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II. Michail Maximowitsch Kurolesow

Ich habe versprochen, ausführlich von Michail Maximowitsch Kurolesow zu erzählen und von seiner Verheiratung mit der Kusine meines Großvaters, Praskowja Iwanowna Bagrowa. Der Anfang meiner Erzählung fällt in die sechziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts, also in eine frühere Zeit, als die bereits erwähnten Begebenheiten; das Ende dagegen in eine viel spätere. Und so gehe ich denn hier an die Erfüllung meines Versprechens.

Stepan Michailowitsch war der einzige Sohn von Michail Petrowitsch Bagrow, Praskowja Iwanowna die einzige Tochter seines Oheims Iwan Petrowitsch Bagrow. Mein Großvater hatte sie doppelt lieb, als den einzigen weiblichen Sprößling der Familie Bagrow und als seine einzige Kusine. Praskowja Iwanowna hatte noch in der Wiege ihre Mutter verloren und war kaum zehn Jahre alt, als auch ihr Vater starb. Ihre Mutter stammte aus der reichen Familie Baktejew und hatte der Tochter neunhundert Seelen hinterlassen, auch viel Geld und noch mehr an Silber und Kostbarkeiten. Dazu waren die dreihundert Seelen gekommen, die ihr Vater besessen hatte, und so wuchs die Waise als eine gar reiche Erbin heran und – als eine gute Partie. Nach dem Tode ihres Vaters wohnte sie zuerst bei ihrer Großmutter Frau Baktejewa, kam aber in der Folge öfters auf längere Zeit nach Troizkoje, bis am Ende Stepan Michailowitsch sie vermochte, gänzlich in sein Haus überzusiedeln. Stepan Michailowitsch liebte seine verwaiste Kusine nicht weniger als seine eigenen Töchter und erwies ihr auf seine Weise alle mögliche Zärtlichkeit; aber Praskowja Iwanowna war zu jung oder, richtiger gesagt, zu kindisch, um die Anhänglichkeit des Vetters zu würdigen, der nie ihren Launen schmeichelte, woran sich das Mädchen im Hause der Großmutter gewöhnt hatte. Was Wunder, daß Troizkoje ihr bald langweilig vorkam, und daß sie sich nach dem früheren Leben bei der alten Baktejewa zurücksehnte. Praskowja Iwanowna war nicht schön, doch hatte sie regelmäßige Züge, lebhafte, kluge, graue Augen, breite, lange, dunkle Augenbrauen, Zeichen eines festen, männlichen Charakters. Sie war von hohem Wuchse und sah in ihrem vierzehnten Jahre wie ein achtzehnjähriges Mädchen aus. Aber trotz ihrer körperlichen Reife war sie noch ganz ein Kind am Geist und im Herzen. Immer flink und munter trieb sie sich den ganzen Tag scherzend und singend umher. Sie hatte eine wunderbare Stimme und liebte leidenschaftlich Lieder, Reigentänze und Spiele. Wenn sie solche nicht zu veranstalten vermochte, spielte sie den ganzen Tag mit Puppen, indem sie ihr Spiel mit allen möglichen Volksliedern begleitete, deren sie schon damals eine unglaubliche Menge kannte.

Ein Jahr vor ihrer Übersiedelung zu Stepan Michailowitsch war ins Gouvernement Simbirsk Michail Maximowitsch Kurolesow gekommen, ein junger Offizier von etwa achtundzwanzig Jahren, zum dortigen Adel gehörig, um die Zeit eines Urlaubs zu Hause zu genießen. Er hatte ein ansehnliches Äußeres; manche fanden ihn sogar schön; andere jedoch behaupteten, daß er trotz der schönen Züge etwas Abstoßendes habe, und ich erinnere mich, als Kind die Großmutter darüber mit den Tanten streiten gehört zu haben. Von seinem fünfzehnten Jahre an hatte er in einem damals sehr ausgezeichneten Regiments gedient, war auch bereits zum Major befördert. Er war selten in Urlaub gewesen, da mit seinen hundertfünfzig Seelen bei fast gänzlichem Mangel an Grundeigentum wenig zu wirtschaften war. Es versteht sich von selbst, daß er keine wirkliche Bildung besaß; jedoch hatte er eine eigentümliche Gewandtheit im Reden und schrieb einen kecken, korrekten Stil. Ich habe viele seiner Briefe in Händen gehabt; sie zeugen jedenfalls von einem klugen und schmiegsamen, zugleich aber festen und praktischen Geiste. Ich weiß nicht, auf welche Weise er mit unserem unsterblichen Suworow verwandt war; doch habe ich in Kurolesows Papieren einige Briefe des genialen Feldherrn gefunden, die sämtlich mit der Formel anfingen: »Verehrter Herr und Vetter Michail Maximowitsch« und folgendermaßen endeten: »Mit dem Gefühle der tiefsten Hochachtung gegen Sie und meine gnädige Frau und Kusine Praskowja Iwanowna habe ich die Ehre« usw. Im Gouvernement Simbirsk wußte man nicht viel von Michail Maximowitsch; jedoch »die Welt ist der Gerüchte voll«, und dabei mag er sich auch in den kurzen Urlaubszeiten manche Ausschreitungen gestattet, auch einen trotz seiner Strenge zu plauderhaften Diener gehabt haben; kurz, es hatte sich über ihn eine Meinung gebildet, die sich in folgenden Aphorismen ausdrückte: der Major dulde keinen Spaß; mit ihm müsse man auf der Hut sein und keinen falschen Tritt tun; er nehme sich seiner Soldaten an und beschütze sie nach Möglichkeit; werde aber einer auf einem Vergehen ertappt, so habe er keine Gnade zu erwarten; sein Wort sei unerschütterlich; wenn er in Streit gerate, sei ihm der Teufel selbst nicht gewachsen; er sei ein Fuchs, ein Tollkopf, ein Satan. Doch pries man ihn einstimmig als einen sehr geschickten Geschäftsmann. Das Gerücht erzählte weiter, wahrscheinlich aus denselben Quellen, der Major sei dem Trunke ergeben, auch seien seine Liebschaften zu zahlreich, doch letztere Schwäche entschuldigte man mit dem Sprichwort, so etwas bringe dem Jüngling keine Schande, erstere mit den Sprüchen: »Ein Trunk kann dem Manne nicht schaden« und »Wer klug ist und betrunken, ist den andern zwei Schritte voraus.« Man fügte hinzu, der Major wisse alles am rechten Orte und zur rechten Zeit zu tun. Und so hatte Kurolesow im ganzen einen Ruf, der nicht ein schlechter zu nennen war, ja, der ihn für manche in ein günstiges Licht stellte. Dabei war er höchst zuvorkommend, verstand es, sich liebenswürdig zu machen, und betrug sich überaus ehrerbietig gegen ältere und geachtete Leute, so daß er überall gern gesehen war. Als naher Nachbar und weitläufiger Verwandter der Familie Baktejew (durch Frau Baktejewas Schwiegersohn Kurmyschew) wußte er sich in ihrem Hause auf den vertraulichsten Fuß zu stellen. Anfangs tat er es ohne bestimmten Zweck, seiner unveränderlichen Gewohnheit folgend, sich so nahe als möglich an vornehme und reiche Leute anzuschließen; in der Folge aber, als er die muntere, heitere und reiche Praskowja Iwanowna kennen lernte, die schon ganz erwachsen schien, faßte er den Vorsatz, sie zu heiraten und ihr ansehnliches Vermögen an sich zu bringen. In dieser bestimmten Absicht verdoppelte er seine Aufmerksamkeiten gegen Praskowjas Großmutter und Tante und hatte sich bald der Gunst der beiden Damen versichert; auch dem Mädchen verstand er so geschickt den Hof zu machen, daß sie ihn lieb gewann, weil er ihr nämlich in allem zustimmte, ihren Wünschen zuvorkam und überhaupt sie verwöhnte. Michail Maximowitsch entdeckte sich Praskowjas Verwandten, spielte mit Geschick die Rolle des Verliebten, und alle glaubten ihm aufs Wort, er vergehe vor Leidenschaft, denke im Wachen und Schlafen nur an Praskowja und sei nach ihr ganz verrückt. Man glaubte ihm, gab ihm Hoffnungen, kurz, man nahm sich des armen Verliebten an. Bei solcher gütigen Ermunterung von seiten der Verwandten wurde es ihm ein leichtes, sein Spiel weiter zu treiben. Er wußte dem Mädchen tausend kleine Vergnügen zu verschaffen. Er fuhr sie mit seinen schönen Pferden spazieren, schaukelte sich stundenlang mit ihr, sang meisterhaft mit ihr Volkslieder, schenkte ihr allerhand Kleinigkeiten und ließ ihr aus Moskau hübsche Spielsachen kommen.

Weil aber zum vollständigen Gelingen seines Planes die Zustimmung des Vetters und Vormundes des jungen Mädchens nötig war, versuchte Michail Maximowitsch sich auch die Gunst meines Großvaters zu erwerben. Unter verschiedenen Vorwänden, mit Empfehlungen von Praskowjas Verwandten versehen, besuchte er oft Stepan Michailowitsch auf seinem Gute; doch es gelang ihm nicht, dem alten Herrn zu gefallen. Dies kann auf den ersten Blick sonderbar scheinen; denn der Major besaß einige Eigenschaften, die zu Stepan Michailowitschs Charakter paßten; jedoch hatte der Alte außer seinem gesunden Scharfblicke auch jenen bei rechtlichen und ehrlichen Leuten häufigen moralischen Instinkt, der sie beim ersten Zusammentreffen mit einem Menschen auf die Spur des Falschen und Krummen in seinem Wesen bringt, der sie das Böse und seine künftige Entwicklung auch in dem ersten Keime, auch unter dem günstigsten Äußeren erraten läßt. Die glatten Reden und das ehrerbietige Benehmen des Gastes vermochten es nicht, Stepan Michailowitsch irrezumachen, und er erriet gar bald, daß darunter etwas Bedenkliches stecke. Dabei war mein Großvater von grundsätzlich tadellosem Lebenswandel, und das Gerücht von der Liederlichkeit des Majors, die von anderen so leicht entschuldigt wurde, flößte dem strengen Alten einen Widerwillen gegen Kurolesow ein, und obgleich er selbst in Augenblicken des Zorns sich bis zur blindesten Wut vergessen konnte, waren ihm Leute unheimlich, die ohne Zorn boshaft und grausam sein konnten. Infolgedessen behandelte er Michail Maximowitsch bei seinem ersten Besuche auf die trockenste Weise, trotz seiner verständigen Gespräche über verschiedene Gegenstände und insbesondere über Landwirtschaft; als aber gar der Gast sich zu Praskowja Iwanowna, die damals bereits zu meinem Großvater übergesiedelt war, als ein alter Bekannter wandte und sie mit sichtbarem Vergnügen seine schmeichelhaften Reden anhörte, machte mein Großvater ein schiefes Gesicht, zog die Augenbrauen, wie er es im Zorne zu tun pflegte, zusammen und warf dem Major schräge, unfreundliche Blicke zu. Der Hausfrau und allen ihren Töchtern hatte dagegen der Gast sehr wohl gefallen, da er schon vom ersten Augenblicke an sich einzuschmeicheln gewußt hatte, und sie hätten gar zu gern mit ihm freundlich geplaudert. Jedoch nahmen ihnen die Zeichen des herannahenden Sturmes auf des Großvaters Antlitz allen Mut dazu, und es entstand ein peinliches Schweigen. Umsonst versuchte der Gast ein allgemeines, heiteres Gespräch in Gang zu bringen: man antwortete ihm einsilbig, der Herr des Hauses wurde sogar unhöflich. Dem Gaste blieb nichts anderes übrig, als an den Rückzug zu denken, obgleich es schon spät abends war und man ihn nach ländlicher Sitte hätte zum Übernachten einladen müssen. »Ein Taugenichts und ein Schuft; hoffentlich kommt er nicht wieder,« sagte Stepan Michailowitsch zu seiner Familie, und natürlich erhob sich keine Stimme, um ihm zu widersprechen; doch in den Frauengemächern wurde der stattliche Major viel gelobt, und die reiche Erbin, das kindische Mädchen, erzählte und hörte gar gerne von seinem liebenswürdigen Benehmen.

Nach dieser unzweideutigen Abfertigung begab sich Michail Maximowitsch zu Frau Baktejewa und erzählte ihr das Vorgefallene. Man kannte meinen Großvater zu gut und verlor von vornherein jede Hoffnung auf seine freiwillige Einwilligung. Man sann lange auf ein Mittel, um ihn zu besänftigen, konnte aber keines ersinnen. Der kühne Major machte den Vorschlag, das junge Mädchen zur Großmutter einzuladen und die Trauung ohne Stepan Michailowitschs Zustimmung zu vollziehen; jedoch wußten Frau Baktejewa und ihre Tochter Frau Kurmyschewa nur zu gut, daß mein Großvater es nicht so bald gestatten würde, daß Praskowja sein Haus allein verlasse, und der Urlaub des Majors war beinahe zu Ende. Er schlug ein verzweifeltes Mittel vor: er wollte Praskowja zur Flucht überreden, sie entführen und sich mit ihr sogleich irgendwo trauen lassen; indes wollten die Verwandten von einem solchen Skandal nichts hören, und so mußte Michail Maximowitsch unverrichteter Sache zu seinem Regiment zurückkehren. Aber die Wege der Vorsehung sind unergründlich, und so können wir nicht darüber urteilen, warum es dem Schicksale gefiel, daß dieses böse Vorhaben einen glücklichen Erfolg hatte. Nach Verlauf eines halben Jahres erfuhr die alte Baktejewa, daß Stepan Michailowitsch sich zu einer weiten Reise anschicke. Ich kann mich nicht besinnen, ob es nach Moskau war oder nach Astrachan; aber es mußten wichtige Geschäfte im Spiel sein, da mein Großvater auch seinen Geschäftsführer mitnahm. Sogleich wurde ein Brief an Stepan Michailowitsch abgesandt, mit der Bitte, auf die Zeit seiner Abwesenheit Praskowja zur Großmutter zu beurlauben, worauf die kurze Antwort erfolgte, Praskowja befinde sich in Troizkoje ganz wohl, und diejenigen, die sie zu sehen wünschten, brauchten sich nur dahin zu bemühen. Nach Absendung dieser bündigen Antwort, und nachdem der immer gehorsamen Arina Wasiljewna eingeprägt worden war, sie möge Praskowja hüten wie ihren Augapfel und sie nicht aus dem Hause lassen, trat Stepan Michailowitsch seine Reise an.

Frau Baktejewa stand in lebhaftem Briefwechsel mit Praskowja Iwanowna und der Familie meines Großvaters. Sobald sie erfuhr, daß er fort war, benachrichtigte sie davon Michail Maximowitsch Kurolesow, indem sie hinzufügte, daß der Alte auf längere Zeit verreist sei, und daß er wohl tun würde, selbst zu kommen, um das bewußte Unternehmen zu Ende zu führen; die alte Baktejewa und ihre Tochter machten sich zu gleicher Zeit auf den Weg nach Troizkoje. Sie war immer mit Arina Wasiljewna sehr befreundet gewesen; als sie daher merkte, daß Kurolesow auch dieser sehr gefalle, erzählte sie, der junge Major sei zum Sterben in Praskowja verliebt, und erging sich in Lobpreisungen des Bewerbers. Sie fügte hinzu, daß es ihr größter Wunsch sei, noch bei Lebzeiten ihre liebe verwaiste Enkelin unterzubringen; sie sei überzeugt, daß ihr liebes Kind mit diesem Manne glücklich sein müsse; sie fühle es, daß sie selbst nicht mehr lange zu leben habe, und wünsche darum, die Sache zu beschleunigen. Arina Wasiljewna fand von ihrer Seite nichts dagegen einzuwenden, drückte aber ihren Zweifel darüber aus, ob Stepan Michailowitsch jemals einwilligen werde, da ihm Michail Maximowitsch trotz seiner seltenen Vorzüge sonderbarerweise entschieden mißfalle. Die älteren Töchter Arina Wasiljewnas wurden zu Rate gezogen, und unter dem Vorsitze der alten Baktejewa und ihrer Tochter, der Frau Kurmyschewa, die besonders eifrig für den Major eintrat, wurde beschlossen, die Erledigung der ganzen Angelegenheit der Großmutter Praskowjas zu überlassen, als derjenigen, die dem Mädchen am nächsten stehe, und zwar auf die Weise, daß Stepan Michailowitschs Gemahlin und seine Töchter gänzlich aus dem Spiele blieben, als wenn sie von der Sache gar nichts wüßten. Ich habe schon erwähnt, daß Arina Wasiljewna eine gutmütige und ein wenig schwachköpfige Dame war, und da ihre Töchter ganz auf Frau Baktejewas Seite standen, war es ein leichtes, sie zu einem Schritte zu bewegen, der ihr den Zorn ihres Gemahls zuziehen mußte. Unterdessen ahnte die sorglose, heitere Praskowja nicht, daß ihr Schicksal sich entscheide. Man sprach oft in ihrer Gegenwart von Michail Maximowitsch, konnte den trefflichen Mann nicht genug loben, versicherte, er liebe sie mehr als sein Leben, er denke Tag und Nacht nur an sie und werde ihr gewiß, wenn er nächstens komme, viele schöne Sachen aus Moskau mitbringen. Praskowja Iwanowna hörte diese Reden mit Vergnügen an und versicherte, sie habe niemanden in der Welt so lieb wie Michail Maximowitsch. Während des Aufenthaltes der alten Baktejewa in Troizkoje wurde ihr ein Brief von Kurolesow gebracht, der zu kommen versprach, sobald er sich einen Urlaub erbitten könne. Endlich kehrten Frau Baktejewa und ihre Tochter nach ihrem Landgute zurück, nachdem sie mit Arina Wasiljewna verabredet halten, daß diese ihrem Manne nichts davon schreiben solle, daß Praskowja trotz des Verbotes des Vormundes baldigst zur Großmutter kommen solle, unter dem Vorwande, die Großmutter sei gefährlich krank. Praskowja Iwanowna weinte und wollte gern zur Großmutter hin, besonders als sie erfuhr, der Major werde bald kommen. Doch wagte man es nicht, sie hinzulassen, aus Furcht vor Stepan Michailowitschs Zorn. Unterdessen hatte Kurolesow noch keinen Urlaub bekommen, so daß er erst nach zwei Monaten erscheinen konnte. Bald nach seiner Ankunft wurde ein expresser Bote nach Troizkoje abgesandt, Frau Kurmyschewa schrieb, ihre Mutter sei zum Tode krank und wünsche die Enkelin noch einmal zu sehen; ohne Zweifel, fügte sie hinzu, werde Stepan Michailowitsch es in der Ordnung finden, daß die Enkelin zur sterbenden Großmutter geeilt sei, um ihr ein letztes Lebewohl zu sagen. Der Brief war augenscheinlich geschrieben, damit Arina Wasiljewna ein gutes Mittel habe, sich vor ihrem Manne zu entschuldigen. Ihrem Versprechen treu und wegen der Folgen gänzlich beruhigt, machte sich Arina Wasiljewna sogleich auf den Weg, um Praskowja zur angeblich sterbenden Großmutter zu bringen, verweilte acht Tage bei der Kranken und kehrte heim, gänzlich bezaubert von Michail Maximowitschs liebenswürdigem Benehmen und von den reichen Geschenken, die er für sie und ihre Töchter aus Moskau mitgebracht hatte. Praskowja Iwanowna war ganz glücklich; sie hatte die liebe Großmutter bereits genesend gefunden; der gute Major hatte ihr aus Moskau alle möglichen Spielsachen mitgebracht; er war immer in Frau Baktejewas Hause, immer damit beschäftigt, mit Praskowja zu plaudern und zu scherzen, kurz, er hatte die Zuneigung des Mädchens dermaßen gewonnen, daß, als sie von der Großmutter hörte, er wolle sie heiraten, sie wie ein wahres Kind vor Freude springend im Hause herumlief, allen Leuten verkündigend, sie heirate Michail Maximowitsch: das werde eine Lust sein, mit ihm zusammen vom Morgen bis zum Abend mit seinen schönen Pferden spazieren zu fahren, sich mit ihm den ganzen Tag zu schaukeln, Lieder zu singen und mit Puppen zu spielen, und zwar mit großen, lebendigen Puppen, die selbst gehen und sich verbeugen könnten. So sah es noch im Kopfe der armen Braut aus. Man eilte, die Sache zu Ende zu führen, ehe das Gerücht davon bis zum Vetter dringen konnte; man lud die Nachbarn zur Verlobung ein, die jungen Leute wechselten die Ringe, küßten sich, setzten sich nebeneinander auf den Ehrenplatz, und es wurde auf ihr Wohl getrunken. Der Braut kam anfangs diese Feierlichkeit, diese vielen Glückwünsche, dieses lange Sitzen sehr langweilig vor. Als man ihr aber erlaubte, die neue Puppe aus Moskau neben sich hinzusetzen, wurde sie wieder ganz aufgelegt, sagte allen Gästen, es sei ihre Tochter, und ließ die Puppe sich verbeugen und an ihrer Statt für die Glückwünsche danken. Eine Woche später wurde das Paar mit Beobachtung aller Formalitäten getraut, wobei man die fünfzehnjährige Braut für ein siebzehnjähriges Mädchen ausgab, eine Angabe, der ihr Äußeres vollkommen entsprach. Obgleich Arina Wasiljewna und ihre Töchter sehr wohl wußten, daß es damit enden mußte, erschraken sie doch sehr, als sie erfuhren, Praskowja sei schon verheiratet; es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen, und sie sahen ein, daß weder die angebliche Krankheit der Großmutter, noch der Brief sie vor Stepan Michailowitschs gerechtem Zorne zu schützen vermöge. Noch ehe die Nachricht von der Hochzeit nach Troizkoje gekommen war, hatte Arina Wasiljewna ihrem Manne geschrieben, sie habe Praskowja zu der todkranken Großmutter gebracht; die Alte befinde sich jetzt ein wenig besser, habe jedoch die Enkelin bis zu ihrer vollständigen Genesung bei sich behalten wollen; sie selbst sei nach Hause zurückgekehrt, um nicht die Töchter allein zu lassen, da sie doch Praskowja nicht mit Gewalt habe mitnehmen können; sie fürchte aber dennoch den Zorn des Gemahls. Auf diesen Brief antwortete Stepan Michailowitsch, Arina habe sehr dumm gehandelt, und sie möge nur sogleich zu Frau Baktejewa reisen, um Praskowja zurückzuholen. Arina Wasiljewna seufzte und weinte über den Brief und wußte gar nicht, was sie anfangen sollte. Das junge Paar machte ihr kurz darauf eine Visite, Praskowja schien vollkommen glücklich und freudig, wenn auch ihre Freudigkeit sich nicht mehr so kindisch ausgelassen kundgab. Ihr Gemahl schien ebenfalls vollkommen glücklich und war dabei so ruhig und verständig, daß er sogar die arme Arina Wasiljewna durch seine klugen Reden beruhigte. Er bewies ihr auf eine überzeugende Weise, daß Stepan Michailowitschs ganzer Zorn auf die Großmutter Baktejewa fallen müsse; daß letztere ihrerseits bei ihrer gefährlichen Krankheit ein vollkommenes Recht gehabt habe, der Zustimmung Stepan Michailowitschs vorzugreifen, die doch mit der Zeit erfolgt wäre; daß die Sache nicht habe aufgeschoben werden können, weil die Großmutter jeden Tag hätte sterben können, ohne die geliebte Enkelin untergebracht zu haben, die arme Waise, der doch ein Vetter kein Ersatz für die verlorene Großmutter gewesen wäre. Viele derartige beruhigende Reden wurden den Damen in Troizkoje gehalten und mit schönen Geschenken begleitet, die sie mit Freude, aber nicht ohne eine gewisse Furcht annahmen. Es wurden auch Geschenke für Stepan Michailowitsch hinterlassen. Der Major riet Arina Wasiljewna, ihrem Manne von der ganzen Sache nichts zu schreiben, sondern dessen Antwort auf das Schreiben der Neuvermählten abzuwarten, indem er versicherte, er werde bald mit Praskowja Iwanowna zusammen einen langen Brief an ihn senden. In der Tat aber hütete er sich wohl, an Stepan Michailowitsch zu schreiben; sein Plan bestand darin, daß er den Ausbruch des Ungewitters aufzuschieben suchte, um sich unterdessen in seiner neuen Stellung möglichst zu befestigen. Gleich nach seiner Heirat bat Michail Maximowitsch um seine Entlassung aus dem Kriegsdienste, die ihm auch bald bewilligt ward. Seine erste Beschäftigung war, mit seiner jungen Frau allen Verwandten, sowohl den seinigen als den ihrigen, Visiten abzustatten. In Simbirsk besuchte er auch, mit dem Gouverneur anfangend, alle einigermaßen angesehenen Personen. Alle konnten das schmucke Pärchen nicht genug loben; es wußte sich die Gunst eines jeden so vollkommen zu gewinnen, daß die Meinung der Gesellschaft sozusagen diese Vermählung gar bald sanktionierte. Auf diese Weise vergingen einige Monate.

Unterdessen wurde Stepan Michailowitsch, der lange keine Nachrichten von Hause gehabt hatte, und dessen Prozeß kein Ende nehmen wollte, plötzlich von so gewaltigem Heimweh ergriffen, daß er sich auf den Weg machte und an einem schönen Morgen unerwartet in Troizkoje erschien. Arina Wasiljewna zitterte an Händen und Füßen, als sie das schreckliche Wort vernahm: der Herr ist angekommen! Stepan Michailowitsch hatte unterdessen gefragt, ob alle am Leben und gesund seien, war freudestrahlend ins Haus getreten, drückte seine Arina und seine Kinder ans Herz und fragte: »Wo bleibt denn Praskowja?« Durch den herzlichen Ton seiner Stimme ermutigt, antwortete Arina Wasiljewna mit einem gezwungenen Lächeln: »Ich weiß wirklich nicht, wo sie sich gerade jetzt befindet; vielleicht bei der Großmutter. Du weißt ja schon, Väterchen, daß sie verheiratet ist.« Das Staunen und der Zorn meines Großvaters bei diesen Worten waren unbeschreiblich. Seine Wut wurde noch größer, als er erfuhr, daß Kurolesow der Gemahl Praskowjas sei. Stepan Michailowitsch wollte schon über seine Frau herfallen; aber sie sank ihm mit allen Töchtern zu Füßen und stellte ihm vor, alles sei ohne ihr Wissen geschehen, sie sei von der alten Baktejewa betrogen worden. Zum Beweise wurde der Brief vorgezeigt. Und so wandte sich denn seine ganze Wut gegen die alte Baktejewa; er befahl, frische Pferde bereit zu halten, und nach einigen Stunden der Ruhe eilte er zu ihr. Man kann sich denken, mit welcher Wut er über Praskowjas Großmutter herfiel. Nachdem der erste Sturm vorüber war, nahm die Alte ein stolzes Ansehen an, und immer mehr in Hitze geratend, fing sie an, meinen Großvater herunterzumachen. »Wie unterstehst du dich«, schrie sie, »mich zu beschimpfen, als wäre ich deine leibeigene Sklavin? Du vergißt, daß ich von ebenso gutem Adel bin wie du, und daß mein verstorbener Mann einen weit höheren Rang hatte als du. Ich stehe Praskowja näher als du; ich bin ihre Großmutter und habe ebenso gut Vormundschaftsrechte über sie wie du. Ich habe für ihr Glück gesorgt, ohne auf deine Zustimmung zu warten, weil ich krank war und sie nicht in deinen Händen lassen wollte; ich weiß ja, daß du ein Wahnwitziger bist, ein wildes Tier. In deinem Hause ist man vor Schlägen nicht sicher. Michail Maximowitsch ist eine ganz passende Partie, und er hat ihr selbst gefallen. Und ich möchte wissen, wer an ihm etwas auszusetzen hätte. Dir allein ist er nicht recht. Frage aber deine Töchter und deine Frau; die verstehen, ihn zu würdigen.« – »Du lügst, altes Untier,« brüllte mein Großvater; »du hast meine Arina betrogen, hast dich krank gestellt; du hast Praskowja dem Schuft Kurolesow verkauft, der euch alle behext hat!« Die alte Baktejewa kam bei diesen Worten ganz außer sich und plauderte es im Zorne aus, daß Arina Wasiljewna und ihre Töchter um alles gewußt und Geschenke von Michail Maximowitsch angenommen hatten. Diese Äußerung gab nun wieder dem Zorne des Großvaters eine andere Richtung. Mit der Drohung, daß er Praskowja als minderjährig von ihrem Manne scheiden lassen werde, machte er sich auf den Weg nach Hause, kehrte aber noch bei dem Priester ein, der das Paar getraut hatte. Er forderte ungestüm von ihm Rechenschaft; aber der Priester zeigte ihm ruhig alle Aktenstücke, die Unterschriften der Braut, der Großmutter und der Zeugen, sowie den Taufschein, nach welchem Praskowja bereits siebzehn Jahre alt sei. Dieses war ein neuer Schlag für meinen Großvater, der nun alle Hoffnung verlor, die verhaßte Ehe zu vernichten, und in desto glühenderem Zorn gegen Arina Wasiljewna und seine Töchter entbrannte. Ich werde nicht ausführlich erzählen, was er tat, als er nach Hause kam. Es war eine schreckliche und ekelhafte Szene. Noch nach dreißig Jahren konnten meine Tanten an diesen Tag nicht denken, ohne zu schaudern. Es genüge zu wissen, daß die Schuldigen alles gestanden, daß alle Geschenke Kurolesows zur alten Baktejewa geschickt wurden, damit sie sie dem Spender zurückgäbe, daß die älteren Töchter lange krank waren, daß meine Großmutter die meisten Haare einbüßte und ein Jahr lang ein Pflaster auf dem Kopfe tragen mußte. Dem jungen Ehepaare ließ er mitteilen, es solle nicht wagen, vor ihm zu erscheinen, und im Hause war es verboten, den Namen Kurolesow zu erwähnen.

Indessen ging die Zeit ihren ruhigen Lauf, die Wunden des Körpers und der Seele heilend, die Leidenschaften beschwichtigend. Nach Verlauf eines Jahres war Arina Wasiljewnas Kopf wieder gesund und der Groll in Stepan Michailowitschs Herzen erloschen. Anfangs wollte er die Kurolesows weder sehen, noch von ihnen hören, selbst die Briefe nicht lesen, die Praskowja Iwanowna an ihn schrieb. Aber gegen Ende des Jahres, da von allen Seiten günstige Nachrichten einliefen über die Eintracht des jungen Ehepaars und über die große Veränderung im Wesen Praskowjas, die plötzlich so still und vernünftig geworden sei, wurde Stepan Michailowitsch weich und fühlte eine ordentliche Sehnsucht nach seiner lieben Kusine. Er überlegte, daß sie am wenigsten Schuld an der Sache habe, da sie doch noch ganz ein Kind gewesen sei, und erlaubte ihr, nach Troizkoje zu kommen, jedoch ohne ihren Mann. Natürlich eilte sie sogleich herbei. In der Tat hatte sich Praskowja Iwanowna in dem einen Jahre ihrer Ehe so stark verändert, daß das Staunen meines Großvaters kein Ende nehmen wollte. Und wie sonderbar! Es hatte sich in ihr in diesem Jahre eine Zärtlichkeit für ihren Vetter entwickelt, die sie früher nie empfunden hatte, und die von ihr nach den Vorfällen bei ihrer Heirat doch am wenigsten zu erwarten war. Hatte sie in seinen bei ihrer Ankunft tränenfeuchten Augen gelesen, wie viel Liebe sich unter dem rauhen Äußeren und dem grausamen Eigensinn dieses Mannes verbarg? War es eine dunkle Ahnung des Kommenden, was ihr sagte, dieser sei die einzige Stütze, auf die sie zu rechnen habe? Hatte sie endlich verstanden, daß von den vielen, die sie in der Kindheit verwöhnt hatten, niemand sie so geliebt hatte wie der rauhe Vetter, der Feind ihres Glückes, der ihren geliebten Mann haßte? Ich weiß es nicht; aber allen mußte es auffallen, wie sehr sich das leichtsinnige Mädchen in ihrem Betragen gegen den Vetter geändert hatte. Sie, die früher seine Rechte und ihre Pflichten gegen ihn nicht anerkannt, die nunmehr wirklichen Grund hatte, ihm wegen der Beleidigung ihrer Großmutter zu grollen, war ihm nun eine liebende Schwester, ja eine grenzenlos ergebene Tochter geworden und sah ihrem Vetter wie einem lange und zärtlich geliebten Vater in die Augen. Wie dem auch sei, dieses plötzlich entstandene, aber tiefe Gefühl erlosch nur mit ihrem Leben. Und wie wunderbar war die Umwandlung, die Praskowjas ganze Natur in dieser kurzen Zeit erfahren hatte! Das unverständige Kind war verschwunden, an dessen Stelle war ein wenn auch heiteres, so doch verständiges Weib getreten. Sie gestand es aufrichtig zu, daß alle dem Vetter gegenüber unrecht gehandelt hätten. Als einzige Entschuldigung führte sie nur für sich selbst ihren Unverstand und für die Großmutter, ihren Mann und die andern deren blinde Liebe zu ihr an. Sie ersuchte Stepan Michailowitsch nicht, ihrem Manne, dem Schuldigsten von allen, sogleich zu verzeihen; sie hoffte nur, er werde mit der Zeit, und wenn er sähe, wie glücklich sie sei, mit welchem Eifer ihr Mann sich aller ihrer Interessen annehme, diesem verzeihen und nach Troizkoje zu kommen gestatten. Wenn Stepan Michailowitsch auf solche Reden auch nichts erwiderte, so war er doch durch ihre Demut besiegt. Er hielt sein kluges Kusinchen, wie er sie fortan nannte, nicht lange bei sich auf, sondern sandte sie bald zu ihrem Manne zurück, weil dort ihr Platz sei. Beim Abschied sagte er ihr: »Wenn du nach einem Jahre mit deinem Manne ebenso zufrieden bist wie jetzt und er fortfährt sich so gut zu benehmen, so will ich mich mit ihm versöhnen.« Und in der Tat, nach Verlauf eines Jahres äußerte einst Stepan Michailowitsch zu seiner Kusine, die er unterdessen oft, und zwar immer heiter und mit ihrem Lose zufrieden gesehen hatte: »Bringe doch auch deinen Mann mit!« Der alte Herr empfing Kurolesow freundlich, teilte ihm offenherzig seine früheren Zweifel mit und versprach ihm, falls er fortfahre sich gut zu betragen, verwandtschaftliche Liebe und Freundschaft. Michail Maximowitsch benahm sich meisterhaft, nicht so einschmeichelnd und betulich wie früher, aber ebenso aufmerksam, fein und ehrerbietig. Man sah es ihm an, daß er an Selbständigkeit und Selbstvertrauen gewonnen hatte. Er sprach viel von den ihn in Anspruch nehmenden Verwaltungsangelegenheiten, fragte den Großvater um Rat, verstand dessen Ratschläge sehr gut und benutzte sie mit außerordentlicher Klugheit. Er fand eine weitläufige Verwandtschaft heraus, die zwischen ihm und der Familie Bagrow noch vor seiner Heirat bestanden habe, und nannte meinen Großvater Oheim, Arina Wasiljewna Tante, ihre Kinder Vetter und Kusinen. Er hatte noch vor der Versöhnung eine Gelegenheit ergriffen, um Stepan Michailowitsch einen Dienst zu erweisen. Der Großvater wußte das, sagte ihm jetzt seinen Dank und gab ihm sogar den Auftrag, ein ähnliches Geschäft zu besorgen. Kurz, alles ging vortrefflich. Dem Anschein nach sprachen alle Umstände zu Gunsten Michail Maximowitschs, dennoch blieb mein Großvater bei seiner Ansicht. »Ja, gescheit ist der Mensch«, meinte er, »und geschickt und gewandt; aber trauen kann ich ihm doch nicht.«

So verging noch ein Jahr, in dessen Verlauf Stepan Michailowitsch in die Statthalterschaft Ufa übersiedelte. In den ersten drei Jahren nach der Hochzeit war Kurolesows Betragen regelmäßig und bescheiden oder wenigstens so vorsichtig, daß nichts gegen ihn zum Vorschein kam. Übrigens lebte er wenig zu Hause und verbrachte seine ganze Zeit auf Reisen. Dabei verbreitete sich und wuchs das Gerücht, der junge Herr sei doch ein wenig zu streng. In den folgenden zwei Jahren vollbrachte Kurolesow auf den Gütern seiner Gemahlin so wunderbare Verbesserungen in der ganzen Wirtschaft und Verwaltung, daß man seine unermüdliche Tätigkeit, seine Unternehmungslust und seinen eisernen Willen in der Tat bewundern mußte. Praskowja Iwanownas Güter waren früher sehr schlecht verwaltet worden. Sie waren in vielfacher Hinsicht im Verfall, die Bauern waren verwöhnt. Sie gaben wenig Einkommen, nicht weil es am Absatz für die ländlichen Erzeugnisse gefehlt hätte, sondern weil einerseits schlecht gearbeitet wurde, andrerseits verhältnismäßig wenig kultivierbarer Boden da war und Praskowja einen Teil der Güter in gemeinschaftlichem Besitze mit ihrer Großmutter Baktejewa und ihrer Tante Kurmyschewa hatte. Michail Maximowitsch fing damit an, daß er die Bauern auf neue Landstücke übersiedelte und die früheren Wohnsitze vorteilhaft verkaufte. Er hatte im Gouvernement Simbirsk (jetzt Samara) im Kreise Stawropol an siebentausend Deßjätinen Steppenland angekauft, einen ausgezeichneten Boden mit einer zwei Ellen tiefen Schicht Dammerde bedeckt, am Ufer des Flüßchens Berlja, an dessen Quellen nur wenig Wald stand; außerdem war da noch der Bannforst Bärenschlucht, der auch jetzt den einzigen Wald des ganzen Gutes bildet. Dahin siedelte er dreihundertfünfzig Seelen über. Auf diese Weise entstand ein höchst ergiebiges Gut, da es nur hundert Werst von Samara, sechzig und vierzig Werst von anderen Wolgahäfen entfernt war. Es ist bekannt, daß ein bequemer Absatz, des Kornes in unserer Gegend den Hauptvorzug eines Gutes bildet. Alsdann reiste Michail Maximowitsch nach der Statthalterschaft Ufa und kaufte den Baschkiren ungefähr zwanzigtausend Deßjätinen Land ab, ebenfalls Schwarzerde, die jedoch bei weitem der Simbirskschen nachstand; dabei war aber eine beträchtliche Menge Wald. Dieses Land lag in verschiedenen Stücken an dem Ufer des Flusses Usen und an den Bächen Sjujusch, Meleus, Karmalka und Belebeika; damals gehörte es, soviel ich mich erinnern kann, zum Kreise Menselinsk, jetzt gehört es zum Kreise Belebei im Gouvernement Orenburg. Dort siedelte er an den vielen Quellen des Sjujusch vierhundertfünfzig Seelen und an den Ufern der Belebeika fünfzig Seelen an. Die große Kolonie nannte er Paraschino, die kleinere Iwanowka, das Gut im Gouvernement Simbirsk ward Kurolesowo genannt, und so bildeten diese drei Benennungen Taufnamen Für den Namen Praskowja gibt es eine geläufige Koseform Parascha. (Anmerkung des Übersetzers H. R.), Vatersnamen und Familiennamen seiner Frau. Dieser sentimentale Einfall eines Menschen, der bald darauf sich in einem so ganz anderen Lichte zeigte, hat mich immer mit Verwunderung erfüllt. Zu seiner Residenz wählte er Tschurasowo, ein Gut, das Praskowja von ihrer Mutter geerbt hatte, und das nur fünfzig Werst von der Gouvernementsstadt entfernt lag. Dort baute er ein nach damaligem Maßstab prachtvolles Haus mit weitläufigen Nebengebäuden. Die innere Einrichtung, die Möbel, die Malereien an den inneren und äußeren Wänden, die Kronleuchter und Kandelaber, die Bronze- und Porzellangerätschaften, das reiche Silberzeug, wurden allgemein bewundert. Das Haus stand auf einem sanften Abhange, aus dem mehr als zwanzig sehr wasserreiche Quellen hervorsprudelten. Haus, Bergabhang und Quellen waren von einem weitläufigen, üppigen Garten umschlossen, der die schönsten Obstsorten enthielt. Das innere Hauswesen, Dienerschaft, Küche, Pferdestall und Equipagen, alles war mit verständigem, gediegenem Luxus eingerichtet. Gäste aus der Nachbarschaft, wo viele Gutsbesitzer wohnten, sowie auch aus der Stadt, fehlten nie in Tschurasowo; es war ein ewiges Schmausen, Trinken, Singen, Kartenspielen und Plaudern. Michail Maximowitsch hielt viel darauf, daß seine Praskowja immer reich und geschmackvoll gekleidet erschien, und schien überhaupt, wenn er zu Hause war, nur mit ihr, mit der Erfüllung ihrer Wünsche beschäftigt. Kurz, es gelang ihm in wenigen Jahren, sich auf einen solchen Fuß in der Gesellschaft zu stellen, daß die guten Leute ihn bewunderten, die schlechten ihn beneideten. Michail Maximowitsch vergaß auch die Religion nicht, und statt des alten hölzernen Kirchleins wuchs in zwei Jahren eine stattliche steinerne Kirche empor, die mit prächtigem Schmuck ausgestattet wurde; sogar ein tüchtiger Sängerchor bildete sich unter seiner Leitung aus dem Hofgesinde. Vier Jahre nach ihrer Heirat gebar die vollkommen glückliche und mit ihrem Schicksal zufriedene Praskowja Iwanowna ein Töchterchen und ein Jahr darauf einen Sohn. Doch die Kinder lebten nicht lange: das Mädchen starb im ersten Jahre, der Knabe wurde kaum drei Jahre alt. Praskowja Iwanowna hatte leidenschaftlich an dem Kinde gehangen, und dieser Verlust erschütterte sie tief. Ein ganzes Jahr lang konnte sie sich nicht fassen; ihre sonst so blühende Gesundheit schwand dahin, und sie bekam in der Folge keine Kinder mehr. Unterdessen wuchs das Ansehen Michail Maximowitschs in der ganzen Umgegend mit jedem Tage und jeder Stunde. Der arme und obskure Adel hatte freilich mitunter von seinen despotischen Anmaßungen zu leiden, und von dieser Klasse von Nachbarn wurde er mehr gefürchtet als geliebt, aber der höhere Adel sah es recht gern, wenn die geringere Klasse an ihre untergeordnete Stellung erinnert wurde. Mit jedem Jahre wurden indessen Michail Maximowitschs Reisen länger und häufiger, besonders seit dem Unglücksjahr, wo Praskowja Iwanowna den Verlust ihres Sohnes nicht verschmerzen konnte. Wahrscheinlich hatten ihn die Tränen und Seufzer seiner Gattin und die traurige Öde des Hauses ermüdet, da Praskowja Iwanowna lange Zeit niemanden sehen wollte. Übrigens kam es bald dahin, daß auch die glänzendste Gesellschaft ihn in Tschurasowo nicht mehr zu fesseln vermochte.

Sonderbare Gerüchte fingen unterdessen an, sich allmählich zu verbreiten und zu verstärken; man erzählte, der Major sei nicht nur streng, wie man früher von ihm gesagt hatte, sondern grausam gegen seine Untertanen; er gehe so oft auf seine Güter bei Ufa, um sich dort ungestört dem Trunk und allen möglichen Lastern zu ergeben; er habe da eine saubere Gesellschaft beisammen, die unter seiner Leitung Unerhörtes vollbringe, und das Schlimmste sei die namenlose Grausamkeit, die sich in ihm entwickele, wenn er berauscht sei, und die schon zwei Menschen das Leben gekostet habe. Man fügte hinzu, daß alle höheren Beamten der beiden Kreise, wo seine neuen Güter lagen, auf seiner Seite seien; er habe die einen bestochen, die andern zu seinen Trinkkumpanen gemacht und allen Schrecken eingeflößt; die niedere Beamtenwelt und der kleine Adel zittere vor ihm, da er jeden, der ihm mißfalle, am hellen Tage packen lasse, ihn in einen Keller stecke, mit Kälte und Hunger martere und sogar nicht selten mit einem schrecklichen Instrument geißeln lasse, das man Katze nenne Diese Katze war das Lieblingsinstrument Michail Maximowitschs. Es war eine Geißel aus sieben Lederriemen mit Knoten an den Enden. Die scheußlichen Instrumente sind nach dem Tode Kurolesows noch längere Zeit in der Rumpelkammer von Paraschino aufbewahrt worden. Als das Gut an Stepan Michailowitschs Sohn kam, wurden sie verbrannt. (Anmerkung des Verfassers.). – Diese Gerüchte waren nicht nur wahr, sondern sie gaben nicht einmal die ganze Wahrheit wieder; die Wirklichkeit übertraf bei weitem das schüchterne Gerede der Leute. Die blutdürstige Natur Kurolesows hatte sich unter dem Einfluß der geistigen Getränke bis zu einem Grade gesteigert, vor welchem das menschliche Gefühl zurückschaudert. Es war eine gräßliche Vereinigung der Instinkte eines Tigers mit dem Verstande eines Menschen.

Endlich wurde das Gerücht zur Gewißheit, und niemand in Praskowjas Umgebung konnte mehr an der schrecklichen Wahrheit zweifeln. Wenn Michail Maximowitsch nach Tschurasowo kam, um von seinen Freveltaten auszuruhen, so betrug er sich wie früher, ehrerbietig gegen Höhere, freundlich und aufmerksam gegen seinesgleichen, zuvorkommend und liebevoll gegen seine Frau, die sich unterdessen getröstet hatte und wieder eine fröhliche Gesellschaft um sich zu versammeln pflegte. Obgleich Michail Maximowitsch niemandem in Tschurasowo ein Leid tat und die Strafen dort ganz dem Verwalter überließ, so zitterte doch alles bei seiner Stimme. Sogar im Umgang der Verwandten und nahen Bekannten mit ihm war eine gewisse Unbehaglichkeit nicht zu verkennen. Aber Praskowja Iwanowna merkte nichts, und wenn sie auch etwas merkte, so schrieb sie es ganz anderen Gründen zu: der allgemeinen Achtung, der unwillkürlichen Ehrfurcht, die seine wunderbaren Fähigkeiten, sein selbsterworbener Reichtum, sein energischer Wille einflößten. Die vernünftigen Leute, die Praskowja Iwanowna lieb hatten, freuten sich des Irrtumes, der sie heiter und glücklich machte, und wünschten, daß er sich womöglich verlängere. Freilich gab es unter den damaligen Schmarotzerinnen und kleinen Gutsnachbarinnen viele, die gar zu gern an dem frechen Major ihr Mütchen gekühlt und ihn zur Vergeltung für sein hochfahrendes Wesen entlarvt hätten. Doch außer der wohlbegründeten Furcht, die der Major einflößte, stand diesem guten Vorsatz noch etwas anderes im Wege: Praskowja Iwanowna litt von seiten solcher Personen nicht die mindeste Anspielung auf ihren Mann. Mit ihrem gewöhnlichen Scharfblicke merkte sie es immer im voraus, wenn man die Rede durch eine schlaue Wendung auf dieses Thema zu bringen versuchte. Dann pflegte sie ihre dunklen Augenbrauen zusammenzuziehen und mit fester Stimme zu sagen, daß derjenige, der sich unterstehe, ein Wort gegen ihren Mann zu sagen, nie mehr ihr Haus betreten dürfe. Natürlich wagte nach einer so ernsten Äußerung es niemand mehr, ein Wort zu sagen. Die ihr am nächsten stehenden Dienstboten, ein alter Lieblingslakai ihres Vaters und ihre treue Wärterin, Leute, die sie lieb hatte, ohne jedoch, wie es damals Sitte war, aus ihnen Vertraute zu machen, konnten auch nichts ausrichten. Diese beiden Alten hatten ein großes Interesse dabei, ihre Herrin über das Betragen des Gemahls zu belehren, da sie nahe Verwandte unter den Dienern des Herrn besaßen, die von seinen Wutausbrüchen schrecklich zu leiden hatten. Endlich entschlossen sich die beiden, der Herrin alles zu sagen, und wählten einen Augenblick, wo sie allein war, um mit ihr zu reden. Doch kaum war der Name Michail Maximowitschs ausgesprochen, so geriet die sonst so sanfte Praskowja Iwanowna in Zorn; sie sagte der Wärterin, sie werde sie auf immer nach Paraschino verbannen, wenn der Name ihres Herrn noch einmal über ihre Lippen komme. So waren der Wahrheit alle Wege verschlossen und die Leute stumm gemacht, die so Wichtiges zu sagen hatten. Praskowja Iwanowna glaubte fest an ihren Mann und liebte ihn. Sie wußte, wie gern die Leute sich in fremde Angelegenheiten mischen, wie gern sie das Wasser trüben, um darin bequemer fischen zu können, und sie hatte ein für allemal den festen Entschluß gefaßt und es sich zum unwandelbaren Grundsatz gemacht, keine Erörterungen über das Betragen ihres Mannes in ihrer Gegenwart zuzulassen. Ein vortrefflicher Grundsatz, unumgänglich zur Erhaltung des häuslichen Friedens. Doch auch diese Regel hat ihre Ausnahmen, zu denen der vorliegende Fall gehörte. Vielleicht hätte der feste Wille Praskowjas, von dem Umstande unterstützt, daß alle Güter ihr gehörten, ihrem Manne am Anfang ein Zügel sein können; er hätte als kluger Mensch nicht auf die Vorteile des Reichtums verzichten wollen, hätte seinen scheußlichen Leidenschaften nicht freien Lauf gelassen und nur im stillen und mit Maßen ein Genußleben geführt wie viele andere.

So vergingen einige Jahre. Michail Maximowitsch ergab sich ungehindert seinen wilden Trieben, die sich immer mehr entwickelten, und vollbrachte ungestraft namenlose Greueltaten. Ich will hier nicht das Leben ausführlich beschreiben, das er auf seinen Gütern, namentlich in Paraschino, und in den kleinen Kreisstädtchen führte; es wäre ein zu ekelhaftes Bild. Ich will nur das erzählen, was notwendig ist, um dem Leser eine Idee von diesem schrecklichen Manne zu geben. In den ersten Jahren nach seiner Heirat widmete er sich mit Eifer, ja mit Selbstverleugnung den vielfachen Geschäften, die mit der Verwaltung der Güter seiner Frau verbunden waren. Man konnte ihn als den tüchtigsten, klügsten und tätigsten Geschäftsmann preisen. Die unendlich verschiedenartigen schweren Sorgen und Mühen, die eine Übersiedelung der Bauern nach entfernten Gegenden mit sich bringt, hatte Michail Maximowitsch alle auf sich genommen, und seine unermüdliche und kluge Tätigkeit hatte nur einen Zweck, das Wohlsein der Bauern zu sichern. Wo es nötig war, sparte er das Geld nicht und sah zu, daß alles zur rechten Zeit und im rechten Maße an die Leute komme, um etwaiger Not vorzubeugen. Er überwachte selbst die Abreise von dem alten Wohnsitze, begleitete den Zug einen großen Teil des Weges und empfing die Ankömmlinge an den sorgsam gewählten und mit allem Nötigen ausgestatteten neuen Wohnplätzen. Freilich war er gegen Vergehen bis zur Grausamkeit streng. Doch ging er bei Erwägung der Schuld mit strenger Gerechtigkeit zu Werke, wußte auch über einiges die Augen zuzudrücken. Er erlaubte es sich, von Zeit zu Zeit über die Schnur zu hauen und ein paar Tage in irgendeinem Städtchen in Saus und Braus zu leben. Jedoch er verstand es, den Rausch abzuschütteln wie die Gans das Wasser, und griff nach einer solchen Erfrischung mit erneuter Lust zum unterbrochenen Geschäft.

Ja, es war diese erdrückende Masse von Geschäften, die, auf seinem Geiste lastend, es ihm nicht gestattete, sich der verderblichen Trunksucht hinzugeben, die alle seine unnatürlichen Instinkte entfesselte. Die Tätigkeit rettete ihn eine Zeitlang. Aber als auf den neuen Gütern Paraschino und Kurolesowo alles in Ordnung gebracht war, als auch auf jedem der Güter Wohnhaus und Nebengebäude fertig waren, als er anfing zu viel Zeit und zu wenig Beschäftigung zu haben, da ergab er sich gänzlich dem Trunk mit seinen gewöhnlichen Folgen, und seine angeborene Grausamkeit steigerte sich zu einem rasenden Durste nach Qualen und Menschenblut. Durch die Furcht und den Gehorsam seiner Umgebung verwöhnt, verlor er bald alles Maßgefühl und schwelgte in grenzenlosen Gewalttaten. Er hatte sich unter seinem Gesinde und sogar unter den Bauern ein paar Dutzend verruchter Gesellen zusammengesucht und diese würdigen Vollzieher seiner Einfälle zu einer förmlichen Räuberbande organisiert. Da sie sahen, daß die tollsten Streiche ihres Herrn ungestraft blieben, kamen diese Leute bald dahin, ihn für allmächtig zu halten, und selbst trunksüchtig und liederlich, vollstreckten sie willig und dreist seine wahnsinnigsten Befehle. Hatte jemand durch Wort oder Tat Michail Maximowitsch geärgert, wenn auch z. B. nur dadurch, daß er nicht zur bestimmten Zeit zu seinen Trinkgelagen erschien, so brauchte er nur zu winken, und seine Getreuen machten sich auf den Weg, packten den Delinquenten, heimlich oder öffentlich, wo sie ihn trafen, und schleppten ihn zu ihrem Herrn, wo er gemißhandelt, in den Keller gesperrt, gefesselt, oft durchgeprügelt wurde. Michail Maximowitsch liebte schöne Pferde, schöne Gerätschaften, auch schöne Gemälde als Zimmerverzierung. Wenn so etwas bei einem Nachbar oder in irgendeinem fremden Hause ihm gefiel, schlug er sogleich dem Besitzer einen Tausch vor. Lehnte der Besitzer diesen ab, so bot Michail Maximowitsch, wenn er bei guter Laune war, Geld dafür. Wurde auch das Geld ausgeschlagen, so sagte er einfach, er werde sich die Sache umsonst verschaffen. In der Tat pflegte er bald darauf mit seiner Bande zu erscheinen und die gewünschten Gegenstände mit Gewalt wegzunehmen. Das Klagen vor Gericht half nichts; denn der Polizei war längst bekannt, daß der Beamte, der einer solchen Klage auf gesetzliche Weise Folge zu leisten versucht hätte, baldigst mit den »Katzen« genauere Bekanntschaft machen würde; und so blieb Kurolesow im ruhigen Besitze der erworbenen Gegenstände, der unglückliche Kläger aber bekam Prügel, oft in seinem eigenen Hause, im Angesicht seiner Familie, die umsonst um Schonung flehte. Es kamen sogar noch schlimmere Gewalttaten vor, gleichfalls ohne irgendwelche Folgen zu haben. Nach einiger Zeit pflegte Michail Maximowitsch sich mit seinen Opfern zu versöhnen; entweder gab er ihnen Geld, oder er zwang sie durch Drohungen, allen weiteren Ansprüchen gegen ihn zu entsagen, und so wurde das gestohlene Gut zu seinem gesetzmäßigen Eigentum. Mit seinen Gästen zechend, liebte er es, damit zu prahlen, er habe das Köpfchen im Goldrahmen, dort an der Wand, dem und dem Herrn genommen, den Schreibtisch mit Bronze-Verzierungen diesem anderen, den Silberbecher, aus dem er trinke, jenem dritten; und nicht selten saßen die erwähnten Herren mit bei Tische und stellten sich, als wenn sie nichts hörten, oder stimmten, ihren Ärger verbeißend, in das allgemeine Gelächter ein. Michail Maximowitsch hatte eiserne Nerven und konnte erstaunlich viel trinken, ohne das Bewußtsein zu verlieren. Der Rausch stumpfte ihn nicht ab, sondern reizte ihn auf und erweckte eine furchtbare Tätigkeit in seinem benebelten Gehirne, in seinem aufgeregten Organismus. Wenn er in einen solchen Zustand geriet, war es sein Lieblingsvergnügen, tüchtige, mit Glöckchen versehene Pferde an alle möglichen Equipagen spannen zu lassen, diese mit seinen Gästen und Dienern zu füllen und im vollen Galopp mit wildem Singen und Schreien die benachbarten Felder und Dörfer zu durchstreifen. Er nahm immer Branntwein mit und machte sich ein Vergnügen daraus, einen jeden, der ihm begegnete, ohne Unterschied des Geschlechtes und Alters, zum Trinken zu zwingen; wer sich weigerte, bekam Prügel. Die Bestraften wurden an Bäume, Pfähle und Zäune gebunden, ohne Rücksicht auf Regen und Kälte. Ich verschweige andere, noch empörendere Gewalttätigkeiten. In einer solchen Stimmung galoppierte er eines Tages durch ein Dorf. Als er bei einer Tenne vorbeifuhr, wo eine Bauernfamilie gerade mit Dreschen beschäftigt war, bemerkte er eine Frau von seltener Schönheit. »Halt!« schrie Michail Maximowitsch seinem Diener zu. »Petruschka! Wie gefällt dir das Weib?« – »Potztausend!« sagte Petruschka, »die ist doch gar zu schön!« – »Willst du sie heiraten?« – »Wie könnte ich denn eines anderen Frau heiraten?« antwortete Petruschka schmunzelnd. – »Das wirst du gleich sehen. He, Kinder! Packt sie und setzt sie in meinen Wagen!« So ging es schnurstracks in das nächste Pfarrdorf, und trotz ihrer Aussage, daß sie schon einen Mann und zwei Kinder habe, wurde sie sogleich mit Petruschka getraut. Niemand wagte es, diesen Frevel gerichtlich anzuzeigen, und erst viel später, als das Gut in die Hände des jungen Bagrow überging, wurde die Frau mit Mann und Kindern ihrem früheren Herrn zurückgegeben; ihr erster Mann war schon lange tot. Bagrow gab auch viele entwendete Sachen den früheren Besitzern zurück. Doch vieles wurde von niemandem mehr zurückgefordert und vermoderte in der Rumpelkammer. Wir fühlen, daß es dem Leser schwer wird, an das Vorkommen solcher Greuel in Rußland, vor kaum achtzig Jahren, zu glauben; jedoch unterliegt die Treue meiner Erzählung keinem Zweifel.

Wie verrucht schon an sich diese zügellosen Schwelgereien, diese grenzenlose Willkür waren, es mußte sich daraus noch etwas Schrecklicheres entwickeln, nämlich eine immerwährende Steigerung der grausamen Triebe, die bald bei Michail Maximowitsch zum förmlichen Blutdurste wurden. Menschen zu foltern wurde ihm zum Bedürfnis, zum Genuß. An den Tagen, wo er keine Prügel ausgeteilt hatte, war er mißmutig, unruhig, sogar krank, und darum wurden seine Besuche in Tschurasowo. immer seltener und kürzer. Wenn er nach seinem lieben Paraschino zurückkam, eilte er, das Versäumte nachzuholen. Die Revision der Wirtschaft pflegte ihm reichliche Veranlassung zu Strafen zu geben; denn die kleinste Vernachlässigung wurde auf das grausamste bestraft, und in welcher Wirtschaft lassen sich solche nicht finden, wenn man danach suchen will? Übrigens fiel die ganze Last seiner Tyrannei fast ausschließlich auf das Hofgesinde. Nur höchst selten, in ganz besonderen Fällen, ließ er einen Bauer bestrafen; dafür hatten die Verwalter und Inspektoren von ihm ebenso viel zu leiden wie das Gesinde. Er schonte niemand, und jeder aus seiner Umgebung war ein oder mehrere Male in seinem Leben beinahe zu Tode geprügelt worden. Merkwürdig war, daß Michail Maximowitsch nicht prügeln ließ, wenn er zornig und hitzig war und schrie, was übrigens nur selten vorkam; wenn er seine Grausamkeit an jemand auslassen wollte, sprach er mit ruhiger, sogar sanfter Stimme etwa folgendes: »Nun, lieber Freund, Grigori Kusmitsch, es tut mir leid, aber wir müssen ein kleines Geschäft unter uns abmachen.« Mit solchen Worten wandte er sich an seinen obersten Stallknecht Kowljaga, der, Gott weiß warum, häufiger als andere diesen Mißhandlungen unterworfen wurde. »Kratzt ihn mit den Kätzchen!« sagte er lächelnd zu den anderen Dienern, und es begann für den Unglücklichen eine langsame Qual, der Michail Maximowitsch beiwohnte, dabei seinen Tee mit Branntwein trinkend, seine Pfeife rauchend und über das arme Opfer spottend, solange es ihn zu hören vermochte. Glaubwürdige Zeugen haben mir versichert, daß man das Leben der armen Gefolterten nur dadurch zu retten vermochte, daß man ihre blutigen Körper in warme, von eben geschlachteten Schafen abgestreifte Häute einwickelte. Nach genauer Betrachtung des bestraften Menschen sagte Michail Maximowitsch, wenn er des Schauspiels satt war: »Genug, schafft ihn beiseite!« und wurde auf einen Tag, oft auf mehrere Tage besonders heiter und freundlich. Um die Charakteristik dieses Scheusals zu vollenden, will ich eine Äußerung anführen, die er in Gesellschaft seiner Zechgenossen zu tun pflegte: »Ich kann Stöcke und Knuten nicht leiden,« sagte er oft. »Damit schlägt man einen Menschen tot, ehe man es sich versieht! Da lob' ich mir meine Kätzchen: es tut weh und ist nicht gefährlich.« Ich habe nicht den zehnten Teil dessen erzählt, was ich weiß; allein ich denke, es ist mehr als genug. Als einen sonderbaren Widerspruch in der menschlichen Natur will ich noch anführen, daß mitten im Paroxysmus des Lasters und der Grausamkeit Michail Maximowitsch mit Eifer an einer steinernen Kirche in Paraschino baute. Zu der Zeit, wo unsere Erzählung stehen geblieben ist, war schon das Äußere der Kirche fertig, und das ganze Wohnhaus war mit Tischlern, Holzschnitzern, Vergoldern, Malern usw. gefüllt, die an der Vollendung des Innern arbeiteten.

Praskowja Iwanowna war bereits vierzehn Jahre verheiratet, und wenn sie auch mitunter manches an ihrem Gemahle sonderbar fand, der sich immer seltener in ihrer Nähe sehen ließ, so war sie doch weit entfernt, etwas von seinem wahren Charakter zu wissen oder auch nur zu ahnen. Sie lebte ruhig und heiter fort. Im Sommer beschäftigten sie ihre reichen Gärten und ihre schönen Quellen, die sie nicht erlaubte einzufassen, und die sie eigenhändig zu reinigen liebte. Im Winter war sie durch ihre zahlreichen Bekannten in Anspruch genommen, und das Kartespielen war bei ihr zur Liebhaberei geworden. Auf einmal erhielt sie einen Brief von einer Verwandten ihres Mannes, einer alten Dame, vor der sie große Achtung empfand. Der Brief enthielt eine ausführliche Beschreibung aller Gewalttaten Michail Maximowitschs, und zum Schluß äußerte die Schreiberin, sie hätte es für eine Sünde gehalten, die Herrin von tausend Seelen länger in Unwissenheit zu lassen über das Schicksal ihrer Untertanen, die unter der Tyrannei dieses Unmenschen, ihres Mannes, litten, und die sie so leicht retten könne, indem sie die ihrem wahnsinnigen Manne gegebene Vollmacht vernichte. Das Blut der unschuldigen Opfer schreie gen Himmel, und in diesem Augenblicke liege der ihr bekannte Diener Iwan Anufriew im Sterben infolge erlittener Mißhandlungen. Praskowja Iwanowna selbst habe nichts zu fürchten, da Michail Maximowitsch es nicht wagen werde, nach Tschurasowo zu kommen, und sie unter dem Schutze ihrer guten Freunde und des Gouverneurs stehe. Dieser Brief wirkte auf Praskowja Iwanowna wie ein Donnerschlag. Sie hat mir oft erzählt, sie sei in den ersten Minuten wie wahnsinnig gewesen. Doch ihre außerordentliche Geistesstärke und ihr unerschütterlicher Glaube an die Vorsehung bewirkten, daß sie bald ihres Schmerzes Herrin wurde und einen Entschluß faßte, den an ihrer Stelle kaum ein kühner Mann gefaßt hätte. Sie ließ ihre Kalesche anspannen, gab eine Fahrt nach der Gouvernementsstadt vor und machte sich, nur von einem Diener und einem Mädchen begleitet, auf den Weg nach Paraschino. Der Weg war lang, mehr als vierhundert Werst, und sie hatte Zeit genug, um ihren gefährlichen Schritt zu bedenken. Doch erzählte Praskowja Iwanowna in der Folge, sie sei unterwegs zu keinem bestimmten Plane gekommen. Sie wollte nur mit eignen Augen sehen, was ihr Gemahl auf ihren Gütern tue. Sie glaubte dem Briefe ihrer Verwandten nicht völlig, da diese in einiger Entfernung wohnte und vielleicht durch übertriebene Gerüchte betrogen war. Die alte Wärterin in Tschurasowo hatte sie nicht befragen wollen. Der Gedanke an persönliche Gefahr war ihr nicht in den Sinn gekommen; ihr Mann war immer gegen sie so zuvorkommend und liebreich gewesen, daß es ihr ein leichtes schien, Michail Maximowitsch zu überreden, mit ihr nach Tschurasowo zu kommen. Sie kam vorsätzlich in Paraschino spät am Abend an, ließ ihren Wagen an der Einfriedigung halten und ging ruhig und von niemandem erkannt, nur von ihrem Diener und von ihrem Mädchen begleitet, zwischen den Wirtschaftsgebäuden hindurch zur Hintertür des Nebengebäudes, wo sie Licht brennen sah, und von wo ihr ein Gemisch von Liedern, Geschrei und Gelächter entgegenschallte. Mit fester Hand öffnete sie die Tür. Der Zufall hatte in diesem Augenblicke alles vereinigt, was ihr einen Begriff von dem Lebenswandel ihres Gemahls geben konnte. Noch stärker berauscht als gewöhnlich, zechte er mit seinen ebenfalls berauschten Gästen. Mit einem rotseidenen Hemde bekleidet, im Gesicht den Ausdruck roher Sinnlichkeit, hielt er in der einen Hand ein Punschglas, während er mit der anderen ein schönes Weib umschlang, das auf seinem Schoße saß. Vor ihm sang und tanzte sein halb betrunkenes Gesinde. Praskowja Iwanowna sah mit einem Blick alles; der Ohnmacht nahe wankte sie zurück, schloß hinter sich die Tür und entfernte sich, von niemandem gesehen. Auf den Hausstufen begegnete ihr ein Diener ihres Mannes, ein nicht mehr junger, zum Glück nicht betrunkener Mensch. Er erkannte seine Herrin und rief: »Mütterchen Praskowja Iwanowna, sind Sie es?« Doch Praskowja Iwanowna gebot ihm durch Zeichen zu schweigen und sagte streng, nachdem sie ihn bis zur Mitte des Hofraumes geführt hatte: »Auf diese Weise also bringt ihr hier die Zeit zu? Euer lustiges Leben wird bald ein Ende haben.« Der Diener fiel ihr zu Füßen und erwiderte unter Tränen: »Mütterchen, glauben Sie denn, daß unser Leben hier lustig ist? Gott selber hat Sie hierher geführt.« Praskowja Iwanowna gebot ihm nochmals zu schweigen und ließ sich auf der Stelle zu Iwan Anufriew führen, der, wie man ihr gesagt hatte, noch am Leben war. Auf dem Hinterhofe, in einer Hütte neben den Viehställen, fand sie den sterbenden Anufriew. Er war aber so schwach, daß er nicht ein Wort zu sprechen vermochte. Doch sein Bruder Alexei, ein junger Bursche, der den Tag vorher grausam bestraft worden war, kroch mühsam von seinem Lager herunter, ließ sich auf die Knie nieder und erzählte die Schreckensgeschichten von seinem Bruder, sich selbst und den anderen Iwan Anufriew blieb am Leben und erreichte ein Alter von fünfzig Jahren; aber sein Bruder kränkelte seitdem und starb ein Jahr darauf. (Anmerkung des Verfassers.). Praskowjas Herz wollte brechen vor Mitleid und Abscheu; ihr Gewissen machte ihr grausame Vorwürfe, und sie beschloß, den Greueltaten Michail Maximowitschs ein schnelles Ende zu machen, was ihr ein leichtes schien. Sie verbot aufs strengste, den Herrn von ihrer Ankunft zu unterrichten, und da sie erfuhr, daß im unausgebauten großen Hause sich ein bewohnbares Zimmer befinde, in welchem Michail Maximowitsch seine Wirtschaftsrechnungen zu erledigen pflege, so begab sie sich dahin, um dort den Rest der Nacht zu verbringen und am anderen Morgen ihren nicht mehr berauschten Mann zu sprechen. Doch verlautete bald etwas von ihrer Ankunft. Einer der ärgsten Kumpane Michail Maximowitschs erfuhr davon und raunte seinem Herrn ein Wörtchen ins Ohr. Sein Rausch verging augenblicklich; er fühlte, in welcher Gefahr er schwebe. Obgleich er noch wenig den männlichen Charakter seiner Frau kannte, der bis dahin keine Gelegenheit gehabt hatte, ans Licht zu treten, so hatte er doch eine Ahnung davon. Er verabschiedete seine saubere Gesellschaft, ließ sich zwei Eimer kalten Wassers auf den Kopf gießen, und an Körper und Geist erfrischt, kleidete er sich anständig an und wollte sehen, ob seine Frau schlafe. Er hatte schon alles bedacht und einen Plan entworfen, nach dem er zu handeln beabsichtigte. Er war mit Recht überzeugt, man habe Praskowja Iwanowna von seinem Lebenswandel unterrichtet, sie habe nicht alles glauben wollen und sei gekommen, um sich persönlich von der Wahrheit zu überzeugen. Er wußte, daß sie einen Blick in sein Zimmer während des nächtlichen Gelages geworfen, er wußte aber nicht, daß sie Iwan Anufriew gesehen und Alexei gesprochen hatte. Wegen des nächtlichen Festes hoffte er sich entschuldigen zu können und nahm sich vor, recht pathetisch den reuigen Sünder zu spielen, seine Frau durch Zärtlichkeiten zu betören und sie sobald als möglich aus Paraschino herauszubringen.

Unterdessen war der Morgen gekommen und die Sonne aufgegangen. Michail Maximowitsch schlich leise zum Zimmer, in dem sich Praskowja Iwanowna befand; er öffnete behutsam die Tür und sah an dem Zustande des für sie hergerichteten Reisebettes, daß niemand darauf geruht hatte. Er sah sich im Zimmer um; Praskowja Iwanowna lag auf den Knien und betete weinend zu dem neuen Kirchenkreuze, das ihr durch das offene Fenster entgegenleuchtete; im Zimmer war kein Heiligenbild vorhanden. Nach einigem Zaudern sagte Michail Maximowitsch mit heiterer Stimme: »Nun hast du wohl genug gebetet, mein Liebchen! Sag mir doch, wie du auf den Einfall gekommen bist, mich durch deinen Besuch zu erfreuen!« Praskowja Iwanowna stand auf, und ohne ihre Fassung zu verlieren, lehnte sie die Umarmungen ihres Mannes ab; dann erklärte sie kalt und fest, sie wisse alles und habe Iwan Anufriew gesehen. Schonungslos sprach sie ihren Abscheu vor dem Wüterich aus, der nunmehr aufgehört habe, ihr Gemahl zu sein. Sie erklärte ihm, er habe ihr augenblicklich die Vollmacht zur Verwaltung ihrer Güter auszuliefern, Paraschino zu verlassen und sich niemals weder in ihrer Gegenwart, noch auf einem ihrer Landgüter zu zeigen, widrigenfalls sie ihn bei der Regierung zur verdienten Bestrafung verklagen werde; dann werde er zur Zwangsarbeit nach Sibirien geschickt werden. Auf solche Reden war Michail Maximowitsch nicht gefaßt. Der Schaum der Wut trat auf seine Lippen. »Ha, in diesem Ton wagst du es, mit mir zu sprechen!« brüllte der Bösewicht. »Gut, mein Täubchen! Dann will auch ich in anderm Tone mit dir reden. Du wirst Paraschino nicht eher verlassen, als bis du mir durch eine Kaufurkunde deine sämtlichen Güter übertragen haben wirst. Wenn du nicht willig bist, kannst du im Keller verhungern.« Dabei ergriff er einen in der Ecke stehenden Stock, warf seine Praskowja mit Schlägen zu Boden und fuhr fort sie zu schlagen, bis sie die Besinnung verlor. Dann rief er einige sichere Leute aus seiner Dienerschaft herbei, befahl ihnen, die Herrin ins Kellergewölbe zu tragen, schloß die Tür mit einem massiven Hängeschloß und steckte den Schlüssel in die Tasche. Schrecklich und drohend erschien er vor seinem Gesinde, das er hatte zusammenrufen lassen. Er wollte den Schuldigen entdecken, denjenigen, der Praskowja Iwanowna in das Stallhäuschen geführt hatte. Doch hatte sich dieser schon längst aus dem Staube gemacht; mit ihm waren Praskowjas Kutscher und Bedienter geflohen; das Dienstmädchen dagegen hatte sich nicht entschließen können, ihre Herrin zu verlassen. Michail Maximowitsch tat ihr nichts zuleide, gab ihr einige Anweisungen, wie die gnädige Frau zum Gehorsam zu überreden sei, und schloß auch sie eigenhändig in den Keller ein, wo schon Praskowja eingekerkert war. Und was tat dann Michail Maximowitsch? er ergab sich leidenschaftlicher als jemals seinen wüsten Schwelgereien. Doch umsonst trank er Branntwein wie Wasser, umsonst tanzte und sang um ihn sein besoffenes Gesinde – Michail Maximowitsch wurde düster und sorgenvoll. Das verhinderte ihn aber nicht, seine Pläne unermüdlich zu verfolgen. Er hatte in der nahen Kreisstadt eine gesetzliche Vollmacht zum Verkauf von Paraschino und Kurolesowo auf den Namen eines seiner würdigen Freunde aufsetzen lassen (Tschurasowo wollte er ihr aus Gnaden lassen), und jeden Tag stieg er zweimal in den Keller hinab, um seine Frau zum Unterschreiben des Aktenstückes zu überreden. Er bat um Verzeihung wegen des Zornanfalls, den er im ersten Augenblick gehabt hatte, versprach, falls sie einwillige, nie mehr in ihrer Gegenwart zu erscheinen, und beteuerte, daß er ihr alles nach seinem Tode vermachen werde. Doch Praskowja Iwanowna, von den Schlägen noch leidend, vom Hunger erschöpft, dazu noch vom Fieber ergriffen, wollte nicht von ihren Rechten weichen. So vergingen fünf Tage. Der Himmel mag wissen, wie das alles noch geendet hätte.

Unterdessen lebte Stepan Michailowitsch ruhig fort in seinem neuen Bagrowo, welches von Paraschino hundertzwanzig Werst entfernt war. Ich habe schon erwähnt, daß er sich seit langer Zeit mit Michail Maximowitsch aufrichtig versöhnt hatte, und obgleich er zu ihm keine sonderliche Zuneigung fühlte, war er im ganzen mit ihm zufrieden. Kurolesow erwies seinerseits meinem Großvater und dessen ganzer Familie eine ganz besondere Hochachtung und Dienstfertigkeit. Seitdem Paraschino angelegt worden war und er sich mit der Einrichtung dieses Gutes beschäftigte, kam er jedes Jahr zum Besuch nach Bagrowo, betrug sich freundlich und zuvorkommend, bat Stepan Michailowitsch, als einen kundigen, in Übersiedelungsangelegenheiten erfahrenen Gutsherrn, beständig um Rat, schrieb sich alle Angaben desselben mit großer Dankbarkeit genau und sorgfältig auf und wußte sie auch zu benutzen. Er vermochte sogar Stepan Michailowitsch, ein paarmal nach Paraschino zu kommen, um sich persönlich vom guten Erfolg seiner Lehren zu überzeugen. Mein Großvater war ganz entzückt von der musterhaften Wirtschaft auf dem neuen Gute und sagte bei seinem letzten Besuche, nachdem er Felder und Bauten sorgsam gemustert hatte: »Nun, Freund Michail, du bist noch jung, aber schon ein Meister; von mir hast du nichts mehr zu lernen.« Und in der Tat war die Wirtschaft auf den Gütern Kurolesows bewunderungswürdig. Es versteht sich von selbst, daß er den Alten mit allen nur denkbaren Ehrenbezeigungen zu empfangen pflegte. Nach Verlauf einiger Jahre begannen ungünstige Gerüchte über Kurolesow bis nach Bagrowo zu dringen. Anfangs wurde die Sache in Gegenwart meines Großvaters nicht erörtert, weil er böse Nachreden nicht leiden konnte; doch die Gerüchte wurden immer bestimmter. Stepan Michailowitschs Familie wußte darum, und eines Tages entschloß sich Arina Wasiljewna, ihrem Manne zu sagen, daß Michail Maximowitsch ein gar wüstes Leben zu führen anfange. Doch der Alte wollte es nicht glauben und antwortete, wenn man alles Gerede anhören wolle, könne es nicht fehlen, daß man über jeden das Schlimmste erfahre. »Ich weiß,« fügte er hinzu, »was für ein Völkchen die Baktejewschen Bauern gewesen sind – lauter Faulenzer und Taugenichtse; auch meines Bruders Leute sind von den Weibern verwöhnt worden. Was Wunder, daß ihnen nun eine ordentliche Arbeit lästig scheint! Vielleicht hat Michail die neue Ordnung zu plötzlich eingeführt, aber die Leute werden sich schon daran gewöhnen. Und wenn er auch nach mühsamer Arbeit ein Gläschen zuviel trinkt, so ist das für einen Mann kein großes Laster, wenn er nur darüber nicht seine Pflichten vergißt. Was man da noch erzählt, wäre freilich schlimm; aber das sind wohl nur Lügen, und ich begreife nicht, wie ihr, du und deine Töchter, solches Dienergeklatsch anhören mögt!« Nach einer solchen Antwort konnte natürlich lange Zeit von der Sache nicht die Rede sein. Schließlich erzählten einige Bauern, die früher der Familie Bagrow angehört hatten und manchmal nach Neu-Bagrowo kamen, um ihre Verwandten zu besuchen, immer Schrecklicheres von ihrem Herrn. Arina Wasiljewna setzte ihrem Manne die Sache zum zweiten Male auseinander und bat ihn, den Schulzen von Paraschino, einen früheren Bagrowschen Bauer, zu befragen, einen Mann, dessen Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe ihm bekannt war, und der sich gerade damals im Dorfe befand. Mein Großvater willigte ein. Er ließ den Schulzen zu sich kommen und erfuhr von ihm solche Greuel, daß ihm die Haare zu Berge standen. Er wußte gar nicht, was er anfangen, was er beschließen sollte. Von Praskowja Iwanowna bekam er selten Briefe, und aus denen sah er, daß sie vollkommen glücklich und ruhig lebte. Es lag auf der Hand, daß sie von dem Betragen ihres Mannes nichts ahnte. Er selbst hatte ihr in früheren Zeiten eingeschärft, nie jemandem zu erlauben, in ihrer Gegenwart über das Betragen ihres Mannes zu räsonieren; er sah, daß sie seinen Rat nur zu gut befolgt hatte. Zugleich aber überlegte er auch, daß, wenn sie selbst die Wahrheit wüßte, es zu nichts helfen und ihr nur unnützen Kummer verursachen werde. Und so fand er es am erwünschtesten, daß sie nichts erführe. Es widerstrebte ihm, sich in fremde Geschäfte zu mischen; er fand es auch in Hinsicht auf Kurolesow ganz überflüssig. »Mag er sich den Hals brechen oder in eine Kriminaluntersuchung geraten; da wird ihm ganz recht geschehen. Diesen Mann kann Gott allein bessern. Seine Bauern haben es gut, und was das Gesinde betrifft, so sind das lauter Spitzbuben, die es verdient haben. Ich will mich nicht in diese ekelhaften Geschichten einmischen.« Bei diesem Beschlusse beruhigte sich mein Großvater. Er begnügte sich damit, daß er aufhörte, auf Kurolesows Briefe zu antworten, und alle Beziehungen zu ihm abbrach; letzterer verstand sehr wohl, was das zu bedeuten habe, und ließ den Alten in Ruhe; die Korrespondenz zwischen Stepan Michailowitsch und Praskowja Iwanowna wurde gleichzeitig lebhafter und herzlicher als jemals.

So standen die Sachen, als eines Tages plötzlich die drei Flüchtlinge aus Paraschino vor meinem Großvater erschienen. Den ersten Tag nach ihrer Flucht hatten sie in den undurchdringlichen Waldsümpfen zugebracht, die sich an die Bauerntennen von Paraschino anschlossen. In der Nacht hatten sie mit diesem und jenem aus dem Gute gesprochen, hatten alles erfahren und waren sogleich zu Stepan Michailowitsch geeilt, als zu Praskowja Iwanownas natürlichem Beschützer. Man kann sich denken, wie es Stepan Michailowitsch zumute wurde, als er erfuhr, was in Paraschino vorging. Er liebte seine einzige Kusine ebenso zärtlich, wenn nicht noch zärtlicher, als seine eigenen Töchter. Praskowja von ihrem ruchlosen Manne grausam gemißhandelt, Praskowja in einem feuchten Keller hungernd, vielleicht schon tot, dieses Bild stand so lebhaft vor seinem geistigen Auge, daß der alte Herr halb wahnsinnig aufsprang und durch seinen Gutshof und durchs Dorf stürmend mit verzweifelter Stimme Gesinde und Bauern zusammenrief. Alles lief herbei; die Arbeiter verließen die Felder; alle, den Schmerz ihres geliebten Herrn teilend, schrieen durcheinander, daß sie mitgehen wollten, um Praskowja Iwanowna zu befreien. Und nach ein paar Stunden waren schon drei große Wagen, mit den feurigen Pferden des Großvaters bespannt, eilends auf dem Wege nach Paraschino. Sie enthielten zwölf der kräftigsten Burschen aus Dorf und Dienerschaft nebst den Flüchtlingen aus Paraschino, mit Flinten, Säbeln, Spießen und Heugabeln bewaffnet. Gegen Abend gingen noch zwei solche Wagen mit den besten Bauernpferden bespannt und mit zehn Mann besetzt ab, um Stepan Michailowitsch im Notfall zu helfen. Am Abend des folgenden Tages hielt der erste Zug nur sieben Werst von Paraschino; die müden Pferde wurden gefüttert, und im ersten Zwielicht des Sommermorgens rasselten die Wagen in den geräumigen Hof des Gutes hinein und hielten bei der Kellertür, dicht neben dem Nebengebäude, das Kurolesow bewohnte. Stepan Michailowitsch sprang auf die Tür zu und fing an heftig zu pochen. Eine schwache Stimme fragte im Innern: »Wer ist da?« Mein Großvater erkannte die Stimme seiner Kusine, und vor Freude weinend, daß sie noch am Leben sei, bekreuzte er sich und rief: »Gott sei gelobt! Ich bin es, dein Vetter, Stepan Michailowitsch. Du hast nichts mehr zu fürchten!« Er sandte sogleich einige Diener ab, um Praskowja Iwanownas Kalesche anzuspannen, während sechs bewaffnete Burschen den Eingang zum Keller bewachten und er selbst mit Hilfe der übrigen mit Äxten und Brechstangen die Tür zertrümmerte. In einem Augenblicke war es getan. Stepan Michailowitsch trug Praskowja Iwanowna in seinen Armen hinaus, legte sie in seinen Wagen zwischen sich und die treue Dienstmagd und fuhr mit seinem ganzen Gefolge ruhig ab. Die Sonne ging eben auf und spiegelte sich strahlend in dem neuen Kirchenkreuze. Es waren gerade sechs Tage vergangen, seit sie zu diesem Kreuze gebetet hatte; nun betete sie wieder mit Tränen des Dankes für ihre wunderbare Rettung. Fünf Werst hinter Paraschino wurden sie von der Kalesche eingeholt. Stepan Michailowitsch stieg mit seiner Kusine um und fuhr weiter nach Bagrowo.

Auf welche Weise war denn das alles zugegangen? wird man fragen. Hatte denn niemand den Auftritt gesehen? Wo blieb Michail Maximowitsch und seine treue Schar? Hatte er nichts gemerkt, oder war er abwesend? Nein! Viele hatten den Lärm gehört und die Befreiung Praskowjas gesehen. Michail Maximowitsch war zu Hause, wußte, was vorging, und hatte doch nicht gewagt, aus seinem Hause herauszutreten.

Die Sache verhielt sich ganz einfach. Das Gesinde hatte bis tief in die Nacht hinein mit dem Herrn gezecht, und viele waren gar nicht zu erwecken. Der nüchtern gebliebene Lieblingsdiener, der nie Spirituosen genoß, hatte Mühe, den betrunkenen Kurolesow zu wecken. Vor Furcht zitternd, berichtete er von der Ankunft Stepan Michailowitschs und von den auf das Haus gerichteten Flinten. »Wo bleiben denn die Unsrigen?« fragte Michail Maximowitsch. »Die einen schlafen, die anderen haben sich versteckt,« antwortete der Diener und hatte gelogen; denn schon begann eine betrunkene Schar sich vor der Tür zu sammeln. Michail Maximowitsch besann sich ein wenig und sagte: »Der Teufel mag sie holen! Schließ die Türe und sieh durchs Fenster, was da weiter vorgeht!« Nach einigen Minuten sagte der Diener: »Sie haben die Tür gesprengt. Sie nehmen die Herrin mit. Sie sind fort!« – »Geh zu Bette!« erwiderte Michail Maximowitsch, wickelte sich in seine Decken und schlief ein oder stellte sich so.

Ja, es liegt in der gerechten Sache eine moralische Macht, der die Energie des Bösewichts weichen muß. Michail Maximowitsch kannte die Festigkeit, den unerschütterlichen Mut Stepan Michailowitschs; er fühlte das Unrecht auf seiner Seite, und trotz seiner verzweifelten Kühnheit wagte er keinen Versuch, ihm sein Opfer zu entreißen.

Mit sorgenvoller Behutsamkeit brachte Stepan Michailowitsch sein krankes, zärtlich geliebtes Kusinchen nach Hause, das jetzt in noch höherem Grade seine Liebe und sein Mitleid erweckte. Unterwegs befragte er sie über nichts, und in Bagrowo angekommen, verbot er auch den Seinigen, sie durch Fragen zu belästigen. Ihre außerordentlich kräftige Konstitution und ihre ebenso bedeutende Seelenstärke bewirkten, daß sie nach zwei Wochen hergestellt war. Da entschloß sich Stepan Michailowitsch, sie über alles zu befragen; es war ihm durchaus notwendig, die Wahrheit über die ganze Angelegenheit zu wissen, um danach handeln zu können, da er niemals den Erzählungen derjenigen Glauben schenkte, die selbst nichts gesehen hatten. Praskowja Iwanowna erzählte ihm offenherzig alles, bat ihn aber zugleich, seiner Familie nichts davon mitzuteilen, und drückte den Wunsch aus, von niemand weiter befragt zu werden. Den zornigen Charakter ihres Vetters fürchtend, flehte sie ihn an, nicht an Michail Maximowitsch Rache zu nehmen, und erklärte unumwunden, sie habe ihre Absicht geändert und sei nicht gesonnen, ihren Gemahl zu entehren und den Namen zu beflecken, den sie doch ihr Leben lang tragen müsse. Sie fügte hinzu, sie habe die Worte bereut, die sie bei der ersten Begegnung zu ihrem Manne gesprochen habe, und sei fest entschlossen, keine Klage gegen ihn einzureichen; dagegen sehe sie es als ihre Pflicht an, sobald als möglich ihre Leibeigenen von seiner Grausamkeit zu befreien; sie wolle daher die Vollmacht zurücknehmen, die sie Kurolesow gegeben habe, und die Verwaltung ihrer Güter ihrem Vetter anvertrauen. Sie bat Stepan Michailowitsch, auf der Stelle einen Brief an Michail Maximowitsch zu schreiben, um die Vollmacht zurückzufordern; wenn dieser nicht Folge leiste, so werde sie sie auf gerichtlichem Wege annullieren lassen. Sie wünschte, daß Stepan Michailowitsch sich bestimmt, aber ohne beleidigende Äußerungen ausdrücke. Um dem Briefe mehr Gewicht zu geben, wollte sie ihn selbst unterschreiben. Wir müssen hier hinzufügen, daß sie nur schlecht Russisch zu schreiben verstand. Stepan Michailowitsch hatte seine Kusine so lieb, daß er seinen Zorn bezwang und alle ihre Wünsche erfüllte. Von einem nur wollte er nichts hören: von der Verwaltung ihrer Güter. »Ich liebe es nicht, mich in fremde Geschäfte zu mischen,« sagte er; »ich will nicht, daß deine Verwandten sagen, ich zöge meinen Profit aus deinen tausend Seelen. Deine Geschäfte werden allerdings in Unordnung geraten; aber du bist reich und brauchst dir keine Sorgen zu machen. Jetzt will ich meinetwegen deinem Schurken von Mann schreiben, daß ich die Verwaltung auf mich nehme, um ihm ordentliche Angst einzujagen. Alles übrige, um was du bittest, tue ich von Herzen gern.« Infolge dieses Gespräches wurde der Familie aufs strengste verboten, Praskowja nach etwas zu befragen. Den Brief an Michail Maximowitsch schrieb mein Großvater eigenhändig; Praskowja Iwanowna fügte auch ein paar Worte hinzu, und ein Bote wurde nach Paraschino abgesandt. Aber während auf diese Weise beraten, bedacht und geschrieben wurde, war die Sache in Paraschino von selbst zum Abschluß gekommen. Am vierten Tage kam der Bote zurück mit der Nachricht, Michail Maximowitsch sei nach Gottes Willen eines plötzlichen Todes gestorben und schon bestattet. Unwillkürlich bekreuzte sich Stepan Michailowitsch bei dieser Botschaft und sagte: »Gott sei Dank!« Dasselbe sagten seine Frau und seine Töchter, die trotz ihrer früheren Parteilichkeit für Michail Maximowitsch ihn von Herzen verabscheuten. Doch anders nahm Praskowja Iwanowna die Sache auf. Nach sich urteilend glaubten alle, sie werde sich auch freuen, und beeilten sich, ihr die Nachricht mitzuteilen. Aber unerwarteterweise wirkte es auf sie wie ein Donnerschlag; sie verfiel in tiefe Verzweiflung und wurde wieder krank. Und auch als ihre kräftige Natur die Krankheit überwunden hatte, blieb sie tiefbetrübt. Einige Wochen lang flossen ihre Tränen fast unaufhörlich, und sie welkte auf eine Weise hin, die ihren Vetter mit Besorgnis erfüllte. Niemand konnte begreifen, aus welcher Quelle diese tiefe Trauer um einen Mann entsprang, der ein Auswurf der Menschheit zu nennen war, den sie nicht mehr lieben konnte, der sie so grausam behandelt hatte. Doch wird es aus folgendem klar werden.

Einige Jahrzehnte nach diesen Begebenheiten sagte einst meine Mutter, die Praskowja Iwanownas Liebling war, mitten in einem vertraulichen Gespräche über das Vergangene, worüber sich Praskowja Iwanowna nur selten ausließ: »Sagen Sie mir, liebe Tante, wie konnten Sie sich um Michail Maximowitschs Tod so viel Kummer machen? Ich an Ihrer Stelle hätte seine Seele der Barmherzigkeit Gottes empfohlen und mich gefreut.« »Dummes Ding,« antwortete Praskowja Iwanowna, »ich habe ihn vierzehn Jahre lang geliebt; eine solche Liebe kann nicht in einem Monat vergehen. Und die Hauptsache ist mir sein Seelenheil: er ist gestorben, ohne Zeit zur Reue gehabt zu haben.«

Sechs Wochen nach dem Tode Kurolesows kam in Praskowja Iwanownas leidender Seele der Verstand wieder einigermaßen zur Geltung, und sie begab sich mit ihrem Vetter und der ganzen Familie nach Paraschino, um den üblichen Totengebeten beizuwohnen. Alle staunten nicht wenig, daß Praskowja Iwanowna in Paraschino und während der traurigen Feier nicht eine Träne vergoß, was gewiß ihrer zerrütteten Seele und ihrem geschwächten Körper große Anstrengung kostete. Ihrem Wunsche gemäß verweilte man nur wenige Stunden in Paraschino, und sie betrat nicht das Nebengebäude, wo ihr Mann gewohnt hatte und gestorben war.

Es ist nicht schwer zu erraten, wie es mit Kurolesows plötzlichem Tode zugegangen war. Nach der Befreiung Praskowjas waren alle auf dem Gute überzeugt, daß seine Herrschaft ein baldiges Ende haben werde. Alle hofften fest darauf, daß der alte Bagrow, der zweite Vater ihrer Herrin, ihren unwürdigen Mann aus ihren Gütern heraustreiben werde. Niemandem kam es in den Sinn, daß die schwerbeleidigte und gemißhandelte junge Herrin nur einen Augenblick zaudern werde, den Beleidiger gerichtlich zu verfolgen. Jeden Tag glaubte man, es werde nun endlich Stepan Michailowitsch in Begleitung des Gerichtes erscheinen; aber eine Woche verging nach der anderen, und niemand kam. Michail Maximowitsch zechte und wütete wie früher, prügelte alle, die ihm nahe kamen (sogar den immer nüchternen Diener, der ihn während der Entführung Praskowjas geweckt hatte), weil sie ihn damals im Stich gelassen hätten, und prahlte, seine Frau habe ihm gesetzlich alle ihre Güter abgetreten. Das Maß der menschlichen Geduld war übervoll; die Zukunft bot keine Hoffnung mehr, und so kam es, daß zwei Taugenichtse aus seiner nächsten Umgebung, und zwar, was das merkwürdigste ist, gerade solche Leute, die weniger als andere von seiner Grausamkeit zu leiden gehabt hatten, sich zu einer furchtbaren Tat entschlossen: sie vergifteten ihn mit Arsenik, das sie in die Karaffe mit Kwaß taten, welche Michail Maximowitsch im Laufe der Nacht gewöhnlich austrank. Sie hatten das Gift in solcher Menge hineingetan, daß Kurolesow nicht länger als zwei Stunden lebte. Die Verbrecher hatten keine Mitwisser, und daher erfüllte ein so entsetzliches Begebnis alle mit unbeschreiblichem Schrecken. Jeder hatte auf den andern Verdacht; aber lange Zeit blieben die wahren Schuldigen unbekannt. Ein halbes Jahr darauf erkrankte einer von ihnen hoffnungslos und gestand vor dem Tode sein Verbrechen. Sein Genosse, den der Sterbende jedoch nicht genannt hatte, floh und verscholl spurlos.

Ohne Zweifel hätte Kurolesows plötzlicher Tod eine gerichtliche Untersuchung zur Folge gehabt, wenn es nicht in Paraschino im Kontor einen sehr jungen Schreiber gegeben hätte, welcher ebenfalls Michail Maximowitsch hieß und erst kurz vorher aus Tschurasowo dorthin versetzt war. Dieser junge, außerordentlich kluge und gewandte Mensch vertuschte die ganze Sache. In der Folge wurde er der bevollmächtigte Verwalter sämtlicher Güter Praskowja Iwanownas. Unter dem Namen Michailuschka war er weit und breit in den Gouvernements Orenburg und Simbirsk bekannt. Dieser merkwürdig gescheite Geschäftsmann erwarb sich ein ansehnliches Vermögen und führte lange Zeit ein bescheidenes Leben; aber als er nach Praskowja Iwanownas Tode freigelassen war und seine geliebte Frau verloren hatte, ergab er sich dem Trunke, vergeudete alles Erworbene und starb in Armut. Einer seiner Söhne machte übrigens eine gute Karriere im Staatsdienste, erwarb sich sogar, wenn ich nicht irre, den Adel.

Ich kann nicht verschweigen, daß vierzig Jahre später Stepan Michailowitschs Enkel, dem Paraschino als Erbschaft zufiel, unter den Bauern ein dankbares Andenken an Michail Maximowitschs Administration fand. Seine Grausamkeit, die ohnehin meistens nur die Dienerschaft getroffen hatte, war vergessen. Dagegen wurde der Scharfsinn gerühmt, mit dem er den Schuldigen vom Unschuldigen zu unterscheiden wußte, den guten Arbeiter vom schlechten, sein vollkommenes Verständnis für die Verhältnisse und Bedürfnisse der Bauern, seine Bereitwilligkeit, jeder wirklichen Not abzuhelfen. Die Greise erzählten lächelnd, Kurolesow habe zu sagen gepflegt: »Bestehlt und betrügt mich, soviel ihr wollt, nur daß ich nichts davon merke; merk ich's aber, so beklagt euch nicht!«

Nach ihrer Rückkehr nach Bagrowo erholte sich Praskowja Iwanowna allmählich, erquickt durch die innige Zärtlichkeit ihres Vetters und durch die sorgsame Pflege seiner ganzen Familie, die von ihr große Zuwendungen erwartete, der sie aber nicht sehr zugetan war. Ihre blühende Gesundheit kehrte wieder, ihr Gemüt beruhigte sich, und nach Verlauf eines Jahres beschloß sie, nach ihrem Tschurasowo heimzukehren. Dem Vetter Stepan Michailowitsch fiel es schwer, sich von der Kusine zu trennen. Ihr ganzes Wesen sagte ihm besonders gut zu, und er hatte sich an ihre Nähe gewöhnt; in ihrem ganzen Leben hatte sie nicht ein einziges Mal seinen Zorn erregt. Jedoch versuchte er es nicht, sie zurückzuhalten, sondern ermahnte sie vielmehr selbst zur Abreise. »Was hast du hier bei uns für ein Leben, liebe Kusine,« pflegte er zu sagen. »Das Leben ist hier langweilig; wir merken es nur nicht, weil wir daran gewöhnt sind. Du bist noch jung« (sie war dreißig Jahre alt); »du bist reich und an eine andere Lebensweise gewöhnt. Kehre heim nach deinem Tschurasowo; dort hast du ein schönes Haus, den Garten mit deinen lieben Quellen, viele reiche Nachbarn, die dich lieben und ein lustiges Leben führen. Wer weiß, ob du nicht noch eine glückliche Heirat machst. An Bewerbern wird es dir nicht fehlen.« Praskowja Iwanowna schob ihre Abreise von Tag zu Tag auf, so schwer wurde es ihr, sich von dem Vetter zu trennen, ihrem Erretter und ihrem Wohltäter von ihrer Kindheit an. Endlich wurde der Tag der Abfahrt festgesetzt. Am vorhergehenden Tage suchte sie frühmorgens Stepan Michailowitsch auf, der in trauriges Nachdenken versunken auf der Freitreppe saß. Sie umarmte ihn mit Tränen in den Augen und sagte zu ihm: »Vetter, ich empfinde die Liebe, die Sie zu mir hegen, und liebe und achte Sie wie meinen eigenen Vater. Gott, der in den Herzen liest, sieht meine Dankbarkeit. Doch will ich, daß auch die Menschen sie sehen. Erlauben Sie mir, Ihnen die Güter abzutreten, die ich von der Mutter geerbt habe. Die Güter meines Vaters werden ohnehin Ihrem Alexei gehören. Meine Verwandten von mütterlicher Seite sind reich, und Sie wissen, daß ich keinen Anlaß habe, sie mit meinem Besitztum zu belohnen. Heiraten will ich nicht wieder. Ich will, daß die Familie Bagrow reich sei. Willigen Sie ein, lieber Vetter, wenn Sie mich beruhigen und erfreuen wollen!« Und mit diesen Worten sank sie ihm zu Füßen, seine Hände mit Küssen bedeckend. – »Hör mal, Kusine,« sagte Stepan Michailowitsch mit strenger Stimme, »du kennst mich schlecht. Daß ich mir fremdes Gut angeeignet und deinen Reichtum den rechtmäßigen Erben entzogen hätte, nein, das soll niemand dem Stepan Bagrow nachsagen können. Nimm dich also in acht, nochmals die Sache zu erwähnen; sonst zürne ich dir zum erstenmal in meinem Leben.«

Den Tag darauf reiste Praskowja Iwanowna nach Tschurasowo ab, wo sie ein neues, selbständiges Leben begann.


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