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War es verwunderlich, wenn diese Mitternachtsstunde im Geiste der Frau fortwirkte und den Heidenweg beseelte? War damit nicht Alles erklärt, was sie dort empfunden hatte? Das mächtige Verlangen seiner stolzen Bäume, sich domhaft zu erheben, sein Odem feucht und kühl, als entstiege er einer Krypta, das Träumen der Blumen, die schmeichelnden Stimmen in Gesträuch und Blattwerk. Und dieses Grab – Darin ruhte für die Frau nicht irgend ein Fremder, darin ruhten Menschen, deren Schatten sie in einer Stunde glücklichen Entrücktseins geschaut und die sie lieben musste, wäre es nur um des verlangenden Blickes willen, mit dem sie nach dem Leben zurücksahen, nur der milden Geste wegen, die sie Famulus, dem Tiere, gegönnt hatten. Die blosse Erinnerung daran weckte ein leises Frohlocken in der Frau: vielleicht wartete dieser Rechtlosen, deren Art Famulus verkörperte, im Reich der ewigen Entfaltung, doch eine grosse, umfassende Geberde des Mitleids, die für alles entschädigte, was menschliches Verschulden ihnen zufügte. –

Dass das Grab auf dem Grund und Boden der Wendlinger Angehörige ihres Hauses barg, war nicht zu bezweifeln. Gelegentlich konnte man hören, dass ein tragisches Geschick die letzten des Stammes betroffen habe, doch eine bestimmte Kunde hierüber schien nicht auf die Nachwelt gekommen zu sein. Man wusste, der stolze Bau war längst nicht mehr der Sitz des bekannten, vielvermögenden Geschlechtes. Es war in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ausgestorben, worauf sein grosser Grundbesitz in kleine Teile zerfiel. Das Schloss aber war lange wie unwerte Ware von Hand zu Hand gegangen und schliesslich in den Besitz des Staates gelangt, der ein Altersasyl daraus machte. Sic transit gloria mundi. Das musste jeder und mehr konnte niemand sagen. Ach! Viel hätte die Frau darum gegeben, hätte sie jemand über das Geheimnis aufklären können, das jene Ruhestätte am Heidenweg barg. Wo hatte sie nicht gefragt und geforscht! Da kam ihr noch der Gedanke, sich an das Stuberänni zu wenden. Sein Lebensbaum wurzelte in ferner Zeit und hatte seine jungen Zweige in einer Luft gewiegt, die vielleicht noch etwas von dem Atem jener Toten in sich trug. Ja, das Aenni wollte sie fragen, und wie sie vermutet hatte, es wusste Bescheid.

Die Alte war nicht bloss durch lange Jahre eine vortreffliche Dorfschullehrerin gewesen, sie hatte einen klaren Sinn und ein Herz, das sie auch dort nicht im Stiche liess, wo es sich um fremde Schicksale handelte. Und weil sie in hohem Masse die Gabe des Sicheinfühlens besass, wusste sie gut und anschaulich zu erzählen.

So sassen sie an einem Sonntag selbdritt beieinander in des Aennis rauchgeschwärzter Stube, indessen der Regen sein eintöniges Lied in der Dachrinne sang, das Aenni erzählend, im niederen Lehnstuhl, der Frau und dem Pudel gegenüber, die auf der Ofenbank nebeneinander Platz genommen hatten. Dabei suchte Famulus, wie er es gerne tat, wenn etwas seine Aufmerksamkeit stark in Anspruch nahm, einen Stützpunkt für seine Schnauze und fand zu seiner Freude die Schulter seiner Herrin eben recht.

»Es gibt Häuser,« so ungefähr hatte das Aenni seine Erzählung begonnen, »denen auch die traurigste Prosa des Lebens nicht alles nehmen kann, was die Zeit an Poesie in sie hineingezaubert hat. Irgendwo winkt sie aus einem zerfallenden Tor, schmiegt sich in schlanke Fensterbogen, sie keimt aus Spalten und Ritzen, umwogt das alte Gemäuer und schafft jene Zauberluft, in der die Volksseele die schönen Träume lebt und webt, die wir Sagen nennen.

Das Geschlecht der Schlossherren erreichte um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts durch Jordan von Wendlingen seinen höchsten Glanz. Es erfreute sich zu jener Zeit nicht allein ausgedehnten Besitzes und grossen Wohlstandes, sondern war auch die Zierde der geistigen Elite der nahen Stadt, und die angesehensten Vertreter des Staates, der Wissenschaft und der schönen Künste gingen als Freunde auf Schloss Wendlingen aus und ein. Jordan sass in den Räten seiner Vaterstadt und seine Worte wogen dort schwer. Nicht weniger als seine städtischen Mitbürger schätzten ihn die Wendlinger Bauern, denen seine tüchtige und leutselige Art gefiel. Auch schmeichelte es ihrem Heimatsinn, dass Jordan sein Schloss im üppigen Geschmacke der Zeit ausbauen und die Gärten neu anlegen liess, dass er den Heidenweg in jene Anlage mit Grotten und Ruhebänken verwandelte, und als sie vernahmen, dass diese Herrlichkeiten den Dorfbewohnern an Sonntagen nach wie vor offen stehen sollten, waren sie über den einsichtigen und gütigen Herrn freudigen Lobes voll.

Doch das Glück der Wendlinger kam nach dem Tode Jordans zu jähem Verfall. Sein Sohn Klaus, der die Herrschaft übernahm, brachte schon das Unglück mit zur Welt, dem Vater in keiner Weise zu gleichen. Dem Sohne fehlte alles Anziehende, das den Vater ausgezeichnet hatte. Klaus war von unansehnlicher Gestalt und so jähzorniger Art, dass im Dorfe bald die Rede ging, der neue Schlossherr sei von einem bösen Geiste besessen und so viel als möglich zu meiden. Dieses Gerede, das Klaus nicht verheimlicht werden konnte, machte ihn bitter und hart, um so mehr, als die Vergötterung, die sein junges Weib erfuhr, ihm bewies, dass es seinen Wendlingerbauern weder an Urteil noch an Ergebenheit fehlte.

Woran es nur liegen mochte, dass das holde Geschöpf der Verehrung, die es einflösste, nie froh werden konnte? Niemand wusste es. Seit ihrem Einzug in Wendlingen lag eine stille Trauer über der jungen Frau, die erst von ihr wich, als sie, von unheilbarer Krankheit befallen, den Schritt des Todes an ihrer Seite vernahm. Nachdem sie ihrem Gatten einen Sohn und ein Töchterlein geboren hatte, welkte sie hin, und keine Gelehrsamkeit der Aerzte, die Klaus aus allen Landen herbeirief, vermochte das Siechtum aufzuhalten.

Eine Zeitlang schien es dann, als ob das Glück Klaus in seinen Kindern erblühen sollte, denn sie waren beide wohlgestalt und von guten Anlagen. Aber viel mehr als dem Vater glichen sie nach Art und Sinn der Mutter. Darin erblickte Klaus gleichsam einen Tadel der Vorsehung. Bei seiner Unduldsamkeit und Reizbarkeit kam es mit den Jahren immer öfter zu heftigen Auftritten mit dem Sohne und schliesslich so weit, dass der Jüngling, in dem der Vater bald eine Stütze in der Verwaltung der Herrschaft zu finden gehofft hatte, eines Tages verschwunden und in fremde Dienste gezogen war. Er blieb verschollen.

Dieser Schlag, der ihn umso härter traf, als er ihm unerklärlich und unverdient erschien, schuf dem Wendlinger schwere Zeiten, und er wäre zweifelsohne der ihn umlauernden Schwermut verfallen, hätte ihn nicht die liebliche Gegenwart seines Töchterchens aufgerichtet und gestützt. Katharina wurde nun das Idol ihres Vaters, dem er huldigte und alle Zärtlichkeit zuwandte, deren er fähig war. Allein weder die väterliche Liebe, noch die Fürsorge der alten Mademoiselle Babette, eines adeligen Fräuleins aus welschen Landen, die seit dem Tode der Herrin dem herrschaftlichen Haushalte vorstand, hätten vermocht, den Jugendgarten des Kindes, jene eben erblühte und durch die Flucht des geliebten Bruders wie niedergetretene Pracht neu zu beleben, wenn sie nicht aus eigenem Triebe erstanden wäre. Katharinas Seele richtete sich wieder auf. Ihre Vereinsamung selbst wies ihr den Weg und liess sie ausserhalb des Vaterhauses suchen und finden, was ihr not tat.

Im nahen Kirchdorf wartete ein gütiges Paar, Pfarrer Rentsch und sein Weib, der Seelsorge im wahren Sinne. Drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter, waren ihnen beschieden, und das Pfarrhaus galt mit Recht als eine Stätte des Glücks. Alle, so hiess es, die das gesegnete Dach beschattete, legten Leid und Kümmernis nieder wie ein über Gebühr getragenes Alltagsgewand. An dem seelisch verkümmernden Schlosskind erfüllte sich das Wort in schönster Weise.

Die Mädchen im Pfarrhaus waren Zwillinge, mit Katharina eines Alters, fast konnte man sagen eines Herzens, denn seitdem der Vater die Drei gemeinsam zum heiligen Abendmahl vorbereitet hatte, verband sie schwärmerische Freundschaft. Ist nicht Einklang des Denkens und Fühlens mit Jugendgefährten der Akkord, mit dem das Hohelied der Lebensfreude anhebt? Seit Katharina ihn vernahm, war sie verwandelt.

Wenn nun der Morgen in ihr hohes Schlafgemach mit dem weissen Himmelbett und den schimmernden Gardinen trat, grüssten ihn ihre lachenden Augen schon erwartungsvoll. Die ehmals öden Tage, sie stiegen jetzt verheissungsvoll auf, denn kaum entschwand einer ohne die Gespielen im Schloss oder im Pfarrhaus zu Arbeit oder Kurzweil zu vereinen.

In Wendlingen selbst war alles verändert. Die Schwermut, die über dem Schlosse lag, hob sich und entflatterte wie ein Schleier. Der Park erwachte. Seine Laubgänge und gewundenen Pfade erklangen von hellem Lachen und Rufen, die versteckten Ruheplätze waren voll Flüsterns und Bary, der Hund vom Bernhardinerberge, des Schlossfräuleins stattlicher Begleiter, der kam aus einer Verlegenheit in die andere. Denn nun waren da mit einem Male drei Huldinnen, denen er beim Spielen gerne zugleich Gefolgschaft leisten wollte. Geteilten Herzens blickte er den Enteilenden nach.

Oh ihr schönen, lichten Tage! Stiller Pfarrgarten, wo die buchsumsäumten Beete der Levkojen und Balsaminen in der Sonne glühten! Ihr Oleanderbüsche an den Wegen mit den sanften, nickenden Blüten und du heimliche Laube, duftendes Gespinst von Jungfernwein und gestirntem Jasmin, den dunkle Falter des Nachts leidenschaftlich umschwärmten! Grüngoldner Käfig der drei lustigen Vögel, belebt von ihrem Gezwitscher und Gesang! Innigere Töne hat auch das feierliche Gewölbe eines Domes nicht vernommen als dein zartes Gitterwerk. Horcht! Schwingt sich nicht mit den Mädchenstimmen der Klang eines Waldhorns in den Abend? Wie dunkler Epheu an lichten Birkenstämmen wächst er an ihnen empor. »Der Junge ist da,« sagen lächelnd die Vorübergehenden und bleiben lauschend stehen.

Ja, der Junge ist da! Wenn Sonn- und Feiertage nahten, da litt es den Theologiestudenten Vincenz Rentsch nicht mehr in dem alten Kloster, das seit der Reformation die hohe Schule der Stadt in seinen ehrwürdigen Mauern beherbergte, da lockten die heimatlichen Fluren mit Herdengeläut und Sommerfrieden, die Waldgründe an den Hängen der Langenegg, bereit die Klänge seines Hornes aufzunehmen und aus tiefer Brust zu erwidern, da war das Vaterhaus, da waren Eltern und Geschwister, – da war Katharina.

Die scheue Bewunderung, die das vornehme Kind mit dem Gemsenschritt und den gemsenhaft zarten Gelenken, den schmalen Händen und der von dunklem Gelock umwehten lichten Stirne zuerst in dem Hochschüler geweckt hatte, wandelte sich im Verkehr mit den Schwestern bald in frohe Kameradschaft, und weil Katharina zu jener Zeit noch nichts wusste von Familientradition, von Standeswürde und wie die stachlichten Verhaue alle hiessen, von denen sie, ohne es zu ahnen, umgeben war, schauten ihre lachenden Augen arglos in die ihres Freundes.

Die Liebe war in ihren einfachen und reinen Seelen erwacht und gewachsen mit der Selbstverständlichkeit, die jedes ursprüngliche Geschehen begleitet. Keines frug, von wannen sie komme und welches ihres Weges Ziel sei. Sie war eben eines Tages da, lächelte, fasste beider Hände und schritt mit ihnen ins Leben vor wie zum Tanz.

Doch inzwischen enteilte die Zeit und mahnte den Wendlinger, dem Leben seines teuren Kindes eine für die Zukunft entscheidende Wendung zu geben. In stiller Ländlichkeit, so lieb sie ihr sein mochte, durfte Katharinas Jugend nicht verkümmern. Und da sie vollends zur Jungfrau und zu seltener Anmut herangewachsen war, vermeinte er recht zu tun und eine heilige Pflicht an ihr zu erfüllen, wenn er ihr einen Gatten von Rang und Familie zuführte, einen Edelmann aus der nahen Stadt, untadelig, wie er ihn für sie wünschte. Doch Katharina, sonst freundlich und willfährig, wenn es sich darum handelte, den Vater zu befriedigen, zeigte für diese guten Absichten nicht das leiseste Verständnis. Sie nahm die Aufmerksamkeiten des vornehmen Freiers zuerst mit Gleichmut hin, wandte sich aber, als er wärmer und dringender wurde, zu entschiedener Abwehr und erschien eines Tages bedrängten Herzens vor ihrem Vater mit der Bitte, doch ja den Junker, den sie geziemend achte und schätze, nicht zu weiteren Schritten zu ermutigen, da sie wisse, dass sie ihn doch nie werde lieben können. Und um vor den sich verdunkelnden Blicken des Vaters den Mut zu weiterer Rede zu finden, straffte sie unwillkürlich den schlanken Leib und reckte ihn zu ansehnlicher Höhe.

Nicht ohne Schmerz, sagte sie mit leicht bebender Stimme, bereite sie dem Vater solche Enttäuschung, aber es gelinge ihr nicht, ihr eigen Herz zu betören und sie möchte diesen langersehnten Augenblick der Zwiesprache nützen, um offen und in aller Wahrheit zu bekennen, sie liebe von ganzem Herzen Vincenz Rentsch, ihren Jugendfreund, den ja auch er, ihr teurer Vater, stets seines Wohlwollens würdig erachtet habe. Sie sprach diese Worte mit gesenktem Haupte, wie unter äusserster Anstrengung und auf Furchtbares gefasst. Doch als kein Blitz sie niederstreckte, wich die starke Spannung, sie fühlte sich unter einer warmen Blutwelle erröten und zum letzten Geständnis entschlossen, sagte sie ganz leise:

»Und nimmermehr wird mich einer lieben wie er.«

Bis dahin hatte der Wendlinger vermocht, seinen aufsteigenden Zorn über die Vermessene niederzuhalten wie ein lauerndes Tier, das er selbst scheute. Diese Worte aber, die ein Einverständnis der Liebenden verrieten, liessen ihn mit erhobener Faust von seinem Sitz emporschnellen. Katharina stand ganz still, ihr Atem stockte – Die Faust fiel dröhnend auf den Tisch. Wie furchtbar das klang – Als würde ein schweres eisernes Tor zugeschlagen, ging es Katharina durch den Sinn. Sie hielt den Blick gesenkt, rührte sich nicht ... Die Hand hob sich wieder und Katharina, ohne hinzusehen, fühlte, dass sie nach der Türe wies. Da blickte die Gepeinigte auf, um zu reden und den Zürnenden zu erweichen, allein seine geröteten, schwimmenden Augen erfüllten sie mit solchem Entsetzen, dass sie stumm sich wandte und wie eine Schlafwandelnde das Gemach verliess.

Scheu glitt an jenem Tage das Gesinde durch die hallenden Gänge und an der verschlossenen Türe des Gebieters vorbei. Am nächsten Morgen beschied Herr Klaus seine Tochter zu sich. Er war ruhig und vollkommen Herr seiner selbst. Er wünschte mit ihr zu besprechen, was ihm inzwischen klar geworden war: dass er sie allzulange sich selbst überlassen hätte und nun mit ihr zu reisen gedenke, vorerst nach der französischen Kapitale, wo sie einflussreiche Verwandte und Freunde, Zerstreuung und Kurzweil finden würde. Im Herbst sollten sie dann wieder in die Heimat zurückkehren und für den Winter das Haus in der Stadt beziehen, denn es war hohe Zeit, Katharina in ihre Welt einzuführen. Die Schmach, auf ihre kindischen und törichten Worte von gestern zurückzukommen, wolle er sich und ihr ersparen, da er annehme, sie sei sich inzwischen der Ungehörigkeit ihrer Lebensauffassung und Gesinnung bewusst geworden. Er seinerseits verzichte vorläufig auf seinen Wunsch, sie dem Junker von Willading zu vermählen, dafür verlange er von ihr, dass sie jeglichen Verkehr mit den Leuten im Pfarrhaus meide. Durch einen Boten, den er mit einem Schreiben dahin entsendet, sei jenen schon kund getan, was sich für sie zu wissen erübrige.

Diesem Willen entgegenzutreten würde dem Unterfangen eines Vögelchens gleichgekommen sein, das einen Felsen zu bewegen suchte. Das wusste Katharina. Es geschah also nach des Vaters Worten. Sie liess sich von dem ihr auferlegten Leben treiben wie von einer Flutwelle, in der ihre Seele, von tausend Wirbeln erfasst, fortgerissen wurde ohne Besinnung. Nur eines fühlte sie deutlich: Eines war mit ihrem Glücke nicht gestrandet, ein fester Punkt war es in dieser Uferlosigkeit: ihr freies Herz! Frei in dem Sinne, als es durch sie selbst auf immer gebunden war. Dies Verankertsein in sich selber erlaubte ihr, eine schwache Hoffnung noch zu hegen und diese Hoffnung wiederum gab ihr Halt und ihren Zügen etwas Leuchtendes, wie einen Widerschein inneren Friedens. Und weil sie dem Vater stets mit Ehrerbietung und freundlich begegnete, fühlte er sich mehr und mehr in der Annahme bestärkt, für das Wohl seines Kindes das Richtige veranlasst zu haben.

Vorschriftgemäss wickelte sich also von nun an Katharinas Dasein ab. Nach dem Leben in Paris und einem Winter ruheloser Geselligkeit in der Vaterstadt wurde das stille Schloss auf dem Lande wieder bezogen, das jetzt ein anderes Gesicht zeigte. Fast schien es, als wären die glanzvollen Tage Jordans zurückgekehrt. In der grossen Allee war ein buntes Hin und Her von Reitern und vornehmen Karossen und die hohen Fenstertüren im Erdgeschoss des Schlosses standen nach dem Garten weit offen. Durch den Blätterschleier der Bäume gedämpft, wogte das Licht in die lang verschlossen gewesenen Räume und liess weissgedeckte Tische in Kristall- und Blumenschmuck aufschimmern, an denen sich viele Herren und Damen niedergelassen hatten, die in ihren farbigen Gewändern und kunstvollen hohen Frisuren an fremde, schillernde Vögel gemahnten. In ihrer Umgebung fiel die junge Schlossherrin schon durch ihre Art sich zu kleiden auf. Sie trug sich nicht nach der Mode und barg ihr dunkles Haar weder unter einer Perücke noch unter der herkömmlichen Puderschicht. Schön gewellt umspielte es ihre adlige Stirn und fiel lose, in natürlichem Lockengeringel über die zarten Schultern herab. Inmitten der vielen überfeinerten Menschen war sie anzusehen wie ein Gestirn. Gegenwärtig und weltfern zugleich weckte sie Wunsch und unnennbare Sehnsucht in sternenhafter Unbewusstheit.

Es war denn sehr bald nicht allein von dem Reichtum, sondern auch von der seltenen Anmut der jungen Wendlingerin grosses Rühmen und Reden im Lande und die Freier schwärmten wie im Frühling die Bienen, wenn ein warmer Sonnenstrahl sie weckt. Katharina, der die Aufgabe zufiel, dem Vater bei seinen Pflichten als Gastgeber an die Hand zu gehen, war freundlich und aufmerksam gegen alle. Hatte sie ein Recht, diese Menschen verantwortlich zu machen für das, was ihr fehlte? Aber es konnte den Gästen nicht entgehen, wie ernst und verloren sie oft blickte. Ott war es, als suche sie jemand im Kreise der Anwesenden, doch immer kehrten ihre Blicke enttäuscht und ernüchtert von solchen Rundgängen wieder. Es befiel sie ein Heimwehgefühl unter den vielen Menschen, die sie ihretwegen hier vereinigt wusste, und es tat ihr wohl, wenn sich gelegentlich Bary's schwere Tatze, wie um zu sagen »ich bin bei dir« auf ihre Füsse legte. Nun freilich, dieser Freund war da, am gewohnten Platze zunächst der Herrin. Und sie drängte ihre kleinen Füsse fester an ihn, als bedürfe sie noch mehr der Gewissheit seiner Nähe.

Stille Nächte senkten sich auf Schloss Wendlingen nieder, wenn die lauten Tage verklungen waren. Nur die liebliche Stimme des Brunnens liess sich im Schlosshofe vernehmen; doch sein nie aussetzender, gleichförmiger Gesang hatte etwas elementares, er gehörte mit zu der grossen Stille, wie der Hauch der Lüfte.

Wenn Katharina des Abends an ihrer Gemachtüre die voranleuchtende Dienerin entliess, fühlte sie sich matt und wund wie nach aufreibendem Tagewerk, ach, und wie viel schmerzbewusster als am Tage! Denn so ist es: In seinem gesegneten Lichte erkennen wir Menschen uns als Leidende und als Brüder. Am Tage wissen wir, Schmerz ist ein Gemeinsames, Jedem sein Teil. Anders in der Nacht. Sie ist ein Ungeheuer, das uns umspinnt, sie fesselt, sie trennt, sie vereinsamt uns und was wir in ihrem Banne leiden, hat nie ein anderer gelitten und keine Not gleicht unserer Not. Davon wusste auch Katharina. Wie böse Geister umlagerten sie ihre Gedanken in der Dunkelheit. Das Leben, das sie führte, konnte nicht dauern. Es war nur der Weg zu einem Ziele. Einmal, bald vielleicht schon, stand sie davor. Dann musste sie einen der Männer wählen, die sie umwarben. Manchem unter ihnen gebrach es nicht an Tugenden, sie wusste es. Und sie wusste auch, dass ihr Vater mit wachsender Ungeduld den Tag erwartete, an dem sie sich erklären würde. Er hatte die Hoffnung für Willading nicht aufgegeben. Viele Einzelheiten bürgten ihr dafür. Wenn sie daran dachte, befiel sie ein Gefühl, für das sie keinen Namen wusste. Ihr war, als sollte sie Alles von sich werfen und fliehen, fliehen – von diesen wartenden Menschen weg, ohne Rast fort, in die Nacht –

Es war nach einem ungewöhnlich heissen Tage. Die Fenster ihres Schlafgemachs standen offen und liessen durch ferne Gewitter erfrischte Nachtluft einströmen. Wieder einmal hatte sich Katharina in den Schlaf geweint. Nun lag sie im Halbdunkel hingestreckt, die Arme seitwärts geworfen in todbereiter Mattigkeit. Um die reinen Linien des Mundes ein kaum angedeutetes Lächeln. Sie träumte. Ihr war, als sässe sie auf einem Felsenvorsprung am Hange der Langenegg, gerade über dem Pfarrhaus von Kirchdorf und blickte in den alten Garten hinab. In der Laube waren die Zwillinge. Die wanden einen Kranz aus bunten Blüten, Katharinas Brautkranz – sie fühlte es – und ihr Herz tat einen grossen Sprung vor Freude. Sie vermeinte, das Lachen der Mädchen zu vernehmen und gewahrte Vincenz lässig an den Tisch gelehnt, wie er verträumt und beglückt auf die emsigen Hände der Schwestern sah. Plötzlich jubelte Katharina im Traume auf, denn durch die Luft auf weichen Wellen wogten der Einsamen die Klänge des Waldhorns entgegen. Oh, wie sie sie grüssten! Wie langentbehrte Freunde! Und dieses Lied! Vincenz' Lied, die Weise vom Kätterlein – Im Traume legte Katharina die Hand aufs Herz, und indem sie den verdunkelten Blick – denn nun lebte sie nur mit dem Gehör – schweifend in die Ferne richtete, sprachen die Lippen die alten Reime:

Es taget vor dem Walde
Stand uf Kätterlin!
Die Hasen laufen balde
Stand uf Kätterlin!
Holder Buel, heioho!
Du bist min, so bin ich din,
Stand uf Kätterlin.

Damit endete der Traum, denn das Kätterlein erwachte. Es machte seine Augen gross auf und lag ganz still. Ach, dass doch Solches immer nur ein Traum sein konnte! So hold und beseligend hatte es geklungen. Katharina deckte die Augen mit den Händen, – schon wieder brannten dort die Tränen – Da horch! Was war das? Das Horn, das Horn noch einmal und diesmal nicht im Traum! Sie betastete sich – hier Stirne, Wangen, Brust – nein sie war wach, ganz wach, und diese Klänge, sie waren nicht traumhaft unbestimmt, sie hatten Körper und Seele, sie umhüllten sie weich und lebenswarm.

Es taget in der Auen
Stand uf Kätterlin!
Schöns Lieb lass dich anschauen
Stand uf Kätterlin!
Holder Buel, heioho!
Du bist min, so bin ich din,
Stand uf Kätterlin.

Mit einem Sprung war da das Kätterlin aus dem Bette und am Fenster. Es dämmerte schwach, ein Streifen fahlen Morgenlichtes stand im Osten. Droben im Walde girrte halbverschlafen ein Täuber. Das Kätterlein spähte und spähte, doch wie sich seine Augen auch mühten, das Dunkel zu bezwingen, der Geliebte war nicht zu erblicken. Endlich – Eine Gestalt löste sich vom dunklen Walde und trat auf die offene Wiese vor. »Oh, Freund, bist du es,« flüsterte Katharina, als könne er sie hören und antworten! Da erkannte sie im bleichen Morgenlicht den federnden Gang und die rostbraune Färbung des Wamses, und zitternd vor Hast und Erregung griff sie nach einem Tüchlein und sich über die hohe Brüstung des Fensters neigend, begann sie zu winken. Die Gestalt stand einen Augenblick wie gebannt. Dann breitete sie mehrmals die Arme weit aus und entfernte sich, noch ehe es vollends tagte, in der Richtung nach Kirchdorf, zögernd, wie gehemmt, oft zurückblickend. Und am Fenster flatterte und flatterte sehnsüchtig das weisse Tüchlein wie eine gefangene Taube.

Von jeher taten sich in Katharinas Wesen starke Gegensätze hervor. Dem Wesentlichen, dem worauf es ankommt, begegnete sie mit tiefem, fast feierlichem Ernste, während sie sonst das Leben nicht schwer nahm und sich gerne durch die launige, naive Fröhlichkeit des eigenen Herzens hinreissen liess. Diese beiden Pole waren durch die Empfindsamkeit ihres Gemütes starken Schwankungen ausgesetzt Oft wenn sie, noch ein Kind, ernst und traurig blickte, liess ein freundlicher Eindruck ihre Augen erstrahlen und mitten in froher Sorglosigkeit genügte ein Gedanke, um die hellen Züge zu umschatten. Stets aber war das, was sie äusserte, empfunden, echt und wahr. So wurde ihr trotz des grossen Leides, das sie um den Geliebten trug, nach dem kleinen Erlebnis in der Morgenfrühe, unversehens licht und warm ums Herz. Sie wäre verlegen gewesen, hätte sie sagen sollen warum. In ihrer trüben Lage hatte sich so wenig geändert als in der Gesinnung ihres Vaters, dessen eigenwillige, starre Züge ihr an jenem Morgen besonders auffielen. Und doch lag neues in der Luft. Irgendwie fühlte Katharina: »Du wirst ihn wiederhaben, die Not ist vorbei.« Wie sich das Wunder vollziehen sollte, das freilich wusste sie nicht. Aber sie glaubte daran.

Leichtfüssig durchwanderte sie die Parkwege, leise vor sich hinsummend. Sie horchte auf die singenden Vögel und versuchte sie nachzuahmen, eine Kunst, in der sie es ehemals zu einer gewissen Virtuosität gebracht hatte und die sie verlernt zu haben wähnte, was nicht der Fall war, wenn man dem alten Meisterknecht Glauben schenken konnte, der eines Abends vergnügt zu seiner Frau sagte, es sei doch ein ganz anderes Leben im Schlosse, seit diese Amsel wieder im Lande sei.

Einem Menschenkenner müsste aufgefallen sein, dass in Katharina Ungewöhnliches vorging. Irgendwie schienen sich ihr neue, hellere Ausblicke geöffnet zu haben, oft lächelte sie verträumt vor sich hin, wie Jemand, der mit freundlichen Gedanken zu Rate geht. Aber es gab keine Menschenkenner auf Wendlingen, und so konnte sie ungestört all' den Buntheiten nachhängen.

Es ist eine bedenkliche Sache um gefällige und angenehme Gedanken, die wir, ohne sie ernst zu nehmen, liebkosen wie anmutige, zahme Tierchen, denn wie solche, sind sie nicht mehr abzuschütteln. Sie folgen uns allerwegen, wollen immer wieder geliebkost und gestreichelt sein, und unversehens gehören sie zu uns, wir haben uns nach ihnen zu richten, sie werden eine Macht.

Katharina spielte mit dem Gedanken eines Wiedersehens mit dem Geliebten und spielend, ohne den leisesten Glauben an Erfolg, leitete sie das kleine Abenteuer ein. Menschenhilfe gab es nicht für sie, das stand fest. Sie erwog jede Möglichkeit und gelangte schliesslich zu der Ueberzeugung, der Schöpfer habe gewiss seine guten Gründe und auch seine Absichten gehabt, als er im Gehirn des Weibes, das sie sich ein wenig wie eine Apotheke eingerichtet vorstellte, für ohnmächtige Geschöpfe wie sie, eine Speziallade mit bunten Einfällen und kleinen Listen vorsah. –

Diese Speziallade nämlich stand bei Katharina eines Tages offen, und sie war überzeugt, dass sie sich auf höhere Veranlassung, ganz ohne ihr Zutun, geöffnet habe.

In der glücklichen Zeit, da für sie noch alle Wege nach Kirchdorf und fast alle Tage ins Pfarrhaus führten, pflegte sie dort, wenn der Abend nahte, von Melle. Babette, der Haushälterin, und Bary abgeholt zu werden. Weil aber die nicht unbeträchtliche Strecke und die Steigung des Weges dem alten Fräulein von Mal zu Mal beschwerlicher wurden, hatte ihr Katharina vorgeschlagen, Bary, unter dessen Schutze kein Mensch es je wagen würde, sie auch nur schief anzusehen, allein nach Kirchdorf abzuordnen. Der Versuch wurde scherzweise gemacht und gelang so gut, dass von diesem Tage an der Bernhardiner allein die Aufgabe des Abholens besorgte und die arme Melle. Babette ihre fadenscheinigen Lungen und Muskeln fortan schonen konnte. Sie brauchte nur in der Gesindestube das kleine Guckfensterchen nach dem Hausgang, wo der Wächter sein Quartier hatte, zu öffnen und zu rufen: »Bary, schnell Mademoiselle holen,« da hob er auch schon den mächtigen Kopf und, kraftvoll die Vorderfüsse gegen die Fliesen stemmend, die schwere Last des Leibes. Dann bedurfte es nur noch eines langen Gähnens, eines ausgiebigen Reckens der Glieder, um ihn marschbereit zu machen, und bedächtig die grossen Tatzen in Bewegung setzend, zog er ab, gemächlich erst, dann schneller und schliesslich in einen für Seine Verhältnisse ganz ansehnlichen Trab übergehend. Diese Mission ihres Hundes hatte Katharina nicht vergessen An einem schönen Sommermorgen präsentierte sich im Schlosshof zu Wendlingen der Bernhardiner mit einer leuchtend roten, am Halsband befestigten Bandschleife, die ihm wie ein übermütiger Kobold im Nacken sass. Männiglich betrachtete ihn lächelnd und mit gewissem Behagen, war es doch ehedem des Schlossfräuleins Brauch gewesen, den Getreuen solchermassen zu schmücken. Was Wunder, dass die Schlossbewohner nun die lustige rote Schleife als ein Zeichen der Wiederkehr alten Frohsinns deuteten, dessen Entschwundensein mehr oder weniger auf allen gelastet hatte.

In den Abendstunden jenes Tages nun, den Katharina fast ganz in ihrem Zimmer verbracht hatte, sah man sie behende eine Hintertreppe hinabschlüpfen und aus dem Hause treten. Sie hielt einen Augenblick Umschau und glitt dann geschmeidig wie eine Eidechse um die Hausecke, sich überzeugend, dass die Gesindestube leer sei. Dort schwang sie sich über die niedere Fensterbrüstung und huschte auf den Fusspitzen ganz leise durch den Raum. Sie nahte sich dem Guckfensterchen und schob vorsichtig den Vorhang ein wenig beiseite. Gut, da lag er. Breit hingeworfen auf dem kühlen Steinboden des Ganges. Die Haustüre offen. So weit alles in Ordnung. Hinter Bary's Ohr, ein wenig frech, die rote Schleife. Gutes Tier! Sie stand ihm wirklich nicht besonders diese Schleife, musste sich Katharina eingestehen. Doch davon hatte er ebensowenig eine Ahnung, als von den subtil ausgeheckten kleinen Umtrieben, denen er dienen sollte. Nun aber rasch, es galt keine Zeit zu verlieren! Katharina öffnete das Guckloch ein wenig:

»Bary, schnell Mademoiselle holen,« rief sie in den Gang hinaus und warf das Fenster wieder zu. Sie war selbst überrascht und fast ein wenig erschrocken, wie gut sie die rasselnde Stimme und Melle. Babettes fremde Sprechweise nachgeahmt hatte. Dann horchte sie nach dem Gange hin. Ein langgedehntes Gähnen kündete ihr, dass der Gewaltige sich erhoben hatte und als sie wenige Minuten später vom Fenster ihres Schlafgemaches über die Strasse nach Kirchdorf hinblickte, sah sie den Guten, schnöd Angeführten, mit der wichtigen Miene, die ihn nie verliess, seines Weges ziehen. Da erblühte ein feines Lächeln auf Katharinas holden Zügen: über Barys mächtigem Haupte zitterte und glühte im Abendschein die rote Schleife und sah von ferne aus wie ein brennendes Herz.

Schön und rührend ist die spontane Kundgabe inniger Freundschaft zwischen Mensch und Tier. Sie wirkt ergreifender als dieselbe Gefühlsäusserung von Mensch zu Mensch, weil sie auf beiden Seiten ein über das Selbst hinausgehendes Verständnis voraussetzt, und wie selten dies ist bei uns abendländischen Kulturmenschen, in denen so viel von der Natur Eingegebenes überwuchert liegt und verstaubt, das fühlen wir gelegentlich selber mit Beschämung. Und ist nicht Freundschaft zwischen Mensch und Tier uns schon nahgelegt durch die Natur, durch Verwandtschaft und gegenseitige Abhängigkeit? Oh, über all' die Trauernden, Einsamen und Verlorenen, von Leidenschaften zermürbten und von ihren Mitmenschen Enttäuschten! Es soll keine Lästerung ihrer Leiden sein, die heilig sind, indess: auch ihnen könnte noch ein mildes Glück erstrahlen, vermöchten sie es, sich in Liebe dem stummen Bruder zuzuwenden.

In der Laube zu Kirchdorf, wo der studiosus theologiae Vincenz Rentsch über seinen Büchern sass, spielte sich an diesem Abend in aller Stille eine kleine Begebenheit ab, die der Stärke der Empfindungen nach, die sie auslöste, vielleicht manch' vielbesprochenes Ereignis in den Schatten gestellt hätte. Es war Vincenz und Barys Wiedersehen nach langer Trennung. Wie eine Erscheinung tauchte plötzlich das mächtige Tier in dem blanken Kieswege auf. Massloses Erstaunen auf der einen, ein Stutzen auf der andern Seite, dann ein paar grosse Sätze von beiden Seiten und ein Zusammenprall. Eine Umarmung in aller Form. Darauf gefühlvolles Beieinandersitzen auf der Bank in der Laube, ein gegenseitiges Sichbetrachten, das Tier erregt, lallend, doch mit sanft zurückgelegten Ohren, bemüht sein furchenreiches Gesicht in milde Falten zu legen, was ihm auch gelang! – und Vincenz, immer noch nicht ganz zurückgekommen von seiner Verwunderung, doch unerschöpflich im Erfinden guter Worte, zärtlicher Namen. Immer wieder glitten seine Hände liebkosend über die breite Stirn des Tieres. Dabei streiften sie auch die rote Schleife, die Vincenz zuerst nicht aufgefallen war, die nun aber plötzlich seine Aufmerksamkeit fesselte. Er lachte:

»Und fein geschmückt bist du, Alter, als wolltest du auf die Freite! Was dich nur ankommt? Ein galantes Abenteuer hier unten im Dorfe? Aber, aber wie plebeiisch! Ja, und wer verschönert dich denn zu diesem Zwecke mit solcher Einsicht? Nun wer anders denn als Sie! Oh Bary« –

Der glückliche Ausdruck wich aus Vincenz Zügen, die Augen blickten ernst und verträumt liess er das Band durch seine Finger gleiten. Es wurde ihm mit einem Male als hielte er etwas Lebendiges, als entströme dem leuchtenden Gewebe magische Wärme – er sah zwei schmale, ausdrucksvolle Hände die fliessende Glut der Seide kunstmässig zusammenfassen und handhaben. Wie gefügig sie sich den schlanken Fingern hingab! Und wie er so unverwandt auf die Schleife starrte und sie leise streichelte, gewahrte er plötzlich ein Endchen weissen Papieres, das in der ersten Schlingung des Bandes eingeschlossen war, und flach auf dem breiten Halsbande auflag. Ungläubig berührte er es mit den Fingerspitzen, zog dann leicht daran und hielt ein Zettelchen mit feinen Lettern beschrieben in seinen unsichern Händen – Katharinas Schrift! Da schnellte Vincenz empor und rannte wie ein Unsinniger davon, dass Bary Mühe hatte zu folgen und nicht begriff, was davon zu denken sei. Richtig, er war ja gekommen, um Mademoiselle zu holen! Das hätte er nun in der Freude des Wiedersehens beinahe vergessen!

Es dunkelte schon, als sich der Bote wieder in Wendlingen einstellte. Was er dachte, als er bei seiner Rückkehr das Schlossfräulein lustwandelnd im Park erblickte, hat man natürlich nicht erfahren. Jedenfalls zürnte er ihr nicht, denn er umwedelte sie erfreut und folgte auf ihren Wink den rasch und leise entgleitenden Füssen aufwärts in das Gemach mit den weichen Teppichen, dessen Eintritt ihm sonst verwehrt war.

Mit fliegenden Händen und einem Herzschlag, der alle Vernunft verloren hatte, schickte sich Katharina an, die Schleife an Barys Halsband zu lösen. Sie fröstelte leicht und sah sich im Zimmer um, denn ihr war, als hätte sie ein kühler Luftzug gestreift Dann schalt sie sich eine erregte Törin und lächelte. »Die Probe auf das Exempel, nichts weiter,« sagte sie zu sich selbst. Doch als sie des Freundes beseligte Antwort in Händen hielt, stieg es schwer und dunkel in ihr auf und sie fühlte, dass ihr in diesem Augenblicke noch ganz anderes verbrieft und bestätigt wurde als die Folgerichtigkeit ihrer Schlüsse beim Ausdenken der kleinen List. Trotzdem klang es sicher und fast fröhlich als sie, im Bilde bleibend, leise sagte:

»Es stimmt.«

Sehr bald bedurfte es keiner List und Betörung mehr, um Bary nach Kirchdorf zu entsenden. Wenn der Samstag Abend nahte, führte ihn Katharina auf die Landstrasse, wo sie ihm das im Tale liegende Dorf zeigte. Schmeichelnd wies sie ihm den Weg. Das genügte. In Treue und Güte, wie sie seine Art kennzeichnen, wanderte er von nun an als ständiger Bote zwischen Wendlingen und Kirchdorf hin und her, Liebesworte und Beteuerungen bringend und holend und es darf Jeder ohne weiteres glauben, dass er hier wie dort wohl aufgenommen und für sein Liebeswerk belohnt, gelobt und gesegnet wurde. Auf dem Altar der Liebe Katharina's und Vincenz' brannte ein helles Licht dem Getreuen zu Ehren. Mit seiner Hilfe gelang es den Liebenden, Ort und Zeit des ersehnten Wiedersehens zu bestimmen. In der nächsten schönen Vollmondnacht wollten sie sich treffen am Heidenweg zu der Zeit, da der erste, tiefe Schlaf auf allem Lebenden ruht »Um letzten Abschied zu nehmen,« schrieb Katharina.

Und nun lag diese Nacht glanztrunken und voll Duft über dem stillen Lande. Als es elf Uhr schlug vom Turme, glitt Katharina durch den Schatten des Schlosshofes. Bary, der sie witterte, erhob sich ungestüm und freudig, dass die Kette klirrte. Da trat Katharina in der Dunkelheit hastig an ihn heran. »Pssst,« machte sie streng und löste seine Fessel. Hurtig huschte sie weiter über die erhellte Hofstatt. Ganz besonders lieblich, wollte es sie bedünken, sang der Brunnen dieser lauen Zaubernacht zu Ehren, die sein Wasser so schön in rieselndes Silber verwandelte. Wie unaussprechlich glücklich fühlte sich Katharina und wie wundersam war ihr zu Mute! War das Abschiedsstimmung?

Sie trat unter die hohen Bäume des Parks und sah sich zugleich von Licht und Schatten umgeben. »Geheimnisvolles Helldunkel, Abbild allen Lebens,« sagte sie, »wie schön du bist und wie ich dich liebe!«

Dann bog sie, aus dem Parke heraustretend, in den schmalen Fusspfad ein, der sanft anstieg und über weite, mondbeglänzte Wiesen aufwärts zum Walde führte. Sie sah sich um und lauschte, der offene, im hellen Lichte schimmernde Weg, den sie zu beschreiten hatte, liess sie zögern ... Es war vollkommen still. Da fasste sie Mut und eilte mit knabenhaft kecken Schritten hinan. Weich und fliessend umschloss das weisse Nachtgewand die schlanken Glieder. Wie einstens Galatea, die Liebliche, in die Arme des Acis, schwebte sie dahin. Duftige Schleier und ein lose geschlungenes, hellblaues Band flatterten rückwärts im Luftzuge, als wäre sie beflügelt. Von ferne folgte Bary gemessenen Schrittes und droben, wo sich in weitem Bogen der stille Buchenhain öffnete, stand der Geliebte und breitete die Arme nach ihr aus.

*

Jene Nacht schenkte den Beiden ein Uebermass von Innigkeit und quellender Freude. Allein, wann haben Liebende verstanden sich zu bescheiden mit den Erstlingsgaben ihrer Liebe, so hold sie waren? Wann haben sie dem Zauber des Unerfüllten, dem Lockruf der Verheissung zu widerstehen vermocht? Macht er nicht alle trunken und kühn und verwegen?

Vincenz und Katharina trafen sich fortan in jeder schönen Mondnacht. Der Weg, der sie zueinander führte, und der ihnen zuerst ein Wagnis schien, zeigte sich immer leichter, immer lichter. Dass er einmal unversehens in tiefsten Schatten tauchen konnte, dass ihr Glück vergänglich sein musste wie Sommerfäden und Mondschein – sie ahnten es Beide. Und diese Ahnung, die sich immer lauter bekundete, drängte sie, der Stunde wahrzunehmen und liess ihre Sehnsucht den Sporn der Verzweiflung fühlen.

Eines Tages war Herr Klaus von Wendlingen nach der Stadt verritten, wo er mit einem Neffen zusammentreffen wollte, der ein wüstes und gottloses Leben führte und den Klaus tüchtig ins Gebet zu nehmen gedachte. Er beschloss daher mit ihm den Abend zu verbringen und erst kommenden Tages nach Wendlingen zurückzukehren.

Bei diesem Anlass wurde die ohnehin brüchige Geduld des Herrn von Wendlingen auf harte Probe gesetzt. Für's erste hielt sich der Junge nicht an die festgesetzte Stunde, und als er endlich dahergeschlendert kam, begegnete er des Onkels Rede mit einem halbunterdrückten, widrigen und frechen Lächeln, das auf etwas zu warten schien und den Wendlinger auf's höchste reizte. Er war nicht zur Milde gestimmt und liess den Neffen gleich zu Beginn hart an, indem er ihn in befehlendem Tone zur Umkehr ermahnte. Doch der Zurechtgewiesene zuckte bloss die Schultern und hohnvoll die Lippen kräuselnd:

»Es wäre nicht unangebracht, wenn der Herr Oheim sich etwas vorsähe und vielleicht anderenorts seine erhebenden Grundsätze predigte – Es böte sich hiezu in seiner nächsten Nähe wohl die beste Gelegenheit ...« Und als der Wendlinger erbleichend auffuhr:

»Bube ...!«

»Sachte, sachte Herr Oheim,« unterbrach ihn mit erheuchelter Höflichkeit der Junge und erhob sich, »ehe Ihr mich also mit feinen Titeln beehret, wollet Euch vorerst um Euer holdselig Töchterlein kümmern. Sucht es am Heidenweg um Mitternacht, wenn der Mond scheint wie heute! Ha! Ha! Ha! Das Fräulein ist mondsüchtig ... das wisst Ihr vielleicht noch gar nicht, wiewohl es die Spatzen von den Dächern pfeifen! Aber lasst's Euch nicht verdriessen, wenn Ihr sie dort in Gesellschaft findet! Oh, höchst erbaulich! Man doziert Theologie am Heidenweg! Der rechte Ort dazu übrigens, der Herr Oheim wird zugeben ... Man liebt sich in Christo! Vortrefflich! ha! ha! ha! ...«

Vor dem bleichen Antlitz des Alten verstummte er plötzlich und schlich hinweg, ohne dass der Wendlinger versucht hätte, ihn zurückzuhalten, und bald hörte man unten die schwere Türe des Zunfthauses hinter ihm ins Schloss fallen.

Klaus stand wie versteinert. Als er aus der Erstarrung erwachte, wurde er von einem leichten Schwindel erfasst. Das Lachen des Wüstlings klang ihm noch in den Ohren: »Theologie und Heidenweg! Ha, ha, ha!«

»Hund von einem Verleumder!« Zischend entfuhren Klaus die Worte. Denn allmählig erinnerte er sich wieder, dass der Nichtswürdige sich vergeblich bemüht hatte, Katharina zu gefallen – Vermutlich war die ganze Geschichte erlogen und wenn nicht, warum konnte es sich nicht um das nächtliche Stelldichein einer Magd und ihres Buhlen handeln? Wäre es nicht schmachvoll, sein Kind auf die Aussage eines Schurken hin zu verdächtigen? Allein der Stachel sass, sass fest und tief. Mit welcher Sicherheit hatte ihn der andere ihm in das Herz gedrückt!

Des Wendlingers Gedanken führten einen harten Kampf, doch war es seine Sache nicht, sich langen Betrachtungen hinzugeben. Wenn sich der Aufruhr in seinem Innern meldete, und schon schlug er lohe Flammen, war kein Ueberlegen mehr. Da musste er zupacken, brechen, zermalmen – In dieser Stimmung bestieg er seinen Rappen und traktierte ihn, dass er jäh zusammenfuhr und losbrannte. Was für ein Ritt war das! Zwei Wendlingerbauern auf spätem Heimweg begriffen – sie gingen den Fusspfad neben der Landstrasse, doch etwas tiefer als diese, – hörten dort mit einem Male den Hufschlag und das Schnauben eines Pferdes auf wilder Flucht und wie sie aufblickten, sahen sie eine Staubwolke nahen, vom Mondlicht gespenstisch durchleuchtet, und in der Wolke, gleichsam im Kampfe miteinander Ross und Reiter, grauenhaft, unfasslich ... Brausend blähte sich der flatternde Mantel über ihnen, wie ein schwarzes Segel, denn auch die Lüfte nahmen Teil an dem unheimlichen Geschehen. Den Bauern stand das Entsetzen im Gesichte. Sie waren alt und grau, doch hatten sie solches nie geschaut.

»Alle guten Geister,« murmelte der Eine, »war das nicht der Wendlinger? Gott gnad' uns« –

»Es war der Tod,« sagte tonlos der Andere und seine Augen starrten entsetzt in die Ferne.

Seit jener Nacht kennt man in Wendlingen das Gespenst des schwarzen Reiters, und jedes Kind dort weiss, dass, wenn er erscheint, unabwendbares Unheil seiner grausen Fährte folgt.

In jenen für die beiden nächtlichen Wanderer schreckerfüllten Augenblicken sassen Vincenz und Katharina auf der Steinbank am Heidenweg. Ueber das ruhende Tal hinüber zu den fernen schimmernden Hügeln schweiften ihre Blicke. Manche Landschaft war dieser an mächtigen Umrissen und kühnem Aufbau überlegen; an Frieden und Harmonie wurde sie kaum übertroffen. Das fühlten die zwei Menschen ohne es zu wissen. Die Ruhe der Natur, die beglänzte Weite weckten Zuversicht in ihren, trotz allem Liebesglauben oft verzagten Herzen.

Sie sassen Seite an Seite im vollen Mondlicht, Katharina an des Freundes Schulter gelehnt, ein lichtes Blütengewinde im dunkeln Haar. Um sich über die Ungeduld hinwegzutäuschen, mit der er des zögernden Abends harrte, hatte Vincenz den Kranz gewunden. Als er ihn der Geliebten reichte, sah sie dem Freunde lange schweigend in die Augen. Wie von plötzlicher Schwäche übernommen, schien sie zu erbleichen. Oder war es nur eine Wirkung des Mondlichts? Ach, es war Täuschung! Denn schon lächelte sie wieder, legte sich den Kranz um die Stirne und sagte ruhig:

»Es ist der Kranz aus meinem Traum.«

»Siehst du!« meinte er beglückt, »derselbe, den du als deinen Brautkranz erkanntest.« Und sie legten ihre zitternden Hände ineinander und küssten sich.

Dann sprachen sie von ihrer Liebe. Katharina war bereit, noch einmal vor den Vater zu treten, um ihm ihren Entschluss zu künden, keinem andern als Vincenz anzugehören. Dies war der ihr vorgezeichnete Weg. Er war nicht leicht, doch sie fürchtete sich nicht. Ihre Liebe würde sie beredt machen, oh, nun wusste sie Worte, die den Vater erschüttern und bewegen mussten! Auch von ihren nächtlichen Zusammenkünften mit Vincenz wollte sie ihm sagen und mutvoll bekennen, dass sie den Vater hintergangen habe. Er war wohl streng und jähzornig, aber für den Wert eines schweren Bekenntnisses hatte er Sinn; er war nicht unedel, das Blut hochgesinnter Vorfahren lebte in ihm. Doch Vincenz wollte den Plan Katharinas nicht annehmen. Nie und nimmer würde er zugeben, dass sie allein den Schritt tue, an ihrer Seite wollte er stehen in der Schicksalsstunde. Und darauf hatten sie sich geeinigt und waren ruhig und fast hoffnungsvoll geworden.

Plötzlich ging ein Rauschen durch die Bäume, es war als erschauerten sie. Jedes Blatt, jede Grasspitze schien seltsam beunruhigt. Das Kornfeld am Hange glich einem See, dessen Wogen sich hastig folgten, als gälte es zu fliehen und die Spyräen am Waldsaume streckten wie zahllose kleine warnende Hände ihre Blätter durch den weissen Blütenschaum und winkten »flieht, oh flieht!« Allein die beiden Menschen, von ihrer triumphierenden Liebe wie auf Wolken durch den Himmel getragen, hatten für irdische Vorgänge kein Empfinden mehr. Sie grüssten ihren Fluggenossen den Mond und lachten über den unerschütterlichen Gleichmut, mit dem er seines Weges zog. Ach, er war ein Toter ohne eigenes Licht und Feuer! Einmal vor vielen tausend Jahren, da kannte auch er die Glut, die sie beide beseelte! Sollten sie sich nicht barmherzig zeigen und ihm aus ihrer Fülle spenden, damit seine Armut Ueberfluss werde? Ja, so allvermögend dünkte sie das Feuer ihrer Liebe, dass sie sich zutrauten, mit einem Funken eine tote Welt zu beleben. Darum priesen sie sich und sie waren zu dieser Selbsterhebung nicht unberechtigt; gilt ein Herz, das vor Lust wie eine Blume aufbrechen und im Schmerz verbluten kann, nicht mehr als ein totes Gestirn?

In einer Hinsicht aber war der stille Gefährte im Aether den beiden, die ihn belächelten, überlegen. Eine Gabe zeichnete ihn aus, die den meisten Menschen und vor allem den Verliebten fehlt, der Ueberblick. Er sah das Unheil nahen, das sie nicht ahnten, sah den Unglücklichen, der zur Stunde im Schlosse umherirrte, der mit brennenden Augen alle Winkel durchspähte! Wie furchtbar sind seine entstellten Züge zu schauen! Alles in ihm drängt nach einem Ziel, einem ihm selbst noch unbekannten. Jetzt hält er vor einem Gemache an und lauscht – Totenstille. Ein Fusstritt, die Tür fliegt auf und wie von einer Feder geschnellt steht Klaus von Wendlingen in Katharinas Schlafgemach. Wie friedvoll und keusch ist der Raum! Schwanengleich leuchtet im Dunkel das Lager. Es ist leer. Da fällt ein grässlicher Fluch von des Mannes Lippen. Oh dass es ein Blitz wäre, der die Pflichtvergessenen zerschmetterte! Gibt es Ohnmächtigeres als den Fluch? Er erleichtert nicht einmal. Fort stürzt der Besessene, durch die mit Geweih und Waffen gezierte Halle ... Ha! an der Wand ... was blinkt dort im Mondlicht wie ein böses Auge? Ein blanker Stahl. Ein Griff darnach und weiter, weiter treibt es den Wahnsinnigen durch Hofstatt und Park, auf Schleichwegen, denn er darf nicht gesehen werden, wenn er überraschen will. Er eilt bergan, schwer geht der Atem ... Doch eine brennende Begierde peitscht ihn zu handeln ... Oh dieser furchtbare, unbezwingliche Drang zur Tat!

Die Zeit enteilt. Noch immer wacht das Mondauge über dem Heidenweg und senkt den Blick in seine Finsternis. Dort steht am Rande des schwarzen Weihers ein Mensch wie auf dem Anstand, sein Ziel ins Auge fassend. Er bebt als schüttle ihn Fieberfrost, ein Willenloser im Banne des Stärkeren. Und doch ist ein Wille da. In der Rechten liegt er, die den Dolch umschliesst. Sie hält fest und ist ihrer Sache sicher.

* * *

 


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