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Zweites Kapitel

Tage und Nächte vergingen während eines angestrengten Rittes über die Prärie und durch den frühlingsgrünen Wald. Je weiter die Reisenden vordrangen, desto mehr häuften sich für die Augen der erfahrenen Indianer alle jene kleinen, kaum erkennbaren Zeichen, aus denen die kürzliche Anwesenheit mehrerer Personen klar hervorging. Hier war ein Hirsch erlegt worden, dort hatten Pferde einen seichten Fluß passiert, und einmal fand sich sogar die Spur eines Nachtlagers.

Hier hatten kürzlich die Krähen geweilt.

Der Gelbe Wolf stieg vom Pferde und untersuchte den Boden, dann zeigte er dem Trapper die fünf Finger seiner rechten Hand. » Ne see thee!«

Jonathan nickte. »Ihrer fünf Krähen, Sagamore, es ist gut – ich konnte mir's denken. Waren die Weißen mit ihnen?«

»Ja, ein Mann und ein Knabe. Sie haben ihre Spur verwischen wollen; der Weg, den sie gehen, führt von der weißen Grenze bis zu den Missourifällen.«

Er bückte sich tiefer herab und betrachtete die Asche in der Mitte des Lagerplatzes. Vorsichtig hoben die braunen Finger eine starke Schicht lehmiger Erde empor, und nun kräuselte sich leichter blauer Rauch aus den Fugen herauf. »Die Krähen waren in dieser Nacht hier!« rief er. »Sie haben nur einen Vorsprung von etwa acht Stunden.«

»Ihnen nach!« rief Mr. Everett. »Ihnen nach, Leute. Die Bekanntschaft ist ein unbezahlbarer Spaß – wir müssen jedenfalls diese Burschen einholen.«

»Was denkst du, Wolf,« fragte der Trapper, »können wir die Räuber einholen?«

Der Häuptling schüttelte den Kopf. »In einer Stunde ist es Nacht, die Pferde sind ermüdet, es ist unmöglich.«

Die Pelzhändler flüsterten miteinander. »Wüßte man nur, wer der Weiße ist!« seufzte Mr. Travers, »dann gäbe es wenigstens eine Vermutung.«

Das Feuer wurde wieder angezündet, ein Abendessen bereitet und diejenigen Indianer ausgewählt, die morgen den Häuptling und die Weißen über das Gebirge begleiten sollten, während ihre Genossen mit sämtlichen Pferden auf anderem Wege nachkamen. Vielleicht zwanzig rote, bis an die Zähne bewaffnete Männer malten im Zwielicht des Abends auf ihre Gesichter, ihre Arme und Hände die vielfach verschlungenen und schreckenerregenden Zeichnungen, die den Kriegszustand zu verkünden pflegen; sie übten sich im Werfen ihrer gefährlichen Tomahawks und tanzten schließlich, wie alle wilden Völker, unter dem ohrenzerreißendsten Geschrei den Kriegstanz der Schwarzfüße, während die Pelzhändler halblaut Gewinn und Verlust überschlugen und in ärgerlichster Stimmung einen bösen Ausgang des morgigen Unternehmens prophezeiten. Das Essen blieb beinahe unberührt, nur Mr. Everett ließ sich die gute Laune durch nichts verderben, sondern speiste und schlief wie in seinem sicheren Hause in Neuyork.

Der Gelbe Wolf lag unter dem Schutz eines fußbreiten vorspringenden Felsstückes in seine Büffelhaut gehüllt. Jonathan kroch hinter der höher gelegenen Felswand zu ihm. »Erwartest du sie, Sagamore?« flüsterte er.

»Hugh!« scholl es zurück. »Die Krähen sind schlau und falsch, vielleicht suchen sie uns durch einen Angriff von der Fährte zu bringen.«

»Demnach hältst du meine Felle für verloren, Wolf?«

»Ja. Es ist wie mein Freund spricht.«

Der alte Trapper seufzte. Was seine Seele in diesem Augenblick mächtig bewegte, das würde vielleicht den Indianer verletzt haben. Ungezählte Felle lagen versteckt in den tiefen Schluchten und Spalten der Gebirge, Schätze an blankem Golde, wenn sie verkauft wurden. Mit dem Erlös wollte der Alte zum ersten Male in seinem Leben die Städte der Weißen bereisen, wollte nach St. Louis und dort jene Erkundigungen einziehen, die bisher unter den roten Stämmen ohne allen Erfolg geblieben waren; er fühlte den sehnlichen Wunsch, Näheres über seine Familie zu hören, vor dem Ende zu erfahren, wie sein Vater geheißen hatte; wo man die Leichen der Ermordeten damals begrub.

Und alles das, die einzige Hoffnung, die er noch hegte, sollten jetzt die Krähen schonungslos zerstören. Bisher hielt er die Befürchtungen des Gelben Wolfes für übertrieben, seit aber so unvermutet das noch glimmende Lagerfeuer aufgefunden wurde, gab er sich der schlimmsten Ahnung hin – die Felle waren verloren.

Der Häuptling drehte plötzlich den Kopf. »Hugh!« flüsterte er.

Wie durch einen Zauberschlag kehrten die Gedanken des Trappers zur Wirklichkeit zurück. Die Büchse schußgerecht, das Auge glühend vor Erwartung, mit pochendem Herzen näherte er sich dem Häuptling. »Siehst du sie, Sagamore?«

Der Gelbe Wolf lächelte. »Die Krähen sind Weiber,« sagte er verächtlich, »in ihren Köpfen tragen sie Stroh. Paß auf – jetzt kommt's!«

Im selben Augenblick ertönte von mehreren Seiten zugleich das gellende Kriegsgeschrei, so laut, so durchdringend, als nahten Hunderte von Feinden, ein paar Büchsenkugeln pfiffen durch die Luft, die Pferde wieherten und stampften, rote bemalte Gestalten huschten rechts und links vom Eingang der Schlucht vorüber, höhnende Zurufe, Kreischen und Toben klangen durcheinander.

Die Schwarzfüße blieben vollkommen stumm, keiner regte sich. Ein Wink des Häuptlings hatte genügt, um diese vortrefflich geschulten Krieger zu verständigen.

Der Häuptling wandte sich zu dem Alten. »Das ganze Spiel liegt offen vor den Augen des Gelben Wolfes,« raunte er, »es ist von Anfang her Verrat dabei gewesen. Das Fließende Feuer, der Sagamore des Krähenstammes, wußte, wohin Wi-ju-jon die weißen Kaufleute führen wollte, er konnte aber nicht voraussehen, daß ihm die jungen Krieger der Schwarzfüße auf seinem Raubzuge begegnen und ihre Brüder warnen würden. Anstatt eines Tapferen sind deren sechzig unterwegs, das Fließende Feuer hat es durch seine Kundschafter erfahren, daher sendet er Leute, um sie auf falsche Fährte zu locken. Hugh! das Versteck der Felle ist noch nicht gefunden. Die Krähen sind hier, um ihrem Volke Zeit zum Suchen zu verschaffen.«

In diesem Augenblick fiel über die höher gelegene Felswand zur Rechten ein Schatten auf die kleine freie Fläche in der Mitte, wo das Feuer längst erloschen war. Ein dunkler, mit Adlerfedern geschmückter Kopf erhob sich lautlos, wie aus der Luft heraufsteigend, nackte Schultern folgten nach und dann zwei Arme, die den Bogen zum tödlichen Schusse erhoben hielten. Keiner der Anwesenden schien den Eindringling bemerkt zu haben, selbst der Gelbe Wolf lag ahnungslos einige Schritte von ihm entfernt an der vorderen Mauer. Jonathan hatte sich dicht daneben zusammengekauert und berechnete im stillen die geringe Möglichkeit, sein Eigentum vor den Räuberfäusten der Krähen zu schützen; es war ringsumher still wie im tiefsten Frieden der frühlingsfrischen Natur. In der nächsten Sekunde mußte der Pfeil mit vergifteter Spitze die Brust des Alten durchbohren; schon leuchteten jene dunkeln Augen auf der Höhe des Felsens in satanischem Frohlocken. Da schwirrte plötzlich das Geschoß aus der Hand eines der Schwarzfüße durch die Luft, ein erschrecktes »Hugh!« zeigte allen die Gestalt auf der Mauer, und schwer fiel aus durchbohrter Faust der Bogen hinab in den kleinen Kreis unserer Freunde. Taumelnd, doppelt verwundet, hielt sich der Angreifer mit seiner linken Hand krampfhaft an dem bröckelnden Gestein, das Blut floß in Strömen, die Zähne knirschten, aber kein Schrei, keine Bitte um Gnade wurde gehört. Der Unglückliche hing sterbend, den vergifteten Pfeil in der Brust, buchstäblich zwischen Tod und Leben am Felsrand. Endlich stürzte er ab und fiel tot zu Boden, und bald darauf hing der Skalp des Getöteten am Gürtel des Siegers.

Überall lagen und saßen wie bronzene Statuen die Indianer, niemand dachte an Schlaf oder Speise. So weit das Auge reichte, war kein lebendes Wesen zu entdecken, die ausgesandten Späher kehrten zurück mit der Nachricht, daß sich die Krähen heimlich entfernt haben müßten, und zwar in der Richtung der Missourifälle.

»Auf!« rief der Gelbe Wolf, »jetzt ist keine Zeit zu verlieren.«

Ein karges Mahl wurde in aller Eile eingenommen, die Reisegesellschaft trennte sich verabredetermaßen, und dann begannen die Weißen unter Führung des Trappers und ihrer roten Freunde den beschwerlichen Marsch über das Gebirge. Die ersten bedeutendsten Verstecke des alten Jägers lagen von hier aus in der Entfernung einer kleinen Tagereise, gegen Abend konnten sie diese erreicht haben.

Mann nach Mann kletterte über Vorsprünge und Blöcke, wand sich durch enge Schluchten. Jonathan eilte mutig allen voran. Hugo befand sich auch bei diesem Teil der Reisegesellschaft. Die Krieger des Gelben Wolfes konnten erst mitten in der Nacht an den Fällen eintreffen.

Nahe und immer näher ertönte gegen das Ende der Wanderung ein einförmiges unaufhaltsames Rauschen, das nach und nach in ein gewaltiges Donnern und Tosen überging. Die Missourifälle waren beinahe erreicht. Nun wurde doppelte Wachsamkeit den Reisenden zur unerläßlichen Pflicht, sie gingen einer hinter dem anderen, und jeder trug die Waffe schußbereit. Die roten Krieger hatten sogar ihre vergifteten Pfeile aufgelegt. Von Augenblick zu Augenblick wuchs die Spannung. Dort, auf höchster Höhe, verborgen unter dichtem Gebüsch und in den Windungen weitverzweigter Schluchten, tief im Herzen der Kalksteinwände lagen des alten Jägers Verstecke. Wie würde man sie finden?

Von Indianern war keine Spur zu sehen.

Der Gelbe Wolf streckte plötzlich den Arm aus, sein Blick suchte den des Trappers. Er konnte sich unter dem Toben des Masters nicht verständlich machen, aber die Hand, das Auge sprachen deutlich genug. »Siehst du ihre Spuren?«

Die Fersen und Zehen mehrerer Personen waren im losen bröckelnden Kalkboden deutlich abgedrückt, man sah, daß hier Rothäute (deren Mokassins keine Sohlen besitzen) des Weges gekommen waren, sowohl bergauf als bergab und immer begleitet von den Spuren zweier Weißen, eines Erwachsenen und eines Knaben.

Der Gelbe Wolf und der Schlaue Fuchs verfolgten mit den Köpfen fast am Boden, langsam kriechend, die Fährte, bis an eine Stelle, wo der Pfad plötzlich durch eine vorspringende Mauer versperrt schien. Hier machten sie vorläufig Halt.

» Natchip pee! (zwanzig!)« rief der Häuptling. »Hugh! Es ist keiner von den Söhnen einer Wölfin mehr oben.«

Auch der Schlaue Fuchs bestätigte das. Wie jener die Spur hinauf in das Gebirge, so hatte dieser die bergab führende aufgenommen und verfolgt. Oben war niemand mehr.

Jonathan stützte sich auf seine Kugelbüchse. »Liefen die Rothäute, Sagamore, oder gingen sie im gewöhnlichen langsamen Schritt?«

Der Schlaue Fuchs lächelte voll Verachtung. »Einer stürzte über den anderen, sie flüchteten wie die Hasen, wenn der Hund erscheint!«

Jonathan warf einen Blick hinab in das friedliche Tal und dann über die verworrenen Felsmassen ringsumher. »Es ist gut,« sagte er entschlossen, »mir nach, Wolf!«

Er umging den Block, der quer im Wege lag, und stand nun vor dem Engpaß einer Höhlung, die schwarz und unabsehbar hineinführte in das Innere des Gebirges. Mehrere von den Indianern hielten sich an seiner Seite, die Weißen bildeten den Schluß, und während etwa zwölf Rothäute vor dem äußeren Zugang Stellung nahmen, drangen jene vorwärts durch einen schmalen gewölbten dunklen Gang. Jetzt bückte sich Jonathan, und alle übrigen taten es ihm nach. Ein enges Tor, kaum so viel Platz bietend, daß ein Mann hindurchkriechen konnte, führte in eine offene, weite Halle, auf deren Boden die Sonnenstrahlen glitzerten und spielten, durch die der Wind hereinfuhr und in deren gedehntem Raume man auch das Rollen und Donnern des Wasserfalles noch deutlich hörte. Grünes Moos hatte alle Wände überzogen, aber – der Platz war leer.

Jonathan mochte längst schon alle Hoffnung aufgegeben haben, aber dennoch traf ihn der Verlust mit erneuter Schärfe. Von allen den Tausenden wertvoller Pelze, die sich als Ertrag seines jahrelangen Fleißes hier bis zur Decke speicherten, war auch kein einziger mehr vorhanden, die Krähen hatten nichts liegen lassen, auch nicht das kleinste Stückchen.

»Verdammt!« rief Mr. Duncan, »und diese ganze Halle war vollkommen gefüllt, Alter? – Das ist ein Schade von mehr als fünftausend Dollar.«

»Soll doch der Böse die Langzöpfe lotweise holen!«

»Aber haben sie denn einen so weiten Vorsprung, daß es unmöglich wäre, ihnen die Beute wieder zu entreißen?«

»Was sagst du dazu, Sagamore.«

Der Gelbe Wolf kreuzte die Arme. In seiner malerischen Tracht, an die Wand der Halle gelehnt, schön und edel, glich er einem Fürsten, dessen Vasallen ihn fragend und ratlos umstehen.

»Ein Knabe urteilt schnell und tollkühn,« versetzte er, »Häuptlinge sprechen erst, nachdem sie wohl erwogen und geprüft haben.«

Jonathan nickte. »Das ist auch meine Ansicht, Wolf. Wir stürzen uns in Gefahren, die vielleicht unabsehbar sind. Die Krähen würden alles bis auf das letzte vernichten, ehe sie uns den Raub wieder herausgäben.«

»Kommt,« setzte er hinzu, »wir haben hier nichts mehr zu tun.«

In einiger Entfernung von der Höhle und mit dem Blick auf die majestätischen Missourifälle wurde auf geräumiger und doch gegen den Wind geschützter Fläche das Lager aufgeschlagen und ein Feuer zum Braten des letzten Bärenfleisches angezündet.

Die Indianer besetzten alle Zugänge, der Trapper kochte, und die Weißen flüsterten ärgerlich. Man konnte im Augenblick nichts gegen die räuberischen Krähen unternehmen, erst mußten die Leute des Gelben Wolfes zur Stelle sein.

Auf der kleinen Versammlung lag ein Druck, der sich nicht beschreiben läßt, bis ein Auge nach dem andern sich zum Schlummer schloß.

Gegen Morgen kamen die Indianer mit den Pferden und den Vorräten. Jetzt galt es, über das Ziel der bevorstehenden Reise einen Entschluß zu fassen.

Der Trapper weckte die Schlafenden, einige hinzugeworfene Äste schürten das Feuer, die Pfeife des Gelben Wolfes wanderte von Hand zu Hand, und nun war die Versammlung in aller Form eröffnet. Etwa zehn bis zwölf Häuptlinge und die Weißen nahmen an ihr beratenden Anteil, während die übrigen Indianer achtungsvoll zuhörten, ohne selbst ein Wort mitzusprechen.

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»Was rät mein Bruder, der Sagamore der Schwarzfüße?« fragte Jonathan. »Sollen wir den Krähen nachsetzen?«

Der Häuptling schwieg lange, die Büffelhörner auf seinem Kopfe schwankten von den leise wiegenden Bewegungen ihres Trägers.

»Das geraubte Gut ist verloren,« sagte er dann. »Die Weißen können Rache nehmen, aber Wi-ju-jons Eigentum ist dahin.«

Nach ihm sprach der Schlaue Fuchs. »Für jedes gestohlene Fell sollen die Krähen den Skalp eines der Ihrigen verlieren. Mit Sonnenaufgang müssen die Schwarzfüße im Sattel sitzen.«

Auch Jonathans Meinung ging dahin, daß es eines Mannes unwürdig sei, sich ohne Gegenwehr berauben zu lassen, aber die drei Hauptanführer des Zuges wurden überstimmt von den Pelzhändlern, die an diesem kühlen Morgen nach schlecht verbrachter Nacht keine Neigung fühlten, sich um einer Züchtigung der Krähen willen in kriegerische Gefahren zu stürzen. Die Rückreise war beschlossen.

Am Fuße des Gebirgszuges standen unter Bäumen die Pferde. Ziemlich einsilbig und verstimmt machten sich sämtliche Männer auf den Weg, um sie zu besteigen, und schon ordnete sich im Scheine des Mondes der ganze stattliche Reiterzug, als urplötzlich aus den Gebüschen der seitwärts gelegenen Inseln ein lautes, durchdringendes Hohngeschrei hervorklang, jenes teuflische Gebrüll, das nur der Indianer auf dem Kriegspfade ausstößt, und bald tanzten zwischen den Gebüschen, am Ufer und auf den Rasenflecken buntbemalte nackte Gestalten, Bogen und Pfeile schwingend. Aber nur sekundenlang währte das schreckliche Schauspiel, dann war alles verschwunden. Wo eben noch fünfzig Stimmen zugleich geschrien und getobt hatten, da herrschte jetzt die Stille des Todes.

Nach dem ersten jähen Erstaunen sprachen zehn, zwanzig Stimmen zugleich.

»Hugh! die Söhne einer Wölfin verhöhnen uns!«

»Da sind sie, da sind sie. Wir können unsere Pelze noch retten!«

»Auf! Auf! Und wäre kein einziges Fell mehr zu retten, so dürfen wir uns doch nicht wie Schuljungen verhöhnen lassen.«

Eine gleiche Anschauung mochte die Indianer beherrschen, wenigstens deutete das, was jetzt geschah, auf einen wilden, nicht mehr zu zügelnden Groll. Ein junger, schlanker Baum wurde von seiner Rinde befreit und mit blutroter Farbe überpinselt. Das war in aller Form die Kriegserklärung der Schwarzfüße an die Krähen.

»Wir werden die Spuren der Krähen aufnehmen und uns in mehrere Züge teilen,« sagte Jonathan. »Unsere Kundschafter bringen die Nachricht in das Lager der Schwarzfüße und holen Beistand. Jedenfalls müssen wir uns auf einen langen, beschwerlichen Feldzug gefaßt machen.«

»Wo liegen denn aber die Dörfer der Krähen, Alter?« fragte Everett.

»Das weiß niemand, da es sich um die Sommerwohnungen handelt. Heute hier und morgen fünfzig Meilen weiter oben im Gebirge. Aber jetzt ist keine Zeit zu verlieren. Wir müssen die Pferde besteigen und den Zug antreten.«

Der Gelbe Wolf mit den auserlesensten Häuptlingen hatte bereits die Spur der Feinde durch seine Kundschafter erhalten, und Mann nach Mann verschwand hinter den nächsten vorspringenden Ecken des Gebirges. Everett und Hugo bildeten die letzten des Zuges, dem sich eine kleine Abteilung Indianer als Nachhut anschloß.

Die Spuren der flüchtenden Krähen waren dem Boden so massenhaft und so deutlich eingedrückt, daß es keiner besonderen Schlauheit bedurfte, um ihnen zu folgen; dennoch aber schüttelte der Trapper bedenklich den Kopf. »Wolf,« sagte er, »ich wette meine Kugelbüchse gegen ein Eichhornfell – die Schurken haben in irgendeinem Teile des Gebirges ihren Raub vorläufig versteckt. Alle Spuren führen bergan.«

Der Indianer lächelte zufrieden. »Hugh!« nickte er, »weiß mein Bleichgesichtsbruder, daß hier herum ein großer See liegt und daß die Landspitze wie die Zunge des dürstenden Ameisenbären tief hineinragt in das Wasser? Am äußersten Ende stehen hohe alte Bäume mit herabfallenden Ästen!«

Der Trapper nickte. »Natürlich weiß ich es, Wolf. Aber was meinst du im Augenblick mit deinen Worten?«

Der Häuptling streckte den Arm aus. »Läuft Missouri viele Meilen lang, immerfort, immerfort,« sagte er, auf die Richtung des Flusses deutend, »kann mit Kanoe kein Mensch hinüber, nicht Schwarzfuß, nicht Krähe! Eine Seite also gut bewacht, bleiben noch drei. Vorn der See, hinter uns die jungen Krieger des Gelben Wolfes und vor uns – guter Freund!«

»Wen wagst du hier in der Wüste so zu nennen, Sagamore?«

Der Indianer sprach nur ein einziges Wort: »Punkahs!«

»Ah! – Du hast ihnen eine Botschaft gesandt, Wolf!«

Der Häuptling nickte. »Die Punkahs haben den Krähen die Blutstäbe geschickt. Sie kommen an ihren Dörfern nicht vorüber, sie werden auch angehalten, wo sich ihre Wolfsgesichter zeigen. Punkahs wollen die Skalplocken der Krähen an den Pfahl nageln.«

In diesem Augenblick machten an der Spitze des Zuges die Kundschafter Halt, indem sie plötzlich anfingen, den Boden nach allen Richtungen hin zu untersuchen. Mehrere Häuptlinge und auch der Trapper eilten zu ihnen. »Hier Felle gefallen, ganzes Bündel!« sagte der Gelbe Wolf.

Er brach behutsam den Zweig eines Dornstrauches und zeigte den Weißen mehrere feine Härchen aus dem langlockigen Pelz des braunen Bären. »Kleiner Busch festgehakt, Ballen ganz auseinandergerissen – hier!«

Die oberen Schößlinge des Strauches waren geknickt, als sei ein schwerer Gegenstand jählings auf sie herabgefallen.

»Fallender Packen ganze Linie unterbrochen,« meinte der Blitze »Mann gestürzt, andere wieder helfen aufstehen. Haben Eile!«

»Hugh!« rief plötzlich einer der Indianer.

In seiner Hand lag ein kleines Hermelinfell, das er hinter den nächsten Bäumen gefunden hatte. Höchstwahrscheinlich bei der schnellen Flucht von den Dieben übersehen, wurde es jetzt zum unwiderleglichen Beweis ihrer Schuld; Jonathan nahm es und zeigte den übrigen ein Täfelchen aus Holz mit darauf geschriebener Nummer. »Allein dieser Packen aus den seltensten und schönsten Hermelinpelzen war unter Brüdern seine tausend Dollar wert.« sagte er, »ich erkenne mein Eigentum, da jedes Stück gezeichnet ist wie dieses hier. Mindestens fünfhundert davon hatte ich beisammen.«

»Vorwärts, vorwärts, vielleicht treffen wir die Bande bei voller Arbeit,« drängte erbittert Pitt. Stunde nach Stunde verrann, die Mittagssonne stand hoch am Himmel. Bekränzt von Bäumen und Blumen dehnte sich der See, von dem der Gelbe Wolf gesprochen hatte, aber immer noch nahmen die Zeichen der beschwerlichen Wanderung kein Ende. Unten gingen die Tiere, in Schlangenwindungen hoch und höher gegen den Kamm des Gebirges hinauf die spähenden, beharrlich suchenden Menschen, deren kundige Führer zuweilen dieses oder jenes Zeichen auffanden.

Plötzlich begann der Hund des Trappers zu schnuppern, er lief einige Schritte und stand wieder still. Ein dumpfes Knurren hob die mächtige Brust.

»Treu!« rief Jonathan. »Treu, was siehst du, alter Kerl?«

In diesem Augenblick tönte aus einiger Entfernung ein schriller Schrei, der in den Herzen aller Hörer widerhallte. Die Indianer ließen ihr gewohntes »Hugh!« vernehmen, der Fuchs sprang auf einen Block, um die nächste Umgebung zu überblicken, und der Gelbe Wolf spannte seinen Bogen. »Ein Tier,« sagte er ruhig, »Krähen nicht hier.«

Nur der Trapper hatte beinahe angstvoll gehorcht. »Bei Gott, Sagamore – das war die Stimme des Knaben!« rief er. »Wenn ihm irgend etwas zugestoßen wäre!«

»Hilfe! Hilfe!« klang es jetzt in deutscher Sprache. »Jonathan, – Mr. Everett! – Wo sind sie alle?«

»Auf!« rief Jonathan, »auf, Treu! – Such! – Such!«

Die Indianer zerstreuten sich in alle Richtungen, der Hund flog förmlich vorwärts, und Jonathan eilte ihm geräuschlos nach. Als er sah, was den Hund so sehr erbitterte, da ging seine Unruhe in plötzliches Erschrecken über. An die Wand gedrückt, blaß und unbeweglich stand Hugo, während dicht vor ihm an der anderen Seite der Höhle ein Puma mit glühendem Katzenblick, schweifschlagend und lauernd am Boden lag.

Hugo sprach nur mit den Augen, aber diese verrieten eine fast männliche Ruhe. »Schießt, Jonathan,« sagten sie, »schießt schnell, ehe das Tier springt. Der Raum ist für einen Kampf zwischen dem Puma und dem Hunde zu eng.«

Jonathan hielt das Gewehr schußgerecht. »Mut, Junge!« sagte er. »Es wird gelingen, die Bestie ins Herz zu treffen.«

Aber ein plötzlicher Zwischenfall änderte seine Absicht, bevor noch der Schuß krachte. Eines der Jungen war spielend dem Hunde zu nahe gekommen und lag in der nächsten Sekunde tot vor dessen Füßen. Das klägliche Sterbegeheul ihres Kindes versetzte die Mutter in sinnlose Wut. Jedoch bemühte sich der Puma vergebens, auf Treus Schultern festen Fuß zu fassen, um ihm das Genick zu durchbeißen. Zu Jonathans Bestürzung kollerte die kämpfende Gruppe immer näher vor Hugos Füße, so daß der Knabe von dem aufspritzenden Blute übergossen und nicht selten durch die Körper der beiden großen Tiere plötzlich und heftig gegen die Steinwand gepreßt wurde.

Aber jetzt konnte er sprechen und sich bewegen, ohne von der wütenden Katze beachtet zu werden.

»Gebt mir Euer Messer, Jonathan,« rief er. »Ich habe schon einmal meinem verstorbenen Vater in einem Kampfe mit dem Puma beigestanden!«

Der Trapper reichte ihm das lange Jagdmesser, Hugo nahm den günstigen Augenblick wahr und stieß mit voller Wucht das Messer in die Brust des Silberlöwen. Zwei Schüsse krachten zugleich, der des Trappers und der aus Everetts Büchse. Stolz wie ein Sieger stand Treu über dem gefallenen Gegner.

Jonathan befreite ruhig die verwundete Schulter des Knaben aus den im Todeskampfe gekrümmten Tatzen des Silberlöwen und trug ihn dann bis an jene Stelle, wo sich die Wasser des Missouri über das Geröll ergossen. Hier wusch er Stirn und Wunde mit der kalten Flut, rieb auch die inneren Handflächen des Knaben.

Hugo verbiß tapfer den Schmerz. Der Gelbe Wolf kam und legte kunstgerecht einen Verband aus weichgegerbter Hirschhaut und Erlenblättern auf die Wunde. Er hatte auch das Fell des getöteten Silberlöwen abgezogen und brachte es lächelnd dem glücklichen Knaben als erste Jagdbeute. »Mein junger Bleichgesichtsfreund ist tapfer,« sagte er wohlgefällig, »Mütze tragen von Puma.«

Dann gesellte er sich zu den anderen, und während Hugo allein am Rande des Wassers sitzen blieb, suchten die Indianer in Begleitung Everetts und des Trappers die vorausgegangenen Pelzhändler, ohne indessen Mr. Duncan auffinden zu können.

Nach einer Stunde hatten sich die Reisegenossen am Ausgang der Schlucht versammelt, vollzählig bis auf diesen einen, blaß, mit verstörten Gesichtern, die Indianer ernster und wortkarger als jemals, der Trapper gedrückt und im Herzen traurig.

»Was denkst du, Wolf?« fragte er halb seufzend. »Ist der arme Mr. Duncan auf irgendeine gewaltsame Weise zu Schaden gekommen?«

»Der Häuptling der Schwarzfüße hat ein helles Auge und einen hellen Geist. Weißer Mann gefangen von Krähen. Wird festgehalten, um später als Bürge zu dienen – verliert Skalp erst im letzten Augenblick.«

Jonathan warf das Gewehr über die Schultern. »Wollen wir diesen Platz verlassen, Sagamore? – Du sprachst von der Landzunge im See!«

Der Gelbe Wolf ging schweigend voran, nur eine Handbewegung antwortete dem Alten.

Jetzt setzte sich auf Befehl des Gelben Wolfes auch der ganze Zug in Bewegung, während nur die Weißen und die drei obersten Häuptlinge mit dem Trapper einen anderen Pfad einschlugen. Auf Umwegen gelangte man zur Landspitze, deren letzter runder Ausläufer bis in die Mitte des Sees vorsprang. Hohe alte Bäume und dichtes Gebüsch trennten das Innere des kleinen Platzes von der offenen Prärie am Fuße der Kalksteinberge. Man konnte selbst alles überschauen, aber nicht gesehen werden. Darauf schien der Gelbe Wolf gerechnet zu haben, und hier mußte einstweilen Rast gemacht werden.

Man durfte nicht laut sprechen, nicht schießen und kein Feuer anzünden. Die Zeit verging langsam und traurig, nur der Gelbe Wolf schien mit den getroffenen Anordnungen zufrieden. »Schwarzfüße ziehen am Gebirge dahin,« sagte er, »Krähen sehen viele Spuren, können nicht ausweichen, bleiben immer gefangen, müssen hier wieder herauskommen, um an weiße Grenze zu gelangen. Der Häuptling wird sie empfangen, Punkahs kommen hierher, viele Skalpe sollen von den Squaws an die Gürtel der Tapferen gehängt werden.«

Wie in der vorigen Nacht lag helles Mondlicht auf Land und Wasser, und die Indianer sahen nach einem starken losgerissenen Zweig, der langsam mit den flutenden Wogen dem Gestade zutrieb und in dessen Mitte ein kaum wahrnehmbarer dunkler Punkt sich erhob, der sich immer mehr dem Ufer näherte und endlich aus dem Wasser stieg. Es war ein Indianer vom Krähenstamme, der jedenfalls auskundschaften wollte.

Schneller als der Gedanke flog über seinen Kopf die Büffelhaut des Gelben Wolfes, binnen Sekunden waren seine Glieder mit Riemen umschnürt; wehrlos, mehr einem Packen als einem lebenden Menschen ähnlich, lag der Wilde auf dem Ufer.

Mit der ganzen schonungslosen Gewandtheit des indianischen Kriegers preßte ihm der Gelbe Wolf einen Knebel zwischen die Zähne, und dann wurde die Büffelhaut weggenommen. Der Gefangene konnte nur sehen und leise murmeln oder besser gurgeln, aber kein Glied regen und vor allen Dingen keinen Schrei ausstoßen. Seine Besieger legten ihn in die Mitte ihres kleinen Kreises.

Viel zu stolz, um in seinen Fesseln irgendwelche ohnmächtige Wut kundzugeben, lag der Sohn des Krähenstammes, voll Hohn und Haß auf die Schwarzfüße blickend, während im übrigen keine noch so unbedeutende Bewegung, kein Mienenspiel verriet, daß er die Gefahr der Stunde durchschaute. Der Gelbe Wolf begann das Verhör und machte dem Gefangenen das Angebot, ihm und den Krähen freien Abzug zu gewähren, wenn er ihm den Zugang des Versteckes der gestohlenen Pelze bezeichnen würde. »Ein Wolf zerreißt dem anderen das Fell, um die Beute für sich zu gewinnen,« murmelte der Gefangene, »ein Schwarzfuß verrät seine Brüder, um rotes Gold zu erlangen. Der Krieger des Krähenvolkes verachtet sie beide.«

Er drehte den Kopf und arbeitete stark unter seiner Fessel – ein letzter gewaltiger Ruck und die eisernen Muskeln hatten das Band gesprengt, – ein Schrei, der die Wälder erdröhnen ließ, brach hervor aus seiner Kehle. Im gleichen Augenblick verschwand das Messer des Häuptlings bis an das Heft in der Brust des Wehrlosen, er war tot.

Geräuschlos tauchte der dunkle Körper, nachdem er skalpiert war, in den See.

Minuten verstrichen, dann nahm der Trapper das Wort.

»Einer der Unseren ist gefangen,« sagte er, »und wird von den Krähen da drüben festgehalten. Sie müssen sich ihrer Sicherheit wegen seiner Person als Geisel bedienen. Das ist, was die Krähen betrifft, – uns liegt es ob, dem armen Mr. Duncan womöglich Beistand zu leisten, ihn zu befreien und zu diesem Zweck an Ort und Stelle zu bleiben. Wollen wir also hier in diesem Versteck die Punkahs erwarten oder nicht?«

Ein einstimmiges Ja! war die Antwort.

Der Trapper nickte. »Es ist gut, meine Freunde, ich dachte nichts anderes zu hören. Nun aber entsteht die zweite Frage. Sollen wir den Krähen Zeit lassen, vielleicht ihrer zehn oder zwölf hierherzukommen und uns einen heißen Stand zu bereiten? Es ist unser sicherer Untergang, wenn wir den Krähen in die Hände fallen; sie stehlen die Mundvorräte und überwältigen uns durch ihre Anzahl. Weiße Männer können bei gleicher Stärke nicht gegen die Indianer kämpfen. Wir müßten sie denn irreführen.«

»Aber wie denn, wie denn, Alter?«

Jonathan deutete mit ausgestreckter Hand auf den Blitz. »Dieser soll mir helfen!« versetzte er. »Ich baue dabei auf den Aberglauben und die Gespensterfurcht der roten Männer. Blitz in seiner Behendigkeit und Schlauheit soll ihnen wie ein übernatürliches Wesen erscheinen und das folgendermaßen. In etwa einer Stunde haben wir die Krähen auf den Abhängen der Berge zu erwarten. Bis dahin spionieren und beraten sie, dann aber kann sehr leicht auch dieser Punkt zum Ziel ihrer Nachforschungen werden, wenn kein anderer Verdacht sie ablenkt. Blitz muß im Fell des grauen Bären am Ausgang der Schlucht sitzen, er allein hat den Kundschafter getötet und fortgeschleppt.«

Der junge Indianer erhob sich, aus seinen Augen funkelten Mut und Keckheit, seine ganze Gestalt wuchs unter dem Eindruck des Stolzes und der Freude.

»Der Blitz besitzt eine Bärenhaut!« rief er.

Das Fell wurde angelegt und vom Trapper geschickt an Füßen und Kopf befestigt. In die leeren Räume stopfte der Alte Gras und dürre Blätter, während etwas vom Blute des Indianers die Haare an der Schnauze färbte. Als Blitz in seiner Verkleidung wie der graue Bär zu brummen anfing, hätte er auch das erfahrenste Auge oder Ohr zu täuschen vermocht.

»Aber geht denn sonst niemand mit?« fragte Everett. »Wenn der arme Kerl angegriffen werden sollte, so ist er wehrlos.«

»Kaleb wird nie angegriffen, Sir!« belehrte der alte Trapper. »Ich sagte es Ihnen früher schon.«

Der junge Schwarzfuß brummte übermütig, er bewegte sich ganz nach der Weise des grauen Bären, so daß ihn seine Genossen mit offenbarem Wohlgefallen betrachteten, dann trabte er durch die Lichtung, um rechts vom See das andere Ufer zu gewinnen. Alle drei Männer beobachteten schweigend, aber keineswegs ohne Unruhe den gegenüberliegenden Strand. Es war hell genug, um im Mondlicht jeden größeren Gegenstand unterscheiden zu können. Noch sahen sie nichts, aber schon nach zehn Minuten zeigte sich die plumpe Gestalt des Bären, der langsamen Schrittes am Wasser dahinging und den Kopf tief gesenkt hielt, als folge er einer Fährte, die ihm sein Geruchssinn verraten hatte.

Der Fuchs berührte plötzlich den Arm des Häuptlings. »Was sieht mein Bruder dort?« fragte er, nach der entgegengesetzten Seite deutend.

Aller Blicke folgten der bezeichneten Richtung. Noch ein zweiter Bär kam zum Vorschein, ein großes, plumpes Tier, das schnuppernd die losen Blöcke umkreiste und auf jeden seine schweren Tatzen legte, als wolle er Stein vom Stein reißen. Sein Brummen klang vernehmlich herüber zu den atemlos lauschenden Männern auf der Halbinsel.

Eine Felsspalte nahm plötzlich den Körper des ersten Bären auf. Es war der Indianer, der vorhin absichtlich seine Fußspuren dem Sande einprägte. Jetzt entzog er sich der Gefahr, als sie in der Gestalt des grauen Waldriesen so unerwartet vor ihm erschien. Vielleicht unmittelbar neben dem Versteck der Krähen harrte er des Augenblickes, der ihm weitere Aufklärungen bringen sollte.

Der wirkliche Bär umkreiste immerfort schnuppernd die Kalksteinblöcke.

»Hugh!« raunte kaum hörbar der Gelbe Wolf, »Krähen kommen heraus.«

Mehrere rote Krieger zeigten sich unterhalb der Stelle, an der Blitz und sein echter Stammesbruder versteckt lagen. Sie waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und schlichen vorsichtig hinab zum Ufer. Offenbar hegte niemand Verdacht; sie beeilten sich, einige dürre Äste zu sammeln, knickten und ergriffen das brennbare Holz, wo sie es fanden, und wünschten nach allem Anschein zuerst und zunächst ein Abendessen zu erlangen. Der Hunger ließ sie im Augenblick jede Vorsicht vergessen.

Zwischen ihnen und dem Eingang der verborgenen Schlucht stand der graue Bär und beobachtete die Menschen, die sich so kecklich in seine Nähe wagten. Er brummte jetzt leise, ging den roten Kriegern entgegen und sprang wieder vor ihren Blicken mit den Vordertatzen auf einen Block. Die Männer stutzten. Der Blitz hielt sich vorerst vollkommen versteckt.

Die Krähen gingen in weitem Bogen um den Bären herum. In dieser Weise dauerte das Spiel eine Zeitlang fort. Zuweilen schlug der Bär mit den Tatzen in die Luft, dann zwang er die Wilden zum angestrengten Lauf, sein Brummen tönte stärker und stärker, er warf nach allen Seiten ganze Wolken von Sand und Kies empor, näher und immer näher drängte er sich an sie heran. Da griffen ihn diese – zwanzig an der Zahl – an.

Der Bär ließ jetzt ein fürchterliches Brüllen ertönen. Acht bis zehn Pfeile flogen in sein dichtes graues Fell, die Indianer schwärmten auseinander, schrien und riefen ihm höhnende Worte entgegen, er wurde von mehreren Stimmen zornig herausgefordert, das aber alles nur, um ihn irre zu leiten, um für die Flucht zwischen das lose verschobene Gestein Zeit zu erlangen. Der Bär setzte sich auf die Hinterbeine, er brüllte in rasender Wut.

Zwei Sekunden später war kein einziger Indianer mehr zu sehen, alle bis auf einen hatten sich in die dem Raubtier unzugängliche Schlucht zurückgezogen und selbst der letzte lag auf seinen Knien hinter einem losen Block, in erhobener Hand den Tomahawk schwingend, des Augenblickes wartend, wo ihm der Bär die Stirn entgegenkehren würde, um den tödlichen Streich zu empfangen.

Und dieser kam. Kaleb lief sinnlos vor Zorn seinen Angreifern nach, rannte wütend gegen eine Seitenwand, fiel zurück und blieb taumelnd am Rande eines tiefen unabsehbaren Abgrundes stehen. Der schwere Tomahawk des Wilden hatte ihm aus geringer Entfernung den Schädel gespalten.

Der glückliche Sieger trat hinter der schützenden Klippe hervor und zog das Messer, um die Krallen – ein Siegeszeichen von höchstem Wert – an sich zu nehmen und vielleicht auch, um aus dem fetten Fleische für sich und seine hungernden Genossen einen Braten zu schneiden. Ahnungslos bückte er sich über den erschlagenen Bären.

Da tauchte hinter ihm der Blitz aus seinem Versteck auf. Er lüftete ein wenig die plumpe Maske, so daß sein braunes, grimmiges Gesicht zum Vorschein kam; lautlos erhob er den Arm, und ein einziger fester, wohlberechneter Griff entriß der Faust des anderen das Messer.

Der Wilde drehte den Kopf, sekundenlang standen die beiden Männer einander Auge in Auge gegenüber, der Blitz triumphierend, sein Feind halb erstarrt vor Schreck, dann brach über die Lippen des letzteren das bekannte Kriegsgeschrei.

Das war es, was der Blitz gewollt hatte. Die versteckten Krähen sollten diesen Schrei hören, auf unerklärliche Weise einen der Ihrigen verschwinden sehen und dadurch in eine Art von geheimnisvoller Furcht hineingetrieben werden, sie sollten womöglich ihn selbst für einen Abgesandten des Bösen Geistes halten.

Als die Krähen hervorstürzten, sahen sie den totgeglaubten Feind hart neben sich auf den Hinterbeinen sitzen und waren vor Schreck fast erstarrt. Keiner wagte sich hinaus, keiner hielt noch den Bären für ein gewöhnliches Wesen, ja, als er langsam einige Schritte weiter vorwärts ging, zogen sie sich eilig zurück.

» Christecoom sah!« (Der Böse Geist) tönte es von bleich gewordenen Lippen.

Mit immer steigendem Interesse hatten auf der Halbinsel die versteckten Männer alle diese Vorgänge beobachtet. Jonathan lächelte vergnügt, sein Plan war gelungen.

»Wahrhaftig,« sagte er, »ich fange an, die Sache doch noch für erträglich, beinahe für gut zu halten. Gib acht, Wolf, die da drinnen müssen sich ergeben, und wir haben die Felle gerettet. – Aber da ist ja schon der Blitz!« setzte er hinzu. »Willkommen, mein Tapferer, die Federn des Kriegsadlers sind dir gewiß.«

Der junge Häuptling schälte sich aus seinem Fell heraus, und ein Lächeln stolzer Glückseligkeit umspielte die frischen Lippen.

Der Trapper winkte ihm, sich zu setzen und einen Schluck Wein zu trinken, dann sagte er: »Wir haben alles, was drüben geschah, von hier aus gesehen, mein Junge, das Erscheinen des Bären, seinen Kampf mit den diebischen Schurken und seinen Tod. Jetzt sage uns, wie wir die Krähen in der Höhle am einfachsten überwältigen!«

»Gehen alle hinüber, nächste Nacht,« antwortete der Blitz, »schleichen nahe heran und wälzen großen Block vor den Eingang. Können von innen nichts machen, Blöcke so viele wie Fische im Meer, feste Wand bilden – Krähen heulen wie Squaws.«

Der Häuptling wandte sich zu dem jungen Abgesandten. »Hat mein Bruder bemerkt, ob der Anführer des Krähenstammes sich dort drüben befindet?« fragte er. »Sind die Krieger allein oder ist das Fließende Feuer bei ihnen?«

Der Blitz nickte. »Fließendes Feuer ist da – auch weißer Mann und Knabe!«

Ein Ruf der Überraschung tönte von mehr als einer Lippe. »Sahst du sie, mein guter Junge?« rief Jonathan.

»Nein. Nicht gesehen, aber gehört.«

Jonathan nickte vor sich hin. »Gut,« murmelte er, »ich werde also den Räuber meiner Felle von Angesicht zu Angesicht kennenlernen. – Morgen in der Abenddämmerung schleichen wir uns hinüber.«

Die Nacht verging ohne Störung. Drüben blieb der Fels wie ausgestorben, die Krähen kamen nicht zum Vorschein, wohl aber bekundete ein leichter, aus dem Innern der Schlucht aufsteigender Rauch, daß sie sich ein Mahl bereiteten.

Gegen Abend eröffnete der Blitz als Bär den Zug. Sicher in seiner Verkleidung, wagte er sich, während die übrigen versteckt blieben, auf das offene Ufer hinaus und beobachtete sorgfältig jeden Vorsprung, jede Klippe. Alles war leer, die Krähen wollten wahrscheinlich den Einbruch der Nacht erwarten, ehe sie sich hervorwagten. Er konnte das verabredete Zeichen, ein mehrmaliges Kopfschütteln, getrost geben; der Weg war frei.

Die Schwarzfüße mit ihren Begleitern schlüpften hinüber in das Gebüsch am Fuße der Berge, und nun begann der Bär langsam bis zum Eingang jener Schlucht emporzuklettern. Er sprang leichtfüßig von Stein zu Stein. Endlich war er oben.

Alles war still bis auf das Singen und Raunen des Windes in den Felsen.

Von Fleck zu Fleck schlichen die roten Männer leise auf beiden Seiten immer näher heran gegen den Ort, wo der Blitz als schreckenerregender Hüter saß. Ganz nahe, mit angehaltenem Atem, umstanden die Rothäute und die Weißen den Eingang der Höhle.

Der Bär gab plötzlich ein Zeichen. Jeder Kopf verschwand, jeder Körper hatte Deckung gesucht, aber überall zwischen den Fugen und Spalten des Gesteins schimmerten die blanken Läufe der Kugelbüchsen, die Pfeilspitzen der Schwarzfüße.

Aus dem Innern hervor tönten Stimmen, und zwar zunächst die eines weißen Mannes. »Das ist alles Unsinn, Leute, ihr steht wie die Einfaltspinsel eurem eigenen Wohlergehen im Wege! – Wer hat denn nur je gehört, daß Geister in Bärenpelzen umhergehen, he? Wer behauptet, daß sie Menschen fressen?«

Der Trapper hatte lauschend den Kopf erhoben, sein braunes Gesicht verlor alle Farbe. »Wolf,« flüsterte er, »Wolf – wer spricht da? Es ist mir, als müßte ich diese Stimme kennen!«

Der Häuptling nickte. »Wi-ju-jons Ohren haben ihm die Wahrheit gesagt,« raunte er. »Ein großer Schurke ist in der Nähe.«

Der Augenblick war günstig. Sie schlossen den Eingang, und alle zugleich stürzten sie herbei, alle zugleich ergriffen sie den nächstliegenden Block, und ehe Sekunden vergingen, waren alle im Berge Lebenden zu Gefangenen gemacht.

Ein Doppelgeschrei erfüllte die Luft, das Wutgeheul der Überlisteten und das Kriegsgebrüll der Sieger.

»Verrat!« schrie außer sich der Weiße, »Verrat! – Aber wenigstens wird jetzt mein Kind zu essen bekommen! Bob! Bob, wo bist du, gib mir deine Hand! – O großer Gott, wo ist der Junge?«

»Hier, Vater,« tönte eine verdrießliche Stimme. »Aber weshalb wird es so dunkel? – Ich kann die Luft nicht mehr atmen!«

»Mein Bob! Mein Bob! – Ach, da bist du! – So macht doch auf, wer ihr auch seid! – Führt ihr denn Krieg gegen Kinder?«

Und seine Worte gingen beinahe über in Winseln, er schob rücksichtslos das blasse Gesicht eines etwa vierzehnjährigen Knaben vor die schmale Felsspalte, dem Luft und Licht von Augenblick zu Augenblick immer mehr zu fehlen begannen. »Hinaus,« rief er, »mein Kind soll hinaus!«

Der gelbe Wolf wandte sich frohlockend zu dem Bruder seines Vaters. »Keine andere Spalte mehr,« sagte er, »Maulwurfshöhle – alle tot!« Und der Wolf und der Fuchs hoben den zweiten Block, um den Eingang noch besser zu versperren.

Da berührte der Trapper den Arm seines Freundes. »Das darfst du nicht tun, Sagamore! – Geschieht es, so sind binnen weniger Minuten alle, die drinnen leben, erstickt.«

Das ausdrucksvolle Gesicht des Indianers wechselte die Farbe. »Wi-ju-jons bitterster Feind, sein Beleidiger, sein Widersacher!« stammelte er.

»Einerlei, Wolf, aber doch ein Mensch. Er möge fallen im ehrlichen Kampfe, dagegen habe ich nichts, aber er soll nicht wehrlos zur Schlachtbank geführt werden. Überdies ist Mr. Duncan in der Höhle.«

Der Gelbe Wolf ließ den Stein fallen.

»Sage mir, mein guter Junge,« wandte sich Jonathan an den bittenden Knaben, »ist außer deinem Vater ein zweiter weißer Mann in der Schlucht?«

»Wollen Sie mich hinauslassen, wenn ich Ihnen antworte?«

»Das kann ich nicht, Kind, es ist unmöglich, aber behalte du ruhig deinen Platz, dir soll kein Leid geschehen. So, jetzt kannst du sehen und atmen, nicht wahr?«

Hugo zupfte leise den Ärmel des Trappers. »Er ist so blaß, mein guter Onkel Jonathan. Darf ich ihm nicht ein bißchen Pemmikan und ein paar Brocken Schiffszwieback geben?«

Der Alte streichelte das Gesicht des Knaben. »Du müßtest ihn denn wie ein Hündchen füttern wollen, mein Sohn,« versetzte er.

Hugo nickte und sprang hin, um eiligst beide Hände mit Lebensmitteln zu füllen, worauf er sich vorsichtig, ohne den halbverschlossenen Eingang zu passieren, dem gefangenen Knaben näherte. Der erste Bissen schob sich sogleich hinauf bis zu dem blassen Mund, der ihn gierig ergriff. »Du!« flüsterte Hugo, »du, wie heißt du? – Ich bringe dir etwas zu essen.«

Der andere schlang förmlich. »Ich heiße Bob! Mein Vater soll dir viel Geld schenken, er ist ein reicher Mann, und er tut alles, was ich will. Kannst du mir auch ein paar Tropfen Wasser verschaffen?«

»Soviel du magst.« Hugo eilte zu dem breiten rieselnden Wasserstreifen und füllte den Holzbecher, den er am Gürtel trug. »Gleich, Bob!« rief er, »gleich!«

Er reichte dem gefangenen Knaben das Wasser, und dieser schlürfte es, ohne an seinen hinter ihm stehenden Vater auch nur zu denken, geschweige denn diesem einen Teil der empfangenen Wohltat anzubieten.

Nach einiger Zeit erschien der Vater Bobs und rief zur Felsspalte hinaus: »Hört mal, Leute, laßt uns ein Abkommen treffen. Ich bin ein einzelner Mann, nicht fähig, euch zu schaden oder gegen euren Willen zu flüchten, laßt mich also hinaus, mich und mein Kind. Wir wollen die besten Freunde werden, wollen Hand in Hand gehen und allen Vorteil gemeinschaftlich genießen. Es lagern hier für mehr als fünftausend Dollar Pelze.«

»Das wissen wir. Lauter gestohlenes Gut, Sir.«

»Ach – ach, wie schlecht steht es um die Redlichkeit dieser Wilden! Denn ich habe die Ware gekauft und bezahlt, sie gehört mir; die Krähen aber scheinen aus dem Zwischenfall des Krieges einen unerlaubten Vorteil ziehen zu wollen. Sie sprechen jetzt, als sei das Pelzwerk immer noch ihr Eigentum. – Lassen Sie mich hinaus, Sir, wir werden uns einigen.«

»Ein Spitzbube!« flüsterte Mr. Hennings, »ein Schuft vom reinsten Wasser!«

»Jonathan,« rief Mr. Markmann laut, »Jonathan, was sagt Ihr dazu? Ist Euch jemals ein so schändliches Gezücht vorgekommen?«

»Still, Sir, still, sein Sohn hört Eure Worte. Wir wollen mit ihm nicht mehr sprechen. Auf den Lippen des Fließenden Feuers werden weniger Lügen zu finden sein als auf denen dieses weißen Mannes.«

Aus dem Innern der Höhle klang halb gemurmelt ein schauerlicher Fluch, dann wurde draußen und drinnen alles still.

So verging die Nacht. Am Morgen trafen die ersten Sonnenstrahlen ein trostloses Bild. Zwei von den Indianern, zumeist durch ihre Stellung von der Luft abgeschnitten, verdurstet, erstickt, lagen tot im Hintergrunde und neben ihnen am Boden, an den Wänden kauerten Sterbende. Selbst der Weiße sah mit offenen Augen vor sich hin, und Mr. Duncan schlief in halber Betäubung, nur der Knabe befand sich, dank Hugos Fürsorge, wohlauf.

Unsere Freunde brieten und kochten nach Herzenslust, anscheinend waren ihre Gefangenen ganz vergessen, in der Tat aber wurde auch der kleinste Vorgang drinnen im Schoße des Berges sorgfältig beobachtet. Alle glaubten, daß jetzt die Stunde der Übergabe geschlagen habe.

Und so war es auch. Das Fließende Feuer erhob sich aus seiner gebückten Stellung und sah von einem der roten Männer zum anderen, zuletzt auf die Toten, dann winkte er mit der Rechten.

»Der Große Geist zürnt den Kriegern des Krähenstammes und erleuchtete die Blicke ihrer Feinde, daß sie eines Häuptlings Spur fanden und ihn wie den Fuchs in der Falle fingen. Auch der tapferste Krieger kann nicht gegen seine Beschlüsse kämpfen, auch der Häuptling der Krähen muß nachgeben, um nicht mit den Seinen eines elenden Todes zu sterben. Hugh! meine Brüder werden hören und sich den Befehlen ihres Anführers fügen.«

Dann trat er vor die Spalte, jedoch so, daß von draußen kein Teil seiner Person sichtbar wurde. »Ist der Häuptling der Schwarzfüße gegenwärtig?« fragte er laut, »und wird er sich bereit finden lassen, mit dem Fließenden Feuer zu unterhandeln?«

Die Weißen atmeten erleichtert auf.

Der Gelbe Wolf erhob sich in langsamer Würde von seinem Sitz und trat mit derselben Vorsicht dem Ausgange näher. »Der Häuptling der Schwarzfüße ist bereit,« sagte er laut.

Die Spalte wurde etwas geöffnet, und in diesem Augenblicke tönte hinter dem Häuptling die unangenehm gellende Stimme des Weißen, den offenbar mehrere Indianer gepackt hielten.

Er schrie und strampelte zugleich. »Ich will hinaus, wer kann mich gefangenhalten? Laßt mich los!«

Dann verschwand das Wehegeschrei gegen die innere Tiefe der Höhle hin. Offenbar hatten mehrere Männer den Störenfried gepackt und fortgeschleppt, um den Gang der Verhandlungen zu beschleunigen.

Rings im Kreise standen die weißen und roten Männer und in ihrer Mitte, einander gegenüber, die beiden Häuptlinge.

Das Fließende Feuer war über sechs Fuß hoch, schlank und edel gebaut. Er trug das weiße Kleid seines Volkes und bildete schon dadurch, obgleich Schnitt und Zieraten dieselben waren, den Schwarzfüßen gegenüber einen stark hervortretenden Gegensatz. Das Auffallendste an ihm war unstreitig sein rabenschwarzes Haar, das, einer Schleppe gleich, noch über drei Fuß auf dem Boden schleifte und gleichsam einen weiten, dunklen Mantel bildete. Die Augen glänzten schwarz wie Kohle, der Mund war klein und energisch, im Haar vereinten sich ein halbes Dutzend von den Federn des Kriegsadlers zu einer Art Krone.

»Das Fließende Feuer hört,« sagte er so ruhig, als sei der Gegenstand der Verhandlung ein Nichts.

Der Gelbe Wolf winkte dem Bruder seines Vaters. »Es ist Wi-ju-jons Angelegenheit,« sagte er freundlich, »möge dieser also zuerst sprechen.«

Der alte Trapper nickte. »Ehe ich reden kann,« sagte er, »mußt du erlauben, daß der Weiße dort – und er zeigte auf die Höhle – mit hierhergeführt wird.«

Der Häuptling winkte einigen seiner Leute, und diese brachten sofort aus der Höhle einen Menschen, dessen Äußeres sehr geeignet war, gegen ihn einzunehmen. Groß und hager, mit einem verschmitzten Gesicht, war er das Bild eines schäbigen Schacherers oder Maklers, wie sie auf allen bedeutenderen Jahrmärkten vorkommen – immer zum Schaden argloser Seelen.

»Onkel Jonathan,« flüsterte Hugo, »das ist jener Mann, der meinen Vater ins Unglück stürzte.«

Der Trapper nickte. »Ich weiß es, Kind, ich weiß es. Er tat das Böse, du das Gute. – Aber geh jetzt mit Bob ein wenig ans Wasser. Wir Männer haben hier etwas miteinander zu verhandeln, das Kinder doch nicht interessiert.«

Der Blitz ergriff den Arm des Knaben, Hugo folgte, und bald sah man die drei unten am Seeufer Schießübungen halten.

Jetzt schien es dem Weißen nicht mehr so wohl wie vorher. Man hatte sein Kind entfernt, das Gericht begann.

Der Trapper trat aufrecht vor ihn hin. »Erkennst du mich, Stuart Collins?« fragte er ruhig, aber mit dem Tone kältester Verachtung.

Der andere schüttelte den Kopf. »Habe nicht die Ehre, Sir.«

Jonathan blieb, auf sein Gewehr gestützt, ruhig stehen. »Wi-ju-jon ist ein friedlicher Jäger,« sagte er. »Sein Jagdgebiet ist der Wald und die Prärie, er hat das Eis des kanadischen Winters kennengelernt und die Gluten der texanischen Sonne, aber er hat nie eine Lüge gesprochen oder einen anderen betrogen. Vor vielen Jahren wurde zwischen den Schwarzfüßen und den Mönnitariern die Streitaxt ausgegraben, Wi-ju-jon lebte damals kurze Zeit in den Städten der Weißen. Er eilte sogleich nach Hause, um die Freunde gegen die Wut der Feinde verteidigen zu helfen. Er kam zu schlimmer Stunde. Eine Schlange war zu den Ohren Mah-to-to-pahs, des Häuptlings der Mönnitarier, gekrochen und hatte ihm die Stellung der Schwarzfüße verraten; sie wurden geschlagen und der Fliegende Pfeil zum Gefangenen gemacht. Bei den Mönnitariern befand sich ein Weißer, dieser Mann hier. Er tat mit ihnen sehr vertraut, er erhielt einen Teil der Beute und – –«

»Lügen!« schrie Stuart Collins, »Lügen! Ich habe den Mann nie gesehen!«

Aber Jonathan fuhr ruhig fort: »In derselben Nacht, als die Mönnitarier triumphierten, kamen die Punkahs den bedrängten Freunden zu Hilfe, und jetzt war Ma-to-to-pah selbst ein Gefangener. Der Fliegende Pfeil stand wieder an der Spitze seiner tapferen Krieger, er bereitete für den feindlichen Häuptling den Marterpfahl, zuvor aber fragte er ihn, wer die Schwarzfüße an ihre erbitterten Widersacher verraten habe – und da geschah ein ungeheures Verbrechen. Ma-to-to-pah sowohl als dieser Mann schwuren, daß ich es gewesen sei, ich, Wi-ju-jon! Er glaubte nicht meinen Beteuerungen, und ich wurde aus dem Stamm, der mich erzog, für immer verstoßen. Erst viel später erfuhr der Gelbe Wolf, der Sohn des Fliegenden Pfeiles, von einem sterbenden Mönnitarier, wer der wahre Schuldige gewesen. Es war dieser Mann hier! Noch einmal frage ich dich, Stuart Collins, willst du bekennen? Willst du deine ungeheure Schuld einräumen? Du darfst antworten, der Häuptling erlaubt es.«

Ein schiefer Blick des Gefangenen schien anfragen zu wollen, und als der Gelbe Wolf regungslos blieb, da zuckte er die Achseln. »Der Bursche log oder hatte den Verstand verloren – ich kannte ihn gottlob nie.«

Jonathan wandte sich ab. »Wi-ju-jon wohnt seitdem wieder in den Winterquartieren seines Volkes, die Schwarzfüße aber haben mit Stuart Collins jeden Verkehr abgebrochen, sie verkaufen ihm keine Felle mehr, er darf sich in ihren Dörfern nicht blicken lassen, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen. So reifte in seiner schwarzen Seele der Plan eines neuen Verbrechens. Wie ihm das Versteck, in welchem Wi-ju-jons Felle lagen, überhaupt bekannt geworden ist, das weiß nur der Große Geist, aber –«

»Old Jonathan,« unterbrach Mr. Everett, »erlaubt Ihr mir gütigst, hier ein Wort der Erklärung einzuschalten?« Und bei diesen Worten trat der junge Neuyorker hart vor den ängstlich zurückweichenden Stuart Collins. »Sir,« sagte er verächtlich, »sollten Sie zufällig auch mir gegenüber nicht in der Lage sein, sich einer früheren Begegnung zu erinnern, he?«

»Wirklich, mein guter Herr, ich wüßte nicht.«

»Das kann ich mir denken, edle Seele, es bleibt daher nur übrig, meinerseits den ganzen Vorfall zu erzählen. Na, Old Jonathan, rund heraus, ich bin's, der das Unglück angerichtet hat. Eine Reise nach den Missourifällen lag mir schon lange im Sinn. Ich spähte fortwährend nach einer Möglichkeit, und als ich sie endlich entdeckt hatte, da sprach ich in meiner Herzensfreude von der Sache laut an einem Wirtshaustisch in St. Louis. ›Ich habe einen alten Trapper kennengelernt,‹ sagte ich, ›einen prächtigen Kerl, dessen Felle in den Höhlen der Gebirge so versteckt sind, daß man von dieser Niederlage aus unmittelbar über dem höchsten, schroffsten Absturz des Wassers steht und also das herrliche Schauspiel aus nächster Nähe beobachten kann.‹ Die Worte hat der schäbige Seelenverkäufer da gehört. Ohne Zweifel hatte der Schuft Verbindungen mit den Krähen, gab ihnen die nötigen Fingerzeige und veranlaßte sie, das fremde Eigentum an sich zu nehmen. Ich habe den Wolf auf die Spur der Herde gehetzt, Mr. Jonathan. Ich bezahle den Schaden; mehr zu tun ist unmöglich.«

Der Trapper reichte ihm die Hand. »Ihr seid noch etwas stürmisch und unüberlegt, Mr. Everett,« sagte er, »aber ein guter Mensch, und das ist, denke ich, die Hauptsache. Zwischen uns ist Freundschaft.«

»Und nun, Sagamore,« wandte er sich an den Gelben Wolf, »nun ist die Reihe an dir.«

Der Häuptling näherte sich mit dem edlen Anstande, welcher ihm eigen war, der Stelle, wo das Fließende Feuer immer noch unbeweglich stand. »Ist das Fließende Feuer geneigt, dem Häuptling der Schwarzfüße und seinem Bruder Wi-ju-jon die geraubten Felle ohne weiteres zurückzugeben?«

Das Fließende Feuer schüttelte den Kopf. »Hugh!« versetzte er, »mein Bruder, der Gelbe Wolf, hat in den Kriegspfahl gehauen, ist es nicht so? – Wohl, die Felle der Schwarzfüße sind Kriegsbeute, sie gehören den Krähen.«

Der Trapper sah in seiner ernsthaften Weise zu dem anderen hinüber. »Das ist nicht richtig, Indianer. Als meine Felle aus dem Versteck geschleppt wurden, da war der Kriegspfahl noch ein grüner Baum.«

Der erbitterte Häuptling sandte ihm einen Blick zu, der jeden anderen in Schrecken gesetzt hätte. »Das Fließende Feuer besitzt eine Geisel,« sagte er dumpf. »Seine jungen Krieger bewachen einen Gefangenen der Bleichgesichter. Das Fließende Feuer wird einen Skalp an seinem Gürtel befestigen.«

»Aber es wird sich dieses Sieges nicht freuen können, denn es verliert den eigenen Skalp, und es wird auch die Kunde des Ereignisses nicht in die Dörfer seines Stammes dringen sehen, denn keiner der Eingeschlossenen kommt lebendig von der Stelle.«

»Hugh! – das wollen wir erwarten!«

»Jonathan,« flüsterte Everett, »ob es nicht jetzt an der Zeit wäre, meinen Regenschirm und den Schlafrock ins Treffen zu führen?«

Jonathan nickte, und ein paar Minuten später trat hinter den nächsten Gebüschen eine sonderbare Erscheinung hervor, Mr. Everett in buntem, betroddelten Schlafrock mit der goldgestickten Mütze und dem großen strohgelben Regenschirm, der noch obendrein das Wunder des Auf- und Zuklappens in jeder Minute wenigstens einmal vollzog. Der junge Mann stolzierte gravitätisch vor den Augen des Fließenden Feuers auf und ab, anscheinend ohne den Wilden zu beachten, er sah sogar sorgfältig nach der entgegengesetzten Seite, das verbissene, mühsam bekämpfte Lachen durfte ja der Häuptling um keinen Preis bemerken.

Dessen leises Hugh! fand sogar bis in die Höhle hinein sein Echo, die Blicke mehr als eines der Gefangenen schienen sich von dem kostbaren Tand nicht trennen zu können, es verging eine Pause allgemeinen tiefen Schweigens.

»Hat mein Bruder dergleichen früher schon gesehen,« flüsterte endlich Jonathan, »es sind Kleider, wie sie im Lande der Bleichgesichter Könige und Kriegsherren tragen.«

Das Fließende Feuer war überwältigt. »Darf ein Häuptling die Sachen berühren?« fragte er.

»Warum nicht, Indianer, warum nicht? Schau her, hast du schon einmal ein solches Gewebe gesehen? Deine Kleider sind wie grobe Matten im Vergleich zu diesem Stoff.«

Mr. Everett schlug die Rockzipfel zur Seite, das tiefrote Seidenfutter zeigte sich dem Blick, und die braunen Finger des Wilden glitten scheu, beinahe andächtig darüber hin. »Wie die Blume,« murmelte er, »weich! – wie Haar von Squaw!«

Und dann nahm er den Schirm, den ihm Mr. Everett reichte. Seine Hand ließ die Feder spielen, er ging einige Schritte auf und ab und verriet durch seine zärtlichen Blicke auf Schlafrock und Mütze nur zu deutlich, was er empfand. Mr. Everett durchschaute ihn auch vollkommen. »Da keine Damen gegenwärtig,« sagte er, »so darf ich wohl ungeniert den Kleiderwechsel vornehmen. Steigen Sie hinein, verehrter General und oberster Feldherr, ich gebe mir die Ehre, Ihnen als Lakai zu dienen. So, die Adlerfedern heraus, damit das Käppchen Platz findet! Wollen Sie jetzt Ihr königliches Antlitz im Spiegel betrachten?«

Er zog einen kleinen verstellbaren Taschenspiegel hervor und hielt ihn gegen das Gesicht des Häuptlings, der wahrscheinlich sein eigenes Bild im Wasser schon gesehen hatte, denn er erkannte sich sofort. »Hugh!« rief er, »das Fließende Feuer! – Mein weißer Bruder Medizinmann.«

Everett nickte. »Ein großer Medizinmann,« versetzte er höchst ernsthaft. »Er ist indessen bereit, diese Medizin dem Häuptling der Krähen zu überlassen, da er sich sehr leicht eine neue verschaffen kann, nur muß das Fließende Feuer sogleich den Gefangenen herausgeben.«

In der Seele des Wilden stritten Klugheit und Verlangen, indianischer Stolz und die Freude des Naturkindes an buntem Putz einen erbitterten Kampf. »Hugh!« rief er endlich, »der Gefangene gehört den weißen Männern.«

»Dann gib ihn aber gleich heraus, Krähe!«

Der Häuptling trat vor die Höhle und sprach einige Worte mit den darin kauernden Kriegern. Bald darauf bewegte sich ein trauriger Zug durch das enge, kaum mannshohe Felsentor. Zwei Indianer trugen den bewußtlosen Mr. Duncan, ihnen folgten die zehn übrigen, und ganz zuletzt wurden zwei Leichen auf das Gestein gelegt. Die Gesichter der Männer zeigten finstern Haß, ihre Farbe war in ein fahles Grau übergegangen, ihre Augen lagen tief in den Höhlen. Sobald sie frei waren, stürzten sie sich wie Verschmachtende in die lustig über den Kies plätschernde Flut.

Fast alle Glieder der kleinen Reisegesellschaft bemühten sich gleichzeitig um den ohnmächtigen Mr. Duncan, bis dieser die Augen öffnete. »Wasser!« murmelte er, »Wasser!«

Seine Genossen gaben ihm kalten Kaffee und ganz kleine Bissen gebratenen Fleisches, er erholte sich in der freien vom Wind durchhauchten Luft in jedem Augenblick mehr.

Der Gelbe Wolf ließ den Bogen sinken. »Will mir mein Bruder jetzt das Versteck der Felle zeigen?« fragte er.

Das Fließende Feuer ging voran, und der Häuptling folgte ihm sorglos in die tiefen unterirdischen Windungen des Felsenpalastes. Nach einigen Minuten kamen beide zurück. »Es ist gut,« sagte höflich der Anführer der Schwarzfüße, »meine Brüder, die Krähen, sind frei.«

Ohne eine Silbe zu sprechen entfernten sich die Krähen mit ihren Toten.

Mr. Collins hatte sich daran gemacht, den Hirsch in passende Stücke zu zerlegen, er schürte auch das halberloschene Feuer und begann dann in aller Gemütsruhe zu braten. »Ein so langes Fasten macht hungrig,« sagte er.

»Iß an meinem Tische dies eine Mal, Stuart Collins,« antwortete der Trapper, »aber dann geh! Es ist keine Gemeinschaft zwischen dir und uns. Du weißt, daß die Felle mir gehören.«

Mr. Collins antwortete nicht. »Kommt Zeit, kommt Rat,« dachte er, »alle diese wundervollen Hermelinpelze sollte ich mir entgehen lassen? – Nie, wahrhaftig nie!«

Nun wurde der Gang in die Höhle angetreten. Rechts und links lagen hoch gespeichert die Felle des Trappers. Es war alles vorhanden, was der Alte in seiner Höhle an den Fällen während zweier Jahre verwahrt hatte, auch nicht ein einziges Bündel fehlte. »Am besten wäre es,« sagte er, »wir trügen jeder so viel, wie ihm möglich ist, in den Wald und machten dort vorläufig eine tiefe Grube, um erst einmal das Gut sicher zu wissen, bis die Pferde hier sind. – Denkst du nicht auch so, Wolf?«

Der Gelbe Wolf nickte. »Und was tun mit weißem Spitzbuben?« fragte er. »Ein Skalpruf klingt in die Ohren des Häuptlings.«

Der Trapper schüttelte den Kopf. »Nein, Wolf, nein, du kennst mich als einen friedfertigen Mann, ich mag das Blut des schlechten Menschen nicht auf meine Seele nehmen. Verscheuche ihn, das ist genug!«

Als sie wieder auf den freien Platz hinauskamen, saß Stuart Collins noch ungestört bei seinem Mahle, auch die beiden Knaben mit ihrem Begleiter waren zurückgekehrt, und Hugo zeigte triumphierend ein paar Enten, die er als erste Jagdbeute vom See heraufbrachte.

Etwas später ging alles an die Arbeit. Ballen auf Ballen wurde von einer Hand zur anderen erst einmal ans Tageslicht befördert. Boten, den schleunigen Aufbruch anordnend, wurden in das Lager der Schwarzfüße geschickt, und dann blieben zwei von den Männern oben auf dem Felsen bei den Schätzen des Trappers, während die übrigen unter den dichten Bäumen ein Versteck gruben. Wenigstens zweihundertmal mußten die Männer geduldig hinauf- und herabklettern, um alle diese schweren Ballen ins Tal zu befördern, dann wurden ihre Spuren sorgfältig getilgt und, als die Sonne zur Rüste ging, die Wachen für den ersten Teil der Nacht ausgelost.

Die übrigen begaben sich zur Ruhe. Stuart Collins dagegen verschwand zwischen den nächsten Bäumen wie ein Schatten. »Bob!« rief er ängstlich, »Bob, komm zu mir!«

Der Junge zuckte die Achseln. »Ich befinde mich ganz wohl hier.«

Und so eindringlich auch der Vater bat, das liebenswürdige Söhnchen hielt ihn keiner weiteren Antwort wert, sondern schlummerte bald mit den anderen um die Wette.

Stuart Collins ballte wütend die Faust. »Hütet euch,« zischte er, »früher oder später kommt die Abrechnung, und dann –.«


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