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Posener Pajok

Der Leichenwagen

In dieser fremden Stadt begegnet mir oftmals der Leichenwagen. Alles schwarz daran, bis auf das Weiße in den Augen der schön verzäumten Rappen, und im natürlichen Gegensatz dazu die flackernde Farbe und Fülle der Blumen, die jedesmal den Sarg schmücken.

Ein Mann geht voran mit einer schwarzgestrichenen, mageren Stange, an der der leidende Christus hängt, die Stirn von Gloriole umflossen. Zwei Chorknaben folgen und einige Pfarrherren, trotz der dicken, auf Erde deutenden Bäuche, wunderlich mystisch anzusehen, und ihre Stimmen singen einen traurigen Kantus, wie ihn vor tausend Jahren die Seele eines Einsiedlers ersann, als ihn das Grausen vor der Welt unerbitterlichem Geschehen packte.

Hinter dem Wagen gehn die Verwandten und guten Bekannten; die Männer bescheiden die Hüte in den Händen, die Frauen Schwatz im Munde. Die Leute am Wegrande bleiben stehen, wenn der Zug vorbeikommt, und fromme Gemüter machen das Zeichen des Kreuzes.

Wer, wie ich, am Sonntag geboren ist, kann sehen, daß der Tote gar nicht im Sarge liegt, sondern daß er am Schlusse des Zuges selber einhergeht und in einemfort murmelt: »Die Toren bilden sich ein, sie begrüben mich! Die Toren bilden sich ein, sie begrüben mich!«

Mit Munition nach dem Osten * *

Der schwere Munitionszug schiebt sich durch die posensche Ebene. In des Wortes wörtlichster Bedeutung: er schiebt sich; denn Fahren kann man dieses andauernde Schleifen nicht mehr nennen. Bei kleinen Steigungen scheint's sogar, als ob der Maschine der Atem ausgehe. Sie will gar nicht mehr vom Fleck. Zwei-, dreimal drehen sich die Räder auf der gleichen Stelle. Unheimlich Geschreie der Schienen!

Ich stehe auf der Lokomotive bei Führer und Heizer. Der Führer gehört nicht mehr zu den Jüngsten. An seinen Schläfen schimmert's verdächtig grau. »Wenn wir's nur zwingen,« sagt der Alte aus seinem Schnauzbart heraus, »dann ist's gut. Die Maschine fördert von Rechts wegen nur 900 Tonnen, aber 1500 sind ihr angehängt, ganze 144 Achsen!«

Und die Maschine schafft's! Freilich, der schwarze Heizer, ganz in Ruß und Schweiß gebadet, leistet Übermenschliches. Schaufel auf Schaufel schwerer Kohle wirft er in den Rachen des gefräßigen Drachens. Kaum läßt er sich zum Verschnaufen Zeit.

Wir fahren in eine Kurve hinein. Ich beuge mich aus dem Eisenkasten hinaus. Schier endlos scheint die Wagenreihe, die wir schleppen. Was ist da alles drin an Munition! In Geld umgerechnet: man könnte damit manch schönes Bauerndorf kaufen!

º

Die erste Station auf russischem Boden ist erreicht. Der Zugführer kommt aus seinem Wagen herausgeklettert und sagt, wir würden hier einige Stunden liegen bleiben. Einige Stunden? Vielleicht werden auch Tage daraus. Man kann's nie genau wissen. Wir sind im Kriege, wir sind in Rußland. Das erklärt alles.

In der letzten Station, die wir durchkrochen, stand auf dem Nebengeleise ein Transport mit sechzigtausend Soldatenpaketen. Sie lägen schon acht Tage hier, sagten die Begleitmannschaften, und kämen nicht weiter. Und es ist zehn gegen eins zu wetten, daß in vierzehn Tagen, wenn wir zurückfahren, die sechzigtausend Pakete noch keinen Schritt weiter sind. Höchstens, daß sie verschoben wurden, von einem Geleise aufs andere.

Die Maschine wird abgehängt und fährt weiter nach vorn, um Wasser und Kohlen zu fassen. Ich steige hinunter und schlendere zum Zug zurück, wo unser Wachtkommando in einem Güterwagen haust.

Die Kameraden sind alle schon munter. Wir wollen ein wenig in die Stadt hineingucken und fragen den Fahrdienstleiter, wann unser Zug weitergelassen werde. Der Rotbemützte zuckt die Achseln und weiß keine bestimmte Zeit. Notgedrungen müssen wir dableiben und unsere Neugierde auf den Bahnhof beschränken.

Zu schauen gibt's genug. Zerstörung überall. Da steht der Wasserturm. Genau genommen, hängt er nur noch. Von weitem sieht er aus wie der schiefe Turm von Pisa. Die ganze untere Hälfte ist weit über die Mitte hin weggesprengt.

Ein paar lächerlich dünne Eisenstangen halten den schweren Steinrumpf noch aufrecht.

Symbol Rußlands!

º

Endlich fahren wir wieder. In schläfriger Eintönigkeit rollt die polnische Landschaft an unseren Augen vorüber. So weit das Auge aushüpft, nichts als Äcker, nur hier und da mit öden Sandstrecken und mageren Kieferständen untermischt. Dann und wann armselige Bauernhütten. Zwei, drei liegen eng geduckt zusammen, als fürchteten sie sich vor der Einsamkeit.

Mit einem Mal ziehen sich dicke gelbe Striche quer über die Sturzäcker: Schützengräben.

Dicht dabei tauchen die ersten Gräber auf, mit schlichten, fichtenen Kreuzen geschmückt.

Sieh, da neben dem ausgekotzten Graben muß eine Granate eingeschlagen haben! Zwei Meter tief hockt das Loch im Boden wie eine tückische Riesenkröte.

º

Neue Station, neuer Aufenthalt! Beim Aussteigen werden wir schier erdrückt von der Masse deutschstammelnder Panjes, die uns allerlei Sachen anhandeln wollen. Das Auftreten dieser Pelzbewohner ist sehr dreist. Wie Sommerfliegen kleben sie an einem, verfolgen einen auf Schritt und Tritt. Noch dreister sind die Preise, die sie für ihre Waren fordern. Brot ist unerschwinglich.

Ich gehe den Zug hinunter und schaue, ob die Plomben an den Wagentüren unversehrt sind. Ein altes Weib, das mit Leberwürsten, Tabak und Zigaretten handelt, schleicht mir wie ein Schatten nach. Ich hätte sie schon längst zu allen zehntausend Teufeln geschickt, wenn nicht ein allerliebstes Mädchen in ihrer Begleitung gewesen wäre. Der zuliebe kaufe ich um teueres Geld ein Päckchen »russischen« Tabak, der aber schon an der Art der Verpackung seinen deutschen Ursprung nicht verleugnen kann. Ich mache der Alten ein Kompliment über die Schönheit ihrer Tochter.

Da reißt die verrunzelte Hexe ihre Zahnlücken auseinander und sagt zu meinem maßlosen Erstaunen in wunderlich abgehackten Brocken: »Geben Sie an mich fünf Mark und Sie können sich schlofen dieser Nacht hier bei meine Tochter!«

Das Mädchen steht dabei, hört und versteht diese Worte und wird nicht einmal rot. Im Gegenteil, sie bleckt ihre niedlichen Zähne und sagt: »Ja, kommen Sie!«

Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Verdutzter, als über eine plötzlich neben mir zerkrachte Handgranate! Glücklicherweise enthebt mich das Signal zum Einsteigen einer Antwort, während der Zug sich bemüht, ins Rollen zu kommen, fällt mir der gekaufte Tabak ein. Ich habe den Geschmack daran verloren und mag ihn gar nicht rauchen. Er fängt an, in der Hand zu brennen. Ich werfe ihn zum Fenster hinaus.

Das Päckchen fällt auf den Bahnsteig. Zehn Panjes stürzen drüber her und schlagen sich um die paar Züge Rauch den Schädel blutig.

º

Meine Kameraden im Nebenabteil schlafen bereits. Ich bin mutterseelenallein, lasse ein Fenster herunter und freue mich des Daseins.

Wie wohl doch frische Nachtluft kühlt! Hell liegt der Mond auf den leicht überschneiten Feldern. Die Schatten der kleinen Fichtenhügel sind schwarz und eindrucksvoll. Die Bauernhütten nehmen sich jetzt bei Nacht ganz behäbig und stattlich aus in ihren hohen Strohdächern. Hie und da bellt ein Hund hinter uns her, ganz wie in einer deutschen Dorfgasse. Kurz, die Gegend sieht aus, als wüßte man hier nichts vom Kriege.

Erst ein Posten, der regungslos an einem Straßenübergang steht, erinnert mich daran. Der Zug verlangsamt plötzlich sein Tempo und kriecht so schneckenhaft, daß man gemütlich danebenherzotteln könnte.

Wir fahren über die neue Warthebrücke, die von den geschickten, arbeitswilligen Händen deutscher Pioniere gebaut worden ist. Wie ein riesenhaftes Aluminiumband dehnt sich der Fluß in die Breite. Unheimlich umgurgeln die Wasser die Trümmer der alten Brücke, die zerstört im Flußbett rostet.

Ich schaue hinunter. Rechts und links, so weit sich's blicken läßt, nirgends ein schützendes Geländer. In meinem schlafschlummerigen Zustand kommt es mir vor, als führe ich in einem Luftschiffe dahin über die tausend Abgründe der Welt.

º

Auf einer kleinen Station, deren Namen wieder einmal nicht auszusprechen ist, gibt's neuen, stundenlangen Aufenthalt. Meine Augen haben im freien Feld draußen einen Hasen entdeckt. Zwei Mann hoch tigern wir los, um ihn zu schießen.

Es ist nicht nur ein Hase. Es ist eine ganze Schar von Hasen, es sind mindestens zwei, drei Dutzend. Wenn wir mit unseren schweren Stiefeln über den gefrorenen Boden tapsen, springen die fetten, flinken Kerlchen aus jeder Furche auf.

Diese polnischen Nager scheinen nicht so furchtsam und ängstlich zu sein wie ihre deutschen Fellkollegen. Alle Augenblicke setzen sie sich hin, machen ein keckes Männchen und verlocken uns Jäger zum Schießen. Wir pulvern einige Male los, treffen aber nichts.

Unterdessen sind etliche Stunden ins Land gegangen. Beschämt über unsere knallenden Mißerfolge stiefeln wir bahnzu. Verdammt, der Weg scheint überhaupt kein Ende mehr zu nehmen. Hasen und Häsinnen haben uns weidlich weit weggelockt.

Wir machen lange, hastige Schritte. Wir geraten ins Schwitzen. Endlich kommt die Station in Sicht. Gottlob, der Zug steht noch. Aber kaum sind wir auf zwölfhundert Meter heran, da stößt er einen lustigen Rauchschnaufer heraus, läßt einen schallenden Pfiff hören und dampft ab.

Weidmannspech!

º

Auf einer Lokomotive, die leer gegen Lodz fährt, holen wir den Ausreißer ein. Der Transportführer flucht mächtig auf uns und droht mit Wagenarrest. Wir grinsen.

In Pabianice hat sich der Transportführer auf dem Artilleriedepot zu melden. Dort bekommt er nach langem Warten den Bescheid, daß wir noch weit über Lodz hinauszufahren hätten.

Einstweilen haben wir frei. Die Wagen werden umrangiert. Vor Abend wird's kaum losgehen. –

Ein Bahnmann kommt und sagt, wir führen erst andern Tages um zehn Uhr früh. Ein anderer Bahnmann kommt und sagt, wir müßten heraus aus dem Wagen, der würde für einen Verwundetentransport requiriert.

Wir hängen uns unsere Tornister um, schultern den Knallknüppel und suchen Unterkunft für die Nacht.

Der Ortskommandant stellt die Behauptung auf, alle verfügbaren Quartiere seien bereits belegt, nur in der Sammelstelle für Verwundete wären noch einige Schütten Stroh frei. Also hingegangen und sich daraufgepflanzt.

Da liegen die armen, braven Kerle in ihren Verbänden und warten schweigend auf den Lazarettzug. Diese wortlose Stille bedrückt mich. Ich gehe auf den Bahnsteig hinaus. Da spielt sich eine seltsame Szene ab.

Hundertzwanzig gefangene Russen kommen anmarschiert, eskortiert von zwei – sage und schreibe zwei! – elsässischen Landsturmleuten. Die Gefangenen sollen hier verladen werden. Auf dem Bahnhof werden sie in Reih und Glied gestellt, kriegen heißen Kaffee und Zwieback. Bald kauen alle mit vollen Backen.

Einer von den Begleitmannschaften fühlt ein Bedürfnis, das ihn abseits führt. Er gibt sein geladenes Gewehr, auf dem drohend das Bajonett glitzert, derweilen einem der Russen zum Halten. Stumpfsinnig nimmt's der Mann und weiß nicht, dass er die Macht in Händen hat. –

º

Vorhin konnte ich die Stille nicht ertragen. Jetzt verwirrt mich das Gewirr der vielen fremden Menschen, das heisere Geschrei der Fuhrleute, die ihre müden Gäule durch den Dreck am Proviantamt vorbei der großen Heerstraße zutreiben. Ich lege mich an meinen Platz und versuche einzuschlafen.

Ein Kommando, das zur Tür hereinschallt, macht mich munter. »Kranke und Verwundete fertigmachen zum Einsteigen!« Allenthalben wird's lebendig. Was noch aus eigener Kraft gehen oder hinken kann, schlüpft aus dem Stroh. Ein breitschultriger, robuster Arzt kommt. Mit einer Taschenlampe leuchtet er die Lagerstätten ab, weckt die Schlafenden und läßt die Schwerverwundeten hinaustragen.

Einen in der Ecke hat er schon zweimal vergeblich gerüttelt. »Herr, zum Teufel noch mal, so stehen Sie doch auf. Der Zug fährt Ihnen vor der Nase ab!«

Der Soldat rührt sich nicht.

Der Arzt leuchtet genauer hin, bückt sich dann nieder und greift nach der Hand des hartnäckigen Schläfers. Nach einer halben Minute richtet er sich wieder auf und sagt ruhig zu den beiden Sanitätern, die hinter ihm stehen: »Schaffen Sie den Mann in den Schuppen. Er ist tot!«

Ich kann das Bild meiner Lebtage nicht mehr vergessen. Der Tote wird schweigend auf die Tragbahre gelegt und mit einer Lage Stroh zugedeckt.

Der Arzt ist längst wo anders. Die beiden Leute machen, daß sie mit ihrer Bürde davonkommen.

Ein Wort C. F. Meyers fällt mir ein: »Die Träger hasteten, als trügen einen Frevel sie zu Grabe.«

º

So nimmt sich der Krieg in der Nähe aus: nackt und nüchtern. Nicht poesievoll, hinreißend, wie man ihn in den Schullesebüchern beschrieben findet.

Was ich hier sehe, sind keine frohen Gesichter. Frierende Menschen, frierende Pferde, Gestalten, denen der Jammer aus jeder Bewegung abzulesen ist.

Ich tröste mich mit dem Gedanken, vorne in der Front wird es anders sein.

º

Ein Telegramm meldet, unsere Munition würde in der Kampflinie dringend gebraucht. Wir müssen über Lodz hinausfahren, so weit, als die Bahn überhaupt fertiggestellt und in Betrieb ist.

In Lodz selbst gibt's nur kurzen Aufenthalt. Wir wundern uns alle über den schmucken, freundlichen Bahnhof. Nach dem vielen Dreck, den wir bereits im Zarenlande gesehen, waren wir auf eine solche Sauberkeit nicht gefaßt.

Bald geht's weiter. Die Augen schmerzen vom vielen Hinaussehen. Ich geb's auf. Überdies ist's in dem Viehwagen, in dem wir jetzt hausen, mächtig kalt. Ich wickle mich in Wolldecke und Mantel und bringe das Kunststück fertig, einzuschlafen.

º

Als ich aufwache, sind wir längst an unserem Bestimmungsorte angelangt. Die Leute von den Munitionskolonnen, die unseren Transport seit Stunden erwarteten, sind tapfer beim Ausladen.

Ich benutze den freien Nachmittag zu einem Gang über die Felder.

Ich wundere mich über die vielen Pferdekadaver, die unverscharrt umherliegen. Die Raben mühen sich umsonst, etwas Fleisch von den offen liegenden Rippen loszuhacken. Es ist durchgefroren und hart wie Stein.

Hier müssen wütende Kämpfe getobt haben. Ein Grab nach dem anderen. Ohne Kreuze, ohne Namen, ohne den geringsten Schmuck. Eile war der Totengräber. Zusammengeschossene russische Protzen stehen im freien Feld. Der schöne Ackerboden ist von unzähligen Geschoßlöchern zerrissen und sieht ganz gelblich durchsetzt und wurmäsig aus.

Das Gefecht scheint sich den Bahndamm entlang gezogen zu haben. Alle fünfzig Schritte ist ein Schützengraben zu überspringen oder eine Palisade, aus festen, eichenen Eisenbahnschwellen gefügt, zu übersteigen. Die Russen sind Meister in der Kunst, Hindernisse anzulegen.

Im Wald, durch den ich jetzt komme, liegen die massigen Bäume zu Hunderten gefällt. Die wuchtige Arbeit taten die deutschen Granaten. Das Feuer galt der feindlichen Infanterie, die in dieser Gegend ihre Unterstände hatte.

Auch hier liegen die Gräber gleich massenweise beieinander. Die Toten sind nur dünn mit Erde zugeschichtet. An einer Stelle ragen ein paar gelbe Stulpstiefel heraus.

Mich fröstelt.

º

Es wird Zeit umzukehren. Von der Rawa her bringt der Wind heftigen Geschützdonner. Der moderne Totentanz ist nicht so lautlos, wie man ihn sich immer gedacht hat. Er fordert seine Opfer mit Gebrüll.

Ich passiere einen Bahnübergang. Eine österreichische Fuhrkolonne schleppt sich den Weg entlang. Die kleinen, struppigen Pferde können die Wagen, deren Räder an manchen Stellen bis zu den Achsen im Dreck versinken, kaum mehr vorwärts bringen.

Am letzten Gefährt stürzt einer der Gäule und kommt nicht mehr auf. Acht Mann spannen das Tier aus, schleppen's zur Seite und lassen es auf dem Acker liegen. »Nicht nötig, daß wir's erschießen. Es geht sowieso hin, sparen wir die Kugel für den Russen!« Und weiter ziehen die Leute.

º

Eine Schar Raben hat sich hinzugefunden und lauert bedächtig. Einer, der besonders keck ist, fliegt hinzu und hackt mit dem Schnabel in den Schenkel des gestürzten Pferdes. Das Tier schlägt aus vor Schmerz und schnaubt. Die Rabenschar hüpft einige Meter zurück. Dann kommen die schwarzen Totenvögel wieder heran, und wieder zuckt das Pferd auf und wieder hüpft der schwarze Kreis zurück. Ich weiß, wie diese ungleiche Partie enden wird. Das arme Tier dauert mich. Ich will es erschießen. Aber mein Gewehr ist beim Gepäck auf der Ausladestation.

Als ich wiederkomme, sind die Aasraben verschwunden. Aber eine Schar kreischender Polackenweiber kniet im Kreise und schneidet große Fleischstücke aus dem zuckenden Tierleib. Bei meinem Anblick stiebt die Mörderschar schreiend auseinander, dem nahen Wald zu.

Das Pack hat sich nicht einmal die Mühe genommen, das Pferd zu töten. Heraus, du gesiedetes Blei! Hundertfältig hallt das Echo wider.

Ich gehe heimwärts. Die Nachtnebel kommen.

º

Ich bin dabei gewesen, wie sie einen begraben haben. Einen kleinen, dicken Landsturmmann vom Wachtkommando, der mir noch vor wenigen Stunden freundschaftlich und gemütlich die Hand schüttelte. Mit dem Gewehrkolben wollte er Feuerholz kleinmachen. Bei diesem Geschäft entlud sich die ungesicherte Waffe, und die tückische Kugel schlug dem kleinen Manne das Hirn aus.

In einem nahen Garten ist sein Grab gegraben. Hier draußen ist der Sarg ein entbehrliches Möbel. In seiner Zeltbahn wird der Landsturmmann hinabgesenkt. Keine Fahne weht. Keine Salve schallt. Nur der Herr Hauptmann spricht einige Worte ehrender Anerkennung. Dann geht ein jeder wieder still an seine Geschäfte.

In Deutschland drüben werden drei Kinder nach ihrem Ernährer und Vater schreien, und eine Frau wird ihrem Schicksal fluchen.

Auf dem Grab im Garten aber wird jedes Jahr der Birnbaum blühen, seine windgebogenen saftstrotzenden Äste in die Luft strecken und sich der herrlichen Welt freuen.

º

Morgen sollen wir heimfahren. Es ist noch lange Zeit bis dahin. Der Abwechslung halber gehe ich mit einigen Mann von der Stationswache ins Dorf, um Fleisch zu kaufen.

Ein Metzger ist weit und breit nicht aufzutreiben.

Wir gehen deshalb zu einem Bauern und handeln ihm um billiges Geld ein fettes Schweinchen ab. Es wird aus dem Stall gelassen, springt lustig in der Freiheit des Hofes umher und grunzt vor Vergnügen, dem Behältnis entsprungen zu sein. Der Bauer will's einfangen. Es gelingt ihm nicht. Das fette Ferkel ist viel flinker als er.

Der Bauer flucht ›Hundeblut!‹ und andere schöne Namen und wünscht dem Tierlein, es möge einen Igel wider den Strich gebären! Als dies alles nichts nützt, sagt er, wir sollen ihm helfen, das Biest zu kriegen. Wir fünf Soldaten schließen einen Kreis und versuchen, das Tier in die Mitte zu bekommen. Das Unternehmen mißlingt. Durch das viele Schreien und Jagen vergelstert, läuft das Säulein ins freie Feld.

Einer von uns rennt hintendrein. Zweimal entwischt ihm das Tier. Da zieht er das Seitengewehr und sticht mit der blanken Waffe zu. Dabei kommt er zu Fall. Das Säulein läuft unter ihm weg und rast, noch immer das Bajonett im Rücken, etwa hundert Meter feldein. Dann legt es sich zum Sterben. Der Schrei dieser gequälten Kreatur klingt fürchterlich, schlimmer als das Brüllen eines Menschen in Todesnot.

Der Soldat kommt zurückgehunken, das tote Tier im Arme. In roten Tropfen rinnt das Blut herab und säumt die schmutzige Gasse.

º

Wir sind wieder in Deutschland. Wir sehen wieder Häuser mit strammen Ziegeldächern und freuen uns unbändig auf die Kasernenbetten. Einer zieht die Uhr. »In drei Stunden können wir daheim sein.«

Es wird mancherlei geredet. Plötzlich sagt einer: »Ich möchte wissen, was das ist. Es juckt mich so sonderbar auf dem Rücken.«

»Du wirst Läuse gefangen haben,« sagt einer.

Darüber entsteht ein Streit. Zwei Haufereien bilden sich. Die eine behauptet, das Jucken käme von Läusen her. Die Gegenseite bestreitet das. Der Unteroffizier macht aller Rederei ein Ende. »Ziehen Sie Ihr Hemd aus!« befiehlt er.

Der wackere Kanonier tut's. Zehn Augen suchen voll Spannung die Innenseite des Hemds ab.

»Hurra!« schreit einer, »eine Laus! eine wirkliche Laus!«

Richtig, fett und schweigsam spaziert da eine Lausmama mit Anhang die Hemdnaht entlang.

Das ist unser gesamtes lebendiges Mitbringsel aus Rußland.

Der Großhans *

Als wir eine Zeitlang in den Garnisonbaracken lagen, neu ausgerüstet und ergänzt wurden, bekamen wir von den Fünfern her einen Kriegsfreiwilligen überwiesen, einen echten langen Brachmond, einen unsympathischen Kerl mit einer Milchstraße von Sommersprossen im Gesicht, großen Redensarten im Behälter des Maules und nichts im Gehirn.

Wir hatten ihn bald alle dick, denn er verkalfakterte von uns einen nach dem andern und stellte sich, als wollte er dem »Spieß« in den Hintern schlüpfen. Überdies drückte er sich beim Dienst, wo er nur konnte. Er dünkte sich viel zu vornehm, als daß er beim Geschützexerzieren jemals einen öligen Lappen angerührt hätte, und wenn es galt, die Haubitze den Totenkopfhügel hinaufzuziehen, war an der Stelle, wo er ziehen sollte, das Tau so schlaff, daß es zu Großhansens Aufmunterung eines Trittes ins Gesäß bedurfte. Den er auch jedesmal redlich erhielt.

Eines Abends in der Putzstunde, als wir in der Baracke saßen und den Trommelwirbeln lauschten, die Regen und Hagel auf die Dachpappe schlugen, und zusammen besprachen, daß es eigentlich für uns doch ein Glück sei, daß wir hier säßen und nicht in so einem verfluchten russischen Granatengarten, wo es nichts anderes regnet als Stahlsplitter und Blei, sagte er aus dem Schatten seiner Ecke heraus, wo er am Gewehrschloß herumfummelte, das nicht blank werden wollte: »Ihr feigen Hunde habt alle Angst! Ha, ich! Ich möchte mich draußen im Feld mit Wollust den feindlichen Kugeln entgegenstürzen!«

Wir lachten. Dann fragte einer: »Ist das alles? Willst du nur deswegen hinaus? Du kannst dir auch hier ein Stück Blei in den Intelligenzapparat jagen. Patronen hast du ja!«

»Nein«, sagte er und schnappte ein, »so ist der Prägel nicht gemeint. Ich will mir draußen das Eiserne Kreuz holen!«

»Ja, wozu denn? Kannst du nicht auskommen ohne dies Stück Eisenblech?«

»Nun, es sieht doch viel besser aus, wenn man eins hat. Meine Bekannten, die draußen sind, haben schon alle eins. Und beim Spazierengehen schauen einem die Leute viel eher nach, besonders die Weiber!«

Also darum! Es kochte in der Korporalschaft. Aber lächelnder Miene fragte einer: »Bildest du dir ein, es sei so leicht, ein Kreuz zu bekommen?«

»Ha,« sagte er und zeigte die Schneidezähne, die Gott sehr breit hatte wachsen lassen, »ich gehe halt vorn in den Schützengraben und zeichne ein Krokis (Geländeskizze)!«

Ein Krokis! Ein Krokis! Die Korporalschaft schlug sich mit der flachen Hand auf die Schenkel, hahahaha!, und lachte, daß jedem die Wundnarben weh taten.

Aber in der Nacht kam der Heilige Geist, mit Stock und Riemen bewaffnet, und dem famosen Krokiszeichner wurde die Decke übern Kopf gezogen, und sein rückwärtiger Mensch wurde jämmerlich verprügelt und zugerichtet, daß er vor lauter Schwielen die folgenden drei Tage weder gehen, noch stehen, noch liegen konnte.

Ich bin sonst ein Todfeind des Prügelns, besonders des sogenannten Heiligen Geistes, wie ihn die Kaserne kennt. Aber in diesem Falle bedauere ich, nicht selbst mit einer ordentlichen Klopfpeitsche dabei gewesen zu sein.

Gut Nacht, Großhans!

Das Wunder *

Nach den langen gräbischen Wochen Durst, Hunger, Hitze und Kälte bekamen wir ein Kommando in der großen Stadt. Abends nach dem Dienst ergingen wir uns auf der Promenade. Aber nirgends fanden wir Freunde. Die jungen Polinnen schauten weg und rümpften verächtlich die Lippen und die Nasenrücken, daß tausend Fältchen heraussprangen, wenn sie unsere abgeschabten, durch die Entlausung besonders mitgenommenen Kleider sahen. Nur die Gassenbuben umstanden und umlärmten uns mit spätzischem Geräusch.

Wir gingen da weg, eine belebte Straße hinauf. Die hellen elektrischen Lampen brannten wie Sonnen in die Dämmerung hinein, und wie kühle Monde spiegelte sich ihr Widerschein im glatten Asphalt.

Vor einem prächtigen Kaufladen hielten wir still.

Alle Güter der Welt waren da ausgestellt. Herrlichkeiten aller Zonen.

Schaufenster auf Schaufenster, Auslage auf Auslage fesselte uns.

Da standen Nahrungsmittel und Leckerbissen, wie sie sich auch die hungrigste und ausschweifendste Phantasie nicht üppiger denken konnte.

Da standen Früchte und Kompotte in allen Farben.

Getrocknete Fische aller Formen und Größen lagen da.

Von der Decke hingen saftige Trauben und Dattelbüschel herab.

Wahre Batterien schönbäuchiger Weinflaschen glänzten im Hintergrunde, links und rechts flankiert von Eier-, Butter- und Käsebergen.

Das Wasser lief uns allen im Munde zusammen. Aber so tief wir auch in den mageren Brustbeutel griffen und alle Taschen durchschnöberten, es war kein Geld darin, das gelangt hätte, auch nur den munzigsten Teil dieser fremden Herrlichkeiten zu kaufen. Die nächste Löhnung war erst in drei Tagen.

Indem wir noch begehrend alles anschauten und es gleichsam als Ersatz mit unseren Augen auffraßen, kam ein Kerl zum Laden heraus. Gutgekleidet, kurz und dick, wie verhinderter Spargel; der Speck im Nacken hing ihm wulstartig über den Rockkragen. Er schaute unsern kleinen Soldatenhaufen von oben herab an und sagte dann mit seiner öligen Befuggerungsstimme: »Schert euch von meinem Geschäft hinweg, ihr stinkigen Hungerleider, ihr vertreibt mir die besten Kunden!«

Klatsch, das saß!

Und das Wunder? Nun, ich bilde mir ein, das Wunder ist dies, daß wir diesem gemeinen Schwein nicht den ganzen vornehmen Stall über dem Schädel behandgranateten. Gewiß, das wäre ein Feuer geworden, an dem sich selbst die sanftmütigen Engel im Himmel gefreut hätten.

Falls es welche gibt.

Der Fasanenbaum

In Posen, bei Robylepole, wächst der Fasanenbaum. Auf freiem Felde steht er, von weither sichtbar, und an blassen Herbsttagen hängen die Fasanen daran, wie sonst an Bäumen die Äpfel.

Gebogene Schwänze haben sie, schillernde Farben, eine breite Silhouette, auf hundert Meter als Ziel nicht zu verfehlen.

Ich habe danach geschossen. Einmal, zweimal, dreimal. Und nichts getroffen. Und wieder danach geschossen, ohne Ruh und Rast. Und nichts getroffen.

Ich erzählte meinen Kameraden davon. Sie schossen gleichfalls danach. Es ging ihnen, wie mir: Knalle, kein Treffer.

Als alles nichts nutzte, stellten wir uns in langer Reihe auf, wie wir's gelernt hatten, und gaben Salvenfeuer. Vergeblich. Unverletzt, in stummer Verwunderung unseres Tuns, blieben die Vögel sitzen.

Doch wenn wir näher hinzukamen, schwangen sie rauschend die Flügel und flogen davon.

Nur für Herrschaften

Der Leutnant gab mir einen Brief zur Besorgung. Voller Freude stürmte ich los; ich wußte, es ging in ein schönes Viertel.

Die rauchige Vorstadt lag bald hinter mir, und ich kam in eine Gegend, wo ein prächtiger Ruhsitz neben den andern gebaut war. Ich beschaute die Briefanschrift: Nr. 17. Dort stand das Haus! Vor dem schmiedeeisernen Tore stutzte ich. Zwei kleine Emailtafeln hingen da. Auf der einen stand: Eingang nur für Herrschaften; auf der anderen: Eingang für Dienstboten um die Ecke.

Ich bin nie ein Freund von Hintertreppen gewesen; deshalb fiel mir die Wahl nicht schwer. Ich ging, gänzlich die Reize eines weichen Teppichs auskostend, die breite Treppe hinauf und beschaute in den schönen Spiegeln, die da an den Marmorwänden hingen, neugierig mein Bild. Als ich auf der zweiten Treppe war, kam mir ein Mann nachgerannt, der Pförtner anscheinend, der meinen Eintritt zu spät bemerkt hatte. Vor Aufregung und Eifer schlappten ihm die Arme hin und her, wie bei einer Gummipuppe, der man auf den Nabel drückt, weil's ein Patent ist. Seine heisere, aufgeregte Stimme klang wie das Knurren eines bösartigen Köters.

Ob ich nicht wüßte, daß dies der Aufgang für Herrschaften sei? Ich sagte, gewiß wüßte ich das. Ja warum ich dennoch hinaufginge? Ich: ich sei eben auch Herrschaft!

Da bekam der Tränrich in dem abgeschabten, grünlichen Kittel einen Wutanfall. Mit spitzen, giftigen Fingern langte er gegen mich, ich sollte mich schleunigst hinausscheren, die Treppe hinunter, sonst telephoniere er nach der Polizei.

Schritte, die von oben schollen, zwangen mich zu raschem Handeln. Ich gab dem Geiferi einen Tritt, daß er hinunterstürzte und als Wimmerhaufen am Fuße der Treppe liegen blieb.

Die Dame, der ich den Brief bringen sollte, kam mir entgegen. Sie lachte, als sie die Handschrift sah, schenkte mir eine Tafel Schokolade und fragte, was das für ein Gejammer sei im Hausflur unten. Ich sagte: »Gnädige Frau brauchen sich nicht zu beunruhigen. Ich bin nur einem Hund auf die Pfoten getreten.«

Zu Hause erzählte ich die Sache gleich meinem Leutnant. Er lachte nicht, wie sonst bei meinen anderen Geschichten, sondern sagte ernsthaft, indem sich eine scharfe Falte zwischen seine Augenbrauen grub, das nächste Mal müsse ich doch die andere Treppe hinauf.

Ich riß, wie's die Vorschrift befiehlt, militärisch die Hacken zusammen.

Pankowskis Begräbnis *

Wir kamen vom Dienst zurück. Es war ein heißer Tag gewesen. Müde und Verdrossenheit lag in aller Gesichter, und sie wurden erst einen Schein freundlicher, als der Feldwebel zur Schreibstube herauskam und auf den Nachmittag vierundzwanzig Mann einteilte zum Begräbnis des Soldaten Joseph Pankowski vom Regiment Nr. 128 der im Festungslazarett gestorben war.

Ich sonnte mich ebenfalls unter den Erwählten. Ein jeder freute sich, der diesem Kommando zugeteilt wurde, und als es hieß: »Wegtreten!« und wir alle zusammen lange Schritte machten, um dem Spieß möglichst schnell aus den Augen zu kommen, gab mir der Einjährige Roth einen festen Stups auf die Achsel, so daß ich fast gepurzelt wäre, und grinste: »Wenn nur noch recht viele sterben wollten, dann gäbe es doch für einige Nachmittage Ruhe, und das verdammte Schippen und Schaufeln käme einem aus dem Schädel!« Es war wohl wahr, was er da so ungeniert sagte. Der Garnisonssoldat ist herzlich froh, wenn seinesgleichen einer stirbt; Dann kommt er wenigstens »zu einem guten Tag«.

Nach dem Essen zogen wir uns an; die besseren Fetzen natürlich; die Stiefel fein gewichst, echt preußischen Hochglanz, wie sonst nur bei Wilhelms Geburtstag. Während wir das Koppel umschnallten, kam der Unteroffizier vom Dienst und sagte: »Die Patronentaschen könnt ihr ruhig daheim lassen; es wird ihm doch nicht über sein Grab geschossen!«

Punkt ein Uhr marschierten wir weg. Sonne lag in Fülle auf der Straße, so der richtige schwüle Augusttag, wie er im Kalender steht. Ein verliebtes Pärchen Schmetterlinge flatterte vor uns her, in ungeschickten, mutwilligen Sprüngen, wie junge, lachende Mädchen beim Haschen. Staub quoll auf unter unseren schweren Tritten, und der schöne Stiefelglanz war bald verschwunden.

Am Festungswall ging's vorbei. Ausgetrocknet war er wie eine alte Jungfer; kein Saft und keine Kraft mehr darin; der Russe würde nicht übel gelacht haben, wenn er ihn so verrunzelt gesehen hätte. Und die paar alten Frösche, die sich, der andauernden Trockenheit zum Trotz, an den wenigen feuchten Stellen zusammengeschart und, ganz gegen Froschart, sich zu philosophischem Schweigen durchgerungen hatten, sehnten wohl einen kräftigen Regen herbei. Und in dieser Sehnsucht waren sie gänzlich eins mit uns.

Nach einer Stunde hielten wir am Gottesacker. Da lagen die Gräber der Soldaten in langen Reihen, wie gelb gestrichene Bollen auf einer Rechentafel, sauber abgestochen und abgegrenzt, mit kleinen hölzernen Kreuzen darauf; hie und da auch mit ein paar Feuernelken bedacht. Breite Bänke luden zum Sitzen ein, und weil wir müde waren vom Marsch und vom Staubweg, setzten wir uns ungefragt nieder. Der Vize, der die Führung hatte, ging fort, um uns beim Friedhofwärter zu melden.

Es dauerte lange Zeit, bis er zurückkam. Die schwüle Luft drückte wie ein Unglück, das aufstehen will.

Kein anderes Geräusch war zu hören, als das gedämpfte Atemholen der fernen Stadt und das widerliche Brummen der dicken Schmeißfliegen, die daherkommen, brillernd und schillernd wie fliegende Edelsteine, und von denen man doch gerne den Kopf wendet und froh ist, wenn man sie nicht mehr sieht. Ohne daß ich wollte, duselte ich ein und wachte erst auf, als mir eine Ameise auf der Hand hin und her krabbelte. Ich hatte einen kleinen Riß in der Haut, und die Ameise knackte da von dem Schorf, der sich darübergelegt hatte, ein Stück nach dem andern ab. Damit nicht genug, packte sie ein Haar an, das aus der Wunde herausragte, und wollte es mit Stumpf und Stiel ausreißen.

Ein paar feiste Fleischerstimmen ließen mich die ameiseanische Arbeit vergessen. Ein Trüpplein Militärmusikanten stand da und stellte seine Instrumente an die lebendige, grüne Hecke, die den Friedhof umschloß. »Uff,« schnaufte der Älteste und wischte sich den Schweiß von der roten Posaunenbläsers-Stirne, »von Rechtswegen sollten nachmittags Hitzferien sein bei einer solchen Witterung. Aber nein, gerade nicht! Uns zum Possen setzt man uns hier in Posen doppelten Dienst an. An einem Nachmittage sollen wir gar zwei verlochen!«

»Zwei?« sagten wir, »wir haben doch nur einen!«

Stimmen schollen auf der Straße. Eine kriegsstarke Kompagnie kam heranmarschiert, ein jüngeres Leutnantlein voran, mit blühenden Backen. Vor dem Tore stellte er sich auf die Seite, halbrechts heraus und kommandierte: »Ganze Kompagnie halt!« Dann: »Mit Gruppen links schwenkt marsch!« Wie ein Säbelhieb zischte das Kommando, ein einziger Ruck ging durch die ganze Gesellschaft, und sie stand fest wie zwei Mauern schnurgerade ausgerichtet am diesseitigen Straßenbord.

Inderweilen schaffte sich eine Droschke heran. Ein Herr stieg aus, griff in die Tasche, zahlte den Kutscher und half dann einer schwarzgekleideten Dame aus dem Wagen heraus, die lautaus weinte und ihr Taschentuch dicht vor die Augen hielt, so daß man gar nicht sah, ob sie schön war oder nicht. Als die beiden an dem jungen Offizier vorbeikamen, stand er still und grüßte respektvoll.

Unsere Abteilung war aufgestanden und vors Leichenhaus gegangen; und wir alle schauten dem Totenknecht zu, wie er, langsam und umständlich, schier erdrückt von seiner Würde und Wichtigkeit, die Türe aufschloß. Mit einem vollen, freudigen Strahl sprang die Sonne in das kahle Gemach. Da stand in der Mitte auf den Steinfließen ein mächtiger Sarg, eichen, schön gefirnißt, mit geschmackvollen, silbernen Bordüren. Ein Helm lag darauf, dabei ein Feldwebeldegen, die Klinge bloß und offen und mit der Scheide gekreuzt, dazu ein reicher Kranz schmuck duftender Blumen.

Wir Kanoniere, die zunächst standen, wollten den Sarg aufheben und hinaustragen. Aber da fielen uns ein paar von den Infanteristen in den Arm und sagten: »Laßt die Kiste hübsch stehen! Das ist unser Sarg!« Wir, nicht faul, sagten dagegen: »Nein, ihr Seckel, das ist unser Sarg!« Ein Wort gab das andere, und es fehlte nicht viel, so hätte es im Angesicht des Toten Mord und Totschlag gegeben.

Der Friedhofswärter, der bisher draußen bei dem Herrn und bei der Dame gestanden hatte und bei dem jungen Leutnant, der in einemweg verlegen mit seiner Degenspitze in dem Sand und unter den Kieseln des Weges umherstocherte, kam herein und machte der Streiterei ein Ende. Er sagte, wir wären im Unrecht, das sei nicht unser Sarg. Unser Toter stände weiter hinten. Daraufhin fingen die Infanteristen ein großes Lachen an. Acht Mann hoch hoben sie den Sarg auf und schleppten ihn mit triumphierenden Mienen hinaus, wir gingen nicht mit, weil wir einen Zorn auf die Brüder hatten, sondern stellten uns hinter die Sträucher und Boskette und schauten von dort aus zu.

Vorn dran ging die Musik. Sie spielte sehr schön; man hätte das den dicken, faul aufgeschwemmten Kerlen gar nicht zugetraut.

Als alles vorbei war, der Totenknecht zurückkam und wir ihn fragten: »Heda, Ihr! Wo steht denn unser Sarg?« spreizte er den Daumen, wie ein Fuhrmann, der eine tüchtige Prise nehmen will, und zeigte über die Achsel rückwärts in die dunkelste Ecke der Kammer. Tatsächlich, da stand im Schatten, kaum zu sehen, auf zwei spinnenbeinigen Holzböcken ein schmächtiger Tannensarg. Einer sagte: »Toter Pankowski, was brauchst du so vergessen im Schatten zu stehen? Komm, wir tragen dich hinaus an die Sonne, damit du wenigstens zum Abschied noch etwas vom Leben hast!« Wir taten so und stellten den Sarg des Musketiers genau in denselben Lichtstreifen, in dem zuvor der Sarg des Feldwebels gestanden hatte.

Da wurde, im erbarmungslosen Licht der Sonne, die Armseligkeit des Totenbaumes erst recht offenbar, und wir begriffen, warum man ihn vorher in den dunkeln Winkel gestellt hatte. Keine silbernen Bordüren, kein Kranz, keine Blumen, kein Helm, kein Waffenstück, keine Ordensauszeichnung, kein massives, schöngerändertes Eichenholz, nichts als sechs notdürftig zurechtgehobelte, astige Tannenbretter, das billigste Material, flüchtig mit blasser Beize bestrichen, die nur auf den ersten Regen wartete, um abgewaschen zu werden. »Ah,« sagten wir, »liebe Leute, so steht die Geschichte!« gingen hinaus und setzten uns wieder auf unsere Bänke. Die Begleitmannschaften vom ersten Begräbnis hatten sich verlaufen, nur die Musikanten waren zurückgeblieben. Sie brannten darauf, bald nach Hause zu kommen, und ihr erstes Wort war, wann unser Geistlicher komme. Ja, das wußten wir selber nicht.

Wir warteten. Sekunde auf Sekunde plätscherte an uns vorüber, innig gemischt mit dem heißen Atem der Natur, deren mächtiges Wollen hier an dieser Stätte des Todes doppelt ergriff und zu Herzen sprach.

Die Sekunden fügten sich zu Minuten, die Minuten zu Stunden. Die Musiker schimpften und fluchten, wie nur ungeduldige Soldaten fluchen können, und der Vize wußte keinen anderen Besänftigungstrank, als daß er versprach, an den nächsten Fernsprecher zu gehen und Nachfrage zu halten. Verschiedene Dienststellen wurden angerufen, aber keine wollte mit der Sache zu tun haben. Nur eine machte zuguterletzt Hoffnungen, es werde ihr vielleicht noch gelingen, einen Geistlichen herzuschübseln. Aber bestimmt versprechen, daß er auch komme, könne sie nicht.

Wieder verrann ungenützt eine Stunde. Auf einmal stand der Häuptling der Musikanten auf, sagte, die Sache sei ihm zu dumm, da solle doch der Teufel dreinschlagen; wenn der Pfarrer nicht kommen wolle, solle er daheim bleiben bei der Köchin und ihr in die Schuhe blasen; er hätte die Sache überhaupt dick jetzt und verziehe sich ständepändes. Damit hing er sich sein Instrument um und ging mit kurzen, ärgerlichen Schritten den Kiesweg hinunter, daß die Steine spritzten, zum Gittertor hinaus. Die Musikantenschar zog mit. Nur drei Aufrechte blieben zurück: die Flöte, die erste Trompete und das Bumbardon oder »Brumm a paar Ton« oder wie es heißt.

Als der Friedhofswärter das Begebnis sah, kratzte er sich verlegen in seinen graumelierten Bartstoppeln und sagte: »Nun, wenn die Musik streikt, können wir den Mann auch ohne Pfarrer begraben; der liebe Herrgott wird in diesem Fall gewiß ein Auge zudrücken.« Wir dachten alle, gewiß, es geht auch ohne. Vier Mann packten den Sarg, wir andern hinterher, an der Spitze die drei treuen Musikanten, und sie spielten das Lied: »Jesus meine Zuversicht!« Nein, sie spielten es nicht, ihre Instrumente schrieen es geradezu heraus.

Das Grab lag da, hungrig das Maul aufgesperrt, und wir erfüllten unsere traurige Pflicht und legten den Toten hinein, mitten in den Erdenrachen. Dann nahmen alle miteinander die Helme ab, und keiner schaute den andern an, weil jedem kotzheulig zumute war. Nachher gingen wir fort und hörten noch am hohlen Ton, wie der Totenknecht eine Schaufel Sand nach der andern auf den Sarg warf.

Auf dem Heimweg stand ein großer Wind auf. Ein Gefährt kam uns entgegen, in dem ein Geistlicher saß. Sein Mantel flatterte im großen Bogen. Der Kutscher schlug wie toll auf die Pferde ein, und alle sagten, das sei gewiß der Pfarrer, der wieder einmal zu spät komme. Während ich mich noch umwandte und dem Gefährt nachschaute, das wie ein Wetter dahinjagte, drängte sich ein Zivilist heran, der, wie ich wohl bemerkt hatte, bereits auf dem Friedhof in einer Tour um uns herumgeschlichen war. Guten Tag, sagte er, ob das vielleicht der Josef Pankowski gewesen sei, den wir begraben hätten? Ich nickte mit dem Kopf.

Da entventilte er sich, und sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, wie man es sonst nur dem Teufel aufgemalt findet auf alten Kirchenbildern: »Wissen Sie, der Pankowski war ein Verwandter von mir. Aber weil der Sarg so armselig war, hab ich mich geschämt, mit seiner Leich zu gehen. Die Leute könnten sonst schlecht über mich denken, und, nicht wahr, man ist doch sich selber immerhin gewisse Rücksichten schuldig.«

Gewiß, man ist sich selber gewisse Rücksichten schuldig; aber trotz alledem, ich hätte dem Kerl gern einen herzhaften Tritt ins Gemäch gegeben. Weil aber in diesem Augenblick ein Major an uns vorbeiritt, nahm mich das militärische Kommando gefangen; denn der Vize kommandierte mit schallender Stimme: »Achtung! die Augen links!«


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