Wilhelmine von Bayreuth
Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth
Wilhelmine von Bayreuth

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»Mein sehr verehrter Herr Großvater!

Ich kann Ihnen nicht aussprechen, mit welchem Schmerz und welcher Aufregung ich diesen Brief an Sie schreibe. Ich, der der Gegenstand all Ihrer Sorge war und den Sie bestimmt hatten, die Stütze Ihrer Familie zu werden, den Sie dazu erzogen hatten, seinem Nächsten gegenüber und in seinem Beruf sich nützlich zu erzeigen, und der ich nie von Ihnen schied, ohne Ihre Wohltaten und Ihre Ratschläge empfangen zu haben; ich, der die Freude und der Trost Ihres Alters werden sollte, ich Ärmster werde zum Gegenstand Ihrer Trauer und Verzweiflung. Statt Sie mit guten Nachrichten zu erfreuen, muß ich Ihnen mein Todesurteil zur Kenntnis bringen, das schon gefällt worden ist. Nehmen Sie sich mein trauriges Los nicht allzusehr zu Herzen; man muß sich in den Willen der Vorsehung fügen, wenn sie uns durch Leiden prüft; sie verleiht uns auch die Kraft, sie mutig zu ertragen und zu überwinden. Bei Gott ist kein Ding unmöglich, und alle Hilfe steht bei ihm. Ich setze all mein Vertrauen in den Allerhöchsten; er kann das Herz des Königs noch zur Milde wenden und mich ebenso vieler Gnaden teilhaft machen, als mir Strenge widerfahren ist. Wenn es Gottes Wille nicht ist, werde ich ihn nicht minder lobpreisen, da ich weiß, daß das, was er verfügt, mir zum Heile gereichen wird. So harre ich in Geduld dessen, was Ihr und Ihrer Freunde Einfluß bei Seiner Majestät erlangen kann. Inzwischen erbitte ich Ihre Verzeihung für alle meine begangenen Fehler und hoffe, daß Gott, der den größten Sündern verzeiht, sich meiner erbarmen wird. Folgen Sie, ich bitte Sie, seinem Beispiel mir gegenüber und glauben Sie mir ...

Am 2. November 1730.«

Folgende Verse fand man am Fenster seines Gefängnisses eingezeichnet:

»Mit der Zeit wird durch Geduld
Das Gewissen frei von Schuld.
Wisset, wer dies aufgesetzt,
Heiße Katt, bin guten Mutes,
Hoffe immer bis zuletzt.«

Darunter stand geschrieben:

»Wer aus Neugierde diese Worte wird lesen wollen, mag erfahren, daß der Verfasser auf Befehl Seiner Majestät am 16. August des Jahres 1730 arretiert wurde und die Hoffnung nicht aufgab, daß er die Freiheit wiedererlangen würde, obwohl die Art, wie er bewacht wird, Schlimmes befürchten läßt.«

Dem Geistlichen, der tags darauf zu ihm kam, um ihn zum Tode vorzubereiten, sagte er: »Ich bin ein großer Sünder; mein übergroßer Ehrgeiz hat mich zu vielen Vergehen getrieben, die ich von Herzen bereue. Ich habe mich auf mein Glück verlassen; die Gnade des Kronprinzen hat mich so verblendet, daß ich mich selbst verkannte. Jetzt sehe ich die Eitelkeit aller Dinge ein; ich bereue lebhaft alle meine Sünden und wünsche mir den Tod als den einzigen Weg, zu einem beständigen und ewigen Glück zu gelangen.« Diesen und den folgenden Tag verbrachte er mit ähnlichen Gesprächen.

Am Abend des nächsten Tages kam der Major Schenk, ihm mitzuteilen, daß seine Hinrichtung in Küstrin erfolge und der Wagen, der ihn dorthin bringen solle, auf ihn warte. Er schien etwas erstaunt darüber, faßte sich aber alsbald und folgte mit heiterer Miene dem Herrn von Schenk, der mit ihm und zwei andern Offizieren den Wagen bestieg. Ein starkes Bataillon folgte ihnen bis Küstrin. Herr von Schenk, der sehr bewegt war, sagte ihm, er sei aufs tiefste betrübt, eines so traurigen Amtes walten zu müssen. »Auf Befehl Seiner Majestät muß ich Ihrer Hinrichtung beiwohnen,« sagte er; »ich habe es zweimal abgelehnt, muß aber nun gehorchen, aber Gott weiß, wie schwer es mir fällt! Wollte Gott, daß sich das Herz des Königs erweiche und ich Ihnen Ihre Begnadigung verkünden dürfte.« »Sie sind zu gütig,« entgegnete Katte, »allein ich füge mich gern in mein Los. Ich sterbe für einen Herrn, den ich liebe, und habe den Trost, ihm durch meinen Hingang den größten Beweis meiner Anhänglichkeit zu geben, der sich denken läßt. Ich sterbe gern und werde ewiger Seligkeit teilhaftig.« Unterwegs nahm er Abschied von den zwei Offizieren, die bei ihm waren, und von allen, die ihn begleiteten. Er kam um neun Uhr morgens nach Küstrin, wo man ihn unverweilt zum Schafott führte.

Am vorhergehenden Tage hatten der General Lepel, Gouverneur der Festung, und der Präsident Münchow meinen Bruder in ein Gemach geführt, das in einem untern Stockwerk eigens für ihn hergerichtet worden war. Es war möbliert und hatte ein Bett. Die Vorhänge waren herabgelassen, so daß er fürs erste nicht sah, was draußen vorging. Man brachte ihm einen braunen Anzug ohne jedes Abzeichen und zwang ihn, denselben anzulegen. Ich vergaß zu erwähnen, daß man Katte einen gleichen gegeben hatte. Dann zog der General die Vorhänge zurück und ließ ihn ein Schafott sehen, schwarz ausgeschlagen und gerade die Höhe eines Fensters erreichend, dessen Gitter ausgehoben und das erweitert worden war; dann zogen Lepel und Münchow sich zurück. Dieser Anblick sowie die Ergriffenheit Münchows ließen meinen Bruder glauben, daß man sein Todesurteil verkünden würde und diese Vorbereitungen für ihn getroffen hätte, was ihn in heftige Aufregung stürzte.

Am folgenden Morgen betraten Herr von Münchow und der General Lepel einen Augenblick vor dem Erscheinen Kattes das Zimmer des Kronprinzen und versuchten, ihn so gut als möglich auf die bevorstehende furchtbare Szene vorzubereiten. Seine Verzweiflung soll unbeschreiblich gewesen sein. Schenk bereitete indes Katte auf die Begegnung vor. Er sagte ihm beim Eintritt in die Festung: »Seien Sie standhaft, lieber Katte, es steht Ihnen eine harte Prüfung bevor; Sie sind in Küstrin und werden den Kronprinzen sehen.« »Sagen Sie lieber,« rief er, »daß ich den größten Trost haben werde, den man mir bieten könnte.« Zugleich bestieg er das Schafott. Man zwang jetzt meinen armen Bruder, an das Fenster zu treten. Er wollte sich hinausstürzen, doch hielt man ihn zurück. »Ich beschwöre Sie alle,« rief er den Umstehenden zu, »die Hinrichtung um Gottes willen zu verschieben, ich will an den König schreiben, daß ich bereit bin, auf alle Rechte, die ich auf die Krone habe, zu verzichten, wenn er Katte begnadigen will.« Herr von Münchow schloß ihm den Mund mit seinem Taschentuch. Dann richtete der Kronprinz die Blicke auf Katte und rief: »Ach weh mir! mein teurer Katte, ich bin schuld an Ihrem Tod; wollte Gott, daß ich an Ihrer Stelle wäre!« »Wenn ich tausend Leben hätte,« erwiderte dieser, »so würde ich sie für Eure Hoheit hingeben.« Zugleich beugte er das Knie. Einer der Diensttuenden wollte ihm die Augen verbinden, doch ließ er es nicht zu. Dann erhob er seine Seele zu Gott und rief: »Dir stelle ich meine Seele anheim, o Gott!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sein Haupt, mit einem Schlage abgetrennt, zu seinen Füßen rollte. Im Fallen streckte er die Arme gegen das Fenster aus, an dem mein Bruder gestanden hatte. Man sah ihn nicht mehr; eine tiefe Ohnmacht hatte ihn befallen, und die Herren waren genötigt, ihn aufs Bett zu tragen. Er blieb mehrere Stunden bewußtlos dort liegen. Sobald er wieder zu sich kam, war der erste Anblick, der ihn traf, der blutige Körper des armen Katte, den man so hingelegt hatte, daß er nicht umhin konnte, ihn zu sehen. Dies Schaustück bewirkte, daß ihn zum zweitenmal eine Schwäche befiel. Als er sich davon erholt, ergriff ihn ein heftiges Fieber. Herr von Münchow ließ, dem Befehle des Königs trotzend, die Vorhänge des Fensters herab und schickte nach den Ärzten, die meinen Bruder für sehr gefährlich krank erklärten. Er wollte nichts nehmen von allem, was sie ihm darboten. Er war außer sich und seine Aufregung so maßlos, daß er sich getötet hätte, wäre er unbewacht geblieben. Man wollte ihn mit religiösen Gründen beruhigen und sandte nach einem Geistlichen, um ihm Trost zuzusprechen, doch alles umsonst; seine stürmische Erregung legte sich erst, als seine Kräfte erlahmt waren. Diese gewaltige Gemütsbewegung machte sich endlich in Tränen Luft. Nur mit größter Mühe brachte man ihn dazu, Heilmittel einzunehmen. Es gelang nur, indem man ihm vorhielt, daß er auch den Tod der Königin und den meinigen verursachen würde, wenn er darauf beharre, sterben zu wollen. Er blieb auf lange Zeit von einer tiefen Melancholie befallen, achtundvierzig Stunden schwebte er in großer Gefahr. Kattes Leichnam blieb am Schafott bis zum Sonnenuntergang liegen. Man begrub ihn in einem Gewölbe der Festung. Am folgenden Tag meldete sich der Henker bei dem Marschall von Wartensleben, um den Sold für die Hinrichtung zu verlangen, was diesem vor Kummer fast das Leben kostete.

Ein paar Tage später erhielt Grumbkow, wie schon erwähnt, vom König die Erlaubnis, nach Küstrin zu fahren. Er trat mit unterwürfiger Miene bei meinem Bruder ein. »Ich komme,« sagte er, »um Eure Königliche Hoheit um Verzeihung zu bitten wegen der geringen Schonung, die ich Ihnen angedeihen ließ; der Wille des Königs nötigte mich dazu, und ich habe seine Befehle pünktlich ausgeführt, um desto eher in der Lage zu sein, Ihnen, mein Prinz, dienen zu können. Der Schmerz, der Ihnen durch Kattes Tod zugefügt wurde, erfüllt Seckendorf und mich mit größtem Mitgefühl. Wir haben alles, jedoch vergebens, aufgeboten, um ihn zu retten. Alle unsere Sorge ist nun darauf gerichtet, eine Versöhnung zwischen Ihnen und dem König herbeizuführen; doch muß Eure Königliche Hoheit uns dabei behilflich sein und mich mit einem unterwürfigen Brief betrauen, den ich Seiner Majestät unterbreiten und mit allen Kräften befürworten werde.« Es fiel meinem Bruder außerordentlich schwer, sich zu diesem Schritte zu entschließen, doch tat er es.

Grumbkow entwarf eine so ergreifende Schilderung seines traurigen Zustandes, daß sie den König rührte und er ihn begnadigte. Er wurde am 12. November aus der Festung entlassen und hatte nunmehr Stadtarrest. Der König verlieh ihm den Titel eines Kriegsrates und befahl, daß er bei den Verhandlungen der Kammer pünktlich zu erscheinen habe. Er hatte dort nach dem Letzten der Kriegsräte seinen Sitz. Er gesellte ihm drei Juristen zu: die Herren von Vollen, von Rovedel und von Natzmer. Dieser letzte war der Sohn des Marschalls. Ein Mann von Bildung und sehr weltgewandt, da er viel gereist war; aber ein richtiger Stutzer. Ich muß hier eine Anekdote über ihn einschalten.

Er war in Wien im Vorzimmer des Kaisers mit dem Herzog von Lothringen, späterem Kaiser, zusammengetroffen, der in einer Ecke saß und gähnte; ohne die Unverschämtheit seiner Handlung zu überlegen, eilte er auf ihn zu und steckte ihm den Finger in den Mund. Der Herzog war etwas überrascht; da er aber wußte, wie streng Karl VI. es mit der Etikette nahm, machte er kein Aufhebens von der Sache und begnügte sich, ihm zu sagen, er habe sich offenbar getäuscht.

Die beiden andern Herren waren brave, aber recht schwerfällige Leute. Das Fahrgeld meines Bruders wurde stark herabgesetzt; man untersagte ihm jegliche Erholung, besonders die Lektüre und Französisch zu sprechen und zu schreiben. Der ganze Adel der Umgegend steuerte vereint seiner Tafel bei, sowie die französischen Flüchtlinge in Berlin, die ihm Wäsche und Erfrischungen zuschickten. Seine Schwermut wollte ihn nicht verlassen; er trug stets den braunen Anzug, den er in der Festung erhalten hatte, bis er ganz zerlumpt war, weil Katte einen gleichen getragen hatte. Trotz der strengen Verbote des Königs wußte er seine Zeit sehr gut zu verbringen, da man sich in seiner Umgebung stellte, als merke man nicht, was er tat.

Die Begnadigung meines Bruders hatte meinen Zustand etwas erleichtert und war mir eine große Freude. Die Königin erhöhte sie noch durch ihre Gegenwart. Sie erzählte mir, wieviel Schweres sie in Wusterhausen erduldet und in welcher Sorge sie um meinen Bruder geschwebt hatte. Bald mußte ich weinen, bald lachen über die verschiedenen Situationen, in denen er gewesen war. Solange der König abwesend war, fuhr sie fort, mich zu besuchen. Sie ließ nicht ab, mich wegen der Zukunft zu beunruhigen. »Ich fahre nächsten Monat nach Potsdam,« sagte sie mir; »ich weiß, daß man Sie dann hart bedrängen wird; man wird Ihnen die Sonsfeld nehmen, die Sie nur sehr ungern verlassen wird, und ihre Stelle verdächtigen Personen geben, ja vielleicht sogar Sie in eine Festung bringen. Halten Sie sich im voraus mutig und gefaßt, weigern Sie sich hartnäckig zu heiraten, und das andere überlassen Sie mir; wenn Sie mir folgen, gebe ich die Hoffnung noch nicht auf, Sie in England zu versorgen.« Ich versprach ihr alles, um sie zu beruhigen, doch war ich innerlich entschlossen, dem König zu gehorchen.

Dieser unterbrach unsere Zusammenkünfte; er brachte die Weihnachtsfeiertage in Berlin zu und blieb vierzehn Tage. So endete dies traurige, durch schmerzliche Begebenheiten denkwürdige Jahr.


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