um sechs Uhr morgens sich auf den Rückweg nach Hause zu machen; man gedachte sogar noch früher auszufahren, damit Stepan Michailowitsch nicht mit dem Mittagessen auf das junge Paar zu warten brauchte. Die Hausfrau aber und ihre Schwester, die Generalin, wollten erst gegen Abend wegfahren, um in Buguruslan zu übernachten, die Pferde ordentlich zu füttern und erst am folgenden Tage nach Bagrowo zu kommen. Sofja Nikolajewna war mit ihrem Manne noch immer ein wenig unzufrieden. Trotz ihres außerordentlichen Verstandes konnte sie nicht begreifen, wie ein Mann, der sie liebte, zugleich sein feuchtes Bagrowo lieben konnte, mit dem schmutzigen Damme, dem faulenden Teiche und den holperigen Hainen; wie er sich in die langweilige Steppe und die dummen Schnepfen vergaffen konnte; wie es endlich möglich war, daß er stundenlang seine Frau vergaß, um sich mit dem verhaßten Angeln und den Bleien abzugeben, die so widerlich feucht rochen. Sie konnte das nicht verstehen und fühlte sich daher beinahe beleidigt, wenn Alexei Stepanowitsch sich mit der Schilderung seiner Natur- und Jagdgenüsse an sie wandte. Übrigens war sie diesmal vernünftig genug, um sich der Erörterungen und Vorwürfe zu enthalten: die Szene auf der Insel war ihr noch zu frisch im Gedächtnisse.

Alexei Stepanowitsch und Sofja Nikolajewna schliefen gehörig aus in Aksinja Stepanownas eigenem Schlafzimmer, das sie ihnen für diese Nacht abgetreten und so gut eingerichtet hatte, wie sie es vermochte, ohne auf die boshaften Bemerkungen ihrer Schwester, der Generalin, zu achten. Frühmorgens machte sich das junge Ehepaar auf den Weg, schon eine gute halbe Stunde vor der bestimmten Zeit. Auf dem Wege ging nichts Sonderliches vor, außer daß Alexei Stepanowitsch sich etwas weniger mit der Steppe und den Schnepfen abgab, nicht mehr jedesmal aufschrie, wenn eine Trappe vor dem Wagen aufflog, und infolgedessen aufmerksamer auf die Reden seiner geliebten Frau hörte und sie zärtlicher anblickte. Sie kamen in Bagrowo früher an, als man sie erwartete. Übrigens war man im Begriffe den Tisch zu decken, und Alexandra Stepanowna hatte schon geäußert: »Heute wird Väterchen wohl mit dem Essen zu warten haben; Stadtleute können nicht mehrere Tage hintereinander so früh aufstehen.« Der Alte verstand vortrefflich, worauf sie damit hinauswollte, und erwiderte heiter »Was tut's? Dann warten wir eben auf unsere lieben Gäste.« Diese Worte versetzten alle in das tiefste Staunen. Stepan Michailowitsch hatte sich nämlich nie in seinem Leben später zu Tische gesetzt, als um zwölf Uhr; wenn er einen besonderen Appetit spürte, ließ er das Essen auch früher auftragen und pflegte bei der mindesten Verzögerung in den heftigsten Zorn zu geraten. »So weit hat es also Sofja Nikolajewna gebracht,« flüsterte Alexandra Stepanowna der Mutter und der jüngeren Schwester im Nebenzimmer ins Ohr. »Auf sie kann man mit Vergnügen warten! Wenn aber Sie etwa, Mutter, sich bei der Rückkehr aus Nekljudowo zum Mittagessen verspätet hätten, was wäre da nicht für ein Sturm gegen Sie und gegen uns alle ausgebrochen!« Sie hatte ihre Einflüsterungen noch nicht vollendet, als schon die Kutsche an der Freitreppe vorfuhr, die müden Pferde schnaubten, der Schwiegervater seine Schwiegertochter küßte, die jungen Leute lobte, daß sie sich nicht verspätet hatten, und laut rief: »Masan! Tanaitschenok! Bringt das Essen!«

Der Tag verging wie gewöhnlich. Nach dem Tee ließ Stepan Michailowitsch, dessen Zuneigung zur Schwiegertochter mit jeder Stunde zu wachsen schien, die in der Steppe weidende Pferdeherde zusammentreiben, um sie Sofja Nikolajewna zu zeigen, die gelegentlich geäußert hatte, sie habe noch nie eine gesehen, würde es aber gern tun. Die Herde wurde im Hofraume zusammengetrieben, und der Alte führte selbst seine Schwiegertochter in deren Mitte umher und zeigte ihr die besten Stuten mit ihren saugenden Füllen, die ein- und zweijährigen Hengste und die jungen Wallache, die im Sommer mit der Herde in dem herrlichen, nahrhaften Steppengrase weideten. Er schenkte ihr zwei der schönsten Stuten und fügte hinzu, daß er von ihnen seiner Schwiegertochter eine schöne Pferderasse zu ziehen hoffe. Die kleinen Füllen gefielen Sofja Nikolajewna ganz besonders; sie freute sich an ihren Sprüngen und an ihrer Zärtlichkeit gegen die Mütter; für das Geschenk bedankte sie sich natürlich aufs freundlichste. »Gib also acht, Spirka,« sagte Stepan Michailowitsch mit strenger Stimme zu dem ersten Stallknechte, »daß die Stuten der jungen Herrin gut gepflegt werden; ihre Füllen sollen besondere Abzeichen bekommen; wir wollen ihnen das Ohr etwas tiefer aufspalten, und später werden wir für einen Stempel mit dem Namenszug der jungen Herrin sorgen. Wenn wenigstens du, Töchterchen, eine Pferdeliebhaberin wärest!« fuhr er fort, sich zu Sofja Nikolajewna wendend; »Alexei interessiert sich gar nicht für dergleichen!« Der Alte hatte eine wahre Liebhaberei für Pferde und hatte trotz seiner geringen Mittel durch unermüdlichen Eifer ein beträchtliches Gestüt zustande gebracht und eine so vortreffliche Rasse von kräftigen Zugpferden gezogen, daß Kenner und Liebhaber ihn darum beneideten. Stepan Michailowitsch war entzückt über das Interesse, welches Sofja Nikolajewna, freilich nur ihm zu Gefallen, für das Gestüt zeigte, welches er aber für ganz aufrichtig hielt, und führte sie auch in den Stall, damit sie sähe, wie die Kutschpferde gefüttert wurden.

Ich fürchte, meine Leser durch diese ausführlichen Tagesberichte zu ermüden, und sage daher kurz, daß der folgende Tag, der fünfte seit der Ankunft der Neuvermählten in Bagrowo, genau wie der vorhergehende verbracht wurde. Nach dem Rechte des Alters mußten die Erlykins die folgende Visite der Neuvermählten bekommen; aber ihr Gut lag hundertsiebzig Werst von Bagrowo entfernt, viel näher an Ufa, und es wurde daher beschlossen, bei ihnen auf der Rückreise nach dieser Stadt einzukehren. Dazu kam noch, daß Jelisaweta Stepanownas Gemahl, der düstere und schweigsame General Erlykin, nachdem er sich in Nagalkino betrunken hatte, wieder in einen seiner Anfälle von Trunksucht verfallen war, die nicht weniger als eine Woche zu dauern pflegten, und so seine Frau sich genötigt gesehen hatte, unter dem Vorwande, er sei krank, ihn bei Bekannten in Buguruslan zu lassen. So wurde denn beschlossen, am nächstfolgenden Tage zu Alexandra Stepanowna zu fahren; und letztere begab sich am Tage vorher samt ihrem baschkirenhaften Gemahl nach ihrem Gute Karatajewka, wohin sie auch mit Erlaubnis des Vaters die jüngere und die ältere Schwester einlud; Jelisaweta Stepanowna blieb jedoch zu Hause, unter dem Vorwande, daß ihr Mann in Buguruslan krank liege, eigentlich aber, um die Alten zu bearbeiten. Der Weg zu Karatajews, die ebenso weit von Bagrowo wohnten wie Nagatkins, d. h. etwas über fünfzig Werst, lief in ganz entgegengesetzter Richtung, gerade nach Norden. Von der Hälfte des Weges an wurde die Gegend bergig und waldig. Die Neuvermählten waren nach einem frühen Frühstück ausgefahren, und da der Weg wenig befahren und schlecht war, mußten sie halbwegs, zwischen Alt- und Neumertowschtschina ein paar Stunden lang auf freiem Felde haltmachen, um die Pferde zu füttern, und kamen erst abends zum Tee nach Karatajewka. Das Haus des Baschkirenliebhabers sah sehr viel elender aus als das Haus in Nagatkino. Gleich beim ersten Blicke fielen die kleinen, trüben Fenster auf; die Fußböden waren uneben, wie von Stufen unterbrochen, voll großer Löcher, die die Ratten durchgenagt hatten, und so schmutzig, daß es nicht mehr möglich war, sie rein zu scheuern. Mit Furcht und Widerwillen trat Sofja Nikolajewna in diese unheimliche, ungastliche Behausung. Alexandra Stepanowna benahm sich übermütig und erging sich in Anspielungen und Sticheleien, wie z. B. »Willkommen, ihr teuren Gäste, tretet ein und nehmt fürlieb! Du, Bruder, wirst natürlich nicht kritteln; aber ich weiß wirklich nicht, wie sich Sofja Nikolajewna entschließen wird, nach dem Palaste ihres Vaters in der Stadt unsere Hütte zu betreten. Wir sind ja arme Leute, von niederem Rang, und müssen uns nach der Decke strecken. Gehalt und sonstige derartige Einkünfte beziehen wir ja nicht.« Sofja Nikolajewna blieb ihr nichts schuldig und erwiderte, daß die Lebensweise eines jeden noch mehr von seinem Geschmacke als von seinen Mitteln abhänge, daß es ihr übrigens ganz gleichgültig sei, wie und wo die Verwandten ihres Mannes zu leben für gut befänden. Nach dem Abendessen wurde den Neuvermählten zum Schlafgemach der sogenannte Salon angewiesen, wo, sobald das Licht ausgelöscht ward, sich ein entsetzliches Rumoren, Rasseln und Springen erhob und sie von Ratten mit solcher Frechheit angegriffen wurden, daß die arme Sofja Nikolajewna die ganze Nacht nicht einschlafen konnte vor Angst und Ekel. Alexei Stepanowitsch war genötigt, ein Licht anzuzünden und, mit einer Fensterstütze bewaffnet, das Bett gegen die Anfälle der lästigen Tiere zu verteidigen, deren einige, ehe das Licht angezündet war, schon hineingesprungen waren. Übrigens empfand Alexei Stepanowitsch dabei weder Furcht noch Widerwillen; es war für ihn nichts Neues, und anfangs amüsierten ihn sogar die tollen Sprünge, die frechen Anfälle und das Gequiek der widerwärtigen Bestien; darauf schlief er sogar quer über dem Bett liegend ein, seine Waffe in der Hand, aber Sofja Nikolajewna mußte ihn immer wieder wecken, und erst nach Sonnenaufgang, als der Feind sich in seine Laufgräben zurückgezogen hatte, konnte die arme Frau einschlafen. Sie erwachte mit Kopfschmerzen; allein die Hausfrau lachte nur darüber, wie die nichtsnutzigen Ratten Sofja Nikolajewna erschreckt hätten, und fügte hinzu, daß die Ratten nur gegen Fremde so unartig seien, aber vor den Herren des Hauses Respekt hätten. Aksinja Stepanowna dagegen und Tanja konnten nicht ohne Mitleid das blasse und leidende Gesicht ihrer Schwägerin sehen und drückten derselben ihre Teilnahme aus. Frau Nagatkina machte sogar ihrer Schwester Alexandra Vorwürfe, da sie doch hätte die gewöhnlichen Vorrichtungen treffen, d. h. das Bett in die Mitte des Zimmers stellen, mit einem Vorhange versehen und dessen Ränder unter die Matratzen stecken lassen können. Darauf erwiderte diese nur mit einem boshaften Lachen und mit der Bemerkung: »Schade, daß die Ratten der lieben Verwandten nicht die Nase abgebissen haben!« – »Nimm dich in acht,« sagte ihr darauf Aksinja Stepanowna; »wenn es der Vater erfährt, kann es dir schlimm gehen.«

Das Dorf Karatajewka lag auf einem Abhange zerstreut, an einem kleinen, aus zusammenrieselnden Quellen gebildeten Flüßchen, das am Ende des Dorfes abgedeicht war und eine kleine Mühle in Bewegung setzte. Die Ortschaft war an sich nicht häßlich; aber die Besitzer und ihre ganze Lebensart waren so widerwärtig, daß auch die Gegend niemandem gefallen konnte. Karatajew, der sich in Bagrowo vor Stepan Michailowitsch, zu Hause aber vor seiner Frau fürchtete, wünschte manchmal gegen Sofja Nikolajewna liebenswürdig zu sein, wagte es aber nicht und benutzte nur die zufälligen Abwesenheiten seiner Gemahlin, um Sofja Nikolajewna um die Erlaubnis zu ersuchen, ihre Hand zu küssen, wobei er nach seiner Gewohnheit hinzufügte, sie sei die schönste Frau der Welt. Als er zum zweitenmal diese Bitte vortrug, wurde sie ihm nicht gewährt. Karatajew führte ein eigentümliches Leben: den größten Teil des Sommers brachte er damit zu, die Weideplätze der Baschkiren zu besuchen und sich täglich mit ihnen in Kumys zu betrinken; er sprach das Baschkirische wie ein Baschkire; wie ein Baschkire konnte er tagelang reiten, ohne vom Pferde zu steigen; sogar seine Beine waren krumm geworden wie die eines Baschkiren; er konnte mit dem Bogen schießen und ein Ei in großer Entfernung zerschmettern wie ein Baschkire. Den Rest des Jahres brachte er in einer mit einem Ofen versehenen Kammer zu, in die man unmittelbar vom Flur gelangte. Da starrte er den ganzen Tag durchs offene Fenster hinaus, sogar im Winter, bei strenger Kälte, in einen Pelz gehüllt. Dabei pfiff er ein Baschkirenlied und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck Magenbitter oder Baschkirenmet. Warum Karatajew durch dieses Fenster starrte, vor dem ein leerer Hofraum lag mit einem querüberlaufenden, holperigen Fußpfade, was er sah, was er beobachtete, was dieser auf einen Athletenkörper gepflanzte Kopf dachte, das sind Geheimnisse, die kein Psychologe zu enträtseln vermag. Freilich wurden manchmal die Betrachtungen des Philosophen unterbrochen: eine vollbusige Frau oder Dirne ging von der Leutestube über den Hof nach dem Stall; Karatajew nickte und zwinkerte ihr zu und erhielt ein ähnliches Nicken und Zwinkern als Antwort. Aber die weibliche Figur verschwand wie ein Gespenst um die Ecke, und wieder starrte er hinaus in die leere Ferne.

Sofja Nikolajewna konnte kaum den Augenblick erwarten, diese Höhle zu verlassen, und nach einem frühen Mittagessen, während dessen die Pferde schon vor der Tür standen, nahmen die Neuvermählten sogleich Abschied und fuhren davon. Beim Lebewohl küßte die Hausfrau ihre Schwägerin auf beide Wangen und auf die Schulter und dankte ihr warm für den angenehmen Besuch, und ebenso warm dankte letztere für die angenehme Bewirtung.

Als Sofja Nikolajewna endlich mit ihrem Manne in der Kutsche saß, ließ sie ihrem Unwillen freien Lauf. Die gutmütige Aksinja Stepanowna hatte ihr ohne böse Absicht ausgeplaudert, daß die Hausfrau mit Vorbedacht keine Vorrichtungen gegen die Ratten getroffen hatte, und die junge Frau, die sich lange im Hause ihrer Feindin Gewalt angetan hatte, konnte ihren aufwallenden Zorn nicht mehr bemeistern: sie vergaß, daß Parascha mit in der Kutsche saß; sie vergaß, daß Alexandra Stepanowna die Schwester Alexei Stepanowitschs war, und sparte die energischen Ausdrücke nicht. Alexei Stepanowitsch konnte bei seinem geraden Wesen und guten Herzen an eine solche Schlechtigkeit von seiten seiner Schwester nicht glauben, schrieb alles bloßer Unaufmerksamkeit zu und fühlte sich durch Sofja Nikolajewnas Reden tief gekränkt, die, die Wahrheit zu sagen, jedenfalls nicht zu rechtfertigen waren. Zum ersten Male zürnte der junge Mann seiner jungen Frau, sagte ihr, sie müsse sich schämen, so zu sprechen, wandte sich ab und schwieg. In einer solchen Stimmung kamen sie in Alt-Mertowschtschina an, wo damals die kluge alte Marja Michailowna Mertwaja Ihre Söhne nannten sich später mit obrigkeitlicher Erlaubnis Mertwago. (Anmerkung des Verfassers.) wohnte, deren Tochter Katerina Borisowna (eine große Freundin von Sofja Nikolajewna), seit kurzem an den nach Ufa verbannten und dort zum Witwer gewordenen P. I. Tschitschagow verheiratet, ganz unerwartet für die jungen Bagrows ebenfalls mit ihrem Manne anwesend war. Sofja Nikolajewna, die diesem Tschitschagow nicht minder zugetan war als ihrer Freundin, war von diesem Zusammentreffen so angenehm überrascht, daß sie all ihren Unwillen vergaß und lebhaft und heiter wurde; Alexei Stepanowitsch aber blieb so traurig und schweigsam, daß alle es bemerken mußten.

Die Geschichte Tschitschagows ist ein ganzer Roman, den ich so kurz wie möglich erzählen will; ich tue es, weil diese Familie uns im Verlauf dieser Geschichte wieder begegnen wird und nicht ohne Einfluß auf die Geschicke der jungen Bagrows geblieben ist. P. I. Tschitschagow war ein ausnehmend kluger oder, richtiger gesagt, witziger Mann; er hatte eine nach damaligen Begriffen sehr gute, vielseitige Erziehung genossen: er sprach mehrere Sprachen, beschäftigte sich mit Zeichnen und Architektur und schrieb in Versen und in Prosa. Als leidenschaftlicher Jüngling verliebte er sich in Moskau in ein Fräulein Rimsko-Korsakowa und beging, um ihre Hand zu erlangen, einen unverzeihlichen Betrug, der erst nach der Heirat entdeckt wurde und ihm die Verbannung nach Ufa zuzog. Seine Frau starb bald darauf; nach Verlauf eines Jahres hatte er sich getröstet, verliebte sich in Katerina Borisowna und fesselte sie durch seinen heiteren Geist, durch seine Liebenswürdigkeit und Bildung; sein Äußeres konnte dabei nicht mitgewirkt haben, da er ausnehmend häßlich war. Katerina Borisowna war ein erwachsenes Mädchen von festem Charakter. Ihre Mutter und ihre Brüder konnten sich mit ihr nicht stellen und gaben sie Tschitschagow zur Frau, der in der Folge zwar begnadigt wurde, aber nicht die Erlaubnis erhielt, Ufa zu verlassen. Sofja Nikolajewna hatte ihn in zwiefacher Hinsicht lieb: erstens als den leidenschaftlich geliebten Mann ihrer Freundin, zweitens, und wohl hauptsächlich, als einen geistreichen und gebildeten Mann. Die alte Marja Michailowna gedachte sich für immer auf dem Lande anzusiedeln, und Tschitschagow und seine Frau waren gekommen, um ihr beim Bau eines Hauses und einer Kirche behilflich zu sein. Sofja Nikolajewna, die nun schon eine ganze Woche in der Familie ihres Mannes verlebt hatte, freute sich über die Gesellschaft der Tschitschagows, wie über eine Weihnachtsbescherung; sie fühlte sich von frischer Luft angeweht, ihr lebhafter Geist hatte Nahrung gefunden, und sie plauderte mit den Freunden beinahe bis Mitternacht. Alexei Stepanowitsch hätte in schweigsamer Vereinsamung dagesessen, wenn nicht die kluge alte Hausfrau sich seiner angenommen und ihn durch gewandte Gespräche zerstreut hätte. Gleich nach dem Abendessen sagte er jedoch Gute Nacht und zog sich in das für die Gäste zurechtgemachte Zimmer zurück. Sofja Nikolajewna fand ihn im tiefsten Schlafe, und am andern Morgen fuhren sie in aller Frühe nach Bagrowo, ohne die Bewohner des Hauses aus dem Schlafe zu stören.

Unterwegs fuhr Alexei Stepanowitsch fort zu schmollen und zu schweigen, sogar auf die direkten Fragen Sofja Nikolajewnas gab er so kalte, einsilbige Antworten, daß sie aufhörte, ihn anzureden. Bei ihrem lebhaften und ungeduldigen Gemüte war ihr das sehr peinlich; da sie aber entschlossen war, keine Erörterungen in Paraschas Gegenwart anzuregen, und alles auf die Ruhestunde nach Tische verschob, wo sie mit ihrem Mann allein zu sein hoffte, so knüpfte sie ein Gespräch mit ihrem Dienstmädchen über das frühere Leben in Ufa an. Alexei Stepanowitsch drückte sich in eine Ecke der Kutsche und schlief ein oder stellte sich so. So kamen sie ein paar Stunden vor Tisch in Bagrowo an. Stepan Michailowitsch war sichtbar erfreut, seine Schwiegertochter wiederzusehen, und sagte, er habe ohne sie Langeweile gehabt. »Nein,« fügte er hinzu, »ihr dürft nicht mehr lange hier bleiben; sonst gewöhne ich mich so an dich, Schwiegertöchterchen, daß ich mich am Ende zu sehr nach dir sehne.« Er ließ sich von Sofja Nikolajewna ausführlich die Visitenfahrt erzählen. Er kannte Marja Michailowna, lobte sie sehr und sagte, er werde am anderen Tage zu ihr schicken, um sie mit Tochter und Schwiegersohn auf Brot und Salz Symbole der Gastfreundschaft, eine Redensart, die zum Mittagstisch laden bedeutet. (Anmerkung des Übersetzers S. R.) zu den Neuvermählten einzuladen, und zwar auf den Sonntag, bis zu dem noch vier Tage blieben. »Übermorgen werdet ihr zu Kalpinskis und Lupenewskis fahren und sie ebenfalls auf Sonntag einladen. Nach Sonntag bleibt ihr noch drei Tage bei mir, und dann mögt ihr mit Gott nach Hause, nach Ufa, ziehen. Gevatter Nikolai Fjodorowitsch hat sich nie von dir getrennt«, fügte er hinzu, sich an Sofja Nikolajewna wendend, »und wird sich wohl sehr nach dir sehnen; und auch du nach ihm, dem armen Kranken.«

Stepan Michailowitsch erriet bald, daß während dieser Fahrt etwas Unangenehmes vorgefallen sei. Im Verlaufe des Gesprächs fragte er Sohn und Schwiegertochter, wie man sie in Karatajewka empfangen habe. Natürlich antwortete man, daß der Empfang ein sehr freundlicher gewesen sei. Sofja Nikolajewna aber erwähnte unter anderm, daß sie dort die ganze Nacht wegen der Ratten nicht geschlafen habe. Stepan Michailowitsch äußerte sein Erstaunen. Er war nur einmal vor langer Zeit in Karatajewka gewesen und hatte nichts derartiges bemerkt. »Ja, ja, das hat seine Richtigkeit, Stepan Michailowitsch!« fiel Arina Wasiljewna arglos ein. Umsonst waren die Winke Jelisaweta Stepanownas; die Alte merkte nichts davon, wofür sie später von den Töchtern tüchtig ausgescholten wurde. »Dort gibt es so böse Ratten,« fuhr sie fort, »daß man ohne Bettvorhang gar nicht schlafen kann.« – »Und ihr habt ohne Vorhang geschlafen?« fragte der Alte mit veränderter, unheilverkündender Stimme. Man mußte diese Frage bejahen. »Eine sorgsame Hausfrau!« sagte er und warf seiner Frau und seiner Tochter, der Generalin, einen solchen Blick zu, daß es sie kalt überlief.

Karatajews, Frau Nagatkina und Tanja waren noch nicht da: man erwartete sie zum Abendtee. Das Mittagessen war nicht heiter. Alle waren befangen, und nicht ohne Grund. Arina Wasiljewna und Jelisaweta Stepanowna spürten das Herannahen des Sturmes und fürchteten, daß der Blitz auch sie treffen möge. Seit langer Zeit hatte Stepan Michailowitsch keine Wutanfälle gehabt; desto furchtsamer sah man seinem Zorn entgegen, von dem man sich entwöhnt hatte. Sofja Nikolajewna sah, daß der Schwiegervater unzufrieden war. Es wäre ihr schon recht gewesen, wenn er seiner Tochter, ihrer erklärten Feindin, eine tüchtige Lektion gegeben hätte; aber sie fürchtete, selbst dabei etwas abzubekommen. Sie hatte die Ratten ganz arglos erwähnt, ohne zu ahnen, daß der Schwiegervater auf diesen Umstand ein so großes Gewicht legen werde. Übrigens hatte Sofja Nikolajewna noch eine andere große Last auf dem Herzen: sie wußte noch nicht, wie sie sich gegen ihren Mann verhalten sollte, der ihr zum erstenmal in seinem Leben wegen ihrer beleidigenden Äußerungen über Alexandra Stepanowna zürnte. Sollte sie warten, bis er den ersten Schritt zur Versöhnung tat, oder sollte sie sich selbst an ihn wenden, um dem peinlichen Zustande ein Ende zu machen, ihn um Verzeihung bitten, durch Liebkosungen den Eindruck ihrer unheilvollen Aufwallung verwischen? Und gewiß hätte sie das letztere getan; denn sie liebte ihren guten, sanften, liebenden Mann innig und zärtlich. Sie machte sich die ärgsten Vorwürfe. Sie hätte dies alles voraussehen müssen. Sie wußte ja, daß Alexei Stepanowitsch nicht gezaudert hätte, für sie zu sterben, daß aber eine beständige, feine Aufmerksamkeit, ein Verständnis für alles, was sie kränken konnte, für alle Kleinigkeiten des häuslichen Lebens von ihm nicht zu erwarten sei. Was sollte sie aber anfangen mit ihrem heißen Blute, mit ihren übertrieben erregbaren Nerven, mit ihrer lebhaften Phantasie, mit der unbezwingbaren Empfindlichkeit ihres Herzens? So dachte, so fühlte die arme Frau, in ihrem Zimmer auf und ab gehend, in das sie sich nach Tische zurückgezogen hatte, und wo sie ihren Mann erwartete, den unterwegs seine Mutter aufgehalten und zu sich gerufen hatte. Die Minuten dehnten sich ihr zu Stunden aus. Der Gedanke, daß Alexei Stepanowitsch absichtlich zögere, um nicht mit ihr allein zu bleiben, um Erörterungen zu vermeiden, der Gedanke, daß sie, ohne ihr Herz von der quälenden Last entladen, ohne sich mit ihrem Mann versöhnt zu haben, ihn erst wieder in Gegenwart der feindlich gesinnten Familie sehen werde, daß sie noch den ganzen Abend sich ruhig und heiter zu stellen habe, dieser Gedanke preßte ihr das Herz zusammen, versetzte sie in fieberhafte Angst, plötzlich öffnete sich die Tür, und Alexei Stepanowitsch trat ein, nicht mehr schüchtern und traurig, sondern entschlossen und sogar zürnend, und begann seiner Frau Vorwürfe zu machen, daß sie seine Schwester Alexandra Stepanowna bei dem Vater verklagt habe. »Jetzt zittern und weinen sie alle, und Gott weiß, was noch daraus werden wird,« sagte Alexei Stepanowitsch, noch von dem erfüllt, was ihm die Mutter und Jelisaweta Stepanowna soeben eingeflüstert hatten. »Es ist schlecht und sündhaft, Zwist und Unfrieden in die Familie des Gatten zu bringen. Ich habe dir ja gesagt, daß mein Vater im Zorne schrecklich ist; und obgleich du das wußtest, hast du seine Neigung zu dir mißbraucht, um …« Hier verlor Sofja Nikolajewna die Geduld. Das Blut stieg ihr in den Kopf. Die zärtlichen Gefühle schwiegen; das Schuldbewußtsein, die Reue waren verschwunden, und der arme Gemahl erfuhr, daß nicht Stepan Michailowitsch allein zürnen könne. Ein unaufhaltsamer Strom von Klagen, Vorwürfen, Beschuldigungen brach auf ihn los, und Alexei Stepanowitsch war niedergeschmettert, vernichtet, schuldig ohne Einwand, beinahe selbst überzeugt, daß er ein Bösewicht sei … und auf den Knien liegend, in Tränen zerfließend, flehte er Sofja Nikolajewna um Verzeihung an. Auch ein anderer als Alexei Stepanowitsch hätte nicht standhalten können vor diesem feurigen Ausbruche von Verstand, Gefühl, fester Überzeugung und wunderbarer Redegabe! Auch ein vollkommen berechtigter Kläger, ein viel festerer Charakter als Alexei Stepanowitsch hätte sich in diesem Augenblicke vor der jungen, schönen, geliebten Frau für schuldig erklärt. Und Alexei Stepanowitsch war zu seinen Vorwürfen entschieden nicht berechtigt.

Im Schlafzimmer der Neuvermählten hatte sich der Sturm gelegt; aber am anderen Ende des Hauses, in Stepan Michailowitschs Kammer, ging er erst an. Der Alte erwachte. Der Schlaf hatte sein Gemüt nicht beschwichtigt, hatte die Runzeln von seiner finsteren Stirn nicht entfernt. Düster blieb er eine Zeitlang quer über dem Bette sitzen; dann rief er: »Masan!« Masan lag schon lange an der Tür und lugte durch eine Ritze ins Zimmer hinein. Er war dort als Schildwache von der Familie aufgestellt worden, die in angstvoller Erwartung im Saale saß. Masan, aus voller Kehle: »Was beliebt?« schreiend, stürzte geräuschvoll ins Zimmer. »Ist Alexandra Stepanowna angekommen?« – »Sie haben geruht, anzukommen.« – »Ruf sie her!« Augenblicklich trat Alexandra Stepanowna ins Zimmer, da ein Zaudern in solchen Fällen das Gefährlichste war. »Also mit Ratten, meine Gnädige, hast du deinen Bruder und deine Schwägerin bewirtet?« hob Stepan Michailowitsch mit der bekannten, unheilverkündenden Stimme an. »Verzeihen Sie, Vater!« erwiderte demütig Alexandra Stepanowna, der die Knie zitterten, und deren natürliche Bosheit der Angst wich. »Ich hatte ihnen den Salon eingerichtet und nur nicht daran gedacht, einen Bettvorhang anbringen zu lassen. Vor lauter Eifer und Freude habe ich es ganz vergessen.« – »Also vor lauter Freude! Als wenn ich dich nicht kennte! Wie hast du dich unterstanden, deinem Bruder und mir eine solche Beleidigung anzutun? Wie hast du dich unterstanden, deinem Vater in seinem Alter eine solche Schande zu machen?« Vielleicht hätte es damit sein Bewenden gehabt, d. h. alles wäre auf Schelten, Schimpfen und Drohen, vielleicht auf ein paar Püffe hinausgelaufen; aber Alexandra Stepanowna konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie dies um Sofja Nikolajewnas willen erdulde, und in der Hoffnung, daß der Sturm sich glücklich verziehen werde, vergessend, daß in solchen Fällen jede Erwiderung die Sache verschlimmere, murmelte sie: »Und um ihretwillen muß ich das unverdientermaßen erdulden!« Ein neuer, noch schrecklicherer Zorn flammte in Stepan Michailowitsch auf, jener Zorn, der ihn nie ergriff, ohne scheußliche Auftritte herbeizuführen. Schon wollte ein furchtbares Wort seinen Lippen entfahren, als Arina Wasiljewna, die Witwe Nagatkina und Tanja, die hinter der Tür gestanden hatten, einzutreten wagten und sich mit lautem Klageschrei dem Alten zu Füßen warfen. Karatajew, der mit bei ihnen gestanden hatte, floh ins Birkenwäldchen, wo er mit einem Stocke wie ein Rasender die schuldlosen Zweige herunterhieb, um seiner Wut über die Behandlung, der seine Frau unterworfen war, Luft zu machen. Auch Jelisaweta Stepanowna wagte es nicht einzutreten, da sie kein reines Gewissen hatte und wußte, daß ihr Vater es recht wohl merkte. »Väterchen Stepan Michailowitsch!« schluchzte Arina Wasiljewna, »dein Wille ist uns heilig; tue, was dir beliebt; wir sind alle in deiner Gewalt; schone nur unsere Ehre, laß unsere Familie nicht zuschanden kommen vor der Schwiegertochter; sie ist hier noch neu; du wirst sie zu Tode ängstigen!« Wahrscheinlich brachten diese Worte den Alten zur Besinnung. Er schwieg eine Weile; dann stieß er Alexandra Stepanowna mit dem Fuße von sich und rief: »Hinaus! und unterstehe dich nicht vor mir zu erscheinen, ehe ich dich rufe!« Niemand wartete einen weiteren Befehl ab: in einem Nu war das Zimmer leer und alles still um Stepan Michailowitsch, dessen blaue Augen noch lange düster und trübe blieben, dessen Brust noch lange schwer und tief atmete; denn er hatte seine Wut zurückgehalten, seinen flammenden Zorn nicht befriedigt.

Längst kochte die Teemaschine auf dem Tische im Salon und nicht an der Freitreppe, da es draußen feucht war. Es hatte eben aufgehört zu regnen. Die Natur schien mit den Stimmungen im Bagrowschen Hause zu sympathisieren. Von der Stunde des Mittagessens an hatten am Himmel zwei Gewitterwolken gestanden, die eine schwärzer als die andere, Blitze wechselnd und die Luft mit dumpfem Donner erschütternd. Endlich hatte sich alles in einen Platzregen aufgelöst, die Wolken hatten sich im Osten zusammengeballt, und die Sonne war blendend im Westen hervorgetreten. Frischer und duftiger waren Wald und Wiese geworden, lauter und fröhlicher sangen die Vogel. Wie ganz andere Spuren hinterläßt das Ungewitter der menschlichen Leidenschaften!

Arina Wasiljewna und ihre Töchter, mit Ausnahme von Alexandra Stepanowna, die sich krank meldete, und der Schwiegersohn Karatajew (Erlykin war noch immer in Buguruslan) versammelten sich im Salon. Stepan Michailowitsch ließ sich den Tee auf sein Zimmer bringen und verbot allen den Zutritt zu sich. Die Tür zum Zimmer der Neuvermählten war noch verschlossen; aber nachdem man eine Zeitlang gewartet hatte, entschloß man sich anzuklopfen; sie erschienen sogleich, und obwohl Sofja Nikolajewna heiter schien und Alexei Stepanowitsch wirklich heiterer war als vorher, hielt es nicht schwer, auf ihren Gesichtern zu lesen, daß zwischen ihnen etwas Ungewöhnliches vorgegangen sei. Von den Ereignissen in Stepan Michailowitschs Zimmer wußten sie noch gar nichts. Was Arina Wasiljewna und ihre Töchter betrifft, so sahen sie aus wie Menschen, die man eben aus dem Wasser gezogen oder aus dem Feuer gerissen hat. Schade, daß niemand da war, um das interessante, mannigfaltige Mienen- und Gebärdenspiel der Gesellschaft zu beobachten. Das Gespräch war gezwungen und matt. Die Abwesenheit Stepan Michailowitschs und Alexandra Stepanownas war so verdächtig, daß Sofja Nikolajewna den ersten besten Vorwand ergriff, um in ihr Zimmer zu gehen, wo sie Parascha berief und das Geheimnis sich löste. In der Mädchenstube wußte man schon alles ganz genau: erstens hatten Masan und Tanaitschenok die ganze Geschichte gehört; zweitens waren die alte Herrin und das Fräulein daran gewöhnt, alles ihren Dienstmädchen anzuvertrauen; also konnte Parascha ihrer Herrin eine genaue, ausführliche Meldung machen. Sofja Nikolajewna war höchst bestürzt. Sie hatte keineswegs solche schrecklichen Folgen erwartet, machte sich die größten Vorwürfe darüber, daß sie dem Schwiegervater von diesen Unglücksratten erzählt habe, und empfand das aufrichtigste Mitleid für Alexandra Stepanowna. Sie kehrte in den Salon zurück und bat ihre Schwiegermutter um die Erlaubnis, die kranke Schwägerin besuchen zu dürfen; aber man erwiderte ihr, daß sie schlafe. Während Sofja Nikolajewna auf ihrem Zimmer war, hatte man die ganze Geschichte Alexei Stepanowitsch erzählt. Um neun Uhr wurde eilig zu Abend gegessen, und gleich darauf zog sich ein jedes in sein Zimmer zurück. Als Sofja Nikolajewna sich mit ihrem Manne allein sah, warf sie sich ihm mit Tränen um den Hals und bat ihn noch einmal mit dem tiefsten Reuegefühl um Verzeihung, wobei sie sich selbst viel schwerer beschuldigte, als billig war. Alexei Stepanowitsch konnte den schönen Quell dieser inneren Qual, dieser Zerknirschung nicht würdigen. Es tat ihm nur leid, daß sie sich umsonst so viel Kummer mache, und er mühte sich ab, sie zu trösten, indem er ihr sagte, daß nun, Gott sei Dank, alles ein glückliches Ende genommen habe, daß man an dergleichen im Hause gewöhnt sei, daß morgen der Vater ganz heiter erwachen und der Schwester Alexandra Stepanowna verzeihen werde, und daß alles wieder wie früher einen guten Gang nehmen werde. Er bat Sofja Nikolajewna nur, sich mit der Familie in keinerlei Erörterungen einzulassen und nicht, wie sie die Absicht hatte, wegen ihrer unbeabsichtigten Verschuldung um Verzeihung zu bitten, und riet ihr, am anderen Morgen nicht eher zum Vater zu gehen, als bis er sie selbst rufen ließe. Klarer als jemals verstand Sofja Nikolajewna das Wesen ihres Mannes, und ihr wurde unendlich traurig zumute. Er schlief ganz ruhig ein, wie gewöhnlich; sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen.

Der Zornanfall hatte Stepan Michailowitsch tief erschüttert, und er schämte sich seines wilden Benehmens, wenn er daran dachte, daß die Schwiegertochter davon gehört haben könne. Seinem redlichen Sinne war jede niederträchtige und bösartige Handlung verhaßt, und die Handlung der Tochter galt ihm außerdem als ein Trotz gegen seine väterliche Autorität. Er war nahe daran, zu erkranken. Er aß kein Abendbrot, ging nicht hinaus auf seine Freitreppe, wollte sogar den Verwalter nicht sehen, sondern ließ ihm seine Befehle durch die Diener zukommen. Jedoch das wohltätige Dunkel der Nacht, das unsere innere Sehkraft schärft, die Stille und endlich der Schlaf, der friedengebende, der seelenberuhigende, brachten ihre erwünschte Wirkung hervor. Am anderen Tage ließ Stepan Michailowitsch frühmorgens Arina Wasiljewna zu sich rufen und teilte ihr folgenden Befehl an seine Töchter mit, der augenscheinlich direkt Alexandra Stepanowna und zum Teil auch Jelisaweta Stepanowna betraf: man solle nicht die mindeste Unzufriedenheit an den Tag legen und die Schwägerin nichts merken lassen. Kurz darauf wurde die Teemaschine aufgetragen und die ganze Familie gerufen. Arina Wasiljewna hatte zum Glück Zeit gefunden, durch ihren Sohn die Schwiegertochter bitten zu lassen, daß sie den Alten erheitere, der heute nicht ganz wohl und ein wenig verstimmt sei, und die Schwiegertochter erfüllte, trotzdem sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und selbst nicht heiter gestimmt war, den Wunsch ihrer Schwiegermutter aufs beste, der zugleich der Wunsch der ganzen Familie und insbesondere ihr eigener war.

Sofja Nikolajewna war eine wunderbare Persönlichkeit! Ihre lebhafte, empfängliche, leicht erregbare Natur konnte dem schnellsten Umschwunge ihrer Gedanken und Gefühle folgen, und so verwandelte sie sich oft plötzlich in ihrem ganzen Wesen. In der Folge wurde diese Eigentümlichkeit als Verstellungsgabe angesehen; dies war aber ein grober Irrtum. Es war vielmehr die künstlerische Fähigkeit, sich ganz in eine andere Sphäre, in eine andere Situation zu versetzen, sich rückhaltlos einer neuen Idee, einem neuen Wunsche hinzugeben und durch diese innige Hingebung unwiderstehlich hinzureißen. Der Gedanke und der Wunsch, den aufgeregten Schwiegervater zu beruhigen, den sie so herzlich liebgewonnen hatte, der für sie Partei genommen hatte, der ihretwegen in einen Zorn geraten war, der seiner Gesundheit schaden konnte, der Gedanke, ihren Mann und die ganze Familie, die um ihretwillen infolge ihrer unvorsichtigen Äußerung erschreckt und gekränkt worden war, zu beruhigen, ergriff so allmächtig Sofja Nikolajewnas Seele und Phantasie, daß sie sich in ein höheres, unwiderstehliches Wesen zu verwandeln schien, – und bald unterwarf sich alles dem Zauber ihres Wirkens. Sie schenkte selbst den Tee ein und fand zugleich Zeit, eigenhändig die Tassen umherzureichen, zuerst dem Schwiegervater, dann der Schwiegermutter und den übrigen Mitgliedern der Familie. Dabei sprach sie mit allen und war so ungezwungen, so freundlich, so heiter, daß der Schwiegervater fest daran glaubte, daß sie nichts von der gestrigen Szene wisse, und selbst darüber ganz heiter wurde. Da seine Heiterkeit auch in hohem Grade ansteckend war, so waren nach einer Stunde alle Spuren des gestrigen Ungewitters verschwunden.

Gleich nach dem Mittagessen fuhren die jungen Eheleute aus, um Visiten zu machen, und zwar fuhren sie nach Nekljudowo zu Kalpinskis und nach Lupenewka (zwei Werst von Nekljudowo) zu der uns schon bekannten Flena Iwanowna Lupenewskaja. In Nekljudowo wohnte Ilarion Nikolajewitsch Kalpinski mit seiner Frau Katerina Iwanowna. Er war ein in seiner Art merkwürdiger Mann, ohne wissenschaftliche Bildung, aber gescheit und belesen, der aus einem niederen Stande (man versicherte, er sei von Geburt ein Mordwine) sich bis zum Hofrat emporgearbeitet und aus Kalkül die Tochter eines Gutsbesitzers von altem Adel geheiratet hatte. Er hatte sich jetzt der Landwirtschaft gewidmet und sparte eifrig Geld zusammen. Kalpinski hatte die Prätention, ein Freigeist und Philosoph zu sein; die, welche etwas von Voltaire gehört hatten, nannten ihn einen Voltairianer. In seiner Familie lebte er abgesondert und einsam und genierte sich nicht in der Befriedigung seiner Liebhabereien und Gelüste. Sofja Nikolajewna hatte von ihm gehört, aber ihn nie gesehen, da er früher in Petersburg angestellt gewesen und erst kürzlich direkt nach Orenburg versetzt worden war. Sie war sehr erstaunt, in ihm einen gescheiten, nach damaligen Begriffen gebildeten Mann in elegantem, städtischem Kostüm zu finden. Anfangs war ihr diese Überraschung angenehm; aber bald flößte die Gottlosigkeit und der Zynismus, mit dem dieser Mensch sich beeilte, vor der schönen Stadtdame die häßlichen Seiten seines ehelichen Lebens aufzudecken, ihr einen Widerwillen ein, den sie auch später nie überwinden konnte. Seine Frau unterschied sich, was die moralischen Eigenschaften anbelangt, in nichts von ihrer Schwester Lupenewskaja, war aber viel gescheiter. Nachdem die jungen Eheleute eine Stunde bei Kalpinskis geblieben waren, fuhren sie zu Frau Lupenewskaja und verweilten auch bei ihr eine Stunde. In beiden Häusern bekamen sie Tee und eingemachte Früchte, mit Gesprächen gewürzt, über die Sofja Nikolajewna entrüstet war. Beide Familien wurden auf den Sonntag zu Tische geladen. Als eine unerklärliche Seltsamkeit in psychologischer Hinsicht muß es betrachtet werden, daß Flena Iwanowna sich von Sofja Nikolajewna unwiderstehlich angezogen fühlte; als letztere Abschied nahm, überschüttete die alte Dame sie mit einer Flut so närrisch klingender Zärtlichkeiten und Komplimente, daß man darüber entweder erröten oder lachen mußte; nichtsdestoweniger war es der Ausdruck einer wahren Zuneigung und Bewunderung. Eine Stunde vor dem Abendessen kamen die jungen Eheleute nach Hause, wo sie auf der wohlbekannten Freitreppe von Stepan Michailowitsch besonders freudig empfangen wurden. Der Alte war höchst erheitert durch die Erzählung von Flena Iwanownas plötzlicher Liebe zu seiner Schwiegertochter, und wie sie die letztere geküßt und ihre Seelenverwandte und liebste Kusine genannt habe. Sogar nach dem Abendbrot versammelte sich die ganze Familie gegen ihre Gewohnheit wieder auf der Freitreppe, und es wurde noch traulich in der Abendkühle geplaudert, unter dem Sternenhimmel, beim Schimmer der erlöschenden Abenddämmerung, die Stepan Michailowitsch ganz besonders lieb hatte, er wußte selber nicht warum.

Die beiden Tage, die noch bis zum Sonntag übrigblieben, vergingen ohne sonderliche Ereignisse. Erlykin kehrte aus Buguruslan zurück, gelb und leidend, wie er es immer nach einem Anfall von Trunksucht war. Stepan Michailowitsch wußte von der unglücklichen Schwäche oder Krankheit seines Schwiegersohnes und behandelte ihn selbst mit gewissen widerlichen Kräuterweinen, aber ohne sonderlichen Erfolg. In nüchternem Zustande hatte Erlykin einen Widerwillen gegen alles Spirituöse und konnte nicht einmal ein Glas Wein ohne Schaudern an die Lippen bringen. Aber etwa viermal jährlich wurde er von einer förmlichen Leidenschaft für berauschende Getränke ergriffen; man versuchte, ihm keine zu geben; dann verfiel er aber in den elendesten Zustand; er schwatzte unaufhörlich, klagte und weinte und warf sich den Leuten zu Füßen, um einen Schluck Wein flehend; wenn man ihm auch dann seine Bitte nicht gewährte, geriet er in Wut, raste und tobte und versuchte sogar, sich umzubringen. Sofja Nikolajewna wußte das alles aus Erzählungen und empfand das tiefste Mitleid mit dem armen Schwager. Sie benahm sich gegen ihn aufs freundlichste und suchte ihn in heitere Gespräche hineinzuziehen, doch umsonst: der mürrische, finstere, stolze General beharrte in seinem hartnäckigen Schweigen. Jelisaweta Stepanowna, statt dankbar zu sein, fühlte sich durch die Aufmerksamkeit der Schwägerin gegen den Schwager beleidigt und gab ihr das durch Sticheleien zu verstehen. Stepan Michailowitsch bemerkte dies und erteilte seiner klugen Tochter einen strengen Verweis, der sie noch mehr gegen die Schwägerin aufreizte.

Zweimal fuhr Stepan Michailowitsch mit Sofja Nikolajewna durch die Winter- und Sommersaatfelder nach dem Hegewalde und nach seinen lieben Bergquellen spazieren. Dem Alten schien es, daß alles die liebe Schwiegertochter interessiere und ihr ganz ausnehmend gefalle; aber ihr mißfiel entschieden alles. Nur eines hielt Sofja Nikolajewnas Mut aufrecht: der Gedanke, daß sie Bagrowo bald verlassen und hoffentlich nie wiedersehen werde. Wenn ihr damals jemand gesagt hätte, daß sie an diesem Orte ihr ganzes Leben verbringen und sterben würde, hätte sie nicht daran geglaubt und aufrichtig erwidert, daß sie den Tod vorziehe. Aber nur an das glaubt der Mensch sich nie gewöhnen zu können, was ihm Gott noch nicht geschickt hat!

Der Sonntag kam. Die Gäste begannen sich zu versammeln. Aus Alt-Mertowschtschina war Marja Michailowna angekommen, aus Lupenewka und Nekljudowo Lupenewskis und Kalpinskis, aus Buguruslan der Richter und der Polizeimeister, zwei alte Junggesellen. Auch eine alte Nachbarin war von ihrem Gute gekommen, die kleine, magere, gesprächige Afrosinja Andrejewna (der Familienname ist mir entfallen; es nannte sie auch niemand beim Familiennamen). Sie war eine unerschöpfliche Lügnerin, deren Geschichten manchmal Stepan Michailowitsch dasselbe Vergnügen machten, das ein Erwachsener bisweilen an Kindermärchen findet.

Aber es lohnt sich, Afrosinja Andrejewna kennen zu lernen, wenn auch nur flüchtig. Afrosinja Andrejewna hatte zehn Jahre in Petersburg zugebracht, wegen eines Prozesses, den sie endlich gewonnen hatte, und lebte seitdem auf ihrem kleinen Gute. Aus Petersburg hatte sie eine Reihe so wundersamer und abenteuerlicher Geschichten mitgebracht, die sie selbst erlebt haben wollte, daß Stepan Michailowitsch sich fast totlachte, wenn er sie von ihr hörte. Unter anderem erzählte sie, daß sie mit der Kaiserin Katerina Alexejewna auf dem vertrautesten Fuße verkehrt habe, wobei sie zur Erläuterung hinzufügte, daß, wenn man zehn Jahre in derselben Stadt lebe, man ja nicht umhin könne, miteinander bekannt zu werden. »Ich stehe einmal in der Kirche,« erzählte die begeisterte Lügnerin; »die Messe geht zu Ende; die Kaiserin schreitet an mir vorüber; ich verneige mich tief und erdreiste mich, ihr zum Festtag Glück zu wünschen; sie aber, Ihre Majestät, geruht zu antworten: ›Guten Tag, Afrosinja Andrejewna! Wie geht's mit deinem Prozesse? Warum kommst du niemals des Abends zu mir mit deinem Strickzeuge? Da können wir zur Kurzweil zusammen plaudern.‹ Seitdem war ich jeden Abend bei ihr. Ich wurde mit den Hofleuten bekannt, und jedermann kannte und liebte mich im Schlosse. Wenn jemand unter ihnen in die Stadt geschickt wurde, um Einkäufe zu machen, kehrte er bei mir ein und erzählte mir, was im Schlosse los war. Natürlich hatte ich immer ein Gläschen Branntwein für solche Fälle bereit. Eines Tages, gegen Abend, sitze ich so am Fenster, plötzlich galoppiert ein Hoflakai vorbei, ganz rot gekleidet, mit dem kaiserlichen Wappen; nach einer Weile ein zweiter, endlich ein dritter. Da kann ich es nicht mehr aushalten, hebe das Fenster empor und rufe: ›Filip Petrowitsch! Filip Petrowitsch! Wohin so eilig, daß ihr nicht einmal bei mir einkehrt?‹ – ›Habe keine Zeit, Mütterchen,‹ erwiderte der Lakai; ›es ist eine verfluchte Geschichte: es fehlt an Lichtern im Schlosse, und wir brauchen bald welche!‹ – ›Halt!‹ schreie ich, ›ich habe fünf Pfund vorrätig; die könnt ihr bekommen!‹ Wie sich mein Filip Petrowitsch freute! Ich trug ihm eigenhändig die Lichter hinaus, und so war ihm geholfen. Ja, ja, Stepan Michailowitsch, so ging es zu. Wie sollten mich da die Leute nicht lieben?«

Stepan Michailowitsch besaß unter vielen Eigenheiten die, daß er, obgleich ein geschworener Feind jedes absichtlichen Betruges, ja jedes auch noch so geringfügigen Verstoßes gegen die Wahrheit, mit Vergnügen die harmlosen Lügen gutmütiger Leute anhörte, die sich mit naiver Hingebung von ihrer zu lebhaften Phantasie hinreißen ließen und sich selbst in den Glauben an ihre Erfindungen hineinlogen. Nicht nur in heiterer Gesellschaft, sondern auch im Zwiegespräch, wenn er bei guter Laune war, liebte er es, sich mit Afrosinja Andrejewna zu unterhalten, welche stundenlang mit der größten Wärme im Stile des angeführten Probestückchens von ihrem zehnjährigen Aufenthalte in Petersburg erzählen konnte.

Doch kehren wir zu den in Bagrowo versammelten Gästen zurück. Welcher Rock zierte den Richter, welche Uniform den Polizeimeister! Und dazu, zwischen den zwei Vogelscheuchen in Frauenkleidern, d. h. zwischen seiner Frau und seiner Schwägerin, Kalpinski im französischen gestickten Stutzerrocke, mit zwei Uhrketten an der Weste, mit unzähligen Ringen an den Fingern, mit seidenen Strümpfen und mit goldenen Schnallen an den Schuhen. Auch Stepan Michailowitsch hatte Toilette machen müssen, und die ganze Familie hatte sich herausgeputzt. Der witzige, satirische Tschitschagow konnte sich nicht genug an diesem Gemisch von Kostümen und besonders an seinem Freunde Kalpinski ergötzen. Er konnte seiner Zunge freien Lauf lassen, da seine Frau und Sofja Nikolajewna, denen er all seine Bemerkungen zuflüsterte, zusammen und apart saßen. Sofja Nikolajewna hatte große Mühe, sich des Lachens zu erwehren; sie bemühte sich, nicht darauf hinzuhören, und bat ihn dringend, zu schweigen oder sich mit dem ehrwürdigen Stepan Michailowitsch zu unterhalten, was er denn auch tat, und was zur Folge hatte, daß er bald den Alten liebgewann und auch ihm lieb wurde. Herrn Kalpinski dagegen konnte der Hausherr nicht leiden, erstens weil er ein Parvenü, zweitens weil er ein Schlemmer und Ketzer war.

Man kann sich denken, wie großartig das Mittagessen war. Für diesmal hatte Stepan Michailowitsch auf seine Leibgerichte, Magenwurst, gebratenen Schweinerücken und grüne Grütze, verzichtet. Man hatte sich einen geschickten Koch irgendwoher verschafft. Das Material, aus dem das Mahl bereitet war, brauche ich nicht zu loben: ein sorgsam gepflegtes sechswöchiges Kalb, ein Schwein, bis zur Monstrosität gemästet, Geflügel aller Art, fette Hammel; von allem war vollauf für diesen Tag bereitgestellt worden. Der Tisch ächzte unter der Wucht der Schüsseln, und alle konnten darauf nicht Platz finden; damals war es nämlich Sitte, alle Gerichte auf einmal auf den Tisch zu stellen. Die Mahlzeit fing mit kaltem Essen an: mit Schinken und geräuchertem Schweinefleisch mit Knoblauch; dann kam warmes: grüne Kohlsuppe und Krebssuppe, von verschiedenen Pasteten begleitet; gleich darauf wurde Betensuppe mit Eis serviert, dazu frischgesalzener Stör und eine ganze Pyramide von geschälten Krebsschwänzen. Entrees gab es nur zwei: marinierte Wachteln mit Kohl und farcierte Enten mit einer roten Sauce, welche Pflaumen, Pfirsiche und Aprikosen enthielt. Die Entrees waren eine Konzession an die Mode. Stepan Michailowitsch mochte sie nicht und nannte sie Quarkerei. Hierauf erschien ein kolossaler Truthahn und eine Kalbskeule, von Salzmelonen, marinierten Äpfeln, gesalzenen Pfifferlingen und Rötlingen in Essig begleitet. Das Mahl schloß mit süßem Backwerk und einem Apfelkuchen, der mit dicker Sahne verzehrt wurde. Dazu wurde Fruchtlikör getrunken, selbstgebrautes Märzenbier, Kwaß mit Eis und schäumender Met. Und alles das verzehrte man, ohne ein Gericht auszulassen, und alles ertrugen die heroischen Mägen unserer Großväter und Großmütter! Man aß ohne zu eilen, und das Mittagsmahl dauerte lange. Dazu trug außer der Menge und der Massigkeit der Gerichte der Umstand bei, daß die Diener, sowohl die des Hauses als die von den Gästen mitgebrachten, gar nicht zu bedienen verstanden und immerwährend aneinanderrannten, wobei die Damen in Gefahr kamen, mit Sauce begossen zu werden.

Das Mahl war ein sehr vergnügtes; rechts neben dem Hausherrn saß Marja Michailowna, links Tschitschagow, der mit jedem Augenblicke Stepan Michailowitsch besser gefiel, und der für sich allein fähig gewesen wäre, die langweiligste Gesellschaft zu erheitern. Neben Marja Michailowna saßen die Neuvermählten, neben Sofja Nikolajewna ihre Freundin Katerina Borisowna, an deren Seite sich Kalpinski gesetzt hatte, welcher während der Tafel den beiden jungen Damen eifrig den Hof machte und zugleich Zeit fand, hie und da mit Alexei Stepanowitsch ein scherzhaftes Wort zu wechseln, nebenbei aber von allem doppelte Portionen zu verzehren, um sich so für das strenge Fasten zu entschädigen, das er zu Hause freiwillig aus Geiz beobachtete. Tschitschagows Nachbar war Erlykin, der, als der einzige in der ganzen Gesellschaft, wenig aß, nur kaltes Wasser trank und tiefsinnig schweigend dreinblickte. Um die Herrin des Hauses gruppierten sich ihre Töchter, ihre Nichten und die übrigen Gäste. Nach Tische begab man sich in den Salon, wo zwei Tische mit Süßigkeiten bedeckt waren. Auf einem derselben stand ein runder Konfektbehälter aus chinesischem Porzellan auf einem runden, eisernen, vergoldeten und bunt bemalten Untersatz. Der Behälter war durch Scheidewände in eine Menge länglicher, mit Deckeln versehener Abteilungen geschieden, die eingemachte Himbeeren, Erdbeeren, Kirschen, Johannisbeeren von dreierlei Art usw. enthielten. In der Mitte erhob sich ein rundes Näpfchen voll Rosenkonserve. Dieses Konfektservice, das jetzt für eine kostbare Seltenheit gelten würde, war ein Geschenk des alten Subin an Stepan Michailowitsch. Der andere Tisch war mit Tellerchen bedeckt voll trockener Pflaumen, Pfirsiche, Datteln, Feigen, Walnüsse, Knackmandeln, Pistazien, Zedernüsse usw. Nach Tische war Stepan Michailowitsch so heiter, daß er sich sogar nicht zur Ruhe legen wollte. Alle sahen, was er auch absichtlich zeigen wollte, daß er seine Schwiegertochter ausnehmend lieb und wert hielt, und daß sie auch ihn von Herzen liebte und achtete. Während der Tafel wandte er sich oft an sie und bat sie um allerhand kleine Dienste; dieses sollte sie ihm reichen, jenes einschenken, von dem Gerichte da ihm ein Stückchen nach ihrem Geschmacke wählen. »Ich und mein Schwiegertöchterchen«, fügte er hinzu, »haben in allem denselben Geschmack.« Dann sollte sie ihn daran erinnern, was er ihr gestern gesagt, für die andern wiederholen, was sie ihm bei der und der Gelegenheit erzählt hätte; er habe es vergessen. Ebenso nach Tisch. Jenes sollte sie befehlen, dieses bringen, und tausend solche Kleinigkeiten, feine Aufmerksamkeiten, freundliche Anreden, die bei ihrem schlichten Inhalte und ihrer schwerfälligen Form in einem Tone, mit einem Ausdruck gesprochen waren, die niemanden im Zweifel darüber lassen konnten, daß der Alte von seiner Schwiegertochter ganz bezaubert sei. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, mit welcher dankbaren Liebe Sofja Nikolajewna auch die kleinsten, für viele Anwesende unmerklichen Äußerungen erwiderte, in denen sich die Zuneigung des sonst so schroffen Schwiegervaters ausdrückte. In einem Anfall von Laune wandte sich Stepan Michailowitsch zu Frau Lupenewskaja und fragte sie laut: »Nun, Flena Iwanowna, was sagst du zu meiner Schwiegertochter?« Flena Iwanowna, deren Enthusiasmus infolge des Bieres und der Liköre sich noch gesteigert hatte, hob darauf an zu beteuern und sich bekreuzend zu schwören, daß ihr Sofja Nikolajewna von der ersten Minute an, wo sie dieselbe erblickt habe, teuerer geworden sei als ihre Tochter Lisanka, und daß der Vetter Alexei Stepanowitsch der glücklichste der Sterblichen sei. »In diesem Tone also lügst du jetzt,« sagte Stepan Michailowitsch bedeutsam zu ihr; »hüte dich, wieder in den alten zu verfallen!« Hier wurde er durch Sofja Nikolajewna unterbrochen, die wohl die Fortsetzung eines solchen Gesprächs nicht wünschte und den Schwiegervater dringend ersuchte, sich, wenn auch nur auf ein Stündchen, zur Ruhe zu legen, worein dieser auch willigte. Die Schwiegertochter geleitete ihn in sein Zimmer, schloß eigenhändig den Bettvorhang über ihm und eilte wieder zu den Gästen, um des Alten Befehl zu erfüllen, dieselben angenehm zu unterhalten. Einige unter ihnen hatten sich zur Ruhe gelegt; die übrigen waren auf die Insel gegangen und hatten sich dort im Schatten an dem klaren Flusse gelagert. Sofja Nikolajewna erinnerte sich der unsinnigen Aufwallung, in die sie vor einigen Tagen an diesem Platze geraten war, erinnerte sich ihrer bittern Reden, die ihren Mann auf lange Zeit traurig gemacht hatten, und ihr Herz blutete, und obgleich sie nun Alexei Stepanowitsch glücklich und vergnügt sah, laut lachend über eine zweideutige Anekdote, die ihm Kalpinski erzählte, konnte sie sich doch nicht erwehren, ihn zur Seite zu ziehen, ihn zu umarmen und ihm mit Tränen in den Augen zu sagen: »Verzeihe mir, lieber Mann, und vergiß auf immer, was hier am Tage unserer Ankunft vorgefallen ist!« Alexei Stepanowitsch war durch die Tränen sehr unangenehm berührt, umarmte aber seine Frau, küßte ihr beide Hände, und gutmütig erwidernd: »Mache dir doch um die Kleinigkeit keine Sorge, mein Herzchen!« eilte er zu Kalpinski zurück, um das Ende seiner merkwürdigen Anekdote zu hören. Freilich lag hierin kein Grund betrübt zu sein; aber dennoch fühlte sich Sofja Nikolajewna ein Weilchen traurig.

Der Alte erwachte bald und ließ die ganze Gesellschaft zu sich rufen. Vor der Freitreppe, im breiten Schatten des Hauses, summte schon die Teemaschine; Tische, Stühle und Sessel erwarteten die Gäste. Die junge Frau goß den Tee ein; es wurde dazu schöne dicke Sahne mit braungebranntem Häutchen und allerhand Backwerk präsentiert, und alles fand wieder im Magen der Gäste Platz. Nach dem Tee fuhren Kalpinskis und Lupenewskis nach Hause, da sie nur fünfzehn Werst weit wohnten und in Bagrowo entschieden kein Platz zum Übernachten da war. Die Gäste aus Buguruslan verabschiedeten sich ebenfalls.

Am anderen Tage früh reiste Marja Michailowna mit den Tschitschagows fort, und nach dem Mittagessen machten sich Erlykins auf den Weg, um sich zum Empfange der Neuvermählten bei deren Rückreise nach Ufa vorzubereiten. Am Abend desselben Tages erklärte Stepan Michailowitsch ohne Umstände, daß es auch für die übrigen Gäste Zeit sei, an den Rückweg zu denken, und daß er die letzten Tage allein und ungestört mit Sohn und Schwiegertochter zu verleben wünsche. Natürlich machten sich alle Gäste am folgenden Tage fort. Alexandra Stepanowna sagte ihrer Schwägerin so zärtlich Lebewohl, wie sie nur konnte, und Sofja Nikolajewna nahm von ihr mit aufrichtiger Freude Abschied. Der Schwiegervater schien ihren geheimen Wunsch erraten zu haben, ein paar Tage mit ihm allein und ohne seine Töchter zuzubringen. Sie segnete in Gedanken den scharfblickenden alten Mann. Ihrer Schwägerin Aksinja Stepanowna sagte sie mit dem Gefühle warmer Dankbarkeit und wahrer Anhänglichkeit Lebewohl. Der Alte bemerkte das alles recht wohl. Die Schwiegermutter und Tanja waren nicht störend, erstens weil sie von Natur viel wohlwollender und auch der neuen Verwandten weniger abhold waren, zweitens weil sie die löbliche Gewohnheit hatten, sich zurückzuziehen, wenn sie bemerkten, daß man ihrer Gesellschaft nicht bedürfe.

Drei Tage verlebten die Neuvermählten noch in Bagrowo in vollkommener Gemütsruhe, von der lästigen Aufsicht mißwollender Zeugen befreit, nicht mehr verstimmt durch erheuchelte Freundlichkeit und giftige Anspielungen. Sofja Nikolajewnas reizbare Nerven beruhigten sich, und sie konnte einen ungetrübteren Blick um sich werfen, die eigentümliche Sphäre, in die sie getreten war, richtiger verstehen und würdigen. Sie lernte das Wesen der Schwiegermutter und Tanjas, die ihr in jeder Beziehung fremd waren, vernünftiger und nachsichtiger auffassen; sie tat auch einen besonneneren Blick in den Charakter ihres Schwiegervaters. Es ward ihr nun klar, in welcher Umgebung ihr Mann aufgewachsen sei, und daß er nicht anders sein könne, als er war, und sie mußte einsehen, daß sie sich darauf gefaßt zu machen habe, oft und lange und vielleicht immer in gewissen Punkten von ihm mißverstanden zu werden. Doch dieser letzte Gedanke ging ihr nur flüchtig durch den Kopf, und die früheren schönen Träume von der neuen Erziehung und Umbildung ihres Alexei tauchten wieder in ihrer lebhaften Phantasie auf. Das, was bei den meisten jungen Frauen der Fall zu sein pflegt, bewährte sich auch an Sofja Nikolajewna: das Bewußtsein der geistigen Ungleichheit, ja einer gewissen Beschränktheit der Begriffe und Gefühle bei ihrem Manne verhinderte sie keineswegs, sich ihm in feuriger, grenzenloser Liebe hinzugeben, und schon fing in ihrer Seele das unklare Gefühl zu dämmern an, daß er sie nicht ganz so liebe, wie er sie lieben solle, da er neben ihr noch Augen habe für den Teich und die Insel, für die Steppe mit ihren Schnepfen, für das Wasser mit den ihr verhaßten Fischen. Das Gefühl der Eifersucht, wenn auch noch unbestimmt und unklar, keimte schon in ihrem liebenden Herzen, und dunkele Ahnungen stiegen in ihr auf, wenn sie an die Zukunft dachte. Stepan Michailowitsch, der bisher ebenfalls durch das beständige Aufpassen auf das Betragen seiner Töchter gestört worden war, konnte nun seine Schwiegertochter und auch seinen Sohn schärfer ins Auge fassen. Er war so gescheit trotz all seiner Unwissenheit und so feinfühlend trotz seiner rauhen Weise sich auszudrücken, daß er bald die Ungleichheit dieser beiden Naturen gewahrte und darüber sehr nachdenklich wurde. Damit ist nicht gesagt, daß er keine Freude hatte an ihrer gegenseitigen Liebe, an der immerwährenden, leidenschaftlichen Aufmerksamkeit Sofja Nikolajewnas gegen ihren Mann. Nein, er freute sich daran, aber mit einem gewissen Nebengefühle von Furcht und ohne rechten Glauben an die Dauerhaftigkeit dieses schönen Zustandes. Er sprach viel und ernsthaft mit ihnen, sowohl mit beiden zugleich, als auch mit jedem insbesondere. Er wollte etwas aussprechen, auf etwas hinweisen, einen nützlichen Rat geben; aber wenn er zu reden anfing, fanden seine ihm selbst nicht klaren Gedanken und Gefühle nicht den angemessenen Ausdruck, und er mußte sich mit den gewöhnlichen banalen, aber weisheitsvollen Formeln begnügen, in denen von alters her die Väter den Kindern die Regeln eines guten Lebenswandels zu überliefern pflegen. Dies quälte ihn, und er sprach sich aufrichtig darüber gegen seine kluge Schwiegertochter aus, die jedoch nicht erraten konnte, was ihm im Sinne lag und nicht von der Zunge wollte. Seinem Sohn sagte er: »Deine Frau ist sehr klug, aber bisweilen zu rasch; wenn sie in ihren Worten zu weit geht, so verweise es ihr sogleich und gib ihr zu verstehen, daß sich das nicht ziemt; verweise es ihr, aber verzeihe ihr gleich darauf und schmolle nicht; hüte dich, wenn du unzufrieden bist, etwas auf dem Herzen zu behalten; sage ihr alles frisch heraus, denn du kannst dich auf ihr Herz verlassen; sie wird dir nie einen andern vorziehen.« Zu Sofja Nikolajewna sprach er unter vier Augen in ähnlicher Weise: »Liebes Schwiegertöchterchen, nichts hat dir Gott versagt; nur eines möchte ich dir raten: bändige dein zu heißes Blut; dein Mann ist ein guter und ehrlicher Mensch; sein Gemüt ist sanft, und er wird dir nie etwas zuleide tun; hüte dich also ebenfalls, ihn zu beleidigen! Ehre ihn und behandle ihn mit Achtung! Wenn die Frau den Mann nicht ehrt, wird nichts Gutes daraus. Wenn er auch etwas tut oder spricht, was dir nicht recht ist, so tust du gut, dazu zu schweigen und es nicht mit allem so genau zu nehmen. Ich habe dich von Herzen lieb und durchschaue dich durch und durch. Ich bitte dich inständig: halte Maß; alles ist nur in einem gewissen Maße gut, sogar Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit.«

Der Sohn empfing die Belehrungen seines Vaters mit der gewohnten Ehrfurcht, seine Frau mit der warmen, liebevollen Dankbarkeit einer Tochter. Es wurde auch vieles andere besprochen: das künftige Leben in Ufa, Alexei Stepanowitschs weitere dienstliche Laufbahn, die Geldmittel des jungen Paares für das Leben in der Stadt. Alles wurde reiflich erwogen, und über alles wurde man einig.

Endlich kam der Tag der Abreise. Die seidenen Gardinen und Bettvorhänge waren heruntergenommen, auch die Atlas- und Musselinhüllen mit den breiten Spitzen waren von den Kissen abgezogen; alles war verpackt und nach Ufa versandt. Man kochte und buk allerhand Reiseproviant. Auch den Geistlichen, Vater Wasili, hatte man geholt, um das Gebet »für Reisende« zu sprechen. Man hatte Pferde bestellt, aber nicht in Noikino, sondern in Korowino, vierzig Werst von Bagrowo. So weit sollten die feurigen Rosse des Hausstalls sie bringen, dasselbe prächtige Sechsgespann, das die Neuvermählten zu ihren Visitenfahrten benutzt hatten. Zum letzten Male wurde zusammen gespeist; zum letzten Male nötigte Stepan Michailowitsch sein geliebtes Schwiegertöchterchen, von seinen Lieblingsgerichten zu essen. Die Kutsche stand schon vor der Tür. Man verließ den Mittagstisch, ging in den Salon, setzte sich hin und schwieg. Stepan Michailowitsch bekreuzte sich und stand auf; alle taten wie er, beteten und sagten dann den Scheidenden Lebewohl Auf diese Weise wird in Rußland immer vor einer längeren Reise Abschied genommen. (Anmerkung des Übersetzers S. R.). Alle, außer Stepan Michailowitsch, weinten; aber auch er konnte sich dessen kaum enthalten. Seine Schwiegertochter umarmend und segnend, flüsterte er ihr ins Ohr: »Erfreue mich mit einem Enkel!« Errötend beugte sich Sofja Nikolajewna nieder und küßte dem Alten die Hände, die er diesmal nicht wegzog. An der Freitreppe stand das ganze Hofgesinde und beinahe alle Bauern. Einige näherten sich, um den jungen Herrschaften Lebewohl zu sagen; aber Stepan Michailowitsch, der Abschiedsszenen nicht liebte, rief ihnen zu: »Seid nicht zudringlich! Verneigt euch, und damit basta!« Nur Fedosja und Peter durften noch Sofja Nikolajewna küssen. Behende stiegen die Reisenden in die Kutsche, und wie eine Feder wurde sie von den rüstigen Pferden dahingetragen. Stepan Michailowitsch, die Augen mit der Hand vor der Sonne schützend, stand noch eine Weile da und suchte in der fliehenden Staubwolke den Wagen zu unterscheiden; doch bald verschwand sie hinter dem Hügel, auf dem die Tennen lagen, und der Alte kehrte in sein Zimmer zurück und legte sich zur Ruhe.


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